Part 13
Obgleich sich Tom für vollkommen sicher hielt, hatte er sich bei der feierlichen Eröffnung der Gerichtssitzung eines gewissen unbehaglichen Gefühls doch nicht erwehren können, denn er war äußerst schreckhaft von Natur. Sobald es jedoch offenbar wurde, auf wie schwachen Füßen Wilsons Verteidigung stand, fühlte er sich wieder beruhigt, ja, er frohlockte innerlich. Mit einem Anflug spöttischen Bedauerns für den Verteidiger, verließ er den Gerichtssaal. »Die Clarksons sind in der Hintergasse einem unbekannten Frauenzimmer begegnet,« sagte er bei sich, »_mehr_ weiß er nicht vorzubringen. Ich will ihm meinetwegen ein paar Jahrhunderte Zeit lassen, um die Person zu entdecken. Sie selbst ist nicht mehr vorhanden, ihre Kleider sind verbrannt und die Asche in die Winde verstreut, -- wahrhaftig, er wird leichte Arbeit haben, sie aufzufinden!« Wieder und wieder pries er seine kluge Erfindungsgabe, durch die er sich gegen jede Entdeckung, ja sogar gegen den geringsten Verdacht vollständig gesichert hatte.
»In solchen Fällen übersieht man fast regelmäßig irgend eine Kleinigkeit -- eine geringfügige Spur bleibt zurück und ermöglicht die Entdeckung; aber hier ist auch nicht die leiseste Andeutung mehr vorhanden. Ebenso gut könnte man den Zug eines Vogels verfolgen wollen, der bei Nacht durch die Luft fliegt. Wer die Spur des Vogels in der Luft finden kann, wenn er davongeflogen ist, der und kein anderer wird auch meine Bahnen aufzuspüren wissen und den Mörder des Richters entdecken. Daß diese Arbeit gerade dem armen Querkopf Wilson aufgebürdet wird, ist wirklich ein tragikomisches Verhängnis. Wie muß er sich quälen und abhaspeln mit der Verfolgung der Unbekannten, die nirgendwo ist, während ihm der rechte Mann die ganze Zeit über am Ellbogen sitzt.« Je mehr er die Lage der Dinge überdachte, um so mehr fiel ihm ihre spaßhafte Seite auf. Endlich sagte er: »Mit dem Frauenzimmer will ich ihn hänseln, bis an sein Lebensende. So oft ich ihn in Gesellschaft treffe, frage ich ihn mit der unschuldigsten Miene von der Welt: ›Wie steht’s, Querkopf -- hast du ihre Fährte gefunden?‹ Das wird ihm so ärgerlich sein, wie früher meine Erkundigung nach seiner ungeborenen Anwaltspraxis.« Er hätte laut auflachen mögen, doch das ging nicht an, es waren Leute zugegen und er trauerte ja um seinen Onkel. Aber das Vergnügen wollte er sich doch machen, heute abend bei Wilson vorzusprechen, um zu sehen, welche Pein ihm seine aussichtslose Verteidigung bereitete. Vielleicht konnte er das eine oder andere Wort des Bedauerns und Mitleids einfließen lassen, so daß der Querkopf vollends außer sich geriete.
Wilson hatte sich kein Abendbrot bringen lassen, ihm war alle Eßlust vergangen. Er holte seine ›Protokolle‹ mit den Fingerabdrücken sämtlicher Mädchen und Frauen hervor und starrte sie wohl über eine Stunde in düsterm Schweigen an, um sich zu überzeugen, ob er nicht doch vielleicht die Spuren jenes verdächtigen Mädchens übersehen haben könne. Aber es war alles vergebens. Endlich lehnte er sich in den Stuhl zurück, verschränkte die Hände über dem Kopf und überließ sich finstern, unfruchtbaren Gedanken.
Noch spät am Abend trat Tom Driscoll bei ihm ein, setzte sich und sagte in munterem Ton:
»Was sehe ich! Du hast zum Trost dein altes Steckenpferd aus der Zeit deiner Verkennung und Zurücksetzung wieder aufgenommen!« Er griff nach einem der Gläser und hielt es ans Licht, um es genau zu betrachten. »Verliere nur den Mut nicht, altes Haus! Weil deine neue Sonnenscheibe Flecken hat, brauchst du doch nicht gleich alles aufzugeben und den unnützen Kinderkram vorzuholen. So etwas geht vorbei, und dann bist du wieder obenauf.« -- Er legte das Glasplättchen hin. »Hast du denn gedacht, du müßtest immer Erfolg haben?«
»O nein, durchaus nicht,« erwiderte Wilson mit einem Seufzer; »aber ich kann nicht glauben, daß Luigi deinen Onkel getötet hat, und er thut mir von Herzen leid. Es macht mich ganz schwermütig, und dir würde es ebenso gehen, wenn du kein Vorurteil gegen die jungen Leute hättest.«
»Das ist noch sehr die Frage,« sagte Tom mit finsterer Miene, denn ihm fiel der Fußtritt wieder ein, den er erhalten hatte. »Es ist wahr, ich bin ihnen wenig Dank schuldig, wenn ich daran denke, wie mich der Braune an jenem Abend behandelt hat. Aber Vorurteil hin -- Vorurteil her -- ich kann sie nun einmal nicht ausstehen, und wenn ihnen nach Verdienst geschieht, werde ich mir keine grauen Haare um sie wachsen lassen.«
Wieder nahm er ein Glasplättchen in die Hand und besichtigte es. »Wahrhaftig, da steht der Name der alten Roxy darunter! Willst du denn die Königspaläste auch mit den Abdrücken von Negerpfoten verzieren? Nach dem Datum zu urteilen, war ich sieben Monate alt, als das gemacht wurde; sie pflegte und wartete mich damals zusammen mit ihrem Negerjungen. Bei ihrem Daumen geht eine Linie quer über den Abdruck. Woher kommt das wohl?« Tom reichte Wilson das Plättchen hin.
»Von irgend einem alten vernarbten Riß oder Schnitt,« antwortete dieser seinem Quälgeist in abgespanntem Ton, »man findet das häufig.« Er nahm das Glas gleichgültig zur Hand und hielt es gegen die Lampe. Plötzlich wich alles Blut aus seinem Gesicht, seine Hand zitterte und er starrte mit förmlich verglastem Blick auf die glatte Fläche vor seinen Augen.
»Um alles in der Welt, was ist denn mit dir los, Wilson, willst du in Ohnmacht fallen?«
Tom holte ihm rasch ein Glas Wasser, aber Wilson fuhr schaudernd davor zurück.
»Nein, nein,« rief er, »fort damit!« Seine Brust hob und senkte sich, er bewegte den Kopf schwerfällig hin und her, wie jemand, der einen betäubenden Schlag erhalten hat. Endlich sagte er: »Ich glaube, mir wird wohler werden, wenn ich mich zu Bette lege; ich habe mich heute zu sehr angestrengt und mich vielleicht schon seit einigen Tagen überarbeitet.«
»Dann will ich gehen und dich in Ruhe lassen, Gute Nacht, altes Haus!« Beim Abschied konnte Tom jedoch eine letzte Stichelrede nicht unterdrücken: »Nimm dir’s nicht so zu Herzen; immer gewinnen thut keiner. Du wirst schon noch jemand an den Galgen bringen.«
»Jawohl, und ich lüge nicht,« murmelte Wilson vor sich hin, als er allein war, »wenn ich sage, es thut mir leid, daß ich mit dir den Anfang machen muß, trotzdem du ein so elender Hund bist!«
Er raffte sich zusammen, trank ein Glas kalten Whisky und ging wieder an die Arbeit. Die neuen Fingerabdrücke, die Tom unabsichtlich auf Roxys Glasplatte zurückgelassen hatte, brauchte er bei seinem geübten Auge nicht erst mit den Spuren auf dem Griff des Dolchmessers zu vergleichen. Er beschäftigte sich mit andern Dingen und brummte dabei von Zeit zu Zeit: »Narr, der ich war! -- Nur an ein Mädchen habe ich gedacht -- ein Mann in Frauenkleidern ist mir nicht eingefallen.« Zuerst suchte er die Platte heraus, die Toms Fingerabdrücke im Alter von zwölf Jahren trug, dann das ›Protokoll‹ des Säuglings von sieben Monaten; beide Gläser legte er neben einander und fügte das dritte mit dem Abdruck hinzu, den der junge Mensch soeben gemacht hatte, ohne es zu wissen.
»So, jetzt ist die Sammlung vollständig,« sagte er im Ton der Befriedigung und setzte sich hin, um alles mit Muße in Augenschein zu nehmen. Aber dies Vergnügen war nur von kurzer Dauer. Er schaute die drei Glasplatten mit unverwandtem Blick an und war ganz starr vor Erstaunen. Endlich legte er sie hin und rief ärgerlich: »Hol’s der Henker! Das geht über meine Begriffe. Die Kinderplatte stimmt nicht mit den beiden andern!«
Wohl eine halbe Stunde lang ging er im Zimmer auf und ab und zerbrach sich den Kopf über das Rätsel. Dann suchte er zwei andere Gläser hervor, setzte sich und dachte eine Weile hin und her. »Es nützt nichts,« murmelte er, »ich kann es nicht verstehen. Sie stimmen nicht überein, und doch will ich darauf schwören, daß Namen und Datum richtig sind, deshalb _müßten_ sie natürlich gleich sein. In meinem ganzen Leben habe ich mich nicht ein einziges Mal bei der Unterschrift geirrt. Es ist das wunderbarste Geheimnis, das mir je vorgekommen.«
Er war jetzt ganz erschöpft vor Müdigkeit und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Erst wollte er ausschlafen und dann noch einmal versuchen, das Geheimnis zu ergründen. Eine Stunde mochte er wohl in unruhigem Schlummer gelegen haben, dann erwachte er allmählich wieder zum Bewußtsein und richtete sich schläfrig im Bett in die Höhe. »Was träumte mir nur eben?« fragte er und suchte sich zu besinnen. »Es war mir doch, als hätte mein Traum die Lösung des Rät -- --«
Mit einem Sprung war er mitten im Zimmer. Ohne den Satz zu beenden, lief er zum Tisch, machte Licht an und holte seine Glasplatten. Ein einziger rascher Blick genügte ihm.
»Es ist so, wie ich dachte,« rief er. »Himmel, was für eine Enthüllung! Und dreiundzwanzig Jahre lang hat kein Mensch eine Ahnung davon gehabt!«
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Wilson fuhr in seine Kleider und machte sich gleich ans Werk. Er war jetzt völlig wach und arbeitete wie mit Dampfkraft. Seine große, hoffnungsreiche Entdeckung hatte ihn neu gestärkt und jedes Gefühl der Ermüdung mit einem Schlage vertrieben. Von einer Anzahl seiner ›Protokolle‹ fertigte er sorgfältig ausgeführte Zeichnungen an und vergrößerte sie aufs zehnfache mittels des Storchschnabels. Diese vergrößerten Aufnahmen zeichnete er auf weißen Pappendeckel und zog jede einzelne Linie in dem verworrenen Labyrinth von Schlingen, Strichen und Bogen mit Tinte nach, um das ›Muster‹ des ›Protokolls‹ mit voller Deutlichkeit zum Vorschein zu bringen.
Ein ungeübtes Auge konnte vielleicht an den Original-Abdrücken auf den Glasplatten nur geringe Unterschiede entdecken, aber bei zehnfacher Vergrößerung glichen sie der Faser eines quer durchgesägten Holzblocks, und wer nicht blind war, mußte selbst bei einer Entfernung von mehreren Fuß auf den ersten Blick erkennen, daß nicht eins der Muster mit dem andern übereinstimmte. Als Wilson endlich seine mühsame und schwierige Arbeit beendet hatte, ordnete er die einzelnen Blätter, so daß sie eine fortschreitende Reihenfolge bildeten und fügte noch ein Paket vergrößerte Aufnahmen hinzu, die er im Lauf der Jahre von Zeit zu Zeit gemacht hatte.
Die Nacht verging darüber und es war schon heller lichter Tag geworden. Er nahm sich kaum Zeit, einen Bissen zum Frühstück zu essen; es schlug neun Uhr, die Gerichtssitzung sollte beginnen. Zehn Minuten später saß er dort mit den ›Protokollen‹ auf seinem Platz.
Tom Driscoll stieß seinen Nachbar heimlich mit dem Ellbogen. »Seht nur,« sagte er, auf die Pappblätter weisend, »was der Querkopf für ein gewiegter Geschäftsmann ist -- er denkt, wenn er auch den Prozeß nicht gewinnt, kann er doch die gute Gelegenheit benutzen, seine Palastfenster-Verzierungen unentgeltlich bekannt zu machen.«
Die Ankunft der drei Zeuginnen hatte sich verzögert, und als man dies Wilson mitteilte, stand er auf und erklärte, er werde vermutlich überhaupt auf ihre Vernehmung verzichten. (»Er streicht die Segel,« murmelte die belustigte Menge, »er duckt sich, ohne auch nur einen Hieb zu wagen!«) »Ich habe andere Beweise,« fuhr Wilson fort, »die ich für besser halte.« (Das Interesse wuchs, ein Gemurmel der Verwunderung ließ sich hören, aus dem auch etwas wie Enttäuschung klang.) »Damit es nicht den Anschein hat, als wünsche ich den Gerichtshof mit dieser Nachricht zu überraschen, will ich zu meiner Rechtfertigung sagen, daß ich die Beweise selbst erst gestern noch am späten Abend entdeckt habe und seitdem bis vor einer halben Stunde mit der Untersuchung und Anordnung des Materials beschäftigt gewesen bin. Ich werde mir sogleich erlauben, es vorzulegen. Zuerst aber gestatten Sie mir wohl noch einige einleitende Worte:
»Der hohe Gerichtshof wird mir beipflichten, daß der Hauptpunkt, auf den sich die Anklage stützt, auf den sie den größten Nachdruck legt und den sie mit -- ich darf wohl sagen herausfordernder Feindseligkeit, in den Vordergrund stellt, in der Annahme zu finden ist, daß derjenige, dessen blutige Fingerspur wir auf dem Griff des indischen Dolchmessers sehen -- und kein anderer -- den Mord verübt hat.« Hier machte Wilson eine Pause, um mit dem, was er sagen wollte, einen größeren Eindruck zu erzielen und fügte dann gelassen hinzu: »_Mit dieser Behauptung sind wir einverstanden._«
Das kam völlig unerwartet; kein Mensch war auf dieses Zugeständnis vorbereitet. Von allen Seiten erhob sich ein Gewirr verwunderter Stimmen, und man hörte hie und da die Aeußerung fallen, der Rechtsanwalt müsse wohl vor Ueberanstrengung den Verstand verloren haben. Selbst der im Staatsdienst ergraute Richter, der beim Strafverfahren auf allerlei Rechtskniffe und verborgenes Geschütz aus dem Hinterhalt vorbereitet war, wußte nicht, ob er seinen Ohren trauen dürfe und erkundigte sich, was der Verteidiger gesagt habe. Howards Gesicht blieb zwar unbeweglich, aber seine ganze Haltung verriet, daß er einen Augenblick etwas von seiner sorglosen Zuversicht eingebüßt hatte.
»Wir sind nicht nur mit der Behauptung einverstanden,« fuhr Wilson fort, »sondern auch bereit, sie aufs angelegentlichste zu unterstützen. Ich werde seinerzeit auf diesen Punkt wieder zurückkommen und möchte jetzt Ihre Aufmerksamkeit noch auf mehrere andere Umstände lenken.«
Er hatte beschlossen, in betreff der Beweggründe des Mordes einige kühne Schlußfolgerungen zu wagen, um etwaige Lücken in der Beweisführung auszufüllen. Traf er das richtige, so würde es von Nutzen sein, und im entgegengesetzten Fall wenig schaden.
»Meiner Ansicht nach deuten verschiedene Einzelheiten darauf hin, daß der Mord aus ganz andern Gründen begangen wurde, als die Klage für gut findet anzunehmen. Ich bin überzeugt, daß es keine That der Rache war, sondern ein Raubmord. Den angeklagten Brüdern war mitgeteilt worden, daß einer von ihnen dem Richter Driscoll bei der nächsten Begegnung zu Leibe gehen müsse, wenn er nicht selbst Gefahr laufen wolle, von ihm getötet zu werden. Nun erklärt man die Anwesenheit meiner Klienten auf dem Schauplatz des Mordes damit, daß der Selbsterhaltungstrieb sie veranlaßt habe, heimlich dorthin zu gehen und den Gegner des Grafen Luigi niederzustoßen, um ihr eigenes Leben zu schützen.
»Warum sind sie dann aber nach vollbrachter That nicht entflohen? Frau Pratt hatte den Hilferuf nicht gehört, sie erwachte erst mehrere Minuten später, es verging also immerhin einige Zeit, bis sie in das Zimmer gestürzt kam. Dort standen die beiden Männer und machten keinen Versuch zu entfliehen. Waren sie schuldig, so hätten sie schon die Flucht ergriffen, ehe noch Frau Pratt die Treppe herunterkam. Was war aus ihrem Selbsterhaltungstrieb geworden, der stark genug sein sollte, um sie zu bewegen, den unbewaffneten alten Mann meuchlings zu töten? Ließ er sie jetzt im Stich, da sie ihn am nötigsten brauchten? Wäre irgend einer von uns etwa an Ort und Stelle geblieben? Wem könnte man wohl eine solche Thorheit zutrauen?
»Als eine sehr wichtige Thatsache gilt ferner, daß die Angeklagten eine hohe Belohnung für die Wiedererlangung des Dolchmessers ausgesetzt haben, mit dem der Mord verübt wurde. Es fand sich aber niemand, um die Belohnung zu fordern, und das sah man als einen Indizienbeweis an, daß der angebliche Diebstahl überhaupt nur Lug und Trug gewesen sei. Dazu kam noch der merkwürdige, prophetische Ausspruch des Verstorbenen in bezug auf das Messer, sowie dessen Wiederauftauchen in dem verhängnisvollen Zimmer, wo man außer dem Eigentümer des Messers und seinem Bruder niemand bei der Leiche des Ermordeten fand. Alle diese Umstände bilden eine in einander greifende Kette von Beweisen, durch welche das Verbrechen unwiderleglich den beiden unglücklichen Fremdlingen zur Last gelegt wird.
»Ich aber bin bereit, den Zeugeneid darauf zu leisten, daß auch für die Ergreifung des _Diebes_ eine hohe Belohnung zugesagt worden ist, aber nicht durch die Zeitung, sondern insgeheim. Diese Thatsache wurde unklugerweise erwähnt oder wenigstens stillschweigend zugegeben, wo Vorsicht unnötig schien und doch vielleicht geboten war. Der Dieb kann selber zugegen gewesen sein.« (Tom Driscoll hatte den Redner angesehen, jetzt senkte er aber den Blick.) »Natürlich mußte er in diesem Fall das Messer behalten, er konnte es weder zum Verkauf anbieten noch zum Pfandleiher tragen.« (Viele Anwesende nickten zustimmend, um zu verstehen zu geben, daß sie dies für einen guten Schachzug hielten.) »Ich werde ferner den Geschworenen zu beweisen suchen, daß wenige Minuten, ehe die Angeklagten Herrn Driscolls Zimmer betraten, schon jemand darin gewesen ist.« (Dies verursachte große Erregung, alle Köpfe im Gerichtssaal fuhren in die Höhe, die Aufmerksamkeit war ungeteilt.) »Im Notfall will ich durch das Zeugnis der drei Fräulein Clarkson erhärten, daß sie einer verschleierten Person begegnet sind -- anscheinend einer Frau -- die wenige Minuten, nachdem der Hilfeschrei gehört wurde, zum hintern Hofthor hinausging. Es war aber keine Frau, sondern ein Mann in Weiberkleidern.« (Abermaliges Aufsehen. Wilson schaute nach Tom hin, als er diesen Schuß ins Blaue wagte, um sich von der Wirkung zu überzeugen. Er war zufrieden mit dem Erfolg; »es ist richtig,« dachte er, »er fühlt sich getroffen!«)
»Der Mann hatte in dem Hause stehlen wollen -- nicht einen Mord begehen. Zwar war der eiserne Schrank nicht aufgebrochen, aber der Geldkasten mit dreitausend Dollars stand auf dem Tisch. Möglich, daß der Dieb sich im Hause verborgen hatte, daß er die Gewohnheit des Richters kannte, am Abend den Inhalt des Kastens zu zählen und seine Rechnungen zu ordnen -- falls Herr Driscoll das zu thun pflegte, worüber ich keine Gewißheit habe. -- Vielleicht versuchte er sich des Kastens zu bemächtigen, während der Eigentümer schlief, machte aber Lärm, wurde ergriffen und konnte sich nur mit Hilfe des Dolches befreien; die Beute mußte er aber im Stiche lassen und fliehen, weil er Leute kommen hörte.
»Dies ist meine Auffassung der Sache und ich wende mich nun zu den Beweismitteln, durch die ich versuchen werde, Sie von der Richtigkeit meiner Behauptung zu überzeugen.« Wilson nahm einige von den Glasplättchen zur Hand. Als die Zuhörer diese allbekannten Wahrzeichen der früheren kindischen Spielerei und Thorheit des Querkopfs erblickten, wich das gespannte, feierliche Interesse aus ihren Zügen, und ein lautes, herzerfrischendes Gelächter schallte durch den Saal; auch Tom raffte sich auf und nahm teil an dem Spaß, aber Wilson ließ sich anscheinend nicht beirren. Er ordnete seine ›Protokolle‹ vor sich auf dem Tisch und sagte:
»Ich bitte den Gerichtshof, mir noch einige vorläufige Bemerkungen über das Beweismaterial zu erlauben, das ich vorzulegen beabsichtige, und dessen Echtheit ich beschwören will:
»Ein jeder Mensch besitzt von der Wiege bis zum Grabe gewisse körperliche Merkmale, die sich niemals verändern, an denen man ihn jederzeit zu erkennen vermag -- und zwar mit untrüglicher Sicherheit, ohne den geringsten Zweifel. Diese Kennzeichen sind ihm als Stempel aufgedrückt, sie bilden sozusagen seine physiologische Marke und eigenhändige Unterschrift, die weder gefälscht noch verstellt werden kann und sich nicht verbergen läßt. Auch der Zahn der Zeit zerstört sie nicht und sie sind keiner Wandlung unterworfen. Ich rede hier nicht etwa von den Zügen des Gesichts, die sich oft im Alter bis zur Unkenntlichkeit verändern, auch nicht vom Haar, das ausfallen kann, nicht von der Gestalt und Größe, denn darin giebt es Doppelgänger, während jene Kennzeichen jedem Menschen eigentümlich sind und sich bei keinem der Millionen, die den Erdball bevölkern, zum zweitenmal vorfinden.« (Jetzt horchten die Anwesenden wieder hoch auf.)
»Die Merkmale, welche ich meine, bestehen in den feinen Linien oder Furchen, welche die Natur auf der inneren Hand des Menschen und den Sohlen seiner Füße zeichnet. Wenn Sie Ihre Fingerspitzen betrachten wollen, so werden Sie, falls Sie scharfe Augen haben, erkennen, daß diese zarten Wellenlinien dicht beisammen liegen und verschiedene, deutlich wahrnehmbare Muster bilden, Bogen, Kreise, Winkel, Krümmungen u. dergl. und daß kein Finger darin dem andern gleicht.« (Jedermann im Saal hielt jetzt die Hand in die Höhe, bog den Kopf zur Seite und betrachtete aufmerksam seine Fingerspitzen; hier und dort hörte man jemand verwundert flüstern: ›Wirklich, er hat recht -- das ist mir noch nie aufgefallen.‹) »Die Muster der rechten Hand sind verschieden von denen der linken.« (Es fallen Ausrufe wie: ›Jawohl, das trifft auch zu!‹) »Prüfen Sie jeden Finger einzeln -- Ihre Muster unterscheiden sich von denen Ihres Nachbars.« (Im ganzen Saal wurden Vergleiche angestellt, selbst der Richter und die Geschworenen vertieften sich in diese seltsame Beschäftigung.) »Auch bei einem Zwilling unterscheidet sich die Rechte von der Linken. Die Muster sind bei dem einen Zwilling anders als bei seinem Bruder -- die Geschworenen werden sich überzeugen, daß diese Regel auch bei den Angeklagten ihre Bestätigung findet.« (Sogleich nahm man die Untersuchung mit den Händen der Zwillinge vor.) »Man sagt oft, es giebt Zwillinge, die sich so aufs Haar gleichen, daß ihre eigenen Eltern sie nicht unterscheiden können, wenn sie überein gekleidet gehen. Aber noch nie ist ein Zwilling auf Erden geboren worden, der nicht von der Geburt bis zum Grabe das sicherste Zeichen seiner Eigenart in dieser wunderbaren und geheimnisvollen Urschrift besessen hätte. Wer das einmal weiß, den kann der andere Zwilling nicht betrügen, wenn er sich für seinen Bruder ausgeben will.«
Wilson hielt jetzt inne und stand schweigend da. Wenn das ein Redner thut, so fesselt er die Aufmerksamkeit unwiderstehlich. Die Stille verkündet, daß etwas Wichtiges bevorsteht. Alle Hände und Fingerspitzen senkten sich, gebückte Gestalten richteten sich in die Höhe, die Köpfe reckten sich, jedes Auge war auf Wilsons Gesicht geheftet. Er wartete noch ein paar Sekunden, um der Wirkung des Zauberbanns sicher zu sein; dann, als er in dem lautlosen Schweigen das Ticken der Uhr an der Wand vernahm, faßte er den indischen Dolch bei der Klinge, hielt ihn empor, daß alle Anwesenden die dunklen Flecken auf dem Elfenbeingriff sehen konnten, und sagte mit ruhiger, leidenschaftsloser Stimme:
»Auf diesem Schaft steht die Urschrift des Mörders mit dem Blut des harmlosen und hilflosen alten Mannes geschrieben, der euch wohlwollte und für den eure Herzen schlugen. Es giebt nur _einen_ Menschen auf Erden, dessen Hand das Ebenbild dieses blutigen Zeichens trägt --« er schwieg und sah nach dem Pendel der Uhr, der sich hin und her bewegte -- »und so Gott will, wird er hier im Saal vor Ihnen erscheinen, ehe noch die Mittagsstunde schlägt.«
Betäubt, verwirrt und halb unbewußt erhob sich ein Teil der Menge, als erwarteten sie, den Mörder zur Thür hereintreten zu sehen. Allerlei Ausrufe schwirrten durch die Luft. -- ›Ruhe im Gerichtssaal -- hinsetzen!‹ ermahnte der Sheriff. Man gehorchte, und die Ordnung ward wieder hergestellt. Wilson blickte verstohlen zu Tom hinüber. »Alle Welt hat Mitleid mit ihm,« dachte er, »man sieht ihm jetzt das Elend und die Drangsal an; die Leute sagen sich, daß es eine schwere Prüfung für einen jungen Menschen ist, seinen Wohlthäter auf so grausame Weise verloren zu haben -- darin gebe ich ihnen ganz recht.«
Er fuhr jetzt in seiner Rede fort.