Part 6
»Ich soll was dagegen haben?« erwiderte sie. »Nein, ganz und garnichts. Du brauchst dich deines Vaters nicht zu schämen, das sag’ ich dir. Er gehörte zu den vornehmsten Leuten der ganzen Stadt, zu den besten Familien von altvirginischer Herkunft. Das Geschlecht ist allerwege so gut wie die Driscolls und Howards.« Sie warf sich noch mehr in die Brust und fuhr mit Nachdruck fort: »Kannst du dich noch auf Oberst Cecil Burleigh Essex besinnen, der im selben Jahr starb, wie der Pappy von deinem jungen Herrn Tom Driscoll? Alle hohen Beamten, Freimaurer und Aeltesten der Kirchen kamen und folgten ihm zu Grabe; so ’ne schöne Leiche hat die Stadt noch nie zu sehen bekommen. -- Das war der Mann.«
Sie sprach mit so hohem Selbstgefühl und war so begeistert von der Erinnerung, daß ihr ganzer Jugendreiz auf einmal zurückkehrte und ihre Haltung eine stattliche Würde annahm, die man fast königlich hätte nennen können, wäre die Umgebung nur ein wenig besser damit im Einklang gewesen.
»Kein anderer Neger hier am Ort ist so hochgeboren wie du. Nun geh’ deiner Wege und trag’ den Kopf so hoch wie du willst -- du hast das Recht dazu, verlaß dich drauf.«
Elftes Kapitel.
In der folgenden Nacht schreckte Tom von Zeit zu Zeit plötzlich aus dem Schlafe auf, und sein erster Gedanke war: »Welches Glück, es ist nur ein Traum!« Aber jedesmal fiel er stöhnend wieder in die Kissen zurück und murmelte: »Ein Nigger! Ich bin ein Nigger! O, wäre ich doch tot!«
Als er im Morgengrauen munter wurde, wiederholte sich diese entsetzliche Qual abermals, und er beschloß, dem trügerischen Schlafe nicht mehr zu vertrauen; er wollte wach bleiben und mit sich zu Rate gehen. Allerlei bittere Gedanken stiegen in ihm auf und wanderten ziellos hierhin und dorthin.
»Warum sind Neger und Weiße erschaffen worden? Was hat der erste ungeborene Neger verschuldet, daß er zu seinem Fluch in die Welt gesetzt wurde? Weshalb macht man einen so grauenvollen Unterschied zwischen den Weißen und Farbigen? ... Wie hart erscheint mir des Negers Geschick heute morgen! -- und doch ist bis gestern abend ein solcher Gedanke noch nie in meinen Kopf gekommen.« So sann er ächzend und seufzend wohl über eine Stunde lang.
Dann kam ›Schamber‹, um in unterwürfiger Haltung zu melden, daß das Frühstück bald fertig wäre. ›Tom‹ wurde feuerrot, als er sah, wie der junge vornehme Weiße vor ihm, dem Neger, im Staube kroch und ihn Massa nannte.
»Geh’ mir aus den Augen,« schrie er ihn an, und als jener sich entfernt hatte, murmelte er: »Eigentlich hat mir der arme Kerl nichts zu Leide gethan, aber sein Anblick ist mir unerträglich. Er ist ja der junge Herr Driscoll, und ich bin ein -- o, wäre ich doch tot!«
* * * * *
Ein großer vulkanischer Ausbruch in den Tropen, bei dem die Erde bebt, Staubwolken die Luft verdunkeln und die Fluten sich emportürmen, verwandelt die Landschaft ringsum bis zur Unkenntlichkeit. Die Niederung wird zur Hochfläche, Berge zu Thälern; wo sich die Wüste dehnte, glänzt ein See, und statt grüner, lachender Wiesen, sehen wir eine dürre Steppe. Auf ähnliche Weise hatte die furchtbare Katastrophe, welche über Tom hereingebrochen war, seine bisherige Umgebung in moralischer Beziehung verändert: Was ihm bisher als niedrig gegolten, ward zu den Wolken erhoben, und was er für unantastbar angesehen, lag, unter der Asche früherer Herrlichkeit begraben, in Trümmern vor ihm.
Tagelang wanderte er an einsamen Orten umher, tief in Gedanken versunken und bemüht, seinen verlorenen Halt wiederzufinden. Es wollte ihm nicht gelingen. Wenn er einen Bekannten traf, wich plötzlich seine lebenslange Gewohnheit auf geheimnisvolle Weise von ihm -- er streckte nicht unwillkürlich die Hand aus, um des Freundes Hand zu schütteln -- sein Arm hing schlaff herab. Es war der ›Neger‹ in ihm, der ihn an seine Niedrigkeit mahnte, er wurde rot und schämte sich. Drückte ihm dann der weiße Freund die Hand, so war der ›Neger‹ in ihm überrascht und verwirrt. Ganz von selbst trat der ›Neger‹ demütig beiseite und machte dem weißen Raufbold oder Bummler auf der Straße Platz. Und als Rowena, die Geliebte seines Herzens, die er im stillen anbetete, ihn einlud, ins Haus zu kommen, stammelte der Neger in ihm eine verlegene Entschuldigung, denn er fürchtete sich, mit hochgebietenden weißen Leuten an einem Tische zu sitzen, wie ihresgleichen. Der ›Neger‹ in ihm schlich ängstlich lauernd umher und argwöhnte Mißtrauen oder die Gefahr der Entdeckung in jedem Wort, jeder Miene und Gebärde. So fremdartig und verändert war Toms Benehmen, daß es den Leuten auffiel und sie sich umdrehten und ihm nachsahen, wenn er vorüber war. Dann wandte auch er den Blick -- ganz gegen seinen Willen, aber er konnte nicht anders -- und sah den verwunderten Ausdruck in diesem oder jenem Gesicht. -- Von namenloser Furcht gepackt, suchte er, so rasch er konnte, die Einsamkeit auf. Wie ein gehetztes Wild floh er über Berg und Thal. »Der Fluch, der auf Ham lastet, verfolgt mich,« dachte er bei sich selber.
Am meisten waren ihm die Mahlzeiten verhaßt. Der ›Neger‹ in ihm schämte sich, mit den Weißen zusammen zu speisen, ihm bangte fortwährend davor, entdeckt zu werden. »Was ist denn mit dir los?« fragte Richter Driscoll einmal, »du machst ja ein so erbärmliches Gesicht wie ein Nigger.« Da erwiderte Tom, er fühle sich unwohl und stand rasch vom Tische auf. So mag es dem heimlichen Mörder zu Mute sein, wenn der Ankläger spricht: »Du bist der Mann!«
Vor der zärtlichen Besorgnis und den Liebkosungen seiner angeblichen ›Tante‹ hatte er ein wahres Grauen und wich ihnen so viel wie möglich aus. Gegen seinen vermeintlichen ›Onkel‹ erwachte ein förmlicher Haß in seinem Herzen, der immer mehr zunahm; denn Tom sagte sich: »er ist ein Weißer und ich bin sein Eigentum, sein Haustier, seine Ware; er kann mich verkaufen, so gut wie seinen Hund.«
Eine ganze Woche lang bildete sich Tom ein, daß sein Charakter von Grund aus verändert sei. Doch er kannte sich selber schlecht. Zwar hatten seine Ansichten in mancher Beziehung eine völlige Wandlung erfahren, die sich nie wieder rückgängig machen ließ, aber die Hauptzüge seines Charakters waren sich doch gleich geblieben und konnten nicht anders werden. Unter dem Einfluß einer großen geistigen und moralischen Erschütterung hatte es zwar äußerlich den Anschein gewonnen, als habe er mit seinem bisherigen Treiben völlig gebrochen, aber, als sich nach einer Weile der Sturm legte, verfiel er wieder in die alten Sitten und Gewohnheiten. Allmählich kehrte er auch zu seiner leichtfertigen und oberflächlichen Gesinnung und Redeweise zurück, und keiner seiner Bekannten hätte in ihm irgend einen Zug entdecken können, der ihn von dem nichtsnutzigen Tom aus früherer Zeit unterschied.
Es stellte sich bald heraus, daß jener Beutezug, den er unternommen hatte, doch ergiebiger gewesen war, als er zu hoffen gewagt. Der Ertrag genügte, um seine Spielschulden zu bezahlen, und so ging die Gefahr einer Enthüllung seines Thuns und der abermaligen Vernichtung des Testaments glücklich vorüber. Mit seiner Mutter kam er ziemlich gut aus. Zwar vermochte sie noch nicht, ihn zu lieben, weil, wie sie es ausdrückte, ›nichts an ihm war‹, aber ihrer Natur nach brauchte sie irgend jemand, den sie beherrschen konnte, und dazu war er gut genug. Durch ihren starken Charakter und ihr streitbares, gebieterisches Wesen erregte sie Toms Bewunderung, obgleich er mehr Proben davon erhielt, als er zu seiner Annehmlichkeit bedurfte. In der Regel bestand aber ihre Unterhaltung aus allerlei Klatsch und Geschwätz über die Privatangelegenheiten der besten Familien von Dawson, in deren Küchen sie regelmäßig ihre Ernte hielt, so oft sie zur Stadt kam. Das gefiel Tom, denn es war ganz nach seinem Geschmack. Sie stellte sich immer pünktlich ein, um die Hälfte seines Monatsgeldes zu holen; bei dieser Gelegenheit trafen sie jedesmal im Gespensterhaus zusammen und plauderten eine Weile. Auch in der Zwischenzeit machte sie ihm ab und zu dort einen Besuch.
Manchmal fuhr Tom nun auch wieder auf ein paar Wochen nach St. Louis, und eines Tages unterlag er abermals der Versuchung zum Glücksspiel. Er gewann eine Menge Geld, verlor es aber wieder und noch eine beträchtliche Summe obendrein, die er versprach, so bald als möglich aufzutreiben.
Zu dem Zweck plante er einen neuen Beutezug in Dawson. Seine Räubereien an einem fremden Orte zu unternehmen, kam ihm nicht in den Sinn, denn er hätte sich nicht in ein Haus hineingewagt, ohne daß er die Aus- und Eingänge genau kannte und mit den Gewohnheiten der Familie vertraut war.
Am Mittwoch vor der Ankunft der Zwillinge begab er sich verkleidet in das Gespensterhaus, nachdem er seiner Tante Pratt geschrieben hatte, er käme erst in zwei Tagen. Dort hielt er sich bei seiner Mutter versteckt, und ging erst am Freitag früh, ehe es hell wurde, nach dem Driscollschen Hause. Durch die Hinterthür gelangte er in sein Zimmer, wo er den Spiegel und sonstige Toilettengegenstände benützen wollte. Er trug einen Anzug von seiner Mutter, nebst schwarzem Schleier und Handschuhen und unter dem Arm ein Bündel mit Mädchenkleidern, die er zu dem Streifzug anzulegen dachte. Jetzt dämmerte der Morgen: er war mit der Verkleidung fertig und wollte eben das Zimmer verlassen, als er durch das Fenster drüben Querkopf Wilson sah, der ihn ohne Zweifel ebenfalls erblickt hatte. Nun übte er sich, um Wilson zu täuschen, eine Weile in allerlei Schritten und graziösen Stellungen vor dem Spiegel, trat dann rasch in den Hintergrund, legte die erste Verkleidung wieder an, wartete noch geraume Zeit und ging dann die Treppe hinunter und zur Hinterpforte hinaus. Er wollte auf dem Schauplatz seiner beabsichtigten Thaten Umschau halten. Doch war ihm unbehaglich zu Mute. Zwar glaubte er nicht, daß Wilson, wenn er noch auf der Lauer war, ein armes, altes Weib beachten werde, das früh am Morgen aus der Hinterthür des Nachbarhauses kam, deshalb hatte er Roxys Kleid wieder angezogen und schlich in gebückter Haltung einher. Wie aber, wenn nun Wilson doch Verdacht geschöpft hätte und ihm heimlich folgte? -- Bei dem Gedanken wurde es Tom bald heiß bald kalt; er beschloß den Raubzug aufzugeben und eilte auf den verborgensten Wegen nach dem Gespensterhaus zurück. Seine Mutter war fort, doch kam sie im Laufe des Vormittags wieder und brachte die Nachricht von der großartigen Empfangsfeierlichkeit bei Patsy Cooper. Leicht überredete sie ihren Sohn, daß dies eine besondere Fügung des Himmels sei, die sie sich gar nicht besser wünschen könnten. So unternahm Tom doch noch den Streifzug und brachte reichliche Beute mit, während alle Bewohner bei Frau Cooper waren. Durch den Erfolg ermutigt, wurde er so tollkühn, daß er den Raub nur rasch seiner Mutter übergab, die in einem Hintergäßchen auf ihn wartete, und dann selbst dem Empfang der Zwillinge beiwohnte. Auch dort im Hause vermehrte er seine Beute noch um verschiedene Wertsachen.
* * * * *
Nach dieser langen Abschweifung sind wir jetzt wieder an dem Punkt unserer Erzählung angekommen, bei dem wir Querkopf Wilson verließen. Er saß an jenem Freitag-Abend zu Hause, wartete auf die Ankunft der Zwillinge und zerbrach sich den Kopf über das Mädchen, das er am Morgen in Tom Driscolls Schlafzimmer gesehen hatte. Soviel er aber auch hin und her riet und nachsann und sich verwunderte, er brachte es doch nicht heraus, wer das leichtsinnige Geschöpf wohl sein könnte.
Zwölftes Kapitel.
Als die Zwillinge eingetroffen waren, kam die Unterhaltung gleich in Fluß; man plauderte lebhaft und behaglich, und der neu geschlossene Freundschaftsbund befestigte sich mehr und mehr. Auf Verlangen holte Wilson seinen Kalender herbei und las den Brüdern ein paar Stellen vor, denen sie aufrichtigen Beifall spendeten. Dies freute den Verfasser so sehr, daß er ihnen gern die Bitte gewährte, eine Handvoll Blätter mitnehmen und zu Hause lesen zu dürfen. Auf ihren weiten Reisen hatten sie die Erfahrung gemacht, daß es drei Arten giebt, sich die Gunst eines Schriftstellers zu erwerben, welche eine Stufenleiter gegenseitiger Anerkennung bilden: _Erstens_: man sagt ihm, man habe eins seiner Bücher gelesen. _Zweitens_: man versichert, man kenne seine sämtlichen Werke. _Drittens_: man bittet ihn um sein neuestes Buch im Manuskript.[1] Auf die erste Art gewinnt man seine Achtung, auf die zweite seine Bewunderung und auf die dritte erobert man sein ganzes Herz. Die Zwillinge waren beflissen gewesen, gleich die beste von diesen Methoden anzuwenden.
[1] Wohlverstanden -- im Manuskript! Leute, die den Autor um sein gedrucktes Buch angehen, pflegen von diesem und seinem Verleger scheel angesehen zu werden.
~M. T.~
Nicht lange, so wurde ihr Gespräch unterbrochen. Der junge Tom Driscoll trat ein und ließ sich vorstellen. Als die Brüder aufstanden und ihm die Hand schüttelten, that er, als sähe er sie zum erstenmal. Aber das war nur Schein, er hatte sie schon bei der Empfangsfeier von weitem erblickt, während er das Haus bestahl. Auf die Brüder machte er den Eindruck eines hübschen Menschen mit glattem Gesicht und geschmeidigen, aalgleichen Bewegungen, die nicht ungraziös waren. Angelo fand seine Augen schön, Luigi sah einen verschleierten und listigen Ausdruck darin. Angelo gefiel die freie Ungezwungenheit seiner Art zu sprechen, Luigi fand sie nicht gerade angenehm. Angelo hielt ihn für einen ganz netten jungen Mann, Luigi war noch nicht mit sich einig darüber. Toms erster Beitrag zu der Unterhaltung bestand in einer Frage, die er wohl schon hundertmal im fröhlichsten, gutmütigsten Ton an Wilson gerichtet hatte. Sie verursachte diesem stets ein etwas peinliches Gefühl, denn sie berührte eine geheime Wunde; diesmal aber gab sie ihm einen ordentlichen Stich ins Herz, weil die Fremden zugegen waren.
»Nun, wie steht’s mit der Anwaltspraxis? Hast du schon einen Prozeß geführt?«
Wilson biß sich auf die Lippen und erwiderte so gleichgültig wie möglich: »Nein -- noch nicht.«
Als Richter Driscoll den Zwillingen Wilsons Lebensgeschichte erzählte, hatte er seine Rechtsgelehrsamkeit aus zarter Rücksicht beiseite gelassen.
»Wilson ist nämlich Advokat, meine verehrten Herren,« erklärte Tom mit verbindlicher Miene, »doch praktiziert er im Augenblick nicht.«
Der Spott kränkte Wilson, aber er nahm sich zusammen und sagte, ohne seine Erregung blicken zu lassen:
»Ganz richtig -- ich praktiziere nicht. Mir ist noch kein Prozeß übertragen worden, und ich habe mir mein Brot zwanzig Jahre lang mühselig mit der Durchsicht von Rechnungsbüchern verdienen müssen. Nicht einmal in dieser Beschäftigung bekam ich hier am Orte so viele Aufträge, als ich gewünscht hätte. Aber, daß ich die Rechtswissenschaft gründlich studiert und nichts versäumt habe, um mich zu einem tüchtigen Anwalt auszubilden, ist nicht minder wahr. In deinem Alter, Tom, hatte ich bereits meinen Beruf erwählt, und wäre jederzeit imstande gewesen, ihn auszuüben. Vielleicht wird mir nie die Gelegenheit dazu geboten, tritt aber der Fall noch ein, so soll es an mir nicht fehlen, denn ich habe meine Rechtsstudien alle die Jahre her ununterbrochen fortgesetzt.«
Tom hatte den Hieb wohl gefühlt, aber er ließ sich nicht einschüchtern. »Bravo,« rief er, »gesprochen wie ein Mann -- das gefällt mir. Wie wär’s, wenn ich dich zu meinem Geschäftsträger machte,« fuhr er lachend fort. »Deine Rechtspraxis und meine Geschäfte würden sich so ziemlich die Wage halten, meinst du nicht auch, David?«
»Es giebt allerlei Geschäfte --« versetzte Wilson. Er dachte an das Fräulein in Toms Zimmer, und hatte schon vor, den jungen Menschen wegen seines heimlichen und verwerflichen Treibens zur Rede zu setzen, doch kam er wieder davon zurück. »Nein,« unterbrach er sich, »was ich sagen wollte, ist kein Gegenstand für eine allgemeine Unterhaltung.«
»Dann lassen wir es besser auf sich beruhen. Du wolltest mir gewiß noch einen zweiten Rippenstoß geben; reden wir lieber von etwas anderem: Was macht denn dein geheimnisvolles Steckenpferd neuerdings? Weißt du, deine ›Protokolle‹, wie du sie nennst. -- Wilson hat nämlich den Plan, das gewöhnliche Fensterglas aus der Mode zu bringen und durch Scheiben zu ersetzen, die mit Abdrücken fettiger Finger verziert sind. Er wird steinreich werden, wenn er seine Erfindung an alle gekrönten Häupter Europas zum Schmuck für ihre sämtlichen Paläste verkauft. -- Zeige uns doch einmal deinen Schatz, David.«
Wilson brachte drei Glasplättchen herbei. »Ich bitte die Herren, sich mit der rechten Hand durchs Haar zu fahren, wodurch sich etwas von der natürlichen Fettigkeit den Fingern mitteilt -- und jede einzelne Fingerspitze der Reihe nach auf das Glas zu drücken. Alle feinen Linien in der Haut zeichnen sich dann genau darauf ab und verwischen sich nicht wieder, wenn sie nicht durch die Berührung mit einem rauhen Gegenstand ausgelöscht werden. Du zuerst, Tom!«
»Ich dächte, du hättest den Abdruck meiner Finger schon ein- oder zweimal genommen.«
»Ja; aber beim letztenmal warst du noch ein kleiner Junge von etwa zwölf Jahren.«
»Das stimmt. Seitdem habe ich mich natürlich ganz verändert, und die gekrönten Häupter sollen ja wohl die mannigfachsten Verzierungen auf ihre Fensterscheiben bekommen.«
Er fuhr sich mit der Hand durch sein kurzgeschorenes Haar und drückte dann jeden Finger einzeln auf das Glas. Angelo benützte ein anderes Plättchen zu dem gleichen Zweck, und zuletzt Luigi ein drittes. Nun fügte Wilson noch Namen und Datum bei und bewahrte die Glasplättchen wieder auf.
»Eigentlich wollte ich nichts sagen,« meinte Tom lachend, »aber, wenn dir’s auf Verschiedenartigkeit ankommt, so hast du jetzt eben ein Glas unnütz vergeudet. Die Fingerabdrücke des einen Zwillings sind genau wie die des anderen.«
»Was geschehen ist, ist geschehen,« sagte Wilson und nahm wieder Platz, »mir ist’s so wie so lieber, wenn ich sie beide habe.«
»Aber, wie steht’s denn, David,« fuhr Tom fort, »früher hast du doch auch aus der Hand gewahrsagt, wenn du die Abdrücke nahmst? -- Er ist nämlich ein Allerweltsgenie -- eine Größe ersten Ranges, ein tiefsinniger Gelehrter, der hier am Ort verkümmert, ein Prophet, der nur so viel gilt, wie alle Propheten im Vaterlande -- hier fragt kein Mensch nach seiner Weisheit und man nennt seinen Schädel ein Museum voll komischer Einfälle -- nicht wahr, David, so ist’s! Doch einerlei -- er wird schon noch sein Glück machen -- ein gläsernes Glück mit Fettabdrücken -- hahaha! Wirklich, die Wahrsagerei ist famos -- lassen Sie ihn nur einmal Ihren Handteller betrachten! Wer für sein Geld nicht genug hat, bekommt es an der Kasse zurückbezahlt. Er liest, was drin geschrieben steht, als wäre es ein Buch und sagt einem nicht nur sechs Dutzend Dinge voraus, die geschehen werden, sondern auch fünfzig oder sechzigtausend, die nicht eintreffen. Komm, David, zeige den Herren, was für einen wunderbaren Tausendkünstler unsere Stadt besitzt, ohne daß wir es ahnen.«
Für Wilson war dies spöttische und nicht sehr rücksichtsvolle Geschwätz eine arge Pein, und das that den Zwillingen in der Seele weh. Sie urteilten ganz richtig, daß sie ihm die größte Wohlthat erweisen würden, wenn sie die Sache ernsthaft behandelten und Toms Neckereien unbeachtet ließen, deshalb sagte Luigi:
»Wir haben auf unsern Reisen öfters Beispiele von Handwahrsagerei erlebt und uns selbst davon überzeugt, wie erstaunliche Dinge sie zu leisten vermag. Sie ist eine Wissenschaft -- wie sollte man sie wohl anders nennen, und zwar eine der tiefsinnigsten. -- Im Orient zum Beispiel --«
»Dies Taschenspielerkunststück eine Wissenschaft!« -- rief Tom mit verwunderter, ungläubiger Miene. »Das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein.«
»Mein völliger Ernst. Vor vier Jahren hat man uns unser Schicksal aus der Hand geweissagt, als ob es dort geschrieben stände.«
»So meinen Sie also wirklich, daß etwas an der Sache ist?« fragte Tom, dessen Unglaube schon zu wanken begann.
»Versteht sich,« fiel jetzt Angelo ein. »Die Schilderung unserer Charaktere zum Beispiel stimmte in allen Einzelheiten; wir hätten kaum noch etwas hinzuzufügen gewußt. Auch wurden mehrere denkwürdige Thatsachen aus unserer Vergangenheit enthüllt, von denen keiner der Anwesenden das Geringste wissen konnte.«
»Das ist ja die reinste Zauberei,« rief Tom mit immer wachsendem Interesse. »Und was man Ihnen von der Zukunft vorausgesagt hat, ist auch eingetroffen?«
»Im allgemeinen ja -- so ziemlich,« sagte Luigi. »Zwei oder drei der Hauptereignisse jedenfalls; das allerwichtigste sogar noch im selben Jahre. Auch von den unbedeutenden Prophezeiungen haben sich einige bereits erfüllt, und die andern großen oder kleinen können mit der Zeit noch wahr werden -- vielleicht gehen sie auch nie in Erfüllung, doch gestehe ich, daß mich das mehr überraschen würde, als wenn das Gegenteil eintritt.«
Die Worte machten einen tiefen Eindruck auf Tom, aller Mutwillen war ihm vergangen.
»Höre, David,« sagte er im Ton der Entschuldigung, »du mußt nicht etwa denken, daß ich deine Wissenschaft herabsetzen wollte; es machte mir nur Spaß, dich ein wenig damit aufzuziehen. Bitte, laß dir doch einmal ihre Handflächen zeigen. Nicht wahr, du thust mir den Gefallen.«
»Jawohl, gern, wenn du es wünschest; aber, du weißt ja, ich habe nie Gelegenheit gehabt, mich ganz mit der Kunst vertraut zu machen und will auch nicht als Sachverständiger gelten. Wenn ein vergangenes, wichtiges Ereignis sehr deutlich in den Linien der Hand geschrieben steht, kann ich es meist erkennen, aber, was geringfügiger ist, entgeht mir oft -- natürlich nicht immer, jedoch häufig. Wenn es aber gilt, in der Zukunft zu lesen, so bin ich meiner Sache nicht recht sicher. Ich spreche beinahe, als ob ich die Handwahrsagerei lebhaft betreibe, doch das ist durchaus nicht der Fall. In den letzten sechs Jahren habe ich kaum ein halbes Dutzend Hände untersucht. Die Leute fingen an, sich darüber lustig zu machen, und da ließ ich die Kunst einschlafen, um dem Gerede ein Ende zu machen. Wenn es Ihnen recht ist, Graf Luigi, will ich einmal einen Versuch mit Ihrer Vergangenheit machen -- glückt mir der, dann -- doch nein, an die Zukunft will ich mich überhaupt nicht wagen; das sollte wirklich nur ein ganz Kundiger thun.«
Als er Luigis Hand nahm, sagte Tom: »Warte einen Augenblick, David, -- sieh noch nicht hin! Hier, Graf Luigi, ist Papier und Bleistift. Schreiben Sie die Prophezeiung auf, von der Sie sagten, es sei die allerwichtigste gewesen und sie habe sich noch im nämlichen Jahr erfüllt. Dann geben Sie mir den Zettel, damit ich sehen kann, ob David das Erlebnis in Ihrer Hand entdeckt.«
Luigi schrieb eine Zeile, faltete das Papier zusammen und reichte es Tom mit den Worten: »Wenn er es findet, werde ich Sie auffordern, das Geschriebene vorzulesen.«
Nun begann Wilson seine Untersuchung von Luigis Handfläche. Er folgte den Lebenslinien, den Herz- und Kopflinien und beobachtete auch alle die feineren und zarteren Merkmale und Verzweigungen genau, die sich spinnwebartig nach allen Seiten ausbreiteten. Dann befühlte er den fleischigen Ballen am Daumen, merkte auf dessen Form, strich von der Wurzel des kleinen Fingers bis zum Handgelenk hinunter, untersuchte jeden Finger besonders nach Größe, Gestalt und Verhältnis zu den anderen, auch ihre natürliche Lage im Zustand der Ruhe. Die Anwesenden schauten seinem Verfahren mit der größten Spannung zu, sie steckten die Köpfe zusammen, beugten sich über Luigis Hand, und keiner unterbrach die Stille mit einem Laut. Schließlich wiederholte Wilson die Untersuchung noch einmal von Anfang an und verkündete zugleich das Ergebnis.
Er entwarf eine genaue Schilderung von Luigis Charakter und Gemütsart, beschrieb seine Geschmacksrichtung, seine Zu- und Abneigungen, seine natürlichen Anlagen und Absonderlichkeiten, so daß Luigi oft die Lippen zusammenkniff und die andern lachten. Beide Zwillinge erklärten jedoch, daß jeder Zug richtig sei und alle Angaben zuträfen.