Part 3
Daß Tom seinem armen Gefährten so übel mitspielte, entstand teils aus seiner natürlichen Bosheit, teils aus Haß und Mißgunst, weil Schamber ihm sowohl an Mut und Körperkraft als an mancherlei Geschicklichkeit weit überlegen war. Tom konnte nicht tauchen, ohne fürchterliches Kopfweh zu bekommen, für Schamber war es eine Leichtigkeit und das reine Vergnügen. Eines Tages sah ihm eine Schar weißer Knaben zu, wie er, vom Heck eines Boots aus, Purzelbäume ins Wasser schoß; ihr lautes Beifallsklatschen ärgerte Tom so sehr, daß er das Boot weiter vorschob, während Schamber gerade in der Luft schwebte, so daß dieser mit dem Kopf auf den Bretterboden schlug. Während er nun bewußtlos dalag, benützten mehrere von Toms früheren Gegnern die längst ersehnte Gelegenheit und prügelten den falschen Erben so unbarmherzig durch, daß er sich später nur von Schamber gestützt mühsam nach Hause schleppen konnte.
Als die beiden Knaben im sechzehnten Jahre standen, wollte Tom auch einmal seine Schwimmkunst zeigen, wurde aber von einem Krampf befallen und dem Ertrinken nahe, schrie er um Hilfe. Die Buben von Dawson pflegten sich häufig einen Spaß daraus zu machen -- besonders wenn ein Fremder in der Nähe war -- zu thun, als ob sie ertrinken müßten und nach Hilfe zu rufen; kam nun der Fremde in rasender Eile herbei, so fuhr der Spaßvogel fort zu zappeln und zu schreien, bis der Retter dicht bei ihm war, dann schlug er eine höhnische Lache auf und schwamm gleichmütig davon, während die andern Buben den Gefoppten nach Herzenslust verspotteten. Tom hatte den Streich noch nie versucht, und als nun sein Hilferuf ertönte, hielt es niemand für Ernst. Nur Schamber glaubte, daß sein Herr wirklich in Gefahr sei, deshalb schwamm er herbei und kam leider noch zu rechter Zeit, um ihm das Leben zu retten.
Das stieß dem Faß den Boden aus. Tom hatte schon viel ertragen, aber, daß er nun auf immer vor aller Welt einem Neger zu Dank verpflichtet sein sollte, überstieg seine Kräfte. Er erging sich in Schimpf- und Scheltworten, weil Schamber ihm nicht vom Leibe geblieben sei und ›vorgab‹ zu glauben, Tom habe im Ernst nach Hilfe gerufen, während man doch ganz vernagelt dumm sein müßte, um nicht zu sehen, daß er nur Spaß treiben wollte.
Toms Feinde aber, die diesmal in großer Schar versammelt waren, drehten jetzt den Spieß um. Sie lachten ihn aus, nannten ihn Hasenherz, Lügner, Duckmäuser und was dergleichen Liebesnamen mehr waren. Auch kündigten sie ihm an, daß Schamber von jetzt ab in der ganzen Stadt nicht anders als ›Tom Driscolls Negerpappy‹ heißen sollte, denn er habe ihn so gut wie neu geboren und ihm das Leben geschenkt.
Wütend über den Spott und Hohn schrie Tom:
»Schlag’ ihnen den Schädel ein, Schamber -- schlag’ ihnen den Schädel ein! -- Was stehst du da mit den Händen in den Hosentaschen?«
»Aber, Massa Tom, ’s sind ihrer so viele --« wagte Schamber einzuwenden.
»Thu’, was ich dir sage.«
»Bitte, Massa Tom, zwingt mich nicht! Es sind ihrer wirklich zu viele, da kann ich --«
Im nächsten Augenblick war Tom auf ihn zugestürzt und hatte ihm sein Taschenmesser zwei oder dreimal in die Brust gestoßen, bevor die andern ihn fortreißen und den Verwundeten in Sicherheit bringen konnten. Schamber war zwar schwer, aber nicht gefährlich verletzt; wäre die Klinge nur etwas länger gewesen, so würde seine Laufbahn damals ihr Ende erreicht haben.
Was Roxy betraf, so hatte ihr Tom schon längst gezeigt, ›wo sie hingehörte.‹ Seit Jahren wagte sie nicht mehr, ihm Schmeichelnamen zu geben oder ihn zu liebkosen. Das alles war ihm widerwärtig von einer ›Negerin‹, und er riet ihr, ihm nicht zu nahe zu kommen, sonst würde es ihr übel ergehen. Allmählich hörte ihr Herzblatt ganz auf, ihr Sohn zu sein; sie sah _dies_ Verhältnis spurlos verschwinden. Nur der Gebieter war noch übrig geblieben, und er herrschte durchaus nicht mit milder Hand. Von dem Ehrenplatz, welcher der Mutter gebührt, sah sie sich herabgestoßen und zur elenden Sklavin erniedrigt. Ein tiefer Abgrund hatte sich zwischen ihnen aufgethan. Tom benützte sie nur noch wie ein Hausgerät zu seiner Bequemlichkeit; sie war ein mißachtetes, willenloses Opfer, und jeder Laune seiner boshaften Natur hilflos preisgegeben.
Oft fand sie nachts keinen Schlaf, mochte sie auch noch so abgearbeitet und völlig erschöpft sein. Was sie den Tag über von ihrem Sohn erlitten, ließ ihr keine Ruhe; in ihr kochte es vor Wut und Ingrimm.
»Geschlagen hat er mich, und ich hatte doch keine Schuld,« grollte sie, -- »ins Gesicht geschlagen vor allen Leuten. Er nennt mich nur Negerdirne, Weibsbild, und was es sonst für Schimpfnamen giebt -- und ich thu’ doch, was ich kann. Herrgott, was hab’ ich alles für ihn gethan -- mir allein verdankt er sein Glück -- und das ist mein Lohn!«
Manchmal, wenn er ihr irgend eine Schmach zugefügt hatte, die sie mehr als gewöhnlich kränkte und empörte, faßte sie den Plan, sich zu rächen und schwelgte in dem Gedanken, ihn vor aller Welt als Betrüger und Sklaven bloßzustellen. Aber mitten in der Wonne dieses Schauspiels, das ihr die Einbildungskraft vormalte, ergriff sie eine entsetzliche Furcht. Er besaß zu große Gewalt und sie hatte keine Beweise -- gerechter Himmel, wenn es nun damit endete, daß man sie als Sklavin den Fluß hinunter schickte!
So kam denn von allen ihren Entwürfen keiner zur Ausführung und sie mußte die Absicht endlich aufgeben. Sie hätte rasend werden mögen vor ohnmächtiger Wut gegen das Schicksal und gegen sich selbst! Warum war sie auch an jenem verhängnisvollen Septembertage eine solche Närrin gewesen und hatte sich nicht einen Zeugen verschafft, der für sie auftreten konnte an dem Tage, da sie seiner bedurfte, um ihr nach Rache durstendes Herz zu befriedigen?
Und doch -- sobald Tom einmal gut und freundlich gegen sie war, wie das in seltenen Fällen geschah, so heilten alle ihre Wunden und sie fühlte sich stolz und glücklich. Das war ja ihr Sohn, ein armer Neger von Geburt, der als Herr unter den Weißen auftrat, um sie für alle Missethaten zu strafen, die sie an ihrer Rasse verübt hatten.
Im Herbst jenes Jahres -- man schrieb 1845 -- fanden in Dawson zwei große Leichenbegängnisse statt. Zuerst begrub man den Oberst Cecil Burleigh Essex und dann Herrn Percy Driscoll. Auf dem Totenbette hatte letzterer noch der Sklavin Roxana die Freiheit geschenkt und seinen vermeintlichen Sohn, den er abgöttisch liebte, feierlich seinem Bruder, dem Richter, und dessen Frau zur Obhut übergeben. Das kinderlose Ehepaar freute sich darüber. Leute, die keine Kinder haben, sind in diesem Punkt nicht sehr anspruchsvoll.
Einen Monat vorher hatte Richter Driscoll seinen Bruder eines Tages aufgesucht, weil er beabsichtigte, den Sklaven Schamber zu kaufen. Es war ihm zu Ohren gekommen, daß Tom seinen Vater bereden wollte, den Knaben flußabwärts zu schicken, und er wünschte dies Aergernis zu vermeiden, da er wußte, wie ungünstig es allgemein beurteilt wurde, wenn man mit Haussklaven auf solche Weise verfuhr, ohne daß ein zwingender Grund vorlag.
Percy Driscoll hatte alles an das Gelingen seiner großen Landspekulation gesetzt, allein, er starb, ohne seinen Zweck zu erreichen. Kaum war er ins Grab gestiegen, so brach die ganze Herrlichkeit zusammen, und der bisher so beneidete junge Erbe und Glückspilz ward zum Bettler. Aber es brachte ihm keinen Schaden; sein Onkel versprach ihm, er solle nach seinem Tode der Erbe seines gesamten Vermögens werden, und damit tröstete sich Tom.
Roxy hatte nun keine Heimat mehr; sie beschloß deshalb bei Freunden und Bekannten die Runde zu machen und ihnen Lebewohl zu sagen, denn sie wollte fortreisen, um die Welt zu sehen -- das heißt, eine Stelle als Stubenmädchen auf einem Dampfschiff annehmen. Eine höhere Befriedigung des Ehrgeizes gab es nicht für ihre Rasse und ihr Geschlecht.
Den letzten Besuch stattete sie dem schwarzen Riesen Jasper ab, der gerade Querkopf Wilsons Holzvorrat für den Winter spaltete. Wilson unterhielt sich eben mit ihm, als Roxy kam, und er fragte sie, ob es ihr nicht schwer würde, fortzugehen und die Knaben zu verlassen. Aus Spaß bot er ihr an, er wolle eine Reihe von Abdrücken ihrer Fingerspitzen bis zum zwölften Jahr für sie zum Andenken abzeichnen. Doch sie machte gleich ein ernsthaftes Gesicht, -- es ging ihr im Kopf herum, ob er wohl einen Argwohn hege -- und antwortete, sie möchte lieber keine Abdrücke haben.
»Oho,« dachte Wilson, »der Tropfen Negerblut, den sie in ihren Adern hat, macht sie abergläubisch; sie meint, ich treibe allerlei Teufelswerk und Hexenkünste mit meinen Glasplättchen. Wenn mir recht ist, kam sie einmal sogar mit einem alten Hufeisen in der Hand zu mir; möglich, daß es nur ein Zufall war, doch möchte ich es bezweifeln.«
Fünftes Kapitel.
Die Frau des Richters York Driscoll genoß die Freude, den unvergleichlichen Tom ihr eigen zu nennen, noch zwei Jahre lang -- zeitweise war das Glück wohl nicht ganz ungetrübt, aber es beseligte sie doch. Dann starb sie, aber ihr Gatte setzte mit Hilfe seiner kinderlosen Schwester, der verwitweten Frau Pratt, das Verhältnis zu Tom in alter Weise fort. Tom wurde zu seiner vollsten Zufriedenheit gehätschelt, verwöhnt und verzogen -- wenigstens in der Regel. Das ging so weiter, bis er neunzehn Jahre alt war, dann schickte man ihn nach Yale auf die Universität. Er hatte vorher alle mögliche Nachhilfe erhalten, doch zeichnete er sich dort in keiner Weise aus. Zwei Jahre blieb er in Yale, dann wurde ihm die Anstrengung zu viel und er kam nach Hause.
Aeußerlich hatte er sich entschieden zum Vorteil verändert; sein Wesen war nicht mehr schroff und mürrisch, sondern verbindlich, glatt und geschmeidig. Zwar liebte er es, insgeheim oder auch offen, spöttische Redensarten fallen zu lassen, welche die Leute an ihrer verwundbarsten Stelle trafen, doch that er es stets mit einer halb gutmütigen, halb unschuldigen Miene, so daß ihm niemand etwas vorwerfen konnte, und er sich keine Ungelegenheiten machte. Seine Trägheit war noch ebenso groß wie früher, und da er nicht den mindesten Wunsch zeigte, sich nach einem Beruf umzusehen, schloß man allgemein, daß er es für das beste halte, aus seines Onkels Tasche zu leben, bis dieser ihm einmal den Platz räumen würde. Ein paar neue Gewohnheiten hatte er auch mitgebracht -- das Trinken betrieb er ziemlich offenkundig, das Spielen aber nur heimlich. Daß er sich auf kein Glücksspiel einlassen durfte, wo es seinem Onkel zu Ohren kommen konnte, wußte er recht gut.
Die jungen Leute von Dawson, Toms Altersgenossen, denen sein neumodischer Schliff ein Aergernis war, mieden seinen Umgang. Vielleicht hätten sie ihn unbehelligt gelassen, wäre er in gewissen Grenzen geblieben; aber er zog Handschuhe an, und das konnten und wollten sie nicht dulden. Auch trug er einen so ausgesucht feinen, städtischen Anzug nach neuestem Stil und Schnitt, daß er seine Mitbürger dadurch aufs höchste reizte und sie es als absichtliche Kränkung ansahen. Ihm dagegen machte die Aufregung, in die er alle Welt versetzte, den größten Spaß, und er stolzierte von früh bis spät in heiterster Laune durch den ganzen Ort. Die jungen Leute wußten sich aber zu helfen, sie gingen zu einem Schneider, der sich gleich an die Arbeit machte, und als Tom am nächsten Morgen wieder in seinem Staat erschien, wackelte der alte, schwarze, verwachsene Glockenzieher von Dawson auf Schritt und Tritt hinter ihm her. Man hatte den Mann mit Kleidern aus brennend rotem Vorhangskattun nach dem Muster von Toms Anzug ausstaffiert, und er äffte dessen Ziererei in Gang und Manieren nach, so gut er konnte.
Da strich Tom die Segel und kleidete sich in Zukunft nach einheimischer Sitte. Das Leben in dem schläfrigen Landstädtchen sagte ihm jedoch gar nicht mehr zu, seit er ein lustigeres Treiben kennen gelernt hatte, und es wurde ihm täglich langweiliger. So unternahm er denn kleine Ausflüge nach St. Louis, um sich eine Abwechslung zu verschaffen. Dort fand er Gefährten, die zu ihm paßten, Vergnügungen nach seinem Geschmack, und in gewisser Beziehung eine größere Freiheit, als er zu Hause haben konnte. Diese Besuche in St. Louis wurden während der nächsten zwei Jahre immer häufiger, und sein Aufenthalt dort verlängerte sich mehr und mehr. Er verlor viel Geld im Spiel und machte Schulden, die ihn eines schönen Tages in große Verlegenheit bringen konnten -- was auch wirklich geschah.
York Driscoll hatte im Jahre 1850 sein Richteramt niedergelegt und sich von allen Berufsgeschäften zurückgezogen. Er lebte jetzt schon seit drei Jahren in behaglicher Muße als Präsident des Freidenker-Klubs, dessen einziges Mitglied Querkopf Wilson war. Die allwöchentlichen Beratungen dieser Gesellschaft bildeten nunmehr das Hauptlebensinteresse des alten Rechtsgelehrten. Wilson selber verharrte noch immer in seiner Dunkelheit und war seither auf der Leiter des Glücks keine Stufe höher gestiegen. Die verhängnisvolle Bemerkung über den Hund, die er vor dreiundzwanzig Jahren gemacht hatte, vernichtete alle seine Hoffnungen.
Driscoll war sein Freund und behauptete, er besäße hervorragende Geistesgaben. Das hielt man aber für eine Grille des alten Richters; die öffentliche Meinung ließ sich nicht dadurch beeinflussen und zwar aus gutem Grunde. Hätte Driscoll sich damit begnügt, einfach die Thatsache festzustellen, so würde das ohne Zweifel eine günstige Wirkung gehabt haben, er wollte jedoch Beweise beibringen, und das war ein Mißgriff.
Seit einigen Jahren hatte Wilson zu seiner Privatbelustigung ein wunderliches Tagebuch geführt, eine Art Kalender, in welchem zu jedem Datum ein kurzer Ausspruch angeblicher Weltweisheit, meist in humoristischer Form beigefügt war. Driscoll fand, daß diese komischen Einfälle und harmlosen Sticheleien sehr schlau und treffend ausgedrückt waren und als er eines Tages eine Handvoll solcher Zettel in der Tasche hatte, las er einigen angesehenen Bürgern Proben davon vor. Die guten Leute hatten aber keinen Sinn für Humor -- so etwas ging über ihren Verstand. Sie machten zu den scherzhaften Kleinigkeiten eine ernste Miene und erklärten mit großer Bestimmtheit, niemand habe daran gezweifelt, daß David Wilson ein Querkopf sei, wäre es aber je der Fall gewesen, so würde durch diese Kundgebung aller Ungewißheit ein für allemal ein Ende gemacht. So geht es immer in der Welt: Ein Feind kann dem Menschen zwar erheblichen Schaden zufügen, aber ihn völlig zu Grunde zu richten, das vermag nur ein gutmütiger, unkluger Freund. Von da ab war der alte Richter noch zärtlicher gegen Wilson gesinnt als früher und blieb unerschütterlich bei seiner Ueberzeugung, daß der Kalender sehr geistreich wäre.
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Driscoll durfte ein Freidenker sein, und doch seine gesellschaftliche Stellung behaupten. Weil er das höchste Ansehen in der Gemeinde genoß, ließ man ihn seine besonderen Wege gehen, und sich ausdenken, was und wie viel er wollte. Wilson, dem andern Mitglied des von ihm gestifteten Klubs, gewährte man das gleiche Vorrecht, aber nur, weil er nach allgemeiner Schätzung eine Null war, und niemand den geringsten Wert darauf legte, was er dachte und that. Man war ihm wohlgesinnt und hieß ihn überall willkommen, aber zu irgend welcher Bedeutung brachte er es nicht.
Proben aus Querkopf Wilsons Kalender:
Adam war bloß ein Mensch -- damit ist alles erklärt. Ihn gelüstete nicht nach dem Apfel um des Apfels willen, es reizte ihn nur, zu thun was verboten war. Die Schlange hätte man verbieten sollen, nicht den Apfel -- dann würde Adam die Schlange gegessen haben.
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Durch den armseligsten Witz, mit dem man jemand lächerlich macht, läßt sich auch der beste Leumund zerstören. Nehmt zum Beispiel den Esel -- sein Charakter ist beinahe makellos, er hat unter allen Tieren zweiter Klasse die herrlichste Gemütsart, aber, weil man ihn ins Lächerliche zu ziehen pflegt, ist er in Verruf gekommen. Statt daß ich mich geschmeichelt fühlen sollte, wenn man mich einen Esel nennt, weiß ich nicht recht, woran ich bin.
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Mit den ›besonderen Fügungen‹ ist es eine eigene Sache: man weiß nie recht, wem sie zu gute kommen sollen. Bei der Geschichte vom Propheten Elias, den Bären und den Kindern zum Beispiel, hatten es die Bären viel besser als der Prophet, denn sie durften die Kinder fressen.
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Wie heilig ist doch die Freundschaft! So süß, so beständig, so ausdauernd ist kein anderes Gefühl. Sie bleibt uns treu bis ans Lebensende -- wenn wir sie nicht bitten, uns Geld zu borgen.
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Mutig sein, heißt die Furcht überwinden und beherrschen, nicht von Natur furchtlos sein. Wer nicht ein gut Teil Feigheit in sich hat, den kann man füglich nicht tapfer nennen, es wäre eine ganz falsche Anwendung des Wortes. Den besten Beweis dafür liefert uns -- der Floh. Wäre völlige Furchtlosigkeit gleichbedeutend mit Mut, so müßte man ihn für das tapferste Geschöpf Gottes erklären. Er verfolgt dich mit seinen Angriffen, ob du wachst oder schläfst, trotzdem du ihm an Kraft und Größe so weit überlegen bist, wie die vereinigten Heere der Welt einem zarten Säugling. Tag und Nacht lebt der Floh in beständiger Gefahr angesichts des drohenden Todes, doch fürchtet er sich so wenig, wie jemand der in eine Stadt kommt, die vor tausend Jahren vom Erdbeben bedroht war. Wenn wir von Helden wie Clive, Nelson und Blücher sagen: »sie kannten keine Furcht«, so sollten wir immer auch den Floh mit erwähnen, und ihn an die Spitze stellen. --
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Wenn du zornig bist, zähle bis vier; bist du sehr zornig, so fluche.
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Alle sagen, wie traurig es ist, daß uns der Tod nicht erspart bleibt! -- Klingt das nicht seltsam im Munde von Leuten, denen das Leben nicht erspart geblieben ist?
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Nichts bedarf so sehr der Reform, als die Gewohnheiten anderer Leute.
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Der Narr spricht: »Lege deine Eier nicht alle in _einen_ Korb!« -- was nichts anderes heißen soll als: »Verteile dein Geld und deine Wachsamkeit.« -- Aber der Weise sagt: »Lege alle deine Eier in _einen_ Korb -- und dann gieb recht acht auf den Korb.«
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Was sollte wohl daraus werden, wenn alle Menschen gleicher Ansicht wären? Nur wo jeder eine andere Meinung hat, sind Pferderennen möglich.
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Es giebt wenige Dinge, die unleidlicher sind und mehr ärgern, als ein gutes Beispiel.
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Selbst der klarste und vollkommenste Indizienbeweis kann auf Täuschung beruhen und muß mit großer Vorsicht aufgenommen werden. Das läßt sich sehr deutlich an jedem Bleistift sehen, der von irgend einer Frau gespitzt worden ist. Hat man Zeugen, so werden diese aussagen, daß sie die Spitze mit einem Messer gemacht hat, urteilt man aber nur nach der Beschaffenheit des Bleistifts, so würde man meinen, sie hätte es mit den Zähnen gethan!
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Wenn du einen halbverhungerten Hund findest und ihm zu fressen giebst, so beißt er dich nicht. Dies ist der Hauptunterschied zwischen einem Hunde und einem Menschen.
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_1. April._ Dies ist der Tag, der uns daran erinnern soll, was wir an den übrigen dreihundertvierundsechzig Tagen sind.
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Versuchen wir, so zu leben, daß bei unserem Tode sogar der Leichenbestatter trauert.
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Die Entdeckung von Amerika war schon sehr wunderbar, aber noch viel wunderbarer wäre es gewesen, wenn man es nicht entdeckt hätte.
Sechstes Kapitel.
Die Witwe Cooper, welche von jedermann aufs liebevollste ›Tante Patsy‹ genannt wurde, wohnte in einem hübschen, sauber gehaltenen Häuschen, zusammen mit ihrer Tochter Rowena, die neunzehn Jahre alt, liebenswürdig, schwärmerisch und sehr hübsch war, doch im übrigen für uns nicht in Betracht kommt. Rowena besaß auch noch ein paar jüngere Brüder, mit denen wir uns aber auch nicht weiter zu beschäftigen brauchen.
Die Witwe hatte ein großes Gastzimmer, das sie an einen einzelnen Herrn zu vermieten pflegte, den sie womöglich auch beköstigte; aber jetzt stand das Zimmer zu ihrem Leidwesen schon über ein Jahr leer. Die Sache war nicht ohne Wichtigkeit, denn ihr Einkommen reichte gerade nur für den täglichen Bedarf der Familie aus; jeder kleine Aufwand mußte mit dem Mietsgeld bestritten werden. Doch jetzt endlich, an einem glühend heißen Junitage, kam das Glück, und die lange Wartezeit war zu Ende. Auf ihre ewige Zeitungsanzeige hin hatte sich ein Bewerber gefunden, und nicht einmal jemand hier am Orte -- o nein, der Brief kam von weither, aus der unbekannten großen Welt, die im Norden lag -- er war aus St. Louis datiert. Tante Patsy saß auf ihrer Veranda, schaute traumverloren den dahin rollenden Wellen des mächtigen Mississippi nach und freute sich ihres Lebens. Es war aber auch ein ganz besonderer Glücksfall, denn sie sollte statt eines Mieters deren zwei bekommen.
Nachdem sie ihren Kindern den Brief vorgelesen hatte, war Rowena fortgehüpft, um der Sklavin Nancy zu sagen, daß sie das Zimmer putzen und lüften sollte, und die Knaben liefen gleich in die Stadt, weil sie die große Neuigkeit überall verkünden mußten. Das öffentliche Interesse war bei der Sache mit im Spiel, und die Leute würden es sehr übel vermerkt haben, hätte man sie nicht davon benachrichtigt. Nicht lange, so kam Rowena wieder; sie glühte über und über vor freudiger Erregung und bat, den Brief noch einmal lesen zu dürfen. Sein Wortlaut war folgender:
»Sehr geehrte Frau!
Zufällig ist uns Ihre Anzeige zu Gesicht gekommen, und wir -- mein Bruder und ich -- möchten das Zimmer mieten, das Sie zu vergeben haben. Wir sind Zwillinge, vierundzwanzig Jahre alt und von Geburt Italiener. Doch haben wir lange in verschiedenen Ländern von Europa gelebt und sind jetzt schon seit mehreren Jahren in den Vereinigten Staaten. Wir heißen Luigi und Angelo Capello. -- Sie rechnen zwar nur auf einen Gast, geehrte Frau, wenn Sie uns aber gestatten wollen für zwei zu bezahlen, werden wir Ihnen gewiß nicht lästig fallen. Nächsten Donnerstag gedenken wir einzutreffen.«
»Italiener! Wie romantisch! Stelle dir’s nur ’mal vor, Mama -- noch nie ist ein Italiener hier in der Stadt gewesen und alle werden vor Neugierde brennen, sie zu sehen -- aber sie gehören uns -- uns ganz allein! Welche Ueberraschung, welches Glück!«
»Ja, sie werden viel Aufsehen machen.«
»Das will ich meinen! Die ganze Stadt wird auf dem Kopf stehen. Denke nur -- in Europa sind sie gewesen und überall. Solche große Reisende kennt man hier gar nicht. Meinst du wohl, daß sie auch Prinzen und Könige gesehen haben?«
»Wie soll ich das wissen -- aber sie werden so wie so alles in Aufregung bringen.«
»O, natürlich. Luigi -- Angelo! Was für schöne Namen, wie vornehm und ausländisch das klingt -- ganz anders als Jones und Robinson. Am Donnerstag kommen sie, und heute ist erst Dienstag, da müssen wir noch schrecklich lange warten. -- Ach, dort macht Herr Richter Driscoll eben das Thor auf. Er hat gewiß auch davon gehört; ich will ihm die Hausthür öffnen.«
Driscoll brachte die besten Glückwünsche und war voller Neugierde. Der Brief wurde vorgelesen und besprochen. Bald stellte sich auch der Amtsrichter Robinson ein und das Lesen und Besprechen begann von neuem. Dies war erst der Anfang. Nun folgten die Nachbarn und Nachbarinnen in langer Reihe; das Kommen und Gehen wollte kein Ende nehmen bis zum Abend und den ganzen Mittwoch und Donnerstag über. Immer wieder wurde der Brief vorgelesen, bis er ganz abgegriffen war. Jedermann bewunderte die höfliche und freundliche Ausdrucksweise, den gefälligen, gewandten Stil; alle waren voll Anteil und gespannter Erwartung, die Familie Cooper wußte sich kaum zu fassen vor Freude und Stolz.