Rabeh und das Tschadseegebiet

Part 8

Chapter 83,414 wordsPublic domain

An der Verfolgung Fadel Allahs beteiligte sich ein Detachement von 160 Schützen zu Pferde mit einer Kanone nebst einer grösseren Anzahl eingeborener Berittener. Am 2. Mai wurden die Zurückweichenden bei Degemba am Flusse Jadzerem eingeholt. Fadel Allah hatte nur 700 oder 800 Gewehre bei sich, ein heftiger Kampf entspann sich, in dem die Franzosen Sieger blieben. Fadel Allah entkam und setzte seine Flucht weiter nach dem Berggebiet von Mandara fort. Unterwegs stiessen von allen Seiten andere Flüchtlinge zu ihm. In Issege, am Nordrande der Mandaraberge, bezog er ein Lager. Am 7. Mai wurde er hier von Reibell überrascht. Nach dem französischen Kriegsbericht wären Niebe und Hibid (Abed), der Schwiegersohn Rabehs, bei diesem Rencontre gefallen, eine Nachricht, die sich später als unrichtig erwiesen hat. Jedenfalls war die Überraschung den Franzosen derartig gelungen, dass Fadel Allah an einen Widerstand nicht mehr dachte, sondern dem Sieger sein Lager überliess und weiter floh. Im Lager fanden die Franzosen 1000 Sklaven und 5000 Weiber jeden Alters, unter diesen Hadja, die Frau Fadel Allahs, die Tochter des Herrn von Kuti und eine Gattin des Rabeh. Im ganzen hatten sie bei der Verfolgung zwölf Fahnen, mehrere Hundert Gewehre und zehn grosse Wallbüchsen erbeutet.

Reibell kehrte nunmehr um und kam am 13. Mai 1900 nach Dikoa zurück.[56] Am 15. und 16. Mai wurde der Rückmarsch nach dem Schari begonnen, und am 22. Mai befand sich die Truppe wieder auf dem rechten Schari-Ufer. Gegenüber Kusseri wurde hier das Fort Lamy als Centralpunkt des Schari-Bezirks errichtet. Zwei weitere befestigte Posten wurden am Schari in Mandjafa (Fort de Cointet) und Busso (Fort Bretonnet) angelegt. Der grösste Teil der Offiziere und Mannschaften der „Mission saharienne“ wurde durch die französische Kongo-Kolonie nach der Heimat gesandt. Die Expedition Joallands blieb noch eine zeitlang zur Verfügung Gentils und trat alsdann durch Bornu über Dikoa, wieder durch deutsches und sodann durch englisches Gebiet marschierend, den Rückweg nach Zinder an, wo sie am 10. Juli anlangte und von wo aus sie erst nach Eintreffen einer weiteren bedeutenden französischen Truppenmacht, die zur Verstärkung der Besatzung von Zinder vom Westen geschickt worden war, über Say die Rückkehr fortsetzen konnte. Gentil hatte Joalland bis nach Dikoa begleitet. Am 25. August trat er von Fort Lamy aus über den Schari und Kongo die Rückreise nach Paris an. In Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die koloniale Sache Frankreichs wurde er zum „Gouverneur des Colonies“ ernannt.

Das ganze Gebiet vom Niger bis zur Schari-Mündung, den Tschadsee im Norden umspannend, erhielt nunmehr eine Organisation. Zinder wurde das Centrum eines eigenen Territoire militaire. Das Gebiet im Süden des Tschadsees innerhalb der französischen Kongo-Kolonie wurde in zwei Bezirke eingeteilt, die südliche Région civile du Haut Chari, einschliesslich Kuti mit dem Flusse Wa oder Nahr Sarra als Nordgrenze, und im Norden davon das Territoire militaire du Bas Chari.[57] Zur Vertretung Gentils, dem das gesamte Schari-Gebiet unterstellt war, wurde der Oberstleutnant Destenave ernannt, und diesem gleichzeitig das Kommando über das Territoire militaire du Bas Chari übertragen. Bis zur Ankunft Destenaves in Fort Lamy führte hier Robillot den Oberbefehl über die französischen Streitkräfte im Schari-Bezirk. Diese bestanden aus drei Kompagnien Infanterie und einer von einem der „Mission saharienne“ zugehörigen Spahis-Offizier, Leutnant de Thézillat, aus Arabern der Umgegend und Rabeh’schen Flüchtlingen einexercierten Schwadron Kavallerie.

Übrigens beliessen die Franzosen in den neu eroberten Gebieten möglichst die angestammten Fürsten als die eigentlichen Regierenden des Landes, die natürlich unter strengste Aufsicht genommen wurden. In Baghirmi konnte Gauranga wieder zu seinem Rechte gelangen. Statt der bisherigen schweren Steuer, die an Rabeh und auch noch an Wadai zu zahlen war, wurde ihm ein mässiger Tribut an Vieh und Getreide im ungefähren Werte von 42000 Francs jährlich auferlegt. Das rechte Schari-Ufer und das südliche Ufer des Tschadsees wurden in direkte französische Verwaltung genommen.

Im Gebiete von Kanem im Osten des Tschadsees war von Joalland ein Schutzvertrag mit dem Araber Chalifa Djerab geschlossen worden, der zum Gesamtschech des grössten Teils von Kanem gemacht wurde, allerdings mit dem Vorbehalt, dass ihm erst später zu der thatsächlichen Herrschaft in diesem Gebiete verholfen werden solle. Ferner war die Unterwerfung der Leute von Dekena und Assala im Süden von Kanem angenommen worden, die bisher sowohl Rabeh als Wadai tributpflichtig waren, und endlich waren Beziehungen mit zwei Schechs der Waled Soliman-Araber, Reuss und F’dinn, im Nordosten des Tschadsees in der Landschaft Schitati angeknüpft worden. -- Eine Machtentfaltung durch eine dauernde Niederlassung zwischen Zinder und der Schari-Mündung, also im Norden und Osten des Tschadsees, war noch nicht erfolgt.

[49] Vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1899, S. 383 und 422.

[50] Vergl. unten S. 116. Von einem Mudjabera-Kaufmann wurde mir berichtet, die Waled Soliman und andere Stamme von Kanem hätten sich zu der Zeit, als er gerade in Mao und im Gebiete der Dekena sich befand, noch nicht schlüssig gemacht, wie sie sich den Weissen gegenüber verhalten sollten. Währenddem seien die Fremden weiter nach dem Süden marschiert und unbehelligt geblieben.

[51] Vergl. Bulletin de la Societé de Géographie, 1901, S. 396 ff.

[52] Der Deputierte Dorian, welcher vom Mittelmeer aus der Expedition sich angeschlossen hatte, blieb in Zinder zurück und marschierte am 4. März 1900 mit einigen Leuten der Garnison von Zinder nach Say am Niger, das am 23. April erreicht wurde, und sodann auf dem Westwege heimwärts

[53] Vergl. Bulletin de la Société de Géographie, 1901, S. 364; Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1900, S. 266, 354.

[54] Vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1900, S. 341.

[55] Vergl. den officiellen Bericht des Major Reibell in den Renseignements coloniaux et documents publ. par le Comité de l’Afrique française, 1901, S. 20. -- Die Franzosen fanden in Dikoa mehrere tripolitanische Kaufleute mit ihren Familien, im ganzen etwa 100 Köpfe stark, angesiedelt vor.

[56] Vergl. den Rapport Reibells, a. a. O. S. 15 ff.

[57] Vergl. A. Terrier im Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1901, S. 102. Über das französische Gebiet Haut Oubanghi vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1901, S. 295.

X. Das Ende der Rabeh’schen Macht.

Mit dem Tode Rabehs und der Vertreibung seiner Söhne aus der Hauptstadt Dikoa war das Reich Rabehs zertrümmert. Den Franzosen war die Aufgabe gelungen, eine Vereinigung ihres afrikanischen Kolonialbesitzes am Tschadsee zur That werden zu lassen. Ihnen gebührt der Ruhm, die Tschadseeländer von dem schweren Druck der Herrschaft Rabehs befreit zu haben. Dass ihnen die Niederwerfung des sieggewohnten Sklavenfürsten möglich wurde, war, abgesehen von dem grossen Mut, den die französischen Truppen entwickelt haben, dem glücklichen Umstande zu danken, dass im rechten Augenblick gleichzeitig von drei Seiten her bedeutende Streitkräfte auf dem Kampfplatze erschienen, und dass Rabeh selbst gleich im Anfange während des zweiten Zusammenstosses mit den Franzosen bei Kuno schwer verwundet wurde. Zudem war den Franzosen der Umstand zugute gekommen, dass Rabeh bei den eingeborenen Völkerschaften im Süden des Tschadsees, in deren Gebiet er sich festgesetzt hatte, keine Sympathien besass, und dass diese, wiewohl sie Muhammedaner waren, den einrückenden Truppen der Weissen keinen Widerstand entgegensetzten. Mehr als das, sie hatten sich in der Folge geradezu mit diesen zum Kampf gegen den den Islam auf seine Fahnen schreibenden Rabeh verbunden. Beim ersten Vorstoss der Franzosen unter Bretonnet und dann nach dem für Rabeh nicht glücklichen Kampfe bei Kuno focht der König von Baghirmi mit seinen Leuten auf Seiten der Franzosen. Nach dem Erscheinen der drei französischen Expeditionen am Schari und nach dem Tode Rabehs haben die Kanuri und die nomadisierenden Araber im Süden des Tschadsees seiner Soldateska jedenfalls keinen Vorschub mehr geleistet. Auch von anderen muhammedanischen Elementen Central-Afrikas, die als wenig christenfreundlich bekannt sind, hatte Rabeh keine Hilfe erhalten. Wohl hatte er sich nochmals an den Sultan Ibrahim von Wadai gewandt, mit der Aufforderung, gemeinsam mit ihm die europäischen Eindringlinge aus Innerafrika zu vertreiben. Die Aufforderung war ohne Gehör geblieben. Auch der Schech des Senussiordens, an den Rabeh ein Schreiben gesandt haben soll, um ihn zu veranlassen, die arabischen und hamitischen Völker im Osten des Tschadsees zum Kampfe gegen die Franzosen zu begeistern, hatte sich ablehnend verhalten. Ebenso hatte es der König von Mandara unterlassen, Rabeh Hilfstruppen zu senden.

Eine endgiltige Klärung hatten die Verhältnisse in Central-Afrika jedoch auch mit dem Tode des Sklavenfürsten noch nicht erfahren. Wenn auch der überlegene Wille und die rückhaltslose Herrschsucht Rabehs die alten Basinger nicht mehr meisterte, so hatte doch Fadel Allah in der Folge einen beträchtlichen Teil der Truppen seines Vaters um sich sammeln können.

Nachdem Fadel Allah einmal gesehen, dass das Schicksal sich gegen ihn wandte, hatte er es selbst gegen kleinere Truppen der Franzosen nicht mehr zu einer entscheidenden Schlacht kommen lassen. Ganz in der Art wie seinerzeit Soliman ibn Zuber den Verfolgungen Gessi Paschas immer wieder auswich, hatte er sich vor dem von Dikoa nach dem Süden marschierenden Kapitän Reibell immer weiter zurückgezogen. Bei dem Zusammentreffen am Flusse Jadzerem und bei Issege war kein ernstlicher Widerstand geleistet worden. Erst in Mubi[58], im Südwesten der Mandara-Berge, machte Fadel Allah Halt, nachdem die Franzosen bei Issege die Verfolgung aufgegeben hatten.

In Mubi koncentrierte sich Fadel Allah wieder, und hier vereinigten sich die zersprengten Reste der Soldateska seines Vaters. Die von Rabeh nach Gulfei und anderen Orten am Logon gelegten Besatzungen, welche an dem Kampfe bei Kusseri nicht teilgenommen hatten, fanden gleichfalls hierher ihren Weg, und Fadel Allah verfügte nunmehr über eine achtunggebietende Macht, die sich bald wieder in der früheren Weise organisierte. Nur geringe Bestandteile des Heeres seines Vaters und zwar anscheinend hauptsächlich solche, die Rabeh erst in letzter Zeit sich aus nomadisierenden Arabern von Bornu, Baghirmi oder dem Süden von Kanem als Soldaten einexerciert hatte, hatten sich andere Herren gesucht. Ein Teil konnte, wie erwähnt, von den Franzosen zur Bildung einer sich gut entwickelnden Reiterabteilung in Dienste genommen werden. Einige stellten sich dem König von Mandara, andere dem Emir von Yola zur Verfügung.

Die Franzosen hatten die Zertrümmerung des Reiches Rabehs damit besiegelt, dass sie Omar Sanda, dem ältesten Sohn des von Rabeh verjagten Sultans Haschem, der die Truppen der „Mission saharienne“ seit ihrer Begegnung bei Begaro unweit des Tschadsees im Januar 1900[59] immer begleitet hatte, das Land seiner Väter wiedergaben und ihn als „Schech“ von Bornu in Dikoa einsetzten. Als Gentil im Juni 1900 die Expedition Joallands auf dem Rückmarsch nach Zinder bis nach Dikoa begleitete, musste er an Stelle Omar Sandas dessen Bruder Djerbai zum Herrn von Bornu erheben. Omar Sanda hatte sich anscheinend keine Autorität verschaffen können und seinen Wohlthätern mit Undank gelohnt. Er hatte Gentil nach dem Leben getrachtet; der Anschlag wurde aber rechtzeitig entdeckt und Omar Sanda nach der Station von Krebedji am oberen Schari deportiert. Naturgemäss hätte es den französischen Interessen entsprochen, wenn Djerbais Macht sich hätte kräftig entwickeln und der neue Bornusultan dann den Franzosen ihre linke Flanke, das westliche Baghirmi und den Schari, gegen etwaige neue Angriffe der Söhne Rabehs hätte decken können. Aber bald sah sich Djerbai in einen Kampf mit Fadel Allah verwickelt, sei es, dass letzterer ihn in Dikoa angegriffen, sei es, dass er selbst den Krieg gegen ihn aufnehmen zu sollen geglaubt hat. Jedenfalls war der Kampf ohne Vorwissen der Franzosen ausgebrochen. Djerbai wurde schliesslich vollständig geschlagen. Er ergriff die Flucht und machte nicht eher halt, als bis er in Kanem angelangt war, wo er beabsichtigt haben soll, den Schech es Senussi um Hilfe anzurufen.

Fadel Allah hatte Djerbai bis an das linke Schari-Ufer nach Gulfei verfolgt. Von hier aus sandte er Boten an den damaligen Vertreter Gentils, den Kapitän Robillot, nach dessen Hauptquartier in Fort Lamy. In hochtrabender Weise verlangte Fadel Allah das in dem jüngsten Kampfe von den Franzosen erbeutete Eigentum Rabehs zurück, indem er sich gleichzeitig als Herrn des von seinem Vater ererbten Gesamtkönigreichs Bornu bezeichnete und als Freund der Engländer ausgab. Die Antwort Robillots lautete dahin, dass sich Fadel Allah zunächst persönlich in Fort Lamy einfinden solle. Den beiden von Robillot gesandten Leuten wurde jedoch der Kopf abgeschlagen. Robillot unternahm nun einen Strafzug gegen Fadel Allah auf deutsches Gebiet. Die französische Streitmacht bestand aus 200 oder 300 regulären Soldaten und einer Gebirgskanone nebst der Kavallerie de Thézillats, die mit Gras-Gewehren bewaffnet worden war, und anderen eingeborenen Hilfstruppen. Das Vorgehen Robillots war so energisch, dass Fadel Allah sich bis nach Gudjba zurückzog, wo er zunächst ein Lager bezog. Dieser Ort liegt bereits über 100 km westlich der deutschen Grenze in englischer Interessensphäre. Infolgedessen kehrte Djerbai nach Dikoa zurück. Robillot begab sich wieder nach Fort Lamy.

Nunmehr trat Fadel Allah mit den englischen Regierungstruppen in Verbindung. Er wusste, dass die Engländer am Benue standen, wo der ihm nächstgelegene englische Posten Ibi war. Diesem näherte sich Fadel Allah und bezog zunächst bei Fika ein neues Lager. Im Juni des Jahres 1901 sandte er Boten nach Ibi mit einer Beschwerde, dass er von den Franzosen aus dem von seinem Vater ihm überkommenen Lande vertrieben und auf englisches Gebiet verfolgt worden sei, und sprach wiederholt den Wunsch aus, unter englischem Schutz sein Reich regieren zu dürfen. Daraufhin begaben sich Major Mac Klintock und Leutnant Mac Gregor mit einer Eskorte von 50 Soldaten und 150 Trägern zu Fadel Allah, den sie bei Bergama, 100 englische Meilen nordöstlich vom Gorgola, einem Zufluss des Benue, und 25 Tagemärsche von Ibi entfernt, trafen. 30 englische Meilen vor Fadel Allahs Lager wurde Major Mac Klintock von einer Truppe von 100 ausgesuchten Reitern eingeholt, die ihm ein Begrüssungsschreiben ihres Herrn überbrachten. Das Lager Fadel Allahs fanden die Engländer in weiter Ausdehnung um die alten Stadtmauern von Bergama aufgeschlagen, tausende von kegelförmigen Hütten dienten der Beherbergung der Truppen. Am Eingange der Stadt erwartete Fadel Allah selbst auf weissem Rosse und mit einer weissen Djebba, nach Art der sudan-egyptischen Derwische bekleidet, die englischen Offiziere. Die disciplinierte Streitmacht Fadel Allahs, 2000 Mann, war in zwei Gliedern aufgestellt. Alle waren mit Gewehren bewaffnet und feuerten bei der Annäherung der Engländer eine Ehrensalve. Diese ritten die Front ab, alsdann wurden die Truppen angesichts der Gäste in neun Kompagnien formiert. Jeder Kompagnie wurde ein Banner vorangetragen, jedes Banner war von Trommlern und Hornisten eskortiert. Ausser diesen Kerntruppen fand Mac Klintock noch mehrere Tausend irreguläre Streiter, hauptsächlich Bogenschützen und Lanzenträger, um Fadel Allah vereinigt. Tags darauf begab sich der Sohn Rabehs mit seiner Familie und seinen vornehmsten Anführern in das Lager der Engländer, wo eine lange Aussprache stattfand. Im Verlaufe dieser Unterredung drückte Fadel Allah den englischen Berichten[60] zufolge noch einmal den Wunsch aus, unter englische Protektion zu treten und Bornu, das ihm nach dem Rechte der Eroberung gehöre, unter englischer Oberhoheit und nach englischen Gesetzen zu regieren.

Fadel Allah wird von den Engländern als ein Mann von hoher Intelligenz geschildert, etwa 26 Jahre alt, von sehr dunkler Gesichtsfarbe und ausgesprochenem Negertypus. Sein Bruder Niebe wird als ein kluger junger Mann beschrieben, der bei den Soldaten und bei dem Volk sehr beliebt sei. Von den Folgen der schweren Verwundung, die Niebe im Kampfe mit den Franzosen erhalten hatte, sagen die englischen Berichte nichts. Viele der Hauptanführer Fadel Allahs waren alte Freunde Rabehs, die jahrelang seine Kriegszüge mitgemacht hatten.[61] Major Mac Klintock zu Ehren wurde noch einmal eine glänzende Parade der sämtlichen Truppen veranstaltet. Das gesamte Heer zog mit fliegenden Fahnen und schallender Musik an den englischen Offizieren und Fadel Allah vorbei. Jede Kompagnie hatte zwei Führer, einen als Ersatz für den Todesfall auf dem Schlachtfelde. Die Haltung der Truppen war vortrefflich. Fadel Allahs Schwester Haua, die Witwe Haiatus, ein junges Weib von 19 Jahren, führte selbst eine Kompagnie. Sie hat an zahlreichen Kämpfen teilgenommen und soll persönlich eine Streitmacht gegen Kilba, einen kleinen heidnischen Staat im Südwesten von Mandara, befehligt haben. 16 Tage blieb Mac Klintock in Bergama. Am Tage vor der Abreise der englischen Gesandtschaft wurden Sportübungen, Wettrennen und Wettspringen veranstaltet, an denen auch die Leute der Rabeh’schen Soldateska teilnahmen. Fadel Allah gab nach herzlichem Abschied an der Spitze von 800 Reitern der Mission fünf Meilen weit das Geleit und bat um baldige Erneuerung des Besuchs.

Ein Dolmetscher Mac Klintocks wurde bei Fadel Allah zurückgelassen, der einen seiner ersten Anführer nach dem englischen Hauptquartier am Benue entsandte. Mac Klintock erreichte nach mancherlei Behelligung seitens der Eingeborenen, besonders der Bewohner von Ubi, den Benue bei Yola. Die Entscheidung über das englische Schutzverhältnis Fadel Allahs sollte erst nach der Rückkehr des Gouverneurs Sir Frederick Lugard nach Nigeria getroffen werden. Inzwischen wurde englischen Blättermeldungen zufolge die Frage erwogen, ob es nicht angezeigt sei, Fadel Allah als Emir in Kuka einzusetzen und ihm einen britischen Offizier als ständigen Residenten beizugeben in der Art, wie es bei den eingeborenen Vasallenfürsten in Indien die Regel ist. Es sei wohl vorzuziehen, Rabehs Sohn auf diese Weise eine verantwortliche Stellung unter britischer Aufsicht zu übertragen, als vielleicht zu kostspieligen Expeditionen gezwungen zu sein, um die Raubzüge zu unterdrücken, welche Fadel Allah, wenn er eine so grosse Truppenmacht mit Lebensmitteln versehen wolle, notgedrungen unternehmen müsse. Er sei ohne Frage trotz der Niederlagen, die er durch die Franzosen erlitten habe, noch immer weitaus der stärkste Machtfaktor im Tschadsee-Gebiete, zwischen Sokoto und dem Schari, und in muhammedanischen Ländern sei es das beste, sich zur Ausübung der Regierung eines gleichfalls muhammedanischen Fürsten zu bedienen, der allerdings unter strenge Aufsicht genommen werden müsse. Später war davon die Rede, dass eine weitere Mission von 100 Mann unter Führung des Captain Mc. Carthy Morrough und des Leutnant Wilkin zu Fadel Allah nach Bergama gehen sollte.[62]

Aber bevor Sir Frederick Lugard nach Nigeria zurückkehrte, sollte sich das Schicksal Fadel Allahs entscheiden. Bald nachdem Mac Klintock das Lager bei Bergama verlassen hatte, wandte sich Fadel Allah abermals nach Dikoa, wo Djerbai sich wieder festgesetzt hatte. Mit leichter Mühe vertrieb er den Bornu-Sultan zum zweiten Male. Das ganze Gebiet im Süden des Tschadsees bis zum Schari hin wurde wiederum die Beute der Rabeh’schen Soldateska. Die wankelmütigen Araber machten diesmal gemeinsame Sache mit Fadel Allah, aber die Bornu-Leute, insbesondere die Kanuri, mussten ihren Abfall schwer büssen: Auf ihre Kosten versah sich das Heer des Eroberers mit Lebensmitteln, Weibern und Sklaven. Es scheint, dass bis über den Schari hinaus, also auf französisches Gebiet hin, die Dörfer der Eingeborenen gebrandschatzt wurden.

Diesen Zustand fand der Oberstleutnant Destenave vor, welcher, wie erwähnt, den Gouverneur Gentil während dessen Abwesenheit in der Verwaltung des Schari-Gebietes vertrat. Destenave hatte Gentil am 14. Januar 1901 in Brazzaville getroffen und war dann langsam den Schari abwärts marschiert. Unterwegs war es ihm gelungen, den Herrn von Kutti zur Unterwerfung zu bewegen, der sich am 19. Mai 1901 mit 1500 Mann, wovon 600 mit Flinten bewaffnet waren, in Destenaves Lager in Gribingi (Fort Crampel) einfand. Auch der Herr des heidnischen Sultanats Korbol im Süden von Baghirmi hatte sich ohne Blutvergiessen den Franzosen ergeben.

Am 18. Juli war Destenave mit acht Europäern und 130 Tirailleurs im Fort Lamy angelangt. Der durch die neuesten Erfolge Fadel Allahs geschaffenen bedrohlichen Situation musste ein Ende gemacht werden. Es kam hinzu, dass Fadel Allah, der auf seine guten Beziehungen zu den Engländern zu pochen schien, Boten zu dem Schech es Senussi geschickt hatte, die dieser weniger unfreundlich aufgenommen hatte, als seiner Zeit die Abgesandten seines Vaters Rabeh. Mit 500 Mann und einer Kanone überschritt Destenave am 6. August den Schari, um Fadel Allah, der sich in Dikoa befinden sollte, durch Gewaltmärsche zu überraschen. Aber Destenave fand das Nest leer: Fadel Allah hatte den Franzosen wieder nicht Stand gehalten und hatte Dikoa rechtzeitig verlassen können. Angeblich beabsichtigte er, wieder nach dem Südwesten auf englisches Gebiet zu fliehen, nach anderen Berichten wollte er seine im Lande zersprengten Streitkräfte sammeln und dann den Franzosen den Rückmarsch nach dem Schari abschneiden. Destenave liess Dikoa durch starke Wachen schützen und schickte nach allen Seiten Patrouillen aus. Das stärkste Detachement, das aus der Reiterei und anderthalb Kompagnien Infanterie unter dem Kapitän Dangeville bestand, sollte nach dem Südwesten hin rekognoscieren und hatte das Glück, mit dem Feinde Fühlung zu gewinnen. In der Nacht des 23. August um 5 Uhr morgens überraschte Dangeville bei Gudjba, also auf britischem Gebiete, Fadel Allah und seine Leute im Schlafe und machte eine grosse Zahl der Basinger nieder. Fadel Allah selbst wurde verwundet. Der Feind konnte sich aber ausserhalb des Dorfes im Dickicht sammeln und hielt dort während mehrerer Stunden das Feuer der Franzosen aus. Dabei erhielt Fadel Allah eine Kugel in den Kopf und wurde getötet. Neben ihm bedeckten 500 Mann und 100 Pferde das Schlachtfeld. Jetzt verloren die Rabeh’schen Krieger jeden Mut und verteilten sich in wilder Flucht nach allen Richtungen. Der Körper Fadel Allahs war eine Zeit lang mitgeschleppt und dann in einem Sumpfe liegen gelassen worden, wo die verfolgenden Reiter ihn fanden. Dem Leichnam wurde der Kopf abgeschnitten und dieser Dangeville überbracht. Unter den Flüchtigen befand sich Niebe, Fadel Allahs nächstältester Bruder, der in der Schlacht von Kusseri eine schwere Verwundung am Bein davongetragen hatte.