Part 7
Hierauf ging Wilson zu Luigis Lebensgeschichte über. Er verfuhr dabei nur zögernd und mit großer Vorsicht; langsam strich er mit den Fingern über die Hauptlinien der inneren Hand und hielt zuweilen bei einem Kreuzpunkt oder einem besonderen Kennzeichen still, um die ganze Stelle sorgfältig zu durchforschen. Einige Thatsachen aus Luigis Vergangenheit, die er aufzählte, erwiesen sich als richtig, und die Untersuchung ward fortgesetzt. Auf einmal sah Wilson überrascht in die Höhe.
»Hier stoße ich auf ein Ereignis, von dem Sie vielleicht nicht wünschen würden -- --«
»Sprechen Sie es nur aus,« sagte Luigi gutmütig, »es wird mich nicht in Verlegenheit bringen, verlassen Sie sich darauf.«
Aber Wilson zögerte noch immer und schien nicht recht zu wissen, was er thun sollte.
»Es ist wirklich eine zu heikle Sache,« sagte er endlich. »Ich möchte sie lieber aufschreiben oder Ihnen ins Ohr flüstern, damit Sie selbst entscheiden, ob man davon reden soll oder nicht.«
»Das wird am besten sein,« versetzte Luigi, »schreiben Sie es nieder.«
Wilson warf einige Worte auf ein Stück Papier, das er Luigi reichte. Dieser las sie für sich und sagte dann zu Tom:
»Sehen Sie nach, was auf Ihrem Zettel steht, Herr Driscoll.«
Tom las laut:
»_Man prophezeite mir, daß ich einen Menschen umbringen würde. Der Spruch ging in Erfüllung, noch ehe das Jahr vorüber war._«
»Nun lesen Sie auch dies!«
»_Sie haben jemand umgebracht, ob es aber ein Mann, eine Frau oder ein Kind ist, kann ich nicht ermitteln_,« las Tom mit Verwunderung. »Aber, das ist ja unerhört, das geht über alle Begriffe,« rief er in großer Erregung. »Die eigene Hand eines Menschen ist sein ärgster Todfeind -- sie führt ein Verzeichnis über die schlimmsten und verborgensten Geheimnisse seines Lebens und ist stets bereit, sie dem ersten besten Schwarzkünstler, der des Weges kommt, treulos zu verraten. Warum lassen Sie denn aber auch Ihre Hand ansehen, wenn etwas so Schreckliches darin geschrieben steht?«
»O, das macht mir nichts aus,« versetzte Luigi gelassen. »Ich hatte meine guten Gründe, den Mann zu töten und bereue es keineswegs.«
»Weshalb thaten Sie es denn?«
»Es war ein Ding der Notwendigkeit.«
»Ich will Ihnen sagen, wie es kam, da mein Bruder mit der Sprache zögert,« rief jetzt Angelo eifrig. »Er tötete ihn, um mir das Leben zu retten; es war eine edle That, die das Licht nicht zu scheuen braucht.«
»Gewiß nicht, gewiß nicht,« bestätigte Wilson, »wer so etwas um seines Bruders willen vollbringt, darf sich dessen wohl rühmen.«
Luigi schüttelte den Kopf. »Es klingt zwar alles sehr schön, was ihr da sagt, aber mit der Selbstlosigkeit, dem Heldentum und Edelmut ist’s nicht weit her. Vergeßt nur nicht, daß ich Angelos Leben retten mußte, weil sonst auch meines bedroht war. Würde der Mann mich etwa nicht umgebracht haben, nachdem er meinen Bruder getötet hatte? Also habe ich mir selbst das Leben gerettet.«
»Ja, so sprichst du immer,« rief Angelo, »aber ich kenne dich und glaube, du hast gar nicht an dich selbst gedacht. Die Waffe, mit der Luigi den Mann getötet hat, bewahre ich als Andenken und will sie Ihnen einmal zeigen. Sie hat durch dies Ereignis noch an Interesse gewonnen, aber schon ehe sie in Luigis Hände kam, hatte sie ihre Geschichte. Ein großer indischer Prinz, der Gaikowar von Baroda, in dessen Familienbesitz sie sich seit zwei oder drei Jahrhunderten befand, hat sie Luigi geschenkt. Schon manchem, der jenem Hause feindlich gesinnt oder lästig war, mag damit der Garaus gemacht worden sein. Es ist ein absonderliches Ding, ganz anders geformt als ein gewöhnliches Dolchmesser. Ich will Ihnen gleich eine Zeichnung davon machen.« Er nahm ein Blatt Papier und warf rasch eine Skizze hin. »So ungefähr sieht es aus -- die breite, mörderische Klinge ist scharf wie ein Rasiermesser. Die Namen oder Abzeichen seiner Besitzer sind der Reihe nach darin eingegraben. Luigis Namen und unser Wappen ließ ich selbst in lateinischer Schrift hinzufügen. Ganz eigentümlich ist auch der Griff; er besteht aus massivem, spiegelglattem Elfenbein, ist rund, vier bis fünf Zoll lang und so dick wie das Handgelenk eines starken Mannes. Das Ende ist abgeplattet, damit der Daumen darauf ruhen kann, wenn man das Dolchmesser emporhebt, um zuzustoßen. Der Gaikowar zeigte uns, wie man es handhaben muß, als er es Luigi gab, und noch in derselben Nacht stieß ihm mein Bruder einen seiner Leute mit dem Messer nieder. Die Scheide ist mit prachtvollen Edelsteinen von großem Werte reich verziert und würde Ihnen vielleicht noch besser gefallen als die Waffe selbst.«
Als Tom das hörte, dachte er bei sich: »Wie gut, daß ich hergekommen bin; ich hätte das Dolchmesser um einen Pappenstiel verkauft, weil ich die Edelsteine für gewöhnliches Glas hielt.«
»Erzählen Sie doch weiter,« bat Wilson, »wir sind begierig, etwas von dem Ueberfall zu erfahren. Wie ging es denn dabei zu?«
»Das Messer war einzig und allein schuld daran. Ein eingeborener Diener schlich sich des Nachts in unser Zimmer im Palast, um es zu stehlen, ohne Zweifel wegen der kostbaren Steine auf der Scheide, die ein ganzes Vermögen wert sind. Es lag unter Luigis Kopfkissen und wir waren beide im Bett. Ich schlief, Luigi aber wachte, und beim düstern Schein des Nachtlichts, das im Zimmer brannte, glaubte er die Umrisse einer Gestalt zu erkennen, die sich dem Lager näherte. Er zog das Messer aus der Scheide und rüstete sich zur Gegenwehr. Decken und Betttücher brauchte er nicht erst zurückzuschlagen, denn bei der großen Hitze hatten wir keine. Plötzlich richtete sich jener Eingeborene neben dem Bette auf und beugte sich über mich; in seiner erhobenen Rechten funkelte ein Dolch, mit dem er nach meiner Kehle zielte. Doch rasch packte Luigi den Mann am Handgelenk, warf ihn zu Boden und stieß ihm das scharfe Messer ins Genick. -- Das ist die ganze Geschichte.«
Die Zuhörer holten tief Atem, und man sprach noch eine Weile über den schrecklichen Vorfall. Dann griff Wilson nach Toms Hand.
»Laß doch einmal sehen, Tom,« sagte er, »ob bei dir nicht irgend eine kleine, verborgene Heimlichkeit zu entdecken wäre. Zufällig habe ich deine Handfläche noch nie besichtigt. -- Oho! --«
Tom hatte ihm rasch die Hand entzogen und sah ganz bestürzt aus.
»Er wird ordentlich rot,« rief Luigi.
»So?« erwiderte Tom heftig und warf ihm einen bösen Blick zu, »aber doch wenigstens nicht, weil _ich ein Mörder bin_!«
Luigis dunkle Augen flammten; ehe er jedoch etwas thun oder sagen konnte, rief Tom schon mit ängstlicher Hast: »O, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, ich habe das gar nicht sagen wollen, es fuhr mir nur so heraus. Es thut mir wirklich sehr, sehr leid -- nicht wahr, Sie verzeihen mir?«
Wilson kam ihm zu Hilfe und suchte die Sache friedlich beizulegen, so gut er konnte. Das gelang ihm auch vollkommen, so weit es die Zwillinge betraf; denn ihnen war die unangenehme Lage, in die Wilson durch die rohen Worte seines Gastes geraten war, peinlicher als die Beleidigung selbst. Auf Tom hatte aber Wilsons Vermittlung keine so günstige Wirkung. Zwar stellte er sich möglichst unbefangen, und man merkte ihm auch äußerlich keine Verstimmung an, aber im Grunde grollte er doch den drei Zeugen seiner Unhöflichkeit. Es verdroß ihn, daß sie überhaupt zugegen gewesen waren und seine Worte beachtet hatten, und dabei vergaß er fast, sich über seinen eigenen Mangel an Lebensart zu ärgern. Doch bald geschah etwas, wodurch seine Gemütsverfassung wieder behaglicher und menschenfreundlicher wurde. Die Zwillinge fingen nämlich unter sich Streit an; es war zwar nur ein unbedeutender Wortwechsel, aber sie erhitzten sich doch in kurzer Zeit gewaltig gegen einander. Tom hatte große Freude daran und that was er konnte, um das Feuer zu schüren, natürlich mit Vorsicht, und indem er sich den Anschein gab, als wünsche er es zu dämpfen. Bald entfachte sich die Glut mit seiner Hilfe mehr und mehr, und vielleicht hätte er im nächsten Augenblick die Genugthuung gehabt, die Flamme emporlodern zu sehen, wäre der Auftritt nicht durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen worden. Diese Störung kam ihm ebenso ungelegen, wie sie Wilson angenehm war.
Der neue Ankömmling, dem Wilson die Thür öffnete, war ein gutmütiger, handfester und ungebildeter Irländer von mittleren Jahren, Namens John Buckstone, ein großer Politiker im kleinen, der an allen öffentlichen Angelegenheiten einen hervorragenden Anteil nahm. Gerade jetzt war die Stadt in voller Aufregung wegen der herrschenden Meinungsverschiedenheit über den Genuß berauschender Getränke. Die Rum-Partei kämpfte einen erbitterten Kampf mit der Anti-Rum-Partei. Buckstone gehörte zu ersterer und war abgesandt worden, um die Zwillinge aufzusuchen und sie einzuladen, einer Massenversammlung der Rum-Partei beizuwohnen. Er richtete seine Botschaft aus und fügte hinzu, daß die Bundesbrüder sich schon in der großen Halle des Markthauses versammelten. Luigi folgte der Aufforderung bereitwillig, Angelo dagegen nur zögernd, denn er liebte weder ein großes Gedränge, noch konnte er den starken, amerikanischen Branntwein vertragen. Auch neigte er dem Mäßigkeitsverein zu.
Als die Zwillinge sich mit Buckstone entfernten, schloß sich ihnen Tom Driscoll unaufgefordert an. Schon von weitem konnte man die lange Reihe der Fackeln hin- und herschwanken sehen, die sich die Hauptstraße hinunter bewegten; die Pauken dröhnten, die Zimbeln schmetterten, die Querpfeifen quiekten, und fernes Hurrahgeschrei schallte an ihr Ohr. Eben stiegen die letzten Teilnehmer am Zuge die Treppe des Markthauses hinauf, als die Zwillinge sich dem Gebäude näherten; sie fanden die Halle schon dicht gedrängt voll von Menschen, die Fackeln rauchten und überall herrschte Lärm und Begeisterung.
Buckstone führte die Brüder auf die Rednerbühne, wohin ihnen Tom Driscoll gleichfalls folgte, und stellte sie dem Präsidenten vor, während die Menge sie mit lautem Zuruf willkommen hieß. Als der Lärm sich etwas gelegt hatte, forderte der Vorsitzende die Anwesenden auf: »die erlauchten Gäste damit zu begrüßen, daß wir sie alsbald zu Mitgliedern unserer glorreichen Vereinigung -- dem Paradies der Freien und dem Verderben der Sklaven -- durch allgemeines Handaufheben erwählen.«
Dieser rednerische Erguß öffnete die Schleusen der Begeisterung von neuem; die Wahl erfolgte mit Einstimmigkeit und donnerndem Beifall. Dann vernahm man stürmische Rufe: »Feuchtet sie an! Feuchtet sie an! Sie sollen uns Bescheid thun!«
Jedem Zwilling wurde ein Glas Whisky gereicht. Luigi schwenkte es in der Luft und setzte es dann an die Lippen, während Angelo das seinige hinstellte. Wieder erhob sich ein Geschrei.
»Was soll das bedeuten? Was ist mit dem andern los? Warum will der Blonde uns nicht zutrinken? Wie sollen wir das verstehen?«
Der Vorsitzende zog Erkundigungen ein und erstattete der Versammlung Bericht:
»Wir haben einen unglücklichen Irrtum begangen, meine Herren. Es stellt sich heraus, daß Graf Angelo Capello unsere Ueberzeugung nicht teilt. Er ist eigentlich ein Mäßigkeitsvereinler und hat gar nicht die Absicht gehabt, Mitglied bei uns zu werden. Deshalb wünscht er, daß wir über seine Wahl noch einmal abstimmen. Ich bitte die Herren, dies in Erwägung zu ziehen.«
Nun entstand ein gellendes Gelächter, in das sich lautes Murren und Pfeifen mischte; doch gelang es dem Präsidenten durch den kräftigen Gebrauch der Glocke die Ruhe einigermaßen wiederherzustellen. Ein Mann aus der Menge ergriff das Wort und sagte, daß der Mißgriff zwar sehr zu bedauern sei, doch ließe er sich unmöglich bei der heutigen Zusammenkunft wieder gut machen. Nach den Statuten könne das erst in der nächsten, regelmäßigen Sitzung geschehen. Er wolle keinen Antrag stellen, da das nicht erforderlich sei, doch wünsche er, den Herrn Grafen im Namen des Hauses um Entschuldigung zu bitten und ihn zu versichern, daß die ›Söhne der Freiheit‹ alles thun würden, um ihm seine zeitweilige Mitgliedschaft so angenehm wie möglich zu machen.
Die Rede wurde mit schallendem Beifall aufgenommen. »Ganz einverstanden!« tönte es von allen Seiten. »Mäßigkeitsvereinler oder nicht -- er ist doch ein guter Kerl! Laßt ihn leben! Bringt ihm ein Hoch aus, leert die Gläser!«
Auf der Rednerbühne wurden Gläser herumgereicht, man trank auf Angelos Gesundheit und die ganze Versammlung brüllte im Chor:
Hoch soll er leben, Hoch soll er leben, Hoch soll er leben, Dreimal hoch!!!
Tom Driscoll trank auch; es war sein zweites Glas, denn er hatte Angelos Glas geleert, sobald dieser es hinstellte. Der doppelte Trunk machte ihn sehr lustig, sogar unbändig ausgelassen; er begann sich aufs lebhafteste an allem zu beteiligen, was geschah und sich besonders beim Pfeifen und Johlen, sowie durch allerlei schnöde Bemerkungen hervorzuthun.
Der Präsident, der eben eine Ansprache beginnen wollte, stand noch vorn an der Rampe, ihm zur Seite die Zwillinge. Die wunderbare Aehnlichkeit der beiden Brüder brachte Tom Driscoll darauf, einen Witz zu machen; er trat vor und wandte sich mit trunkener Dreistigkeit an die Versammlung:
»Jungens,« rief er, »ich stelle den Antrag: _der da_ soll schweigen und das _lebendige Vielliebchen_ neben ihm eine Rede vom Stapel lassen.«
Der komische Vergleich der Zwillinge mit einem Vielliebchen gefiel den Anwesenden, die in ein donnerndes Gelächter ausbrachen. Luigis feuriges Gemüt ertrug jedoch die Beleidigung, die ihm in Gegenwart von vierhundert Fremden angethan wurde, nicht mit Gelassenheit. Seine ganze Natur empörte sich dagegen, die Sache ruhig hinzunehmen, ohne auf der Stelle Wiedervergeltung zu üben. Kochend vor Wut trat er mit ein paar Schritten hinter den ahnungslosen Witzbold, holte aus und versetzte ihm mit wahrer Riesenkraft einen so gewaltigen Fußtritt, daß Tom geradeswegs über die Rampe hinweggeschleudert wurde und den ›Söhnen der Freiheit‹ in der vorderen Reihe auf die Köpfe fiel.
Selbst in völlig nüchternem Zustand ist es keinem Menschen angenehm, wenn er ganz harmlos dasteht und plötzlich so ein lebendiges Wurfgeschoß auf ihn losgelassen wird. Wer aber einen Rausch hat, kann dergleichen gar nicht vertragen. Die ›Söhne der Freiheit‹, auf deren Köpfen Tom landete, hatten alle schon etwas über den Durst getrunken, es gab überhaupt in der ganzen Versammlung kaum jemand, der nicht zu tief ins Glas geschaut hatte. So wurde denn Tom mit Entrüstung sofort auf die Köpfe der nächsten Reihe weiterbefördert, die ihn wieder auf die Hintermänner ablud und zugleich mit den vorderen ›Söhnen der Freiheit‹, von denen er auf sie geworfen worden war, eine wütende Schlägerei begann. Das ging so weiter, von einer Bank zur andern, bis Tom, auf seinem stürmischen Fluge durch die Luft, die Thür erreichte. Hinter ihm tobten, rauften, fluchten und wetterten alle in wildem Durcheinander. Eine Reihe brennender Fackeln nach der andern wurde bei dem Handgemenge auf den Boden geworfen, und bald erscholl noch lauter als der betäubende Lärm der Präsidentenglocke, als das Gebrüll der zornigen Stimmen und das Krachen der zertrümmerten Bänke, der entsetzliche Schreckensruf: »_Feuer!_«
Sogleich hörte der Kampf auf, das Fluchen verstummte; einen Augenblick herrschte lautlose Stille, nichts regte sich, wo eben noch der Sturm gerast hatte. Im nächsten Moment aber kam mit einem Schlage wieder Leben und Thatkraft in die Menge. Es entstand ein Wogen, Drängen und Schwanken hierhin und dorthin. Wer konnte, suchte einen Ausweg durch Thür oder Fenster, das Gewühl wurde bald weniger dicht und die Massen lichteten sich.
So schnell war die Feuerwehr wohl noch nie zur Hand gewesen; sie brauchte freilich nicht weit zu gehen, denn ihr Standquartier war in einem Anbau des Markthauses. Von ihren zwei Abteilungen hatte eine die Spritze, die andere Haken und Feuerleitern zu verwalten. Eine Hälfte jeder Abteilung gehörte zur Rum-Partei, die andere Hälfte zur Anti-Rum-Partei, das hielt man damals für recht und billig. Die Anti-Rum-Leute, die gerade im Quartier herumlungerten, waren zahlreich genug, um die Leitern und Spritzen zu bedienen. In zwei Minuten hatten sie ihre Helme und roten Hemden angelegt, denn ohne die Berufsuniform rückten sie niemals aus.
Als nun die Massenversammlung im oberen Stock über Hals und Kopf durch die lange Reihe der Fenster sprang und sich auf das Dach der Arkaden flüchtete, empfingen die Retter sie mit einem mächtigen Wasserstrahl, der einige vom Dach herunterspülte und die übrigen fast ersäufte. Aber immerhin war das Wasser dem Feuer vorzuziehen, deshalb sprangen fortwährend neue Scharen durch die Fenster und wurden erbarmungslos so lange durchweicht, bis das Haus sich völlig geleert hatte. Dann stiegen die Feuerwehrleute in den Saal hinauf und überfluteten ihn mit einer Wassermasse, die genügt hätte, um ein vierzigmal so großes Feuer zu löschen. Eine so schöne Gelegenheit sich zu zeigen, kommt für die Feuerwehr einer kleinen Stadt selten vor und muß gut ausgenützt werden. Alle anständigen und urteilsfähigen Bürger des Ortes versicherten sich deshalb nicht mehr gegen Feuerschaden, sondern gegen die Feuerwehr.
Dreizehntes Kapitel.
Am Freitag abend lag Richter Driscoll schon um zehn Uhr im Bett und schlief; beim ersten Morgengrauen aber war er wieder auf und ging mit seinem Freunde Pembroke Howard auf den Fischfang. Die beiden hatten ihre Knabenjahre in Virginien verlebt, als dieser Staat noch der wichtigste in der ganzen Union war, und sie sprachen nie anders als mit stolzer Zärtlichkeit vom ›Alten Virginien‹. Jeder, der dorther stammte, wurde in Missouri als ein höheres Wesen angesehen, zumal, wenn er seine Abkunft von einer der ersten Familien jenes berühmten Freistaates nachweisen konnte. Die Howards und Driscolls gehörten zu diesen Bevorzugten, die sich für den Adel des Landes hielten. Sie gehorchten einem ungeschriebenen Gesetz, das so streng festgehalten und befolgt wurde, wie nur irgend ein Artikel der gedruckten Gesetzessammlung. Jeder Nachkomme dieser vornehmsten Gesellschaft der Südstaaten war ein geborener Edelmann und hatte keine höhere Pflicht im Leben, als das große Erbteil der Väter zu bewahren und seine Ehre lauter und unbefleckt zu erhalten. Dem Standesgesetz mußte er unverbrüchlich Folge leisten; wich er auch nur um Haaresbreite davon ab, so war es aus mit ihm und seinem Ansehen bei den Genossen. Verlangte das Gebot der Ehre Dinge, die mit seiner Religion nicht im Einklang standen, so mußte die Religion schweigen. Die Ehre ging allem anderen vor, weder religiöse noch sonstige Pflichten kamen dagegen in Betracht. Jenes Gesetz bestimmte genau, worin die Ehre des Edelmannes bestand und in welchen Punkten sie sich von dem unterschied, was das kirchliche Bekenntnis, das bürgerliche Gesetz sowie Sitte und Brauch aller niedrigeren Erdenbewohner, in deren Adern kein altvirginisches Blut floß, für den Inbegriff der Ehre erklärt.
Wenn allgemein anerkannt wurde, daß Richter Driscoll der vornehmste Bürger von Dawson war, so galt Pembroke Howard als der zweite dem Range nach. Man nannte ihn gewöhnlich den ›großen Anwalt‹ -- diesen Titel hatte er sich wohl verdient. Die beiden Freunde standen im gleichen Alter, sie waren angehende Sechziger.
Daß Driscoll ein Freidenker war und Howard ein strenger, eifriger Presbyterianer, that der Wärme ihrer Gefühle für einander keinen Abbruch. Beide Männer sahen ihre Ueberzeugung als ein persönliches Eigentum an, das sie weder fremdem Lob und Tadel, noch irgend welchen Verbesserungsvorschlägen zu unterbreiten wünschten, und kämen diese selbst von seiten ihrer Freunde.
Nachdem sie den Tag über gefischt hatten, fuhren sie in ihrem Boot den Fluß hinunter. Sie unterhielten sich gerade über Volkswirtschaft und andere hohe Dinge, als ihnen von der Stadt her ein Mann im Kahn entgegengerudert kam und sie folgendermaßen anredete:
»Wissen Sie’s schon, Herr Richter, daß einer von den neuen Zwillingen Ihrem Neffen gestern abend einen Fußtritt gegeben hat?«
»_Was_ -- hat er ihm gegeben?«
»Ich sag’s ja -- einen Fußtritt.«
Der alte Richter erblaßte, seine Augen begannen zu funkeln: einen Moment war er sprachlos vor Zorn, dann stammelte er: »Nun -- und was weiter? Erzählen Sie mir alles.«
Das that der Mann. Als er fertig war, schwieg der Richter einen Augenblick; er sah im Geiste, wie Tom mit Schimpf und Schande über die Rampe flog, dann sagte er, als spräche er laut mit sich selber:
»Hm -- ich kann es nicht verstehen. Ich lag zu Hause im Schlaf. Er hat mich nicht geweckt. Glaubte vermutlich, er sei Manns genug, seine Sache ohne meine Hilfe zu führen.« -- Driscolls Züge erheiterten sich vor stolzer Freude bei dem Gedanken. »Es ist mir lieb,« fuhr er mit wohlgefälligem Behagen fort, »da zeigt sich das echte, alte Blut -- was meinst du, Pembroke?«
Howard lächelte in eherner Ruhe und nickte beistimmend mit dem Haupte.
»Aber vor Gericht hat Tom über den Zwilling gesiegt,« nahm der Mann, welcher die Nachricht gebracht hatte, wieder das Wort.
Der Richter sah ihn verwundert an.
»Vor Gericht? -- Wie meint Ihr das?«
»Nun, Tom hat gegen ihn eine Anklage wegen thätlicher Beleidigung erhoben. Der Richter Robinson hat die Verhandlung geleitet.«
Der alte Driscoll sank plötzlich in sich zusammen, als hätte ihn der Schlag gerührt. Howard sprang herzu, fing den Ohnmächtigen in seinen Armen auf und bettete ihn sorgfältig auf den Boden des Bootes. Während er ihm Wasser ins Gesicht spritzte, rief er dem Unglücksboten zu:
»Rasch, fahren Sie weiter, damit er Sie nicht mehr hier findet, wenn er zum Bewußtsein kommt. Sie haben schon Schaden genug angerichtet mit Ihren unbesonnenen Reden. Wie konnten Sie nur so rücksichtslos sein und mit der abscheulichen Verleumdung mir nichts, dir nichts herausplatzen!«
»Es thut mir herzlich leid, Herr Howard, ich würde es auch gewiß nicht gesagt haben, wenn ich mir’s recht überlegt hätte. Aber eine Verleumdung ist es nicht, sondern die reinste Wahrheit.«
Er ruderte fort. Bald darauf kam der alte Richter wieder zu sich und sah den Freund, der sich teilnehmend über ihn beugte, mit jammervollen Blicken an.
»Sage, daß es erlogen ist, Pembroke -- es kann doch nicht wahr sein!« flüsterte er mit schwacher Stimme.
Die Antwort erfolgte sogleich im kräftigsten Brustton:
»Du mußt doch so gut wie ich wissen, daß es eine Lüge ist, alter Freund. Fließt denn nicht das beste Blut Altvirginiens in seinen Adern?«
»Gott lohne dir’s, daß du so sprichst,« entgegnete der alte Herr voll Innigkeit. »O, Pembroke, es hat mir solchen Stoß gegeben!«
Howard verließ seinen Freund nicht, er brachte ihn heim und ging mit ihm ins Haus. Es war schon dunkel und Zeit zum Abendbrot, aber der Richter dachte nicht an Essen und Trinken. Sein einziger Wunsch war, aus Toms Munde zu hören, daß alles auf Verleumdung beruhe und Howard sollte bei der Erklärung zugegen sein. Tom wurde gerufen und erschien auch sogleich, lahm, zerschlagen und in höchst unglücklicher Verfassung. Sein Onkel hieß ihn sich setzen.
»Man hat uns dein Abenteuer erzählt, Tom,« sagte er, »und uns zum Ueberfluß noch eine hübsche Lüge aufgetischt. Die sollst du mir jetzt gleich zu Schanden machen, daß kein Stäubchen davon übrig bleibt. Welche Maßregeln hast du getroffen? Wie steht deine Sache? Sprich!«
»Sie steht gar nicht mehr,« antwortete der arglose Tom, »es ist alles vorüber. Ich ging mit ihm vor Gericht und klagte. Querkopf Wilson hat ihn verteidigt, es war sein erster Prozeß, den er aber verlor. Robinson hat den elenden Hund wegen thätlicher Beleidigung um fünf Dollars gestraft.«
Howard und der Richter waren gleich bei den ersten Worten aufgesprungen -- sie wußten beide nicht warum. Nachdem sie einander eine Weile mit ausdruckslosen Mienen angestarrt hatten, nahm Howard voll stummer Trauer wieder Platz. Des Richters Zorn aber brach in hellen Flammen aus.
»Du erbärmlicher Wicht, du Hund, du Scheusal!« schrie er. »Das wagst du mir ins Gesicht zu sagen! Ist es möglich, daß ein Glied meiner Familie, ein Mensch, dem unser Blut in den Adern fließt, einen Schlag erhält und aufs Gericht läuft, um den Schimpf zu sühnen? Antworte mir!«