Rabeh und das Tschadseegebiet

Part 11

Chapter 113,545 wordsPublic domain

Darfur war das mächtigste Sultanat im östlichen Sudan, bis Ende des vorigen Jahrhunderts Wadai sich von Darfur unabhängig machen konnte.[79] Weitere Rivalen von Darfur waren die östlich des Nils lebenden Fürsten von Sennar. Kordofan und Bahr el Ghazal waren bis zu dem Auftreten Zuber Paschas Darfur mehr oder weniger tributär. Durch das Vordringen der Egypter verloren die Sultane von Darfur, nachdem sie bereits 1825 Kordofan eingebüsst hatten, zunächst ihre nordöstlichsten Gebiete, dann nahm Zuber ihnen im Süden einen Landstrich nach dem anderen fort.[80] Im Jahre 1873 rückte Zuber im Auftrage Ismail Paschas in Darfur selbst ein. Der jugendliche Sultan Ibrahim, der letzte König von Darfur, fiel 1874 im Kampfe, und damit hatte die Dynastie der Tundjer in Darfur für geraume Zeit zu herrschen aufgehört. Darfur wurde eine egyptische Provinz. Die übrig gebliebenen Mitglieder der entthronten Fürstenfamilie wandten sich nach Westen und gründeten unter Ibrahims Neffen Harun er Raschid ein eigenes Sultanat in Urmija, dem Gebiete der früheren Tadjo-Fürsten. Im Jahre 1878 wurde Slatin Pascha[81] egyptischer Gouverneur von Darfur. Er nahm sofort den Kampf gegen Harun auf,[82] der niemals aufgehört hatte, das Land zu beunruhigen. Im Jahre 1880 fiel Harun. Die zersprengten Reste seiner Verwandten sammelten sich unter Abdullahi Dudbenga im Djebel Marra, wo sie der Regierung Slatins nicht mehr gefährlich wurden.

Anfang 1882 begann die mahdistische Bewegung in Darfur. Nach vielen Kämpfen wurde Slatin durch seine Offiziere gezwungen, sich dem Mahdi zu ergeben. Dudbenga ging zu den Mahdisten über, und von nun an sahen die Tundjer sich gezwungen, dem Mahdi und später dem Chalifa Gefolgschaft zu leisten. Zur Zeit der Wiedereroberung des Sudan durch die Egypter war das einflussreichste Mitglied dieser Tundjer, Ali Dinar, ein Vetter Haruns und Dudbengas, einer der Heerführer des Chalifa Abdullahi geworden. Als die englisch-egyptischen Truppen im Jahre 1897 vor den Mauern Omdurmans standen, erkannte Ali Dinar die Situation und verliess in der Nacht vor der entscheidenden Schlacht mit etwa 2000 Bewaffneten den Chalifa, um sich geraden Wegs nach Darfur zu wenden. Vorher war es ihm gelungen, dem Sirdar einen Brief zu senden, in welchem er ihn seiner Ergebenheit versicherte. In Darfur, wo nur wenige überzeugte Anhänger des Chalifa sich befanden, machte er sich sehr bald zum Herrn des Landes, und die im Djebel Marra noch vorhandenen Tundjer huldigten ihm.

Auch in der Folge tauschte Ali Dinar mit den Gouverneuren des Sudan Lord Kitchener und Sir Reginald Wingate freundschaftliche Briefe aus, und wenn auch Darfur noch nicht in den Kreis der von Chartum aus direkt verwalteten wiedereroberten Bezirke einbezogen ist, so hofft die egyptische Regierung doch, dass sie von Ali Dinar keine Schwierigkeiten zu erwarten habe.

[78] Jetzt herrschen noch Fürsten aus dem alten Hause der Tadjo in Dar Tama, einem seit einiger Zeit in losem Tributverhältnis zu Wadai stehenden kleinen Gebirgslande im Westen von Darfur.

[79] Eine officielle Anerkennung der Selbständigkeit Wadais erfolgte erst zur Zeit des Chedive Ismail Pascha, als die egyptische Regierung nach der Eroberung Darfurs dem Sultan Ali von Wadai mitteilen liess, dass sie mit Wadai, dessen Fürsten sie als unabhängige Souveräne betrachte, in gute Beziehungen zu treten wünsche.

[80] Vergl. oben S. 5.

[81] Slatin, früher Offizier in österreichischen Diensten, war von Gordon im Jahre 1877 nach Egypten berufen worden. Er wurde damals schon zum Inspekteur des Sudan ernannt, darauf wurde er Gouverneur von Süd-Darfur mit dem Sitze in Dara und endlich von ganz Darfur mit dem Sitze in Fascher. Das seine Gefangenschaft unter den Derwischen behandelnde Buch „Feuer und Schwert im Sudan 1879-1895“ ist das wichtigste Quellenwerk für die Zeit der mahdistischen Herrschaft.

[82] Damals kämpfte Gessi noch im Süden Darfurs gegen Soliman, den Sohn Zubers, und Rabeh.

2. Wadai.

Das Reich Wadai liegt im Westen von Darfur und ist etwa nördlich des 12. Breitengrades ein bergiges Land. Hier herrschten heimische heidnische Fürsten, bis im 15. oder 16. Jahrhundert Mitglieder der Tundjer, die bereits in Darfur die Königswürde in Händen hatten, auch in Wadai zur Regierung gelangten. Im Anfang des 17. Jahrhunderts usurpierte ein gewisser Abd el Kerim aus dem gleichfalls arabischen Stamme der Djemir (Djami) die Regierung in Wadai. Früher ein Vasall der Tundjer, gründete er eine neue, die heute noch bestehende Dynastie. Abd el Kerim erhob den Islam in Wadai zur herrschenden Religion und legte die Residenzstadt Wara an. Die neue Dynastie behauptete sich erfolgreich gegen Angriffe der Könige von Darfur, musste aber noch eine zeitlang eine gewisse Abhängigkeit von dem östlichen Nachbar anerkennen. Im Anfange des 19. Jahrhunderts eroberte Abd el Kerim der Zweite mit dem Beinamen Sabun das grosse Königreich Baghirmi, das seither Wadai tributpflichtig blieb. Sultan Scherif führte einen sieg- aber auch verlustreichen Krieg gegen Bornu, das in früherer Zeit eine Art von Oberhoheit über Wadai beansprucht zu haben scheint. Um das Jahr 1850 wurde die Residenz von dem Sultan Scherif nach Abeschr verlegt. Dem im Alter erblindeten König folgte 1858 der Sultan Ali, ein kräftiger und gerechter Fürst, der für die Ausbreitung von Handelsverbindungen, besonders nach dem Mittelmeer, sehr viel that. Im Interesse dieser Handelsbeziehungen ist auch die von Ali angeknüpfte enge Verbindung mit dem Oberschech der Senussi erfolgt. Auf den Einfluss dieser Bruderschaft ist auch die ausgesprochene Duldung gegen fremde Muhammedaner zurückzuführen, die Alis Vater weit weniger geübt hat. Unter Alis Regierung besuchte Nachtigal Wadai. Dem Sultan Ali folgte im Beginne der 80er Jahre sein Bruder Jussuf und diesem Ende 1898 Ibrahim, der Sohn Jussufs. Wie regelmässig bei Thronwechseln, fanden auch nach dem Tode Jussufs Bürgerkriege statt. Der um zwei Jahre ältere Bruder Ibrahims, Abd el Aziz, wurde geblendet.[83] Auch der neue Fürst von Wadai hat nach der Thronbesteigung gute Beziehungen mit den Senussi angeknüpft.[84] Später erfuhren diese jedoch infolge des ausschweifenden Lebens und des ehrgeizigen Auftretens Ibrahims unliebsame Störungen. Sehr bald sah sich Ibrahim darauf in Schwierigkeiten mit seinen Akids und anderen Grossen seines Reiches verwickelt, die seinen Vetter Achmed el Ghazali, einen Sohn Alis, als Gegensultan ausriefen. Nach mehreren Kämpfen wurde Ibrahim Anfang 1901 getötet, und Achmed ist gegenwärtig Sultan in Wadai, sieht sich aber jetzt in schwere Kämpfe mit einem Gegen-Prätendenten verwickelt.

Unter der von Abd el Kerim begründeten Dynastie hatte sich Wadai zu dem kräftigsten und bestgegliederten Staatswesen im östlichen Centralafrika emporgeschwungen. In grossem Umkreise gruppieren sich um das innere gebirgige Stammland die Wadai tributären Gebiete: Provinzen unter besonderen vom Sultan direkt ernannten Beamten oder unter Stammesfürsten, die im Vasallenverhältnis zum Sultan stehen. Das im Nordwesten von Abeschr gelegene Gebiet von Borku befindet sich seit etwa 100 Jahren im Besitze der Sultane von Wadai, infolgedessen werden diese auch vielfach Sultane von Borku genannt. Die Thronstreitigkeiten der letzten Jahre haben die Kräfte Wadais sehr erschüttert.

[83] In Wadai gilt das Gesetz, dass ein Blinder nicht auf den Thron gelangen darf.

[84] Sein Staatssiegel wurde in Kairo von einem Mitgliede des Senussi-Ordens bestellt. Auf dem Siegel nennt sich der Sultan Ibrahim einen Sohn des Sultan Jussuf, eines Sohnes des Sultan Scherif, el Kerim, d. h. aus dem Hause Abd el Kerim.

3. Kanem.

Das Ländergebiet von Kanem besteht aus der weiten Ebene zwischen der Sahara und den Bergen von Tibesti im Norden, Wadai im Osten, dem Tschadsee im Südwesten und Baghirmi im Süden. Zum grossen Teil ist es Steppenland, zur Viehzucht geeignet, mit einzelnen verstreuten Oasen. Hier war die Heimat hamitisch angehauchter Völkerstämme, der eigentlichen Kanembo, der Teda, Daza und Gora‘an, die mit den Tibbu stammverwandt sind. Ausserdem kamen schon vor mehr als tausend Jahren arabische Einwanderer in das Land. Alle diese Stammesteile lebten zum Teil sesshaft, zum Teil nomadisierend.

Vom 7. bis zum 14. Jahrhundert nach Christus hatte hier die Dynastie der Sefua die Oberherrschaft. Die Sefua leiten ihren Ursprung von Sef ab, welcher angeblich aus Yemen oder dem Hedjaz stammen soll, von wo aus das Geschlecht bereits im 7. Jahrhundert n. Chr. nach Kanem gelangt wäre. Ihre Hauptstadt wurde hier Ndjimi. Die Sefua nahmen sehr früh, vielleicht im 9. oder 10. Jahrhundert, den Islam an. Im 14. Jahrhundert erfolgte dann von Südosten her eine Einwanderung der Bulala, eines tapferen Völkchens am Fitri-See, welche in Kanem eine zeitlang die Oberherrschaft gewannen, während die Sefua ihren Sitz nach dem Westen des Tschadsees verlegten, wo nunmehr der Mittelpunkt des von ihnen regierten Bornu-Reiches geschaffen wurde.

Die letzte Umwälzung im Osten und Nordosten des Tschadsees hat sich erst im 19. Jahrhundert vollzogen als Folge der Einwanderung eines arabischen Stammes, der Waled Soliman. Dieser hatte früher seine Weidegründe im Gebiete von Fezzan und in der Syrte am Mittelländischen Meere. Er scheint niemals besonders volkreich gewesen zu sein, soll sich aber durch rücksichtslose Tapferkeit ausgezeichnet haben. Die Lebensgewohnheiten der Waled Soliman, wie überhaupt der zahlreichen versprengten arabischen Stammesteile, die wir in Centralafrika finden, dürften von denen der Beduinen der arabischen Steppen wenig abweichen. Die Waled Soliman suchten vor allem ihre Kamelherden auf Kosten Anderer möglichst zu vergrössern, nur hin und wieder ernteten sie die Datteln, welche sie von Anderen bestellen liessen. Von den festen Ortschaften erhoben sie einen Tribut, meist in Waffen, Vieh, Getreide, Kleidungsstücken u. s. w. bestehend, als Gegenleistung für den Schutz, den sie den Einwohnern gegen anderweitige Feinde angedeihen liessen. Den Überfluss ihrer Kamele, Wolle u. s. w. brachten sie in den grossen Ortschaften der Umgegend auf den Markt.

Während der Regierung des kräftigen Jussuf Pascha von Tripolis, eines Zeitgenossen Muhammed Alis von Egypten, gerieten sie in Streit mit der Amtsgewalt. Die Folge war, dass der Stamm decimiert wurde und fast eine ganze Generation macht- und führerlos blieb. Nachdem die Waled Soliman, ebenso wie andere arabische Stämme in Tripolitanien gänzlich niedergeworfen waren, und die türkische Regierung in Fezzan sich stärker geltend machte, wurden mit den nunmehr unterworfenen Arabern türkischerseits mehrere grosse Züge nach dem Süden unternommen, die sich hauptsächlich nach dem zwischen dem Tschadsee und Wadai gelegenen Lande richteten, aber sich bis nach Baghirmi hin erstreckten. An mehreren dieser Züge nahm der Spross eines führenden Geschlechts, Abd el Djelil, teil, der schon als Knabe in die Hände Jussuf Paschas gefallen war und von ihm als Geisel erzogen wurde.

Inzwischen war eine neue Generation der Waled Soliman emporgekommen, und bald darauf entstanden wieder blutige Kämpfe mit der Regierung, bei welchen Abd el Djelil, der die Führung seines Stammes übernommen hatte, seinen Tod fand. Jetzt beschlossen die Waled Soliman, ihre frühere Heimat endgültig zu verlassen und nach jenen Gegenden in der Nachbarschaft des Tschadsees zu ziehen, welche sie auf ihren Kriegs- und Raubzügen kennen gelernt hatten. Hier befanden sich vortreffliche Kamelweiden, und die Palmenhaine Kanems boten genügend Datteln. In den 40er Jahren folgte ein Teilstamm der Waled Soliman dem anderen in dieses Gebiet. Sie nahmen den dortigen Bewohnern ihre Kamele ab und verdrängten sie nach Westen und Osten. Bald waren sie stark genug, in das Gebiet der Tuareg im Nordwesten des Tschadsees Einfälle zu machen und diesen zahlreiche Kamele zu entwenden. Die kriegerischen Tuareg sammelten sich jedoch zu einem gemeinsamen Zuge gegen die Waled Soliman, und überraschten sie im Jahre 1850. Wiederum wurde ein grosser Teil der waffenfähigen Männer getötet.

Aber die Zähigkeit, welche die Araber überall gezeigt haben, bewahrte sich auch hier. Der Sultan Omar von Bornu, dessen Oberhoheit sie nunmehr anerkannten, stattete sie mit neuen Waffen und Tieren aus, und trotz der Anfeindungen der umliegenden Stämme und insbesondere der Völkerschaften des westlichen Wadai erholten sie sich bald wieder. Während Barth in den 50er Jahren die Überzeugung aussprach, dass die Waled Soliman dem Untergange geweiht seien, fand Nachtigal sie in den 70er Jahren wieder als die unumschränkten Herren in Kanem und in Borku und im Gebiete zwischen dem Tschadsee und Wadai. Inzwischen haben sie von ihrer herrschenden Stellung doch manches eingebüsst. Andere arabische Stämme, darunter die Mahamid haben sich neben ihnen in dem allerdings genügend grossen Weidegebiete Raum schaffen können, und während sie in früherer Zeit in einer Art von Abhängigkeit Bornu gegenüber standen, hat ein ähnliches Verhältnis dem mehr und mehr erstarkenden Sultanate Wadai gegenüber Platz gegriffen.

4. Baghirmi.

Das Sultanat Baghirmi, dessen geographischer Bereich in früherer Zeit in zahlreiche kleinere Fürstentümer zerfiel, gehorcht erst seit dem Anfange des 16. Jahrhunderts einem einzigen Oberherrn; die damals zur Herrschaft gelangte Dynastie ist -- abgesehen von der Rabeh’schen Episode -- bis heute ununterbrochen an der Regierung geblieben. Schon zu jener Zeit wurde die Hauptstadt Massenja gegründet. Die Einwohner von Baghirmi lieben es, wie so viele andere innerafrikanische Völkerschaften, ihr Königshaus auf ein arabisches, aus Yemen stammendes Geschlecht zurückzuführen, es dürfte jedoch in Kenga oder Hirla, einige Tagereisen östlich des Schari, seinen Ursprung haben. In der Gegend von Massenja hatten sich früher eingewanderte Fulbe die Herrschaft über die dunkelfarbigen Ureinwohner anmassen können, waren aber dem östlich gelegenen Sultanate Bulala tributpflichtig gewesen.

Die neuen Einwanderer unter dem Sultan Birmi Bessi räumten mit der Herrschaft der Fulbe gründlich auf und behaupteten sich im Kampfe gegen die Bulala, die später ihrerseits den neuen Herren tributpflichtig wurden, in jüngster Zeit jedoch Vasallen von Wadai geworden sind. In Typus und Sprache gingen die Sieger in der Urbevölkerung auf. Schon frühzeitig, im 17. Jahrhundert, scheinen die Fürsten von Baghirmi Vasallen der Herren von Bornu geworden zu sein.

Das Reich Baghirmi hat seine Grenzen vielfach geändert, je nachdem die Könige von einer grösseren oder geringeren Anzahl kleiner Duodezfürsten mit Erfolg Tribut erheischen und ungestraft ihre Sklavenjagden in deren Gebieten ausüben konnten. Im Westen war die Grenze der Schari, im Norden der Tschadsee und das Ländergebiet von Kanem, im Süden war der am weitesten vorgeschobene Tributärstaat das grosse Völkergebiet der heidnischen Sarra oder Sarua, mit deren Fürsten die Könige von Baghirmi vielfach verwandtschaftliche Beziehungen anknüpften, wiewohl sie gerade hier hauptsächlich ihre Sklavenjagden ausübten.

Die grösste Macht besass Baghirmi in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter dem Sultan el Hadj Muhammed el Amin. Sein Sohn Gauranga I. (1785 bis 1806) war ein tüchtiger, kriegerischer, aber selbst für afrikanische Verhältnisse rücksichtsloser und grausamer Mann. Er heiratete seine eigene Schwester. Um diesen gotteslästerlichen Frevel zu strafen, überzog der Sultan von Wadai, Abd el Kerim Sabun, Gauranga mit Krieg. Es war dieser der erste jener Kriege, welche die beiden Mächte miteinander führten und welche regelmässig zu Ungunsten von Baghirmi ausfielen, so dass Wadai sich nach und nach die sämtlichen Tributärfürsten seines Nachbarn zu eigenen Vasallen machte. Es scheint, dass gleichzeitig der Sultan von Wadai von dem damaligen Machthaber in Bornu, dem Fakih Muhammed el Kanemi, zum Kampfe gegen Baghirmi angerufen worden war, da Gauranga Bornu den Tribut verweigerte und dem nominell noch im Vasallenverhältnis und wenigstens in guten Beziehungen zu Bornu stehenden Bulala-Fürsten übel mitgespielt hatte. Gauranga I. fiel in Massenja, das von Abd el Kerim eingenommen und zerstört wurde. Der von Sabun als König von Baghirmi eingesetzte Sohn Gaurangas, namens Ngarba Bire, war nur kurzlebig, er wurde von seinem Bruder Osman Burkomanda verdrängt und getötet. Burkomanda regierte bis in die 40er Jahre des 19. Jahrhunderts.

Gegen ihn reizte Bornu im Jahre 1818 den Pascha Jussuf von Tripolis zum Kampfe. Dieser entsandte bereitwilligst den Schech Mustafa von Fezzan, der mit den Waled Soliman-Arabern den Nordosten Baghirmis verwüstete. Das Land hatte später noch viel unter den Beutezügen der Waled Soliman zu leiden. Als Burkomanda im Lande selbst Schwierigkeiten erwuchsen und er sich seiner eigenen aufrührerischen Leute nicht erwehren konnte, rief er seinen Oberherrn, den Sultan von Bornu, um Hilfe an. Die von diesem entsandten Truppen waren jedoch ungenügend, und der Sultan von Bornu besass nicht mehr die Energie, selbständig die Ordnung in Baghirmi wieder herzustellen. Deshalb wandte sich Burkomanda an den König von Wadai, wiewohl er gegen denselben mehrfach bereits Kämpfe zu bestehen gehabt hatte. Gegen das Versprechen, von jetzt an Tribut an Wadai zu zahlen, verhalf ihm dieser dann auch wieder zur Regierung. Der an Wadai zu entrichtende Tribut besteht seither aus einer alle drei Jahre wiederkehrenden Zahlung einer grossen Anzahl von Sklaven, gewebten Stoffen und anderen Naturalien, besonders Elfenbein. Später geriet Burkomanda in Krieg mit Bornu und mit Wadai; der Schech von Bornu zog diesmal selbst zu Felde und drang bis Massenja vor; auch von Wadai-Truppen wurde Burkomanda in wiederholten Kämpfen gründlich geschlagen.

Sein Nachfolger wurde sein Sohn Abd el Kader. In den Beginn seiner Regierung fiel der kühne Kriegszug, den der Sultan Muhammed Scherit von Wadai gegen Bornu unternahm. Die Wadaileute drangen bis nach Kuka vor, das zerstört wurde.

In den 50er Jahren zog ein Fulbe, ein heiliger Mann aus Sokoto, mit einer zahlreichen Begleitung nach dem Osten, um die Pilgerfahrt nach Mekka zu unternehmen. Sein Name war Fakih Muhammed Scherif ed Din mit dem Beinamen Abu Scha‘ir, er wurde auch der Mahdi, d. h. „der Rechtgeleitete“, genannt. Dieser Heilige wusste die Muhammedaner in Bornu derartig zu begeistern, dass seine Karawane sich immer mehr vergrösserte und sein Zug sich geradezu zu einer Völkerwanderung gestaltete.[85] Der schwache König Omar von Bornu hatte ihn gewähren lassen; Abd el Kader schickte ihm jedoch Boten an den Schari entgegen, um ihn zu veranlassen, diesen Fluss aufwärts zu marschieren und sein Reich zu umgehen. Aber der Fulbe-Heilige liess sich nicht abhalten, worauf Abd el Kader ihm mit Heeresmacht entgegen trat. Der Geruch seiner Heiligkeit wirkte indess derartig lähmend auf die Truppen von Baghirmi, dass sie auf das Haupt geschlagen wurden und der König von Baghirmi selbst während der Schlacht das Leben verlor. Nach dem Siege zog der Heilige auf dem östlichen Ufer des Schari stromaufwärts; hier erwies sich die Verpflegung seiner zahlreichen Heerscharen als so schwierig, dass diese unter sich in Streitigkeiten gerieten, und als es zudem mit den heidnischen Völkerschaften der Bua oberhalb Niellim zum Kampfe kam, fiel der Fakih Muhammed. Damit fand die Bewegung ihr Ende. Ein Teil seiner Begleiter blieb dort, wo der Führer starb und vermischte sich mit den Bewohnern des Landes. Die Mehrzahl der Fulbe und nomadisierenden Araber von Bornu und dem nördlichen Baghirmi, die sich dem Fakih angeschlossen hatten, suchten nach ihrer Heimat zurückzukehren, ein kleiner Teil nur setzte die Pilgerfahrt über Wadai fort.

Der Nachfolger Abd el Kaders, Sultan Muhammed, zeichnete sich durch besondere Grausamkeit aus, und verdankte dieser Eigenschaft und einer im Anfange seiner Regierung begangenen Treulosigkeit seinen Beinamen Abu Sekkin („Vater des Messers“). Erfolgreich im Kampfe gegen den Sultan von Logon, hatte er desto weniger Erfolg gegen Wadai, dem er den Tribut aufsagen zu können glaubte. Der energische Sultan Ali von Wadai entsandte im Jahre 1870 zunächst seinen Djerma Abu Djebrin nach Baghirmi und zog dann selbst dorthin, um Massenja zu belagern. Die Stadt wurde genommen, und die in ihr aufgehäuften Reichtümer fielen dem Sieger in die Hände. Abu Sekkin konnte nach dem Süden entfliehen. Der Wadai-König zog sich nach einer vergeblichen Verfolgung nach Abeschr zurück, nicht ohne vorher das Land gründlich ausgeraubt zu haben. Als Herrn des Landes liess er einen anderen Baghirmi-Prinzen, Abd er Rahman, zurück, der sich jedoch nicht halten konnte; deshalb nahm Ali später die Unterwerfung Abu Sekkins an. Diesem folgte sein Sohn, der jetzt noch regierende Gauranga II., ein weichlicher, feiger Mann.

Seit der letzten Einnahme Massenjas durch den Sultan Ali ist die Macht Baghirmis vollständig gebrochen, und der dreijährige Tribut ist seit der Zeit regelmässig ohne Unterbrechung an Wadai gezahlt worden, selbst in der jüngsten Zeit, als Rabeh im Jahre 1893 der Herr des Landes wurde, und später, als die Franzosen Ende 1897 den Sultan in ihren Schutz nahmen. Der Sultan Jussuf von Wadai hat diesem Tributverhältnis entsprechend dem Sultan Gauranga ein starkes Heer gegen den anstürmenden Rabeh zur Hilfe gesandt. Schon vor dem Einfalle Rabehs war das Land stark zusammengeschmolzen, Logon und die Bulala hatten sich von Baghirmi emancipiert.

Im Norden leben neben den eigentlichen Baghirmileuten hauptsächlich Fulbe- und Araber-Horden, im Süden verschiedene noch heidnische Völkerschaften, unter ihnen in erster Linie die Niellim, Bua und Sarra. Die Dynastie von Baghirmi ist bereits im 11. Jahrhundert n. Chr. muhammedanisch geworden, und die Bewohner des nördlichen Baghirmi bekennen sich heute wohl alle zum Islam. Die Könige von Baghirmi haben -- wie übrigens die Herren aller grösseren innerafrikanischen Staaten -- ein reich entwickeltes Hof-Beamtentum. Gewisse Mitglieder der Königsfamilie sind besondere Würdenträger, während die übrigen Beamten zum grossen Teile aus Sklaven, in jüngster Zeit auch aus Eunuchen bestehen. Die höchsten Würdenträger sind: die Königin Mutter (Magire), die oberste der Frauen (Gumso), der Kronprinz (Tschiroma), der oberste Heerführer (Fatscha), ein anderer Heerführer (Mbarma). Der König selbst nennt sich Mbang, ein Teil der Namen ist augenscheinlich von alten heidnischen Traditionen übernommen.

[85] Vergl. Nachtigal a. a. O. Bd. II, S. 720 ff. -- Unwillkürlich erinnert dieser Zug an die Wanderungen des Sokotoprinzen Hajatu.

5. Bornu.

Das grosse Tschadsee-Reich Bornu dürfte eines der ältesten innerafrikanischen Staatengebilde sein.[86] Ursprünglich waren die westlichen und südlichen Ufer des Tschadsees von einer schwarzen Bevölkerung bewohnt, aber schon im 9. Jahrhundert gewann hier die zunächst in Kanem residierende arabische und damals schon muhammedanische Dynastie der Sefua die Oberhoheit.

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts verlegten die Sefua ihre Residenz vom östlichen Ufer des Tschadsees nach dem Westufer und gründeten sich in Birni Egomo eine neue Residenz.

Die Ursache für diese Übersiedelung nach dem Westen war das Drängen der Bulala, deren Fürsten den Sefua übel mitspielten und Jahrzehnte lang Tribut von ihnen nehmen konnten. Jedoch gewannen die Sefua wieder die Oberhand, sie warfen die Bulala zurück, behielten aber in der Folge ihre Residenz im Westen des Tschadsees im eigentlichen Bornu bei. Seit der Zeit hat ihre Herrschaft bis in das 19. Jahrhundert hinein keine Unterbrechung erlitten.

Den regierenden Herren folgten immer mehr Leute von Kanem nach dem Westen und Südwesten des Tschadsees, und die dortigen Ureinwohner wurden zum grossen Teile in die Berggebiete von Mandara und die Gegenden östlich und westlich davon gedrängt, wo sie heute noch als Heiden zum Teil in Felsenwohnungen und in Hütten leben.