Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1902 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Transliterationen und Transkriptionen von Namen und Begriffen in den jeweiligen Landessprachen (insbesondere Arabisch) wurden gegenüber dem Original nicht verändert oder vereinheitlicht. Schreibvarianten von zusammengesetzten Wörtern (mit und ohne Bindestrich) wurden beibehalten.
In den Transliterationen aus dem Arabischen wurde in der Originalvorlage der arabische Buchstabe ‚Ain‘ verwendet. Da dieses Symbol aber in vielen Schriftarten nicht unterstützt wird, wurde es durch das einfache schließende Anführungszeichen ‘ ersetzt.
Umlaute in Großbuchstaben wurden im Original teilweise auch in deren Umschreibung (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Im vorliegenden Text wurden dagegen durchgängig die entsprechenden Umlaute (Ä, Ö, Ü) verwendet.
Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Kapitels bzw. Unterkapitels verschoben.
Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_ unterstrichen: ~Tilden~
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RABEH UND DAS TSCHADSEEGEBIET.
VON
DR. MAX FREIHERRN VON OPPENHEIM, KAISERLICHEM LEGATIONSRAT.
MIT EINER KARTE.
BERLIN 1902.
DIETRICH REIMER (ERNST VOHSEN).
Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort V
Kapitel I. Zuber Pascha, Rabehs Lehrmeister 1
„ II. Zuber Paschas Sohn Soliman und Rabehs erstes Auftreten 9
„ III. Die ersten Eroberungszüge Rabehs 13
„ IV. Rabehs Kampf mit Wadai 26
„ V. Die Gründung des Rabeh’schen Tschadsee-Reiches 31
„ VI. Das Tschadsee-Reich Rabehs 48
„ VII. Neue Kämpfe Rabehs 73
„ VIII. Kämpfe Rabehs mit Frankreich 83
„ IX. Rabehs Tod 99
„ X. Das Ende der Rabeh’schen Macht 118
„ XI. Das deutsche Tschadseegebiet 141
Abriss der Geschichte der Tschadseeländer 158
1. Darfur 163
2. Wadai 167
3. Kanem 170
4. Baghirmi 175
5. Bornu 182
6. Sokoto 188
Anhang.
Karawanenstrassen im Tschadseegebiet und im Sudan 192
* * * * *
Karte.
Vorwort.
Zu den kühnsten und erfolgreichsten Eroberern, welche die Welt in den letzten Jahrhunderten hat auftreten sehen, ist Rabeh, der ehemalige Knecht und spätere Truppenführer des bekannten sudan-egyptischen Sklavenfürsten Zuber Pascha, zu rechnen. Rabehs Kriegszüge erinnern in mancher Beziehung an die eines Napoleon. Ein innerafrikanischer Fürst nach dem anderen wurde von ihm unterworfen, und er stürzte Throne, die auf eine viele Jahrhunderte alte Geschichte zurückblickten. In wenigen Jahren konnte er sich ein Reich schaffen, das sich von den Grenzen des mahdistischen Gebietes am oberen Nil bis nach Sokoto ausdehnte, im Süden fast bis zum Kongo reichte und im Norden von Wadai und der Sahara abgeschlossen wurde.
Aber auch darin gleicht das Schicksal Rabehs der Laufbahn des korsischen Eroberers, dass die Herrlichkeit seines Riesenreiches nicht von langer Dauer war. 1894 errichtete er seine Hauptstadt am Südrande des Tschadsees, und schon ist er vom politischen Schauplatz abgetreten: in mehreren Kämpfen von den Franzosen besiegt, starb er im April 1900 den Tod auf dem Schlachtfelde. In keinem der gewonnenen Länder hatte er an den Eingeborenen einen sicheren Stützpunkt finden können. Seine Herrschaft war durch seine Grausamkeit verhasst geworden, der einflussreiche religiöse Orden der Senussi hatte sich gegen ihn erklärt.
Rabehs Reich war mit seinem Tode zerfallen, aber sein Sohn Fadel Allah konnte einen Teil der Soldateska, auf welcher seine Macht beruhte, sammeln. Sie reorganisierte sich rasch wieder in der früheren Weise und bildete dann noch eine Zeitlang den stärksten Machtfaktor unter den Völkerschaften des Tschadseegebietes. Zweimal gewann Fadel Allah das Reich seines Vaters bis zum Schari wieder, aber von den Franzosen ebenso oft wieder vertrieben und auf englisches Gebiet verfolgt, fand er am 23. August 1901 seinen Tod. Die decimierten Besiegten, die ihre gesamte Munition und ihr Pulver eingebüsst hatten, mussten sich ergeben. Damit hatte die von Rabeh begründete Macht im Tschadseegebiet ihr Ende gefunden.
Das Hinterland unserer Kamerun-Kolonie, welche mit ihrem nördlichsten Teile an den Tschadsee grenzt, hat in den durch das Auftreten Rabehs entstandenen Wirren eine bedeutende Rolle gespielt. Auf deutschem Boden hatte sich Rabeh seine Hauptstadt Dikoa gewählt, auf deutschem Boden wurde er von den Franzosen bekämpft und getötet, in Dikoa und nicht mehr in dem englischen Kuka residiert jetzt der neue Sultan von Bornu, und auf deutschem Boden lebt der mächtigste Widersacher, den Rabeh im Tschadseegebiet gefunden hatte, der Fürst von Mandara. Gerade für uns Deutsche ist es daher von besonderem Interesse, über die Vorgänge, die sich im Tschadseegebiet abgespielt haben, genau unterrichtet zu sein und die Vorgeschichte und den Entwicklungsgang dieser Ereignisse zu kennen, namentlich auch deshalb, weil wir jetzt durch eigene Expeditionen, die bereits nach Garua am Benue gedrungen sind, an die Eröffnung des uns nach den internationalen Verträgen zustehenden Tschadseegebietes herangetreten sind.
Wenn ich mich an diese Aufgabe gewagt habe, so ist es deshalb geschehen, weil ich seit längerer Zeit Gelegenheit hatte, die Vorgänge im Innern Afrikas zu verfolgen. Im Jahre 1894 wurde ich mit der Führung einer Expedition nach dem Tschadsee, deren Ausgangspunkt Tripolis sein sollte, betraut, als die Nachricht von der Eroberung der in Betracht kommenden Gebiete durch Rabeh und von der darauf erfolgten Sperrung der Karawanenstrassen zwischen dem Tschadsee und Tripolis in Europa eintraf. Infolge dessen wurde meine bereits in Vorbereitung begriffene Expedition zunächst verschoben und darauf gänzlich aufgegeben, zumal inzwischen ein Vertrag zur Regelung der Ostgrenze unserer Kamerun-Kolonie mit Frankreich abgeschlossen worden war.
Seit 1896 konnte ich in Kairo, das für die Beobachtung aller Vorgänge in der muhammedanischen Welt ein hervorragend geeigneter Punkt ist, durch den Verkehr mit Angehörigen der verschiedensten innerafrikanischen Länder unmittelbare Nachrichten über die frühere Entwickelung der Macht Rabehs und über die jüngsten Ereignisse am Tschadsee sammeln.
Jedes Jahr kommen muhammedanische Kaufleute und Pilger, welche der religiösen Pflicht der Mekkafahrt genügen wollen, auch aus jenen Gegenden nach Egypten. Viele der centralafrikanischen Besucher widmen sich dann in Kairo ernsten religiösen Studien an der Azharmoschee, der grössten geistlichen Hochschule der muhammedanischen Welt, oder sie suchen durch die Ausübung zauberartiger Heilkünste und Wahrsagereien im reichen Nillande sich erst einiges Zehrgeld zu verdienen, bevor sie die weite Heimreise wieder antreten. Manche der Centralafrikaner, mit denen ich in Kairo Verkehr pflegen konnte, hatten auf ihrem Wege nach Egypten weite Umwege gemacht und zu der Reise aus den Tschadseeländern oft Jahre gebraucht. Die Fama aber schreitet rasch in Afrika, und man kann beobachten, wie innerafrikanische Geschehnisse oft in Egypten früher bekannt werden, als in Europa.
So glaube ich im folgenden eine Darstellung der soeben zum Abschluss gekommenen Geschichte Rabehs und seines Sohnes geben zu können, welche im grossen und ganzen zutreffend sein dürfte, wenn auch in Einzelheiten kleine Irrtümer zu berichtigen bleiben werden. Die Darstellung beruht im wesentlichen auf meinen Erkundigungen bei meinen centralafrikanischen Gewährsleuten, deren erstaunliches Gedächtnis ich oft bewundern musste. Bei der Wiedergabe der Kämpfe der Franzosen mit Rabeh und seinem Sohn Fadel Allah habe ich die amtlichen französischen Schlachtberichte benutzt, weitere Details verdanke ich persönlicher Aussprache mit den leitenden Mitgliedern der französischen Tschadsee-Expeditionen.
Einige Nachrichten über die Geschichte der für Rabehs Auftreten in Betracht kommenden Länder, deren Kenntnis auch für die Beurteilung der Zustände in dem Hinterlande unserer Kamerun-Kolonie von praktischem Werte ist, glaubte ich beifügen zu sollen. Auch habe ich den Zug der wichtigsten Karawanenstrassen zwischen den Tschadseeländern und dem Mittelmeer als Anhang gegeben.
_Der Verfasser._
I. Zuber Pascha, Rabehs Lehrmeister.
Rabeh[1] ist ein Sohn des egyptischen Sudan, und hier liegt auch der Beginn seiner Geschichte. Bis zum Jahre 1879 war sein Leben eng verknüpft mit dem des vielgenannten Sklavenfürsten Zuber Pascha, der während der Regierung des Chedive Ismaïl eine grosse Rolle im egyptischen Sudan gespielt hat. Eine kurze Betrachtung der Geschicke Zubers, der gleichfalls für afrikanische Verhältnisse ein bedeutender Mann genannt werden muss, ist für die Darstellung des Entwicklungsganges Rabehs unerlässlich.
Zuber ist kein Neger, sondern ein Araber aus dem Stamme der Djimeab, der sich rühmt, zu den Kuraischiten, also den Nachkommen der Stammesgenossen des Propheten Muhammed, zu gehören; er leitet seine Abstammung von Abbas her, einem Onkel des Propheten. Die Djimeab gehören zu den Djealin, mit welchem Namen im egyptischen Sudan im Gegensatze zu den hamitischen Bestandteilen der Bevölkerung und den Negern die Nachkommen ursprünglich arabischer Einwanderungen bezeichnet werden, die dann natürlich im Laufe der Zeiten durch Vermischung mit schwarzem Blut neben dunkler Hautfarbe starke Abweichungen von dem rein arabischen Typus entwickelten, aber sich doch in ihrem Aussehen von den anderen sudanesischen Völkerschaften scharf unterscheiden. Die Djealin finden wir seit über einem Jahrtausend am oberen, nubischen, Nil, in Sennar, in Darfur u. s. w., in einzelnen Familien oder auch in kleineren Stammesverbänden.[2] Der Sitz der Djimeab ist seit langer Zeit ein Dorfdistrikt gleichen Namens am Nil oberhalb Dongola gewesen. Selbst während der Mahdisten-Herrschaft haben sich dort Verwandte Zubers, natürlich unter Anerkennung der neuen Machthaber, gehalten. Zuber zählte zu den Djellaba[3], die ihre kaufmännischen Unternehmungen und Handelszüge weit nach den südlicher gelegenen Negerdistrikten hin zu richten pflegten. Den Hauptartikel, der neben Elfenbein, Straussenfedern, Gummi verhandelt wurde, bildeten die Sklaven. Diese wurden entweder gekauft, oder, falls die Gelegenheit sich bot und genügende Machtmittel vorhanden waren, erjagt. Zu diesem Zwecke schlossen sich gewöhnlich verschiedene Djellaba unter der Führung eines besonders kühnen Mannes zusammen.
Schweinfurth fand im Jahre 1868 im Bahr el Ghazal neben einer Unzahl kleiner Händler fünf grosse Sklavenjäger, welche dort das Monopol des gewinnbringenden Handels mit Menschenfleisch sich anmassen konnten. Der Mittelpunkt des sudanesischen Handels war Chartum. Die erbeuteten Sklaven wurden nilabwärts oder nach Darfur und nach dem Hedjaz gesandt. Unter jenen fünf grossen Sklavenhändlern war schon zu Schweinfurths Zeit Zuber fast allmächtig im Bahr el Ghazal[4]. Bald darauf gewann er in solchem Maasse die Oberhand über die anderen Sklavenhändler, dass er als der unumschränkte Herr des Bahr el Ghazal angesehen werden musste. Die Ausübung der egyptischen Herrschaft über diesen Bezirk bestand Zuber gegenüber nur noch in einer Art Oberlehnshoheit. Aus einem Teile der eingefangenen und der bei ihm geborenen Sklaven und auch aus freiwilligen Gefolgsleuten hatte er sich eine achtunggebietende Truppe gebildet, die mit Feuerwaffen, zum Teil sogar mit guten Gewehren und kleinen Kanonen ausgerüstet war. Diesen Soldaten vermochten die Negerstämme keinen nennenswerten Widerstand entgegenzustellen. Kleinere Truppenabteilungen genügten, um grosse Gebiete zu terrorisieren, und, nachdem genügend lebendige Beute gemacht worden war, dauernd in Schach zu halten. In dem eroberten Gebiete wurden Zeriben errichtet: durch Erdwälle und hochaufgetürmtes Dornwerk befestigte Plätze, welche die Sitze der Truppenführer Zubers und gleichzeitig die Sammelstellen für die aus dem umliegenden Gebiete eingebrachte Beute wurden. Daneben waren die Zeriben die Centralpunkte für friedfertige Djellaba, die von hier aus Handel mit europäischen Waren trieben, welche sie gegen die Erzeugnisse der Eingeborenen, aber auch gegen Sklaven, eintauschten.
Auf diese Weise hatte Zuber seine Vorposten bis nach Dar Fertit, Dar Abu Dinga und Dar Runga vorgeschoben. Am oberen Nil dehnte sich seine Herrschaft bis nach den Seen-Gebieten hin aus. Im Jahre 1873 wurde er vom Chedive Ismaïl Pascha zum Gouverneur der Bahr el Ghazal-Provinz ernannt. Demnächst bot er der Regierung an, das im Westen Kordofans gelegene, einem alten angestammten Königshause folgende Reich Darfur zu erobern, und thatsächlich gelang ihm im November 1874 die Unterwerfung dieses grossen und fruchtbaren Gebiets. Dieser ausserordentliche Erfolg des Sklavenfürsten erschien indess dem Chedive bedrohlich. Ismaïl Ejub Pascha ging in seiner Eigenschaft als Generalgouverneur des Sudan nach Darfur und setzte Hussen Pascha el Gowesir als Statthalter in Fascher ein. Zuber wurde lediglich mit dem Paschatitel belehnt. Begreiflicherweise kam es zwischen Zuber Pascha und Ejub Pascha alsbald zu Streitigkeiten. Um sich bei dem Chedive persönlich zu rechtfertigen, begab sich Zuber Anfang 1876 mit einer grossen Anzahl wohlbewaffneter Sklaven, vielen Sklavinnen und anderen Geschenken nach Kairo, nachdem er in der nach ihm benannten Hauptstadt des Bahr el Ghazal, in Dem Zuber, einen Dongolaner Idris waled Defter als seinen Stellvertreter zurückgelassen hatte.
Zuber sollte seine Heimat jahrzehntelang nicht wiedersehen. Zunächst wurde er von dem Chedive Ismaïl freundlich aufgenommen. Er begleitete sogar das egyptische Kontingent, das der Chedive im russisch-türkischen Kriege seinem Souverain zu Hilfe geschickt hatte, in der Umgebung des Kommandanten, Prinzen Hassan Pascha[5], nach der Türkei, kehrte freilich nach kurzer Zeit, da er infolge der ungewohnten Kälte erkrankte, nach Kairo zurück. Dann aber wurde er vom Chedive in Unteregypten zurückgehalten. Seine schwarzen Sklaven wurden in egyptische Regimenter gesteckt. Allerlei Anschläge wegen Hochverrats und Anschuldigungen, dass er sich ein selbständiges Königreich im Sudan gründen wolle, wurden gegen ihn vorgebracht. Schliesslich erhielt er ein hohes Jahresgehalt ausgesetzt und ein Haus in Kairo im Viertel der Sitte Zenab zum Wohnsitz angewiesen. Wohl oder übel fügte er sich in das Unvermeidliche. Aber nach dem Tode seines Sohnes Soliman begann er sich zu rühren. Als die Mahdisten ihre ersten grossen Erfolge im egyptischen Sudan zu verzeichnen hatten, zieh man Zuber der Intrigue, und als er bei der letzten Entsendung Gordons nach Chartum, um seine Mitwirkung zur Unterdrückung des Mahdistenaufstandes angegangen, Sühne für das Blut seines Sohnes verlangte, schien seine Anwesenheit in Egypten gefährlich, und er wurde nach Malta und später nach Gibraltar verschickt.
Hier bot er seine endgiltige Unterwerfung an, worauf man ihn wieder nach Egypten zurückbrachte, in der Hoffnung, ihn im Kampfe gegen die unterdessen zu Herren des Sudan gewordenen Mahdisten verwenden zu können. Seitdem lebte Zuber in Kairo und in Heluan in glänzender Gefangenschaft, stets von einer grossen Schar von Leuten aus dem egyptischen Sudan und auch aus anderen innerafrikanischen Ländern aufgesucht. Mit fürstlicher Freigebigkeit pflegte er seine Gäste zu bewirten. Ich habe den alten Herrn, der sich mit seinem von der schwarzen Gesichtsfarbe scharf abstechenden weissen kurz gehaltenen Vollbarte stattlich ausnahm -- eine hagere, aber immer noch sehnige Soldatengestalt -- vielfach besucht.
Nachdem die Macht des Nachfolgers des egyptischen Mahdi, des Chalifa Abdullahi et Taischi, vollständig gebrochen und der Chalifa selbst gefallen war, erlaubte der Sirdar und Generalgouverneur des Sudan, Sir Reginald Wingate, welcher in seiner langjährigen Eigenschaft als Chef des egyptischen Intelligence Department Zuber genau kennen gelernt hatte, diesem Anfang des Jahres 1900 die langersehnte Rückkehr nach dem Lande seiner Väter, zunächst zu nur einstweiligem Aufenthalte. Fast 25 Jahre waren vergangen, seitdem Zuber Pascha den Sudan verlassen hatte. Die Schreckensherrschaft der Mahdisten hatte hier wie ein Schwamm die Vergangenheit weggewischt, und eine grosse politische Bedeutung dürfte Zuber für den Sudan kaum je wieder erlangen.
[1] Der Name Rabeh hat die vielfältigsten Verstümmelungen erfahren. Er ist eine arabische Participial-Bildung und bedeutet „der Gewinnende“. Der Ton ruht daher auf der ersten Silbe. Von der Bevölkerung der Tschadseegegend, welche in der Umbildung der arabischen Namen grosses leistet -- so wird Ali in Aliu, Muhammed in Hammu, Abu Bekr in Abu Kiari entstellt -- wird der Name Rabi oder Rabbi, auch Arabi, ausgesprochen. -- In den vorliegenden Blättern sind die arabischen, Neger-, Haussa- u. s. w. Namen ihrem Laute entsprechend wiedergegeben, eine genaue Transkription der arabischen Schriftzeichen ist also nicht durchgeführt worden. Ausserdem ist bei einzelnen Namen Rücksicht auf die in den heutigen Karten und Werken gebräuchliche Schreibart genommen, um bei einer Vergleichung mit diesen keine Irrtümer aufkommen zu lassen.
[2] Aus den Djealin ist auch der Mahdi hervorgegangen, und auf sie stützte er sich in erster Linie. Sie traten in den Hintergrund, als seit dem Jahre 1885 sein den Baggara entsprossener Nachfolger Abdullahi et Taischi seine Stammesgenossen, die Nachkommen anderer altarabischer Einwanderungen, die hauptsächlich im Südwesten von Darfur wurzelten, mehr hervorzog.
Die Djealin leiten ihren Namen und ihre Abstammung von einem Araber Namens Djeal ab, der während der arabischen Invasion des Sudan gegen Ende des 2. Jahrhunderts der Hedjra, also etwa gegen 800 n. Chr., nach den Nilländern gekommen sein soll. Der Hauptsitz der Djealin ist die Gegend von Schendi und Metemmeh, wie überhaupt die Landschaft zwischen Berber und Omdurman. Die Djimeab sind ein Zweigstamm der Djealin, ebenso wie die Nimrab, Sadab, Mukabrab u. s. w. Übrigens geben alle Djealin sich als Nachkommen des Abbas, des Onkels des Propheten Muhammed, aus. Abbas soll über 90 freigelassene Sklaven gehabt haben, die er als seine Söhne betrachtete.
[3] Der Name kommt von der Verbalform djalab („importieren“) her, und es werden im Sudan alle diejenigen, welche sich mit Tauschhandel beschäftigen, Djellaba genannt, ohne dass diese Bezeichnung irgend etwas mit dem Volksstamm, dem sie angehören, zu thun hat.
[4] Vergl. Schweinfurth, Im Herzen von Afrika, Leipzig 1874, Bd. II, S. 379, wo der fürstliche Hofhalt, mit dem Zuber sich umgeben hatte, sehr anschaulich geschildert wird.
[5] Prinz Hassan, ein Sohn Ismaïl Paschas, war eine Zeit lang preussischer Offizier im 1. Garde-Dragoner-Regiment.
II. Zuber Paschas Sohn Soliman und Rabehs erstes Auftreten.
Als Zuber im Jahre 1874 an den Hof des Chedive Ismaïl zog, liess er seinen ältesten Sohn Soliman, der zum Untergouverneur von Schakka ernannt war, in Darfur zurück. Die Leute Zubers wirtschafteten im Bahr el Ghazal, wo, wie wir gesehen haben, Idris waled Defter als Vertreter eingesetzt war, auf eigene Faust weiter fort. Inzwischen hatte sich Soliman ibn Zuber im Bahr el Ghazal Einfluss zu verschaffen gewusst und war, da seine Vorstellungen in Kairo, seinen Vater nach dem Sudan zurückkehren zu lassen, unberücksichtigt blieben, auf dem Punkte angelangt, sich gegen die Regierung zu empören, als Gordon Pascha im Jahre 1877 Gouverneur des Sudan wurde. Dem klugen Auftreten Gordons gelang es, Soliman zu beruhigen. Im September 1877 wurde dieser zum Gouverneur des Bahr el Ghazal ernannt, und nun entspann sich ein Ränkespiel zwischen Soliman und Idris waled Defter. Gordon glaubte den Versicherungen des letzteren, dass Soliman sich selbständig machen wolle, und setzte Idris an dessen Stelle zum Gouverneur ein. Jetzt ging Soliman, dem die alten Basinger[6], die Sklavenjäger und Soldaten seines Vaters, von allen Seiten zuströmten, zum thätlichen Angriff über. Idris wurde Anfang des Jahres 1878 besiegt und musste fliehen. Mit der Aufgabe, Soliman für diese offene Empörung zu züchtigen, wurde Gessi Pascha, ein geborener Italiener, betraut.
Gessi rückte im Jahre 1878 mit einer beträchtlichen Truppenmacht nach dem Bahr el Ghazal vor. Soliman verschanzte sich in Ganda, wo er im folgenden Winter von Gessi belagert wurde. Die Folge war, dass viele seiner Basinger ihn verliessen und auf die Seite der Egypter traten. Er wurde im Mai 1879 geschlagen und sein grosser Centralplatz, das unweit westlich von Ganda gelegene Dem Zuber, genommen. Den Siegern fielen die von Zuber Pascha und seinen Anführern aufgehäuften Schätze in die Hände. Soliman floh weiter nach Westen; aber trotz aller Anstrengungen Gessis, der ihm nachsetzte, gelang es nicht, seiner habhaft zu werden. Bei dieser Gelegenheit wurde auch eine Abteilung Solimans geschlagen, die von Rabeh geführt wurde. Fast zwei Monate trieb sich Soliman, von Gessi gehetzt, herum. Die Djellaba machten es ihm immer wieder möglich, den egyptischen Truppen zu trotzen oder ihnen zu entschlüpfen. Auf eine entscheidende Schlacht liess er sich nicht ein.
Um diese Zeit fasste Gordon den Entschluss, dem Sklavenhandel im Sudan ein für alle Mal ein Ende zu machen. Die verschiedenen Distriktschechs in den südlichen Provinzen wurden beauftragt, die Djellaba zu vertreiben und sie mit Gewalt in ihre Heimat zurückzusenden.[7] Gessi eröffnete ein Kesseltreiben gegen die Kaufleute, die, ob des Sklavenhandels schuldig oder nicht, ergriffen, ihrer Habe beraubt und nach Chartum abgeführt wurden. Das brach die Kraft Solimans, da er sich jetzt nicht mehr mit Waffen, Munition und Lebensmitteln versehen konnte. Als er sich nunmehr nach der Gegend von Djerra im Südwesten von Darfur gewandt hatte, liess ihm Gessi durch einen Zwischenhändler Verzeihung anbieten. Soliman nahm an, trotz des Widerspruchs eines grossen Teils seiner Ratgeber, der unter Zuber gross gewordenen Heerführer, und ergab sich mit einem Teile seiner Leute. Der andere Teil aber verliess unter Führung Rabehs das Lager, um dem egyptischen Sudan den Rücken zu kehren und nach dem Westen zu gehen. Soliman sollte sein Vertrauen bald bereuen. Sein alter Gegner Idris waled Defter verdächtigte ihn neuerdings bei der Regierung, und am 15. Juli 1879 wurde er von Gessi preisgegeben und mit seinen nächsten Verwandten getötet.