Rabeh und das Tschadseegebiet

Part 6

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Bis zum Jahre 1898 hatte Rabeh es nur mit eingeborenen Gegnern zu thun gehabt. Jetzt geriet er in Konflikt mit einer europäischen Macht, mit Frankreich, und dank verschiedenen glücklichen Umständen blieben die Waffen der Weissen bei diesem Zusammenstoss in letzter Linie siegreich.

Wohl hatten die Tschadseevölker im Laufe der Jahrhunderte mehr als eine fremde Invasion erduldet. Auf den meisten Thronen innerafrikanischer Staaten sassen Fürstengeschlechter, die nicht eines Stammes mit den eingeborenen Völkern waren. Die Dynastien gehörten höheren Rassen an, teils waren es Fulbe, teils leiteten sie ihren Ursprung aus Arabien selber her. Sie alle waren jedenfalls Muhammedaner, und gerade dieses hatte ihnen das Übergewicht in ihrer neuen Heimat verschafft. Zur Zeit Rabehs aber waren die dominierenden Volksklassen am Tschadsee überall selbst schon Muhammedaner. Bis zum Benuë hin und weit über diesen hinaus hatte der Islam -- wenn auch nicht durchweg -- schon Eingang gefunden. Die Neuerung, welche Rabeh durch die Annahme mahdistischer Ideen schaffen wollte, verfing nicht. Die Kaderi -- und zu dieser Bruderschaft gehören fast alle Bornuleute und das herrschende Geschlecht in Bornu, die Kanemiden -- mussten ihrer religiösen Überzeugung nach den Mahdismus der Derwische von Omdurrman ablehnen. Den gleichen Standpunkt diesem Mahdismus gegenüber vertrat auch der Oberschech der Senussi, der allem Anschein nach selbst im Süden des Tschadsees gegen Rabeh zu wühlen imstande war.

Die rücksichtslose Strenge, mit der der Islam und die Scharia im Hoflager Rabehs geübt wurde, war unbequem, und das tyrannische Auftreten seiner Soldateska hatte ihn über alle Maassen verhasst gemacht.

Wiewohl Rabeh vom Osten kam und als Araber sich ausgab, sahen die Fulbe, Kanuri und die wirklich von Arabern abstammenden Nomadenvölker im Süden des Tschadsees auf ihn herab und bezeichneten den Eindringling verächtlich als Sklaven. In der neuen Heimat, die er sich am Tschadsee schaffen zu können glaubte, vermochte er noch keinen Stützpunkt zu finden, und dies wurde Rabeh in dem Kampfe, den er nunmehr zu bestehen hatte, zum Verderben.

Wäre sein Zusammenstoss mit den Franzosen etwa ein Jahrzehnt später erfolgt, so hätten diese, aller Voraussicht nach, schwierigere Verhältnisse am Tschadsee gefunden. An dem von der neuen Hauptstadt des Usurpators emanierenden Wohlstande hätten auch die eingeborenen Bewohner mehr und mehr teilgenommen. Rabeh und seine Söhne hatten Frauen aus Bornu genommen und naturgemäss hatte sich seine Soldateska gleichfalls durch Heiraten in fortschreitendem Masse mit der Bevölkerung assimiliert. Die dem verrotteten Regierungssystem der Kanemi gegenüber immer noch eine Verbesserung bedeutende Verwaltung des Reiches unter Rabeh hätte trotz harter Bedrückungen doch zur Vermehrung des Wohlstandes und der Widerstandsfähigkeit wie Dikoas so auch des übrigen Bornu beigetragen und die Bewohner von Bornu hätten alsdann in Rabeh den gleichfalls muhammedanischen Begründer einer neuen Dynastie gesehen, den sie gegen fremde Angriffe mitverteidigt hätten, um sich ihre neugefestete Machtstellung in Central-Afrika zu erhalten. Diese mit einiger Wahrscheinlichkeit zu vermutende Entwickelung der Dinge sich vollziehen zu sehen, fand Rabeh keine Zeit. Als die Franzosen ihren Vormarsch gegen ihn begannen, war er in den Augen der Tschadsee-Völker noch der verhasste Eroberer, dessen Joch bitter empfunden wurde. Musste Rabeh doch gegen den Willen der Eingeborenen seine immer neu sich ergänzende Soldateska mit neuen Weibern versehen und für diese Menge von Menschen den nötigen Unterhalt sich verschaffen.

[37] Mandara ist das im deutschen Kolonialatlas von Richard Kiepert, Blatt 2, Äquatorial-Westafrika, abgeschlossen 1892, verzeichnete und in unserer Einflusssphäre gelegene Berggebiet, das Barth auch Wandala nennt. Vergl. Barth Bd. II S. 709, Nachtigall Bd. II S. 382, 433 ff.; Petermanns Ergänzungsheft Bd. XXXIV (1872); Rohlfs No. 2 ff.; Denham and Clapperton Kap. 3 S. 99 ff.; Passarge, Adamaua passim.

[38] Dan ist die Haussa-Bezeichnung für das arabische ibn oder waled = Sohn.

[39] Nach anderen Quellen hätte Rabeh im ganzen dreimal den Anlauf gemacht, das Reich von Sokoto zu erobern, jedesmal aber sei es zum wirklichen Kampfe zwischen den beiden Mächten nicht gekommen. Das erstemal hätte er sehr bald schon nach seiner Festsetzung in Dikoa ein Heer zum Angriff bei Borsari zwischen Kuka und Kano gesammelt. Damals hätte er aus Mangel an Munition den Krieg nicht zum Austrag gebracht. Auch heisst es weiter, dass damals schon die Royal Niger Company sich in dieser Angelegenheit im Interesse des Kaisers von Sokoto verwandt habe. Der zweite Fall wäre der oben beschriebene gewesen, und zum dritten Male hätte Rabeh sich auf dem Kriegspfade nach Westen befunden, als ihm die Ankunft der Franzosen am Schari gemeldet wurde und er zur Bestrafung Gaurangas nach Baghirmi eilte.

[40] Der Tod Haiatus gab neuerdings Veranlassung, dass Gerüchte von der Ermordung Rabehs nach Tripolis drangen. Es hiess, Haiatu habe Rabeh durch seine Tochter vergiften lassen, weil Rabeh in das Land seiner Väter, in Sokoto, eingedrungen sei. Augenscheinlich ist hier der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen. Vergl. den interessanten Brief eines Haussa-Mannes vom 12. Dezember 1897 bei Lippert, Rabeh, in den Mitteilungen des Seminars für orientalische Sprachen, Berlin, 1899, S. 255. Übrigens scheinen Haussa-Leute Haiatu als einen der ihrigen in Anspruch genommen zu haben. Vergl. Passarge a. a. O. S. 189.

VIII. Kämpfe Rabehs mit Frankreich.

Frankreich hat an der Vereinigung seiner am Mittelländischen Meer und am Atlantischen Ocean, im nördlichen Westafrika, gelegenen Kolonieen mit seinem Besitz am Kongo Jahre hindurch mit bewunderungswürdiger Begeisterung gearbeitet. Zahlreiche wissenschaftliche und politische Expeditionen wurden aus Algerien, vom Senegal und vom Kongo nach dem Inneren Afrikas entsandt. Die Einnahme der geheimnisvollen Neger- und Tuaregstadt Timbuktu war ein Ereignis von grösster Tragweite für den westlichen Sudan, und die planmässige Vorschiebung der Posten in Algerien und Tunesien nach dem Süden beweist, dass das gouvernementale Frankreich die Verwirklichung des Projekts einer Transsaharabahn, die von den französischen Kolonialfreunden seit langem gefordert wird, energisch betreibt.[41] In erster Linie aber galt es, am Tschadsee festen Fuss zu fassen, um eine dauernde Verbindung der bisherigen afrikanischen Besitzungen zu ermöglichen und die zukünftige Erbauung der Saharabahn auch politisch zu sichern. Eine grosse Anzahl von Franzosen büssten in diesen Unternehmungen ihr Leben ein.

Durch internationale Verträge sind in den letzten Jahren die riesigen Gebiete Innerafrikas unter die europäischen Kolonialmächte geteilt. Am 5. August 1890 wurde die Grenze des französischen und englischen Interessengebiets im Westen vom Tschadsee durch die Linie Say-Barrua festgelegt. Diese Grenzlinie erfuhr später durch den Vertrag vom 14. Juni 1898 Änderungen, und jetzt werden in Frankreich Stimmen laut, welche, um eine weitere Umgestaltung der Grenze zu erlangen, Kompensationen in anderen Erdteilen, so die Abtretung gewisser Rechte in Neu-Fundland, vorschlagen. Nachdem Deutschland am 15. November 1893 mit England ein Abkommen getroffen hatte, das unsere Westgrenze von Kamerun festlegte, wurde alsdann durch den deutsch-französischen Vertrag vom 4. Februar 1894 die Grenze zwischen dem deutschen und dem französischen Besitz in Innerafrika bestimmt, bei welcher Gelegenheit Frankreich besonders die von Mizon und Maistre geschlossenen Verträge mit eingeborenen Fürsten zu gute gekommen sind. Durch diesen Vertrag hatte das französische Kongogebiet mit seinem Hinterlande einen Zugang zu dem Tschadsee erhalten, und damals schon konnte die Vereinigung des französischen Kolonialbesitzes am Kongo, am Mittelmeer und am Senegal als gesichert erscheinen, eine Vereinigung, die durch das erwähnte französisch-englische Abkommen vom 14. Juni 1898 sowie durch die Déclaration additionelle vom 21. März 1899 eine endgiltige Regelung erfuhr. Bis auf wenige geringfügige noch streitige Punkte waren nunmehr auch die Grenzlinien der französischen und der englischen Interessensphären in Innerafrika festgelegt.[42]

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre wurde französischerseits mit einem grossen Aufgebot von Mitteln daran gegangen, den französischen Einfluss am Tschadsee auch thatsächlich zur Geltung zu bringen. Monsieur Gentil, einer der Civilbeamten des französischen Kongo, war 1897 mit einem Dampfer den Schari bis zu seiner Mündung in den Tschadsee abwärts gefahren. Bei dieser Gelegenheit war es ihm gelungen, mit dem Sultan Gauranga von Baghirmi einen Handels- und Schutzvertrag abzuschliessen. Gauranga zeigte sich französischen Einflüssen zugänglich in der Hoffnung, von Frankreich gegen Rabeh geschützt zu werden. Schwerlich hatte Gauranga ohne die harten Prüfungen, denen er zuvor durch den Sklavenfürsten ausgesetzt war, freiwillig den Franzosen die Arme geöffnet. Es kann fast als ein Wunder bezeichnet werden, dass der kleine Dampfer Gentils unterwegs nicht von den Garnisonen Rabehs am Schari angehalten wurde. Die eingeborenen Bewohner der Schari-Ufer, die infolge der ungewohnten Erscheinung der Weissen und eines Dampfbootes an eine bevorstehende Errettung von dem harten Drucke Rabehs glaubten, leisteten Gentil in jeder Beziehung Vorschub. Dieser begab sich demnächst nach Paris zurück, wohin er einige Baghirmi-Leute mitbrachte, um eine Expedition im grossen Stile vom Süden aus zur thatsächlichen Ausnutzung der von ihm mit dem Sultan von Baghirmi geschlossenen Verträge und zu wirksamem Schutze dieses Landes gegen zu erwartende weitere Einfälle Rabehs vorzubereiten.

Die Rache Rabehs folgte auf dem Fusse. Kaum hatte dieser von dem guten Empfange, den Gauranga den Franzosen bereitet hatte, erfahren, als er mit seinen Truppen den Schari überschritt und nun vom südlichen Kanem an bis zum 9. Breitengrade Baghirmi verwüstete. Eine Stadt nach der anderen wurde eingenommen und zerstört. Gauranga floh vor dem ergrimmten Lehnsherrn, nachdem er selbst seine Hauptstadt Massenja verbrannt hatte, weiter nach Süden in die Heidengebiete. Hierauf ging Rabeh auf das linke Schari-Ufer zurück und bezog wieder seine Residenzstadt Dikoa. Dabei mag mitgewirkt haben, dass in Baghirmi eine gefährliche Hungersnot ausgebrochen war.

Als Gentil sich nach Paris begab, hatte er einen anderen Beamten des französischen Kongogebietes, Prins, mit der Aufgabe betraut, sich an den Hof Gaurangas zu begeben, um als dauernder französischer Resident bei dem Fürsten von Baghirmi zu verweilen. Prins war eben von einer glücklichen Mission zu dem in N‘Delle residierenden Schech Muhammed waled Abu Bakr es Senussi von Kuti zurückgekehrt. Die neuesten politischen Verhältnisse hatten Frankreich gezwungen, die Ermordung Crampels zu vergessen und freundschaftliche Beziehungen mit dem Mörder anzuknüpfen.

Prins fuhr im April 1898 von der Gribingi-Station den Fluss gleichen Namens bis zu seiner Vereinigung mit dem Schari[43], der dort noch den Namen Bamingi führt, herab. Dann setzte er seine Reise auf dem Schari fort. Im Gebiete der Sarra wurde er durch die Nachricht aufgehalten, dass Gauranga sich auf der Flucht vor Rabeh nach dem Süden befände. Mehr westlich am Logon bei den Bua traf er mit Gauranga zusammen und blieb vier Monate bei ihm. Prins gab Gauranga den Rat, zwischen sich und Rabeh durch gänzliche Vernichtung aller Dorfschaften und Saaten eine für die Truppen Rabehs unpassierbare Zone herzustellen. Die Ausführung des Vorschlages erwies sich als erfolgreich. Trotz der misslichen Lage, in der sich Gauranga befand, musste er damals den fälligen Tribut an Sklaven u. s. w. für Wadai sich verschaffen -- auf Kosten der Heidenstämme, in deren Gebiet er sich aufhielt.[44]

Prins wagte Anfang des Jahres 1899 eine Orientierungsfahrt nach Norden. Er schiffte den Schari auf einem eisernen Boote stromabwärts und gelangte auf diesem bis nach Kusseri, etwa 1 km oberhalb der Vereinigung des Logon mit dem eigentlichen Schari. Die Uferbevölkerung des Schari erwies sich auch diesmal den Franzosen gegenüber freundlich, da sie abermals in ihrer Ankunft den Beginn der Rettung vor Rabeh erblickte. In Kusseri erfuhr der französische Vertreter, dass in der unweit westlich gelegenen Stadt Afadé eine etwa 1000 Mann starke Garnison Rabehs sich befinde. Auf der Rückfahrt traf Prins mit Herrn de Behagle zusammen, der einer französischen kaufmännischen Mission angehörte, welche die wirtschaftlichen und Handels-Verhältnisse im Süden des Tschadsees zu studieren beauftragt war. Trotz des dringenden Rates Prins’ liess sich Behagle nicht abhalten, seine Fahrt nach Norden fortzusetzen. Der Unglückliche wurde von den in Afadé liegenden Leuten ergriffen und zu Rabeh geführt. Eine zeitlang wurde er in Dikoa gefangen gehalten. Noch bevor der endgiltige Zusammenstoss zwischen Rabeh und den französischen Waffen erfolgte, soll er dem Verhungern ausgesetzt oder erhängt worden sein.

Inzwischen hatte Gentil, der zum obersten Civilbeamten der ganzen Gegend nördlich von Gribingi ernannt worden war, seine Expedition energisch gefördert, und mit verhältnismässig bedeutenden Machtmitteln ausgestattet erschien er wieder in Afrika. Die Aufgabe, welche er von Paris mitbrachte, war eine doppelte. Erstens sollte er es Gauranga ermöglichen, wieder die Herrschaft in seinem ganzen Reiche anzutreten, und gegebenen Falles Rabeh mit Gewalt von weiteren Angriffen gegen Gauranga abhalten. Zweitens sollte er in Wadai, das nach den jüngsten Vertragsbestimmungen mit England[45] als zur Einflusssphäre des französischen Kolonialbesitzes gehörig erklärt war, Fuss zu fassen suchen und womöglich den Sultan von Wadai bestimmen, gemeinsam mit Frankreich Rabeh zu bekämpfen.

Am oberen Schari angelangt, musste sich Gentil davon überzeugen, dass Rabeh entschlossen war, Gauranga und den Franzosen den Zutritt zu dem nördlichen Baghirmi zu verwehren, und dass nur der Sieg der Waffen zwischen ihnen entscheiden würde. Rabeh hatte Dikoa abermals verlassen und war den Schari aufwärts im Anmarsch begriffen. Es heisst, dass er, als ihm die Ankunft Gentils gemeldet wurde, wieder einmal mit den Vorbereitungen zu einem Kriegszug gegen Sokoto beschäftigt war.

Von den Franzosen waren Verbindungen vom Sitze der Centralregierung des französischen Kongo bis zum Süden Baghirmis etappenmässig eingerichtet worden. In Gribingi befand sich das Hauptquartier Gentils, und dieser sandte einen seiner Offiziere, den Administrateur Bretonnet mit zwei Franzosen, dem Leutnant Braun und dem Maréchal de logis Martin, sowie 30 senegalesischen Schützen, verstärkt durch zahlreiche Eingeborene, als Avantgarde voraus. Ein weiterer französischer Offizier, Durand-Autier, der dem inzwischen nach Frankreich heimgekehrten Prins als französischer Vertreter bei dem Sultan Gauranga gefolgt war, hatte einen französischen Unteroffizier Pouret und 10 Senegalesen bei sich. Rabeh hatte inzwischen in dem schon von Natur geschützten gebirgigen Gebiete von Njellim, ungefähr 20 km südöstlich von Kuno bei Togbao am Schari, 9° 42′ nördlicher Breite, in nächster Nähe der deutsch-französischen Grenze, eine feste Stellung eingenommen. Bretonnet liess sich verleiten, dem Feinde entgegen zu gehen, ohne weitere Verstärkungen abzuwarten. Er schreibt am 17. Juli 1899 an Gentil, dass er seinerseits eine beherrschende, gut zu verteidigende Position, in welcher 30 Mann sich gegen eine Armee halten konnten, bezogen habe, dass er ausser 6 Weissen 44 senegalesische Schützen und 3 Kanonen in einem von ihm errichteten Fort bei sich habe, und dass der Sultan Gauranga mit ungefähr 400 Gewehren bei ihm sei; Rabeh verfüge über 2000 Mann und 1500 Reiter. Später stellte es sich heraus, dass Bretonnet die Streitkräfte seines Gegners weit unterschätzt hatte.[46]

Am folgenden Tage scheint der Zusammenstoss zwischen Bretonnet und Rabeh erfolgt zu sein. Der Kampf endigte mit der vollständigen Vernichtung der Kolonne Bretonnets. Nach dem Berichte Gentils hatte er gegen etwa 12000 Mann zu kämpfen, von denen 2700 mit Gewehren bewaffnet waren. Bretonnet, Braun und Martin wurden getötet. Von den Schützen Bretonnets fielen alle bis auf drei, die verwundet und gefangen wurden. Einem von diesen gelang es, aus der Gefangenschaft zu entkommen und die Nachricht von der Niederlage Gentil zu überbringen. Rabeh selbst hatte starke Verluste. Es hiess, dass sein Sohn Niebe bei dieser Gelegenheit verwundet wurde. Gauranga ergriff wieder einmal die Flucht vor seinem furchtbaren Gegner und setzte sich bei Lai fest. Von Durand-Autier, Pouret und ihren Senegalesen verlautet im ersten officiellen Berichte nichts. Später stellte es sich heraus, dass auch sie gefallen waren. Das gesamte Kriegsmaterial Bretonnets fiel Rabeh in die Hände.

Als Gentil den vorerwähnten Brief Bretonnets empfing, hatte er sich, immer den Schari entlang, mit einer Kompagnie in Eilmärschen auf den Weg gemacht, um der Vorhut Unterstützung zu bringen. In Gaura (9° 20′), am 26. August, erreichte ihn die Hiobspost von dem Untergange Bretonnets. Darauf wurde in Gaura ein Lager bezogen, Verstärkung von Gribingi herbeigeholt und sodann in Tunija (9° 15′) der weitere Vormarsch vorbereitet. Tunija wurde zu einem stark befestigten Fort ausgebaut, das den Namen Fort Archambault erhielt. In den südlichen Stationen waren kleine Besatzungen zurückgelassen worden, in Gribingi 65 Schützen.

Inzwischen hatte sich Rabeh nordwärts nach Kuno zurückbegeben. Gentil erfuhr, dass er sich mit dem Schech Muhammed es Senussi von Kuti vereinigen wolle, um mit ihm gemeinsam die französische Hauptmacht anzugreifen. Infolge dessen ergriff Gentil selbst die Offensive. Den Oberbefehl über die Truppen erhielt der Kapitän Robillot. Die französischen Streitkräfte setzten sich wie folgt zusammen: Erstens die Flotille, deren Führung Gentil persönlich übernahm, bestehend aus einem Dampfboot mit einem Schnellfeuergeschütz, das ein grösseres Boot mit einer anderen Revolverkanone in Schlepptau hatte, ferner aus zwei Stahlbooten und einem Holzboote, das Ganze bedient von 2 Europäern und 45 Eingeborenen, wovon 25 Kombattanten; zweitens die Artillerie, bestehend aus einer Sektion 80 mm-Berggeschütz und einer Sektion 65 mm-Marinegeschütz, geführt von 3 Europäern; drittens drei Tirailleurs-Kompagnien, die eine bestehend aus 3 Europäern und 127 Senegalesen, die zweite aus 3 Europäern und 97 Senegalesen, die dritte aus 3 Europäern und 83 Senegalesen; hierzu kam eine grosse Anzahl eingeborener Träger u. s. w. -- im ganzen, wie der officielle Bericht sagt, 20 Europäer und 344 schwarze Kombattanten.[47] Die erste Kompagnie stand unter dem Befehl des Kapitän Jullien, die zweite unter dem Kapitän de Cointet und die dritte unter dem Kapitän de Lamothe. Im Fort Archambault wurde eine kleine Garnison unter einem Europäer zurückgelassen. Der Vormarsch erfolgte auf dem linken Schari-Ufer, die Truppen stets begleitet von den Schiffen. Am 29. Oktober morgens gelangte man in die Nähe von Kuno. 3 km vor der Stadt wurde die Artillerie von den Schiffen an das Ufer gebracht, das hier wellenförmige Formationen zeigte. Die Träger liessen ihre Lasten zurück und beluden sich statt dessen mit Munition. Darauf ging die Flotille wieder vor und auch die Landtruppen setzten sich kampfbereit in Bewegung. Die Schiffe folgten dem Marsche der Avantgarde.

Der Feind hatte den Anmarsch bemerkt, und als die Kolonne 2 km vor Kuno in die Ebene eintrat, sah sie eine Tirailleurs-Kette der Leute Rabehs 500 m von der Stadt entfernt sich ihr in raschem Lauf nähern. Grössere feindliche Massen strömten aus der Stadt. Gleichzeitig wurde aus den Geschützen der Kolonne und den Revolverkanonen der Flotille das Feuer eröffnet. Rabeh antwortete mit den drei Geschützen, die er von Bretonnet gewonnen hatte. Das feindliche Feuer war gut gezielt und ruhig und verursachte während des ganzen Tages grosse Verluste. Der Kampf hatte 9½ Uhr begonnen. Um 11½ Uhr waren die Truppen bis auf 600 m an die Stadt herangerückt, als der rechte Flügel des Feindes in die hinteren Reihen der Franzosen einzudringen drohte. Aber ein koncentrierter Angriff warf den linken feindlichen Flügel derartig, dass der Eintritt in die Stadt erkämpft wurde, in welche der Feind sich geflüchtet hatte. Die Strassen wurden nach und nach genommen und die Häuser in Brand gesteckt. Jetzt sah man sich einem im Innern der Stadt rechteckig angelegten befestigten Lager (Tata) gegenüber, von dessen Pallisadenmauern ein mörderisches Feuer auf die Angreifer herabgeschickt wurde. Die französischen Reihen wurden im Augenblick decimiert und gezwungen, sich hinter die letzten vor dem Befestigungswerk befindlichen Häuser zurückzuziehen. Um das innere Lager entbrannte darauf ein heisser Kampf. Erst nachmittags um 3 Uhr stellte die feindliche Artillerie ihr Schiessen ein. Damit war die Befestigung jedoch keineswegs genommen. Das Gewehrfeuer seitens der Belagerten wurde energisch fortgesetzt, und eine halbe Stunde später war nur eine einzige der französischen Kanonen noch imstande zu feuern. Der Oberstkommandierende Robillot war verwundet. Eine Bresche war in die feindliche Befestigung nicht geschlagen worden. Bei den Versuchen, das Fort zu erstürmen, wurden immer mehr Leute verloren, und endlich um 4 Uhr nachmittags musste die Belagerung aufgegeben werden. Gleichzeitig aber verbreitete sich die Nachricht, dass Rabeh selbst schwer verwundet und nach Westen geflohen sei. Später hiess es allerdings, Rabeh sei schon am Vormittag verwundet worden, und dies habe dazu beigetragen, dass seine Truppen ins Wanken gerieten und die Franzosen in die Stadt eindringen konnten. Auch wurde in der Folge festgestellt, dass Rabeh selbst bis zum Abzug der Franzosen im inneren Fort von Kuno geblieben ist, während der grösste Teil seiner Truppen schon vorher die Stadt verlassen hatte. Die Besatzung des Forts aber hatte den Beweis geliefert, dass sie, um den Rückzug ihres Herrn zu decken, sich bis auf den letzten Mann hatte niedermachen lassen.

Gentil nimmt an, dass der Feind, wie bei Togbao, 12000 Mann stark gewesen sei. Augenscheinlich waren die Soldaten Rabehs seit langem daran gewöhnt, sich lediglich auf ihre Gewehre zu verlassen. Sie nutzten ihre Kavallerie, als der Gegner siegreich war, in keiner Weise zum Angriff aus. Die Befestigung des Forts in Kuno bestand hauptsächlich aus starken, mehr als 2½ m hohen Pallisaden. Aus den Zwischenräumen der Holzstämme wurde herausgeschossen. An mehreren Stellen war eine zweite Pallisadenreihe in einem zweiten Stockwerke über der ersten angebracht, aus welcher gleichfalls gefeuert wurde. Aus hohen Bäumen im Innern der Befestigung wurde sodann noch wie aus einem dritten Stockwerke geschossen. Der Verlust auf französischer Seite war sehr bedeutend: Ein Europäer und 43 Senegalesen tot, fünf Europäer, unter ihnen der Oberstkommandierende, und 106 Senegalesen verwundet, im ganzen also nahezu die Hälfte der gesamten Truppen ausser Gefecht gesetzt. Die Flotte hatte vortreffliche Dienste geleistet durch Bombardierung der Stadt und Verfolgung des aus der Stadt nach den Ufern sich bewegenden oder flüchtenden Feindes, sowie besonders durch eine regelmässige Zuführung von neuen Patronen und Artilleriemunition. Es waren 300 Schuss 80 Millimeter-Geschütz und 600 Schuss Revolver-Kanone abgegeben worden. -- Auch Rabeh hatte schwere Verluste zu verzeichnen. Unter den Toten, welche er verlor, sollen sich einige seiner besten Offiziere und namentlich einige seiner Bannerführer befunden haben, nämlich Fakih Achmed, der gleichzeitig ein in hohem Ansehen bei ihm stehender Geistlicher und Rechtsgelehrter war, ferner Abu Bekr und Osman Schecho.