Querkopf Wilson

Part 9

Chapter 93,741 wordsPublic domain

»Als ich noch glaubte, die Steine wären Glas und das Elfenbein Knochen, war mir das Ding gleichgiltig,« dachte er, »denn es konnte mir nicht aus der Not helfen. Aber jetzt ist es mir von höchstem Wert und macht mich zugleich totunglücklich. Es ist wie ein Sack voll Gold, der sich in meinen Händen zu Staub und Asche verwandelt. Wie leicht könnte es mir Hilfe bringen -- und doch muß ich zu Grunde gehen. Ich ertrinke, während der Rettungsgürtel dicht neben mir liegt. Andere Leute haben Glück, ich dagegen werde förmlich verfolgt vom Unheil. Wenn ich nur an Querkopf Wilson denke -- sogar seine Laufbahn nimmt jetzt einen Aufschwung, ich möchte wohl wissen, womit er das verdient hat! Ihm öffnet sich ein neuer Weg, aber statt froh darüber zu sein, weiß er nichts besseres, als mich in die Enge zu treiben. Die ganze Welt ist so niederträchtig und selbstsüchtig -- am liebsten wäre ich tot.« Er hielt die Scheide des Dolches an das Licht, daß die Juwelen funkelten und blitzten, aber der Glanz, an dem er sein Auge erfreuen wollte, war ihm nur ein Stich ins Herz. »Ich darf Roxy nichts von dem Messer sagen,« überlegte er, »sie ist zu tollkühn und wäre im stande, die Steine herauszubrechen, um sie zu verkaufen, -- man würde sie einfach festnehmen, den Ursprung der Juwelen entdecken und --« rasch verbarg er den Dolch; ihm schauderte bei dem Gedanken. An allen Gliedern zitternd, blickte er verstohlen um sich, wie ein Missethäter, der glaubt, daß ihm die Verfolger schon auf den Fersen sind.

Sollte er versuchen zu schlafen? -- O nein, für ihn gab es keinen Schlummer; sein Unglück war zu quälend, zu unerträglich. Er brauchte jemand, der seine Bekümmernis teilte. Roxy sollte mit ihm trauern -- er wollte zu ihr gehen.

In der Ferne ließen sich wiederholt Schüsse hören, aber das machte keinen Eindruck auf Tom, es war nichts Ungewöhnliches. Er ging zur Hinterthür hinaus und an Wilsons Wohnung vorüber. Als er durch den Heckenweg kam, sah er mehrere Personen über den unbebauten Platz auf Wilsons Haus zugehen. Es waren die Duellanten, die vom Kampfe zurückkehrten; Tom glaubte sie zu erkennen, wünschte jedoch eine Begegnung zu vermeiden, deshalb duckte er sich rasch hinter einen Zaun, bis er die Gesellschaft aus dem Gesicht verlor.

Roxy war in der besten Laune.

»Wo kommst du her, Kind?« fragte sie, »warst du nicht mit dabei?«

»Wobei denn?«

»Bei dem Duell!«

»Ist hier ein Duell gewesen?«

»Versteht sich. Der alte Richter hat sich mit einem Zwilling geschossen.«

»Du meine Güte! -- Also, deshalb hat er das Testament wieder gemacht,« überlegte er im stillen; »der Gedanke, daß er fallen könnte, hat seinen Zorn gegen mich besänftigt. Das war es auch, was Howard und er so eifrig mit einander beredet haben! ... O, wenn ihn der Zwilling nur totgeschossen hätte, dann wäre meine Qual auf einmal aus gewesen.«

»Was murmelst du da vor dich hin, Schamber? Wo warst du denn? Hast du von dem Duell gar nichts gewußt?«

»Kein Sterbenswort. Der Alte verlangte, ich sollte mich mit dem Grafen Luigi schlagen, doch da kam er an den Unrechten. Nun hat er wahrscheinlich selbst die Familienehre wieder zusammenflicken wollen.«

Er fand diesen Einfall höchst lächerlich und begann nun alle Einzelheiten seines Gesprächs mit dem Richter zu erzählen, auch wie entsetzt und außer sich der Alte gewesen war, daß ein Glied seiner Familie so feige sein könne. Beim Schluß des Berichts blickte er zu Roxana auf und bekam keinen geringen Schrecken, als er sah, wie sie in leidenschaftlicher Erregung mit fliegendem Atem dastand, während ein Ausdruck bodenloser Verachtung in ihren finstern Mienen lag.

»Der Mann hat dir ’nen Fußtritt gegeben, und du hast dich geweigert, mit ihm zu kämpfen, statt heilfroh zu sein über die Gelegenheit? Und du schämst dich gar nicht, vor mich hinzutreten und mir zu sagen, was ich für ’nen jammervollen erbärmlichen Furchthasen in die Welt gesetzt hab’? Mir wird übel und weh davon. Es muß der Nigger sein, der in dir steckt. Du bist über und über weiß, bis auf ein einziges, winziges Stückchen, aber dies winzige schwarze Teilchen ist deine _Seele_. Die ist keinen Pfifferling wert, man thäte ihr noch zu viel Ehre an, wenn man sie mit ’ner Schaufel auf den Kehricht würfe. Du schändest deine Geburt. Was würde dein Vater von dir denken -- er muß sich ja im Grabe ’rumdrehn.«

Die letzten Worte machten Tom rasend vor Wut. Er sagte sich, daß wenn sein Vater noch am Leben wäre und ein Mordstahl ihn erreichen könnte, er seiner Mutter schon beweisen wollte, wie genau er wisse, was er dem Mann schuldig sei und wie gern er ihm alles heimzahlen würde, selbst auf Gefahr seines Lebens. Doch hielt er es bei Roxys augenblicklicher Stimmung für geraten, solche Gedanken nicht laut werden zu lassen.

»Was du mit deinem Essex-Blut gemacht hast, ist mir ein Rätsel. Aber das ist nicht etwa das einzige, edle Blut in dir. Mein Urururgroßvater und dein Ururururgroßvater war der alte Kapitän John Smith, der vornehmste Mann, den Altvirginien je gesehen hat. Seine Urahne aber aus ältester Zeit war Pocahontas, die Indianer-Königin, und ihr Mann war ein Negerkönig drunten in Afrika. Und bei solcher Abkunft stehst du da, fürchtest dich vor ’nem Zweikampf und entehrst deinen ganzen Stamm, als wärst du ’n elender gemeiner Hund. Ja, ja, das kommt von dem Nigger, der in dir steckt.«

Sie nahm auf ihrer Kiste Platz und versank in tiefes Sinnen. Tom saß schweigend dabei und störte sie nicht; wenn es ihm auch manchmal an der nötigen Klugheit fehlte, so doch nicht unter solchen Umständen. Der Sturm in Roxanas Innern war schwer zu beruhigen, doch legte er sich allmählich, nur von Zeit zu Zeit machte sie sich noch in einem Ausruf Luft, der dem fernen Grollen des Donners glich. »Nicht einmal an den Fingernägeln sieht man ihm den Neger an,« murmelte sie, »und da zeigt sich’s doch immer am ersten -- nur seine Seele ist schwarz gefärbt!«

Zuletzt wurde sie ganz still, und Tom nahm mit Vergnügen wahr, daß sich ihre Miene aufheiterte. Er kannte ihre verschiedenen Stimmungen genau genug, um zu wissen, daß sie nun bald wieder bei guter Laune sein würde. Zugleich fiel ihm auf, daß sie von Zeit zu Zeit mit dem Finger unwillkürlich ihre Nase berührte.

»Aber Mammy,« sagte er, sie näher betrachtend, »von deiner Nasenspitze ist ja die Haut herunter, wie geht das zu?«

Sie brach in ein schallendes Gelächter aus. Ein solches Lachen aus vollem, ungeteiltem Herzen ist eine Himmelsgabe, wie sie Gott niemand verliehen hat, außer den heiligen Engeln droben, und den armen, gequälten und zerschlagenen schwarzen Sklaven auf Erden.

»Das kommt von dem Duell,« rief sie, »ich hab’ mitgethan.«

»Was? Hat dich etwa eine Kugel gestreift?«

»Jawohl, das will ich meinen.«

»Ist es möglich! Aber wie konnte das geschehen?«

»Ganz einfach. Ich sitze hier im Dunkeln und bin etwas eingenickt. Auf einmal -- bumbum -- knallt ein Schuß ganz in der Nähe. Da laufe ich nach der andern Seite, um zu sehen, was los ist, und stelle mich an das alte Fenster ohne Rahmen, das nach Querkopf Wilsons Haus geht -- bei mir oben war’s dunkel, aber unten im hellen Mondschein steht einer von den Zwillingen -- der braune war’s -- und flucht ganz leise vor sich hin, die Kugel war ihm nämlich in die Schulter gedrungen. Doktor Claypool hatte ihn eben in der Mache und Querkopf Wilson half ihm dabei. Ein paar Schritte weiter aber stand der alte Richter Driscoll mit Pem Howard, die warteten, bis die andern fertig waren. Gleich darauf gaben sie das Zeichen, und -- bums -- gingen die Pistolen wieder los. ›Auweh!‹ rief der Zwilling, er war an der Hand getroffen, die Kugel aber flog in den Holzstoß unterm Fenster -- ich hab’s gehört. Beim dritten Schuß rief der Zwilling wieder Auweh! und ich mußt’ es ihm nachmachen. Die Kugel traf ihn am Backenknochen, kam hier heraufgehopst, prallte am Fenster ab, fuhr mir quer übers Gesicht und streifte mir die Haut von der Nasenspitze. Wär’ ich nur ’nen Zoll näher gewesen, sie hätt’ mir die ganze Nase mitgenommen und mich verunstaltet. Hier ist die Kugel, ich hab’ sie gesucht und gefunden.«

»Bist du gar nicht vom Fenster fortgegangen?«

»So ’ne dumme Frage! Natürlich nicht. Bekommt man etwa alle Tage ein Duell zu sehen?«

»Du warst ja aber gerade in der Schußlinie. Hast du denn keine Furcht gehabt?«

Roxy lachte verächtlich.

»Furcht! Die Smith-Pocahontas fürchten nichts, und Kugeln erst gar nicht.«

»An Mut fehlt’s ihnen nicht, scheint mir, aber an Vorsicht desto mehr. Ich wäre da nicht stehen geblieben.«

»Das glaub’ ich dir gern.«

»Ist denn sonst niemand verletzt?«

»Du hörst ja, es hat uns alle getroffen, außer dem Doktor, dem blonden Zwilling und den Sekundanten. Richter Driscoll ist nicht verwundet, aber ich hörte Querkopf sagen, die Kugel habe ihm ’nen Büschel Haare weggerissen.«

»O Jammer,« dachte Tom bei sich, »wie leicht hätte aller meiner Not ein Ende gemacht werden können. Nun er am Leben geblieben ist, wird er noch alles herausbekommen und mich an den ersten besten Sklavenhändler verkaufen -- er würde sich gewiß nicht lange besinnen.« Zu Roxana gewandt, fuhr er in dumpfer Verzweiflung fort:

»Mutter, wir sind in einer furchtbaren Klemme.«

»Aber Kind,« rief sie mit stockendem Atem, »was erschreckst du mich denn so? Ist etwa ein Unglück geschehen?«

»Ja -- etwas habe ich dir noch gar nicht gesagt: Als ich mich nicht mit dem Grafen schießen wollte, hat der Alte das Testament wieder zerrissen und --«

Roxana wurde leichenblaß. »Nun ist es vorbei mit dir -- auf immer und ewig. Das ist das Ende vom Lied. Wir müssen beide Hungers sterben.«

»So warte doch nur und laß mich ausreden. Als er sich zu dem Duell entschlossen hatte, fiel ihm ein, daß er mir nicht mehr vergeben könne, falls es ihm das Leben kostete. So schrieb er denn sein Testament noch einmal -- ich habe es gesehen, es ist ganz in Ordnung. Aber --«

»Dem Herrgott sei Dank, dann sind wir gerettet und alles ist wieder gut. Was brauchst du aber herzukommen und mir solchen Schrecken einzujagen, wenn --«

»So unterbrich mich doch nicht immer! -- Mit der Beute von neulich kann ich meine Schulden kaum zur Hälfte decken, und wenn die Gläubiger nicht warten wollen -- nun, du weißt ja, was dann geschieht.«

Roxana stützte das Kinn in die Hand und befahl ihrem Sohn zu schweigen, damit sie sich die Sache ruhig überlegen könne. Nach einer Weile sagte sie mit Nachdruck:

»Du mußt jetzt gewaltig auf deiner Hut sein, hörst du wohl. Er ist noch am Leben, und giebst du ihm den geringsten Grund zur Unzufriedenheit, so zerreißt er das Testament wieder und ’s ist zum letztenmal. Drum mußt du dich in den nächsten Tagen von deiner besten Seite zeigen, du mußt furchtbar brav sein und alles thun, damit er wieder Vertrauen zu dir faßt. Auch bei der alten Tante Pratt mußt du dich einschmeicheln -- sie meint es nur zu gut mit dir, und der Richter hält große Stücke auf sie. Ist das geschehen, so gehst du nach St. Louis, damit du ihre Gunst nicht wieder verlierst. Dort machst du ’nen Vertrag mit den Gläubigern. Du sagst ihnen, der Alte wird nicht lange mehr leben -- das ist ja auch wahr -- und du wirst ihnen Zinsen zahlen, hohe Zinsen -- zehn pro -- wie nennt man’s doch?«

»Zehn Prozent den Monat?«

»Das ist’s. Nun verkaufst du deine Beute, ganz wenig auf einmal und bezahlst damit die Zinsen. Wie lange wird das reichen?«

»Ich glaube, es wird genug sein, um die Zinsen fünf oder sechs Monate lang zu zahlen.«

»Dann läßt sich’s machen. Stirbt er auch nicht in sechs Monaten, das thut nichts zur Sache. Die Vorsehung wird schon weiter sorgen. Es kann alles gut gehen, wenn du dich ordentlich aufführst. Und daß du auf geradem Wege bleibst,« fuhr sie fort, ihn mit strengem Blick musternd, »dafür werd’ ich sorgen.«

Er lachte und meinte, er würde es versuchen und sich alle Mühe geben. Aber das genügte ihr nicht.

»Von versuchen ist keine Rede mehr,« sagte sie mit ernster Stimme, »hier handelt’s sich um _thun_. Du stiehlst keine Stecknadel wieder, weil das jetzt gefährlich ist, auch gehst du mir nie mehr in schlechte Gesellschaft -- nicht ein einziges Mal, hörst du wohl? Du trinkst auch keinen Tropfen mehr und rührst keine Karte wieder an. Das alles sollst du nicht _versuchen_, sondern wirklich _thun_. Und damit ich weiß, daß es geschieht, geh’ ich auch nach St. Louis. Du kommst dort jeden Tag zu mir, daß ich sehen kann, wie’s um dich steht. Thust du aber nicht alles genau, wie ich’s dir sage, bist du mir auch nur ein einziges Mal zuwider -- so geh’ ich ohne viel Federlesens in die Stadt zurück, sage dem alten Richter, daß du ein Neger bist und ein Sklave -- und liefere ihm _die Beweise_.« Sie hielt einen Augenblick inne, um den Eindruck ihrer Worte zu beobachten und fragte dann: »Glaubst du auch, daß ich thun werde, was ich sage, Schamber?«

Tom war jetzt in sehr ernster Stimmung. Aller Leichtsinn schien von ihm gewichen, als er erwiderte:

»Ja, Mutter. Ich weiß auch, daß ich jetzt neue Saiten aufziehen und mich ein- für allemal bessern muß. Keiner Versuchung will ich mehr nachgeben, und in Zukunft ein anderer Mensch werden.«

»Gut, dann geh’ nach Hause und fang’ gleich damit an.«

Sechszehntes Kapitel.

So viele Aufregungen waren in dem guten Dawson noch nie vorgekommen. Bisher hatte man friedlich geschlafen, jetzt fand man kaum Zeit, einmal einzunicken, denn Schlag auf Schlag folgten einander die größten Ereignisse und unerhörtesten Ueberraschungen. Freitag morgen: erstes Auftreten wirklicher Edelleute von Geburt, großer Empfang bei Tante Patsy Cooper und geheimnisvoller Raubzug. Freitag abend: der Erbe des vornehmsten Bürgers der Stadt erhält in Gegenwart von vierhundert Zuschauern einen theatralischen Fußtritt; Samstag morgen: der jahrelang unterschätzte Querkopf Wilson erscheint als praktizierender Rechtsanwalt vor der Oeffentlichkeit. Samstag abend: Duell zwischen dem ersten Bürger und dem hochadligen Fremdling.

Auf das Duell waren die Leute vielleicht stolzer als auf alle übrigen Begebenheiten zusammengenommen. Daß die Stadt der Schauplatz einer solchen Waffenthat gewesen war, betrachtete man als die höchste Ehre. Die beiden Kämpfer standen in den Augen ihrer Mitbürger auf dem Gipfel des Ruhms, ihre Namen waren in aller Munde, überall ward ihr Lob verkündet. Auch die übrigen bei dem Duell Beteiligten durften sich der öffentlichen Anerkennung erfreuen, und Querkopf Wilson war plötzlich zu einer hochangesehenen Persönlichkeit geworden. Als er am Samstag abend die Kandidatur zur Bürgermeisterwahl annahm, war der Ausgang höchst ungewiß. Am Sonntag morgen war er ein gemachter Mann und sein Erfolg gesichert.

Die Zwillinge genossen jetzt eine begeisterte Verehrung; jedermann war beflissen, ihnen Liebe und Freundschaft zu erweisen. Täglich wurden sie bald in diesem, bald in jenem Hause zu Mittag und Abend eingeladen; sie knüpften viele neue Beziehungen an und erweiterten ihren Bekanntenkreis nach verschiedenen Seiten. Durch ihre wunderbaren musikalischen Leistungen entzückten sie alle Welt, und manchmal gaben sie auch aus dem reichen Vorrat ihrer ungewöhnlichen Talente etwas anderes für die gesellige Unterhaltung zum besten, womit sie großen Eindruck machten. Sie fühlten sich so wohl in Dawson, daß sie beschlossen, sich um das Bürgerrecht zu bewerben, und das reizende Städtchen ihr Lebtag nicht wieder zu verlassen. Das war der Höhepunkt des Glücks. Als sie den Antrag stellten, erhob sich die ganze Einwohnerschaft wie ein Mann und gab ihre Zustimmung und ihren Beifall kund. Dann schlug man den Zwillingen vor, sich zur Aufnahme in den Gemeinderat zu melden, da eine Neuwahl bevorstand, und als sie darauf eingingen, war die öffentliche Meinung vollständig befriedigt.

Für Tom Driscoll waren alle diese Ereignisse eine schwere Kränkung; sie gingen ihm tief zu Herzen und bereiteten ihm Qual und Pein. Er haßte die Zwillinge alle beide, den einen wegen des bewußten Fußtritts und den andern, weil er der Bruder seines Beleidigers war.

Von Zeit zu Zeit wunderten sich die Leute, daß weder von dem Dieb, noch von dem Dolchmesser und den andern gestohlenen Sachen das geringste verlautete; niemand vermochte Licht in das Dunkel zu bringen. Fast eine Woche war vergangen und noch immer blieb die ärgerliche Angelegenheit ein unlösbares Rätsel.

Am Samstag trafen sich Konstabler Blake und Querkopf Wilson auf der Straße, und Tom Driscoll gesellte sich noch rechtzeitig zu ihnen, um die Unterhaltung zu eröffnen.

»Sie sehen sehr angegriffen aus, Blake,« sagte er, »haben Sie irgend einen Verdruß gehabt? Ist’s Ihnen vielleicht bei den geheimen Polizeigeschäften nicht nach Wunsch ergangen? Man sagt, Ihre Leistungen auf diesem Felde sollen ganz ungewöhnlich sein« -- Blake fühlte sich sehr geschmeichelt, worauf Tom rasch hinzufügte: »für einen Polizisten vom Lande.« Das ärgerte den Konstabler gewaltig und er gab sich keine Mühe, es zu verbergen.

»Jawohl,« antwortete er in gereiztem Ton, »ich gelte etwas unter meinen Berufsgenossen, trotzdem ich ein ›Polizist vom Lande‹ bin.«

»O, bitte tausendmal um Entschuldigung, das fuhr mir nur so heraus. Ich wollte Sie eigentlich nach der alten Frau fragen, die so viele Diebereien verübt hat und nach der Sie fahndeten; wissen Sie, die Alte mit dem krummen Rücken, deren Sie in kürzester Frist habhaft werden wollten. Nicht wahr, Sie haben das Weib schon eingefangen? Ich wußte ja, daß es so kommen würde, denn leeres Prahlen ist nicht Ihre Sache.«

»Der Henker hole das alte Weib!«

»Was -- also ist sie noch nicht im Gewahrsam?«

»Nein, es war nicht menschenmöglich, sie festzunehmen, sonst hätte es mir gelingen müssen.«

»Das thut mir wirklich leid um Ihretwillen, Blake, denn, wenn sich ein Polizeibeamter so zuversichtlich ausspricht, und hernach -- --«

»O, seien Sie ganz außer Sorgen -- auch die Stadt braucht sich nicht zu beunruhigen. Die Diebin entgeht mir nicht -- verlassen Sie sich darauf. Ich kenne ihre Fährte; die Spuren, die ich gefunden habe -- --«

»Wirklich! Aber sollten Sie sich nicht doch einen alten erfahrenen Detektiv von St. Louis kommen lassen, der Ihnen hilft, die Spuren zu verfolgen, damit sie nicht in die Irre gehen oder -- --«

»Ich bin selber alt und erfahren genug und brauche niemandes Beistand. Es wird keine Woche -- hm -- keinen Monat vergehen, bis ich sie habe -- das will ich beschwören.«

»Kommt Zeit, kommt Rat,« sagte Tom gelassen. »Aber sie soll ja wohl ziemlich alt sein und alte Leute leben oft nicht so lange Zeit, wie der vorsichtige Detektiv braucht, um alle Fäden in die Hand zu bekommen und seine heimliche Jagd zu beginnen.«

Blake wurde rot vor Zorn über den Spott; ehe er aber eine passende Erwiderung gefunden hatte, wandte sich Tom zu Wilson und fragte in gleichgültigstem Tone:

»Wer hat denn die Belohnung bekommen, David?«

Wilson biß sich auf die Lippen; jetzt kam die Reihe an ihn.

»Welche Belohnung?«

»Eine war ja wohl auf den Dieb gesetzt und die andere auf das Dolchmesser.«

»Hm,« antwortete Wilson zaudernd und in sichtlicher Verlegenheit, »ich weiß nicht, wie es kommt, aber bis jetzt hat sich noch niemand darum beworben.«

Tom sagte verwundert: »Das ist doch höchst merkwürdig.«

»Wenn es aber einmal der Fall ist, läßt sich’s nicht ändern,« entgegnete Wilson etwas ärgerlich.

»Gewiß. Ich dachte nur, du hättest ein Mittel erfunden und einen neuen Plan ausgeheckt, um die veralteten und unwirksamen Methoden der -- --« Er unterbrach sich und fuhr zu dem Konstabler gewandt, fort: »Nicht wahr, Blake, Sie hatten es auch so verstanden, als brauche man die Verfolgung der alten Frau nicht weiter fortzusetzen?«

Der Konstabler war froh, daß nun jemand anders statt seiner in den Schraubstock kam.

»Meiner Seel’,« rief er, »Wilson hat gesagt, es würden nicht drei Tage vergehen, bis er den Dieb hätte, samt den gestohlenen Sachen, und das ist jetzt fast eine Woche her. Damals behauptete ich gleich, kein Dieb oder Diebsgenosse würde so dumm sein, etwas zu verkaufen oder zu versetzen, weil er doch wissen müßte, daß der Pfandleiher sich beide Belohnungen verschaffen könne, wenn er ihn samt seiner Beute auf die Polizei brächte. Es war der beste Gedanke, der mir jemals gekommen ist!«

»Sie würden wohl anderer Meinung sein,« entgegnete Wilson in gereiztem Ton, »wenn Sie meinen ganzen Plan kennten und nicht nur ein Bruchstück.«

»Je nun,« meinte Blake nachdenklich, »ich war eben von Anfang an überzeugt, daß Sie mit den zwei Belohnungen nichts ausrichten würden, und bisher habe ich auch recht behalten.«

»Meinetwegen -- lassen wir’s dabei, bis auf weiteres. Mein Plan hat wenigstens ebensoviel Erfolg gehabt als Ihre eigenen Maßregeln, das werden Sie zugeben.«

Der Konstabler hatte nicht gleich eine schlagende Antwort bei der Hand; er räusperte sich nur unzufrieden und schwieg.

Seit jenem Abend, an dem Wilson einen Teil seiner Absichten kund gethan, hatte sich Tom fortwährend den Kopf zerbrochen, um den ganzen Plan zu erraten. Da ihm das nicht gelang, beschloß er der klugen Roxana den Fall zur Entscheidung vorzulegen. Sie dachte eine Weile nach und gab dann ihr Urteil ab. Was sie gesagt hatte, leuchtete Tom sehr ein; jetzt aber wollte er die Probe machen und dabei Wilsons Gesichtsausdruck beobachten.

»Daß du kein Narr bist, David,« sagte er gedankenvoll, »ist ja vor kurzer Zeit entdeckt worden. Deshalb wird auch wohl der Plan, den du entworfen hast, nicht gerade unsinnig sein, wenn auch Blake anderer Meinung ist. Du brauchst ihn nicht zu verraten, aber laß mich dir sagen, wie ich mir die Sache denke: Du hast fünfhundert Dollars für Rückgabe des Messers und fünfhundert für den Fang des Diebes ausgesetzt. Ich will einmal annehmen, daß die erste Belohnung öffentlich ausgeschrieben und die zweite den Pfandleihern nur durch einen Privatbrief mitgeteilt worden ist, dann -- --«

Blake schlug sich auf den Schenkel, daß es klatschte. »Donnerwetter, Querkopf, so muß es sein. Er ist hinter dein Geheimnis gekommen. Warum mir das nur nicht von selbst eingefallen ist!«

Wilson sagte sich, daß jeder Mensch, dem es nicht an Verstand fehlte, schließlich den Plan erraten mußte. Daß Blake den Kunstgriff nicht herausgefunden hatte, nahm ihn nicht wunder, aber Toms Scharfsinn überraschte ihn. »Es steckt doch mehr hinter ihm als ich dachte,« überlegte er, äußerte aber nichts dergleichen.

»Auf diese Weise,« fuhr Tom fort, »merkt es der Dieb nicht, wenn er in die Falle läuft. Er bringt oder schickt das Dolchmesser, sagt, er habe es billig gekauft oder auf der Straße gefunden und fordert die Belohnung. Natürlich würde man ihn festnehmen -- nicht wahr?«

»Jawohl.«

»Ohne allen Zweifel. -- Sage einmal, Wilson, hast du das Dolchmesser je gesehen?«

»Nein.«

»Hat irgend einer von deinen Bekannten es in Augenschein genommen?«

»Nicht daß ich wüßte.«

»Nun, dann begreife ich wohl, warum dein Plan mißglückt ist.«

»Was soll das heißen, Tom, worauf willst du hinaus?« fragte Wilson, dem es unbehaglich zu Mute wurde.

»Ich meine, es giebt überhaupt gar kein solches Messer.«

»Meiner Treu, Wilson,« rief Blake, »ich möchte gleich tausend Dollars wetten -- wenn ich sie hätte -- daß Tom Driscoll es getroffen hat.«

Wilson stieg das Blut zu Kopfe. War es möglich, daß die Fremden ihn wirklich zum besten gehabt hatten? -- Der Schein sprach gegen sie, das ließ sich nicht leugnen. Aber was sollten sie damit bezwecken? -- Er warf diese Frage auf.