Quer Durch Borneo; Zweiter Teil

Chapter 8

Chapter 83,621 wordsPublic domain

Am folgenden Morgen liess ich sogleich die Bäume, welche die Aussicht nach Süden benahmen, fällen. Zu unserem Leidwesen befanden wir uns nicht hoch genug, um in der Frühe über die Wolken hinübersehen zu können und mussten lange warten, bevor die nächste Umgebung sichtbar wurde; trotzdem gelang es _Bier_, das im Laufe des Tages allmählich auftauchende Gebiet aufzunehmen. Im Westen sahen wir nur ein enges Tal, das die (wellen des Seliku birgt und im Westen und Norden von zwei hohen Rücken eingeschlossen wird. Erst abends, als sich alle Wolken erhoben hatten, bemerkten wir gen Süden den Lasan Towong und, in weit grösserem Abstand als wir erwartet hatten, die pittoresken Formen eines Gebirges, das dem Kalkgebirge am oberen Serata und Merasè sehr ähnelte.

Den folgenden Tag zogen wir weiter, nachdem wir alle von unserem Standplatze aus möglichen Aufnahmen ausgeführt hatten. Der Abschied fiel uns nicht schwer, da wir noch nie zuvor auf der Reise so stark wie hier von Bienen und Wespen geplagt worden waren. Bienen, kaum so gross wie kleine Fliegen, hatten es hauptsächlich auf unsere Augen, Ohren und Nasenlöcher abgesehen, doch stachen sie nicht, was die gleich grossen Wespen mit Vorliebe taten. Diese wiederum schätzten besonders die Haut zwischen den Fingern, in die sie, wenn wir die Finger unwillkürlich bewegten, sogleich ihren Stachel senkten. Auch an grossen Exemplaren fehlte es nicht, aber die konnte man wenigstens besser sehen und hören. Gegen die kleinen Tiere suchten wir uns durch Kajuputi-Öl zu schützen, das wir in grosser Menge auf die Haut strichen.

Für die Rückreise am 14. Oktober hatte ich bestimmt, dass _Bier_ mit einigen Trägern für die Instrumente vorausgehen sollte, um den Weg zu messen, während ich das Abbrechen des Lagers überwachen und dem Vortrab das Essen bringen sollte, das er unterwegs einnehmen konnte. Die Kajan waren anfangs zur Eile nicht aufgelegt, wurden aber doch eifriger, als _Bier_ vor dem Abmarsch noch über der Wolkenschicht einige Peilungen ausführte und ich einen Baum als Fahnenstange zuhauen liess. Zu diesem Zwecke hackten einige Männer von einem hohen Baume die Äste ab und befestigten an dessen Spitze die niederländische Fahne, die _Delahit_ tags zuvor aus rotem, weissem und blauem Kattun genäht hatte. Die Kajan glaubten, dass diese Fahne, als Zeugin der Anwesenheit Weisser, die Batang-Lupar für lange Zeit davon abschrecken würde, auf diesem Wege in das Mahakamgebiet einzudringen. Jedenfalls bewies die Fahne auf sichtbare Weise unseren Zug, von dem man in weitem Umkreise reden würde.

Darauf richtete _Bier_ sein Instrument nach Süden, seine Begleiter ergriffen die Massstäbe, riefen "_da, da_" und waren nach wenigen Messungen den Abhang hinunter verschwunden. Auch wir hatten bald gepackt und das Essen gekocht; die Verteilung der Lasten ging schnell von statten, da die schwerste Last, der Reis, beinahe vollständig aufgezehrt war. Bei unserem Aufbruch begannen auch meine Kajan "_da, da, ke uli, ke uli_" zu rufen; sie setzten den Ruf bis 50 m weit den Berg hinunter fort. Mit da riefen sie ihre Seelen an, die sie vor dem Zurückbleiben warnten, indem sie ihnen erklärten: _ke uli_ = ich gehe nach Hause.

Auf dem Lasan Tujang selbst war, wie ich bereits auf dem Hinwege bemerkt hatte, nicht viel Gestein zu sehen, ich konnte es daher erst am Fuss des Berges, im Tal des _Seliku_ untersuchen. Der Lasan Tujang wird, gleich seiner ganzen Umgebung, aus senkrecht stehenden Schiefern gebildet, auf denen hie und da mehr horizontal gelagerter Sandstein liegt, der hier stark verwittert und nicht so deutlich geschichtet ist, wie weiter unten im Selirong.

Nach meiner Abmachung mit _Bier_ schlug ich unser Lager im Tal des Seliku an der Stelle auf, die er mit seinen Messungen um 4 Uhr nachmittags erreichen sollte. Inzwischen hatte ich Zeit, das Flussgeschiebe zu untersuchen und mir einen Felsblock anzusehen, den die Bahau seiner Eigenartigkeit wegen _batu ham_ (Schuppentier) nennen. Es war ein Basaltblock, der im Fluss, vom Ufer halb verborgen, lag und ganz aus aneinander schliessenden Basaltsäulen bestand; die eine Seite trug deutliche Rinnen, die andere, an der die Säulen abgebrochen waren, hatte eine schuppige Oberfläche. Später fand ich, u.a. oberhalb des Kiham Matandow, noch mehr derartiger Blöcke, die augenscheinlich besser als ihre Umgebung der Erosion Stand gehalten hatten.

Im Lager übergaben wir unsere durchnässten Kleider und andere Gegenstände sogleich den Malaien, die sie in die Sonne zum Trocknen aushängten; doch wurde ihre blosse Haut von Bienen und Wespen so sehr misshandelt, dass sie es kaum bei der Arbeit aushielten.

A m anderen Morgen beschloss ich, zu versuchen, über den Lasan Towong bis zu unserem Lagerplatz am Selirong vorzudringen. Da _Bier_ mich an diesem Tage schwerlich einholen konnte und ich am Selirong noch die Böte und andere notwendige Dinge für die Abfahrt vorbereiten lassen musste, gab ich _Bier_ Proviant mit und alles, was er zum Übernachten nötig hatte, damit er uns später langsam folgen konnte.

Nach dem Frühstück brach ich unverzüglich auf, um auch die Leute zur Eile anzuspornen; ich wollte nämlich noch den Gipfel des Lasan Towong teilweise aushauen lassen, damit _Bier_ einige wichtige Peilungen vornehmen konnte. Wie sehr ich in den letzten Tagen trainiert worden war, merkte ich daran, dass ich ohne Unterbrechung die ersten 400 m bis auf den Rücken zurücklegte, auf dem auf- und absteigenden Grate, der uns auf dem Hinwege wohl 10 Mal zum Ausruhen gezwungen hatte, weiter marschierte und nur da Halt machte, wo das Gestein eine Untersuchung verlangte. Dieses bestand ganz aus verwitterten ziegelroten Schiefern, die zu dem ungefähr nach Nord-Süden sich erstreckenden Bergrücken senkrecht standen. Einige weisse Adern eines verwitterten Minerals, wahrscheinlich Quarz, unterbrachen den einförmig roten Ton der Schiefer.

An den sehr steilen Abhängen des Lasan Towong wuchsen keine Bäume, daher ging das Aushauen des Gipfels schnell von statten. Wir sahen von hier aus in das Tal des Selirong, der südlich von dem hohen Rücken strömt, der ihn vom Teken scheidet. Das Tal setzte sich um das östliche Ende dieses Rückens fort, was meine Vermutung, dass der Selirong auf dem Batu Tibang oder in dessen unmittelbarer Nähe entspringt, zu bestätigen schien. Nirgends waren helle Bergwände zu sehen, sondern nur mehrere Reihen dunkelgrüner, von Ost nach West ziehender Ketten, die von anderen, nordsüdlich gerichteten Ketten durchkreuzt wurden.

Nach vollbrachter Arbeit brachen wir bereits um 3 Uhr zu unserem Lagerplatz auf, der nur noch eine Stunde entfernt war. Dort fanden wir alles, wie wir es verlassen hatten, und in kurzer Zeit waren auch unsere Zelte wieder aufgeschlagen. Das Wasser im Selirong war etwas gestiegen und zum Baden beinahe zu kalt.

Den folgenden Tag schienen meine Leute als Ruhetag ausersehen zu haben, denn sie waren nicht dazu zu bewegen, im fischreichen Selirong Fische zu fangen und als Vorrat für die weitere Reise zu räuchern; sie taten nur das Notwendigste und sammelten im übrigen neue Kräfte.

Um den Selirong weiter aufwärts zu erforschen, begab ich mich mit einigen Männern zu Fuss das Flussbett hinauf und liess für das Passieren der tieferen Stellen ein Boot nachschleppen. Da dieses jedoch durch den Transport litt, gingen wir nicht weit, was übrigens auch nicht notwendig war, da ich bereits in der Nähe unseres Lagerplatzes, deutlicher als im Seliku, auf senkrechten Schiefern beinahe wagrechten Sandstein angetroffen hatte. Ausserdem liessen sich aus dem Befund der Geschiebebänke in Verbindung mit dem eigentümlichen Aussehen des Batu Tibang interessante Schlussfolgerungen ziehen. Während nämlich der Seliku ausschliesslich Schiefer, Quarz, Basalt und Sandstein mit sich führt, besteht das Geschiebe des Selirong aus sehr verschiedenartigem vulkanischem Gestein und Schiefer, was unsere Vermutung, dass der Selirong seinen Ursprung in einem vulkanischen Gebirge nimmt, beinahe zur Gewissheit machte.

Abends langte auch _Bier_ im Lager an. Er hatte die letzte Strecke Wegs noch nicht gemessen und begab sich daher am folgenden Morgen gleich nach Sonnenaufgang zurück, das Versäumte nachzuholen, während wir das Essen kochten, das Gepäck in die Böte luden und alles zur Abreise vorbereiteten. Auch für die Flussfahrt sollte sich unsere Gesellschaft teilen: indessen _Bier_ mit drei Böten den zurückgelegten Weg immer weiter sorgfältig aufnahm, wollte ich allein den Fluss hinunterfahren, um geologische Untersuchungen vorzunehmen. In nicht allzugrossem Abstand wollte ich dann einen geeigneten Lagerplatz suchen und _Bier_ dort erwarten, damit wir wenigstens nachts alle vereinigt wären; dieser Plan wurde in den nächsten Tagen auch stets eingehalten. Abends, nach dem Aufschlagen der Zelte, fanden die Leute noch reichlich Zeit, um Fische zu fangen. Einmal schloss auch ich mich den Fischern an. Sie liessen unser etwas zu grosses Boot von der Strömung still hinunter führen und trieben die grossen Fische, die man im kristallklaren Bergwasser noch in Grosser Tiefe schwimmen sah, vor uns her nach flacheren Stellen. Hier schleuderte der an der Bootsspitze stehende Mann seinen Speer auf den Fisch. Traf die Waffe schief, so riss sie beim Abgleiten einige Schuppen ab; bei grossen Exemplaren konnte ich sogar den Aufschlag der Speerspitze auf den Fisch hören. Meist gelang es dem Fischer unwillkürlich, der trügerischen Tiefe des Wassers Rechnung zu tragen und den Speer mitten durch das Tier zu treiben, worauf er sich sogleich auf die Beute warf, bevor sie ihm davonschwamm. Einmal traf der Mann einen Fisch unmittelbar oberhalb einer Stromschnelle, die das Tier, die lange Lanze im Leibe, noch hinunterschwamm. Wir sahen den Stock in und über den schäumenden Wassermassen auf- und niedergehen, bis wir uns ein grosses Stück weiter, in ruhigerem Wasser, seiner und mit ihm des grossen Fisches bemächtigten. Sogar nur 3 dm lange Fische trafen meine Begleiter noch mit dem Speer, aber meist schnitt dieser sie mitten durch und die Stücke sanken und trieben abwärts. In der Regel werden aber Fische unter 4 dm Länge mit dem Wurfnetz gefangen.

Infolge häufiger Regengüsse schwoll der Seliku stark an, doch wurden wir zum Glück bei dem Hinabfahren keinen Tag durch Hochwasser aufgehalten, wie es bei dem Hinauffahren sicher der Fall gewesen wäre. Wir kamen täglich ein gutes Stück vorwärts, nur war es schwierig, das Fahrwasser wiederzuerkennen, denn an Stellen, die bei niedrigem Wasserstande Stromschnellen bildeten, floss das Wasser jetzt ruhig über die Felsblöcke, während in den Buchten und an den Felsvorsprüngen neue Schnellen entstanden waren. Derartige Gebirgsflüsse sind daher nur; wenn man sie gut kennt, bei jedem Wasserstande befahrbar; leider war dies bei meinen Kajan nicht der Fall, da nur wenige von ihnen diesen Teil des Mahakam überhaupt einige Male besucht hatten. Sie waren daher sehr vorsichtig und gingen immer wieder eine Strecke längs des Ufers zu Fuss voraus, um sich eine gefahrdrohende Flussstelle vorher anzusehen.

Unser Reisvorrat, der seinem Ende nahte, mahnte zur Eile, auch hatten viele unserer Leute bereits ihren eigenen Notvorrat angegriffen. Drei unter einander befreundete junge Kajan, die ihren Reis zusammengetan und gegen eine Lohnerhöhung während der Reise davon gezehrt hatten, waren jetzt ebenfalls auf unseren Vorrat angewiesen. Trotzdem konnte ich, als wir am 21. October oberhalb des Kiham Matandow unser Lager aufschlugen, der Versuchung nicht widerstehen, den Batu Balo Baung zu besteigen, der sich neben uns am rechten Ufer erhob und eine gute Missicht auf die Umgebung zu bieten versprach. Die Bäume auf dem Gipfel dieses Berges, der wie alle anderen in dieser Gegend das Glied einer Kette bildet, konnten leicht entfernt werden, da er spitz zuläuft. Die Pnihing fürchten den Batu Balo Baung als den Wohnsitz eines weiblichen Geistes, der seinen Gatten verloren hatte (balo), doch zeigten sich die Kajan zum Mitgehen bereit. Die beiden Malaien aus Samarinda liess ich zurück, da sie schlechte Bergsteiger waren und sich vom anstrengenden Ziehen der Böte angegriffen, wenn auch nicht gerade krank fühlten.

Der zum Gipfel des Berges führende Grat erhebt sich steil aus dem Mahakamtal und war mühsam zu besteigen. Wäre der Boden hart gewesen und hätten wir am Gestrüpp keinen Halt gefunden, so wären wir bei einer Steigung von 40-45° nicht hinaufgekommen. Der vorderste Mann musste dazu erst einen Pfad aushauen, so dass es mehrere Stunden dauerte, bevor wir den ersten, 900 m hohen Gipfel erreichten. Auf dem etwas weiter liegenden höchsten Gipfel liess ich für 1-2 Nächte ein Lager aufschlagen, was schneller von statten ging als das Fällen der Bäume, deren Holz hier wieder sehr hart war; topographische Aufnahmen konnten daher am ersten Tage noch nicht gemacht werden. Morgens bedeckte uns und die ganze Umgebung eine dicke Wolkenschicht, die sich nur sehr langsam erhob, weswegen _Bier_ erst gegen 12 Uhr mit dem Anpeilen der wichtigsten Gipfel auf der Wasserscheide, die vom Kapuri aus sorgfältig bestimmt waren, beginnen konnte. Wir benützten diese Peilungen bei der späteren Übertragung der Messungen aufs Papier als Kontrolle. Unsere Aussicht war beschränkt, da uns im Osten und Westen viel höhere Rücken umgaben; sie trugen den gleichen Charakter wie die am Kapuri und weiter oben am Mahakam und waren auch hier von einem einheitlichen, faltenreichen, grünen Gewande bedeckt, ohne irgendwo Gestein hervortreten zu lassen; ihr Anblick war grossartig aber düster. Im Osten führte eine tiefe Schlucht auf einen 1600 m hohen Rücken, von dem aus sich zwei Seitenrücken bis dicht an das Ufer des Mahakam erstreckten, der selbst nur hie und da zwischen den überhängenden Uferbäumen hindurchschimmerte. Die Abhänge des Batu Balo Baung benahmen uns nicht die Aussicht, da sie an mehreren Stellen selbst so steil waren, dass wir sie nicht sehen konnten.

Meine Kajan hielten hier das Fällen der Bäume für sehr gefährlich, was ich ihnen auch glaubte, als ich die Bäume wie in einem leeren Raum hinunterstürzen, dazwischen an einen Felsen prallen und einige hundert Meter weiter unten aufschlagen hörte.

Wurde uns die Aussicht nach Westen durch die Wasserscheide gegen den Kapuri und die Rücken, die sich von ihr aus zum Mahakam erstrecken, benommen, so hatten wir nach Nord-Osten einen prachtvollen Blick ins Mahakamtal, das vier Rücken durchbricht. In der Regenzeit, wo die Luft klarer ist, hätten wir eine bessere Fernsicht genossen. Jetzt befanden wir uns leider auch am zweiten Morgen nicht über den Nebelmassen.

Der Berggeist, der sich nachts sehr ruhig verhielt, liess tagsüber, besonders wenn die Sonne schien, ein Heer von stechenden und saugenden Insekten auf uns los, vor denen ich mich, wenn ich nicht das Fällen der Bäume zu beaufsichtigen hatte, sogleich in mein Klambu rettete, da _Bier_ alles Kajaputi-Öl nötig hatte, um sich während der Arbeit zu schützen.

Am Morgen des 24. Oct. fand nach beendeter topographischer Arbeit der Abstieg statt, der uns zwar leichter fiel als der Aufstieg, der Steilheit des Abhanges wegen aber immerhin sehr ermüdend war. Ausserdem wurden wir ständig durch die Kuli aufgehalten, die unterwegs Früchte sammelten oder _tuba parei_ und _tengang_ zur Herstellung von Schnüren hackten, wogegen ich nichts einwenden konnte, da unsere Netze einer Reparatur dringend bedurften. Unten angelangt griff ich zum sichersten Mittel, die Leute zur Eile anzuspornen, nämlich zum Abfeuern einiger Schüsse, die ihnen in einer derartig einsamen Umgebung immer Schreck einflössen. Sie eilten denn auch schleunigst herbei, so dass wir über den Fluss zu unserem Lager setzen konnten, wo wir alles in guter Ordnung wiederfanden und die zurückgebliebenen Männer sich inzwischen etwas erholt hatten.

Leider begann das Wasser, das uns bisher so günstig gewesen war, des Morgens so schnell zu steigen, dass _Bier_ bereits früh aufzubrechen beschloss, um noch die Fälle des Matandow passieren zu können. Ich gab ihm noch einige meiner Kuli mit, die längs des Uferpfades zu mir zurückkehren sollten, doch sandte mir _Bier_ mit diesen auch noch drei seiner eigenen Leute, weil das Wasser in kurzer Zeit zwei Meter gestiegen war und das Gepäck desshalb beim Hinunterfahren über den Kiham Matandow nicht im Boote bleiben konnte, sondern zu Lande bis unterhalb der Wasserfälle getragen werden musste.

Während die Männer ihre Mahlzeit einnahmen, fiel das Wasser wieder so weit, dass das leere Boot ohne Anstrengung über die Fälle geschafft werden konnte. Unser Hab und Gut wurde inzwischen auf dem früher entdeckten guten Pfade hinab befördert.

Bis wir unterhalb des Matandow angelangt waren und alles Gepäck sich wieder im Boote befand, war es Mittag geworden, doch wurde mit dem angenehmen Bewusstsein, die schwierigste Stelle hinter dem Rücken zu haben, die topographische Arbeit begonnen.

Mit Rücksicht auf die heftige Strömung vereinbarten wir, dass ich nur 1 1/2 Stunden weiter fahren sollte, damit _Bier_ uns leichter einholen konnte. In meinem Boote befand sich beinahe die ganze Zeltausrüstung, doch trugen besonders die schweren Kisten mit der Gesteinsund Fischsammlung dazu bei, dass das nicht sehr grosse Boot tief ins Wasser eintauchte. Da das Wasser unterhalb der Fälle ausserdem sehr bewegt war, strengten sich 6 unserer Kajan an, das Boot längs des Ufers, ausserhalb des hohen Wellenganges in der Flussmitte, zu halten.

Wir gelangten auch glücklich über diese Stelle und eine weiter unten gelegene Stromschnelle; übrigens beunruhigte ich mich nicht sonderlich, weil drei der tüchtigsten Männer die Führung übernommen hatten: _Anjang Njahu_ und _Maring Kwai_ sassen am vorderen, _Sawang_ _Hugin_ am hinteren Bootsende. Plötzlich, hinter einer Flussbiegung, geriet das Fahrzeug in heftig bewegte Wassermassen und wurde von einer Welle auf die andere geschleudert. Zwar versuchten die Männer, das Boot mit Anspannung aller Kräfte und Anwendung ihrer ganzen Steuerkunst zum Ufer hinzulenken, aber die Spitze erhob sich nicht schnell genug, das ohnehin überladene Fahrzeug sank und die Wellen schlugen von allen Seiten hinein. Ich erinnere mich nur noch, dass _Anjang Njahu_ mir etwas zurief. Vielleicht verlor ich für kurze Zeit die Besinnung, jedenfalls weiss ich nur, dass ich mich unter Wasser treiben fühlte, ohne von Boot oder Mannschaft etwas wahrzunehmen. Bei der rasenden Strömung blieb mir nichts übrig, als so schnell als möglich an die Oberfläche zu gelangen; so schlug ich denn mit Armen und Beinen kräftig aus und bekam, bevor ich noch zu sehr betäubt war, erst mit der linken, dann mit der rechten Hand etwas Festes zu packen, augenscheinlich die Ränder des umgekippten Bootes, unter dem ich trieb. Ein kräftiger Ruck half mir heraus und einige Schläge brachten mich nach oben. Meine Augen standen noch voll Wasser und ich hatte noch kaum Luft schöpfen können, als ich erst am Kopf, dann an den Schultern gepackt und auf die runde Bootsunterseite hinaufgezogen wurde. Fünf Kajan und _Abdul_ sassen bereits oben, daher schwamm das Boot tief in dem durchwühlten Wasser, und sein glatter, runder Kiel bot mir, der ich an dergleichen Vorfälle nicht gewöhnt war, einen nichts weniger als festen Sitzplatz. Die Kajan schwiegen, nur _Abdul_, der hinter mir sass und mich voller Angst umklammert hielt, rief fortwährend: _Tuwan, Tuwan!_ (Herr, Herr!), so dass ich ihn mit "_tida apa_" (es ist nichts) beruhigen musste. Unterdessen suchte mir _Anjang Njahu_ mit Gewalt die Kleider vom Leib zu reissen, aber der starke Kaki widerstand seinen Bemühungen und er konnte nur meinen geologischen Hammer aus der Tasche ziehen und in den Fluss werfen. Bevor er noch weiteres ausrichtete, wurde das Boot von einer neuen Stromschnelle ergriffen, wobei jeder an sich selbst denken musste und ich vom Boot ins Wasser glitt. Mit einigen Schlägen war ich jedoch bald wieder an der Oberfläche, wo ich einen treibenden Schild zu packen bekam. Mich an die dajakische Weise Flüsse zu durchschwimmen erinnernd, fasste ich den Griff des Schildes mit der einen Hand, hielt diesen selbst unter mir und schwamm so halb treibend zuerst neben dem Boote, dann, als ich vor einem vorspringenden Felsen in ruhigeres Wasser gelangte, ans Land. In voller Ausrüstung, den Revolver an der Seite, war das Schwimmen sehr anstrengend, doch erreichte ich glücklich das Ufer, bevor mich die Strömung etwas weiter unten in einen neuen Strudel zog. Die 6 Männer, die mir nach ins Wasser gesprungen waren, zogen das Boot jetzt an einem Rotang ans Land, und dann standen wir triefend, unserer Habe beraubt, neben einander am Waldessaum. _Anjang Njahu_, der sich als Anführer für das Unglück verantwortlich fühlte, blieb anfangs scheu zur Seite stehen und trat erst, als er sah, dass ich nicht zürnte, mit bleichem Gesicht auf mich zu und fragte, ob ich verwundet wäre. Auch _Tingang Sulang_ kam, um sich von meinem Wohlergehen zu überzeugen. Er war, da er mich nach dem Umschlagen nicht mehr an die Oberfläche hatte kommen sehen, wieder ins Wasser gesprungen und dann ebenfalls mit dem Boote abwärts getrieben worden. _Maring Kwai_ fehlte noch, doch hatte man ihn auf meinen mit Riemen zusammengeschnürten Matratzen hinunterfahren sehen; augenscheinlich war auch er irgendwo gelandet.

Eigentümlicher Weise war mein erstes Empfinden nach der Rettung Selbstbefriedigung über die Geistesgegenwart, mit der ich mich durch die Schwierigkeiten hindurch gerungen hatte; erst viel später fühlte ich dankbare Freude über meine Lebenserhaltung.

Den Verlust unseres Gepäckes betrauerte ich lebhaft, da an ein Auffischen der Sachen nicht zu denken war. Ich hatte zwar beim ersten Auftauchen eine eiserne Kiste und mein Moskitonetz vor mir schwimmen sehen, doch waren sie mit allem anderen gewiss längst gesunken. Meine wertvollen Sammlungen waren unwiderruflich verloren, ebenso die Konserven, die wir uns vom Munde gespart hatten. Besonders bedauerte ich den Verlust meines prachtvollen Jagdgewehrs, eines Fernrohrs, einiger Barometer und Bücher. Meine geologischen Aufzeichnungen und den geologischen Kompass fand ich zu meiner Freude noch in meinen Taschen; auch war der Schmiedehammer an dem hölzernen Gestell, das im Boote als Fussboden diente, hängen geblieben. Dass wir unseren Reis verloren hatten, machte mich sehr besorgt; zum Glück hatte sich nur ein halber Packen im Boote befunden und führte _Bier_ den Hauptvorrat mit sich. Das grosse Segeltuch, mit dem wir die Reispacken zugedeckt hatten, war also auch gerettet.

Sehr bald erschien _Bier_ an der Unglücksstätte, denn _Maring Kwai_ war, gleich nachdem er sich ans Ufer gerettet hatte, zu ihm gelaufen und hatte ihm weinend den Vorfall berichtet. _Maring_ hatte meine Matratze gerettet, was mir sehr angenehm war. Meine Kajan schienen mir durch den gänzlichen Verlust ihrer Habe für den Unfall, den sie durch grössere Aufmerksamkeit vielleicht hätten vermeiden können, genügend schwer bestraft; überdies hatte ich ja auch den Zug in dieses ihnen fast unbekannte Gebiet auf eigene Verantwortung unternommen.

Nachdem ich mich aus _Biers_ Garderobe mit trockener Kleidung versehen hatte, beschlossen wir, an diesem Tage nicht weiter zu fahren, sondern zu beraten, wie uns aus der kritischen Lage zu helfen sei. In den letzten Strahlen der untergehenden Sonne trocknete ich meine Uhr, meinen Revolver, den geologischen Kompass und meine Kleider. Als unsere Männer den ersten Schrecken überwunden zu haben schienen, wurde in einem Kriegsrat bestimmt, dass ich mit nur einem Boote und der nötigen Bemannung ohne Aufenthalt bis zum Blu-u durchreisen und dafür sorgen sollte, dass man _Bier_ von dort aus so schnell als möglich mit Reis versah. Eile war um so gebotener, als am folgenden Tage das Wasser so schnell stieg, dass wir nicht abfahren konnten und von unserem wenigen Reis zehren mussten.