Querkopf Wilson

Part 10

Chapter 103,745 wordsPublic domain

»Nun,« sagte Tom, »du selbst würdest vielleicht keinen Wert auf solche Dinge legen, aber sie sind fremd in der Stadt und müssen sich erst die Gunst der Leute erwerben. Muß es ihnen nicht schmeicheln, wenn sie sich als Lieblinge eines orientalischen Fürsten aufspielen können -- ohne daß es sie was kostet? Verleiht es ihnen keine Wichtigkeit, wenn sie hier in unserem armen Städtchen glänzende Belohnungen von tausend Dollars ausschreiben, -- die sie nie zu bezahlen brauchen? -- Verlaß dich darauf, Wilson, wäre das Messer überhaupt vorhanden, so hättest du es zum Vorschein gebracht. Entweder giebt es also gar kein solches Messer, oder es ist noch in ihrem Besitz. Ich meinesteils glaube, daß sie das Dolchmesser einmal irgendwo gesehen haben. So schnell und geschickt hätte Angelo es nicht aufs Papier zeichnen können, wenn die ganze Sache nur auf Erfindung beruhte. Natürlich kann ich nicht schwören, sie hätten es nie gehabt, aber, daß es noch in ihrem Besitz ist, wenn sie es überhaupt mit hierher gebracht haben -- dafür will ich mich verbürgen.«

»Was Tom sagt, klingt sehr einleuchtend,« meinte Blake, »das läßt sich nicht bestreiten.«

»Schaffen Sie nur die alte Frau zur Stelle, Blake, und wenn sie Ihnen das Messer nicht abliefern kann, so halten Sie Haussuchung bei den Zwillingen.«

Nach diesen Worten schlenderte Tom fort und Wilson blieb in sehr gedrückter Stimmung zurück. Er wußte nicht recht, was er denken sollte. Den Zwillingen sein Vertrauen zu entziehen, fiel ihm schwer, und er beschloß, es nicht auf einen so unbestimmten Verdacht hin zu thun; jedenfalls wollte er sich die Sache erst reiflich überlegen.

»Was halten _Sie_ denn davon, Blake?« fragte er.

»Ich muß gestehen, ich teile Toms Ansicht: sie haben das Messer überhaupt nicht gehabt, oder, wenn sie es hatten, so haben sie es noch.«

Die beiden Männer trennten sich.

»Ich glaube, daß sie es gehabt haben,« dachte Wilson im Weitergehen. »Wäre es ihnen gestohlen, so hätte mein Plan es wieder ans Licht gebracht, das steht fest. Demnach müssen sie es noch in Händen haben.«

* * * * *

Tom hatte dieses wichtige Gespräch begonnen, ohne einen bestimmten Zweck zu verfolgen. Er hoffte nur Blake und Wilson etwas zu ärgern und sich auf ihre Kosten lustig zu machen. Beim Abschied aber triumphierte er innerlich. Durch den reinsten Glücksfall und ohne jegliche Anstrengung seinerseits waren ihm ein paar köstliche Dinge gelungen: er hatte die beiden Männer an ihrem wundesten Fleck getroffen und gesehen, wie sie sich krümmten; er hatte in Wilsons zuckersüße Gefühle für die Zwillinge einen Tropfen Wermut gegossen -- den bittern Geschmack sollte er nicht so bald los werden -- und, was ihn am meisten freute: es war ihm geglückt, die verhaßten Fremden von ihrer Höhe zu stürzen. Blake würde ohne Zweifel die Neuigkeit weiter herumtragen, nach Art des Detektivs, und bevor noch acht Tage um waren, würde sich jedermann den Zwillingen gegenüber ins Fäustchen lachen, weil sie für eine Kostbarkeit, die sie entweder niemals besessen oder niemals verloren hatten, großartige Belohnungen aussetzten. Tom war wirklich ausnehmend mit sich zufrieden.

Die ganze Woche über hatte er sich zu Hause musterhaft aufgeführt. Dem Onkel und der Tante war so etwas noch gar nicht vorgekommen; sie fanden nicht das geringste an ihm zu tadeln.

Am Samstag abend sagte er zu dem Richter: »Mir liegt etwas schwer auf dem Herzen, Onkel, und da ich bald fortreise, und man nie weiß, ob man sich wiedersieht, ertrage ich es nicht länger. Du hast glauben müssen, daß ich mich aus Furcht nicht mit dem italienischen Abenteurer schlagen wollte. Es kam mir so überraschend, und ich habe vielleicht einen falschen Vorwand gewählt, um davon los zu kommen, aber kein Ehrenmann, der von ihm wüßte, was ich weiß, würde sich auf einen Zweikampf mit ihm einlassen.«

»So? -- Und was wäre denn das?«

»Graf Luigi bekennt selbst, daß er einen Mord begangen hat.«

»Unglaublich!«

»Es ist die reine Wahrheit. Wilson entdeckte es in den Linien seiner Hand. Er sagte es ihm auf den Kopf zu und trieb ihn so in die Enge, daß der Graf es eingestehen mußte. Beide Zwillinge baten uns jedoch auf den Knieen, das Geheimnis nicht zu verraten und gelobten, sich hier am Ort nichts zu Schulden kommen zu lassen. Es war ein so peinlicher Auftritt, daß wir unser Ehrenwort gaben, die Sache geheim zu halten, solange sie ihr Versprechen nicht brächen. Du hättest es auch gethan, Onkel.«

»Da hast du ganz recht, mein Junge. Ein Geheimnis, das einem Menschen auf solche Weise entrissen worden ist, sollte als sein Eigentum betrachtet und heilig gehalten werden. Ich kann dich nur loben, und bin stolz auf dich. Doch ich wollte,« fügte er traurig hinzu, »mir hätte die Schande erspart bleiben können, einem Mörder auf dem Feld der Ehre zu begegnen.«

»Es ließ sich nicht ändern, Onkel. Hätte ich gewußt, daß du ihn fordern wolltest, so würde ich es für meine Pflicht gehalten haben, mein gegebenes Wort zu brechen, um das Duell zu verhindern. Aber Wilson konnte man es füglich nicht zumuten, daß er reden sollte.«

»Nein; Wilson hat ganz recht gethan, ich mache ihm durchaus keinen Vorwurf. Tom, Tom, du nimmst mir eine Last von der Seele; es hat mich im tiefsten Innern geschmerzt, als ich entdeckt zu haben meinte, daß ein Glied meiner Familie sich als Feigling erwies.«

»Du kannst dir denken, wie viel es mich gekostet hat, diese Rolle zu spielen.«

»Jawohl, mein armer Junge. Und wie schwer muß es dir geworden sein, die ganze Zeit lang unter einem so ungerechten Verdacht zu stehen. Aber jetzt ist alles wieder gut und der Schaden geheilt. Du hast mir meine Gemütsruhe zurückgegeben und die deinige wiedergewonnen, wir hatten beide genug gelitten.«

Der alte Mann versank eine Weile in tiefe Gedanken; als er aufblickte, lag ein Ausdruck der Befriedigung in seinen Zügen. »Daß der Mörder mir den Schimpf angethan hat, sich mir auf dem Felde der Ehre gegenüberzustellen, als sei er meinesgleichen, ist eine Sache, die noch ins Reine gebracht werden muß, aber nicht jetzt. Erst nach dem Wahltag will ich Abrechnung mit ihm halten. Ich weiß ein Mittel, wie ich die Brüder schon vorher zu Grunde richten kann, und das will ich zuerst anwenden. Keiner von beiden soll gewählt werden, dafür bürge ich. Ist auch sicher noch nichts davon an die Oeffentlichkeit gedrungen, daß er ein Mörder ist?«

»Nein -- ich weiß es ganz gewiß.«

»Diese Karte behalte ich also einstweilen in der Hand. Am Wahltag werde ich eine Andeutung von der Rednerbühne fallen lassen, daß ihnen der Boden unter den Füßen brennen soll.«

»Das wird ihnen den Garaus machen.«

»Ja, aber daneben müssen auch die Wähler gehörig bearbeitet werden. Sobald die Zeit kommt, solltest du das bei dem Volk unter der Hand besorgen. Du kannst dabei etwas draufgehen lassen, ich werde dich mit Geld versehen.«

Eine neue Aussicht über die verhaßten Zwillinge zu siegen! Wahrlich, es war ein Glückstag für Tom. Er bekam Lust, noch einen letzten Pfeil nach demselben Ziel abzuschießen.

»Du hast doch von dem wunderbaren indischen Messer gehört, Onkel, über das die Zwillinge solchen Lärm gemacht haben? Weißt du -- bis jetzt hat sich auch nicht die geringste Spur davon entdeckt. Man munkelt bereits allerlei in der Stadt, und die Leute schwatzen und lachen darüber ohne Ende. Einige glauben, daß es überhaupt nie ein solches Messer gegeben hat, und andere meinen, die Zwillinge hätten das Dolchmesser besessen und besäßen es noch. Ich habe das heute wenigstens von zwanzig verschiedenen Seiten gehört.«

Also, wie gesagt, die Thatsache läßt sich nicht leugnen: Tom stand am Schluß der Woche, nach seiner tadellosen Aufführung wieder in hoher Gunst bei dem Onkel und der Tante.

Auch seine Mutter war mit ihm zufrieden. Im stillen dachte sie sogar, daß sie anfinge, ihn lieb zu haben, aber das sagte sie nicht laut. Sie befahl ihm jetzt nach St. Louis zu gehen, wohin sie ihm auf dem Fuße folgen werde. Zuletzt zerschlug sie ihre Branntweinflasche und sagte:

»Da siehst du’s selbst! Deine Mammy will dir kein böses Beispiel geben, sie wird schon sorgen, daß du nicht vom geraden Weg abkommst. Du darfst nicht wieder in schlechte Gesellschaft geraten, hab’ ich gesagt; deshalb bleibst du in _meiner_ Gesellschaft, da bist du am besten aufgehoben. Nun mach’, daß du zum Thor hinauskommst!«

Noch am selben Abend begab sich Tom an Bord eines vorüberfahrenden Dampfboots und nahm seinen schweren Reisesack voll gestohlener Sachen mit. Er schlief den Schlaf der Ungerechten, der oft ruhiger und fester ist als die andere Sorte; das wissen wir aus der Geschichte der Henkersnacht von Millionen Spitzbuben. Aber, als er am Morgen aufwachte, war ihm das Glück untreu geworden. Ein zweiter Dieb hatte ihm, während er schlief, seinen Raub wieder abgenommen und war damit auf einer Zwischenstation ans Land gegangen.

Siebenzehntes Kapitel.

Als Roxana in St. Louis ankam, fand sie ihren Sohn so voller Jammer und Verzweiflung, daß es ihr zu Herzen ging und alle mütterlichen Gefühle sich mächtig in ihr regten. Er war jetzt gänzlich zu Grunde gerichtet, nichts konnte ihn vom drohenden Untergang retten. Mehr braucht eine Mutter nicht, um ihr Kind zu lieben. Doch Tom schrak zurück vor den Beweisen ihrer Zärtlichkeit. Sie war eine Negerin, und es erhöhte nur noch seine Abneigung gegen die verachtete Rasse, daß er ihr selber angehörte.

Roxana überhäufte ihn nach Herzenslust mit Liebkosungen, wobei er sich sehr unbehaglich fühlte. Ihre Versuche, ihn zu trösten, waren alle vergebens. Bald wurden ihm ihre Vertraulichkeiten so unerträglich, daß er sich schon aufraffen wollte, um zu verlangen, sie solle sich in ihren Gefühlsäußerungen beschränken oder sie ganz unterdrücken. Aber er hatte Angst vor ihr und war froh, als sie jetzt von selbst mit den Liebesbezeugungen aufhörte und nachzudenken begann, um einen Rettungsplan zu finden. Nach einer Weile stand sie plötzlich auf und sagte zu Toms unaussprechlicher Freude, sie wisse jetzt einen Ausweg.

»Hör’ meinen Plan -- der gelingt, du sollst’s sehen. Daß ich ’ne Negerin bin, merkt jeder, wenn ich spreche. Ich bin sechshundert Dollars wert. Nimm mich, verkauf’ mich und zahl’ deine Spielschulden.«

Tom riß die Augen weit auf, er glaubte nicht recht gehört zu haben. Eine Weile war er wie betäubt, dann sagte er:

»Willst du dich als Sklavin verkaufen lassen, um mich zu retten?«

»Bist du nicht mein Sohn? Alles thut ’ne Mutter für ihr Kind. Es giebt nichts, was ’ne weiße Mutter nicht für ihr Kind thäte. Wie kommt das? Uns’ Herrgott hat sie so geschaffen. Und wie steht’s mit ’ner Negermutter? Die hat der liebe Gott auch gemacht. Inwendig sind alle Mütter gleich. -- Ich laß mich als Sklavin verkaufen, und nach’m Jahr zahlst du’s Lösegeld für deine alte Mammy. Wie du’s machen sollst, sag’ ich dir noch. -- Das ist mein Plan.«

Tom schöpfte neue Hoffnung, sein Kleinmut war gewichen.

»Mammy,« sagte er, »das ist wirklich zu lieb von dir -- offengestanden --«

»Sag’s noch ’mal, sag’s immer zu! Kann’s einen größeren Lohn auf Erden geben -- nein, ’s ist übergenug. Ach Gottchen, wenn ich fort bin von hier, und ich mich abrackere, und sie mich schimpfen und schlagen, dann denk’ ich, daß du das irgendwo sagst, und dann halt’ ich’s schon aus.«

»Schon recht. Ich will’s noch einmal sagen und nicht aufhören, es zu wiederholen, Mammy. Aber, wie kann ich dich verkaufen? Du bist ja freigelassen.«

»Ach, das schadet nichts. Die Weißen nehmen’s nicht so genau. Setz’ nur einen Zettel auf, weißt du, so ’ne Verkaufsanzeige -- und schick’ ihn weit ins Innere, irgendwo nach Kentucky, unterzeichne ein paar Namen, und schreib’, du hättest Geld nötig und wolltest mich billig hergeben. Du sollst sehen, ’s geht ganz von selbst. Fahr’ mit mir ein Stück ins Land hinein und bring’ mich auf’n Pachtgut. Dort fragen die Leute nicht erst viel hin und her, wenn sie ’nen guten Handel machen können.«

Tom fälschte einen Kaufbrief und kam mit einem Baumwollpflanzer aus Arkansas überein, daß er ihm etwas mehr als sechshundert Dollars zahlen sollte. Für den Preis verkaufte er seine Mutter. Hätte diese gewußt, daß sie flußabwärts, in einen der gefürchteten Sklavenstaaten verkauft werden sollte, dann würde sie gewiß nicht eingewilligt haben. Es war nicht Toms Absicht gewesen, solchen Verrat zu begehen; aber der Zufall hatte ihm den Mann in den Weg geführt, und so brauchte er nicht erst lange im Lande herumzufahren, um einen Käufer zu suchen, der vielleicht erst allerlei Erkundigungen eingezogen hätte. Der Pflanzer vom Süden dagegen sparte sich alle Fragen, denn Roxy gefiel ihm ausnehmend; auch versicherte er Tom, sie solle zuerst gar nichts davon merken, wohin sie geraten sei. Entdeckte sie es dann auch später, so hätte sie sich schon eingelebt und würde sich zufrieden geben. Tom beschwichtigte seine etwaigen Bedenken mit dem Vorwande, daß es doch für Roxy von ungeheuerm Vorteil sei, einen Herrn zu bekommen, der so großes Gefallen an ihr fände, wie der Pflanzer, und es dauerte nicht lange, so hatte er sich halb und halb eingeredet, er thäte Roxy einen heimlichen Dienst damit, daß er sie ›flußabwärts‹ verkaufte. »Es ist ja nur auf ein Jahr,« sagte er sich immer wieder. »In einem Jahr schicke ich ihr das Lösegeld, bei diesem Gedanken wird sie sich beruhigen.« Was konnte der kleine Betrug denn eigentlich schaden? Schließlich würde die Sache doch ein für alle Teile befriedigendes Ende nehmen.

Auf beiderseitiges Uebereinkommen war in Roxys Gegenwart nur immer von des Käufers Pachtgut im _Norden_ die Rede, das so freundlich gelegen sei, und wo sich die Sklaven so wohl befänden. Die arme Roxy wurde auf diese Weise gänzlich getäuscht; es fiel ihr auch nicht im Traum ein, daß ihr Sohn solche Tücke gegen eine Mutter üben könnte, die sich freiwillig ihm zuliebe in die Sklaverei begab. Welcher Art diese Sklaverei auch sein mochte, ob leicht oder schwer, ob von kurzer oder langer Dauer -- jedenfalls brachte sie ein ungeheures Opfer. Mit tausend Thränen und Liebkosungen nahm sie unter vier Augen Abschied von Tom und folgte dann ihrem künftigen Gebieter, zwar schweren Herzens, aber doch stolz auf das, was sie that, und froh, daß sie im stande war, es zu vollbringen.

Tom befriedigte seine Gläubiger und beschloß, sich streng an die Vorschriften zu halten, die ihm zur Richtschnur für seine Besserung dienten, damit er sich nie wieder der Gefahr aussetzte, enterbt zu werden. Dreihundert Dollars behielt er noch übrig; der Plan seiner Mutter ging dahin, daß er diese Summe sicher verwahren und regelmäßig die Hälfte seines Monatsgeldes dazu thun sollte. Mit dem so gewonnenen Kapital konnte er ihr nach einem Jahr die Freiheit zurückkaufen.

Eine ganze Woche lang fand er keinen ruhigen Schlaf, weil die Niederträchtigkeit, die er gegen seine ahnungslose Mutter begangen hatte, auf dem erbärmlichen Rest seines Gewissens lastete; dann aber begann er sich wieder behaglich zu fühlen und konnte bald so gut schlafen, wie andere Uebelthäter auch.

Als das Boot eines Abends mit Roxy von St. Louis abfuhr, stand sie an dem untern Geländer hinter dem Radkasten. Die Thränen trübten ihren Blick, doch sie schaute nach Tom aus, bis er unter der Menge am Ufer verschwand; dann sah sie nicht mehr ins Weite, sondern setzte sich auf eine Rolle Tauwerk und schluchzte bis tief in die Nacht hinein. Ohne Zweifel würde sie sonst gemerkt haben, daß sie nicht den Strom aufwärts fuhr. Hatte sie doch jahrelang auf einem Dampfboot in Dienst gestanden -- wie wäre ihr das entgangen? Als sie endlich nach der schmutzigen Koje im Zwischendeck hinunterging, die neben der klappernden Maschine lag, konnte sie nicht schlafen, sondern wartete nur bekümmerten Herzens auf den dämmernden Morgen.

Sobald es hell wurde, stand sie auf und nahm teilnahmlos oben wieder auf dem Tauwerk Platz. Die Wellen brachen sich an manchem Baumstamm im Fluß und die Strömung, die in derselben Richtung ging wie das Boot, hätte ihr leicht eine Thatsache verraten können, die sie mit Schauder erfüllen mußte, doch sie gab nicht acht darauf, weil ihr zu viel andere Dinge im Sinn lagen. Endlich aber weckte eine stärkere Brandung in nächster Nähe sie aus ihrer Versunkenheit; sie sah empor, und ihr geübtes Auge erkannte sogleich, nach welcher Seite die Flut trieb. Einen Moment starrte sie wie versteinert in den Strom hinaus, dann ließ sie den Kopf auf die Brust sinken und stöhnte laut:

»O, du grundgütiger Gott im Himmel, erbarm’ dich meiner armen Seele -- _ich bin flußabwärts verkauft_!«

Achtzehntes Kapitel.

Die langen Sommerwochen schlichen träge dahin, dann aber begann eine politische Wahlschlacht, die mit großem Eifer eröffnet wurde, und bei der die Gemüter sich mehr und mehr erhitzten. Die Zwillinge stürzten sich über Hals und Kopf hinein, denn ihre Eigenliebe kam mit ins Spiel. Auf die maßlose Gunst, die man ihnen zu Anfang von allen Seiten entgegengebracht hatte, war ein sehr natürlicher Rückschlag erfolgt. Außerdem aber fing man an sich hier und da zuzuflüstern, es sei doch höchst seltsam, daß ihr wunderbares Dolchmesser nicht wieder zum Vorschein komme. -- Ob es wirklich so wertvoll sei? -- Ob es denn überhaupt je vorhanden gewesen? -- Dabei blinzelten die Leute einander verständnisvoll zu, kicherten und stießen sich mit den Ellbogen -- lauter Dinge, die ihren Einfluß auf das große Publikum nicht verfehlten. Die Zwillinge waren der Ansicht, daß ein günstiges Wahlergebnis sie wieder zu Ehren bringen, eine Niederlage ihnen dagegen einen Schaden zufügen werde, der nicht wieder gut zu machen sei. Deshalb strengten sie alle ihre Kräfte an, aber der Richter Driscoll und Tom arbeiteten ihnen mit ebenso großem Eifer entgegen, besonders während der letzten Tage vor der Abstimmung. Tom hatte sich zwei Monate lang so musterhaft betragen, daß sein Onkel ihm jetzt nicht nur Geld anvertraute, um den Wählern die richtige Ueberzeugung beizubringen, sondern er gestattete ihm jetzt sogar, sich die Summen selbst aus dem eisernen Schrank im Studierzimmer herauszunehmen.

Richter Driscoll hielt die Schlußrede in dem ganzen Wahlfeldzug und trat dabei als Widersacher der beiden Fremden auf. Die Wirkung, die er erzielte, war geradezu vernichtend. Er strömte ganze Fluten von Hohn und Spott über sie aus und zwang die große Massenversammlung zu lautem Gelächter und Beifallsklatschen. Nachdem er ihre glänzenden Titel erbarmungslos der Lächerlichkeit preisgegeben hatte, nannte er sie Abenteurer, Marktschreier, Helden der Schaubude, verkleidete Barbiergesellen, herumziehende Leierkastenmänner, denen ihr Affe abhanden gekommen sei, und Hausierer, die sich als vornehme Herren aufspielten. Zuletzt machte er eine Pause; er schwieg ganz still, bis die Zuhörer vor Erwartung den Atem anhielten, und schoß dann seinen tödlichsten Pfeil ab. Er that es mit eisiger Ruhe und legte auf die letzten Worte noch einen ganz besonderen Nachdruck. Die ausgeschriebene Belohnung für das verlorene Dolchmesser, sagte er, sei nichts als Schwindel und leeres Gewäsch, der Eigentümer würde schon wissen, wo es zu finden wäre, sobald er nur einmal Veranlassung hätte, _einen Menschen umzubringen_.

Damit stieg Driscoll von der Rednerbühne herab, aber nicht unter dem gewöhnlichen Zuruf und Beifallklatschen seiner Partei. Eine dumpfe, lautlose Stille herrschte in der erstaunten Versammlung.

Die seltsame Schlußbemerkung des Richters verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt und erregte das ungeheuerste Aufsehen. Jeder fragte, was sie wohl zu bedeuten habe, aber man fragte und verwunderte sich vergeblich. Driscoll äußerte zwar, er wisse, wovon er rede, erklärte sich aber nicht deutlicher. Tom versicherte, er habe keine Ahnung, was seines Onkels Worte heißen sollten, und so oft man Wilson um seine Ansicht fragte, half er sich damit, daß er den Spieß umkehrte und den Frager bat, ihm doch _seine_ Meinung darüber zu sagen.

Wilsons Wahl ging durch, aber die Zwillinge erlitten eine gänzliche Niederlage; sie sahen sich von aller Welt verlassen, und kein Mensch nahm sich mehr ihrer an. Tom konnte nun hochbeglückt nach St. Louis zurückkehren.

In Dawson war man infolge dieser Ereignisse sehr der Ruhe bedürftig und eine Woche lang blieb auch alles still. Doch herrschte immerhin eine gewisse Aufregung in den Gemütern, denn Gerüchte von einem neuen Duell schwirrten durch die Luft. Der alte Driscoll hatte sich während der Wahlbewegung überanstrengt, aber man versicherte, sobald er wieder wohl genug sei, werde ihm Graf Luigi eine Herausforderung schicken.

Die Brüder zogen sich ganz von allem Verkehr zurück und grämten sich in der Stille über ihre Demütigung. Sie vermieden es sorgfältig, den Leuten zu begegnen und gingen nur spät abends aus, um frische Luft zu schöpfen, wenn es leer und einsam auf den Straßen war.

Neunzehntes Kapitel.

Am Freitag nach der Wahl war Regenwetter in St. Louis. Es strömte vom Morgen bis zum Abend, was nur vom Himmel herunter wollte, gerade als hätte der Regen sich vorgenommen, die rußgeschwärzte Stadt weiß zu waschen, was ihm freilich nicht gelang. Gegen Mitternacht kam Tom Driscoll bei dem stärksten Guß aus dem Theater nach seiner Wohnung zurück; er machte seinen Schirm zu, um die Hausthür zu öffnen, als er sie aber hinter sich schließen wollte, merkte er, daß noch jemand eintrat, vermutlich ein anderer Mieter. Der Unbekannte machte die Thür zu und stieg nach ihm die Treppe hinauf. Als Tom seine Stubenthür im Dunkeln gefunden hatte, zündete er drinnen das Gas an, pfiff leise eine Melodie vor sich hin und drehte sich gemächlich um. Da sah er einen Mann, der ihm den Rücken zukehrte und eben die Thür hinter ihm abschloß; Tom hörte auf zu pfeifen, ihm ward unbehaglich zu Mute. Jetzt wandte sich der Mann zu ihm hin, seine alten schäbigen Kleider waren ganz durchweicht und trieften vom Regen, unter seinem abgetragenen Schlapphut starrte ein schwarzes Gesicht hervor. Tom geriet in entsetzliche Angst, er wollte den Eindringling hinausjagen, aber er konnte kein Glied rühren, die Worte blieben ihm in der Kehle stecken und der andere kam ihm zuvor.

»Mach’ keinen Lärm,« sagte er mit unterdrückter Stimme, »ich bin deine Mutter.«

Wie vom Blitz getroffen sank Tom auf einen Stuhl.

»Es war schändlich von mir und niederträchtig,« stieß er keuchend hervor, »aber ich glaubte, daß es so am besten wäre -- gewiß und wahrhaftig.«

Roxana stand eine Weile regungslos da und sah stumm auf ihn herab, während er, sich vor Scham windend, bald unzusammenhängende Selbstanklagen murmelte, bald jammervolle Versuche anstellte, sein Verbrechen zu erklären und zu beschönigen. Dann setzte sie sich und nahm den Hut ab, so daß ihr langes braunes Haar ihr in dichten, wirren Strähnen über die Schultern fiel.

»Dein Verdienst ist’s nicht, wenn mein Haar nicht grau geworden ist,« sagte sie klagend.

»Ich weiß es, o, ich weiß es -- ich bin ein Schurke. Aber ich hielt es für das beste, das schwöre ich. Es war ein Irrtum, aber wirklich, ich dachte, ich könnte nichts besseres thun.«

Roxy begann leise vor sich hin zu weinen und zu schluchzen, dazwischen stieß sie auch Worte aus, aber sie klangen wie Jammerlaute, nicht wie ein zorniger Vorwurf.

»’Nen Menschen nach’m Süden verkaufen -- _flußabwärts_ -- das beste! -- Keinem Hund thät’ ich’s an. Ganz gebrochen und abgemergelt bin ich -- ich kann nicht mal mehr wütend werden, wie früher, wenn man mich geschimpft hat und mit Füßen getreten. Wie’s kommt, weiß ich nicht -- mir fehlt scheint’s die Kraft. Kummer liegt mir jetzt näher als Zorn, ich hab’ zu viel auszustehen gehabt das wird’s wohl sein.«