Rabeh und das Tschadseegebiet

Part 9

Chapter 93,043 wordsPublic domain

Den geschlagenen Truppen erging es schlecht. In den Dörfern wurden sie überall von den Eingeborenen mit Pfeilschüssen und Speerwürfen empfangen, und schon nach zwei Tagen hielten sie es für das Beste, sich dem Sieger zu ergeben. Am 25. August zeigten Niebe und die übrig gebliebenen Bannerträger dem Kapitän Dangeville ihre Unterwerfung an. Sie wurden alle 1500, darunter Niebe und Fadel Allahs Schwester Haua, zu Gefangenen gemacht. Die Beute bestand ferner aus 16 Flaggen, 1800 Gewehren, wovon 400 Repetiergewehre, einer Kanone auf ihrer Lafette, 2000 Patronen, 1500 Kilo Pulver und 200 Pferden. Ausserdem wurden im Lager von Gudjba 3000 Sklaven der Söhne Rabehs vorgefunden und in Freiheit gesetzt. Die Franzosen berechnen die Gesamtzahl ihrer Feinde unter Waffen am 23. August auf 2500, die Destenave zur Verfügung stehenden Leute auf 230 Mann, wovon 100 Spahis.[63] Als Sieger zog Dangeville in Dikoa ein. 1000 Gefangene wurden von ihm sofort eingebracht. Der Rest folgte truppweise nach. Die Araber im Süden des Tschadsees, die anscheinend bis dahin bei jeder Rückkehr Fadel Allahs auf dessen Seite gestanden hatten, gaben jetzt ihrer Freude über seinen Untergang Ausdruck, und die eingeborene Bornubevölkerung feierte den Sieg der Franzosen durch laute Feste.

Am 17. September 1901 verliess Destenave Dikoa wieder, überall von den Bornuleuten begeistert begrüsst, und am 25. September wurde in Kusseri ein riesiger Triumphbogen errichtet, unter dem die Besiegten, die mitgenommen worden waren, zu passieren hatten. Am 29. September wurde Fort Lamy wieder erreicht.[64]

Mit dem Tode Fadel Allahs, mit der Gefangennahme seines Bruders Niebe, seiner kriegerischen Schwester Haua, der hauptsächlichsten Bannerführer und fraglos des grössten Teiles seiner Leute war der nach dem Tode Rabehs noch verbliebene Rest seiner Soldateska vernichtet. Die Rabeh’sche Macht ist damit endgültig untergegangen: das von dem Eroberer gegründete Riesenreich war ebenso rasch vergangen wie es entstanden war. Wohl haben aus Afrika nach Egypten gekommene Pilger berichtet, dass sich zersprengte Reste des Heeres in kleinen Banden unter Verwandten Rabehs noch im Süden und Westen des Tschadsees herumtrieben, denselben ist aber ohne Zweifel keine Wichtigkeit mehr zuzuweisen.

Die Franzosen, welche im Kampfe gegen Rabeh soviel Energie und Zielbewusstsein bewiesen haben, sind von dem Zeitpunkt ab, an dem ihre drei vom Nordwesten, Norden und Süden nach dem Tschadsee marschierenden Expeditionen sich an der Schari-Mündung vereinigen konnten, vom Glück nicht mehr verlassen worden. Dass es schliesslich einer so kleinen Truppe, wie Dangeville sie befehligte, gelang, den übermächtigen Feind im Schlafe zu überwältigen, muss als wohlverdienter Lohn der opfervollen Arbeit Frankreichs betrachtet werden. Für die ganze Entwickelung der innerafrikanischen Verhältnisse ist der Tod Fadel Allahs bei Gudjba von weittragendster Bedeutung. Die eingeborene Bevölkerung in weitem Umkreise ist jetzt von dem Alb, der sie jahrelang bedrückt hat, befreit: wollte doch selbst Fadel Allah, wie es heisst, die Absicht seines Vaters, Sokoto zu überrennen, wieder aufnehmen. Die europäischen Kolonialmächte, welche sich jetzt auch im Süden und Südwesten des Tschadsees festzusetzen haben, werden mit der Soldateska Rabehs nicht mehr zu rechnen brauchen.

In Dikoa zog abermals Djerbai wieder ein.[65] Niebe wurde weitab nach dem Süden an die Grenze des französischen Kongos, unweit des Ubangi, nach Krebedje deportiert. Von den im Lager Fadel Allahs vorgefundenen Sklaven, Männern und Frauen, wurden diejenigen, die in ihre Heimat in der Nähe des Tschadsees zurückkehren wollten, entlassen. Was von den Basingern Fadel Allahs nicht gefallen oder geflohen war, zum grossen Teil heimatlose Fremde in Bornu, folgte nunmehr widerstandslos den Franzosen auf das rechte Schari-Ufer. Es entsprach ihrem Söldnercharakter, dass sie jetzt demjenigen, den sie als den Stärkeren erkannt hatten, dienten. Sie hatten ihre Munition in Dikoa und Gudjba verloren. Die neue Heimat im Osten des Schari erschien ihnen verlockender als ein weiteres Rauben und Kämpfen im feindlichen Bornu-Gebiet, -- ein Kriegszustand, in dem sie hatten beharren müssen, um sich Nahrung zu gewinnen und der ihnen ohne genügendes Pulver wenig aussichtsvoll erschien. Die Franzosen haben sie hauptsächlich bei Gulfei und an einigen Orten im Süden in geschlossenen Kolonien angesiedelt, in nächster Nähe der eigenen Forts, deren Kanonen sie für den Augenblick noch bewachen. Aber wie der Basinger im Sudan auch für die Egypter gegen die Mahdisten gekämpft hat,[66] und wie unter den Reitern, welche Fadel Allah verfolgten, bereits frühere Soldaten Rabehs sich befanden, so werden diese neuen Ansiedler, wie die Franzosen erwarten, von ihnen in ihren weiteren Kämpfen in Centralafrika als wertvolles Truppenmaterial verwandt werden können.

Die französischen Streitkräfte verteilten sich um diese Zeit, wie folgt: Eine Kompagnie Tirailleurs in Gulfei; eine zweite im Fort Lamy; eine dritte zur einen Hälfte in Mandjafa (Fort Cointet) und zur anderen Hälfte in Busso (Fort Bretonnet); eine vierte in Tunea (Fort Archambault) mit detachierten Abteilungen in N’delle bei dem Herrn von Kutti und in Dambar zur Beobachtung des Sultans von Korbol. Die starke, zum grössten Teil aus Resten der Rabeh’schen Truppen gebildete Reiterei stand in Kusseri, die Artillerie war in Fort Archambault und Fort Lamy verteilt. Zwei grosse Abteilungen gleichfalls neuerdings einexercierter eingeborener Fusstruppen waren in Fort Lamy und mehr oberhalb am oberen Schari untergebracht.

Gentil, der Gouverneur des Colonies, wird demnächst auf seinen Posten nach dem Schari zurückkehren und an die Erfüllung der weiteren Aufgaben der Franzosen in Centralafrika herantreten: Im Osten des Tschadsees über Kanem eine definitive, durch feste Posten geschützte Verbindung der Schari-Mündung mit Zinder und dadurch mit Algerien und Senegambien herzustellen und Wadai und die übrigen im Osten und Norden des Tschadsees liegenden Gebiete, welche Frankreich in dem am 14. Juni 1898 geschlossenen und am 21. März 1899 ratifizierten französisch-englischen Abkommen zugesprochen sind, thatsächlich unter französische Herrschaft zu nehmen.[67]

* * *

Wie werden sich die Senussi zu dem Vorgehen Frankreichs und der übrigen Kolonialmächte verhalten? Das ist die schwerwiegende Frage, die sich jetzt aufdrängt. Schon haben blutige Zusammenstösse zwischen Franzosen und Leuten der Senussi in Kanem, unweit von Mao, stattgefunden, und das mit Vorwissen des Ordensoberhauptes. Im November 1901 machte der Oberstleutnant Destenave von Fort Lamy aus einen Vorstoss nach dem Norden. Die Senussi waren über die Bewegung genau unterrichtet und legten bei einer ihrer neu begründeten Zauijas im Süden von Mao einen Hinterhalt. Die französische 200 Mann starke Avantgarde unter dem Kapitain Millot wurde hier von einer grossen Übermacht, bestehend aus Waled Soliman-Arabern, Tuareg und wohlbewaffneten Mudjabera-Kaufleuten überrascht. Die Schiesskundigen waren in Laufgräben untergebracht, die Reiter hinter einer Anhöhe versteckt. Nur der ausserordentlichen Tapferkeit und Kriegstüchtigkeit der kleinen Truppe war es zu danken, dass die Franzosen sich, allerdings mit schweren Verlusten -- unter den Toten befand sich Millot selbst --, auf das Gros und auf Fort Lamy zurückziehen konnten. Ein zweiter Zusammenstoss im Januar 1902, der von Oberstleutnant Destenave persönlich geleitet wurde und in welchem der Feind nur aus Tuareg bestand, scheint erfolgreicher gewesen zu sein; aber statt auf Mao zu marschieren, begnügten sich die Franzosen damit, zwei kleine Posten im Lande Dekena zu errichten.[68] So unbedeutend diese Ereignisse auch erscheinen mögen, so bezeichnen sie doch den Beginn einer neuen Phase in der Geschichte Innerafrikas. Es ist dies der erste offene Kampf mit der Waffe in der Hand zwischen der Bruderschaft der Senussi und einer europäischen Macht.

Seit einiger Zeit bereits war eine stärkere Entfaltung der Thätigkeit des Senussi-Ordens in Afrika, ein Steigen seines Einflusses und eine Vermehrung der Anzahl seiner Anhänger wahrzunehmen, vor allem im letzten Jahre -- als ob das siegreiche Vordringen der Franzosen im Tschadseegebiete eine Reaktion hervorgerufen hätte. In Kanem hat der Einfluss der Senussi die Waled Soliman-Stämme geeinigt, die Häuptlinge, mit denen die Franzosen dort Verträge geschlossen hatten, wurden ignoriert, die beständigen Kämpfe zwischen den Waled Soliman- und anderen Beduinenstämmen und den Tibbu (Gora‘an u. s. w.) hörten auf. Mehr als das, die Tuareg, die gerade mit den Waled Soliman in jahrzehntelanger Fehde lebten und vom Nordwesten her nach Kanem Einfälle zu machen pflegten, haben jetzt in grosser Anzahl den Senussi-Ritus angenommen. Ganze Stämme pilgerten zu dem Schech es Senussi oder schickten Abgesandte zu ihm, um sich demnächst in Kanem niederzulassen. Der eigentliche Herr von Kanem ist jetzt Sidi Muhammed el Barani, der Vorsteher der Senussi-Zauija von Mao, ein ungewöhnlich thatkräftiger Mann.

Die Tuareg, wie an anderer Stelle bereits hervorgehoben worden ist, sind seit einiger Zeit schon in Bewegung.[69] Nach der Einnahme von Timbuktu durch die Franzosen begannen die dortigen Tuareg-Stämme ihre in der Sahara zwischen den fruchtbaren centralafrikanischen Ländern und den südlichen Oasen von Algerien und Tunesien streifenden Vettern nach dem Osten zu drängen. Bis nach der Gegend von Ghat und Ghadames hin beginnt nun der Einfluss der Senussi unter den Tuareg maassgebend zu werden; in der Nachbarschaft der genannten Orte sind unlängst mehrere neue Zweig-Zauijas begründet worden. Es heisst, dass die Sultane von Sokoto und Kano, der Sultan Djerbai von Bornu, Gauranga von Baghirmi und auch der Herr von Kuti im vorigen Jahre dem Schech es Senussi Geschenke geschickt haben.

Der Centralsitz des Ordens ist, wie bereits erwähnt, in den letzten Jahren von Djerabub, unweit der tripolitanisch-algerischen Grenze, zunächst nach Kufra und dann nach Goru in den Tibbu-Bergen, in der Landschaft Borku im Nordwesten von Wadai, verlegt worden. Dieses Gebiet liegt nach dem Abkommen vom 21. März 1899 in der französischen Einflusssphäre. Hier hauste der Schech Muhammed el Mahdi es Senussi -- wie seiner Zeit der „Alte vom Berge“ in seinem sagenumwobenen Schlosse Alamut -- unsichtbar allen Ungläubigen, von überall her gut unterrichtet, nach allen Richtungen des Innern Afrikas seine Befehle erteilend und selbst in die Angelegenheiten solcher Fürsten sich mischend, die noch nicht seine Lehre angenommen haben.

Wohl hatte der Schech es Senussi aus seiner europäer-feindlichen Gesinnung und seinem Widerwillen gegen das Vordringen der Weissen in die muhammedanischen Länder Afrikas niemals Hehl gemacht, aber bisher liess das ganze Verhalten des Ordensoberhauptes darauf schliessen, dass er jeden offenen Kampf vermeiden und lediglich in friedlicher Weise arbeite an der Verbreitung des Islam und der Vertiefung des Glaubens, sowie an der Herstellung friedlicher Verhältnisse innerhalb der centralafrikanischen Stämme und Staaten im Interesse seiner Anhänger, ihrer kaufmännischen Unternehmungen und ihres Wohlstandes überhaupt. Immer wieder gelangten Gerüchte an die Küsten, dass seine Gefolgsleute ihn drängten, die Rolle, die sein Name ihm zuwies, aufzunehmen und sich als Mahdi, den verheissenen Herrn, der Zeit und der Welt zu bekennen. Der Schech es Senussi hat diesem Drängen keine Folge gegeben. Auch neuerdings, als nach dem ersten Kampfe gegen die Franzosen bei Mao sein thatendurstiger Neffe in Goru das Ross besteigen wollte, um die Franzosen am Schari anzugreifen und aus Baghirmi zu vertreiben, hielt er ihn mit dem Bemerken zurück, seine Zeit sei noch nicht gekommen.

Sollten die Senussi jetzt doch im Verfolg der einmal ausgebrochenen Feindseligkeiten den Djehad, den allgemeinen heiligen Glaubenskrieg am Tschadsee entfachen und sollten infolgedessen die jetzt in Wadai wütenden Thronstreitigkeiten zum Schweigen kommen, und sich auch alle Wadaileute zum Kampf gegen die Ungläubigen vereinigen, so würde den Franzosen im Tschadseegebiet schwereres Ungemach bevorstehen, als Rabeh und seine Soldateska ihnen bereitet haben.[70]

[58] Mubi ist seiner Zeit von Barth besucht worden.

[59] Vergl. oben S. 88.

[60] In den englischen Blättern wird übrigens der Sohn Rabehs fast regelmässig fälschlich Fatarella genannt.

[61] Nach einer Mitteilung von Gentil befanden sich damals noch die folgenden Anführer, die bereits unter Rabeh gedient hatten, bei Fadel Allah: Rabehs Schwiegersohn Hibid (Abed), Djebarra, Siddick und Tar; ferner Serrur, ein Djingi, und Tchokko aus dem Kresch, der Araber Ith und endlich ein Bornu-Mann, Namens Abba Gaua. Vergl. oben S. 57.

[62] Das Bulletin du Comité de l’Afrique française (1901, No. 10 S. 330 ff.) und die französische Presse äusserten sich sehr verstimmt über das Entgegenkommen, welches die Engländer dem Erbfeinde Frankreichs im Tschadseegebiet gezeigt haben. Eine Erklärung des Vorgehens der englischen Offiziere von Nigeria wurde nur in der Besorgnis gefunden, dass Fadel Allah das mit den Engländern in guten Beziehungen stehende Kaiserreich Sokoto niederwerfen könne. Andererseits wurde in englischen Zeitungen die Verfolgung Fadel Allahs auf britisches Gebiet durch die Franzosen als eine Grenzverletzung bezeichnet.

[63] Nach dem Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1902, Seite 86, waren im ganzen von der Expedition Destenave 1800 Soldaten zu Gefangenen gemacht worden. Die mit Gewehren bewaffnete und gedrillte Streitmacht Fadel Allahs wird auf 2000 Mann, von denen 600 mit Repetiergewehren bewaffnet waren, berechnet. An erbeuteten Waffen werden aufgezählt, neben der erbeuteten Kanone und den Gewehren, 1500-2000 Kilo Pulver, 30000 Patronen, Lanzen, Pfeile u. s. w.

[64] In Dikoa hatte Destenave die Überreste des von Rabeh seiner Zeit getöteten Herrn de Béhaghle vorgefunden. Dem Forscher wurde dort ein Denkmal errichtet, während seine Gebeine in Fort Lamy neben denen Lamys und anderer im Kampf gegen Rabeh gefallener französischer Offiziere bestattet wurden.

[65] Oberstleutnant Pavel (vergl. unten S. 155) fand später in Dikoa den Kapitän Dangeville als französischen Residenten mit einem weissen Unteroffizier und 50 Spahis vor.

[66] Vergl. oben S. 14.

[67] Neuerdings sind seitens der englischen und der französischen Regierung Kommissare ernannt, welche auf Grund dieses Vertrages die Nordgrenze zwischen Britisch-Nigeria und den anstossenden französischen Besitzungen zu regulieren beauftragt sind.

[68] Infolge dieser Vorgänge ist eine weitere Kompagnie Tirailleurs aus dem südlichen französischen Kongogebiet nach Fort Lamy zur Verstärkung entsandt worden.

[69] Vergl. oben S. 66.

[70] Während der Drucklegung (im September 1902) trifft die Nachricht ein, dass der Schech es Senussi in Goru gestorben ist.

XI. Das deutsche Tschadseegebiet.

Das Hinterland unserer Kamerun-Kolonie im Norden des Benue bildet ein Dreieck, dessen obere Spitze durch den südlichen Rand des Tschadsees abgestumpft wird. Etwa in der Mitte dieses Gebietes ziehen sich die Mandaraberge hin, in deren Norden eine grosse Ebene südlich des Tschadsees liegt. Diese Ebene gehört zu den fruchtbarsten Gebieten Inner-Afrikas. Von zahlreichen Wasserläufen durchzogen trägt sie alle Arten tropischer Gewächse in üppigster Form. Sie ist verhältnismässig sehr dicht bewohnt und beherbergt zahlloses Wild. Die Mandara-Berge sind zum Teil mit hohem Buschwerk und grossen Bäumen bestanden. Aller Wahrscheinlichkeit nach müssen sich hier reiche Mineralschätze befinden, die Eingeborenen sprechen sogar von Gold. Die Landschaft im Süden der Berge, die ihre Abwässer bereits zum Benue herabschickt, ist gleichfalls sehr fruchtbar.

Von eingeborenen Fürsten kommen in dem deutschen Tschadseegebiete die folgenden in erster Linie in Betracht: Der angestammte Herr von Bornu und die Schechs der Araberstämme im Süden des Tschadsees sowie des Städtebezirks am westlichen Schari-Ufer, der Fürst von Mandara, die Tributärfürsten des Emir von Adamaua und der Herr von Yola selbst.

Ob die alte Bornu-Dynastie, die zur Zeit durch Djerbai repräsentiert wird, sich in der Zukunft wieder in derselben führenden Rolle wird behaupten können, wie in der Zeit vor Rabehs Einbruch, ist zweifelhaft. Nach den letzten Umwälzungen ist es nicht abzusehen, welche der früheren Vasallenfürsten der Bornu-Sultane dem Schech Djerbai die Treue bewahren werden. Die Kanuri selbst, seine Stammesgenossen, haben sich als nur noch wenig kriegstüchtig erwiesen. Nach französischer Schätzung verfügte Djerbai bei seiner Einsetzung in Dikoa über 1000 Gewehre, von denen er jedoch in seinen Kämpfen gegen Fadel Allah eine ganze Anzahl verloren hat. Die Bornu-Prinzen haben sich seit ihrer Rehabilitierung durch die Franzosen nicht gerade als sehr zuverlässig gezeigt. Es sind ebenso prahlerische und eitle, wie verweichlichte und ränkesüchtige Leute. Bis jetzt gehörten sie zu der muhammedanischen Bruderschaft der Kaderi, vielleicht ist Schech Djerbai neuerdings Senussi geworden. Djerbai hat noch zahlreiche Brüder. An seinem Hoflager in Dikoa leben jetzt zwei derselben. Ein anderer, der jüngste Sohn Haschems, Namens Rafai, ist mit Omar Sanda in Krebedji interniert. Ausserdem sollen noch zwei weitere Bornu-Prinzen in Dikoa sich befinden, nämlich ein Onkel des regierenden Schech -- es wäre dies also ein jüngerer Bruder des Sultan Haschem -- und ein Sohn des mutigen Abu Kiari, der seinen Bruder Haschem erschlagen und zuletzt Rabeh Widerstand geleistet hatte. Der Stammbaum der Dynastie der Kanemi stellt sich daher der umstehenden Tabelle entsprechend dar.[71]

I. Fakih Muhammed el Amin el Kanemi | | +---------------------+-------------------+ | | | | II. Schech Omar el Kanemi Abd er Rahmān | | +----------+---------+-----------------+----------------+ | | | | | | | | III. Abu| Bekr I. IV. Ibrahim V. Haschem Abba Chamis (Abu| Kiari) | (in Dikoa) | | | +-------------+-----------+-------+-------+ | | | | | | VI. Abu| Bekr II. VII. Omar VIII. ~Djerbai~ (in (in Rafai (Abu| Kiari) Sanda (in regierender Dikoa) Dikoa) (in | Krebedji) Schech Krebedji) | in Dikoa | (in Dikoa)

Für unsere Kamerun-Kolonie ist es von grosser Bedeutung, dass das auf deutschem Tschadsee-Gebiete gelegene Dikoa, die ehemalige Hauptstadt Rabehs, in der auch Fadel Allah immer wieder seinen Centralsitz zu etablieren sich bemühte, thatsächlich das Erbe der alten Bornu-Hauptstadt Kuka angetreten hat. Es ist bereits darauf hingewiesen worden, wie Dikoa in kurzer Zeit sich zu einer riesigen Stadt entwickelt hat und jetzt der Centralpunkt eines grossen Teiles von Innerafrika geworden ist. Es ist auch heute noch die Residenz der wieder auf den Thron gelangten Bornu-Sultane, deren Machtbereich zwar gegenwärtig arg zusammengeschrumpft sein mag. In Dikoa haben jetzt auch einige tripolitanische Kaufleute ihre Niederlassungen, teils aus der Stadt Tripolis, teils Mudjabera aus Djalo im Süden von Benghazi. Diese sind Senussi; in ihren Händen liegt jetzt der ganze Handel im Norden der Mandara-Berge.

Das auf englischem Gebiete liegende Kuka ist immer noch ein Trümmerhaufen; allerdings ist in neuester Zeit hier wieder eine kleine Niederlassung und gleichzeitig eine Zauija der Senussi entstanden.

Neben den Kanuri, die den Hauptbestandteil der Bevölkerung der Ebene im Süden des Tschadsees bis nach Mandara bilden, kommen hier in erster Linie nomadisierende Araberstämme in Betracht, Nachkommen der vor vielen Jahrhunderten hierher gelangten Einwanderungen aus dem Osten. Einer der bedeutendsten dieser Stämme sind die Schoa, als deren erste Schechs Musa und Dahman genannt werden. Diese Araber bilden ein kräftiges und kriegerisches, aber auch unruhiges Element, das gewiss eine scharfe Überwachung notwendig machen wird. Wie wir sahen, lagerten die Schoa 10- bis 12000 Mann stark kurz vor der Entscheidungsschlacht zwischen den Franzosen und Rabeh in ostentativer Weise unthätig unweit des französischen Lagers.

Sodann wohnen im Schari-Delta und am Tschadsee-Ufer Leute, die mehr zu den Baghirmi-Stämmen gehören. Von ihnen hatten vor Rabehs Einbruch die Kotoko unter dem Sultan Wagaia ibn Ogari und die Makari unter dem Sultan Barao ibn Joga die grösste Bedeutung. Sie sind sehr dunkelfarbig und hauptsächlich Fischer. Ein Bezirk von mehreren Städten auf dem linken deutschen Schari-Ufer, unter diesen Gulfei, Kusseri und Logon, unterstand einem in Karnak Logon residierenden eigenen Sultan, namens Musa, der ein Tributärfürst des Königs von Bornu und der mächtigste Mann zwischen Kuka und Massenja war. In der Tschadsee-Ebene besitzen ferner die geistig und körperlich hoch entwickelten Fulbe eine Anzahl von Dörfern; sie betreiben hauptsächlich Viehzucht. Mehr im Süden hausen die hierher zurückgedrängten, allem Anscheine nach die Urbevölkerung des Tschadseegebietes ausmachenden heidnischen Bevölkerungsteile, (Musgu[72]). Haussa dürften nördlich von Mandara wohl nur in geringer Anzahl als Kaufleute verstreut leben. Der grösste Teil der Bevölkerung nördlich von Mandara ist muhammedanisch. Die am meisten vertretenen Bruderschaften sind die Kaderi und Tidjani, in jüngster Zeit scheinen auch hier die Senussi an Einfluss zu gewinnen.