Querkopf Wilson

Part 8

Chapter 83,652 wordsPublic domain

Tom ließ den Kopf hängen, sein Schweigen war die beredteste Antwort. Der Onkel starrte ihn mit einem Ausdruck an, in dem sich Scham und ungläubiges Staunen mischten. Er litt zum Erbarmen; endlich fragte er:

»Welcher von den Zwillingen war es?«

»Graf Luigi.«

»Hast du ihm eine Herausforderung geschickt?«

»N--nein,« stammelte Tom.

»Du wirst es noch diesen Abend thun. Howard wird sie ihm bringen.«

Tom wurde jämmerlich zu Mute, und man sah es ihm an. Er drehte seinen Hut fort und fort in der Hand und der Blick des Onkels verfinsterte sich immer mehr, während Sekunde auf Sekunde verrann.

»O bitte, Onkel, verlange das nicht von mir,« stammelte er endlich in kläglichem Ton. »Er ist ein blutgieriger Teufel -- ich wäre außer stande -- wirklich -- ich fürchte mich vor ihm.«

Dreimal öffnete der alte Driscoll den Mund und schloß ihn wieder, ehe er der Sprache mächtig war, dann donnerte er:

»Ein Feigling in meiner Familie! Ein Driscoll und solche elende Memme! O, was habe ich gethan, um diese Schmach zu verdienen!«

Er wiederholte die Klage fort und fort in herzbrechendem Ton, während er nach seinem Schreibpult in der Ecke wankte. Aus einer der Schubladen nahm er ein Papier heraus und riß es in kleine Stücke, die er achtlos im Zimmer verstreute, während er tiefbekümmert und seufzend hin- und herging. Endlich sagte er:

»Jetzt habe ich es zum zweitenmal zerfetzt und zerrissen -- mein Testament. Wieder hast du mich gezwungen, dich zu enterben, du verächtlicher Sohn deines edeln Vaters. Geh’ mir aus den Augen! Geh’ -- damit ich dir nicht ins Gesicht speie!«

Der junge Mann ließ sich das nicht zum zweiten Mal sagen. Nun wandte sich der Richter zu Howard:

»Nicht wahr, du bist mein Sekundant, alter Freund?«

»Natürlich.«

»Da ist Papier und Tinte. Schreibe die Herausforderung, verliere keine Zeit.«

»Der Graf soll sie in Händen haben, ehe eine Viertelstunde um ist,« versetzte Howard.

* * * * *

Tom war das Herz zentnerschwer. Der Verlust seines Vermögens und seiner Selbstachtung hatte ihn ganz zu Boden gedrückt. Kummervoll schlich er zur Hinterthür hinaus und wanderte durch die Dunkelheit. Er überlegte, ob es ihm wohl möglich sein würde, des Onkels Gunst zurück zu gewinnen, wenn er von nun an seinen Lebenswandel aufs sorgfältigste überwachte und besserte. Sollte er den Onkel nicht bewegen können, das Testament, in dem er ihn so freigebig bedacht hatte, und das eben vor seinen Augen vernichtet worden war, noch einmal aufzusetzen? -- Warum denn nicht? Er hatte ja diesen Triumph schon einmal erlebt, und was ihm damals gelungen war, konnte auch wieder glücken. Auf der Stelle wollte er sich ans Werk machen und seine ganze Thatkraft einsetzen, bis er den Sieg abermals davontrug. Mochte seine Bequemlichkeit auch noch so sehr darunter leiden und er sein leichtsinniges und ungebundenes Leben zeitweilig aufgeben müssen -- sein Entschluß war gefaßt. »Zuerst,« nahm er sich vor, »will ich mit meiner Beute von neulich alle Schulden bezahlen, und dann muß ich dem Glücksspiel entsagen und zwar ohne weiteres. Es ist mein schlimmstes Laster, wenigstens in meinen Augen, weil es am leichtesten ans Licht kommt, wenn die Gläubiger ungeduldig werden. Dem Alten war es damals zu viel, zweihundert Dollars für mich an sie auszuzahlen. Zuviel -- lächerlich! Mich hat es sein ganzes Vermögen gekostet. Aber gewisse Leute sehen alles immer nur von ihrem Standpunkt aus. Wüßte er, wie tief ich jetzt in Schulden stecke, das Testament wäre zum Kuckuck gegangen, ohne daß erst noch ein Duell dabei zu helfen brauchte. Dreihundert Dollars! Was für ein Haufen Geld! Aber zum Glück braucht er nie etwas davon zu erfahren. Sobald es bezahlt ist, bin ich frei -- und dann rühre ich keine Karte wieder an. Wenigstens nicht so lange er lebt, darauf will ich schwören. Ich weiß, dies ist meine letzte Gelegenheit mich zu bessern -- doch ich setze es durch. Käme ich hernach noch einmal zu Falle, so wäre ich verloren.«

Vierzehntes Kapitel.

In trübselige Selbstbetrachtung versunken, schlich Tom durch den Heckenweg an Querkopf Wilsons Haus vorbei und weiter, zwischen Zäunen und unbebautem Land, bis zum Gespensterhaus. Dort kehrte er unter vielen Seufzern und mit kummerschwerem Gemüt wieder um. Er sehnte sich nach fröhlicher Gesellschaft. Sollte er zu Rowena gehen? Das Herz hüpfte ihm im Leibe bei dem Gedanken, aber gleich darauf verging ihm die Lust, denn er fürchtete, den verhaßten Zwillingen zu begegnen.

Als er sich jetzt der bewohnten Seite von Wilsons Hause näherte, bemerkte er, daß drinnen im Zimmer Licht brannte. Das war doch ein Hoffnungsstrahl. Andere Leute ließen es ihn bisweilen fühlen, daß er nicht willkommen sei, aber Wilson behandelte ihn immer rücksichtsvoll. Bei einem höflich verbindlichen Empfang ist man wenigstens vor Kränkung sicher, selbst wenn die Begrüßung nicht gerade herzlich klingt.

Gleich darauf vernahm Wilson Fußtritte vor seiner Schwelle und ein starkes Räuspern. »Das wird wohl der unbesonnene junge Thor sein,« dachte er; »der arme Kerl, er findet heute gewiß wenig Ansprache, nachdem er die Dummheit begangen hat, einen Fall thätlicher Beleidigung vor Gericht zu bringen.«

Es ward schüchtern angeklopft. »Herein!«

Tom trat ins Zimmer und sank ohne ein Wort zu sagen auf den nächsten Stuhl.

»Du siehst ja ganz verzweifelt aus, mein Junge,« redete ihn Wilson freundlich an. »Nimm dir’s nicht so zu Herzen, versuche den Fußtritt zu vergessen.«

»O jemine! das ist es nicht, David,« rief Tom in kläglichem Ton, »sondern ganz etwas anderes. Viel tausendmal schlimmer -- ja millionenmal schlimmer als das -- du kannst mir’s glauben.«

»Nicht möglich, Tom! Hat etwa Rowena --«

»Mir den Laufpaß gegeben? Nein -- aber der Alte ist wütend.«

»Aha,« dachte Wilson, dem das geheimnisvolle Mädchen im Schlafzimmer wieder einfiel, »man wird wohl bei Driscolls hinter seine Schliche gekommen sein!« Dann fuhr er laut mit ernster Miene fort:

»Ich gestehe, daß es Ausschweifungen giebt --«

»Ach was -- von Ausschweifungen ist keine Rede. Er verlangte, daß ich mich mit dem verdammten Italiener schlagen sollte und ich weigerte mich.«

»Natürlich mußte er die Sache so ansehen,« sagte Wilson bedächtig; »ich verstehe nur nicht, warum er nicht gleich gestern abend für das Nötige gesorgt hat, und wie er zugeben konnte, daß du einen solchen Fall vor Gericht brachtest, gleichviel ob vor oder nach dem Duell. Das sieht ihm gar nicht ähnlich. Wie ist es nur zugegangen?«

»Ganz einfach -- er hat keine Silbe davon gewußt. Als ich gestern abend nach Hause kam, schlief er schon.«

»Und du hast ihn nicht aufgeweckt? -- Wie unrecht war das!«

Also, selbst hier fand Tom nur schlechten Trost. Er rückte unruhig auf dem Stuhl hin und her. »Ich konnte es nicht über mich bringen, es ihm zu sagen. Er ging bei Tagesanbruch mit Pembroke Howard auf den Fischfang, und ich dachte, man würde die Zwillinge ins Loch stecken. Daß sie für solche Niederträchtigkeit mit einer lumpigen Geldstrafe fortkämen, hätte ich mir nicht träumen lassen. Warf man sie aber ins Stadtgefängnis, so waren sie entehrt, und ein Duell mit solchen Leuten würde Onkel weder von mir gefordert noch überhaupt gestattet haben.«

»Wahrhaftig, Tom, ich muß mich in deiner Seele schämen! Wie hast du nur so gegen deinen guten alten Onkel handeln können? Da meine ich’s doch weit besser mit ihm als du. Wäre ich über alle Umstände unterrichtet gewesen, so würde ich dafür gesorgt haben, daß die Sache nicht vor Gericht kam, bis ich sie ihm gemeldet hatte, damit er standesgemäß verfahren konnte.«

»Ist das dein Ernst?« rief Tom mit lebhafter Ueberraschung. »Und es war doch dein erster Rechtsfall; auch weißt du sehr wohl, daß Onkel überhaupt nicht vor Gericht gegangen wäre. Dann hättest du noch lange auf einen Prozeß warten können. Und trotzdem hättest du das wirklich gethan?«

»Ganz gewiß.«

Tom sah ihn eine Weile an, dann schüttelte er mitleidig den Kopf.

»Meiner Treu, du wärst es imstande gewesen. Querkopf Wilson, ich glaube wahrhaftig, du bist der thörichtste Mensch, der mir je vorgekommen ist.«

»Sehr verbunden.«

»Keine Ursache.«

»Also, dein Onkel hat verlangt, du sollst dich mit dem Italiener schlagen und du willst nicht! Du entarteter Sprößling eines ehrenwerten Stammes, schämst du dich denn gar nicht?«

»O, das ist mir alles ganz einerlei, nun das Testament zerrissen ist.«

»Sage mir die Wahrheit, Tom -- hat Herr Driscoll sonst keinen Grund zur Unzufriedenheit mit dir, als daß du aufs Gericht gegangen bist und dich nicht schlagen willst?«

Bei dieser Frage beobachtete Wilson den jungen Menschen genau, aber Tom verzog keine Miene und entgegnete gelassen:

»Nein, er hat keine andere Klage gegen mich, sonst wäre er gestern damit herausgerückt, denn er war in nichtswürdiger Laune. Er hatte die beiden Hansnarren in der Stadt herumkutschiert, um ihnen alle Sehenswürdigkeiten zu zeigen, und als er nach Hause kam, konnte er seines Vaters alte, silberne Uhr nicht finden, die immer nachgeht und auf die er so große Stücke hält. Er hatte sie zuletzt vor drei oder vier Tagen in der Hand gehabt und wußte nicht, wo sie hingeraten sein könne. Als ich dazu kam, war er schon in großer Aufregung und wurde ganz wütend über meine Aeußerung, daß sie wahrscheinlich nicht verlegt, sondern gestohlen wäre. Er nannte mich einen Dummkopf, was mir ein Beweis war, daß er selbst schon an die Möglichkeit gedacht hatte, aber es sich nicht eingestehen wollte, weil bei verlorenen Sachen eher eine Wahrscheinlichkeit ist, daß sie sich wiederfinden, als bei gestohlenen.«

Wilson pfiff vor sich hin. »Da kommt also noch einer auf die Liste.«

»Noch einer -- was für einer?«

»Noch ein Diebstahl.«

»Ein Diebstahl?«

»Jawohl. Die Uhr ist nicht verloren, sie ist gestohlen. In der Stadt ist wieder ein förmlicher Raubzug gehalten worden, ganz auf dieselbe geheimnisvolle Art, wie schon früher einmal.«

»Unmöglich!«

»Es steht felsenfest. Hast du selbst gar nichts vermißt?«

»Nein. Das heißt, ich konnte meinen silbernen Bleistifthalter nicht finden, den ich von Tante Pratt zum letzten Geburtstag geschenkt bekam --«

»Der ist gewiß gestohlen, du sollst es sehen.«

»Bewahre! -- Als mein Onkel so böse wurde, weil ich sagte, die Uhr wäre gestohlen, ging ich in mein Zimmer hinauf und sah nach meinen Sachen. Da fehlte mir der Bleistifthalter, aber ich hatte ihn nur verlegt und fand ihn wieder.«

»Und sonst vermissest du wirklich nichts?«

»Wenigstens nichts von Belang. Ein einfacher Goldring, der etwa drei Dollars wert ist, war mir verschwunden, aber er wird gewiß bald zum Vorschein kommen, wenn ich noch einmal nachsehe.«

»Ich bin überzeugt, daß du ihn nicht wiederfindest. Der Dieb hat ihn gestohlen. -- Herein!«

Der Friedensrichter Robinson, Buckstone und Jim Blake, der städtische Polizeibeamte, traten ins Zimmer. Nachdem sie Platz genommen hatten, drehte sich die Unterhaltung eine Zeitlang zweck- und ziellos um das Wetter und ähnliches, bis Wilson sagte:

»Denken Sie sich, die Liste der Diebstähle, die in unserer Stadt begangen worden sind, hat sich abermals um zwei vermehrt. Herrn Driscolls alte silberne Uhr ist verschwunden, und Tom sagt mir eben, daß er einen goldenen Ring vermißt.«

»Es ist eine abscheuliche Geschichte,« meinte Robinson, »die mit jedem Tage schlimmer wird. Bei den Hankses, den Dobsons, den Pelligrews, den Ortons, den Grangers, den Hales, den Fullers, den Holcombs, kurz, bei sämtlichen Leuten, die in Patsy Coopers Nachbarschaft wohnen, ist allerlei entwendet worden. -- Theelöffel, Schmuckgegenstände und sonstige Wertsachen, die sich leicht mitnehmen lassen. Es liegt auf der Hand, daß der Dieb die Gelegenheit benützt hat, um die unbewachten Häuser zu plündern, als alle Welt bei dem Empfang war, und die Neger am Zaun herumlungerten, weil sie auch etwas zu sehen bekommen wollten. Patsy ist ganz trostlos darüber, um der Nachbarn willen und besonders auch wegen ihrer fremden Mieter. Vor Kummer über den Schaden der andern findet sie kaum Zeit, ihre eigenen Verluste zu beklagen.«

»Wir haben es ohne Zweifel noch immer mit dem alten Dieb von neulich zu thun,« sagte Wilson.

»Konstabler Blake ist anderer Meinung.«

»Und ich habe recht,« sagte Blake. »Bei den früheren Malen war es ein Mann; das weiß die Polizei aus sicheren Anzeichen, obgleich sie seiner nicht habhaft geworden ist, aber diesmal ist’s eine Frau.«

Wilson mußte sogleich wieder an das geheimnisvolle Mädchen denken, das ihm fortwährend im Sinne lag; es war jedoch von einer andern Person die Rede.

»Jawohl,« fuhr Blake fort, »eine alte Frau mit krummem Rücken und einem Deckelkorb am Arm. Sie ist ganz schwarz gekleidet und hat einen dichten Schleier vorgebunden. Gestern sah ich sie in das Fährboot steigen; sie wird wohl in Illinois zu Hause sein. Mag sie aber wohnen, wo sie will, ich werde sie schon ausfindig machen, davor ist mir nicht bange.«

»Wie kommen Sie denn darauf, sie für die Diebin zu halten?«

»Nun, erstens habe ich sonst niemand im Verdacht und zweitens hat mir ein Karrenmann, ein Neger, der gerade des Weges fuhr, gesagt, er hätte sie in verschiedene Häuser hineingehen sehen, und in jedem von diesen Häusern war gestohlen worden.«

Gegen diese schlagenden Beweise fand niemand etwas einzuwenden. Alle schwiegen eine Weile nachdenklich, dann sagte Wilson:

»_Ein_ Gutes ist doch dabei. Den kostbaren indischen Dolch des Grafen Luigi kann die Diebin weder verkaufen noch versetzen.«

»Du meine Güte,« rief Tom, »ist der auch gestohlen?«

»Jawohl.«

»Das nenne ich einen guten Fang! Aber weshalb kann sie das Messer weder verkaufen noch versetzen?«

»Weil die Zwillinge ihren Verlust überall den Pfandleihern und der Polizei angezeigt haben. Als sie gestern abend von der Versammlung der ›Freiheitssöhne‹ zurückkamen, waren inzwischen eine Menge Diebereien ruchbar geworden und Tante Patsy war außer sich vor Sorge, es möchte ihnen auch etwas abhanden gekommen sein. Sie entdeckten auch gleich, daß das Dolchmesser verschwunden war. Der Fang war wohl gut, aber der alten Frau kann er wenig nützen, weil man sie ohne Frage festnehmen wird.«

»Ist denn eine Belohnung ausgesetzt worden?« fragte Buckstone.

»Ja, fünfhundert Dollars für Rückgabe des Messers und außerdem noch fünfhundert für Einbringung des Diebes.«

»Was für eine dumme Idee,« rief der Konstabler. »Der Dieb wird sich wohl hüten, jemand mit dem Dolch zu schicken oder ihn selbst zurückzubringen, um sich erwischen zu lassen. Und welcher Pfandleiher würde sich wohl nicht die Gelegenheit zu nutze machen -- --«

Niemand beobachtete Tom in diesem Augenblick, sonst hätte die aschgraue Farbe seines Gesichts jedem auffallen müssen. »Ich bin verloren,« dachte er verzweiflungsvoll. »Wie soll ich meine Schulden bezahlen? Für meine übrige Beute bekomme ich kaum die Hälfte der Summe. Ich weiß weder aus noch ein -- ich bin rettungslos zu Grunde gerichtet und zwar auf immer. Was fange ich nur an?«

»Urteilen Sie nur nicht zu schnell,« sagte Wilson zu Blake. »Ich habe selbst gestern um Mitternacht einen Plan für die Zwillinge ersonnen; um zwei Uhr morgens war er fix und fertig. Die Eigentümer werden ihr Dolchmesser zurückbekommen, und dann sollen Sie, Herr Blake, auch erfahren, wie wir es bewerkstelligt haben.«

Diese Aeußerung erregte große Neugier.

»Spannen Sie uns doch nicht so auf die Folter, Wilson!« sagte Buckstone. »Ich gestehe, es wäre mir sehr lieb, wenn Sie uns im Vertrauen mitteilen wollten -- --«

»Das würde ich gern thun, hätte ich nicht mit den Zwillingen verabredet, daß wir den Plan geheim halten wollen. Aber, verlassen Sie sich darauf, es wird nicht drei Tage dauern, bis sich jemand um die Belohnung bewirbt. Dann sollen Sie sowohl den Dieb als das Messer zu sehen bekommen.«

Dem Konstabler ging die Sache sehr im Kopfe herum. »Wir wollen’s hoffen,« sagte er enttäuscht; »möglich wäre es ja am Ende. Aber, wie Sie’s anstellen wollen, weiß ich wirklich nicht, das geht über mein Verständnis.«

Etwas weiteres schien nun niemand mehr über den Gegenstand sagen zu wollen. Das Gesprächsthema war erschöpft. Nachdem alle eine Weile geschwiegen hatten, kündigte der Friedensrichter dem erstaunten Wilson an, daß er sowohl wie Buckstone und der Konstabler, Bevollmächtigte der demokratischen Partei seien und gekommen wären, um ihn zu bitten, bei der bevorstehenden Bürgermeisterwahl als Kandidat aufzutreten. Noch nie zuvor war Wilson überhaupt von irgend welcher Partei einer Aufmerksamkeit gewürdigt worden; so betrachtete er denn den gegenwärtigen Antrag als einen Schritt vorwärts, als eine Anerkennung seines ersten öffentlichen Auftretens und war hoch erfreut, daß er sich endlich an den städtischen Arbeiten und Angelegenheiten beteiligen sollte. Er nahm die Kandidatur mit Dank an; die Abgesandten entfernten sich wieder, und Tom Driscoll folgte ihnen.

Fünfzehntes Kapitel.

Während Wilson die Vertreter der demokratischen Partei höflich hinausbegleitete, trat zur nämlichen Zeit Pembroke Howard drüben in das Nachbarhaus, um Bericht zu erstatten. Der alte Richter saß hoch aufgerichtet im Lehnstuhl und erwartete ihn mit ernster Miene.

»Nun, Howard -- was für Nachricht bringst du?«

»Die beste, die man sich wünschen kann.«

»Der Italiener nimmt die Herausforderung an, nicht wahr?« Driscolls Auge blitzte in froher Kampfeslust.

»Jawohl, mit dem größten Eifer.«

»Wirklich? -- nun das freut mich -- das gefällt mir. Wann soll das Duell stattfinden?«

»Jetzt gleich. Auf der Stelle. Noch heute abend. Ein herrlicher, ein ganz vortrefflicher Mensch!«

»Ein wahrer Prachtsjunge! Es ist ja eine Ehre und Freude, sich mit dem jungen Mann zu schießen. Gehe nur schnell zu ihm und bringe alles ins reine -- sage auch, ich lasse mich ihm bestens empfehlen. Wahrhaftig, du hast ganz recht -- ein vortrefflicher Mensch!«

»Ehe noch eine Stunde vergeht, findest du ihn auf dem wüsten Platz zwischen Wilsons Wohnung und dem Gespensterhaus; ich bringe auch meine eigenen Pistolen mit,« sagte Howard davoneilend.

In erregter und doch befriedigter Stimmung ging der Richter eine Weile im Zimmer auf und ab; plötzlich stand er aber betroffen still -- er dachte an Tom. Zweimal näherte er sich seinem Schreibpult und wandte wieder um, endlich faßte er einen Entschluß.

»Vielleicht ist dies meine letzte Nacht auf Erden,« sagte er nachdenklich; »ich darf die Sache nicht dem Zufall überlassen. Er ist ein unwürdiger Mensch, ein großer Nichtsnutz -- aber, zum Teil bin ich selbst schuld daran. Mein Bruder hat ihn mir auf dem Totenbette anvertraut, und statt ihn streng zu erziehen und einen Mann aus ihm zu machen, habe ich ihm durch übermäßige Nachsicht geschadet. Wenn ich ihn nun zu guterletzt verstoße, so füge ich zu meiner Pflichtversäumnis nur noch ein neues Unrecht hinzu. Schon einmal habe ich mich mit ihm ausgesöhnt, und diesmal würde ich ihn erst einer langen und schweren Prüfung unterwerfen, bevor er meine Verzeihung erhielte. Allein, der Ausgang des Duells ist ungewiß. Deshalb will ich mein Testament wieder aufsetzen. Bleibe ich am Leben, so verberge ich es vor ihm; er soll nichts davon erfahren. Ich sage ihm nicht eher etwas, bis er sich gründlich bessert und ich sehe, daß seine Sinnesänderung von Dauer ist.«

Nun griff der Richter unverweilt zur Feder und machte den vermeintlichen Neffen wieder zum Erben seines Vermögens. Er war noch mit dieser Aufgabe beschäftigt, als Tom vom langen, trostlosen Umherirren ermüdet, das Haus betrat. Auf den Fußzehen an der Thür des Wohnzimmers vorbeischleichend, warf er einen flüchtigen Blick hinein und sah zu seinem Schrecken den Onkel am Schreibpult sitzen. Was konnte das bedeuten, zu so ungewöhnlich später Stunde? Tom durchrieselte es kalt. Ging das Schriftstück, das hier verfaßt wurde, vielleicht ihn selber an? -- Höchst wahrscheinlich. Vielleicht war ein neues Unheil im Werke. Jedenfalls mußte er das Papier zu sehen bekommen, mochte daraus werden, was wollte. Jetzt hörte er Schritte und verbarg sich schnell, um unbemerkt zu bleiben. Es war Pembroke Howard. Da mußte etwas Besonderes vorgehen.

»Alles in Ordnung,« sagte Howard mit großer Befriedigung. »Er ist mit seinem Bruder und dem Wundarzt auf den Kampfplatz gegangen -- auch Wilson ist dabei, als sein Sekundant. Ich habe alles mit ihm verabredet. Fünfzehn Meter Abstand. Jeder soll drei Schüsse abfeuern.«

»Gut. Und der Mond?«

»Beinahe tageshell. Man kann deutlich auf die Entfernung sehen. Die Nacht ist warm und windstill, es rührt sich kein Hauch.«

»Vortrefflich, ganz ausgezeichnet. -- Hier, Pembroke, lies das Papier und gieb mir deine Unterschrift als Zeuge.«

Howard las das Testament, schrieb seinen Namen darunter und schüttelte dem Richter kräftig die Hand.

»Recht so, York,« sagte er, »ich wußte es ja, daß du es thun würdest. Du konntest den armen Burschen unmöglich seinem Schicksal überlassen. Ohne Beruf im Leben und ohne Mittel wäre er sicher zu Grunde gegangen. Das hättest du nicht übers Herz gebracht, schon um seines toten Vaters willen.«

»Ich thu’s dem Andenken seines Vaters zuliebe. Du weißt ja, wie Percy und ich an einander hingen. Aber höre -- Tom soll nichts davon wissen, außer wenn ich heute nacht falle.«

»Ich verstehe dich und will das Geheimnis bewahren.«

Die beiden Freunde begaben sich auf den Kampfplatz, nachdem der Richter zuvor das Testament fortgelegt hatte. Einen Augenblick später hielt Tom es bereits in Händen. All sein Elend war auf einmal vorbei, er fühlte sich wie neugeboren. Sorgfältig legte er das Papier wieder an den nämlichen Platz zurück, sperrte den Mund auf und schwang den Hut, einmal, zweimal, dreimal um den Kopf herum, was ein dreifaches, donnerndes Hurrah bedeuten sollte, doch kam kein Laut über seine Lippen. Vor freudiger Erregung hielt er lange, stumme Selbstgespräche, die er dann und wann durch ein neues, ebenso unhörbares Hurrahgeschrei unterbrach.

»Das Vermögen ist wieder mein,« sagte er bei sich, »aber ich verrate niemand, daß ich etwas davon weiß. Nun soll es mir nicht noch einmal verloren gehen, dafür will ich schon Sorge tragen. Ich gewöhne mir das Spielen und Trinken ab -- ich brauche ja nur an keinen Ort mehr zu gehen, wo man derlei treibt. Das ist das sicherste Mittel, ich hätte es auch schon längst anwenden können, aber ich wollte nicht. Doch jetzt steht die Sache ganz anders. Er hat mir solchen Schrecken eingejagt, daß ich jeder Gefahr ausweichen will. Zwar habe ich mir den ganzen Abend vorgeredet, ich könnte ihn wieder herumbringen, falls ich mir rechte Mühe gebe, doch war das im Grunde genommen höchst zweifelhaft und machte mir schreckliche Sorge. Redet der Alte nicht von selbst über das Testament, so darf ich mir nichts merken lassen. Querkopf Wilson möchte ich es gern sagen, aber am Ende ist es besser, ich schweige auch gegen ihn.«

Wieder schwenkte er seinen Hut in der Luft.

»Nun bin ich ein anderer Mensch,« sagte er, »und diesmal wird die Besserung anhalten.«

Mitten in seinem Jubel fiel ihm plötzlich ein, daß Wilson ihm die Möglichkeit genommen hatte, das indische Messer zu versetzen oder zu verkaufen. Er sah sich außer stande, seine Gläubiger zu befriedigen, und wenn sie ihn verklagten, was dann? -- Seine Freude war mit einem Schlage vorbei; jammernd und stöhnend über sein Mißgeschick, schlich er aus dem Wohnzimmer und schleppte sich die Treppe hinauf. In trostloser Stimmung saß er oben in seiner Stube; Luigis Dolchmesser wollte ihm gar nicht aus dem Sinn.