Part 10
In dem gebirgigen Teile des Hinterlandes von Kamerun, nördlich des Benuë, dürfte der Sultan Omar von Mandara jetzt der mächtigste Herrscher sein. Früher gehörten die Herren von Mandara zu den Vasallen der Könige von Bornu, wenn dieses Vasallenverhältnis auch in letzter Zeit bei dem Niedergange der Macht der Kanemiden stark ins Wanken geraten war.[73] Jedenfalls gewährte der Vater des Sultans von Mandara dem Bornu-Prinzen Omar Sanda nach dem Tode des Abu Kiari ein Asyl, und er war stark genug, seinen Gastfreund dem anstürmenden Rabeh nicht auszuliefern. Wohl wurde er von diesem besiegt und getötet; doch konnte sein Sohn Omar sich in seinen schwer zugänglichen Bergen gegen die sieggewohnten Leute Rabehs halten. Für das Selbstbewusstsein des Königs von Mandara spricht eine charakteristische Anekdote, die ich in Kairo gehört habe. Danach hätte Rabeh bei dem Vormarsch der Franzosen dem Fürsten von Mandara zehn Kamele mit Geschenken und eine Anzahl ausgesucht schöner Weiber gesandt mit der Bitte, die früheren Feindseligkeiten zu vergessen und ihm Hilfstruppen zu schicken, worauf ihm geantwortet wurde, er möge erst hundert Kamele senden, bevor in Verhandlungen eingetreten werden könne. Nach französischen Quellen dürfte der Sultan von Mandara nicht mehr als etwa hundert Gewehre besitzen, ausserdem verfügt er über eine Anzahl von Panzerreitern, -- die übrigens im ganzen Tschadseegebiet vorkommen -- und einige tausend Lanzenträger und Bogenschützen, welch letztere besonders gefürchtet sein sollen. Seine kriegerische Macht würde europäisch gedrillten Truppen weit weniger Schwierigkeiten bereiten, als die in seinem Terrain gelegenen Berge, in welchen er immer Zuflucht suchen kann. Nach dem Tode Rabehs war der Sultan von Mandara in gewisse Beziehungen zu den Franzosen getreten. Er bat diese um Rücksendung der ihm von Rabeh geraubten Leute, die als Sklaven fortgeschleppt worden waren, ein Wunsch, welcher erfüllt wurde.
Die Einwohner von Mandara, Musgu, gehören zur Urbevölkerung des südlichen Tschadseegebietes. Sie sind nur zum kleineren Teile muhammedanisch, zum grösseren Teile heidnisch. In ihren noch vielfach mit hochstämmigen Bäumen bestandenen Bergen haust die Bevölkerung in Hütten, die in diesen Bäumen selbst errichtet sind, oder in Höhlenwohnungen. Die Mandaraleute tragen im Winter Fellkleidung.
Das theokratische Fürstentum Balda, welches der Sokoto-Prinz Haiatu im Osten von Mandara sich und seinem Sohne Mundjeli schaffen konnte, scheint mit dem Zusammenbruch seines Begründers aufgehört zu haben.
Südlich der Mandara-Berge bis zum Benuë haben keine Stammverbände oder Dorf- und Stadtvereinigungen besondere Bedeutung. Das Land gehört zu Adamaua und ist dem Emir von Yola tributär. Auch hier besteht das Gros der Bevölkerung aus Musgu; in den grösseren Ortschaften hausen muhammedanische Stadtfürstengeschlechter: wie ihr Lehns-Oberherr, der Emir von Yola und Adamaua, meist Fulbe. Einer der grössten Orte ist Marrua im Südosten von Mandara, der nordöstlichste Punkt, den die Herren von Üchtritz und Passarge im Hinterlande von Kamerun erreicht haben.
Am Benuë[74] ist auf deutschem Gebiet Garua der wichtigste Ort, auch hier residiert ein von Yola abhängiger Fulbefürst oder Statthalter. Schon jetzt entwickelt Garua, das kommercielle Centrum für weite Gebiete im Norden und Süden des Benuë, eine für jene Gegenden nicht unbedeutende Handelsthätigkeit. Zwischen Garua und Yola besitzt der Emir von Adamaua eine Sommerresidenz, Ribago genannt, am Flusse, in der er einen Teil des Jahres zuzubringen pflegt.
Herr von Yola und Adamaua war bis vor Kurzem der Emir Zuber, ein Nachkomme des Adama, welcher im Anfange des 19. Jahrhunderts das Fürstentum Adamaua gründete und sich dann der Oberhoheit des Kaisers von Sokoto unterstellte. Seine Residenz befindet sich auf englischem Einflussgebiete in nächster Nähe des Benuë. Die Stadt Yola bildet mit ihrer Umgebung eine englische Ausbuchtung nach Osten in unseren Besitz, das Land des Fürsten von Adamaua liegt zum grossen Teile in unserer Kamerun-Kolonie. Zu seinen Vasallen gehören ausser dem Herrn von Mandara eine ganze Anzahl von Statthaltern, deren Land auf deutschem Gebiete liegt. Alle diese sind, wie erwähnt, ebenso wie der Emir von Yola muhammedanische Fulbe. Ihre Vorfahren waren zum Teil schon von Adama in einzelnen grösseren Städten von Adamaua eingesetzt worden. Es sind dies die Herren von Tibati (mit Unterstatthaltern in Yoko und Ngute), Ngaundere, Banyo, Gaschaka, Kontscha, Tschamba, Bubandjidda, Garua und Marrua.
Inzwischen haben sich die Verhältnisse in Yola gleichfalls überstürzt. Der Emir Zuber wurde von der Royal Niger Company stets als zweifelhafter Freund betrachtet. Er hatte von den Franzosen, die unter Mizon flussaufwärts gekommen waren, zwei Kanonen erhalten, was seinerzeit zu den englischerseits dem französischen Expeditionschef bewirkten Schwierigkeiten geführt hat. Die Company, die eine Zeit lang eine Station am Benuë bei Yola eingerichtet hatte, hielt es später für besser, diese weiter flussabwärts zu verlegen. Vor zwei Jahren trat die Gesellschaft ihre Hoheitsrechte an die britische Regierung ab. Diese teilte das Niger-Benuë-Gebiet in die Distrikte Süd- und Nordnigeria -- zu letzterem gehört Yola -- und richtete hier eine mehrere Tausend Mann starke Truppenmacht ein, um nunmehr ernsthaft die durch die internationalen Verträge der englischen Einflusssphäre zugesprochenen Landesteile in Besitz zu nehmen.
In den letzten Jahren scheint nach englischen Berichten der Emir Zuber dem britischen Handel wieder Schwierigkeiten bereitet zu haben, und dies wie seine Sklavenjagden und sein unbotmässiges Verhalten gegen Befehle der Regierung von Nord-Nigeria waren der Grund für das Ende August 1901 erfolgte Vorgehen der Engländer. Auf mehreren Dampfschiffen bewegte sich eine englische Truppe von 12 Offizieren, 7 europäischen Unteroffizieren, 2 Ärzten, 360 eingeborenen Soldaten, 2 Feldkanonen und 4 Maximgeschützen den Benuë stromaufwärts. Der Oberanführer, Oberst Morland, versuchte zunächst Zuber zur friedlichen Übergabe zu bewegen; er fand kein Gehör. Am 2. September wurde die Stadt im Sturm genommen. Unter den 41 Verwundeten befanden sich Oberst Morland selbst und Major Mac Klintock. An Toten hatten die Engländer nur wenige. Der Feind verlor 150 Tote und Verwundete. Den grössten Widerstand hatte eine Anzahl aus dem ehemaligen Rabeh’schen Heer versprengter Streiter geleistet, Bornu-Leute und Araber, die nach dem Tode des sudanesischen Eroberers ihren Weg nach Yola gefunden hatten und sich von dem Emir als Soldaten hatten anwerben lassen. Es gelang Zuber, mit einem Häuflein Getreuer in südöstlicher Richtung zu entkommen. Die Engländer sandten am folgenden Tage ein Verfolgungskorps auf einem Heckrad-Dampfer und landeten bei Ribago oberhalb Yola, um Zuber zu verhindern, seine Absicht auszuführen, hier den Fluss zu überschreiten und nach Norden zu fliehen. Doch konnte Zuber auf deutschem Gebiete bei seinen Stammesgenossen und Vasallen einen Zufluchtsort finden.[75]
Der Stellvertreter Sir Frederick Lugards, Mr. William Wallace, setzte darauf den Bruder Zubers, Achmed (Bobo Amadu), als Emir von Britisch Adamaua in Yola ein. Auf einem beherrschenden Punkte ausserhalb der Stadt wurde ein befestigter Posten errichtet und mit einer starken Besatzung belegt und Kapitän Ruxton als Resident bei dem neuen Emir zurückgelassen. Diesem ist die Ausübung der Sklavenjagden untersagt worden, doch will sich die Regierung einstweilen noch nicht in die Frage der Haussklaverei einmischen.
Ende des Jahres 1901 kehrte Sir Frederick Lugard nach Nigeria zurück. Er fand Fadel Allahs Macht vernichtet. Auf seinen Befehl ging eine 300 Mann starke Expedition unter dem Oberst Morland nach dem Nordosten von Nigeria ab, um genaue Ermittelungen über das Land und die Bevölkerungsverhältnisse, sowie über die Folgen der Herrschaft Rabehs und der Vernichtung derselben durch die Franzosen anzustellen. Unterwegs mussten mehrere aufständische Heidenstämme am nördlichen Ufer des Benue gezüchtigt werden, die sich Räubereien und Morde hatten zu Schulden kommen lassen. In Bautschi wurde der Sultan Omar durch einen Verwandten ersetzt. Die Expedition begab sich demnächst nach Ebi und Lokoja. Von Lokoja aus sollte zu Ende dieses Jahres ein Vorstoss zur Erschliessung des Bussalandes unternommen werden. Der Bestand der britischen Truppen in Nigeria soll jetzt eine weitere Verstärkung erfahren. Demnächst wird auch eine Expedition nach Kano und Sokoto geplant, deren Herrscher in direkte Abhängigkeit zu der Regierung von Nigeria gebracht werden sollen. Der Centralsitz der Verwaltung der englischen Kolonie ist von Djebba nach Wuschischi in die Nähe des Katonaflusses im Nordosten von Bida verlegt worden. Der Ort ist durch eine Eisenbahn mit dem Katonaflusse verbunden.
Deutscherseits ist jetzt gleichfalls mit der Eröffnung des nach den Verträgen mit Frankreich und England uns zustehenden Tschadseegebietes begonnen worden. Durch den Vertrag vom 15. November 1893 mit England ist unsere Grenze im Westen und durch den Vertrag vom 15. März 1894 mit Frankreich im Osten festgelegt worden.
Am 12. Oktober 1901 war Oberleutnant Dominik, der bereits erfolgreich in Tibati und in anderen Orten Adamauas thätig war, und dem der Oberleutnant von Bülow beigegeben ist, mit einer Expedition von der Küste von Kamerun aus nach dem Benuë marschiert. Er hatte die Aufgabe, auf friedlichem Wege die Einrichtung eines ständigen Beobachtungspostens in Garua und den Beginn der Entfaltung deutscher Handelsthätigkeit im Hinterland unserer Kolonie in die Wege zu leiten, sowie die spätere Festsetzung der deutschen Herrschaft am Tschadsee vorzubereiten.
Kurz vor ihm war Hauptmann Cramer von Clausbruch, der im Oktober 1901 mit zwei Kompagnien der Schutztruppe zunächst nach Tibati gegangen war, über Ngaundere nach Garua gelangt. Am 5. Dezember dort eingetroffen, wurde er am 19. von dem von den Engländern entthronten Emir Zuber von Yola angegriffen. Letzterer wurde jedoch nach heftigem Kampfe zurückgeschlagen. Auch Oberstleutnant Pavel, der Kommandeur der deutschen Schutztruppe in Kamerun, erreichte Anfang des Jahres mit zwei Kompagnien über das Gebiet der Bali, Banjo und Kuntscha Garua, wo er Verstärkungen für den von Dominik errichteten Posten zurückliess. Von Garua aus unternahm Oberstleutnant Pavel einen Rekognoscierungsmarsch durch das deutsche Tschadseegebiet. Er verliess Garua am 26. März, durchquerte unter Gefechten die Ngollo- und Selebebaberge, erreichte Dikoa am 21. April und den Tschadsee am 3. Mai. Der Rückmarsch wurde den Logon entlang über Karnak-Logon nach Maona genommen. Die Wiederankunft in Garua erfolgte am 7. Juni. Dem Sultan Zuber von Yola wurden in den Ausläufern der Mandaraberge, westlich von Marrua, zwei Niederlagen beigebracht, ohne dass es jedoch gelungen wäre, ihn gefangen zu nehmen. In Dikoa wurde eine französische Garnison -- Kapitän Dangeville mit einem weissen Unteroffizier und 50 Spahis -- vorgefunden. Diese wohnte der feierlichen Hissung der deutschen Flagge bei und zog hierauf auf französisches Gebiet ab. Weitere französische Garnisonen in Kusseri und Gulfei zogen beim Nahen der Expedition gleichfalls ab. Dikoa und Garua erhielten deutsche Garnisonen, und zwar Dikoa 50 Mann unter Oberleutnant Bülow und Garua 50 Mann unter Oberleutnant Dominik.[76] Oberstleutnant Pavel trat am 8. Juni d. J. von Garua aus den Rückmarsch nach der Küste an und ist Mitte August in Duala eingetroffen. Neben Yoko ist jetzt auch in Banyo ein deutscher Militärposten errichtet worden, wodurch die Station von Garua wieder einen näheren Stützpunkt erhalten hat. Das Hinterland von Kamerun ist damit thatsächlich in Besitz genommen.
Unabhängig von diesen staatlichen Unternehmungen ist von dem unter dem Vorsitz des Konsuls Vohsen stehenden deutschen Tschadsee-Komitee eine weitere Expedition über den Niger und Benue stromaufwärts auf einem eigenen gecharterten Dampfer unterwegs. Die Expedition wird geleitet von Herrn Bauer, dem die Herren von Waldow und Bergingenieur Edlinger beigegeben sind. Sie soll zunächst in Garua ein Jahr verbleiben und das Land der Umgebung in möglichst weiter Ausdehnung auf seine natürlichen Hilfskräfte und wirtschaftlichen und Handels-Verhältnisse eingehend untersuchen. Es ist erfreulich, festzustellen, dass die Expedition von den englischen Behörden und Kaufleuten in Nigeria das freundlichste Entgegenkommen erfahren hat.
Durch die Siege der französischen Waffen am Schari und im Süden des Tschadsees, der Engländer bei Yola und Bautschi und durch unsere eigenen Erfolge in Adamaua ist das Prestige der Weissen gerade jetzt am Benue und im deutschen Tschadseegebiet sehr hoch gestiegen.
[71] Mir wurde auch ein Sohn Abu Kiaris, namens Omar Sanda, als der gegenwärtige Senior und ehestberechtigte Prätendent der alten Bornu-Dynastie bezeichnet. Es mag dieses der vorerwähnte Sohn Abu Kiaris sein, der jetzt in Dikoa lebt; anderenfalls müsste eine Verwechselung mit dem ältesten Sohne Haschems vorliegen. Vielleicht ist der jetzige Sultan Djerbai mit einem Bornu-Prinzen Djebril zu identificieren, der zur Zeit der Rabeh’schen Schreckensherrschaft in Sia (Kuno), im Südwesten des Tschadsees, am Schari, gestützt auf eine Schar treu ergebener Leute, eine gewisse Selbständigkeit erworben hatte und seinen Einfluss vor allem der Ausübung erfolgreicher Wunderkuren, wie Mitglieder der Bruderschaft der Kaderi sie auszuführen pflegen, verdankte. Er hatte sich den Franzosen gegenüber freundlich gezeigt, und auch Prins, als dieser durch Gaza kam, wo er sich damals aufhielt, in geschickter Weise die Verstauchung einer Hand geheilt.
[72] Mit dem Namen Musgu hörte ich sowohl den in Mandara und im Osten bis zum Schari lebenden eingeborenen Stamm bezeichnen, wie er ausserdem für Heiden überhaupt im Süden des Tschadsees im Gegensatze zu Muhammedanern angewandt wurde.
[73] In den letzten Jahrzehnten war der Sultan von Mandara nicht nur Bornu, sondern auch dem Emir von Yola und dadurch indirekt dem Kaiser von Sokoto tributpflichtig geworden. Doch hinderte dieses den Emir von Yola nicht, von Zeit zu Zeit Raubzüge gegen die heidnischen Distrikte von Mandara zu unternehmen, um Sklaven zu erbeuten, die er wiederum zum Teil als Tribut seinem Oberherrn nach Sokoto sandte.
[74] Der Benuë ist eine breite Wasserstrasse. Grössere Schiffe, die etwa 250 Tonnen halten, können ihn drei Monate des Jahres bis nach Garua aufwärts befahren. Für kleinere Schiffe dürfte der Fluss während des ganzen Jahres bis Bifara an der französischen Grenze passierbar sein. Die Frage, ob zwischen dem Benuë und dem Logon, also zwischen dem atlantischen Ocean und dem Schari und dem Tschadsee eine nicht unterbrochene Verbindung zu Wasser besteht, wäre nach den Mitteilungen des französischen Forschers Bonnel de Mezières zu bejahen. Seiner Ansicht nach könnten zu gewissen Zeiten des Jahres Schiffe vom Benuë über den Majo Kebbi bis zum Schari gelangen. Die Dampfer, welche im Herbst vom atlantischen Ocean über den Niger ihre Bergfahrt beginnen, würden die europäischen Waren nach Garua bringen können und hätten volle Zeit, die dort aufgestapelten Erzeugnisse des Landes wieder nach dem Ocean zurückzuführen. Von Garua aus würden kleinere Bote bis nach Bifara und zum Logon verkehren können, von wo aus die Waren -- immer auf der Wasserstrasse -- bis zum Tschadsee gelangen würden und umgekehrt. In jüngster Zeit hat Leutnant de Thézillat die Gelegenheit des Antritts eines Heimatsurlaubs benutzt, um vom Fort Lamy aus den Logon aufwärts auch auf deutschem Gebiete zu erforschen.
[75] Es hiess eine Zeit lang, dass er sich mit der Absicht tragen solle, die Pilgerfahrt nach Mekka zu machen.
[76] In jüngster Zeit soll Sultan Djerbai Dikoa verlassen haben und auf englisches Gebiet übergesiedelt sein.
Abriss der Geschichte der Tschadseeländer.
Bis vor kurzen gehörte das Tschadseegebiet zu den unbekanntesten Gegenden der Welt. Die wenigen Routen, welche vereinzelte Reisende innerhalb der Tschadseeländer ausführten, hatten trotz der sorgfältigen Erkundigungen doch nur für die nächste Umgebung der Reisewege erschöpfende Nachrichten gebracht. Wir können stolz darauf sein, dass es Deutsche waren, welche bis jetzt für die Erforschung dieses Gebietes das meiste geleistet haben, sowohl als Geographen und Ethnographen wie als Historiker. Ich brauche für die nächste Umgebung des Tschadsees nur Barth und seine tapferen, auf dem Felde ihrer Forschungen verstorbenen Mitarbeiter Overweg und Vogel, ferner den in Kanem ermordeten v. Beurmann, sodann Gerhard Rohlfs und unseren grossen Nachtigal zu nennen, für den Süden Flegel, Zintgraff, Passarge und v. Üchtritz, für Adamaua unter anderen Morgen, v. Stetten und neuerdings Dominik, für Sokoto Staudinger, für die Gebiete im Süden und Südosten Wadais den Nestor unserer noch lebenden Afrikaforscher Schweinfurth, ferner Junker. Mit dieser Aufzählung ist die Reihe deutscher Namen, welche sich um die Erkundung des Tschadseegebiets verdient gemacht haben, noch nicht erschöpft.
Andere Nationen haben an diesem Werke mitgearbeitet. Die ersten europäischen Forschungsreisenden im Tschadseegebiete waren Engländer: Denham und Clapperton, Oudney und Richardson. Der zu den Beamten der Royal Niger Company gehörige Mackintosh hat vor einigen Jahren noch Bornu erreicht. Zwei Italiener, Matteucci und Massari, haben im Fluge Afrika von Ost nach West und zwar über die Tschadseegebiete durchzogen, leider ohne dass ihre kühne Reise der Wissenschaft viel genützt hätte. Der eine starb noch in Afrika infolge der Anstrengungen und des Fiebers. Dem anderen umnachteten sich bald darauf aus demselben Grunde die Sinne. Eine Holländerin, eine mutige, von tragischem Geschick verfolgte Frau, hat den Versuch, nach dem Tschadsee vorzudringen, mit dem Tode gebüsst: noch bevor sie dorthin gelangte, wurde Fräulein Tinne bei Scharaba unfern von Murzuk von den Tuareg getötet. Belgischen Beamten verdanken wir manche Erweiterungen unserer Kenntnis des Gebiets im Süden von Wadai und Dar Fertit.
In neuester Zeit sind die Franzosen, wie bereits hervorgehoben, mit besonderem Eifer für die Erforschung der Tschadseeländer thätig gewesen. Auch von ihnen hat mancher sein Leben bei dieser Aufgabe lassen müssen. Monteil gelang es, vom Senegal aus den Tschadsee zu erreichen und, durch die Sahara kommend, europäische Civilisation am Mittelmeer wiederzusehen. Besonders die letzten Jahre brachten für Frankreich eine fast fieberhafte Thätigkeit im Tschadseegebiete und im übrigen Innerafrika. Um die Besitzungen am Mittelmeer und am Atlantischen Ocean mit dem französischen Kongo zu einem grossen Kolonialreiche zu vereinigen, musste eine Verbindung dieser Gebietsteile durch die Sahara und über den Tschadsee hergestellt werden. Männer wie Mizon, Crampel, Maistre, Dybowsky, Bonnel de Mézières und Marchand seien als Forscher im Süden und Südosten des Tschadsees genannt. Die Thätigkeit der bei den jüngsten Expeditionen und im Kriege mit Rabeh hervorgetretenen Männer hat wichtige Resultate auch für die Wissenschaft gezeitigt, die dem Gouverneur Gentil, Prins, Joalland und anderen Offizieren zahlreiche Bereicherungen der verschiedensten Art verdankt. Der Gelehrte Foureau hat mit seiner seit langer Hand vorbereiteten Durchquerung Afrikas von Algerien zur Kongomündung die Erforschung der Tschadseeländer jetzt zu einem gewissen Abschluss gebracht.[77]
Die politischen Beziehungen der europäischen Mächte in Centralafrika sind seit einigen Jahren durch internationale Verträge geregelt. Die Grenzen, welche infolge dieser Verträge zwischen den einzelnen Kolonialmächten festgelegt wurden, sind auf der dieser Arbeit beigegebenen Karte ersichtlich.
Die Bevölkerung in den Ländern des Tschadseegebietes ist recht buntscheckig. Neben mehr negerartigen Völkern finden wir hamitische und hamitisch angehauchte Stämme wie die Tibbu, Tuareg, Gora‘an, Baele, Wadaba, Kanuri (Kanembo), Haussa und Fulbe, ferner Araber aus verschiedenen Einwanderungsperioden. Ein grosser Teil der von diesen Völkerschaften bewohnten Gegenden ist bereits muhammedanisch. In einzelnen Strichen ist der Islam schon seit über tausend Jahren heimisch, einen besonderen Aufschwung hat er im 19. Jahrhundert und zwar namentlich durch die Thätigkeit einzelner muhammedanischer Orden genommen.
Im folgenden sei ein Überblick über die historische Entwicklung der hauptsächlichsten für die Geschichte Rabehs in Betracht kommenden innerafrikanischen Staatengebilde gegeben.
[77] Seit mehr als 20 Jahren war Foureau an der Erforschung der Sahara thätig. Von seiner Durchquerung Afrikas von Algerien über den Tschadsee zur Kongomündung, die er von langer Hand vorbereitet hatte, brachte er neben zahlreichen anderen wissenschaftlichen Resultaten über 500 astronomische Ortsbestimmungen mit. Nach den Untersuchungen Foureaus bildet der Bahr el Ghazal im Südwesten des Tschadsees keinen Zufluss des Sees. Vielmehr ist er eher als eine Art von Abfluss zu betrachten, indem er nach Nordosten hin bei starkem Wasserstande des Sees eine golf- oder lagunenartige Verlängerung desselben darstellt, welche zu gewissen Zeiten Wasser an der Erdoberfläche etwa 60 km landeinwärts weiterführen soll. (Vergl. Bulletin de la Société de Géographie, 1900, S. 433 ff., 453.) Die ausführliche Darstellung der wissenschaftlichen Arbeiten seiner Reisen wird Foureau hoffentlich recht bald der Öffentlichkeit übergeben können. Der erste Band mit der eigentlichen Reisebeschreibung ist unter dem Titel „Mission Saharienne Foureau Lamy d’Alger an Congo par le Tsad“ bereits erschienen. (Paris, Masson & Cie, 1902.) Gentil hat eine Schilderung seiner Feldzüge im Tschadseegebiet im „Tour de Monde“ erscheinen lassen.
1. Darfur.
Das Gebiet von Darfur, welches in früherer Zeit von den negerartigen Stämmen Tadjo und For (Fur) bewohnt war, folgte bis zum 15. Jahrhundert n. Chr. Fürsten aus dem erstgenannten Stamme. Um diese Zeit kamen muhammedanische Mitglieder des aus Tunis stammenden arabischen Geschlechts der Tundjer nach Darfur. Abd el Kerim Tundjer wurde der Schwiegersohn des letzten Königs Kor aus dem Hause der Tadjo und der Begründer der jetzt noch in Darfur regierenden Dynastie. Die Tadjo wurden nach dem Westen von Darfur gedrängt, wo sie bis in die jüngste Zeit ein kleines selbständiges Sultanat besassen.[78] Das Königshaus der Tundjer vermengte sich in der Folge mit Töchtern der Stammeshäupter der For.