Part 4
Damals hielten die Dampfer ihre Ankunftszeit bei der Ebbe nie regelmäßig ein. An dem bewußten Donnerstag war das Dampfboot um zehn Uhr abends noch nicht da; den ganzen Tag über hatten die Leute umsonst am Landungsplatz gewartet, und zuletzt wurden sie von einem heftigen Gewitterregen nach Hause getrieben, ohne daß sie die berühmten Fremdlinge zu Gesicht bekommen hatten.
Es schlug elf Uhr. Das Coopersche Haus war das einzige in der ganzen Stadt, wo noch Licht brannte. Der Regen strömte und der Donner grollte, während die besorgte Familie wartete und hoffte. Endlich vernahm man ein Klopfen an der Hausthür und alle sprangen auf. Zwei Neger traten ein, jeder mit einem Koffer auf der Schulter und gingen die Treppe hinauf nach dem Gastzimmer. Ihnen folgten die Zwillinge -- wahrlich, so schöne, feingekleidete und vornehm aussehende junge Herren hatte man hier im Westen noch nie erblickt! Einer war etwas blonder als der andere, aber im übrigen das genaue Abbild seines Bruders.
Siebentes Kapitel.
Beim Frühstück am nächsten Morgen eroberten sich die Zwillinge durch ihr liebenswürdiges Wesen, ihr höfliches und doch ungezwungenes Benehmen, rasch aller Herzen. Von Förmlichkeit und Befangenheit war bald keine Rede mehr, man verkehrte auf dem freundschaftlichsten Fuße mit einander. Tante Patsy nannte sie schon nach kürzester Frist beim Vornamen und gab sich keine Mühe zu verbergen, wie neugierig sie war, Näheres über ihre Vergangenheit zu erfahren, sobald sie sah, daß die Brüder sich mitteilsam zeigten. Aus ihren Aeußerungen ging hervor, daß sie in früher Jugend Armut und Mangel gekannt hatten, und im Laufe der Unterhaltung nahm die Witwe geschickt die Gelegenheit wahr ein paar hierauf bezügliche Fragen einzuflechten. Sie wandte sich an den blonden Zwilling, der bei dem Bericht über ihre gemeinschaftlichen Erlebnisse gerade das Wort hatte, während der brünette sich ausruhte.
»Sie werden mich vielleicht unbescheiden finden, Herr Angelo, aber ich möchte gern wissen, wie es kam, daß Sie in Ihrer Kindheit so verlassen waren und in Not gerieten. Sollte es Ihnen jedoch irgendwie unangenehm sein, davon zu reden, so sagen Sie es mir bitte nicht.«
»Nein, es ist uns durchaus nicht unangenehm, Madam. Das Unglück, das uns traf, war freilich groß, aber niemand trug die Schuld. Unsere Eltern waren wohlhabende Leute drüben in Italien und wir ihre einzigen Kinder. Wir gehörten zum alten florentinischen Adel --« Rowenas Herz hüpfte, ihre Augen leuchteten, sie sperrte Mund und Nase auf -- »und als der Krieg ausbrach, unterlag unseres Vaters Partei. Er konnte sich nur durch die Flucht retten, seine Güter wurden eingezogen, seine bewegliche Habe mit Beschlag belegt. So kamen wir denn nach Deutschland, fremd, ohne Freunde, an den Bettelstab gebracht. Wir zählten damals zehn Jahre, mein Bruder und ich, wir waren für unser Alter gut erzogen, auch sehr fleißig und lernbegierig. In der deutschen, französischen, spanischen und englischen Sprache besaßen wir ziemliche Kenntnisse, und was die Musik betrifft, so waren wir förmliche Wunderkinder -- ich kann es wohl sagen, weil es die reine Wahrheit ist.
»Unser Vater überlebte sein Mißgeschick nur einen Monat, die Mutter folgte ihm bald ins Grab, und wir standen allein in der Welt. Die Eltern würden sich ein reichliches Einkommen gesichert haben, wenn sie sich entschlossen hätten, uns zur Schau zu stellen, man bot ihnen große Summen dafür; bei dem bloßen Gedanken jedoch empörte sich ihr Stolz -- sie sagten, lieber wollten sie Hungers sterben. Sie hätten nie darein gewilligt, aber nach ihrem Tode mußten wir es doch thun, wir mochten wollen oder nicht. Um die Schulden abzutragen, welche durch ihre Krankheit und das Begräbnis entstanden waren, brachte man uns in ein sehr untergeordnetes Wandermuseum nach Berlin, wo wir das fehlende Geld verdienten. Es dauerte zwei Jahre, bis wir aus dieser Sklaverei befreit wurden; wir waren in ganz Deutschland umhergezogen, bekamen aber keinen Lohn, nicht einmal unseren Unterhalt. Von dem Geld für die Schaustellung erhielten wir nichts und mußten unser Brot erbetteln.
»Wie es uns weiter ging, Madam, ist bald erzählt. Als wir die Sklavenketten brachen, waren wir zwölf Jahre alt, doch in vieler Hinsicht schon selbstständig wie Männer. Aus unserer Erfahrung hatten wir manche wertvolle Belehrung geschöpft, hatten gelernt, für uns selbst zu sorgen, Schwindlern und Gaunern aus dem Wege zu gehen und unsere Angelegenheiten ohne fremde Hilfe so zu ordnen, daß wir Nutzen davon hatten. Jahrelang reisten wir hierhin und dorthin, übten uns in allerlei Sprachen, wurden mit ausländischen Sitten und Sehenswürdigkeiten vertraut und eigneten uns eine Bildung an, die ebenso umfassend wie vielseitig und ungewöhnlich war. Wir besuchten Venedig, London, Paris, Rußland, Indien, China, Japan -- --«
In diesem Augenblick steckte die schwarze Nancy ihren Kopf durch die Thür.
»Das Haus ist gestopft voll Leute, Missis,« rief sie, »es läßt ihnen keine Ruh, bis sie die Herren da zu sehen kriegen!« Nancy nickte mit dem Kopf nach den Zwillingen hin und zog sich dann wieder zurück.
Es war ein stolzer Moment in Tante Patsys Leben. Nichts hätte ihr größere Genugthuung gewähren können, als ihre schönen fremdländischen Vögel den Freunden und Nachbarn vorzustellen. Diese einfachen Leute hatten überhaupt kaum je einen Ausländer zu Gesicht bekommen und sicherlich keinen von so hohem Rang und vornehmer Abkunft. Doch waren die Gefühle der Witwe noch mäßig im Vergleich zu dem, was ihre Tochter empfand. Rowena glaubte Flügel zu haben, ihr Fuß berührte kaum noch den Boden. Mit diesem glorreichen Tage ging ja ein neues Leben an -- eine hochromantische Zeit in der sonst so ereignislosen Geschichte des unbedeutenden Landstädtchens. Sie aber konnte an der Quelle all der Herrlichkeit sitzen und sich nach Herzenslust von der Flut umrauschen lassen, während die andern Mädchen nur von ferne zusehen und sie beneiden durften, ohne Teil an ihrem Glück zu haben.
Die Witwe war bereit, ihre Gäste zu empfangen, Rowena nicht minder, und die Fremdlinge gleichfalls. So schritten sie denn allesamt durch die Hausflur und traten -- die Zwillinge voran -- in die offene Thür des Besuchszimmers, aus dem ein leises Stimmengewirr ertönte. Am Eingang stellten sich die Zwillinge auf, die Witwe nahm neben Luigi Platz, Rowena an Angelos Seite, und nun begann der Vorbeimarsch und die Vorstellungen. Tante Patsy lächelte über das ganze Gesicht vor innerer Befriedigung, sie begrüßte die Vorüberziehenden zuerst und dann kam Rowena an die Reihe.
»Guten Tag, Schwester Cooper --« man schüttelte sich die Hand.
»Guten Tag, Bruder Higgins -- Graf Luigi, erlauben Sie, daß ich Ihnen Herrn Higgins vorstelle --« abermaliges Händeschütteln -- Higgins reißt die Augen weit auf und sagt: »Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen,« worauf Graf Luigi mit höflichem Kopfneigen und verbindlichem Ton erwidert: »Sehr angenehm!«
»Guten Tag, Rowena --« man schüttelt sich die Hand.
»Guten Tag, Herr Higgins -- darf ich Sie dem Grafen Angelo Capello vorstellen?« -- nun folgt wieder das Händeschütteln und bewundernde Anstarren. »Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen;« Graf Angelo verneigt sich lächelnd, erwidert: »Sehr angenehm!« und Higgins geht weiter.
Die guten Leute waren sämtlich äußerst befangen und dabei ehrlich genug, es durchaus nicht verbergen zu wollen. Keiner von ihnen hatte je zuvor einen Herrn von Adel gesehen, auch jetzt erwarteten sie nichts dergleichen, der Titel war ihnen daher eine vollkommene Ueberraschung. Einige suchten sich in dieser schwierigen Lage damit zu helfen, daß sie ›Euer Gnaden‹ oder ›edler Lord‹ stammelten; die meisten aber wurden durch das fremdklingende Wort: ›Graf‹ völlig überwältigt. Sie verbanden damit eine unbestimmte Vorstellung von goldstrahlenden Hofgesellschaften, feierlichen Zeremonien und dem Königtum von Gottes Gnaden; so streckten sie denn nur verlegen die Hand hin und schritten stumm von dannen. Wie das aber bei einem derartigen Empfang regelmäßig vorkommt, so störte auch hier ab und zu einer der Anwesenden aus übermäßig freundlicher Gesinnung den Fortgang; er hielt den Zug auf, um sich zu erkundigen, wie die Stadt den Brüdern gefiele, wie lange sie zu bleiben gedächten, und ob die Ihrigen sich wohl befänden. Auch das Wetter mußte herhalten -- es würde hoffentlich bald kühler werden, und was dergleichen mehr ist. Das war doch ein längeres Gespräch mit den Herrschaften, von dem man zu Hause erzählen konnte. Keiner sagte oder that jedoch irgend etwas Ungehöriges, und so wurde die große Angelegenheit auf anständige und höchst befriedigende Art zu Ende geführt.
Auf die feierliche Begrüßung folgte eine allgemeine Unterhaltung. Die Zwillinge gingen von einer Gruppe zur andern, plauderten behaglich und ungezwungen und ernteten großen Beifall; jedermann betrachtete sie mit Wohlgefallen und zollte ihnen Bewunderung. Die Witwe folgte ihrem Triumphzug mit stolzen Blicken und Rowena sagte von Zeit zu Zeit in vollster Befriedigung zu sich selbst: »Und sie gehören wirklich uns -- uns ganz allein!«
Mutter und Tochter waren fortwährend in Anspruch genommen. Von allen Seiten bestürmte man sie mit eifrigen Erkundigungen über die Zwillinge und lauschte ihren Berichten in atemloser Spannung. Alle beide bekamen jetzt zum erstenmal einen Begriff davon, was das Wort _Ruhm_ eigentlich zu bedeuten habe. Sie erkannten dessen ungeheuren Wert und lernten einsehen, warum die Menschen zu allen Zeiten jedes andere Glück, Geld und Gut, ja das Leben selbst gering geachtet hatten, um diese höchste und erhabenste Wonne zu empfinden. Napoleon und alle Leute seines Schlages waren ihnen nunmehr verständlich und in ihren Augen gerechtfertigt.
Als Rowena endlich ihre Pflicht im Besuchszimmer erfüllt hatte, ging sie die Treppe hinauf, um die Sehnsucht der dort versammelten Scharen zu befriedigen, denn die unteren Räume waren nicht groß genug, um alle zu fassen, die herbeiströmten. Wieder sah sie sich von wißbegierigen Fragern umringt, sie empfand die eigene Wichtigkeit und durfte sich im Ruhmesglanz sonnen. So ging der Vormittag seinem Ende zu, und Rowena fühlte mit Bangen, daß dies herrlichste Ereignis in ihrem Leben bald vorüber sein werde; es ließ sich auf keine Weise verlängern, und nie wieder konnte etwas geschehen, was sie so hoch beglücken würde. Sie tröstete sich jedoch mit dem Gedanken, daß die Begebenheit in ihrer Art vollkommen gewesen war und nichts zu wünschen übrig ließ; die Erinnerung daran würde ihr ewig unvergeßlich bleiben. Wenn die Zwillinge nur jetzt noch irgend eine große That thun wollten, um das Werk zu krönen und sich die Bewunderung der Massen zu sichern -- etwas, das alle blitzartig durchzucken und überraschen würde, dann, ja dann -- --
In diesem Augenblick erschallte von unten ein gewaltiges, laut dröhnendes Bumbum -- und alle liefen hin, um zu sehen, was es zu bedeuten habe. O Wunder -- es waren die Zwillinge, die ein vierhändiges, klassisches Konzertstück in großem Stil auf dem Klavier zum Besten gaben. Rowenas Verlangen war gestillt, und sie freute sich von Herzensgrund.
Die fremden Jünglinge mußten lange an dem Instrument ausharren. Ihr prachtvolles Spiel erregte der Bürger Verwunderung und Entzücken in so hohem Maße, daß sie gar nicht genug davon bekommen konnten. Alle Musik, die sie je gehört hatten, war nichts als erbärmliche Stümperei ohne Geist und Anmut, im Vergleich zu diesen berauschenden Fluten melodischen Klanges. Es wurde ihnen klar, daß sie hier zum erstenmal im Leben echte Künstler vor sich hatten.
Achtes Kapitel.
Höchst ungern ging die Gesellschaft endlich auseinander, um sich wieder nach Hause zu begeben. Unterwegs waren alle Zungen geschäftig und man kam allgemein zu dem Schluß, daß so etwas in Dawson noch nicht dagewesen sei und sobald nicht wiederkehren werde. Im Laufe des Vormittags hatten die Zwillinge verschiedene Einladungen angenommen, auch bereitwillig zugesagt, daß sie bei einer geselligen Vereinigung zu wohlthätigen Zwecken einige Musikstücke vortragen wollten.
Von allen Seiten war man eifrig bemüht, sie mit offenen Armen zu empfangen, dem Richter Driscoll aber war das Glück am günstigsten, denn er durfte sie sogleich zu einer Spazierfahrt mitnehmen, um sie vor aller Welt sehen zu lassen. Sie stiegen zu ihm in seinen Einspänner, und während der Wagen die Hauptstraße hinunterrollte, liefen alle Schaulustigen an die Fenster und drängten sich auf dem Bürgersteig.
Driscoll zeigte den Fremden den neuen Friedhof und das Gefängnis, das Haus, wo der reichste Mann des Ortes wohnte, die Freimaurerloge, die Kapelle der Methodisten, die Kirche der Presbyterianer, und die Stelle, wo die Baptisten ihr Gotteshaus bauen wollten, sobald sie Geld genug beisammen hätten. Am Rathaus und am Schlachthaus fuhren sie vorbei, auch ließ der Richter ihnen zu Ehren die freiwillige Feuerwehr in Uniform aufziehen und ihre Spritzen probieren; die Gewehre der Bürgermiliz mußten die Zwillinge gleichfalls in Augenschein nehmen. Bei allen diesen Schaustellungen erging der Richter sich nach Herzenslust in begeisterten Reden, auch schien er ganz zufrieden mit dem Eindruck, den die Sehenswürdigkeiten auf die Fremdlinge machten, denn diese staunten über seine Bewunderung und stimmten ein, so gut sie konnten. Das wäre ihnen freilich leichter geworden, wenn sie nicht schon in verschiedenen andern Ländern fünfzehn- oder sechzehntausend Mal ganz ähnliche Dinge gesehen und erlebt hätten, so daß diese für sie nicht mehr den Reiz der Neuheit besaßen.
Jedenfalls that Driscoll sein Möglichstes zur Unterhaltung der Brüder, und wenn sie irgend einen Mangel empfanden, so lag die Schuld nicht an ihm. Er erzählte ihnen eine Menge lustiger Anekdoten und vergaß jedesmal den Hauptwitz dabei, doch den konnten sie ohne Mühe ergänzen, weil sie die meist sehr abgedroschenen Späße von Zeit zu Zeit immer wieder aufgetischt bekamen und zur Genüge kannten. Auch teilte er ihnen alle seine Titel und Würden mit und berichtete, was für ehrenvolle und einträgliche Stellen er früher bekleidet habe, als er noch Regierungsbeamter war; jetzt aber sei er Präsident des Klubs der Freidenker. Diese Gesellschaft habe man erst vor vier Jahren gegründet, doch zähle sie bereits zwei Mitglieder und ihr Bestand sei gesichert. Wenn die Zwillinge etwa Lust hätten, einer Versammlung beizuwohnen, würde er sie gegen Abend dazu abholen.
Das that er denn auch, und unterwegs erzählte er ihnen mancherlei über Querkopf Wilson, um sie zu seinen Gunsten zu stimmen, damit sie ihm freundlich entgegenkämen. Er erreichte diese Absicht vollkommen. Gleich der erste Eindruck, den Wilson auf die Brüder machte, war sehr vorteilhaft; noch höher stieg er aber in ihrer Achtung, als er vorschlug, man solle diesmal, aus Höflichkeit gegen die Fremden, die gewöhnlichen Beratungsgegenstände beiseite lassen und sich nur einer allgemeinen Unterhaltung widmen, die geeignet sei, freundschaftliche Beziehungen und ein gutes Einvernehmen unter ihnen zu fördern. Dieser Antrag wurde, nach erfolgter Abstimmung, zum Beschluß erhoben.
Die Stunde verging rasch unter lebhaftem Gespräch, und als die Zeit um war, hatte der bisher so vereinsamte und zurückgesetzte Wilson zwei gute Freunde gewonnen. Er bat die Zwillinge, ihn zu besuchen, sobald sie von der Gesellschaft loskommen könnten, zu der sie eingeladen waren, und sie versprachen es ihm mit Vergnügen.
Es war noch nicht spät am Abend, als sie sich nach seiner Wohnung auf den Weg machten. Wilson erwartete sie daheim und benützte die Zwischenzeit, um sich den Kopf über eine Angelegenheit zu zerbrechen, die an jenem Morgen seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Er war ungewöhnlich früh aufgestanden -- schon bei Tagesanbruch -- um etwas aus einer Stube jenseits des Ganges zu holen, der sein Haus in zwei Hälften teilte. Jene Stube war lange unbewohnt gewesen, sie hatte keine Vorhänge, und dort erblickte er durch das Fenster etwas, das ihm sehr auffällig war -- nämlich eine junge Dame, welche sich an einem Orte befand, wo sie gar nicht hingehörte. Sie war im Hause des Richters Driscoll in dem Raume, der über dessen Wohn- und Studierzimmer lag, und wo, soviel Wilson wußte, Tom Driscoll seine Schlafstube hatte. Tom, der Richter, die verwitwete Frau Pratt und drei Dienstleute bildeten allein die Bewohner des Hauses. Was hatte also das Fräulein dort zu suchen, und wer konnte es sein?
Die beiden Gebäude waren nur durch den Hof von einander getrennt, den ein niedriger Zaun seiner ganzen Länge nach, von der vorderen Straße bis zu dem Hintergäßchen durchschnitt. Die Entfernung war nicht groß, und Wilson konnte das Mädchen deutlich sehen, weil in Toms Zimmer sowohl der Laden als das Fenster offen standen. Die Unbekannte trug ein sauberes, rosa und weiß gestreiftes Sommerkleid und einen rosa Schleier auf dem Hut; sie war eifrig beschäftigt, sich vor dem Spiegel allerlei Tanzschritte, Gangarten und Stellungen einzuüben. Das that sie mit ziemlicher Anmut und widmete der Sache ihre ganze Aufmerksamkeit. Wer konnte sie nur sein, und wie kam sie dort drüben ins Schlafzimmer? -- Wilson hatte sich rasch so gestellt, daß er das Fräulein beobachten konnte, ohne Gefahr zu laufen, von ihr gesehen zu werden; er wartete lange in der Hoffnung, daß sie den Schleier lüften und ihm ihr Gesicht zeigen werde. Aber das war umsonst; nach etwa zwanzig Minuten verschwand sie plötzlich und kam nicht mehr zum Vorschein, obwohl er während einer halben Stunde seinen Platz behauptete.
Um die Mittagszeit sprach er im Hause des Richters vor und unterhielt sich mit Frau Pratt über das große Tagesereignis: die feierliche Vorstellung der beiden vornehmen Fremden bei Tante Patsy Cooper. Er erkundigte sich auch nach ihrem Neffen Tom, worauf sie sagte, er sei auf der Heimreise, sie erwarte ihn noch vor der Nacht zurück. Zugleich teilte sie ihm mit, wie sehr sie und der Richter sich gefreut hätten, aus Toms Briefen zu sehen, daß er sich eines höchst geordneten, anständigen Lebenswandels befleißige. Darüber hatte nun Wilson freilich im stillen seine eigenen Gedanken. Er mochte nicht geradezu fragen, ob bei ihnen Besuch im Hause wäre, aber er brauchte allerlei Wendungen, welche Frau Pratt Gelegenheit gegeben hätten, ihm ein Licht aufzustecken. Sie that das jedoch nicht, und so nahm er denn die Ueberzeugung mit fort, daß in ihrer Familie Dinge vor sich gingen, die er wisse, und von denen sie keine Ahnung habe.
Jetzt wartete er auf die Zwillinge und grübelte über das Rätsel nach, wer das Frauenzimmer sein könne und wie es am frühen Morgen in die Stube des jungen Driscoll geraten sei?
Neuntes Kapitel.
Es wird jetzt Zeit, daß wir uns danach umsehen, was inzwischen aus Roxy geworden ist.
Als sie freigelassen wurde und fortging, um sich eine Stelle zu suchen, war sie fünfunddreißig Jahre alt. Sie fand einen guten Platz als zweites Stubenmädchen auf dem ›Großmogul‹, einem Dampfboot, das zwischen Cincinnati und New Orleans Handel trieb. Nachdem sie die Fahrt ein paarmal gemacht hatte, war sie mit allen ihren Obliegenheiten genau vertraut und ganz entzückt von dem regen Leben und Treiben auf dem Dampfer und der Unabhängigkeit, die sie genoß. Bald darauf wurde sie zum ersten Stubenmädchen befördert, machte sich sehr beliebt bei den Offizieren und war stolz darauf, daß sie ihr so freundlich begegneten und Spaß mit ihr trieben.
Acht Jahre lang hatte sie während neun Monaten stets auf dem ›Großmogul‹ gedient, und den Winter über auf dem Vicksburger Postschiff. Jetzt litt sie aber schon seit vielen Wochen an Rheumatismus in den Armen und konnte die Wäsche nicht mehr besorgen. So mußte sie denn ihren Abschied nehmen, doch ihr bangte nicht vor der Zukunft, sie war nicht unbemittelt -- sogar reich nach ihrer Ansicht. Ganz regelmäßig hatte sie nämlich jeden Monat vier Dollars auf eine Bank in New Orleans getragen, um im Alter einen Sparpfennig zu haben. Das hatte sie sich von vornherein vorgenommen. »Einmal bin ich so dumm gewesen und hab’ ’nem barfüßigen Nigger Schuh angezogen, damit er auf mir herumtreten kann,« sagte sie sich, »aber, so was thu’ ich nicht wieder!« Fortan wollte sie von keinem Menschen mehr abhängig sein, wenn sich das durch harte Arbeit und Sparsamkeit erreichen ließe. Als das Boot am Kai von New Orleans anlegte, sagte sie den Gefährten auf dem ›Großmogul‹ Lebewohl und ging mit ihren Habseligkeiten ans Land.
Eine Stunde später war sie aber schon wieder da. Das Geschäftshaus hatte Bankerott gemacht, und ihre vierhundert Dollars mit verpufft. So war sie denn bettelarm, heimatlos und wenigstens fürs erste außer stande, zu arbeiten. Die Offiziere hatten Mitleid mit ihrer traurigen Lage, sie veranstalteten eine Sammlung und übergaben ihr eine kleine Summe; mit diesem Geld wollte sie nach ihrem Geburtsort gehen, wo sie Freunde unter den Negern hatte. Sie wußte recht gut, daß die Unglücklichen ihren Schicksalsgenossen am ehesten beistehen; die armen Gefährten ihrer Jugend würden sie sicher nicht Hungers sterben lassen.
In Cairo bestieg sie das kleine Paketboot, das den Ortsverkehr vermittelte und näherte sich nun immermehr der Heimat. Ihre Gefühle gegen ihren Sohn hatten in der langen Zeit alle Bitterkeit verloren und sie konnte mit Gemütsruhe an ihn denken. Alles, was er ihr Böses zugefügt, suchte sie zu vergessen und sich nur an die Freundlichkeiten zu erinnern, die er ihr ab und zu erwiesen. Sie schmückte seine Gutthaten so lange aus, bis sie ihr in goldenem Licht erschienen und sie ordentlich anfing, sich nach ihm zu sehnen. Vielleicht hatte die Zeit ihn etwas milder gestimmt; wenn sie ihm schmeichelnd und unterwürfig nahte, wie eine Sklavin, -- was sie natürlich thun mußte -- so würde er sich am Ende freuen, seine alte, längst vergessene Wärterin wiederzusehen und sie gütig behandeln. Das wäre wunderschön und sie könnte sich damit leicht über ihre Schmerzen und alle Verluste trösten.
Bei dem Gedanken an ihre Armut fing sie an, ein neues Luftschloß zu bauen: vielleicht würde er ihr dann und wann eine Kleinigkeit geben, etwa einen Dollar monatlich; das wäre doch schon eine große, große Hilfe für sie.
Als das Boot in Dawson landete, hatte sie ihr früheres Selbst glücklich wiedergefunden; mit ihrer Schwermut war es vorbei, sie fühlte sich heiter und frohgelaunt. Es konnte ihr ja nicht fehlen; in mancher Küche würden die Dienstleute gern die Mahlzeit mit ihr teilen, auch heimlich Zucker, Aepfel und allerlei Leckerbissen entwenden und ihr nach Hause mitgeben, oder -- was ihr ebenso lieb wäre -- ein Auge zudrücken, wenn sie selbst lange Finger machte. Und dann die Kirche! -- Sie war eine so eifrige, fromme Methodistin wie je und nicht etwa scheinheilig bei ihren Andachtsübungen, sondern wahr und aufrichtig. Wenn es ihr nicht an leiblichen Genüssen mangelte und sie wieder an ihrem alten Kirchenplatz in der Ecke sitzen und Amen sagen konnte -- ja, dann wollte sie vollkommen glücklich sein und in Frieden weiter leben, bis an ihr seliges Ende.
Zu allererst suchte sie die Driscollsche Küche auf, wo man sie höchst feierlich und mit großer Begeisterung empfing. Ihre wunderbaren Reisen, die fremden Länder, die sie gesehen und die Abenteuer, die sie erlebt hatte, machten sie zu einer wahren Romanheldin. Die Neger lauschten voll Entzücken auf ihre erstaunlichen Berichte, unterbrachen sie alle Augenblicke mit neugierigen Fragen, mit Gelächter, Beifallsklatschen oder Ausrufen der Verwunderung, bis sie selbst gestehen mußte, daß es auf dieser Welt doch noch etwas Schöneres gäbe, als das Leben auf dem Dampfschiff, nämlich den Ruhm, welchen man erwirbt, wenn man heimkehrt und davon zu erzählen weiß. Ihre Zuhörer tischten ihr vom Mittagsmahl auf, soviel sie nur essen konnte und plünderten dann die Speisekammer, um ihren Handkorb zu füllen.