Part 3
Wadai besteht aus einer grossen Reihe von entweder direkt von der Hauptstadt Abeschr aus oder von eingeborenen Stammesfürsten verwalteten Provinzen. Eine eigenartige, das Gesamtgebiet umfassende militärische Organisation übt gleichzeitig eine Kontrolle über die unter direkter Verwaltung stehenden Provinzen und über die Tributärstaaten aus. Sie wird durch Heerführer, Akids, repräsentiert, deren es gegenwärtig 98 in Wadai giebt.[18] Vielfach ist die Würde eines Akid erblich, namentlich in der Familie einzelner Vasallenfürsten, so bei den Bulala, einem grossen Stamme östlich des Tschadsees; aber meist werden Günstlinge, auch Eunuchen, solche, die in ihrer Jugend Sklaven und Diener in der nächsten Umgebung des Sultans gewesen waren, zu Akids ebenso wie zu den anderen Hofchargen ernannt. Neben den Akids giebt es in einzelnen Distrikten noch besondere Generäle, Kamkalak genannt.
Nach Mitteilungen von Wadai-Leuten scheint Rabeh die einflussreichsten Leute des Bahr es Salamat insgeheim durch grosse Geschenke an Kühen, Pferden, Elfenbein u. s. w. für sich zu gewinnen gesucht und auf die Zusage der Bestochenen gebaut zu haben, dass sie ihn als ihren Herrn anerkennen würden, falls es ihm gelänge, den Akid und Djerma[19] Osman ed Dahab Abu Djebrin zu töten. Rabeh hatte bereits durch seine Festsetzung in Dar Runga in die Machtsphäre des Sultans von Wadai eingegriffen, allerdings weit im Süden seines Reiches, in einer Gegend, in welcher der Sultan früher selbst Sklaven zu jagen gewohnt war. Seitdem Rabeh sich zum Herrn von Kuti gemacht hatte, scheint dieses nur noch unregelmässig Tribut an Wadai gezahlt zu haben.
Auf die Nachricht von dem Herannahen der Truppen Rabehs vereinigten sich die sämtlichen Heerführer des Südwestens von Wadai, um dem zunächst bedrohten Akid el Baher, Namens Waled Enhaiib, dem Heerführer einer Provinz im Salamat-Gebiete, beizustehen. Die stärksten Kontingente stellten der Akid el Berudj, der Heerführer des Seen-Bezirks, der vorerwähnte Djerma Osman ed Dahab Abu Djebrin und Idris, der Akid der Bulala. Die Truppen von Wadai waren siegreich in dem ihnen aufgedrungenen Kampfe. Zwar blieb die erste Schlacht, welche am oberen Laufe des Salamat-Baches stattfand und von Sonnenaufgang bis zum Abend wogte, unentschieden, und auf Seiten der Armee von Wadai fielen mehr als 400 Mann, darunter der Akid el Baher und der Akid el Berudj. Aber die von Rabeh bestochenen Grossen liessen ihn im Stich und stiessen zu den weiter anrückenden Truppen von Wadai. Rabeh zog sich noch in der folgenden Nacht zurück, überzeugt, dass er von den Salamat-Leuten verraten war. Abu Djebrin liess am kommenden Tage allen, welche des Einverständnisses mit Rabeh bezichtigt wurden, den Kopf abschlagen.
Von Stund an wurde der Sultan Jussuf von Wadai, der Bruder und Nachfolger des bereits genannten Sultan Ali, der gefährlichste Gegner Rabehs. Die späteren Versuche des Eroberers, wieder gute Beziehungen mit ihm anzuknüpfen, blieben fruchtlos, und auch Jussufs Nachfolger, der Sultan Ibrahim, hat sich unversöhnlich gezeigt. Eine weitere Folge des Vorgehens Rabehs gegen Wadai war, dass er sich die Feindschaft des Oberschech der Senussi zuzog. Wohl ist dieses Zerwürfnis nicht direkt zu Tage getreten, in der Folge scheint Rabeh sogar, um vielleicht den steigenden Einfluss der Senussi und den Nimbus, der von ihrem Namen ausging, für sich nutzbar zu machen, seine Truppen als Senussi ausgegeben zu haben. Im Jahre 1892 wurden dem Franzosen Le Maistre als Bewohner des rechten Ufers des Bamingi oder Bahr el Abiad die räuberischen „Senussus“ oder „Rabi Turkos“ bezeichnet, welche häufig Einfälle auf das linke Ufer des Flusses machten, und infolge dessen wurde auch von französischer Seite an eine Identität der Rabeh’schen Truppen mit den Senussi geglaubt.[20] Wohl mögen auch unter den Scharen Rabehs Anhänger des Senussiordens sich befunden haben. Rabeh selbst ist niemals Senussi gewesen, gehörte vielmehr dem Orden der Tidjani an, und der Schech der Senussi ist Rabeh bis zu seinem Tode feindlich gesinnt geblieben.[21]
[17] Das Bahr es Salamat wurde bereits als mutmasslicher Schauplatz des ersten Kampfes zwischen Wadai und Rabeh genannt. Allem Anscheine nach ist dieser Landstrich eine breite südwestlich sich hinziehende Thalsenke, welche einen Teil der südlichen Abwässer von Wadai in sich aufnimmt. Diese fliessen nach dem Iro-See und von hier aus in den Schari und zum Tschadsee.
[18] Die Würde des Akid (die arabische Pluralform lautet Okada) ist eine heute noch bei den Beduinen unter gleichem Namen bestehende Einrichtung. Vergl. hierüber mein Buch „Vom Mittelmeer zum persischen Golf“, Bd. II, S. 86.
[19] Die Würde des Djerma, des Oberstallmeisters, ist eine der bedeutendsten der in Wadai, wie in den übrigen innerafrikanischen Staaten so zahlreichen Hofchargen. Es giebt vier Djerma in Wadai. Die Würde des ersten Djerma bekleidete zur Zeit der Sultane Ali und Jussuf deren mütterlicher Onkel, Abu Djebrin, dessen Sohn der noch jetzt amtirende erste Djerma Osman ed Dahab ist. Schon sein Vater war gleichzeitig Akid im Salamatdistrikt.
[20] Vergl. Jacques Daunis, Un Conquérant Soudanais, in La Revue de Paris 1897, S. 352.
[21] Ganz neuerdings, nachdem Schwierigkeiten zwischen dem Schech der Senussi und dem Sultan Ibrahim von Wadai entstanden waren, ging allerdings das Gerücht, dass das Ordensoberhaupt mit dem Sohne Rabehs bessere Beziehungen anknüpfen wollte. Ein praktisches Resultat hat diese angebliche Sinnesänderung jedoch nicht gehabt.
V. Die Gründung des Rabeh’schen Tschadsee-Reiches.
Nach dem vergeblichen Versuche, durch das Wadi Salamat in Wadai einzudringen, kehrte Rabeh nicht mehr nach Dar Runga und Kuti zurück. Er wandte sich südwestwärts und vergriff sich nunmehr zum ersten Male an dem dem Sultan von Baghirmi gehörigen Gebiete. Rabeh muss damals seine Raubzüge weit nach Westen und Süden hin ausgeführt und am Gribingi bei Akungas (Dakongu) und im Gebiete der Sarra wie überhaupt in der ganzen Gegend westlich von Kuti festen Fuss gefasst haben. Als Länder, die von ihm um diese Zeit erobert wurden, werden ferner angegeben: Banga, Waido und Bandei, kleine Negerstaaten, die sich zum Teil in nächster Nähe vom Ubangi befinden. Der Sultan von Baghirmi hatte Rabeh Tribut geschickt und dadurch einstweilen die Gefahr eines direkten Angriffes seiner Soldateska von sich abgewendet.
Im Winter 1888/89 spielten sich Ereignisse in dem den Derwischen verfallenen egyptischen Sudan ab, welche für die Entwickelungsgeschichte der Macht Rabehs von grosser Bedeutung werden sollten. In Darfur war die sogenannte Gumeza-Revolution[22] ausgebrochen. Nachdem die Bewegung erstickt war, zog es ein grosser Teil der Leute, die sich gegen den Chalifa Abdullahi erhoben hatten, nach verlorener Sache vor, statt sich zu unterwerfen, mit ihren Waffen und Weibern nach Westen zu ziehen und sich mit Rabeh zu vereinigen. Es dürften wenigstens 1-2000 Mann gewesen sein, die aus diesem Anlass vom egyptischen Sudan her zu ihm gestossen sind. Unter ihnen befanden sich zahlreiche ehemalige egyptische Soldaten, die früher zu den Garnisonen von Fascher und anderen Plätzen von Darfur gehört und unter Slatin Pascha gedient hatten.
Rabeh näherte sich zunächst wieder dem Schauplatz seiner ersten Thaten, den er betreten hatte, nachdem er sich von Soliman ibn Zuber getrennt. Er eroberte Dar Fertit, wo sich die Derwische seitdem festgesetzt hatten, wieder zurück. Doch wagte er sich nicht weiter an das Reich des Chalifa heran.
Dann aber trat der entscheidende Wendepunkt in der Laufbahn Rabehs ein; er beschloss, in kühnem Zuge nach dem Schari zu marschieren, den Schwerpunkt seiner Thätigkeit und seines Reiches aus den Gegenden im Süden von Darfur und Wadai nach dem Westen zu verlegen und am Tschadsee die grossen seit Jahrhunderten dort bestehenden reichen Sultanate zu überrennen, um aus ihren Trümmern sich ein eigenes grosses Reich zu schaffen. Infolge der Verstärkung seines Heeres durch die Flüchtlinge der Gumeza-Revolution und infolge seiner neuesten Erfolge im Südosten von Baghirmi glaubte er sich stark genug, diesen Plan zur Ausführung bringen zu können. Hierzu kam, dass er sich in seinem bisherigen Aktionsgebiet nur noch schwer mit Munition und gutem Pulver -- deren er in erster Linie immer bedürftig war -- versorgen konnte. Durch den Angriff auf Wadai hatte er sich friedliche Handelsbeziehungen mit dem Norden unmöglich gemacht. Das Gebiet von Kanem, welches sich zwischen Wadai und dem Tschadsee befindet, war Wadai tributär oder stand unter dem Einfluss des Ordens der Senussi. Von Norden her konnte er sich also keine neuen Waffen und Munition verschaffen und ebenso wenig nach Norden Elfenbein und den Überschuss an erbeuteten Sklaven absetzen. Das Gebiet von Kuti aber muss nach allen Berichten infolge Rabehs langjähriger Anwesenheit arg mitgenommen und zu dauernder Rückkehr für ihn nicht mehr verlockend gewesen sein.
Im Jahre 1892 scheint Rabeh seinen Angriff gegen das Königreich von Baghirmi begonnen zu haben. Der Herrscher dieses grossen Ländergebiets war Muhammed Abd er Rachman Gauranga, der Sohn des Sultans Abd el Kader abu Sekkin. Gauranga, der dem Sultan von Wadai Tribut zahlte, stand ausserdem in gewisser historischer Abhängigkeit von dem König von Bornu. Der letzte Grund der Feindseligkeiten soll die Weigerung des Sultans von Baghirmi gewesen sein, Waffenhändler von Westen her mit Rabeh verkehren zu lassen. Längere Zeit schlug sich Rabeh im östlichen Baghirmi herum, zunächst in kleineren Gefechten den Sultan Gauranga besiegend. Dieser sah sein Schicksal voraus. Seiner doppelten Vasallenpflicht sich erinnernd, sandte er an beide Höfe Boten mit der Bitte um Hilfe gegen die sich heranwälzende Macht Rabehs, der, wie er richtig vorstellte, nach der Niederwerfung Baghirmis sich zum Herrn des gesamten Tschadseegebietes machen würde. In Bornu predigte er tauben Ohren. Der französische Forschungsreisende Monteil war im Sommer 1892, als er bei dem Bornu-Sultan Haschem in Kuka sich aufhielt, Zeuge der vergeblichen Sendung des Sohnes des Gauranga. Der Sultan Jussuf von Wadai aber war weitsichtig genug, die Situation zu erfassen, und versprach Hilfe.
Den älteren Wadai-Kriegern war der Weg nach Baghirmi bekannt. Schon zweimal war die Hauptstadt Massenja von den Wadai-Truppen erobert worden: das erstemal im Anfange dieses Jahrhunderts durch Abd el Kerim Sabun, welcher den blutschänderischen König Gauranga I. züchtigen wollte; das zweitemal durch Sultan Ali, der Ende 1870 mit seinem Djerma Abu Djebrin und dem Akid der Bulala nach Massenja zog, um an seinem zur Unbotmässigkeit neigenden Vasallen Abu Sekkin, dem Vater des gegenwärtigen Sultan Gauranga, ein Strafgericht zu üben.
Als Rabeh sich Massenja, der Hauptstadt von Baghirmi, näherte, verbrannte Gauranga die Stadt und floh nach Mandjafa (auch Mainheffa oder Mainfa gesprochen), wo er sich verschanzte. Die Stadt Mandjafa muss einen riesenhaften Umfang gehabt haben. Sie hatte eine aus Backsteinen hergestellte breite Mauer, in ihrem Innern befanden sich Felder; genügendes Wasser bot der Schari und ein Zufluss desselben, und so gewährte die Stadt alle Gewähr, einem nicht mit modernen Belagerungsgeschützen ausgestatteten Gegner, selbst wenn er, wie Rabeh, über eine grosse Anzahl von Feuerwaffen verfügte, geraume Zeit Stand halten zu können.
Fünf, nach anderen sieben, Monate lang belagerte Rabeh Mandjafa. Aber ehe er die Stadt einnehmen konnte, langten die von Gauranga erbetenen Hilfstruppen des Sultans Jussuf an. Das Wadai-Heer muss ein bedeutendes gewesen sein. Die natürlich stark übertreibende afrikanische Fama spricht von 40000 Mann. Die sämtlichen südwestlichen Provinzen und Tributärstaaten von Wadai haben am Kampfe teilgenommen, was sich schon aus den Namen der hervorragendsten vor Mandjafa kämpfenden Heerführer ergiebt. Von ihnen werden ausdrücklich genannt: der Djerma Osman Abu Djebrin und zwar als Generalissimus aller Wadai-Truppen, ferner ein Akid aus dem Salamat, Scharaf ed Din, sodann Gudjdja, der Akid der Raschid, Kadai, der Sultan der Bulala, Abd er Rachman, der Sultan der Madru (eines Stammes eine Tagereise östlich vom Fitri-See), Gado, der Akid der Debaba (eines arabischen Stammes in der Umgegend des Fitri-Sees), ferner der Kamkalak Daher, der Adari (Bezeichnung eines anderen hohen Offiziers) Musa.
Diesmal trug Rabeh einen entscheidenden Sieg über die Truppen von Wadai davon; das grosse Entsatzheer wurde vor den Thoren von Mandjafa gründlich geschlagen, viele der edlen Heerführer und eine grosse Zahl ihrer Truppen kamen um. Der Djerma gab seine Sache verloren und führte den Rest seiner Leute nach Wadai zurück, Gauranga konnte sich aus der Stadt flüchten, indem er den Ring der Belagerer durchbrach, und Rabeh zog als Sieger in Mandjafa ein. Die Stadt wurde geplündert und zerstört. Der Fall Mandjafas muss etwa im Juli des Jahres 1893 erfolgt sein. Gauranga floh zunächst nach Massenja und dann nach dem Süden, musste sich jedoch schliesslich unterwerfen und wurde Rabeh tributär, ohne aber seine Tributzahlungen an Wadai einzustellen.
Rabeh verfolgte seinen Sieg über die Wadai-Leute nicht, sondern wandte sich nunmehr westwärts gegen Bornu. Zunächst ging er, durch die Schätze der Baghirmi-Städte bereichert und durch zahlreiche neue Sklaven verstärkt, nach dem Norden der Landschaft von Logon. Er überlistete den dortigen über Kusseri, Gulfei und andere Schari-Städte herrschenden Duodezfürsten, den Sultan Musa, den er zum Herrn von Bornu zu machen versprach. Nachdem ihm eine Furt über den Schari gezeigt und der Übergang über den mächtigen breiten Strom erleichtert worden war, nahm er die Stadt Karnak-Logon und tötete Musa. Damit war Rabeh auf deutsches Gebiet übergetreten, gleichzeitig aber in das Königreich Bornu eingefallen, denn Logon war damals noch dem Sultan von Bornu thatsächlich tributär. Jetzt war der Krieg mit Bornu unvermeidlich geworden, einem der ältesten und grössten innerafrikanischen Reiche, dessen greiser Herrscher aber verweichlicht war, und dessen Bevölkerung längst das Kriegshandwerk verlernt hatte.
Einen wesentlichen Einfluss auf die Entschliessung Rabehs, den Kampf mit Baghirmi zu betreiben, um dann weiter westwärts nach Bornu vorzudringen, hat ein Mann gehabt, welcher um jene Zeit im Süden des Tschadsees eine Rolle zu spielen begonnen hatte. Dieser Mann war Haiatu, ein Spross der seit dem Anfange dieses Jahrhunderts in Sokoto herrschenden Fulbe-Dynastie,[23] welche im Westen von Bornu vom Streifgebiete der Tuareg in der Sahara an bis über den Niger Benue hinaus die zahlreichen kleineren und grösseren Haussa- und Neger-Staaten sich tributär machen und zu dem Riesenreich von Sokoto zusammenschweissen konnte. Dadurch, dass das in dem Hinterlande unserer Kamerun-Kolonie gelegene, aus verschiedenen kleineren Staatengebilden bestehende Gebiet von Adamaua, dessen Emir in Yola residierte, dem Kaiser von Sokoto tributär wurde, umspannte dieses Reich das Sultanat Bornu auch im Süden. Haiatu, ein Urenkel des Stifters der Dynastie von Sokoto, glaubte sich zum Thronerben berufen. Schon als der neunte Sultan der Dynastie, Ma‘azu, ein Sohn des grossen Bello, welcher 1817-1832 regierte und die eigentliche Macht des neuen Reiches begründete, starb, hätte ihm nach dem muhammedanischen Rechte der damalige Senior der Familie, Haiatus Vater, Sa‘id, ein Bruder des Ma‘azu, folgen sollen. An dessen Stelle gelangte jedoch 1875 Omar, der Sohn des Aliu,[24] eines älteren Bruders des Ma‘azu, zur Regierung, und im Jahre 1891 wurde nach Omars Tode abermals der alte Sa‘id übergangen und an seiner Stelle Omar Abdu, der Sohn des Atiko, eines Bruders des Bello, auf den Thron erhoben. Haiatu hatte schon bald nach dem Tode des Ma‘azu, wenn nicht gerade die Fahne der Empörung entrollt, so doch in Gando, dem alten Stammsitze der Familie, unweit östlich der Hauptstadt Sokoto, ein eigenartiges Leben zu führen begonnen. Von Jugend an ein grosser Schriftgelehrter, predigte er gegen die Vernachlässigung der Gesetze des Islam und umgab sich gleichzeitig aus den zahlreichen Getreuen mit einem grossen Hofstaate, ganz in der Art wie die regierenden Könige von Sokoto. Sein Vetter wagte zwar nicht, sich an dem frommen Gegensultan zu vergreifen, aber im Jahre 1878 musste Haiatu doch das Feld räumen und nicht nur Gando, sondern überhaupt das Land seiner Väter verlassen. Er gab vor, die Pilgerfahrt nach Mekka anzutreten. Zunächst wandte er sich nach Kuka, der Hauptstadt des grossen Tschadseereiches Bornu, doch wurde ihm nach einigen Monaten aus Rücksicht auf den mächtigen Nachbarn in Sokoto bedeutet, dass seines Bleibens hier nicht länger sei. Darauf ging er südwärts nach Mandara und von hier aus nach Yola. Aber auch der Emir von Yola sah sich, nachdem er Haiatu etwa ein Jahr lang Gastfreundschaft gewährt hatte, genötigt, ihn zum Weitermarsch aufzufordern. Haiatu zog jetzt durch Adamaua nach der Gegend von Balda, wo noch Heiden (Musgu) hausen.
Nachdem Haiatu Yola verlassen, suchte er unterwegs in Adamaua unter den versprengten Fulbe, sowie überhaupt möglichst zahlreiche Gefolgsleute zu gewinnen, mit denen er immer weiter, angeblich zum Zwecke der Erfüllung der Pilgerpflicht, seines Weges zog. Im Gebiete von Balda erschien der Sokotoprinz zu einer Zeit, als die dortigen Musgu im Kampfe mit benachbarten Stämmen sich befanden, und sein Eingreifen in das Gefecht wirkte wie ein Wunder. Stadtkönig und Volk huldigten dem rettenden Engel. Nach diesem Erfolg verzichtete Haiatu auf die Fortsetzung seiner Pilgerreise. Er setzte sich in Balda fest, gewann zahlreiche Umwohner dem Islam und vergrösserte seine Herrschaft. Die Aussicht auf Beute unter seinen Fahnen liess immer weitere Dorfbezirke der Nachbarschaft ihn als König anerkennen. Kriegerische Fulbe und selbst Araber der weiteren Umgegend verstärkten sein Heer. Der Emir von Yola hatte vergeblich im Jahre 1891 Truppen gegen ihn gesandt. Im Jahre 1892 war er selbst zu Felde gezogen, aber von Haiatu geschlagen worden. Es heisst, dass sogar der Kaiser von Sokoto sich in die Sache gemischt und zunächst eine Gesandtschaft an Haiatu geschickt habe. Dieser begegneten die Leiter der deutschen Kamerun-Expedition, die Herren von Üchtritz und Passarge, Ende 1893 bei Marrua.[25]
Aber seine Absichten auf den Thron von Sokoto hatte Haiatu nicht vergessen, und als die Nachrichten von der Anwesenheit Rabehs auf dem rechten Ufer des Schari nach den Bornu-Landen drangen, setzte sich Haiatu mit dem kühnen Eroberer in Verbindung. Er hatte ihn über die Schwäche des Bornu-Reiches unterrichtet und aufgefordert, den morschen Thron des Sultans von Kuka über den Haufen zu werfen. Mit Rabehs Hilfe hoffte Haiatu alsdann, den Thron seiner Väter in Sokoto besteigen zu können.
Nach der Einnahme von Logon liess Haiatu seinen Sohn Mundjeli in Balda als seinen Stellvertreter zurück und stiess mit einer grossen Anzahl seiner Gefolgsleute zu Rabeh. Um seinen religiösen Nimbus zu erhöhen, gab sich der fromme Betrüger als einen Vorläufer des von Osten heranziehenden Eroberers aus, den er als einen Abgesandten des Mahdi bezeichnete. Von den nach der Gumeza-Revolution geflüchteten Mahdisten waren vereinzelte auch bis zu Haiatu gedrungen, und durch sie war er mit den Einzelheiten des Auftretens des egyptischen Mahdi bekannt geworden. Der geriebene Heilige soll sogar mit einigen seiner Getreuesten die Kleidung der Derwische, die mit bunten Lappen benähte Djibbe, angelegt haben.
Wenn Rabeh, als er an die Unterwerfung der grossen muhammedanischen Tschadseeländer herantrat, es für angezeigt hielt, sich den madhistischen Gedanken zu Nutze zu machen, so hat vielleicht Haiatu dabei seine Hand im Spiel gehabt; doch mag auch der ebenso schlaue wie rücksichtslose Usurpator aus eigener Initiative dazu gekommen sein, die Erfolge des Mahdi in den Dienst seiner Eroberungspolitik zu stellen. Vordem, als er noch weiter im Osten seinen Beutezügen in heidnischen Landen oblag, hatte er kein Interesse daran, sich als einen Gefolgsmann der Derwische zu bezeichnen: wir sahen, dass er die Aufforderung des egyptischen Mahdi Muhammed Achmed im Jahre 1884 und diejenige seines Chalifa im Jahre 1887, ihrer Sache zu folgen, unberücksichtigt gelassen hatte. Anders jetzt, wo er gegen Muhammedaner zu kämpfen hatte. Den muhammedanischen Unterthanen der Fürsten, deren Nachfolge er zu übernehmen gedachte, kündete er an, dass er zu ihnen komme, um im Namen des Mahdi sie vom Joche ihrer Herren zu befreien und eine neue gebenedeite Zeit für sie anbrechen zu lassen. Bei seinen Proklamationen soll Rabeh von nun an sogar die Phraseologie des Chalifa angewandt haben. Gentil zeigte mir in Paris zwei erbeutete, von Rabeh selbst geführte Banner, auf welchen der Name des egyptischen Mahdi aufgenäht war. Es hiess damals, dass Rabeh in Baghirmi einen Schatz von 500000 Rial (= Thaler) für den Mahdi gesammelt habe, den er jedoch angeblich nicht absenden konnte, weil er keine zuverlässigen Boten für diesen Auftrag gefunden habe. Deshalb habe er den Schatz immer mit sich in einer Truhe geführt, welche den Namen des Mahdi trug.[26] Sein Siegel führte nach der Eroberung von Bornu sogar die Aufschrift „Rabeh, im Namen des Mahdi Emir von Bornu“.[27]
Jedenfalls kam Haiatu dem Rabeh sehr gelegen, und wurde von ihm in kluger Weise für seine Zwecke benutzt. Rabeh gab ihm seine einzige Tochter Haua und nahm selbst eine seiner Töchter zur Frau. Auch erhob er ihn zum obersten geistlichen Berater und Gerichtsherrn.
Von Logon aus zog Rabeh den Schari aufwärts nach Süden und zerstörte die grossen an seinen Ufern gelegenen Städte, wobei er seitens der terrorisierten Bevölkerung und der kleinen Garnisonen des Sultans von Bornu nur wenig Widerstand fand. Mit rücksichtsloser Grausamkeit ging er vor, und die furchtbaren Blutbäder, die seine Truppen selbst unter Muhammedanern anrichteten, legten den Grund zu dem tiefwurzelnden Hasse, der ihm in der Folge nicht nur von den Kanuri, dem herrschenden Stamme in Bornu, sondern auch von den andern Völkerschaften dieses Tschadsee-Reiches entgegengebracht wurde, und der ihm später verhängnisvoll ward.
Jetzt erst kam der verweichlichte Sultan Haschem von Bornu zur Besinnung. Zu einem sofortigen Zusammenbringen seiner ganzen Macht konnte er sich aber noch immer nicht aufraffen. Er begnügte sich damit, vorerst einen seiner Generäle, den Mala Kerim, gegen Rabeh zu entsenden. Dieser schrieb Rabeh einen hochtrabenden Brief, in dem er ihn zum Rückzuge aufforderte und als Sklaven bezeichnete. Mit leichter Mühe wurde Mala Kerim bei Gilba im Süden des Tschadsees geschlagen und sein Heer vernichtet. Der besiegte Feldherr soll sich auf dem Schlachtfelde auf einen Teppich niedergesetzt haben, um den Tod zu erwarten. In eine frisch abgezogene Kuhhaut genäht, wurde er der Sonne ausgesetzt und fand so gedörrt einen qualvollen Tod. Noch ein Führer der Bornu-Leute, ein gewisser Taher, fiel lebend in die Hände Rabehs, wurde zunächst geschont, aber als er aus der Gefangenschaft Briefe an den Sultan Haschem sandte, getötet.