Part 7
Überzeugt, mit den ihnen verbliebenen Streitkräften das Fort von Kuno doch nicht nehmen zu können, beschlossen die Franzosen, wieder stromaufwärts zu marschieren.[48] Am Abend wurde ein Lager 1200 m oberhalb Kunos am Schari auf einem erhöhten Platze bezogen, die Flotte nahm in nächster Nähe Stellung. Ein vielleicht zu erwartender Angriff des Feindes erfolgte in der Nacht jedoch nicht. Am kommenden Tage wurde nach Überschreitung des Schari der Rückzug nach Fort Archambault auf dem rechten Ufer angetreten, der sich ohne Zwischenfall vollzog. Am 6. November wurde das Fort wieder erreicht.
Hier wurden weitere Verstärkungen erwartet, welche Gentil sich persönlich bei dem Gouverneur des französischen Kongo, Monsieur de Lamothe, der nach Gribingi gekommen war, erbat. Alsbald wurden auch drei weitere Offiziere und 120 Senegalesen nach dem Fort gesandt. Etwas stromabwärts, in Sada, wurde ein äusserster Vorposten unter dem Kommando des Kapitän de Cointet errichtet.
[41] Es sind verschiedene Linien geplant, die vom Norden nach dem Tschadsee bezw. nach Timbuktu und Dahomey führen sollen. Die südlichsten grösseren Ortschaften auf den bereits vollendeten Bahnstrecken sind Biskra und mehr im Westen Ain Sefra.
[42] Vergl. die Karte.
[43] Das Stromsystem des Schari ist sehr verworren. Eine ganze Anzahl Flüsse entspringen von einer breiten, von West nach Ost sich hinziehenden Wasserscheide, die sich in keiner grossen Entfernung vom Ubangi befindet. Im Heidengebiet der Sarra nähern sich die verschiedenen Ströme einander mehrfach derart, dass Sumpfland zwischen ihnen entsteht. Aber etwa am 10. Breitengrade, dort wo die Flüsse in das Tschadseegebiet eintreten, und wo der eigentliche Schari die Ostgrenze zwischen unserer und der französischen Kolonie bezeichnet, haben sich bereits zwei besondere Ströme aus den verschiedenen Nebenflüssen gebildet: der östliche Schari und der westliche Logon. Bemerkenswert ist, dass der Schari, wie Prins mitteilt, zwischen dem 9. und dem 10. Breitengrade die Tendenz hat, seinen Lauf nach Osten zu verlegen. Beide Flüsse sind auf deutschem Gebiet für Dampfboote schiffbar, die allerdings, soweit es sich bis jetzt beurteilen lässt, einen Tiefgang von nicht mehr als 4 m haben dürfen und infolgedessen am besten mit einer Heckrad-Vorrichtung zu versehen sein würden. Beim Zusammenfluss des Logon mit dem Schari messen beide Ströme ungefähr je 2 km in der Breite. Der Logon hat hier eine Tiefe von 5 m. Der Schari schwillt nach Foureau oft derart an, dass sein Bett an einzelnen Stellen mehr als 6 und 8 km breit wird, und dass seine Wasserfläche ausserdem noch die Ufer weithin überschwemmt. Der grösste Teil des westlichen Ufers des Schari nördlich des 10. Breitengrades, also des uns zustehenden Gebietes, ist muhammedanisch. Im nördlichen Teile wird vorwiegend Kanuri, aber auch arabisch gesprochen. Das Land zwischen Schari und Logon ist besonders fruchtbar und reich bevölkert. (Vergl. Prins in Bulletin de la Société de Géographie, 1900, S. 177 ff.).
[44] Es ist bemerkenswert, dass damals noch der Sultan von Wadai, wiewohl Baghirmi in das Rabeh’sche neue Reich aufgegangen war, bei den Bua einen eigenen dauernden Bevollmächtigten unterhielt, der insbesondere für die richtige Eintreibung eines Sondertributs zu sorgen hatte. Trotz der Anwesenheit des französischen Vertreters und trotz der drohenden Haltung Rabehs musste der König Gauranga von Baghirmi, um seinerseits die dem Sultan von Wadai schuldige Anzahl von Sklaven sich zu verschaffen, die Hauptstadt des Bua-Häuptlings, Korbol, einen mit Mauern umgebenen befestigten Platz, zerstören. Vergl. Prins a. a. O. S. 181.
[45] Vergl. Déclaration additionnelle du 21. Mars 1899 à la Convention Franco-Anglaise du 14. Juin 1898.
[46] Vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique Française, 1899, S. 362 ff.
[47] Vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique Française, 1900, S. 163.
[48] Es ist bemerkenswert, dass dieser Rückzug zu Entstellungen durch die afrikanische Fama führte, so dass Nachrichten von einer Niederlage der Franzosen nach der Küste drangen.
IX. Rabehs Tod.
Somit war die Niedermachung der Bretonnet’schen Expedition gerächt, und Gentil hatte mit seinem kühnen Vorstoss Rabeh vor den Mauern von Kuno geschlagen, trotzdem dieser den Kampf persönlich leitete und anscheinend seine besten Basinger zur Verfügung hatte. Der Eindruck der überlegenen französischen Waffen muss ein bedeutender gewesen sein, zumal Rabeh, wie es scheint, derartig verwundet wurde, dass er in der Folge die kriegerischen Aktionen nicht mehr mit der gewohnten Energie zu leiten vermochte. Der Sultan Gauranga stellte sich sofort wieder mit seinen Leuten als Bundesgenosse der Franzosen im Fort Archambault ein, und die Eingeborenen der Umgegend, die seit der Bretonnet’schen Niederlage nur mit Schwierigkeit zu Hilfeleistungen und Überlassung von Lebensmitteln zu bewegen gewesen waren, wurden wieder gern bereite Helfer. Bald nach der Rückkehr nach Fort Archambault machte der französische Dampfer eine Rekognoscierungsfahrt nach dem Norden und stellte fest, dass Rabeh am 8. November Kuno geräumt, sich in Miltu gesammelt und über den Bahr Ergig den Rückmarsch nach dem Norden angetreten hatte.
Es hatte sich aber auch gezeigt, dass die Gentil’sche Truppenmacht zur Niederwerfung Rabehs numerisch nicht stark genug war. Die Kanonen Bretonnets waren Rabeh verblieben, und Gentil musste sich zunächst darauf beschränken, an dem Ausgangspunkte seines Vorstosses, im Fort Archambault, eine abwartende Haltung einzunehmen. Erst dem weiteren günstigen Umstande, dass rechtzeitig und fast im gleichen Augenblicke die sonstigen Expeditionen, welche Frankreich von Norden und Westen her nach dem Tschadsee entsandt hatte, am Schari eintrafen, ist es zu danken, dass die Offensive gegen Rabeh von Süden her wieder aufgenommen werden konnte.
Schon am 21. Juli 1897 hatte eine französische Expedition unter Cazemajou Dahomey verlassen, um über Zinder den Tschadsee zu erreichen. In Zinder wurde Cazemajou mit seinem Dolmetscher Olive auf Befehl des Sultans Achmadu (Amhadu), der seinem Bruder Jakudima gefolgt war, am 5. Mai 1898 meuchlings ermordet. Der Rest der Mission konnte sich nach dem Niger retten.
Noch im selben Jahre ging eine zweite mit grossen Mitteln ausgerüstete Expedition unter Voulet und Chanoine den Niger abwärts, um das Programm der missglückten Expedition Cazemajous aufzunehmen. Sie führte den Namen „Mission Afrique centrale“. Zwei starke Kolonnen unter dem Oberstleutnant Klobb und dem Major Crave sollten diese Expedition begleiten, bis Voulet den Niger verlassen würde, um sie auf der durch Tuareg sehr gefährdeten Route zu beschützen und überhaupt die Tuareg am linken Niger-Ufer zur Raison zu bringen. Voulet hatte gegen 700 Gewehre bei sich; aber seine Truppen bestanden zum grossen Teile aus Gesindel der verschiedensten Nationalitäten, welches er sich durch Verheissungen von Beute angeworben hatte und die auf ihrem Marsche raubten und plünderten, wo sie konnten. Als die Nachrichten über diese Unzuträglichkeiten nach der Küste drangen, wurde Klobb zum Oberbefehlshaber der Expedition ernannt und dem Kapitän Voulet, der bereits den Niger verlassen hatte, mit weiteren Verstärkungen in Eilmärschen nachgeschickt. Als Klobb Voulet den entsprechenden Befehl bei Dankori im Gebiete der Tessaua überbrachte, fanden, am 17. Juli 1899, die bekannten Ereignisse statt, deren Einzelheiten noch unlängst die französische Kammer beschäftigt haben. Voulet verweigerte den Gehorsam, und Klobb wurde auf Voulets Befehl von seinen Tirailleurs erschossen, als er nicht umkehren wollte.[49] Leutnant Meynier, der von Voulet nicht zu bewegen war, mit ihm gemeinsame Sache zu machen, wurde verwundet. Chanoine billigte nachträglich die Handlungsweise Voulets. Später wurden Voulet und Chanoine von ihren eigenen Leuten, unter welchen besonders der erstere sehr verhasst war, niedergeschossen, da diese ihren Führern, welche die Gründung eines eigenen innerafrikanischen Reiches planten, nicht mehr folgen wollten. Nach dem Tode Klobbs, Voulets und Chanoines gelang es Pallier, Meynier und Joalland, die aufrührerischen Soldaten wieder zu beschwichtigen. Die vereinigten Truppen der beiden Expeditionen setzten ihren Weg weiter nach Zinder fort. Kurz vorher bestanden sie bei Tyrmeni einen siegreichen Kampf mit der Armee des Sultans Achmadu, und am folgenden Tage zogen sie in die Stadt ein, welche von einem grossen Teile der Bevölkerung verlassen war. Der Sultan Achmadu, der Mörder Cazemajous, befand sich unter den Flüchtlingen. Die Franzosen ernannten infolgedessen den Bruder Achmadus, dessen Namen mir von Kanuri als Gambo Guago (Abokadu) genannt wurde, zum Sultan, der nunmehr gleichfalls den arabischen Namen Achmed annahm. Inzwischen war es klar geworden, dass die wild zusammengewürfelten Tirailleurs Voulets die Unbotmässigkeiten, welche sie sich unter dem alten Kommando angewöhnt hatten, nicht mehr lassen konnten, und es wurde für unmöglich gehalten, mit dem gesamten Trupp den schwierigen, auf langen Strecken wasserlosen Marsch nach dem Tschadsee fortzusetzen. Infolgedessen wurde eine Trennung beschlossen. Pallier führte am 3. September 1899 etwa 300 Mann mit dem Dr. Henrique und zwei französischen Unteroffizieren nach Say zum Niger zurück. Über den Rest der in Zinder verbliebenen Truppen übernahm Joalland das Kommando. Am 15. September gelang es einer französischen Abteilung, den Mörder Cazemajous, den entthronten Sultan Achmadu, im Dorf Rumje, 80 km südwestlich von Zinder, zu töten. Das Gebiet von Zinder konnte damit als beruhigt betrachtet werden.
Joalland und der wieder hergestellte Meynier verliessen nun am 3. Oktober Zinder, um mit etwa 200 ausgesuchten Leuten, die auf Kamelen beritten gemacht wurden, und einer 80 mm Gebirgskanone nach dem Tschadsee weiter zu marschieren. In der Stadt wurde eine Besatzung von 100 Tirailleurs unter einem Unteroffizier zurückgelassen. Am 22. Oktober war der 525 km betragende Marsch von Zinder bis zum Tschadsee beendigt, der bei Wudi erreicht wurde. Am folgenden Tage war die Expedition in Ngigmi im Nordwesten des Sees. Darauf wurde durch das Land Kanem marschiert, und nachdem der Tschadsee im Norden und Osten umgangen war, gelangte die Expedition ohne besondere Fährnisse nach dem Schari-Delta. Die Bevölkerung von Kanem scheint den durchziehenden Truppen keine grossen Schwierigkeiten bereitet zu haben, und Joalland konnte mehrere Schutzverträge in Kanem abschliessen.[50] Der Schari wurde am 10. Dezember 1899 Gulfei gegenüber erreicht.[51]
Joalland hatte schon vorher erfahren, dass Weisse am Schari angekommen sein sollten, und er hoffte, bei Gulfei Gentil mit seinen Truppen zu finden. Seine Enttäuschung war gross, als er hörte, dass diese weit oberhalb am Schari lagerten. Er sandte deshalb eine Rekognoscierungspatrouille auf einem Boote flussaufwärts. Diese stiess jedoch auf eine aus 40 Schiffen bestehende Flotille mit Truppen Rabehs, die sich nach der Schlacht von Kuno nordwärts koncentrierten. Es gelang der Patrouille, Rabeh zu entgehen und zurückzukehren.
Joalland war vollständig im Unklaren über das Schicksal Gentils. Es wurde der überlegenen Streitkräfte Rabehs wegen für unmöglich gehalten, mit der Expedition weiter nach dem Süden zu marschieren. Doch wurde, nachdem man in Erfahrung gebracht hatte, dass der Fluss wieder frei war, zwischen Joalland und Meynier vereinbart, dass diesesmal Meynier selbst einen Vorstoss zu Schiffe wagen sollte, um sich womöglich Gewissheit über das Loos der französischen Schari-Truppen zu verschaffen. Dann sollte die Expedition nach Regelung der Angelegenheiten in Kanem über Zinder den Heimweg antreten.
Die Fahrt Meyniers ging ohne Unfall von statten. Am 28. Dezember bei Gulfei abgefahren, konnte er, nachdem er in 14 Tagen 700 km zurückgelegt hatte, mit den vom Süden gekommenen Franzosen Fühlung gewinnen. Er traf mit dem äussersten vorgeschobenen Posten der Mission Gentils, der, wie bereits erwähnt, unter de Cointet in Sada am Schari sich befand, am 13. Januar 1900 zusammen. Die beiden französischen Offiziere fuhren dann den Strom bis nach Fort Archambault aufwärts, wo das Gros der französischen Streitmacht unter Robillot lagerte. Der vom Westen kommenden Mission war somit das von Cazemajou begonnene Werk gelungen: eine Verbindung mit der von Süden gekommenen Gentil’schen Mission war erreicht.
Bereits am 30. Januar erhielt Meynier eine Nachricht, durch die er von Kapitän Robillot, dem Führer der Gentil’schen Truppen, aufgefordert wurde, am Tschadsee zu verbleiben. Am 8. Februar traf Meynier wieder im Lager Gulfei gegenüber ein. Joalland hatte die Zwischenzeit zu einer weiteren Bereisung von Kanem benutzt.
Eine dritte, vom Norden entsandte Expedition, die „Mission saharienne“, unter dem gelehrten Geographen und Forschungsreisenden Foureau, war schon seit längerer Zeit durch die Sahara unterwegs. Zu ihr gehörten 13 Europäer. Die der Expedition beigegebene starke Schutztruppe wurde von dem Major und Bataillonskommandeur Lamy befehligt. Die Mission hatte grosse Schwierigkeiten aller Art zu überwinden, namentlich schwere Kämpfe mit überlegenen Tuareghorden zu bestehen. Durch Irreleitung von Führern, die erschossen werden mussten, war sie aufgehalten worden; doch gelang es ihr, am 2. November 1899 Zinder über Asben zu erreichen. Wie bereits erwähnt, waren Joalland und Meynier von Zinder bereits am 3. Oktober aufgebrochen. Die Mission fand hier die zurückgelassene Garnison in den besten Beziehungen mit dem Sultan, der Foureau und Lamy ersuchte, ihm zu helfen, die Tessaua seiner Autorität wieder zu unterwerfen. Dies geschah, und bei dieser Gelegenheit wurden 200 Pferde und eine grosse Anzahl Esel neben weiteren Kamelen requiriert, mit welchen man am 25. Dezember den Marsch nach dem Tschadsee antrat.[52]
Bevor der Tschadsee erreicht wurde, traf die Expedition bei Begaro am Komodugu Yobe mit dem Bornuprinzen Omar Sanda zusammen, der zuletzt in Zinder einen Zufluchtsort gefunden hatte. Foureau liess Omar Sanda zum Sultan von Bornu ausrufen und besuchte zunächst Kuka, das er vollständig verödet und in Trümmern liegend fand. Von Kuka aus ging die Expedition, immer von Omar Sanda begleitet, wieder nach Norden und erreichte auf demselben Wege, den Joalland und Meynier genommen hatten, über Ngigme und durch Kanem marschierend den Schari. Gegenüber von Gulfei auf dem rechten Schariufer erfolgte am 24. Februar 1900 ihre Vereinigung mit den Truppen Joallands. Auch der Plan, vom Norden her mit bewaffneter Macht in Achtung gebietender Stärke nach dem Tschadsee zu gelangen, war Frankreich gelungen. Joalland, der der „Mission saharienne“ bis nach dem Orte Deberengi bei Mao entgegen gegangen war, hatte die Neuangekommenen davon unterrichtet, dass die Gentil’schen Truppen vom Süden her im Anzuge begriffen seien.
Der Zweck der „Mission saharienne“ war mit der Erreichung des Schari-Beckens erfüllt. Der Gelehrte Foureau trat Anfang April allein die Heimreise über den Schari und Gribingi durch das französische Kongogebiet an. Die starke Streitmacht der Mission verblieb jedoch am Tschadsee zur Verfügung Gentils und nahm an der Niederwerfung Rabehs thatkräftigen Anteil.
Ihr Führer, der Major Lamy, übernahm zunächst das Oberkommando auch über die Truppen Joallands. Bei dem Orte Mara, den letzterer kurz vor der Ankunft Lamys genommen hatte, wurde am 26. Februar 1900 der Übergang über den Schari bewerkstelligt, und von nun an spielten sich die Ereignisse auf deutschem Boden ab. Rabeh, der noch immer an seiner Wunde litt, lagerte mit dem Gros seiner Truppen in Dikoa. In den einzelnen Städten des linken Schari-Ufers befanden sich starke Besatzungen. Fadel Allah hatte sein Standquartier in Gulfei. Am 3. März fand ein Kampf mit der etwa 1000 Mann starken Besatzung von Kusseri statt. Die Stadt wurde genommen und die erste Fahne Rabehs erobert. Der Bannerführer Kapsul wurde getötet. Kusseri wurde darauf der Stützpunkt der französischen Truppen. Am 9. März bestanden die Franzosen wenige Kilometer vor den Mauern von Kusseri einen Kampf gegen Fadel Allah, der mit etwa 2000 Mann aus Gulfei herangezogen war. Der Sohn Rabehs erlitt eine empfindliche Niederlage und musste 200 Tote und viel Gepäck und Munition zurücklassen. Auf französischer Seite waren nur 5 Tote und 25 Verwundete, darunter 2 Offiziere.
An die Ergreifung der Offensive konnten die bisher vereinigten zwei Expeditionen jedoch nicht denken. Endlich, am 21. April, traf die Truppe Gentils bei Kusseri ein. Es war hohe Zeit. Rabeh selbst war kurz vorher von Dikoa nach dem Schari gekommen und hatte ein befestigtes Lager nur 6 km von der Stadt entfernt bezogen. Er war genau davon unterrichtet, dass Lamy und Joalland grossen Mangel an Munition und Lebensmitteln litten. Rabehs Reiter wurden so dreist, dass sie, nur 400 m vom französischen Lager entfernt, vier mit der Bewachung von Vieh betraute Tirailleurs töteten.
So war denn gerade im rechten Augenblicke die Vereinigung der vom Süden gekommenen Schari-Expedition mit den beiden anderen französischen Missionen erfolgt. Gentil konnte diesen frische Munition bringen. Sein Marsch war nur langsam von statten gegangen. Nur ein Teil seiner Leute und seines grossen Gepäcks hatte auf Schiffen befördert werden können, die sich jedoch von dem Rest der am Ufer marschierenden Leute nicht trennen durften. Die Verproviantierung von 600 Menschen, für die Gentil unterwegs zu sorgen hatte, war mit grossen Schwierigkeiten verbunden. Die Munition allein betrug 500 Schuss für die Kanone, 400 Schuss für das Gewehr Modell 1874 und 500 für das Gewehr Modell 1886.
Es war eine stattliche Truppe unter französischer Flagge im Schari-Delta zusammen: über 800 mit modernen Gewehren bewaffnete und gut gedrillte Soldaten, geführt von zahlreichen europäischen Offizieren. Ein Teil der nördlichen Missionen war auf Pferden beritten und bildete eine geübte Kavallerie. Im einzelnen verfügten die drei Expeditionen über folgende Streitkräfte: Lamy 300 Mann, hauptsächlich algerische Schützen, Joalland 200 Senegalesen, Gentil 300 Senegalesen, Lamy 2 Kanonen, Joalland 1 Kanone, Gentil 4 Kanonen, unter dem Geschütz 5 Gebirgskanonen, Modell 1880, ausserdem hatte sich Gauranga mit mehreren tausend Baghirmileuten, davon viele zu Pferde, eingefunden.
Lamy übernahm als ältester anwesender Offizier das Kommando auch über die Gentil’schen Truppen, und schon am Tage nach der Ankunft der letzteren, am 22. April 1900, erfolgte der entscheidende Zusammenstoss mit Rabeh. In Kusseri wurde eine französische Besatzung zurückgelassen. Es nahmen 700 Soldaten, 30 Spahis und 4 Kanonen, sowie die Baghirmileute am Kampfe teil. Rabeh hatte 5000 Mann, von denen 2000 mit guten Gewehren versehen waren, 600 Reiter und die drei Bretonnet’schen Kanonen zu seiner Verfügung. Es waren dies seine besten Truppen. Sein Sohn Fadel Allah stand in Kornak-Logon mit 500 Gewehren, Niebe, der zweite Sohn Rabehs, in Dikoa mit 400 Gewehren.
Die Franzosen gingen am Schlachttage sofort zum Angriff vor. Der Feind hatte einen 70 cm hohen Erdwall zur Deckung der Schützen um sein durch Pallisaden befestigtes Lager gezogen und auf 300 m alles beseitigt, was der eigenen Schusslinie im Wege stehen konnte. Doch kam den französischen Truppen ausserhalb dieser Zone hohes und dichtes Buschwerk zu statten, welches sie gegen die feindlichen Kugeln schützte, und aus dem heraus sie ihrerseits das Feuer eröffneten. Nach 1½stündiger Beschiessung, nachdem 32000 Gewehrpatronen, 74 Schuss aus dem 80 mm-Geschütz und 20 Schuss aus dem 42 mm-Geschütz abgefeuert waren, wurde ein unwiderstehlicher Angriff ausgeführt, durch welchen die innere Festung des Lagers, der Tata, genommen wurde. Der Feind wurde aus diesem herausgedrängt und begann zu fliehen, verfiel aber auf der anderen Seite des Forts dem Feuer einer weiteren französischen Abteilung. Rabeh selbst war anscheinend seiner Wunde wegen zu schwach zur Flucht und seine Kerntruppen machten daher eine energische Offensivbewegung nach rückwärts, um sich des Tata wieder zu bemächtigen.[53] Bei diesem letzten Zusammenstoss büssten der französische Oberanführer Lamy und der Kapitän de Cointet das Leben ein; aber auch Rabeh fiel auf dem Kampfplatz. Ein Schütze der Mission Afrique centrale brachte den abgeschnittenen Kopf und die rechte Hand des Sklavenfürsten in das französische Lager. Damit war die Schlacht gewonnen, und der Feind floh westwärts nach Dikoa zu. Eine Strecke weit wurde er von der französischen Kavallerie und den Baghirmileuten, von denen 1500 an der Schlacht teilnahmen, verfolgt. Im Lager Rabehs wurden die Fahnen und Kanonen Bretonnets wiedergefunden und grosse Beute gemacht. Ausser Lamy und de Cointet wurden ein französischer Sergeant und 19 Schützen getötet. Der Leutnant Meynier wurde schwer am Bein verwundet. Drei andere französische Offiziere erhielten leichtere Verwundungen. Im übrigen hatten die Expeditionen nur 53 Verwundete, das Heer Rabehs hatte 500 Tote, darunter den Anführer der Reiterei, Guddam.
Den Oberbefehl übernahm nunmehr der zur Foureau’schen Expedition gehörige Kapitän Reibell, der mit 700 Flinten, 30 südalgerischen Reitern, drei Geschützen und zahlreichen zum Teil berittenen eingeborenen Hilfstruppen die Bekämpfung der Söhne Rabehs in Dikoa aufnahm. Ein Teil des geschlagenen Heeres hatte sich zunächst nach Karnak-Logon zu Fadel Allah begeben; als die Franzosen vor die Stadt rückten, war diese geräumt und der Feind bereits nach Dikoa abmarschiert. Weitere Abteilungen der Rabeh’schen Soldateska, die bis dahin in Gulfei und an anderen Plätzen am Schari und Logon gestanden hatten, zogen sich südwestwärts zurück. Schon vor der Entscheidungsschlacht hatten die nomadisierenden Araber im Westen des Schari, verschiedenen Zweigstämmen der Schoa angehörig, sich gegen Rabeh erklärt, und sie waren etwa 10- bis 12000 Mann stark mit ihren Viehheerden, die Foureau auf 15000 Köpfe schätzt, in die Nähe der Franzosen gekommen, wo sie ein eigenes Lager bezogen. Auch die übrige Bevölkerung von Bornu stand Rabeh in keiner Weise zur Seite.
Unbehelligt kamen die Franzosen am 1. Mai in Dikoa an.[54] Die Stadt war in der Nacht zuvor von Fadel Allah eilends verlassen worden, und hier hatte bereits eine allgemeine Plünderung seitens der entfesselten Einwohnerschaft begonnen. Ohne auf Widerstand zu stossen, zogen die Franzosen ein und besetzten den Palast und die Soldatenquartiere Rabehs. Bald darauf flog das grosse Pulvermagazin in die Luft, wodurch der Palast und die Nachbargebäude in Flammen aufgingen. Das Feuer wurde gelöscht, die Ruhe in der Stadt einigermassen hergestellt und schon in der folgenden Nacht die Verfolgung der Söhne Rabehs von Reibell aufgenommen. Das Gros der Franzosen blieb unter dem Befehl des Kapitäns Robillot in Dikoa zurück, wo nunmehr die Plünderung von neuem begann, die erst nach zwei Tagen von Robillot unterdrückt werden konnte. Aus den Trümmern des Palastes wurden 35 alte Festungskanonen und grosse Mengen an Pulver, Munition und Gewehren hervorgezogen.[55]