Quer Durch Borneo; Zweiter Teil

Chapter 9

Chapter 93,482 wordsPublic domain

Die Kajan, die zurückbleiben sollten, fürchteten sich hauptsächlich vor dem Hunger und meinten daher, es sei unmöglich, jetzt noch den Kaso hinaufzufahren. _Bier_ und ich hatten unter den obwaltenden Umständen an die Ausführung dieses unseres anfänglichen Planes überhaupt nicht mehr gedacht, da wir nun aber sahen, dass die Kajan ihn doch nicht für gänzlich unausführbar hielten, versuchten wir, ihn doch durchzusetzen. Abgesehen davon, dass der Kaso sorgfältig gemessen werden konnte, bot dieser Extrazug den Vorteil, dass _Bier_ seine Aufnahme da anschliessen konnte, wo _Werbata_ sie im Gebiet des Penaneh geendet hatte. So wurde denn vereinbart, dass _Bier_ zuerst den Kaso aufnehmen und dann den Penaneh bis zur früheren Niederlassung der Pnihing, wo _Werbatas_ Beobachtungsposten lag, hinauffahren und von dort aus den Mahakam messen sollte. Wenn möglich, sollte er auch ein hochgelegenes Reisfeld besteigen, um eine Übersicht über das Land zu gewinnen.

Infolge ihres starken Gefälles hält ein hoher Wasserstand in Gebirgsflüssen nie lange an, so konnten wir bereits am folgenden Morgen, als alles noch von schwerem Nebel bedeckt lag, in unser leeres Boot steigen. Die schwächsten und unbrauchbarsten unserer Männer hatte ich zu meinen Begleitern gewählt, doch leisteten sie ihr Bestes und fuhren über keine gefährliche Stelle, ohne sie zuvor von einem hohen Punkte des Ufers aus gut untersucht zu haben. Wir passierten denn auch ohne Unfall mehrere grosse Stromschnellen und legten bei der ersten Pnihing-Gesellschaft an, um zu hören, ob sie etwas von unserem Hab und Gut aufgefischt hätte und etwas Näheres über unsere Unglücksstätte wüsste. Einige hatten allerdings etwas Holz, wahrscheinlich meinen Klappstuhl, schwimmen sehen und einen Unfall vermutet, aber nichts aufgefischt; auch erzählten sie, dass der Wasserfall, in dem wir umgeschlagen waren, _Anak Aran_ hiess und nur bei Hochwasser heftige Stromschnellen bildete und dass man am linken Ufer ohne Schwierigkeiten fahren konnte, in der Flussmitte dagegen unfehlbar umschlug. Bereichert mit dieser Weisheit fuhren wir weiter, fanden aber nichts von unseren Sachen wieder.

An der Mündung des Pè berichteten uns andere Pnihing, dass die Bukat sich jetzt am Oberlaufe dieses Flusses aufhielten, weil sich seit langer Zeit keine Batang-Lupar mehr gezeigt hätten.

An der Mündung des Pari, beim Häuptling _Tingang_ aus Long 'Küb, machten wir Kalt. Der alte Mann, der in seiner Hütte mitten unter grossen Mengen geräucherten Schweinefleisches und Bambusgefässen mit Fett dasass, machte mir Vorwürfe, weil ich die Fahrt ohne Pnihing gewagt hatte und bot zum Beweis seines Wohlwollens meinen Leuten Sago und mir einige Stücke Wildschweinfleisch zum Geschenk an. Der Alte reihte je 5-6 solcher Fleischstücke von ungefähr 1 dm Dicke zum Räuchern auf ein Holzästchen. Er musste das ganze Schwein in so kleine Stücke zerlegen, weil grössere über dem Feuer nicht gar genug wurden, um längere Zeit aufbewahrt werden zu können.

Nach der sehr dürftigen Kost, die ich während eines Monats genossen hatte, erschien mir dieses halb geröstete, halb geräucherte Schweinefleisch ein wunderbarer Leckerbissen, den ich später im Boote mit Behagen verzehrte. Den Rest liessen wir uns nachher auch noch am Blu-u schmecken, wo Fische und Hühner nur selten zu haben waren und die Kajan zum Jagen keine Zeit hatten.

Als ich nach unserer Ankunft in Long Blu-u _Kwing Irang_ aufsuchte, fand ich ihn sehr erregt neben _Anjang Njahu_ sitzen, der ihm unseren Reiseunfall berichtete, doch merkte ich nicht, dass er diesem ernsthafte Vorwürfe machte oder heftig wurde. Nur der Eifer, mit dem Leute gesucht wurden, um _Bier_ Hilfe zu leisten, bewies mir, dass unser Missgeschick doch tiefen Eindruck gemacht hatte. Zum Glück waren die Männer sehr darauf aus, "_ringgit_" (Reichstaler) zu verdienen; einige wollten _Bier_ sogar nur unter der Bedingung, dass sie ganz bei ihm bleiben durften, entgegen fahren. Dieser Eifer kam _Biers_ Begleitern, die stark an Heimweh litten, gut zu statten. Die Gesellschaft, die bereits am 28. Oktober mit 4 Packen Reis und anderen notwendigen Dingen aufbrach, traf _Bier_ auf dem Heimweg, unterhalb der Kasomündung, da sein Reis erschöpft war. Doch kehrte er jetzt wieder um, nachdem er die meisten Leute überredet hatte, bei ihm zu bleiben. Nur 4 Männer kamen nach Long Blu-u zurück. Als ich ihre bleichen Gesichter und hohlen Wangen mit denen ihrer Stammesgenossen verglich, konnte ich es ihnen nicht verargen, dass sie sich nach Ruhe sehnten. Krank wurde jedoch keiner von ihnen, und auch _Bier_ traf am 7. Nov. zwar sehr ermüdet, aber vollkommen gesund mit seinem Geleite bei uns ein.

Abgesehen von unserem Unfall, hatten wir alle Ursache, mit dem Ergebnis unserer einmonatlichen Expedition zufrieden zu sein. Der ganze Weg vom Lasan Tujang, an der Grenze gegen Serawak, bis zum Blu-u war sorgfältig gemessen worden, von dem Grenzgebirge hatten wir eine deutliche Vorstellung erhalten und weiter unten eine Übersicht über das Land gewonnen. Durch die Peilungen vom Batu Balo Baung aus und die Aufnahme des Howong und Kaso hatten wir die Messung des Mahakamgebietes mit derjenigen des Kapuasgebietes verbunden, so dass wir von unserem Zuge kaum mehr hatten erwarten können.

KAPITEL IV.

Aussichten für die Reise nach Apu Kajan--Beziehungen der Bahau zu ihrem Stammland Die Kenja als Kopfjäger--Alte Fehden zwischen den Kenjastämmen--Bedrohungen seitens des Sultans von Kutei--Vergebliches warten auf die Einsetzung eines Kontrolleurs--Beratung in Long Tepai--Reisehindernisse seitens der Bahau--Beunruhigende Gerüchte von der Küste und Apu Kajan--Abschied von Long Blu-u--Über Long Tepai nach Long Deho.

Gleich nach meiner Rückkehr aus dem Quellgebiet des Mahakam begann ich Erkundigungen über die Aussichten für unsere Reise zu den Kenja nach Apu Kajan einzuziehen. Wenn ich damals gewusst hätte, dass es noch fast ein ganzes Jahr dauern würde, bevor ich die Bevölkerung am Mahakam zur Verwirklichung meines Planes brachte, so hätte meine Geduld vielleicht nicht stand gehalten und ich wäre unverrichteter Sache zur Küste zurückgekehrt. So aber hielt mich die Hoffnung, die stets neu auftauchenden Schwierigkeiten doch noch überwinden zu können, vom September 1899 bis zum August 1900 am Mahakam fest, eine Wartezeit, die mit Verhandlungen und Beratungen, Vorbereitungen, Hoffnungen und Enttäuschungen ausgefüllt wurde. Da die Schwierigkeiten, mit denen ich zu kämpfen hatte, nicht nur durch die Unentschlossenheit und Energielosigkeit der Dajak bedingt wurden, sondern vor allem auch durch die Verhältnisse zwischen den Bahau- und Kenjastämmen vor und während meiner Anwesenheit am Mahakam und durch die Drohungen des malaiischen Fürsten in Kutei, der die Ausbreitung der niederländischen Macht im Herzen Borneos mit allen redlichen und unredlichen Mitteln zu bekämpfen suchte, mögen diese Hindernisse dem Leser zur Orientierung in diesem Kapitel genauer ausgeführt werden, als es im vorhergehenden geschehen konnte. Die Überzeugung, dass die Zustände im Innern Borneos einer Regelung durch eine europäische Autorität dringend bedurften und dass diese nur stattfinden konnte, nachdem auch das für Borneo berüchtigte und gefürchtete Gebiet Apu Kajan von einem Europäer besucht worden war, stärkte meine Geduld und meine Ausdauer bei der Verfolgung meines Planes.

Sowohl die Bahau- als die Kenjastämme bewohnten ursprünglich ihr gemeinsames Stammland Apu Kajan oder Hochland vom Kajan im Nordosten der Insel. Die starke Zunahme der dortigen Bevölkerung zwang jedoch immer wieder einige Stämme, ihr Heimatland zu verlassen und in den Gebieten der Flüsse, welche von den Gebirgen um Apu Kajan nach allen Richtungen fortströmen, neue Wohnplätze zu suchen. Die letzte Auswanderung hat vor etwa 38 Jahren stattgefunden, als die Kenja vom Stamme der Uma-Timé nach dem Tawang zogen.

Die Bahau wissen durch ihre Überlieferung noch sehr wohl, dass sie aus Apu Kajan herstammen, auch haben sie die Verbindung mit ihrem Stammland noch sehr lange unterhalten. Die ältesten Männer der Kajan und Long-Glat erzählten noch von ihren Reisen nach Apu Kajan, die sie noch zur Zeit, wo die Uma-Timé dort die Oberherrschaft führten, unternommen hatten. Nach der Auswanderung dieses mächtigsten Stammes brachen im Kajanlande unter den übrigen Stämmen heftige Kämpfe um den Vorrang aus, so dass die Bahau aus Furcht ihre Besuche dort einstellten. Auch nachdem die Kenja Uma-Tow unter _Pa Sorang_ und später unter _Bui Djalong_ die anderen Stämme besiegt hatten, vergrösserte sich die Reiselust bei den Bahau nicht. Nur ein einziger Mann, der öfters erwähnte _Bo Ului_, der bei den Long-Glat in Long Tepai lebte und mit den Kenja in Apu Kajan nahe verwandt war, hatte sich einige Male dort hin gewagt und war somit der einzige, der uns als Führer dienen konnte. Doch wurde die Abenteuerlust der Bahauhäuptlinge und ihrer jungen Untertanen stark durch die Vorstellung geweckt, das Land ihrer Abstammung und ihrer Sagen und nicht zum wenigsten das Gebiet, in dem sie vorteilhaften Handel in alten Perlen, und anderen Artikeln treiben konnten, kennen zu lernen. Aus diesen Gründen hatte mir _Kwing Irang_ im Jahre 1897 das Versprechen gegeben, unter meiner Leitung die Reise nach Apu Kajan unternehmen zu wollen, und auf dieses Versprechen hatte ich meine Pläne gebaut.

Seit 1897 waren die Umstände für einen derartigen Zug jedoch viel ungünstiger geworden, hauptsächlich weil allerhand wahre und unwahre Gerüchte über Mordtaten, welche die Kenja begangen haben sollten, die Runde machten. Das damals bereits verbreitete Gerücht, die Kenja hätten fünf vom Mahakam aus bei ihnen Handel treibende Malaien ermordet, hatte sich inzwischen allerdings bestätigt. Es wurde aber auch noch erzählt, 7 Malaien, die sich aus Serawak ebenfalls zu Handelszwecken zu den Kenja begeben hätten, wären bei diesen umgekommen. In jüngster Zeit sollte auch ein malaiischer Kupfergiesser, der sich eine Zeitlang in Apu Kajan zu halten verstanden hatte, von den Kenja ermordet worden sein. Diese Ereignisse hatten nicht gerade dazu gedient, die ohnedies ängstlichen Bahau zur Reise zu ermuntern. Das gewaltsame Vorgehen der Kenja bildete im Grunde jedoch nur eine scheinbare Bestätigung für ihre wilde Natur, in Wirklichkeit bedeutete es nur ein energisches, mutiges Auftreten gegen Übergriffe, welche die Malaien sich schwächeren Eingeborenen gegenüber ungestraft erlauben dürfen. Die gleichen 7 Malaien aus Serawak waren nämlich früher auch am oberen Mahakam gewesen und hatten sich dort so viele Betrügereien zu Schulden kommen lassen, dass _Kwing Irang_ sie aus Besorgnis für ihre persönliche Sicherheit unter seinen Kajan und aus Angst vor Konflikten mit Serawak unter einem Geleite in ihr Land hatte zurückbringen lassen. Jeder, der das Leben und Treiben des malaiischen Gesindels unter den Bahau kannte, hätte für diese Handlungsweise der Kenja Sympathie empfunden. Der Tod der fünf anderen Malaien, die unter _Hadji Umars_ Anführung Jahre lang bei den Bahau gelebt hatten und nachher von diesen zu den Kenja gezogen waren, machte auf die Mahakambewohner einen besonders starken Eindruck, obgleich der Anlass zu diesem Morde schon längst zur Genüge bekannt war. Da er für das Verhältnis zwischen Malaien und Eingeborenen charakteristisch ist, mag er hier erwähnt werden. Die fünf Malaien waren mit einer grossen Menge Handelsware in Gesellschaft einer vom Mahakam heimkehrenden Kenjatruppe nach Apu Kajan gereist, wo sie 3 Jahre lang Handel trieben, ohne von den Stämmen belästigt zu werden. Als einer dieser Malaien sich einmal mit einigen Kenja zu den benachbarten Punan-Lisum begab, um mit diesen Handel zu treiben, kaufte er von dem Häuptling für ein Stück roten, golddurchwirkten Zeuges eine _guliga_ (Intestinalstein). Sobald er aber merkte, dass der Häuptling noch mehr _guliga_ hatte, wollte er für dasselbe Stück Zeug noch 4 dieser Steine haben. Nach der Weigerung des Häuptlings packte der Malaie dessen kleinen Sohn und drohte, ihn mitzunehmen, falls er seine Steine nicht erhalte. Im Augenblick aber, wo er das Kind binden wollte, durchbohrte ihn der Häuptling mit seinem Speer. Trotzdem der Malaie bereits am Mahakam als frecher Betrüger bekannt war, fühlten sich doch die Kenja, die den Mann halb als ihren Gast betrachteten, für sein Leben verantwortlich und töteten aus Rache einige Punan. Diese übten Wiedervergeltung und das Köpfejagen hörte auf beiden Seiten nicht eher auf, bis auch der letzte Malaie, einen ausgenommen, der an Krankheit starb, getötet worden war. Die ohnehin ängstlichen Bahau wurden nun auch noch von dem Gedanken beunruhigt, die Kenja könnten fürchten, ihrer allzu energischen Handlungsweise wegen von mir zur Rechenschaft gezogen zu werden.

In den letzten Jahren standen die Kenja übrigens auch mit unserer Bevölkerung am Mahakam auf gespanntem Fuss, nicht nur weil sie nach Landessitte von den Produkten der Felder, an denen sie vorüberfuhren, lebten, sondern weil sie bei dieser Gelegenheit auch Köpfe jagten. Ein Jahr vor meiner Ankunft am Mahakam hatte noch ein Häuptling der Kenja Uma-Bom, während er auf der Galerie der Bahau Uma-Wak einen Schwerttanz aufführte, einem der vornehmsten Zuschauer plötzlich den Kopf abgeschlagen und mit diesem ungestraft die Flucht ergriffen.

Durch Vermittelung ihres Oberhäuptlings _Bui Djalong_ hatten die Kenja für diese Tat zwar eine bedeutende Busse bezahlt, doch wurden sie trotzdem am Mahakam mit sehr begreiflichem Misstrauen begrüsst. Die Bahau, die mich auf meinen Fahrten auf dem Mahakam begleiteten, waren auch stets, besonders an den Wasserfällen beim Boh, sehr auf ihrer Hut. Als wir 1897 beim Hinabfahren auf dem Mahakam an einer Flussbiegung plötzlich einem Boot begegneten, griffen alle Männer sogleich zu den Waffen, bis es sich herausstellte, dass wir es mit befreundeten Ma-Suling und nicht mit Kenja zu tun hatten.

Auch zwischen den Bahau und Kenja am Tawang war die alte Feindschaft nicht vergessen, wenn die Uma-Timé auch ihre frühere Niederlage aus Angst vor dem Sultan nicht öffentlich an den Long-Bila zu rächen wagten. Kleinere Fehden wiederholten sich aber immer wieder zwischen ihnen. So hatten die Long-Bila _Brit Adjang_, den jüngsten Sohn des bekannten Uma-Timé Häuptlings _Bo Adjang Hipui_, ermordet. Der Mann war mit einer Frau der Long-Bila verheiratet und lebte bei diesem Stamme. Sein Tod hatte auf den Verlauf unserer Reise zu den Kenja grossen Einfluss, weil er neue Racheakte veranlasste, welche die Beziehungen zwischen dem Mahakam und dem Kajangebiet immer mehr verschlechterten. _Ibau Adjang_, der Bruder des Ermordeten, sann natürlich auf Blutrache. Da er diese nicht selbst auszuüben wagte, brachte er einen Häuptling der Kenja Uma-Bom, _Taman Dau_, der die Uma-Timé am Tawang 1897 besuchte, dazu, statt seiner den Tod seines Bruders an den Long-Bila zu rächen. _Taman Dau_ zeigte sich hierzu denn auch gleich bereit, fuhr mit einigen Stammesgenossen den Tawang hinunter und tötete einen einsam fischenden Mann der Long-Bila. Mit dem erbeuteten Kopf floh er eiligst den Fluss wieder aufwärts, schlug dann den kürzesten Landweg zum Merah ein und erreichte von dort den Mahakam, den Boh und schliesslich Apu Kajan. Sobald es sich herausgestellt hatte, dass die Kenja am Tawang die eigentliche Veranlassung zu dem Morde gegeben hatten, drohte ihnen ein europäischer Ingenieur, der unter einem Schutzgeleite des Sultans in dieser Gegend Gold suchte, mit der Rache von Kutei. _Ibau Adjang_ beschloss darauf sehr erschreckt, die erste Gelegenheit wahrzunehmen, um nach der in Borneo üblichen Weise dem Sultan seine untertänige Gesinnung zu bezeugen. Als bald darauf eine Gesellschaft Kenja vom Stamme Uma-Djalan von einem Besuch beim Sultan in Tengaron zurückkehrte und in mehreren Böten am Dorfe der Uma-Timé vorüberfuhr, überfielen diese eines der Böte, das von den anderen getrennt war, weil seine Insassen sich mit Fischen beschäftigten. Die ganze Bemannung wurde ermordet, unter dieser auch der Enkel des Uma-Tow Häuptlings _Bui Djalong_. wahrscheinlich hatte nicht nur der Wunsch, an Stelle des Sultans an den Kenja Rache zu üben, sondern auch eine alte Fehde zwischen den Uma-Timé und Uma-Djalan aus der Zeit, wo sie gemeinsam das Stammland bewohnten, _Ibau Adjang_ zu diesem Morde getrieben. Die übrigen Kenja waren nach der Ermordung ihrer Reisegefährten über den Merah zum Mahakam und Boh geflohen; sie waren es, die dem Kontrolleur _Barth_ in Long Bagung begegneten und die ich den Kiham Halo hinauffahren gesehen hatte (Teil I pag. 487).

Eine Erzählung über den Ursprung der Feindschaft zwischen den Uma-Timé und Uma-Djalan verdient ihrer Eigenartigkeit wegen hier erwähnt zu werden, doch kann ich für die Wahrheit derselben nicht einstehen.

Als beide Stämme noch gemeinsam in Apu Kajan wohnten, heiratete ein Häuptling der Uma-Djalan eine Tochter aus der Fürstenfamilie der Uma-Timé. Beim Fest gelegentlich der Namengebung des ersten Kindes kämen die Uma-Djalan als Gäste zu den Uma-Timé, bei denen ihr Häuptling der Sitte gemäss im Hause seiner Schwiegereltern lebte. Nach dem Fest behauptete der Häuptling der Uma-Timé, seine kostbaren Halsketten seien ihm gestohlen. Trotzdem die Uma-Djalan versicherten, die Diebe befänden sich unter den Uma-Timé selbst, überfielen diese ihre Gäste, die, nichts Böses vermutend, in ihr Dorf heimkehrten und töteten viele von ihnen. Nach diesem Begebnis verkehrten die Uma-Djalan aber wieder mit dem inzwischen, zur Vorherrschaft gelangten Stamm der Uma-Timé, als ob nichts vorgefallen wäre, bis das Kind, dessen Namensfest den Überfall veranlasst hatte, gross geworden war. Erst dann sann der Häuptling der Uma-Djalan auf Rache für die einst verübte Bluttat. Er lud die Uma-Timé zum Fest des Früchtepflückens ein, und als sowohl die Gäste als deren Gastherren auf die Bäume geklettert waren, stiegen die Uma-Djalan unter allerhand Vorwänden wieder herunter und zerbrachen die Leitern, so dass die Uma-Timé oben bleiben mussten. Darauf ermordeten die Uma-Djalan zuerst die Frauen und Kinder ihrer Gäste und fällten dann die Bäume, wobei viele Männer umkamen. Die Uma-Timé, die bald nach diesem Ereignis unter _Ibau Adjang_ und _Li Adjang_ nach dem Tawang ausgewandert waren, hatten erst in dem oben erwähnten Morde Gelegenheit zur Ausübung der Blutrache gefunden.

Die ganze Bevölkerung am Mahakam lebte infolge dieser Geschehnisse begreiflicherweise in ständiger Angst vor Rachezügen seitens der ohnehin so gefürchteten Kenja von Apu Kajan, und wie gewöhnlich machten immer wieder schreckenerregende Gerüchte von geplanten Einfällen in das Mahakamgebiet die Runde. In der Tat hatten die Kenja bereits von sich hören lassen. Eine Bande Uma-Bom, mit einigen Punan als Führern, hatte eine Kopfjagd nach dem Mahakam unternommen und hielt sich im Alan unterhalb der Wasserfälle auf, gerade, als ich mit _Kwing Irang_ ahnungslos den Fluss hinauffuhr. Mit Zustimmung von _Bang Jok_, der damals von Tengaron nach Uma-Mehak reiste, hatte sich die Gesellschaft zum Rata begeben und bei der ersten besten Gelegenheit zwei buginesische Büschproduktensucher und einen Bahau, während diese in einer Stromschnelle wehrlos standen, ermordet.

Alle diese Ereignisse und Gerüchte, wie beunruhigend sie auch wirkten, hätten die Bahau oberhalb der Wasserfälle doch nicht von einer Reise mit mir nach Apu Kajan zurückgehalten, wenn nicht zugleich der Sultan von Kutei jetzt ebenso stark gegen unser Unternehmen gearbeitet hätte, wie früher gegen unseren Aufenthalt bei den Bahau am Mahakam.

Die Fürstenfamilie fürchtete mit Recht, dass eine Ausbreitung des niederländischen Einflusses auf die Kenjastämme auch auf die Mahakambewohner einen grossen Eindruck machen würde, der ihrer eigenen Macht in hohem Masse nachteilig sein musste. Die Kuteinesen verbreiteten daher das Gerücht, der Sultan werde der niederländischen Regierung niemals gestatten, einen Kontrolleur unter den Bahau einzusetzen, auch würde er sich an allen Stämmen, die mir nach Apu Kajan hülfen, später rächen. _Bang Jok_, als einflussreichster Häuptling, unterstützte, in seiner erzwungenen Untertanenschaft, jetzt den Sultan bei seinen Drohungen. Durch seinen persönlichen Einfluss unter den Bahau gewannen _Bang Joks_ Behauptungen überdies viel an Bedeutung. Zu meinem grossen Bedauern fand die Einsetzung eines niederländischen Regierungsbeamten erst im Juli 1900 statt, so dass ich ein volles Jahr vergebens auf eine Unterstützung seitens der niederländisch-indischen Regierung wartete und die Bevölkerung am Mahakam in ständiger Angst vor den Drohungen des gefürchteten Sultans und seines Handlangers _Bang Jok_ lebte.

Schreckten mich diese Zustände der zu überwindenden Schwierigkeiten wegen einerseits von der geplanten Reise nach Apu Kajan ab, so überzeugten sie mich andererseits wieder davon, von welcher politischen Wichtigkeit diese Expedition für die Einsetzung einer niederländischen Verwaltung am Mahakam sein musste. Falls, wie ich sicher erwartete, ein Kontrolleur unter den Bahau eingesetzt wurde, musste dieser das ausgedehnte, schwer zugängliche und schwach bevölkerte Gebiet sicherlich nicht durch europäische Machtentfaltung sondern durch freundschaftliche Beziehung zu der Bevölkerung zu verwalten suchen. Er hätte auch unmöglich Kopfjagden und ähnliche Anlässe zu Fehden und Racheakten verhindern können, besonders wenn es sich um entlegene, so gut wie unzugängliche Gebiete wie Apu Kajan handelte, wo sogar schwere Vergehen nicht gestraft werden konnten, wenn nicht schon vor seiner Ankunft mit den betreffenden Stämmen ein gutes Verhältnis angebahnt worden wäre.

Die gespannten Verhältnisse zwischen Bahau und Kenja liessen daher eine Reise nach Apu Kajan sehr wünschenswert erscheinen, was einige Häuptlinge der Bahau, wie _Kwing Irang_, der auch für das allgemeine Wohl Verständnis besass, auch einsahen. In wie weit dieses Motiv ihn dazu trieb, mich ständig, wenn auch oft für andere unmerklich, in meinem Plan zu unterstützen, war ich nicht zu beurteilen imstande.

Fürchteten die Bahau für sich selbst die zahlreichen Gefahren der Reise, so waren sie in nicht minderem Masse auch um mein Leben und das meiner Mitreisenden besorgt. _Kwing Irang_ und sein Stamm beunruhigte auch der Gedanke, dass die niederländische Regierung für ein eventuelles Unglück, das uns zustiess, sich an ihnen rächen könnte. _Kwing_ war daher auch von Anfang an dafür, dass nicht nur seine Kajan, sondern alle Stämme am oberen Mahakam Vertreter mit mir sandten, damit das Ganze Gebiet gemeinschaftlich die Verantwortung für unsere Sicherheit auf sich nehme. Da die jungen Männer der verschiedenen Stämme alle Lust zum Unternehmen zeigten, hätte dieser Punkt keine Schwierigkeiten verursacht, wenn die anderen Umstände nur günstig gewesen wären. Selbst der malaiische Häuptling _Temenggung Itjot_ aus dem Merasègebiet hatte sich mit seinem Gefolge und dem jungen Häuptling _Ibau Li_ zur Teilnahme an unserer Expedition vorbereitet. Sie wollten nämlich bei dieser Gelegenheit die Trauer für ihre Verstorbenen ablegen, _Temenggung Itjot_ für seinen kleinen Sohn, _Ibau Li_ für seinen Vater _Bo Li_. Beide waren, wahrscheinlich aus Furcht vor mir, nicht dazu gekommen, die Trauerperiode nach der am Murung herrschenden Sitte durch ein Menschenopfer abzulegen und wollten der adert daher nach Bahauweise durch die Unternehmung einer grossen Reise und den Kauf eines alten Kopfes Genüge leisten.

Diese Ma-Suling, die durch den Tod des Häuptlings _Obet Dewong_ verhindert gewesen waren, mit mir nach der Küste zu reisen (T. I pag. 410), begaben sich aber nach langem Warten, als mein Zug zu den Kenja zu missglücken schien, nach dem Murung, erhandelten dort zwei alte Sklavinnen und töteten diese auf der Rückreise an der Merasèmündung, um durch Darbringung dieses Opfers die Trauerzeit abschliessen zu können. Sie hatten die Tat gewagt, nachdem ich bereits zum Boh aufgebrochen war.