Rabeh und das Tschadseegebiet

Part 5

Chapter 53,427 wordsPublic domain

Der Handel von Bornu mit dem Mittelmeer wird durch tripolitanische Kaufleute vermittelt. Seit Jahrhunderten sind Familien aus Tripolis und aus den tripolitanischen Oasen Ghadames und Ghat in den Städten des Tschadseegebiets ansässig geworden, welche für ihre an der Küste lebenden Verwandten und Geschäftsfreunde den Handel vermitteln: sie nehmen die Waren der vom Norden herkommenden Karawanen in Empfang, stapeln sie auf, und verkaufen sie im Innern oder verschicken sie weiter; die Tauschgüter, welche die Karawanenführer nach Tripolitanien zurücktransportieren sollen, bringen sie zusammen und sorgen nach Möglichkeit für die nach der Küste gehenden Karawanen. Vor allem aber haben sie die oft nicht leichten Verhandlungen mit den Fürsten der einzelnen kleinen Staatengebilde, in denen sie sich aufhalten, zu erledigen, um die Karawanen durch deren Gebiet sicher durchzubringen, ohne dass zu viel Zoll von ihnen verlangt wird. Durch Geschenke, welche sie bei solchen Gelegenheiten an die Mitglieder der Höfe und die Fürsten selbst zu zahlen pflegen, haben diese Kaufleute vielfach und namentlich an den Knoten- und Centralpunkten der Handelsstrassen erheblichen Einfluss gewonnen. In einzelnen Hauptstädten der Tschadseeländer sind oft fünfzig und mehr tripolitanische Familien ansässig und zu gewissen Zeiten des Jahres mehrere Tausend Kaufleute, Karawanenführer, Begleitmannschaften und Kameeltreiber aus dem Norden versammelt. Der bedeutendste Platz dieser Art ist jetzt Kano.

Die Centralstelle für diese Karawanenunternehmungen, für den Kredit und die Zahlungen, befindet sich aber nicht in Innerafrika, sondern in der Stadt Tripolis. Die Vermittelung des Geschäfts mit Europa haben hier meist Levantiner in der Hand; der eigentliche Verkehr und Handel mit dem Innern Afrikas, die Ausrüstung, Leitung und Führung der Karawanen, wird von den eingeborenen tripolitanischen Muhammedanern: Arabern und Berbern, besorgt. Meist sind die Karawanenführer die mit grosser Selbständigkeit ausgestatteten Beamten und Vertreter der tripolitanischen muhammedanischen Kaufhäuser, seltener der levantinischen. Die Karawanen bestehen aus grossen Zügen von Lastkameelen, bewacht und geleitet oft von mehreren Hundert Bewaffneten. Der Wert der Handelsgüter, die eine solche Karawane befördert, soll oft bis zu einer Million Mark betragen. Den Gefahren, die durch Hunger und Durst in der Wüste und durch feindliche Überfälle drohen, entspricht die Höhe des erwarteten Gewinns, der gegen 100 Procent des Wertes der nach dem Innern gebrachten Güter zu entsprechen pflegt.

Dieserart ist Tripolis seit Jahrhunderten der Ausgangspunkt für den Handel nach den Saharaländern, von Timbuktu und Sokoto an bis nach Wadai und Darfur hin gewesen. Den Handel im Südwesten des Tschadsees besorgten namentlich Haussa, denjenigen im Osten von Bornu nach Baghirmi, Wadai u. s. w. vor allem wieder Araber.

Eine Einbusse hatte der tripolitanische Handel durch die Ereignisse im Anfange des 19. Jahrhunderts erlitten. In erster Linie war durch die Flotten Napoleons dem Korsarenunwesen in den afrikanischen Gewässern des Mittelmeers ein Ende gemacht worden. Bis dahin mussten europäische Schiffer, die nach diesen Gewässern ohne Schutz verschlagen wurden, gewärtig sein, ihre Mannschaften und Passagiere als Sklaven landeinwärts wandern zu sehen. Mit der Erstarkung der Expansionspolitik der europäischen Mächte, mit der Eroberung Algeriens durch die Franzosen, dem Zurückgehen der türkischen Macht, der Europäisierung Egyptens, dem Verluste der Selbständigkeit von Tunis, sowie vor allem infolge des starken Dampferverkehrs im ganzen Mittelmeer schon vor der Eröffnung des Kanals von Suez war die Verschiffung der aus Centralafrika nach der Küste gesandten Sklaven aus den Hafenorten fast unmöglich geworden. Tripolis, die Hauptstadt der türkischen Regierung in Nordafrika, hörte auf, ein Sklavenstapelplatz zu sein, und gerade der Sklavenhandel aus Innerafrika musste sich in erster Linie einen neuen Weg suchen.

Diesen fand er zum Teil auf der Strasse, welche im Osten aus Wadai durch die Libysche Wüste, über Kufra und Djalo, nach den Häfen der tripolitanischen Provinz Benghazi führte. Die Strasse stand unter dem Patronat des Schech der Senussi; durch den Einfluss der Bruderschaft traten auf ihr in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neben den arabisch-tripolitanischen Kaufleuten die Mudjabera, die Handelsleute der Oasenorte am Nordrande der Libyschen Wüste, in den Vordergrund. Auf dieser Strasse verschaffte sich der Sultan von Wadai die Feuerwaffen, durch die er seinem Lande die Suprematie in Innerafrika zu erhalten imstande war.

Eine weitere Beeinträchtigung erfuhr die Strasse vom Tschadsee über Bilma, Kauar und Murzuk nach Tripolis durch den Zurückgang der Macht der Fürsten von Bornu und das Aufkommen der Fulladynastie in Sokoto. Immerhin ging auch der Handel von Sokoto hauptsächlich nach Tripolis auf der Strasse über Zinder oder direkt über Agades, Ghat und Ghademes. Der Verkehr aus Sokoto über den Niger nach der Atlantischen Küste blieb trotz der Bemühungen der Royal Niger Company noch verhältnismässig gering, vor allem wegen der damit verknüpften Schwierigkeiten und wegen des Zwischenzolls, den unterwegs die kleinen Negerfürsten den Waren auferlegten. Der Handel von Algerien und Tunesien direkt nach dem Süden hin ist bis heute ohne Bedeutung geblieben. Viel weiter von den Tschadseegebieten entfernt, sind diese Länder zudem durch die Gebirgszüge des Atlas von den Ebenen des Inneren abgetrennt.

Schwer gefährdet aber wurden die Interessen der Tripolitaner, als seit dem französischen Vorgehen im westlichen Sudan im Beginne der 80er Jahre und vor allem seit der Eroberung von Timbuktu (am 10. Januar 1894), die Tuareg, jene dunkelfarbigen hamitischen Nomadenvölker, die die westliche Sahara durchstreifen, in Bewegung gekommen und nach dem Osten gedrängt worden waren. Sie hatten in den 90er Jahren Bilma und Kauar mehrfach geplündert. Die Niederwerfung Bornus durch Rabeh hatte das übrige gethan, um die Route über die beiden Oasenorte vollständiger Unsicherheit preiszugeben. Bisher waren die Karawanenführer gewohnt, an die Oasenbewohner und die Stämme der Sahara auf den althergebrachten Strassen mässige Transitzölle zu zahlen, und die Regierung von Bornu hatte immerhin noch einen gewissen Einfluss auf die Saharabewohner ausüben können. Von weither kommende räuberische Tuaregstämme waren jetzt die Alleinherrscher dieser Gegenden geworden.

Rabeh glaubte nun, den durch die geschilderten Momente schon so wesentlich geschwächten Handel zwischen den Tschadseeländern und dem Mittelmeer mit einem Schlage vernichten zu können. Als er, wie wir sahen, mit seinem Freundschaftswerben bei dem Sultan von Wadai und dem Schech der Senussi eine Absage erfahren hatte, schloss er sein Land gegen Osten, Nordosten und Norden vollständig ab und verbot insbesondere die Begehung der Karawanenstrasse vom Tschadsee über die Oasen Bilma und Murzuk nach dem Mittelmeer. Damit sollte nicht nur der Handel Wadais geschädigt und das Wirken der Senussi, die auf dieser Route mehrere Zanijas besitzen, gehemmt, es sollten gleichzeitig die tripolitanischen Kaufleute gestraft werden, denen zu zürnen Rabeh einen besonderen Grund hatte.

Als er nämlich in Bornu einbrach, befand sich dort gerade eine starke tripolitanische Handelskarawane. Die Tripolitaner hatten begreiflicher Weise energisch für die alte Bornu-Dynastie Partei genommen, unter deren Schutz sie den Handel mit den Tschadsee-Ländern betrieben hatten. Einzelne von ihnen hatten sich sogar thätlich an dem Kampf gegen den Eindringling beteiligt. Ihr Eigentum wurde beschlagnahmt, einige wurden getötet, andere gefangen gehalten.

Für die Tripolitaner war die Sperrung der alten Karawanenstrasse natürlich ein schwerer Schlag. Durch die Konfiscierung der Karawanengüter in Kuka waren die grössten Kaufhäuser in der Stadt Tripolis in schwere Mitleidenschaft gezogen. Auch die in den westlichen Tributärstaaten von Bornu, in Zinder u. s. w., angesessenen tripolitanischen Kaufleute mussten für ihre Habe und ihre Sicherheit besorgt sein. Drei Jahre lang, von 1894-1896, wurden keine Karawanen von Tripolis nach dem Tschadsee und solche nach Zinder und Sokoto nur vereinzelt und in kleinem Umfange geschickt.

Naturgemäss musste der Handel der Tschadseeländer, dem die alten Wege nach Osten und Norden verlegt waren, neue Ableitung suchen. Dafür konnte jetzt nur eine Richtung in Betracht kommen, nach dem Südwesten über den Benue und den Niger zum Meer. Die Interessen der Royal Niger Company, welche den centralafrikanischen Handel über diese Wasserstrasse an sich ziehen und nach dem Atlantischen Ocean lenken wollte, trafen sich hier mit denen Rabehs, und es scheint, dass die englische Gesellschaft damals mit Rabeh in Verbindung getreten ist[32] Nach einer französischen Auslassung[33] wäre Rabeh sogar seiner Zeit von der Niger Company aufgefordert worden, Bornu, mit dessen Sultan ihr Vertreter Mackintosh im Jahre 1892 vergebens Verbindungen anzuknüpfen versucht hatte, zu überrennen. Es heisst ferner, dass auch der Einfluss des in Egypten lebenden Zuber Pascha aufgeboten worden sei, um Rabeh für die Ableitung des Handels der Tschadseeländer nach dem Gebiete der Royal Niger Company zu gewinnen.[34]

Wadai hatte inzwischen für den ausbleibenden Handel über Bornu Ersatz in einer sich desto kräftiger entwickelnden Handelsthätigkeit auf der Strasse über Kufra nach Benghazi gefunden. Der Schech der Senussi leistete dieser Entwicklung, die den Handel Wadais durch sein eigentlichstes Machtgebiet führte, jeden Vorschub.[35] Um jene Zeit wurde ein besonders starker Import von Gewehren und Schiessmaterial aus Benghazi nach Wadai festgestellt.

Rabeh musste sich sehr bald überzeugen, dass er sich verrechnet hatte und dass es nicht so leicht ist, einen Handel, der seit Urzeiten eine bestimmte Richtung besessen hat, willkürlich in andere Bahnen zu führen. Wohl hatte der Sklavenfürst den tripolitanischen Kaufleuten ausserordentlich grossen Schaden zugefügt, aber der Handel Bornus mit dem Benuë und Niger wurde dadurch in keiner für den ausbleibenden Verkehr mit dem Norden Ersatz bietenden Weise gefördert. Da die Tripolitaner auch die Seele der Handelsthätigkeit in Zinder, Kano und den sonstigen Sokotostädten waren, und sich infolge des schroffen Vorgehens Rabehs mehr und mehr aus den seiner Machtsphäre am nächsten gelegenen Orten zurückzogen -- ganz abgesehen davon, dass sie nicht ihre Hand bieten mochten, um den Verkehr mit dem Norden unterbinden zu helfen --, so geriet auch der Handel Bornus mit dem Westen ins Stocken, und Rabeh konnte den Überschuss seiner Einnahmen an Naturalien und seine Beute nun nicht mehr in der gewünschten Weise gegen Waffen, Munition und dergleichen umsetzen.

Infolgedessen zog er andere Saiten auf und gab die Strasse vom Tschadsee nach Norden wieder frei. Es kam hinzu, dass der Pascha von Tripolis Rabeh direkt zur Wiederbelebung des Handels mit dem Mittelmeere aufgefordert hatte, ein Schritt, der von Rabeh dem Vertreter der türkischen Regierungsgewalt im Norden gegenüber mit Höflichkeitsbezeugungen beantwortet wurde. Die gefangen gehaltenen tripolitanischen Kaufleute wurden aus der Haft entlassen, und Rabeh versicherte die Karawanenführer und Kaufleute aus Tripolis nunmehr seines Schutzes. Für Tripolis war dies die höchste Zeit. Ich habe mich dort während eines Besuches davon überzeugen können, wie diese Stadt vollständig auf den Handel mit dem jenseits der Sahara gelegenen Hinterlande im Innern Afrikas angewiesen ist.

Zwar liessen sich einige der von Rabeh freigelassenen Händler jetzt in Dikoa nieder; aber das Misstrauen der übrigen tripolitanischen Kaufleute im Innern und an der Küste war nicht so leicht zu beschwichtigen. Abgesehen von der stets wachen Furcht vor einer neuen Sinnesänderung des Herrn von Bornu war die ganze Gegend im Norden des Tschadsees in jüngster Zeit nur noch sehr schwer passierbar geworden. Die Schreckensherrschaft der ungezügelten Tuareg-Horden, die jetzt hier ihr Unwesen schlimmer als jemals zuvor trieben, lähmte den Unternehmungsgeist der Kaufleute an der Küste.[36] Die in Zinder und den verschiedenen Hauptorten des Sokoto-Reiches ansässigen tripolitanischen Händler verhielten sich geradezu ablehnend gegen Rabeh und zeigten sich nicht gewillt, ihn durch Zuführung von Waffen und Munition weiter zu stärken. Statt dessen begannen sie bei den Fürsten im Westen von Bornu zu intriguieren, die sie zu gemeinsamen Vorgehen gegen Rabeh vereinigen wollten.

[29] Der Beiname Hadji („Mekkapilger“) findet sich auch bei centralafrikanischen Fürsten früherer Jahrhunderte.

[30] Namentlich haben Barth (Reisen und Entdeckungen in Nord- und Centralafrika in den Jahren 1849-55) und Nachtigal (Sahara und Sudan, Ergebnisse 6jähriger Reisen in Afrika, 1868-1874) die Geschichte der Tschadseeländer in zum Teil sehr eingehender Weise an Ort und Stelle aufzeichnen können, und dieses Material ist in den am Schlusse dieser Arbeit gegebenen geschichtlichen Abrissen von mir mit benutzt worden.

[31] Über die hauptsächlichsten innerafrikanischen Karawanenstrassen vergl. den Anhang.

[32] Vergl. Ferryman, Imperial Africa, S. 356.

[33] Vergl. Jacques Daunis, Un Conquérant Soudanais, in der Revue de Paris 1897, S. 362.

[34] Sei dem, wie ihm wolle, jedenfalls hat Zuber Pascha nach der Eroberung von Bornu keinen Einfluss mehr auf seinen ehemaligen Mann gehabt. Wohl hatte er viele Jahre lang Beziehungen mit Rabeh unterhalten, und es ist oben bereits darauf hingewiesen worden, dass Rabeh seinem früheren Herrn im Beginne seiner selbständigen Laufbahn ein gewisses freundnachbarliches Verhältnis mit Wadai zu verdanken hatte, wiewohl er sich in Dar Runga und Kuti festgesetzt hatte, einem Gebiete, das nominell zu den Tributärstaaten von Wadai gehörte. Im Jahre 1896 sind auch noch Boten Zubers an Rabeh von Egypten nach Bornu aufgebrochen, sie wurden jedoch durch die Machenschaften der Senussi in Djalo aufgehalten und nach Egypten zurückgeschickt, wie auch in der Folge die Senussi die Sendung von Nachrichten an Rabeh möglichst zu hintertreiben versucht haben.

[35] Er verlegte, wie gesagt, im Jahre 1896 seine Residenz von Djerabub nach der im Zuge der neuen Handelsstrasse mitten in der Libyschen Wüste gelegenen Oase Kufra und später noch weiter südwärts nach Goru im Lande Borku.

[36] Im Jahre 1901 ist wieder eine tripolitanische Karawane in der Nähe von Agades nördlich von Zinder von Tuareg ausgeraubt worden. Die Karawane soll Waaren im Werte von mehr als einer halben Million Franken mit sich geführt, und bei ihrer Verteidigung sollen 200 Karawanenleute ihr Leben verloren haben. -- Sollten die Beraubungen der Karawanen in der Sahara durch die Tuareg noch länger andauern, würde der Stadt Tripolis die Lebensader abgeschnitten sein.

VII. Neue Kämpfe Rabehs.

Über ein Jahr scheint Friede in dem Rabeh’schen Reiche geherrscht zu haben. Die Völkerschaften standen unter dem Eindruck der Umwälzung aller bisherigen Verhältnisse und waren derartig eingeschüchtert durch das energische und rücksichtslose Auftreten des brutalen Eroberers, dass sie an keine Erhebungen dachten und Rabeh ihren Tribut sandten.

Die ersten Kämpfe, welche nach seiner Festsetzung in Dikoa gemeldet werden, scheinen im Norden Baghirmis oder im Süden der noch zu Kanem zu rechnenden Gebiete am Ostufer des Tschadsees stattgefunden zu haben. Sie müssen nicht bedeutend gewesen sein. Der Sieg der Rabeh’schen Waffen war rasch und die Folgen anscheinend nicht besonders drückend für die betroffenen Gegenden. Die Leute von Dekena und Assala, Vasallen von Wadai, mussten Rabeh Tribut zahlen. Dieses Vorgehen wurde vom Sultan Jussuf von Wadai mit einer Kriegserklärung an Rabeh beantwortet, die jedoch keine Folgen hatte.

Der erste wirkliche Krieg richtete sich gegen Mandara,[37] das unweit im Süden der Hauptstadt Dikoa gelegene Bergland, welches die Tschadseeebene vom Benue-Gebiet und Adamaua trennt. Hier hatte der bereits erwähnte älteste Spross des entthronten Königshauses von Bornu, Omar Sanda, Zuflucht bei dem angestammten Duodezfürsten gefunden, und allem Anschein nach wollte er von hier aus die Rückeroberung seines Reiches vorbereiten. Mandara weigerte Rabeh den Tribut, und Rabeh ging deshalb gegen das Bergland vor. Der König von Mandara und der Bornu-Prinz unterlagen im Kampfe, der Sultan von Mandara wurde getötet. Rabeh nahm die Hauptstadt ein, verwüstete das umliegende Land und erbeutete zahlreiche Sklaven. Dem Sohn und Nachfolger des Mandarafürsten gelang es aber, in die südlich gelegenen schwer zugänglichen Berge zu flüchten und den Verfolgungen Rabehs sich zu entziehen. Der Sieger kehrte mit reicher Beute beladen nach Dikoa zurück. Doch war im Grunde genommen dieser Kriegszug erfolglos, denn Mandara konnte sich seine Selbständigkeit bewahren. Der neue Sultan von Mandara wagte es sogar später, zweimal grössere Züge in die von Rabeh besetzte Ebene auszuführen, die wieder Repressalien seitens des Eroberers zur Folge hatten. Überdies hinterliess das Vorgehen gegen Mandara eine Verstimmung bei dem Kaiser von Sokoto, welcher die Lehnsoberhoheit über das Bergland beansprucht.

Demnächst sah Rabeh sich veranlasst, Zinder mit Krieg zu überziehen, dessen Sultan Achmed Jakudima dan[38] Ibrahim (Tanemo) zu grossem Wohlstande -- und damit geht im Innern Afrikas Macht Hand in Hand -- gelangt war, so dass sein Vasallenverhältnis zu Bornu in den letzten Jahrzehnten bereits locker geworden war. Zinder war, wie erwähnt, einer der Hauptsitze der tripolitanischen Händler und hierher hatte sich auch Omar Sanda, der Sohn des entthronten Bornusultans Haschem, der sich in Mandara nicht mehr sicher fühlte, geflüchtet.

Rabeh hatte im Jahre 1896 einen Residenten in Zinder eingesetzt, um seinen Vasallen besser überwachen zu können. Der Sultan von Zinder versagte aber den Tribut und verstand es, eine Reihe weiterer Duodezfürsten im Westen von Bornu zu bewegen, gemeinsame Sache mit ihm zu machen. Es waren dies der Sultan Duna von Beddi, Abdu ibn Sultan Djebril von Katagum, Na‘am ibn Bochari von Chadidja und Sultan Abdu ibn Habu von Gumel. Chadidja und Katagum gehören zu den im Vasallenverhältnis zu Sokoto stehenden Staaten. Es heisst, der Schech der Senussi habe den Sultanen von Zinder und Gumel, zwischen welchen Differenzen entstanden waren, die Mahnung zugehen lassen, sie sollten die Streitigkeiten unter einander vergessen und lieber gegen den neuen Friedensstörer sich verbünden.

Rabeh schickte seinen Sohn Fadel Allah gegen die widerspenstigen Fürsten. Das erste Ergebnis war, dass das nächst gelegene Beddi schwer heimgesucht und wieder unter Abhängigkeit gebracht wurde. In dem Zusammenstoss mit den Leuten Zinders und seiner anderen Verbündeten war Fadel Allah jedoch unglücklich. Die Herren von Beddi und Gumel sollen bei diesen Kämpfen gefallen sein, aber nach schweren Verlusten musste Fadel Allah unverrichteter Sache sich zurückziehen. Bis zu Rabehs Tode hat Zinder seiner Tributpflicht nicht mehr genügt, vielmehr sich feindlich verhalten.

Dieser unglückliche Kriegszug ist von den Gegnern Rabehs zu einem grossen Triumphe seiner Feinde aufgebauscht worden. In Tripolis tauchten falsche Nachrichten von dem Tode Rabehs und seines Sohnes Fadel Allah auf, die bis nach Europa drangen und sich übrigens auch in der Folge mehrfach wiederholten.

Bald darauf rüstete sich Rabeh zu einem weiteren Kampfe im Westen. Diesmal galt es, den Sultan von Sokoto selbst anzugreifen. Über die genauen Gründe für diesen Krieg ist es einstweilen noch schwer, bestimmte Angaben zu machen. Zunächst zürnte Rabeh dem Kaiser von Sokoto, weil dieser seine Vasallenfürsten von Katagum und Chadidja nicht von der vom Sultan von Zinder geschaffenen Koalition gegen ihn abgehalten hatte. Vor allem aber dürften handelspolitische Erwägungen und der Einfluss der in Sokoto angesiedelten tripolitanischen Kaufleute den Kampf zwischen dem neuen Herrscher von Bornu und dem Kaiser von Sokoto veranlasst haben. Ferner scheint es, dass Haiatu nunmehr das Ziel seiner Wünsche zu erreichen hoffte, den Thron von Sokoto zu besteigen oder wenigstens für seinen Sohn Mundjeli zu sichern, der einstweilen das von ihm gegründete kleine Reich Balda im Süden von Bornu für ihn verwaltete. Das Verhältnis zwischen Rabeh und Haiatu wurde naturgemäss in Sokoto ebenso unliebsam vermerkt, wie der Angriff Rabehs auf Mandara.

Die Vorbereitungen zu dem Kriege gegen Sokoto müssen sehr umfassend gewesen sein. Zum zweiten Male stellte sich Rabeh einer Völker-Koalition entgegen, indem jetzt die sämtlichen im Westen von Bornu gelegenen Tributärstaaten des Kaiserreiches, durch die materielle Interessengemeinschaft zusammengeführt, sich mit ihrem Oberherrn zum Kampf verbanden, obgleich dessen Autorität im Osten seines Reiches in den letzten Jahrzehnten stark erschüttert war.

Indess wurde der Kampf zwischen Rabeh und Sokoto nicht zum Austrag gebracht. Wohl wird von Gefechten gesprochen, die im Osten Kanos stattgefunden haben und für Rabeh günstig ausfielen, während einzelne seiner Truppenführer in kleineren Scharmützeln geschlagen wurden. Rabeh beutete seinen Erfolg aber nicht aus, sondern kehrte, noch bevor er Kano erreichte, mit seinem grossen wohlgerüsteten Heere nach Dikoa zurück. Über die Gründe dieses Verhaltens laufen die widersprechendsten Gerüchte um; Abgesandte des Emirs von Yola und der mit diesem damals verbündeten Royal Niger Company sollen Rabeh bewogen haben, von einem Kampf gegen den Kaiser von Sokoto, den Oberlehnsherrn von Yola, abzustehen. Andererseits heisst es, dass ernste Zwistigkeiten zwischen Rabeh und Haiatu ausgebrochen waren, dessen ehrgeizigen Planen Rabeh nicht weiter Vorschub leisten wollte.[39]

Wie dem auch sei, kaum nach Dikoa zurückgekehrt, hatte Rabeh es mit einem Aufstande Mundjelis, des Sohnes Haiatus, zu thun, der den in Balda bei ihm zurückgelassenen Residenten oder Vertrauensmann Rabehs getötet oder vertrieben hatte. Um diese Zeit wurde Haiatu, wenn nicht auf Veranlassung, so doch zweifellos mit Wissen Rabehs ermordet. Rabeh soll von Haiatu verlangt haben, seinen Sohn nach Dikoa zu bringen, was von Haiatu mit der Entschuldigung abgelehnt worden sei, dass er keine Macht mehr über ihn besitze. Darauf seien Truppen gegen Mundjeli geschickt worden, die erfolglos gekämpft hätten, und Rabeh habe dann Haiatu, den er im Verdacht hatte, mit seinem Sohne zu konspirieren, getötet. Von anderer Seite wird berichtet, der fromme Haiatu habe in seiner Eigenschaft als Kadi einen wegen Mordes angeklagten höheren Offizier Rabehs zu töten befohlen. Infolgedessen sei es zum Kampfe zwischen den alten Soldaten Rabehs, geführt von Fadel Allah, und Haiatus Parteigängern gekommen, und in diesem Kampfe sei Haiatu zur Sühne des Todes des alten Basingers selbst erschlagen worden. Wahrscheinlich sind beide Lesarten zu vereinigen. Rabeh traute seit langem Haiatu nicht mehr, Mundjeli dürfte Selbständigkeitsgelüste gezeigt und Rabeh einen strengen Richtspruch Haiatus als Anlass benutzt haben, um diesen durch die Freunde des Abgeurteilten töten zu lassen. Mundjeli hat sich jedenfalls in der Folge unterwerfen müssen. Das von Haiatu gegründete Staatswesen von Balda ist zerfallen.[40]

Im Jahre 1898 erfolgte ein Aufstand in Kuka. Die Stadt, welche seinerzeit von Rabeh nach siebentägiger Plünderung verlassen wurde, war, wie erzählt, mit seiner Erlaubnis nach Errichtung der Hauptstadt Dikoa teilweise wieder aufgebaut und mit einer Besatzung belegt worden. Der Aufstand wurde mit Energie niedergeworfen, und nunmehr wurde Kuka zum zweiten Male derart zerstört, dass die Franzosen den einst so volkreichen Ort im Jahre 1900 völlig verödet vorfanden.