Part 4
Darauf wälzte sich Rabeh mit seinem Heere den Tschadsee entlang nach dem Westrande der grossen Wasserfläche und dann nordwärts direkt auf die Hauptstadt Kuka zu. Es heisst, dass ein Kadi des Sultan Haschem, ein Schech Muhammed, von Rabeh bestochen worden sei. Auch herrschte Uneinigkeit zwischen Haschem und seinem Neffen Abu Kiari, der seit langem schon im Streit mit seinem Oheim lag und den Thron von Bornu für sich zu gewinnen trachtete. Haschem wollte das Feld dennoch nicht ohne Kampf räumen, und die Kanuri, so kriegsungewohnt sie waren, wollten nicht ohne Weiteres einem Fremden sich beugen. Mit einem gewaltigen Aufgebot von Menschen zog Haschem dem Feind entgegen. Bei Taghba, südlich der Hauptstadt Kuka, kam es zur Schlacht. Das grosse, aber in den Waffen nicht geübte und schlecht geführte Bornuheer wurde auf das Haupt geschlagen und vollständig zersprengt. Die Bornuleute flüchteten in wilder Hast, Haschem selbst wagte es nicht einmal, sich in die Stadt Kuka zu werfen, sondern floh nach Westen in der Hoffnung, bei dem thatkräftigen Sultan von Zinder, einem seiner Tributärfürsten, eine Zuflucht zu finden, wenngleich das Abhängigkeitsverhältnis Zinders zu Bornu in jüngster Zeit ins Wanken geraten war.
Rabeh kam die Eifersucht zwischen Abu Kiari und Haschem abermals zu Statten. Abu Kiari verfolgte Haschem, den er zwei Tagereisen westlich von Kuka einholte und tötete. Rabeh hatte inzwischen bei Mbane, einem Orte in der Nachbarschaft von Ngornu, etwa eine Tagereise südlich von Kuka, am Tschadsee, sich gesammelt, um die Belagerung Kukas vorzubereiten. Hier wurde er von Abu Kiari überrascht und geschlagen. Es war dieses die einzige Niederlage, die sich Rabeh seit Jahren zugezogen hatte und mit dem nicht glücklichen Kampfe gegen die Truppen von Wadai im Wadi Salamat der zweite Misserfolg seiner Waffen, seitdem er den egyptischen Sudan im Jahre 1879 verlassen hatte. Aber während die siegreichen Leute Abu Kiaris das Lager Rabehs plünderten, kehrte dieser zurück und schlug nun die Bornu-Truppen so gründlich, dass seit dieser Zeit an einen ernstlichen Widerstand nicht mehr zu denken war. Abu Kiari selbst wurde gefangen und getötet. Es heisst, dass Rabeh seine Unterfeldherren nach der erlittenen Schlappe gründlich habe durchprügeln lassen, bevor dann zum Angriff gegen Abu Kiari geschritten wurde.
Jetzt rückte Rabeh gegen Kuka vor, das mit leichter Mühe eingenommen wurde. Die Stadt, eine der grössten und volkreichsten Innerafrikas, wurde geplündert und vollständig zerstört. Zahllose Kanuri wurden getötet, unter ihnen die sämtlichen obersten Chargen des grossen Hofstaates des verstorbenen Königs, sowie eine ganze Anzahl Prinzen des königlichen Hauses. Von den zahlreichen Söhnen Haschems konnten sich einzelne nach Zinder retten, einigen anderen scheint Rabeh das Leben geschenkt zu haben; offenbar ging er dabei von der Anschauung aus, dass ihr Vater nicht im Kampfe gegen ihn gefallen, sondern das Opfer des rebellischen Abu Kiari geworden wäre. Diese lebten in der Folge in der Nähe des neuen Herrn des Landes, allerdings unter strenger Aufsicht, mit Pensionen, welche ihnen von dem Sieger ausgezahlt wurden. Der einflussreichste und im Sinne des Seniorats dem erledigten Throne am nächsten stehende Prinz Omar Sanda, der älteste Sohn Haschems,[28] floh zunächst zu dem mächtigen Sultan von Mandara und später nach Zinder.
Auch das grosse Reich Bornu war somit dem kühnen Eroberer anheimgefallen.
[22] Vergl. Wingate, Mahdism and the Egyptian Sudan, London 1801, S. 375 ff. und 456.
[23] Der Singular von Fulbe ist Pullo. (G. A. Krause in seinem Beitrag zur Kenntnis der Fulischen Sprache in Afrika verdeutscht sie „Fulen“.) Die Franzosen nannten sie auch Peul, die Araber Fulla, ferner Fellata.
[24] Aliu fand Barth im Jahre 1853 an der Regierung.
[25] Vergl. Passarge, Adamaua, Berlin 1895, S. 190.
[26] Allem Anscheine nach hatte Rabeh das Geld als Eigentum des Mahdi erklärt, um so seinen Kriegsschatz besser hüten zu können.
[27] Der Mahdi und der Chalifa Abdullahi et Taischi haben mehrfach Emirate über Gegenden, die noch nicht mahdistisch geworden waren, verliehen; so lebt in Kairo ein reicher Kaufmann, der mit den Sudanländern seit langer Zeit Handel treibt und dem der Mahdi das Emirat über Damaskus übertragen hatte.
[28] Nach anderen wäre dieser Omar (auf Kanuri: Sanda) ein Bruder Abu Kiaris, also ein Neffe Haschems gewesen.
VI. Das Tschadseereich Rabehs.
Die Hauptstadt Kuka hatte Rabeh derartig der Verwüstung anheimgegeben, dass ein Verbleiben an diesem Platze schon aus gesundheitlichen Gründen nicht rätlich erschien. Er liess in den Trümmern der Riesenstadt nur eine Besatzung zurück, um die einige Stadtteile wieder aufbauenden Kanuri in Schach zu halten. Er selbst zog mit dem Gros seiner Truppen nach dem Süden des Tschadsees und gründete sich hier in dem bereits seit langer Zeit bestehenden, damals aber unbedeutenden Orte Dikoa am Südwestrande des Sees auf deutschem Gebiet unweit der englischen Grenze die Residenz, in welcher er seine Herrschaft über das neue von ihm gewonnene Reich und die früher eroberten Gebiete ausübte. Dikoa war bereits früher einmal, im Anfang des 19. Jahrhunderts, für kurze Zeit die Hauptstadt des Bornu-Reiches gewesen. Die Stadt liegt in der nördlich des Berglandes von Mandara sich bis zum Tschadsee ausdehnenden weiten Ebene, die allem Anscheine nach zu den fruchtbarsten und bevölkertsten Gebieten Innerafrikas gehört.
Mit der Niederwerfung Bornus hatte sich Rabeh ein Reich geschaffen, wie es in dieser Ausdehnung seit Jahrhunderten in Afrika nicht mehr bestanden hat. Die angestammten Fürsten der innerafrikanischen Staatengebilde, welche früher dem schwachen Haschem noch tributär geblieben waren, huldigten dem neuen Herrn von Bornu. Baghirmi war in Rabehs Macht. In den wichtigsten Städten am Schari, in Mandjafa, Buguman, Karnak-Logon, Kusseri und Gulfei sowie in den kleinen Negerstaaten südlich von Baghirmi waren Besatzungen, aus Rabeh’schen Sudanesen bestehend, zurückgelassen. In Kuti sass der Schech Muhammed waled abu Bakr el Senussi, der Schwiegervater seines Sohnes, als sein tributpflichtiger Vasall. Selbst in Dar Fertit und Dar Banda, dem Schauplatze der ersten Thaten Rabehs nach seinem Auszuge aus dem egyptischen Sudan, sollen seine Gefolgsleute noch um diese Zeit die Oberhand behalten und sich als seine Mannen betrachtet haben, wenn auch eine regelmässige Zusendung von Tribut auf diese riesige Entfernung hin wohl kaum aufrecht erhalten werden konnte.
Das von Rabeh beherrschte oder zu seinem Einflussgebiete gehörige Reich grenzte somit im Westen an das Staatengebilde von Sokoto, im Süden an das zu Sokoto gehörige Emirat Adamaua, weiter verlief die Grenze, nach Südosten weit ausholend, fast bis zum Ubangi. Die Ostgrenze bildete das egyptische Mahdistenreich, die Nordgrenze Wadai mit seinen westlichen Tributärstaaten, zu welchen auch Kanem gehörte, wenngleich südlichere Distrikte des letztgenannten Gebiets sich auch in ein Tributverhältnis zu Rabeh begeben hatten. Im Nordwesten wurde das Reich Rabehs begrenzt durch den nördlichen Rand des Tschadsees und die von Tibbu-, arabischen und Tuareg-Stämmen bewohnten und durchstreiften Gebiete der Sahara.
Das Rennen nach dem Tschadsee, das gerade um jene Zeit von verschiedenen europäischen Mächten von Westen, Süden und Norden unternommen wurde, gewann also ein aus dem Osten kommender Outsider, ein muhammedanischer Schwarzer.
Der afrikanische Napoleon bemühte sich nunmehr, seinem Reich ein festes Gefüge zu geben. Diese Aufgabe ist ihm nicht gelungen, derart dass er in der Lage gewesen wäre, die finanziellen und militärischen Hilfsquellen der sämtlichen von ihm eroberten Gebiete sich nutzbar zu machen. Der Grund dafür lag zunächst in der gewaltigen Ausdehnung seines Reichs. Er fand einfach keine Zeit, es in eine feste Organisation zu bringen. Dann aber glückte es ihm nicht, irgend eines der grossen neu gewonnenen Länder dermassen an sich zu binden, dass er auf dessen Bevölkerung bauen und in Kriegszeiten eine willige Gefolgschaft sich hätte sichern können. Er blieb somit im Grunde auch in der Folge nur auf seine aus aller Herren Ländern zusammengewürfelte Soldateska angewiesen. Diese war wohl geeignet, fremde Länder zu erobern, nicht aber unter den obwaltenden Umständen das Rückgrat für eine staatliche Organisation zu bilden, wie dies bei einer angestammten Bevölkerung der Fall gewesen wäre.
Nachdem er alte, festgegliederte Staaten über den Haufen geworfen hatte, in welchen ihm alle Sympathien fehlten, konnte er nur in so weit eine wirkliche Regierungsgewalt ausüben, als die Macht der Truppen seines Hauptlagers und seiner detachierten Besatzungen reichte, und das war im Grunde genommen, nachdem er einmal in Dikoa seine Residenz aufgeschlagen, nur im Bornureich selbst. Die im näheren Umkreis wohnenden Fürsten huldigten ihm aus Furcht, und Rabeh beschränkte sich darauf, Tribut von ihnen einzufordern. Wenn er selbst aus den weit im Osten liegenden Gebieten noch Unterwürfigkeitsbezeugungen und Geschenke empfing, so mag dabei die leicht erklärliche Besorgnis mitgespielt haben, dass der Eroberer dermaleinst nach Osten zurückkehren müsse, wenn er sich in den westlichen Gebieten am Tschadsee nicht mehr würde halten können.
Im allgemeinen hatte er die angestammten grösseren und kleineren Fürsten der von ihm eroberten Landschaften als Vasallen an der Regierung belassen und nur hin und wieder neue Gouverneure eingesetzt. Den Vasallen gab er alsdann ihm treu ergebene Leute als Berater und Beobachter bei. Wo er mit seiner Soldateska nicht thatsächlich die Hand auf die Bevölkerung legte, hatte diese im Grunde genommen nur den fremden Oberherrn, den die kleinen Fürstentümer so wie so gewöhnlich besassen, gewechselt oder einen neuen Oberherrn hinzubekommen. Dabei scheint Rabeh den Grundsatz zur Richtschnur gemacht zu haben, dass die bisherigen Steuern erhalten bleiben sollten, aber die eine Hälfte des Ertrages musste jetzt nach Dikoa abgeführt werden, während die andere Hälfte den Vasallenfürsten verblieb. Selbstverständlich ist dieser Grundsatz bei den von der Centralstelle weiter abliegenden Ländern wohl niemals in vollem Umfange zur Durchführung gelangt. Der näher befindliche Sultan Gauranga scheint allerdings furchtbar unter den Ansprüchen Rabehs gelitten zu haben. In Bornu selbst verlangte Rabeh eine Kopfsteuer im Betrage von 1 Rial für jeden Mann.
Für die Verwaltung des Rabeh’schen Reiches gab ebenso wie für seine Eroberungspolitik der Islam den Grundton an.
In Dikoa wurde das muhammedanische Recht (die Scharia) gehandhabt, welches die Strafen der Wiedervergeltung und blutige Ahndungen für gewisse Verbrechen, das Abschlagen der Hand für rückfälligen Diebstahl u. s. w., vorschreibt. Haiatu, den Rabeh, wie berichtet ist, zum obersten Richter, zum Kadi, gemacht hatte, wird als ein gründlicher Kenner des koranischen Rechts geschildert und war zweifellos ein Mann von besonderer Bildung. Dass man in Centralafrika einem verhältnismässig hohen Bildungsgrad begegnen kann, dafür giebt die Thatsache die Erklärung, dass der Islam im Innern des schwarzen Erdteils seit tausend Jahren Eingang gefunden hat, und dass immer wieder wenigstens einzelne seiner afrikanischen Bekenner durch die Pilgerfahrten[29] nach Mekka mit einer höheren Civilisation in Berührung kommen. Im letzten Jahrhundert haben verschiedene Bruderschaften, in erster Linie die Kaderi und die Tidjani, in jüngster Zeit die Senussi, an der Ausbreitung der panislamischen Bildung mitgewirkt. Europäische Reisende haben im Innern Afrikas Übersetzungen von Aristoteles ins Arabische und andere wissenschaftliche Werke gefunden und in Wadai, Bornu, Sokoto u. s. w. mit gescheiten Männern verkehrt, die ihnen die Niederschreibung der oft glorreichen Geschichte ihrer Länder ermöglichten.[30] Von Kairo aus werden jetzt alljährlich arabisch gedruckte Bücher des verschiedenartigsten Inhalts, ebenso wie arabische Zeitungen, von den centralafrikanischen Pilgern nach der Heimat mitgebracht.
Die Betonung des islamischen Gedankens hat Rabeh nicht gehindert, die Sklavenjagden, die, aus der alten heidnischen Zeit stammend, in allen muhammedanischen Ländern Innerafrikas bis auf den heutigen Tag beibehalten sind, auch seinerseits auszuüben -- auf ihnen baut sich ja im Grunde genommen seine ganze Eroberungspolitik auf. Furchtbar müssen die Grausamkeiten sein, welche bei Sklavenjagden ausgeübt werden. In den waldreichen Gegenden pflegen die Gehetzten sich auf die grossen Bäume zurückzuziehen, von welchen die Sklavenjäger ihre Beute nach und nach herabschiessen oder herunterholen. Sind aber die Sklaven einmal erbeutet, so können sie einer menschlichen Behandlung sicher sein, schon der Koran giebt ausdrücklich sehr strenge Vorschriften für eine gute Behandlung der Sklaven. Insbesondere hat Rabeh für diejenigen, die er in die Reihen seiner Soldaten aufgenommen hat, wie für seine alten Basinger gesorgt, ihnen Weiber gegeben und sie an der Beute teilnehmen lassen: die Hälfte der Beute an Vieh und Menschenmaterial gebührte ihm, die andere Hälfte seinen Kriegern. Die frischen Truppen entwickelten sich sehr bald zu ebenso treuen Gefolgsleuten des immer weiter vorwärts dringenden Eroberers, wie die alten Sudanesen, und so wurden die Sklavenjagden für Rabeh die Quelle unversieglicher Machtmittel.
Dikoa entwickelte sich als Hauptstadt des Rabeh’schen Reiches aus einem kleinen Dorfe rasch zu einer gewaltigen Stadt, die bei dem Sturze Rabehs angeblich schon weit über 100000 Einwohner zählte. Rabeh baute sich hier einen Palast, befestigte Wohnungen für seine Truppen, Pulverniederlagen u. s. w. Sein Palast und die Häuser seiner Söhne waren mit grossem Luxus ausgestattet. Sie bildeten mit den Kasernements und Waffenmagazinen ein eigenes von Mauern umgebenes Stadtviertel, um das sich die äussere, durch den Zuzug von Kaufleuten und Menschen aus allen Teilen Afrikas immer mehr sich vergrössernde übrige Stadt ausdehnte.
In seiner neuen Residenzstadt richtete sich Rabeh nach dem Muster der von ihm niedergeworfenen centralafrikanischen Sultane ein; indess scheint er den Titel „Sultan“ oder „König“ niemals angenommen zu haben. Von tripolitanischen Kaufleuten wurde er vielfach als Hakim „der die Regierung Ausübende“ bezeichnet -- nicht unmöglich, dass er sich auf Grund eines eigenen Beschlusses so hat nennen lassen. In türkischen Zeitungen findet sich dieser Titel für ihn wieder, und verstümmelt als Kakim oder Abu Hakim ging er auch in europäische Blätter über. Von den eingeborenen Bornu-Leuten wird er wegwerfend als Sklave oder Sklavenführer bezeichnet.
In seinem Familienleben war Rabeh von patriarchalischer Strenge. Er hatte mehrere Frauen. Es scheint, dass er verschiedentlich Töchter überwundener Fürsten selbst heiratete oder seinen Söhnen zu Frauen gab. Wir sahen, dass sein ältester Sohn die Tochter des Schech Muhammed es Senussi von Kuti heiratete und dass eine seiner eigenen Frauen die Tochter des Sokoto-Prinzen Haiatu war. Ausser den vor dem Kadi angetrauten Frauen, deren der Muhammedaner bekanntlich vier gleichzeitig haben darf, besass Rabeh noch zahlreiche Sklavinnen. Das Frauenabteil seines Hauses soll gegen 1000 Personen beherbergt haben.
Von den Söhnen Rabehs sind drei bekannt geworden, Fadel Allah, Niebe und Mahmud. Jedenfalls ist Fadel Allah der Lieblingssohn Rabehs gewesen. Schon seit langer Zeit war er als sein Nachfolger bestimmt und wurde als solcher behandelt. Niebe, den die Franzosen als besonders gefährlich schildern, wurde später in den Kämpfen mit den Franzosen bei Kusseri schwer verwundet und dürfte, wiewohl er das Pferd wieder besteigen konnte, ein Krüppel geblieben sein. Es heisst, dass Niebe sich einmal mit einer Frau aus dem Harem seines Vaters vergangen habe, und dass Rabeh seinen Sohn deswegen öffentlich habe auspeitschen lassen. Der dritte Sohn Rabehs, Mahmud, muss gegenwärtig etwa 12 oder 13 Jahre alt sein. Fadel Allah besass zwei Söhne, Muhammed, den die Tochter des Herrn von Kuti, namens Hadja, ihm geboren hat, und Abdul Medjid, dessen Mutter eine Bornufrau war. Die einzige bekannt gewordene Tochter Rabehs, Haua, eine energische und kriegerische Frau, war dreimal verheiratet. Ihr zweiter Gatte war, wie erzählt, Haiatu, Rabehs Schwiegervater. Als dieser später von den Leuten Rabehs getötet wurde, heiratete sie den Führer eines Fähnleins, Hibid (Abed), der aus Numro im südlichen Wadai stammt.
Rabeh ist stets ein Soldatenfürst gewesen und geblieben. Sein Heer war in 20 Abteilungen geteilt. Wie im Mittelalter die „Fähnlein“, so unterstand jede einzelne Abteilung einem selbständigen Führer, der eine eigene Fahne besass, auf welcher sein Name in arabischer Schrift nebst frommen muhammedanischen Sprüchen, aus buntem Tuche ausgeschnitten, aufgenäht war. Das Banner und die Abteilung selbst wird Alam genannt. Jeder einzelne Soldat war mit einer Beschreibung seines Gewehres in ein Register eingetragen. In den grösseren Garnisonorten waren einzelne Befehlshaber mit ihren Truppen einquartiert, während das Gros sich an dem Hoflager Rabehs in Dikoa befand. Ein Teil der Bannerführer ist in den letzten Kämpfen von den Franzosen getötet oder gefangen worden. Die Namen der Unterführer Rabehs sind von Gentil, welchem demnächst die Aufgabe zufiel, das Reich Rabehs zu zertrümmern, aufgezeichnet und mir in freundlicher Weise zur Verfügung gestellt worden. Es waren dieses 7 Djellaba: Babigir (Abu Bekr), Osman Schecho, Gadem (Guddam), Djebarra, Siddik, Hibid, Tar; 2 Kresch: Kapsul (Abu Kapsul) und Tchokko; 2 Araber: Ith und Schech Dahab, letzterer aus dem Wadai vom Wadi Salamat; 1 Djengi: Serrur; 4 Leute aus Bornu: Beschara, El Hadj Gombo, Scherif Adjila und Abba Gaua.
Die Truppen wurden regelmässig gedrillt, dabei mag es wohl ähnlich zugegangen sein, wie bei den früheren egyptischen Regimentern im Sudan, in denen Rabeh selbst gross geworden war, und aus deren Reihen die meisten seiner Offiziere hervorgegangen waren. Jeden Freitag hielt Rabeh eine Parade über die in seinem Lager vereinigten Leute ab, und er machte die Offiziere persönlich für die Fehler, die er fand, so z. B. für schlechtes Halten der Waffen, verantwortlich; er strafte aber in einem solchen Falle den Offizier mit Prügeln und überliess ihm die Züchtigung seiner Untergebenen.
Die Zahl der Truppen, die Rabeh vor seinem Zusammenstoss mit den Franzosen besass, ist sehr verschieden geschätzt worden. In Egypten glaubte man, dass Rabeh mindestens über 30000 Mann verfügt habe, wovon etwa 8000 mit Gewehren bewaffnet, die allerdings fast zur Hälfte nur Schrotgewehre gewesen seien. Nach französischer Berechnung betrug die reguläre Infanterie Rabehs etwa 4000 Mann, in 20 Kompagnien eingeteilt, mit Gewehren bewaffnet, wovon 1500 Repetiergewehre, und ausserdem etwa 15000 Lanzenträger und 4000 Reiter, die vorwiegend zum Aufklärungsdienst verwendet wurden und während des Kampfes absassen. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich die mit Schiesswaffen ausgerüsteten Kerntruppen auf 4- bis 5000 Mann berechne. Die Artillerie Rabehs war schwach. Er besass eine Anzahl vor allem in Kuka erbeuteter alter Kanonen und Wallbüchsen. Dennoch wussten einzelne seiner Leute die modernen Geschütze zu bedienen, die ihm bei den Kämpfen mit Bretonnet in die Hände fielen.
Seit jeher war die Beschaffung von Feuerwaffen und Munition eine der Hauptsorgen Rabehs und eine der für seine ganze Eroberungs- und Handelspolitik maassgebenden Erwägungen. Aus dem egyptischen Sudan und von Norden her über Tripolitanien, wahrscheinlich auch von Westen her durch Händler, welche mit der Royal Niger-Company in Verbindung standen, hat er zu verschiedenen Zeiten gute Präcisionswaffen erhalten. Alle im Kampf erbeuteten Gewehre mussten dem Oberanführer abgeliefert werden. Durch die Niedermachung der Crampel’schen und später der Bretonnet’schen Kolonne hat Rabeh sich mehrere hundert französische Hinterlader verschafft. Im Kampfe wurde jedem Gewehrträger ein weiterer Mann beigegeben, der nach dem Tode des Schützen dessen Waffe an sich zu nehmen und den Kampf fortzusetzen hatte. Das unnötige Abschiessen einer Kugelpatrone im Frieden wurde mit dem Tode bestraft.
Unter Rabehs Leuten befanden sich Büchsenschmiede, welche Steinschloss- und Luntenflinten in Präcisionsgewehre für Zündhütchen umzuwandeln und überhaupt die Gewehre in jeder Beziehung auszubessern imstande waren. Die abgeschossenen Metallhülsen der Kugelpatronen wurden sorgfältig gesammelt und aufbewahrt, um wieder frisch gefüllt zu werden. Die neuen Kugeln wurden meist aus Zinn, Zink oder Eisen hergestellt. Pulver soll übrigens auch im Lager selber hergestellt worden sein, das allerdings viel weniger weittragend als das europäische war. In Dikoa ist ein Pulvermagazin bei der Einnahme der Stadt durch die Franzosen in die Luft gesprengt worden. Die Rabeh’schen Basinger werden als gute Schützen geschildert. Die Feuerdisciplin scheint auch nach dem Zeugnis der Franzosen hervorragend gewesen zu sein.
Zu dem Tross der Basinger gehörten regelmässig zahlreiche Weiber und Kinder. Einzelne der Offiziere Rabehs sollen bis zu 80 Weiber gehabt haben. Naturgemäss macht die Ernährung einer solchen Menge keine geringen Schwierigkeiten. Die Mitnahme der Frauen bedeutet übrigens nach afrikanischen Begriffen keine Schwächung des Heeres. Die Frauen helfen den Truppen im Lager, bei den Transporten u. s. w. Die erbeutete Sklavin folgt ihrem Herrn ohne Widerstreben, und der Basinger pflegt seine Frauen und Kinder bis auf das äusserste zu verteidigen, ein Umstand, der zum Ausharren im Kampf und zum Zusammenhalt der Truppen nicht wenig beiträgt.
Rabeh scheint nach seiner Festsetzung in Dikoa zunächst bemüht gewesen zu sein, ein gutes Verhältnis mit seinen mächtigen Nachbarn anzuknüpfen, vor allem, um seinem Reiche eine gedeihliche Handelsthätigkeit zu ermöglichen. Als solche kamen im Grunde für ihn nur zwei in Betracht: im Westen Sokoto, im Osten Wadai. Bei dem westlichen Nachbar Sokoto hatten seine Bemühungen anfänglich Erfolg, wenigstens blieben die Handelsbeziehungen zwischen Bornu und Sokoto zunächst dieselben wie früher. Dem Sultan Jussuf von Wadai sandte er ein höfliches Schreiben und eine ganze Anzahl ausgesucht schöner Sklavinnen aus dem Bestande des in Kuka in seine Hände gefallenen Harems des Sultans Haschem. Aber Jussuf schickte die Geschenke zurück und liess den Brief unbeantwortet. Ein Brief an den Schech der Senussi soll gleichfalls ohne Antwort geblieben sein.
Um das weitere Vorgehen Rabehs zu verstehen, ist es nötig, einen Blick auf die Abwicklung des Handels der innerafrikanischen Länder zu werfen.
Seit unvordenklichen Zeiten hat der Überschuss der Erzeugnisse der Länder des Tschadseegebiets seinen Weg nach Norden gesucht; vom Norden her wurden andrerseits die Fabrikate aus Gegenden höherer Gesittung den Bewohnern Centralafrikas zugeführt. Dieses Verhältnis muss schon zur Zeit der Römer bestanden haben. Die wertvollsten Handelsgüter, welche aus dem Herzen Afrikas zum Mittelmeer kamen, waren Straussenfedern und Elfenbein und die menschliche Ware: Sklaven. Die am meisten begangene Strasse war in den letzten Jahrhunderten diejenige, welche vom Tschadsee direkt nordwärts über die Oasen Bilma und Kauar nach Murzuk und Tripolis führte. Diese Strasse verband das Mittelmeer im geraden Zuge mit dem Sultanate Bornu, das viele Jahrhunderte lang das mächtigste Reich in Innerafrika war, und dessen Hauptstadt, wenn auch mehrfach verlegt, sich stets in unmittelbarster Nähe des Tschadsees befand. Von Bornu aus gingen dann weitere Strassen nach Osten und Westen. Die Handelswege waren gleichzeitig die Pilgerstrassen, auf welchen die innerafrikanischen Muhammedaner nach Mekka wallfahrteten.[31]