Quer Durch Borneo; Zweiter Teil

Chapter 7

Chapter 73,538 wordsPublic domain

Eine der wichtigsten Angelegenheiten, die mich, abgesehen vom Zuge zu den Kenja, an den Blu-u zurückgeführt hatte, war die schon lange geplante topographische Aufnahme des Quellgebiets des Mahakam und des Batu Tibang, des Grenzgebietes gegen Serawak. Eine Reise in diese Gegend war mir bereits in den Jahren 1896 und 97 missglückt, im vorigen Jahre hatten wir hierzu keine Zeit gehabt, auch hatte der Pnihinghäuptling _Belarè_ keine Unternehmungslust gezeigt; so versuchte ich denn jetzt, den Zug mit Hilfe der Kajan zustande zu bringen. _Kwing Irang_ fürchtete wie gewöhnlich, dass uns in diesen, den Kajan beinahe unbekannten Gegenden ein Unglück zustossen möchte und wollte anfangs seine Zustimmung nicht erteilen. Teils des Lohnes wegen, teils um wieder eine interessante Reise zu machen, fanden sich aber einige junge Männer bei mir ein, die zum Unternehmen bereit waren, und jetzt widersetzte sich _Kwing_ nicht mehr ernsthaft, sondern beauftragte sogar seinen Ratgeber _Anjang Njahu_, mich als Anführer der Kajan zu begleiten. _Kwing_ behauptete, selbst nicht mitgehen zu können, weil er, in Anbetracht der sehr mittelmässig ausgefallenen Ernte, seinen ganzen Reisvorrat beim Bau seines Hauses verbraucht hatte und daher am Merasè Reis einkaufen musste. Zum Glück stellte sich später heraus, dass seine _panjin_ doch noch Reis besassen. Ich beauftragte daher _Demmeni_, eine möglichst grosse Menge Reis in Long Tepai einzukaufen, was er auch tat. Im richtigen Augenblick kam ein Pnihing mit einem kleinen, aber starken Boot angefahren, das er den Long Glat verkaufen wollte; es gelang _Anjang Njahu_, das Boot gegen ein Schwert, ein Fischnetz und zwei Stücke weissen Kattuns für mich zu erstehen. Ein Schwert und ein Netz besass ich zwar nicht, aber _Anjang_ trat mir beides für Geld ab, so dass er auch noch einen Gewinn davontrug und ich um ungefähr 35 fl in den Besitz eines guten Bootes gelangte.

Als _Bier_ ankam, waren bereits viele Vorbereitungen für den Zug getroffen, was um so nötiger war, als die trockene Jahreszeit ihrem Ende nahte (es war Ende September) und man überhaupt nur bei niedrigem Wasserstande daran denken konnte, den reissenden Mahakam bis zu seinem Ursprung hinaufzufahren. Da vorauszusehen war, dass das Unternehmen lange dauern würde, musste die Zahl der Teilnehmer mit Rücksicht auf den Reisvorrat möglichst beschränkt werden, weswegen ich _Demmeni_ zu seiner grossen Freude keine photographischen Aufnahmen machen lassen konnte und ihn mit _Doris_, der auf diesem Zuge wegen der kurzen Rastzeiten doch keine bedeutenden Jagderfolge hätte haben können, am Blu-u zurückliess. Von den fünf Schutzsoldaten aus Samarinda, die sich hier in den ungewohnten Verhältnissen noch bei jeder Gelegenheit äusserst unbeholfen benahmen, sollten uns nur die zwei besten begleiten.

Am 30. September sollten wir, 30 Mann stark, in vier Böten abreisen, und noch am Tage vorher hatte ich mit den Kajan die Ausrüstung besprochen und ihnen ans Herz gelegt, für _tuba_-Gift zu sorgen, um, sowohl für unseren Unterhalt als für die Anlage einer Fischsammlung, einen kleinen Nebenfluss ausfischen zu können. Leider war das nicht geglückt und wir mussten unser Vertrauen auf die _djala_, das Wurfnetz, setzen.

Morgens stellte es sich heraus, dass zwei der tüchtigsten jungen Leute sich auf ihre Reisfelder begeben hatten und drei andere, _Anjè Pela_, _Sawang Hugin_ und _Sulang Orang_ unter allerlei Vorwänden nicht mitgehen zu können erklärten.

Eigentlich hatte nur der letztere einen wirklichen Grund, sich zurückzuziehen. Er war nämlich im Begriff Priester zu werden und befand sich in einer Periode von _lali_, weil er seinem _to dajung_ geopfert hatte. _Sulang Orangs_ Familie, die ihn nicht gern mitziehen lassen wollte, obgleich er selbst grosse Lust dazu hatte, verweigerte im letzten Augenblick aus diesen religiösen Gründen ihre Zustimmung zur Reise. Sie hatte aber nichts dagegen, dass _Sulang Orangs_ Schwager _Amei_ den Zug mitmachte, und da dieser selbst sich bereit zeigte, beschloss ich, ihn mitzunehmen.

Was die Kajan in Wirklichkeit von der Beteiligung am Zuge zurückhielt, war mir nicht deutlich und konnte ich auch nicht leicht erfahren, da _Kwing_, die zuverlässigste Person im Dorfe, abwesend war. Es hatte den Anschein, als wolle man den Zug, wegen der Besorgnis des Häuptlings um unsere persönliche Sicherheit, überhaupt nicht unternehmen. Sowohl das Quellgebiet des Mahakam, in dem die Batang-Lupar aus Serawak lange Zeit umhergeschwärmt waren, als der Batu Tibang, auf dem der Erzählung nach viele Geister, riesige Blutegel und andere gefährliche Tiere lebten, und den ich anfangs hatte besteigen wollen, waren nämlich sehr gefürchtet. Als ich aber _Bo Kwai Adjung_, einen für dajakische Verhältnisse aufrichtigen Mann, nach dem wahren Sachverhalt fragte, sagte er mir, dass in Wirklichkeit häusliche Umstände die Männer an diesem Tage an der Reise verhinderten und _Kwing Irang_ überdies noch nicht endgültig mit ihnen gesprochen hätte.

An Stelle der beiden Männer, die sich morgens zu ihren Reisfeldern davon gemacht hatten, meldeten sich jetzt einige andere zum Zuge, und auch _Anjè Pela_ und _Sawang Hugin_ erklärten sich reisebereit, nachdem ich ihren weiblichen Familiengliedern, die durch allerhand Gegenstände, die sie für mich herstellten oder mir verkauften, viel verdienten, gesagt hatte, ich wolle mit ihnen nichts mehr zu schaffen haben, falls ihre Männer mich derartig betrögen. _Kwing Irang_, der abends zurückkehrte, verstand die Leute dazu zu bewegen, dass sie am 1. Oktober morgens endlich wirklich reisefertig dastanden, allerdings unter der Bedingung, dass ich ihren Taglohn auf 1 fl und Unterhalt erhöhte. Um nur fortzukommen und weil unser Unternehmen für die Kajan in der Tat ein Wagstück bedeutete, willigte ich sogleich ein, und bald darauf fuhren wir den Mahakam bei sehr günstigem Wasserstande aufwärts.

_Kwing Irang_ führte seine Absicht, uns nach Long Kub zu begleiten, um bei den Pnihing einen guten Führer für uns zu suchen, nicht aus, sei es, dass die alte _Hiang_ ihn aus Eifersucht nicht zu seiner jungen Frau lassen wollte, sei es, dass er in der kurzen Zeit keinen passenden Mann finden zu können glaubte. Wir waren somit auf eigene Kraft und Überlegung angewiesen.

Einmal unterwegs machten sich auch alle unsere jungen Männer eifrig ans Werk, so dass wir, an Long Kub und _Belarès_ Niederlassung vorüberfahrend, abends bereits die Mündung des Tjehan erreichten. Nachdem wir dort im Hause des Häuptlings _Anja_: übernachtet hatten, fuhren wir am folgenden Tage mit der gleichen Schnelligkeit bis zur Mündung des Kaso. Unser Plan war, den Fluss so schnell und weit als möglich hinaufzufahren und von dem höchsten Punkte aus die Untersuchungen anzufangen. Der niedrige Wasserstand war für geologische Beobachtungen sehr geeignet, auch lassen sich diese weit besser während der ruhigen Auffahrt als bei der bewegten Abfahrt ausführen, aber ich musste damit rechnen, dass der Fluss überhaupt nur bei diesem günstigen Wasserstande befahrbar war und wir mit unserem Reisvorrat und daher auch mit unserer Zeit sehr sparsam umgehen mussten. Somit blieb mir nichts übrig, als dieses neue Gebiet nur im Vorüberfahren in Augenschein zu nehmen, ab und zu eine Notiz zu machen und im übrigen auf schnelles Vorwärtskommen zu achten. Bei der Rückfahrt hoffte ich, eingehendere Untersuchungen vornehmen zu können.

Gleich nach Sonnenaufgang, so schnell als das Abbrechen der Zelte und das Laden der Böte es gestattete, verliessen wir unseren Lagerplatz an der Kasomündung.

Als wir gegen 8 Uhr eine gute Landungsstelle und Brennholz fanden, hielten wir eine halbstündige Frühstückspause und ruderten dann ununterbrochen bis 4 Uhr nachmittags weiter. In den letzten Abendstunden wurde eine Waldstelle ausgehauen, eine Hütte gebaut, das Gepäck aus den Böten geholt und Essen gekocht. Gleich nach der Ankunft hatten sich einige Kajan mit dem Speer oder Netz zum Fischfang begeben; zu diesem Zweck hatten wir ein sehr kleines Boot mitgenommen, das von 2-3 Personen leicht gehandhabt werden konnte. Die Leute fingen in der Regel einen oder mehrere grosse Fische, so dass wir nur selten die Konserven anzugreifen brauchten. Da die Länge unseres Aufenthaltes in diesem unbewohnten Gebiet gänzlich von unserem Reisvorrat abhing, übernahm _Bier_ die Aufsicht über den Reis und teilte jedem seine Portion zu. Die Kajan hatten übrigens auch jetzt einen eigenen Notvorrat an Reis oder _kertap_ mitgenommen.

Den dritten Tag ging es von unserer malerischen Lagerstätte unter den grossen, überhängenden Uferbäumen weiter zum _pankalan_ Mahakam, dem Anlegeplatz, an dem uns die Häuptlinge der Bahau ein Jahr zuvor, nach unserer Reise über die Wasserscheide, abgeholt hatten. Die bis zu dieser Stelle flachen Ufer steigen hier plötzlich so steil an, dass an der Mündung des Howong keine hohen Bäume mehr an ihnen wachsen können. Der Howong ergiesst sich an seiner Mündungsstelle durch einen nur 10 m breiten, aber sehr tiefen Spalt des rechten Ufers, den er sich selbst in die Schiefer gegraben hat, in den Mahakam; weiter oben, wo er über lose Felsblöcke stürzt, bildet er 150 m hohe Wasserfälle. Von hier an verengt sich das Flussbett des Mahakam; hohe Felswände aus harten Schiefern und Hornstein erheben sich steil zu beiden Seiten, so dass ein Mensch nur an wenigen Uferstellen Raum zum Stellen findet und die Bootsstangen von den Wänden gleiten. Da das Wasser überdies zu tief war, um mit den Stangen den Grund erreichen zu können, hätten wir uns bei höherem Wasserstande überhaupt nicht fortbewegen können. Weiter oben flachte sich das Gelände wieder ab und die geringe Höhe des Uferwaldes, der sich über eine grosse Strecke ausdehnte, deutete an, dass hier einst die Reisfelder der Pnihing gestanden.

Auch am folgenden Tage fuhren wir an früherem Ackerland vorüber, bemerkten aber nur wenige Hütten; in diesen wohnten Pnihingmänner, die von der Jagd lebten und für Frau und Kinder daheim Nahrungsvorräte sammelten. Sie suchten auf den benachbarten Bergen wilden Sago und jagten mit ihren Hunden Wildschweine, deren Fleisch sie räucherten und deren Fett sie schmolzen, um es flüssig, ungesalzen, in frischen Bambusgefässen aufbewahren zu können. Zu bestimmten Jahreszeiten, wenn die Baumfrüchte reif sind, werden häufig so fette Schweine erlegt, dass ein einziges Tier eine Familie monatelang mit Fett versorgt. Das Wild ist in diesen ausgedehnten, von nur wenigen Bukatfamilien bewohnten Gebieten nicht scheu, die Jagd daher sehr lohnend. Die Pnihing schiessen auch Hirsche, da ihre _adat_ ihnen Hornvieh zu essen erlaubt.

Die Jäger berichteten, dass wir weiter oben keine Jagdgesellschaften mehr antreffen würden, weil man sich aus Furcht vor den Batang-Lupar nicht weiter hinaufwagte, obgleich man von den Feinden nichts merkte; sie meinten auch, dass wir die Quellflüsse des Mahakam und den Landweg nach Serawak bei diesem günstigen Wasserstande in fünf Tagen erreichen würden, was sich später als richtig herausstellte.

An diesem Tage passierten wir noch den Kiham Matandow (Sonnenfall), eine Stelle, an der der Fluss augenscheinlich eine der Ketten des Schiefergebirges durchbricht und die daher schwer zu überwinden ist.

Der Fluss drängt sich hier mit starkem Gefälle zwischen einer beinahe senkrechten nackten Schieferwand links und einem Chaos von Felsblöcken rechts hindurch. Alle, die sich auf dem Wasser nicht sicher genug fühlten, stiegen hier aus und der stärkere Teil der Bemannung begann die Böte mit Rotangkabeln, bald längs des einen, bald längs des anderen Ufers aufwärts zu ziehen. Zur grossen Genugtuung der Kajan, die hier früher häufig mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt hatten, befanden wir uns mit allen Böten noch vor Sonnenuntergang oberhalb des Kiham Matandow; eine ähnliche Befriedigung empfand ich selbst darüber, dass wir den sehr beschwerlichen Weg über die Felsen ohne Arm- und Beinbruch zurückgelegt hatten. Leider entdeckten wir erst auf dem Rückwege, dass etwas weiter links ein sehr guter Pfad durch den Wald führte. Da es zum Weiterfahren zu spät war, schlugen wir auf der ersten besten Geröllbank unser Lager auf.

Von hier an begegneten wir keinen Menschen mehr, wohl aber vielen alten Hütten, die, ihrer Bauart nach, teils von Batang-Lupar teils von Bahau auf dem Wege nach Serawak gebaut worden waren. Die feindlichen Hütten sahen, zur grossen Beruhigung unserer Kuli, am ältesten und verfallensten aus.

Oberhalb des Kiham Matandow verschmälerte sich das Flussbett immer mehr und zeigte an Stellen, wo es einen Bergrücken durchbrach, in der Regel nicht über 40 m Breite; dazu lag der Fluss voller Felsblöcke, die Stromschnellen verursachten. Trotz aller dieser Hindernisse kamen wir schnell vorwärts und übernachteten auf einer Flussbank gegenüber einer prachtvoll bewachsenen Bergkette.

Früh am anderen Morgen wurde aufgebrochen und an der Mündung des in das Merasè-Gebiet führenden Sekè, eines grossen linken Nebenbusses des Mahakam, gefrühstückt. Wir erfuhren später, dass uns während der Mahlzeit eine Bande Punan vom Merasè belauerte; sie hielt uns anfangs für Batang-Lupar und war, auch nachdem sie uns erkannt hatte, zu scheu, um näher zu kommen. Sie erzählten _Kwing Irang_, dem sie später am Merasè begegneten, wo sie uns getroffen hatten.

Nachdem wir an einigen grossen Nebenflüssen vorbeigefahren waren, wurde der Hauptstrom schmäler und schmäler; da dass Flussgeschiebe ausserdem hie und da meterhohe, steile Bänke bildete, wäre es uns, wenn das Wasser nicht gerade jetzt infolge einiger Güsse gestiegen wäre, wodurch die Böte sich leichter hinaufziehen liessen, nicht geglückt, bereits am neunten Tage am Seliku, dem rechten Quellfluss, vorüber zu fahren und noch am gleichen Tage den _taga harok_ (Anlegeplatz der Böte) am Selirong zu erreichen. Das Ziehen der Böte über das Flussgeröll war besonders am letzten Tage sehr mühsam gewesen, und ich hatte nicht nur das Boot verlassen, sondern auch beim Schleppen helfen müssen. Bei dieser Gelegenheit machte ich aufs neue die Beobachtung, dass die Bahau zwar bei weitem nicht so stark wie wir Europäer, aber dafür ausdauernder sind. Dass sich in dieser Gegend seit langer Zeit keine Menschen gezeigt hatten, bewies uns ein Hirsch, der uns vom Ufer aus in einem Abstand von kaum 10 m mit grossem Interesse beobachtete und durchaus nicht ans Fliehen dachte, sondern, erst nachdem unser Boot vorübergefahren war, mit bedächtigem Schritt in den Wald zurückkehrte.

Am _taga harok_ war der Wald im Laufe der Zeit ausgerodet worden; in den mit Gestrüpp bewachsenen Lichtungen standen noch die halbverfallenen Hütten der letzten Reisenden. In einer Bucht lag auch noch ein altes Boot, das die Batang-Lupar augenscheinlich vor langer Zeit zurückgelassen hatten.

Die Männer fanden bald eine genügende Menge Holz, um Hütten zu bauen, in denen wir es uns noch vor Einbruch der Dunkelheit gemütlich machten, mit dem stolzen Bewusstsein, den Mahakam in aussergewöhnlich kurzer Zeit völlig hinaufgefahren zu sein. Der Selirong ist bei niedrigem Wasserstande nur 10 m breit und weiter aufwärts der vielen Felsblöcke wegen nicht mehr befahrbar. Wir befanden uns hier an der Stelle, von der aus man am besten den Bergrücken, der längs des linken Ufers des Seliku zum Njangeian führt, besteigen kann. Früher benützte man das Flussbett des Seliku selbst als Weg, doch ist dieser wegen der zahlreichen Wasserfälle und glatten Schieferfelsen, über die man hinweg klettern muss, so beschwerlich, dass man jetzt lieber den 5-700 m hohen Bergrücken hinauf- und hinabsteigt.

Der _taga harok_ liegt in einer Höhe von 550 m; wir waren also in neun Tagen ungefähr 300 m gestiegen, wonach man sich die Schwierigkeiten, die das Schleppen der Böte besonders in den letzten Tagen verursacht hatte, vorstellen kann. Der 10. Oktober war uns daher als Ruhetag sehr willkommen. Einige Männer wuschen unsere Kleider und trockneten sie in der Sonne, deren Strahlen bis zum Erdboden durchdrangen; andere wieder trafen Vorbereitungen für die Landreise. Mit Rücksicht auf die kurze Dauer unseres Zuges nahmen wir nur das notwendigste Gepäck mit; denn es lag uns daran, so schnell als möglich den auf der Wasserscheide zwischen Mahakam und Batang-Redjang liegenden und somit die Grenze gegen Serawak bildenden Lasan Tujang zu erreichen. Von ihm aus sollte man sehr gut den Batu Tibang, den Mittelpunkt der Bahauwelt, den ich seit vielen Jahren bereits gesucht hatte, sehen können. Den Lasan Tujang hatten wir als das Endziel unserer Reise ausersehen, von ihm aus sollte _Bier_ mit Tranche-Montagne und Massstäben den Weg bis zum Blu-u sorgfältig messen, während wir auf dem Rückwege ausserdem von einem Berg einen Überblick über die Umgebung zu gewinnen versuchen wollten.

Alles überflüssige Gepäck wurde auf ein Holzgestell gelegt und mit Segeltuch bedeckt; nachdem auch die Böte aufs Land gezogen und die Lasten verteilt worden waren, machten wir uns am 11. Oktober auf den Weg. Wir betraten einen breiten, wenig verwachsenen Pfad, der augenscheinlich seit vielen Jahren benützt wurde; trotzdem war die Besteigung des Abhanges des 1100 m hohen Lasang Towong, über den der Weg zum Lasan Tujang hinaufführte, sehr beschwerlich. Der Berg trägt seinen Namen nach einem Long-Glat "Towong", der hier auf einer Handelsreise nach Serawak auf Anstiften _Bo Kulès_, mit dessen Frau er in intimem Verkehr stand, von seinen Reisegenossen ermordet worden war.

Der Grat auf dem in nördlicher Richtung verlaufenden Bergrücken war zwar nur wenige Meter breit, doch blieb der Pfad gut; nur mussten wir, da er ständig 50-100 m fiel und wieder stieg, vor Ermüdung sicher 10 Mal Halt machen, bevor wir den 1200 m hohen Punkt, von dem aus der Weg wieder zum Seliku abwärts führte, erreichten. Zu meiner Verwunderung standen auf diesem Teil des Weges zahlreiche Hütten, obgleich Trinkwasser nur schwer zu erlangen sein musste. Die Kajan erzählten mir aber, dass sie auf ihren Handelsreisen soviel Salz mitnahmen, dass sie es der Schwere wegen nicht auf einmal befördern konnten, daher legten sie den Weg in Etappen zurück und machten bisweilen 3-4 Mal den Weg von einer Station zur andern, was sie zwang, in dieser grossen Höhe zu übernachten und das Wasser in der Trockenzeit 3-400 m weiter unten zu holen.

Die Bäume, die den Pfad beschatteten, schützten uns zwar vor der brennenden Sonne, benahmen uns aber jede Aussicht. Nachdem wir 800 m tief ins Tal des Seliku hinuntergestiegen waren, betraten wir zu unserer Freude am rechten Ufer eine kleine Lichtung, die dadurch entstanden war, dass alle vorüberziehenden Gesellschaften hier ihr Lager aufschlugen und die nächsten Bäume fällten. Da hier in der Nähe wenig brauchbares Holz zu finden war, begnügten wir uns mit einer Punan-Hütte, die nur aus einer in einem Winkel von 60° geneigten Wand bestand. Indem wir diese mit Segeltuch bedeckten und auch seitlich, zum Schutz gegen den Regen, ein Segeltuch spannten, stellten wir uns in kürzester Zeit ein Nachtasyl her. Wir beiden Europäer schliefen in der Mitte, unsere Malaien an der einen und die Kajan an der anderen Seite. Zur grossen Beruhigung letzterer war mein Hund, der wie immer neben meinem Klambu schlief, diese Nacht sehr wachsam und schlug mehrmals an. Sein Gebell, das wahrscheinlich den um unser Lager schleichenden Tieren des Waldes galt, betrachteten unsere farbigen Reisegenossen als ein ausgezeichnetes Abschreckungsmittel für eventuelle Feinde, die uns in diesem gefürchteten Gebiet beschleichen konnten.

Als wir am anderen Morgen dem Bette des Seliku bis zum Fuss des Lasan Tujang folgten, begriffen wir, warum die Bahau lieber den Weg über den Lasan Towong einschlugen: das nur 10-12 m breite Flussbett ist nämlich entweder sehr tief und von senkrechten Wänden eingeschlossen, oder flach und dann voller Felsblöcke. Wenn die tiefen Stellen nicht durchwatet werden können, ist man gezwungen, längs des Ufers über hervorragende, glatte Schieferfelsen zu gehen, was gefährlich und anstrengend ist. Nicht nur wir beschuhten Europäer und unsere ungeschickten Küstenmalaien, sondern auch die schwer beladenen Kuli waren froh, dass wir bald den Fuss des Lasan Tujang erreichten. Dies ist ein steiler Kegel, der sich 150 m hoch über einen Grat erhebt und daher als Aussichtspunkt sehr geeignet ist. Auf dem steilen Pfade nahmen uns aber die Bäume jeden Ausblick, auch war die ganze Landschaft noch um 11 Uhr morgens in Nebel gehüllt. Auf dem Gipfel angekommen ruhten wir uns im Sonnenschein auf der kleinen Rasenfläche, die dem Gipfel wahrscheinlich seinen Namen gegeben hat (_lasan_ = Fläche; _tujang_ = grün) erst aus und liessen dann die Männer die Bäume an den südlichen, östlichen und westlichen Abhängen des Gipfels fällen; nach Norden, nach Serawak hin, war eine Aussicht weniger notwendig, auch war die Arbeit ohnehin schwer genug.

Vor ungefähr 20 Jahren hatte zwar _Kwing Irang_, als er sich während eines melo _njaho_ auf dem Lasan Tujang aufhielt, einen Teil des Waldes am östlichen Abhang, um Aussicht auf den Batu Tibang zu gewinnen, fällen lassen; doch hatten die Bäume jetzt bereits alle die gleiche, nicht bedeutende Dicke; leider war das Gebirgsholz hier wieder besonders hart.

Die Männer machten sich mit dem Eifer, den sie während der ganzen Reise zeigten, ans Werk; um m Uhr fielen bereits die ersten Bäume. Diese systematisch von unten an halb durchhacken und dann von oben ein paar grössere Exemplare so hinunterstürzen zu lassen, dass sie die unteren zugleich niederrissen, gelang nicht vollständig, weswegen die Kuli zwischen halb und ganz gestürzten Bäumen die noch stehen gebliebenen fällen mussten, eine schwierige Arbeit. Gegen Abend war der östliche Abhang doch so weit ausgehauen, dass wir eine freie Aussicht auf den Batu Tibang geniessen konnten. Der gewaltige Eindruck, den dieser Berg auf die Eingeborenen macht, beruht vielleicht ebenso sehr auf seinem Äusseren als auf der Tatsache, dass er ihren grössten Flüssen den Ursprung gibt. In der dunkelgrünen Masse der Urwälder, die alle bis 1800 m hohen Rücken bedecken, sind weder Felsen noch Bergstürze zu sehen, nur der Batu Tibang erhebt seinen spitzen Gipfel mitten in einem Gebirgsmassiv, dessen sehr steile weisse Wände sich aus der finsteren Umgebung, mit der sie in keinem direkten Zusammenhang stehen, leuchtend abheben. Es schien mir, dass dieses Massiv von den Bergrücken des Kettengebirges, das, von hier aus in südlicher Richtung gesehen, den gleichen Charakter wie am oberen Kapuas trägt, unabhängig ist. Das Massiv erhebt sich genau östlich vom Lasan Tujang in Form eines Kegels mit sehr steilen, grauweissen Wänden, die sich in einer Höhe von 1400 m nach innen neigen und dann mit schwacher Abdachung in 1800 m hohe, sehr spitze Gipfel verlaufen. Nach Norden, Nord-Westen und Ost-Süd-Osten entsendet das Batu-Tibang-Massiv Ausläufer; der südöstliche scheint mit einem hohen Rücken, der die Wasserscheide zwischen dem Gebiet des Kajan und des Oga bildet, zusammen zu hängen. Nach Süd-Osten kamen, getrennt von ihrer Umgebung, kleinere Massive von gleichem Charakter zum Vorschein. Der höchste Gipfel eines dieser Massive heisst Batu Tibang Ok (= kleiner Batu Tibang).

Wir sahen deutlich, dass das Flusstal des Teken in den Batu Tibang nach Westen tief einschneidet, dann gerade auf den Lasan Tujang zuläuft und sich um dessen Fuss nach Norden windet. Einige Malaien sagten mir später, dass der Teken ein Nebenfluss des etwas östlicher entspringenden Nangeian ist.