Quer Durch Borneo; Zweiter Teil

Chapter 52

Chapter 523,363 wordsPublic domain

Trotz der in der Regel grenzenlosen Verschwendung und dem ungezügelten Leben der Fürstenfamilien hätte deren Regierung nicht den höchst verderblichen Einfluss auf jeden Fortschritt ausüben können, wie es in Wirklichkeit der Fall ist, wenn nicht in Folge der mohammedanischen Vielweiberei die Nachkommenschaft der Fürsten so zahlreich geworden wäre, die auch, wenn sie bereits den untersten Gesellschaftsschichten angehört, ihrer Verwandtschaft noch Rechte zu entlehnen wagt. Hierdurch sind auch rechtschaffene malaiische Fürsten, die eine höhere Vorstellung von den Pflichten eines Regenten besitzen und die den Vorteil einer Entwicklung ihres Reiches einsehen, gezwungen, bei der Regierung stets das Hauptaugenmerk auf das Einkommen ihrer Familie zu richten; auch dann noch müssen sie aus Mangel an Mitteln ihre entferntesten Blutsverwandten häufig sich selbst überlassen. Diese trachten dann, auf ihre hohe Verwandtschaft gestützt, auf alle Weise, nur nicht durch Arbeit, ihren Unterhalt zu gewinnen, und den meisten Malaien und Dajak fehlt der Mut, sich ernsthaft gegen ihre Erpressungen aufzulehnen. Da es den Fürsten selbst an den nötigen Mitteln zu einem kraftvollen Auftreten gegenüber diesen schlechten Elementen mangelt, müssen sie dieses auch für sie selbst nachteilige Treiben stillschweigend mit ansehen; die näheren Blutsverwandten des Fürsten erhalten öfters Teile des Reiches als Apanage und leben dann mit ihren Familien von dem Einkommen, das sie durch feste Steuern oder die noch viel drückenderen willkürlichen aus der Bevölkerung zu erpressen suchen.

Unter diesen aus der malaiischen Herrschaft entstehenden Zuständen leiden am schwersten die direkt unterworfenen dajakischen Stämme. Von dem Los, das diesen in den grossen malaiischen Reichen zu Teil wird, können wir uns nach den Verhältnissen, die z.B. an den Westküsten in Sambas und Matan herrschen, eine Vorstellung machen. Auch im Sultanat von Sambas ist alles Land grösstenteils als Apanage an die Sultanssprösslinge verteilt. Die Dajak müssen hier eine nicht sehr hohe Steuer in Gestalt von Naturalien aufbringen, doch wird diese Summe dadurch bedeutend erhöht, dass der von ihnen gelieferte Reis z.B. in viel zu grossem Mass in Empfang genommen wird, während das Salz, der Tabak und bei Hungersnot auch der Reis, die sie von ihren Herren zu kaufen verpflichtet sind, mit viel kleinerem Mass gemessen werden. Am schwersten drücken die Dajak jedoch, wie gesagt, die ihnen willkürlich auferlegten Steuern, wie Lieferungen von Baumaterial, Böten, Lebensmitteln und persönliche Dienste, welche die Malaien so weit schrauben, als es möglich ist, ohne dass ihre Sklaven dabei völlig zu Grunde gehen.

Ausserdem unterlassen es die Steuereinnehmer und anderen Trabanten der malaiischen Herrscher nicht, die Dajak auch noch in ihrem eigenen Interesse zu bestehlen. Wie weit die Anmassung dieser Leute gehen kann, davon überzeugte ich mich einst selbst auf einer Inspektionsreise in Sambas, für welche mir der Sultan seinen Aufseher mitgegeben hatte. Als wir in einem trockenen Flussbett eine lagernde Dajakgesellschaft antrafen, unter welcher sich eine Frau befand mit einer schön gestickten Mütze auf dem Kopf und einer ebenso schönen Jacke im Tragkorbe, riss der Aufseher der Frau einfach die Mütze vom Kopf und nahm ihr die Jacke aus dem Korbe, ohne dass einer der Dajak etwas einzuwenden wagte. Der Mann fand sein Betragen so natürlich, dass ich ihn nur mit Mühe dazu brachte, die Sachen zurückzuerstatten. Dies geschah, trotzdem sich der Assistenz-Resident und der Sultan in derselben Gegend aufhielten.

In Matan, einem im südlichsten Teile der Wester-Afdeeling gelegenen Staate, fand ein Kontrolleur einst auf einer Reise ins Innere in einer inländischen Herberge einen Erlass des Sultans angeschlagen, in dem geschrieben stand, dass es den Malaien verboten sei, Dajak zu töten oder deren Hab und Gut zu vernichten.

Was von den ursprünglichen Dajak bei dieser Jahrhunderte dauernden Knechtschaft übrig geblieben ist, kann man sich leicht vorstellen: sehr arme, schwache Stämme, die für Wohnung und Kleidung das schlechteste Material gebrauchen und die körperlich und geistig weit hinter ihren Blutsverwandten tiefer im Binnenlande zurückstehen. Da, wo die Malaien ihre Macht über die Dajak nur der Lage ihrer Niederlassungen an den Flussmündungen verdanken, von wo aus sie die einzigen Handelswege beherrschen, sind nur die unmittelbar benachbarten Stämme mehr oder weniger steuerpflichtig, die höher hinauf wohnenden tatsächlich unabhängig. Doch werden auch sie durch Banden betrügerischer Händler ausgebeutet. Ab und zu treiben es die Malaien so arg, dass auch die Dajak die Geduld verlieren und einige Vertreter dieser gehassten Rasse niedermachen. Ein derartiger Vorfall bildet für die mit Gewehren bewaffneten Malaien, die ausserdem noch die ihnen kontraktlich zugesagte Hilfe des niederländischen Gouvernements beanspruchen, einen erwünschten Anlass, um durch Plünderung und Busse aus den Dajak noch eine Extraeinnahme zu erpressen.

Es ist klar, dass ein Staat, der seine Untertanen derartig behandelt, auf die im ganzen Stromgebiet wohnenden Stämme keinen Anspruch zu erheben hat. Trotzdem glaubt z.B. der Panembahan von Sintang der gesetzliche Herrscher des ausgedehnten Stromgebietes des Melawie zu sein, obgleich auch er keinerlei Verwaltung über die dort ansässigen Stämme ausübt und sich nur soweit um das Land bekümmert, als er und seine zahlreichen Familienglieder, je nach den zufällig herrschenden Zuständen, mehr oder weniger Profit aus ihnen ziehen.

Den Hass der dort lebenden noch kräftigen und wohlhabenden Dajak gegen die Malaien benützte ein energischer Dajakhäuptling aus Nanga Serawai am Melawie, namens _Raden Paku_, 1895, um die dajakische Bevölkerung gegen die sintangsche Herrschaft aufzuhetzen. Er hatte wegen früherer ähnlicher Versuche in Pontianak gefangen gesessen und war dann nach Sintang entflohen. Seinen Landsleuten erzählte er, dass die niederländisch-indische Regierung ihn als ihren Repräsentanten unter ihnen angestellt habe; als Beweis wies er ein Dokument vor in Gestalt einer mit vielen Medaillen bedruckten Rechnung für Photographien auf den Namen des damals in Nanga Pinau am Melawie wohnhaften Kontrolleurs. Der lebhafte Wunsch der Dajak, unter eine gesetzmässige, gerechte niederländische Verwaltung zu kommen und _Raden Pakus_ Einfluss brachten einen zeitweiligen Bund der Stämme am oberen Melawie zustande, und das erste, was sie taten, war, dass sie einige malaiische Niederlassungen am Hauptstrom belagerten und die sintangschen Beamten vertrieben. Der Panembahan selbst war völlig machtlos und wandte sich an den Residenten der "Wester-Afdeeling" um Hülfe. Dieser war der Ansicht, dass eine Befestigung der malaiischen Herrschaft unter den Dajak die Ruhe in diesen Gegenden am besten sichern würde, und rüstete und begleitete daher selbst Ende 1895 und Anfang 1896 eine militärische Expedition an den oberen Melawie. Mit Hülfe der Tebida-Dajak vom unteren Melawie unter Anführung einiger Kontrolleure wurde der Aufstand unterdrückt und _Raden Paku_ gefangen genommen, wodurch die Macht des Panembahan von Sintang grösser als je zuvor wurde. Statt nun einen Versuch zu einer tatsächlichen Verwaltung des Landes zu machen, wie man es von ihm erwartete, waren er und seine Familienglieder ausschliesslich darauf aus, noch drückendere Steuern als vorher zu erheben. Auch hatte er noch die Dreistigkeit zu bitten, dass der europäische Beamte für ihn die Steuern erheben möchte, weil es ihm zu gefährlich und kostspielig schien, es auf die Dauer selbst zu tun. Hierauf liess sich denn doch die Regierung nicht ein.

Auch im östlichen Teil der Insel wird die Selbständigkeitszeit und Kultur der Dajak durch malaiischen Einfluss immer mehr untergraben. Lange Zeit musste sich das Sultanat von Kutei hinsichtlich der Bahau, deren Niederlassungen erst weiter oben beginnen, mit der Rolle begnügen, welche die kleinen malaiischen Fürsten an der Mündung der Kapuasnebenflüsse spielten.

Da es für die Sultane nicht vorteilhaft war, sich mit den noch kräftigen Bahau in einen Kampf einzulassen, gaben sie sich damit zufrieden, das ganze Stromgebiet des Mahakam in der Theorie als ihr Eigentum zu betrachten, und gingen selbst so weit, auch das Land oberhalb der Wasserfälle als ihnen zugehörig anzusehen mit demselben Recht, wie der Verstorbene Resident _Tromp_ sich ausdrückte, als wenn die Niederländer auf die Schweiz Anspruch erheben wollten.

Nachdem jedoch der Vorrat an Waldprodukten im eigenen Reich erschöpft war, liess der 1899 verstorbene Sultan es sich angelegen sein, auch über die weiter oben wohnenden Bahau und ihre noch ungeplünderten Wälder seine Macht auszubreiten.

Die zwischen Long Bagung und Long Tepai gelegenen beiden Reihen grosser Wasserfälle und Stromschnellen, die nur unter günstigen Umständen passierbar sind, schützten die oberhalb derselben wohnenden Dajak vorläufig vor der Herrschsucht des Sultans, dagegen konnte sich die unterhalb der Wasserfälle lebende Bevölkerung dem kuteischen Treiben nicht völlig entziehen. Seitdem sich diese Stämme vor 2 Jahrhunderten hier niederliessen, sind sie an Zahl und Stärke sehr zurückgegangen.

Sie waren hier viel mehr den ansteckenden Krankheiten, wie Cholera und Pocken, die sich von der Küste aus bei ihnen verbreiteten, ausgesetzt. Solange sich ihre Häuptlinge jedoch ernstlich den Malaien widersetzten, wagten sich nur wenige Kaufleute aus Kutei ins Land der Bahau. Es glückte jedoch dem Sultan, die wichtigsten Häuptlinge der Bahau mit ihrem Gefolge zu einer Beratung über einen Palastbau nach Tengaron zu locken. Als diese arglos und nach ihrer Sitte mit Frauen und Kindern dort angelangt waren, verwendete sie der Sultan zum Palastbau und hielt sie unter allerhand Vorwänden und auch mit Gewalt so lange in Tengaron zurück, bis sie alle an Cholera und anderen Krankheiten starben oder sterbend in ihr Land zurückkehrten. 10 Jahre später, 1897, starb _Si Ding Ledjü_, der letzte Bahauhäuptling von Ana, der auf die Stämme unterhalb der Wasserfälle noch den grössten Einfluss besass und bis zu seinem Tod dem Sultan von Kutei Widerstand geleistet hatte. In den letzten Jahren seiner Oberherrschaft hatte sich eine Kolonie Buschproduktensucher unter einigen Fürstenabkömmlingen aus Kutei an der Mündung des Pari, eines Nebenflusses des Mahakam, im Lande der Bahau niedergelassen, um dieses auszubeuten. Zu gleicher Zeit und zum gleichen Zweck trafen auch Banden aus den Baritolanden, unter denen sich auch viele halb mohammedanische Dajak befanden, am Mahakam ein. Wie ich Anfang 1897 zu beobachten Gelegenheit hatte, wurden die Vergehen, deren sich diese Banden schuldig machten, durch _Si Ding Ledjüs_ noch einigermassen in Schranken gehalten; doch klagten die älteren Leute bereits damals über den schlechten Einfluss, den das Treiben dieser Leute auf das Leben der Bahau ausübte. Seit dem Tode _Si Ding Ledjüs_ verbreitete sich jedoch eine immer grössere Zahl von Glücksrittern aus Kutei über das Land, und 1899, bei meiner zweiten Reise flussabwärts, fiel es mir auf, wie schnell die ursprüngliche Bevölkerung unter dem schlechten Einfluss der fremden Eindringlinge ihre alten Gewohnheiten und Sitten verändert hatte.

Das wichtigste Zentrum für die Buschausbeutung befand sich damals in Uma Mehak, an der Mündung des Medang, eines Nebenflusses des Mahakam. Das ganze Flussgebiet hatte der Sohn des vorigen Sultans, _Raden Gondol_, der sich in Tengaron unmöglich gemacht hatte, mittelst eines Briefes seines Vaters, also quasi auf dessen Befehl, von _Edoh Lalau_, der Tochter eines in Tengaron verstorbenen Häuptlings _Lalau_, gegen eine geringe und nur halb bezahlte Vergütung erworben. Der erwähnte Sultansbrief hatte in Wirklichkeit jedoch einen ganz anderen Inhalt und nichts mit Buschausbeutung zu tun. Dieses fälschliche Recht auf die Ausbeutung des Waldes verkaufte _Raden Gondol_ stückweise an Banden aus Kutei und dem Barito und blieb selbst in Uma Mehak wohnen, wo er für seine Untergebenen eine Spielbank errichtete. Durch ihn und seine ebenso energische als hübsche Frau _Mariam_ wurden nicht nur die Dorfbewohner, sondern auch die flussauf- und abwärts reisenden Händler, welche in Uma Mehak Halt machten, gezwungen, ihr Glück im Spiel zu versuchen. Auch hielt er zahlreiche Kampfhähne, bezahlte jedoch den Einsatz nicht, wenn er verlor. Hier wurden auch die Bahau und Kenja, die mit Rhinozeroshorn, Bezoarsteinen und anderen Kostbarkeiten ihre Gebrauchsartikel einkaufen kamen, von dem Sultanssprössling in einer Weise ausgebeutet, die nur in der Schüchternheit dieser Leute gegenüber dem Sohne des Fürsten ihre Erklärung fand.

Durch sein Gefolge, das aus kuteischen Übeltätern bestand, die sich in den Palast seines Vaters geflüchtet und dadurch vor Strafe geschützt hatten, liess er bei seinen Gastherren in Uma Mehak Haussuchungen nach kostbaren Perlen und dergleichen vornehmen, die er in seiner Kasse verschwinden liess. Noch schlimmer war, dass er, wie mir aus zwei verschiedenen malaiischen Quellen mitgeteilt wurde, dreimal Schuldsklaven im Geheimen an Siang-Dajak aus dem oberen Barito verkauft hatte, wo sie auf den Gräbern von Häuptlingen zu Tode gemartert werden sollten.

Dergleichen gut bewaffneten, gewissenlosen Schurken gegenüber sind die Bahau machtlos. Sie lassen sich sogar von ihnen zu allem Schlechten verleiten, denn die energischen Fremden, welche die durch Buschprodukte verdienten Geldsummen bei Spiel und Hahnenkämpfen wieder verschleudern, machen besonders auf die jungen Bahau grossen Eindruck. Obgleich diese keine Alkoholika gebrauchen, vergeuden sie doch ihre Kraft und Zeit mit Spiel, zu hohen Einsätzen und vernachlässigen immer mehr den Ackerbau, was eine ständige Hungersnot im Dorfe zur Folge hat.

Die Einfuhr von hoch besteuertem Reis aus Kutei, der durch die Anwesenheit der vielen Fremden in Uma Mehak noch teurer geworden ist, kann der bereits verarmten Bevölkerung keine Abhilfe bringen.

Auch die Frauen bleiben diesen in Genuss dahinlebenden Fremden gegenüber, die mit Geld und Gut freigebig umgehen und sich auch die Spielschulden ihrer Männer mit ihrer Gunst bezahlen lassen wollen, nicht gleichgültig.

Die bereits früher hier vorgekommenen Diebstähle und Morde nahmen unter diesen Verhältnissen stark zu, und die ohnehin zu hinterlistigem Mord geneigten Bahau beteiligten sich häufig an diesen Missetaten. Von Juni 1899 bis März 1900 kamen unterhalb der Wasserfälle 10 Raub- und Rachemorde mit 25 Opfern vor. Seitdem _Barth_ dort im Juni 1900 als Kontrolleur eingesetzt worden ist, fanden keine Morde oder schwereren Diebstähle mehr statt.

Die Bahaustämme oberhalb der Wasserfälle lebten ihrer isolierten Lage wegen unter günstigeren Verhältnissen; trotzdem beunruhigten sich ihre Häuptlinge und Ältesten über die Zustände bei ihren Stammesverwandten weiter unten, besonders weil einzelne Banden von Waldproduktensammlern auch in ihrer Mitte bereits ihren nachteiligen Einfluss zu verbreiten begannen.

Berücksichtigt man, dass bis vor wenigen Jahren weitaus die meisten Forschungen unter den dajakischen Stämmen entweder flüchtig, auf der Durchreise, oder, wenn sie eine längerer Zeit umfassten, unter Stämmen vorgenommen wurden, welche bereits lange unter dem malaiischen Joch gelitten und deswegen von ihrer früheren Kultur nur wenig mehr übrig behalten hatten, dann wundert es einen nicht, dass die bei ihnen gewonnenen Resultate wenig Übereinstimmung mit denjenigen zeigen, welche man nach längerem Verkehr mit den ursprünglichen Dajak erhält.

Nach dem Vorhergehenden erscheint es Unzweifelhaft, dass der Verkehr der malaiischen und der dajakischen Rasse für das Lebensglück der letzteren verhängnisvoll geworden ist. Da diese Verhältnisse nicht nur für Borneo charakteristich sind, sondern im ganzen Archipel wiederkehren, gewinnt das Auftreten der Europäer unter diesen Völkern eine besondere Bedeutung. Um ihr Ansehen im indischen Archipel dauernd behaupten zu können, ist eine europäische Nation schon in ihrem eigenen Interesse verpflichtet, der fortwährenden Unruhe, welche durch die Erpressungen seitens der malaiischen Fürstensprösslinge und durch die ständig drohenden feindlichen Überfälle unter den ursprünglichen Stämmen hervorgerufen wird, ein Ende zu machen. Dass dies einer europäischen Regierung sehr wohl möglich ist, beweist die plötzliche Veränderung, die in den höchst nachteiligen Zuständen am Mittel-Makaham durch die Einsetzung eines Kontrolleurs zu Stande gekommen ist. Wir erkennen hier den grossen Einfluss, den auch ein mit wenig Mitteln ausgerüsteter Europäer durch verständiges, taktvolles Auftreten ausüben kann. In einem derartigen Falle erscheint ein Eingriff eines europäischen Volkes in das Lebenslos eines niedriger entwickelten durchaus gerechtfertigt; beruht dagegen die Ausbreitung der europäischen Macht auf Gewalt und mangelhafter Einsicht in die herrschenden Überzeugungen und die Verhältnisse der Bevölkerung und tritt noch Mangel an Takt seitens der zuerst auftretenden Europäer hinzu, so erwachsen hieraus für beide Teile verhängnisvolle Folgen.

Auf Borneo spürt man sowohl im englischen als im niederländischen Teil den segensreichen Einfluss, den seine Bevölkerung durch die Berührung mit einer europäischen Nation erfahren kann; die Beispiele sind dort treffender als in den noch halb unabhängigen malaiischen Nachbarreichen, wo die alten verrotteten Zustände noch fortdauern. Auf Grund ihres Vertrauens in die niederländische Regierung fügten sich vor einigen Jahrzehnten alle Stämme des Kapuasgebiets oberhalb Bunut unter ihre Herrschaft, sobald sich nur einige Male ein Staatsbeamter aus dem sehr entlegenen Sintang bei ihnen zeigte; Kontrakte wurden hierbei nicht geschlossen, doch wurden die Verordnungen treu befolgt und später eine mässige Abgabe bezahlt; Widerstand kam in diesen Gebieten bis jetzt überhaupt nicht vor. Sobald die Stämme am Mahakam ihre Angst vor den Niederländern, welche hauptsächlich durch die zu ihnen geflüchteten malaiischen Missetäter geweckt worden war, verloren hatten, wagten auch die Bewohner am Ober- und Mittellauf die beschirmende Hand der niederländischen Verwaltung anzurufen. Wie gern auch die Stämme im Quellgebiet des Melawie die malaiische Herrschaft gegen die niederländische vertauschen möchten, sahen wir bereits oben. Das Stromgebiet des Pinau, des südlichen Nebenflusses des Melawie, bietet hierfür ein weiteres Beispiel; es bildete bereits seit langem einen Zankapfel zwischen den Fürsten von Sintang und Kotawaringin an der Südküste und demzufolge herrschten dort unter der Bevölkerung von Malaien und Dajak höchst ernste Missstände. Nach Übereinkunft der indischen Regierung mit den betreffenden Fürsten, wobei beide ihre vermeintlichen Rechte abtraten, genügte die Ankunft des Kontrolleurs _Barth_ und einiger bewaffneter Schutzsoldaten, um die Fehden zwischen den Malaien und Dajak dort zu schlichten und die Zustände mehr nach europäischen Begriffen zu regeln. Dies entsprach so sehr dem Wunsche der Bevölkerung, dass bei der Kunde von der grossen Reise, welche _Barth_ in meiner Gesellschaft 1898 antreten sollte, ein vornehmer Häuptling von dort, _Raden Inu_, und zwei seiner Verwandten uns baten, unseren Zug mitmachen zu dürfen.

Der Eindruck, den unsere friedsame Besetzung des Mahakamgebiets auf diese Malaien machte, äusserte sich nachher auf eigentümliche Weise: als ihnen nach ihrer Heimkehr 1899 anlässlich ihrer uns bewiesenen Dienste von der niederländischen Regierung das vorteilhafte Anerbieten gemacht wurde, sich an einem Feldzuge gegen die Sonkong Dajak am oberen Sekajam zu beteiligen, schlug _Raden Inu_ diese Ehre ab mit der Begründung, er wisse nun aus eigener Erfahrung, dass ein gewalttätiges Auftreten gegen die dajakischen Stämme nicht die richtige Methode sei, um einen heilsamen Einfluss auf sie auszuüben. Für eine friedliche Regelung der Zustände, wie sie _Barth_ am Mahakam aufgetragen wurde, empfand er grössere Sympathie und so liess er seinen jungen Neffen und einen Verwandten _Persat_, der ebenfalls unsere Reise mitgemacht hatte, mit dem Kontrolleur an den Mahakam ziehen.

Vergleicht man die Zustände, wie sie unter den Bahaustämmen vor und nach der Festsetzung der Niederländer geherrscht haben, so zeigt es sich, welch eine richtige Einsicht die Häuptlinge dieser Stämme in ihre Lebensinteressen bewiesen, indem sie eine niederländische Einmischung selbst anriefen. In früherer Zeit hatten die Kaufleute am Unterlauf des Mahakam die Bahau durch ihren betrügerischen Handel dazu gebracht, die sehr viel mühevolleren Handelszüge nach Serawak zu unternehmen, wobei sie das nur unter grossen Schwierigkeiten schiffbare Quellgebiet des Mahakam passieren, das 1200 m hohe Grenzgebirge überschreiten und den Njangeian bis Fort Kapit hinabfahren, dann wieder in umgekehrter Richtung zurückreisen mussten. Obgleich die Reise je nach dem Wasserstande bisweilen Monate erforderte, schätzten die ökonomisch schlecht gestellten Bahau den Schutz, den sie von den serawakischen Beamten im Handel gegen Chinesen und Malaien genossen, so hoch, dass die mehr westlich wohnenden Stämme am oberen Mahakam ihre wichtigsten Lebensartikel lieber aus Serawak als vom unteren Mahakam bezogen. Die Reise ins englische Gebiet unternahmen die Kajan zum ersten Mal vor etwa 30 Jahren unter _Kwing Irang_. Sie gerieten jedoch bereits bei ihren ersten Zügen mit den dort ansässigen Stämmen, die sie unter dem Namen Hiwan zusammenfassen, in Streit. Schuld hieran trug ihre verhängnisvolle Gewohnheit, auf Handelsreisen bei günstiger Gelegenheit Köpfe zu jagen. Die Unfähigkeit ihrer Häuptlinge, beim eigenen Stamm oder bei Verwandten dergleichen Ausschreitungen zu unterdrücken, verschärfte noch die Feindschaft mit den serawakischen Stämmen; auch die Unterhandlungen zwischen den englischen Autoritäten und den vornehmsten Häuplingen _Kwing Irang_ und _Belarè_ brachten wenig Verbesserungen zuwege, weil diese eben nicht im Stande waren, ihre Stammesgenossen im Zaum zu halten. Um der Unruhe ein Ende zu machen, vereinigte die Regierung von Serawak 1885 zahlreiche Banden ihrer Batang-Lupar-Dajak, versah sie mit Gewehren und liess sie plötzlich einen Einfall in das Gebiet des Mahakam vornehmen, hauptsächlich zu den Pnihing, die der Grenze am nächsten wohnten.

Die aus Tausenden von Personen bestehende Kriegsmacht musste zuerst den Njangeian hinauffahren, dann das Gebirge überschreiten und an den Quellflüssen des Mahakam von neuem Böte bauen; wenn die Bahaustämme trotzdem völlig unvorbereitet überfallen wurden, so geschah dies wegen der ungeheuren Ausdehnung der Wälder, in denen monatelange Vorbereitungen unbemerkt vor sich gehen können, und wegen der grosse Sorge, mit der man von serawakischer Seite den Zug vor den weiter unten am Fluss wohnenden Stämmen geheim gehalten hatte. Trotzdem über 100 Böte hergestellt wurden, hatten die Bahau keine Späne den Fluss hinuntertreiben gesehen, woran für gewöhnlich die Gegenwart Fremder am Oberlauf erkannt wird.

Die Pnihingniederlassungen, auf die der Zug gemünzt war, wurden geplündert und verbrannt und allein in _Belarès_ Stamm 237 Personen getötet oder in Sklaverei geführt. Mangels einer europäischen Aufsicht fuhren die Plünderer den Mahakam noch weiter hinunter, als ihnen aufgetragen war, und verwüsteten auch die Dörfer anderer Pnihing und der Kajan. Seit der Zeit erdreisteten sich die Batang Lupar, auch in unmittelbarer Nähe der Bahau-Niederlassungen Waldprodukte zu rauben, so dass der früher verbreitete Schrecken fortwährend lebendig erhalten wurde. Erst nach Jahren wagten die an die Nebenflüsse geflohenen Stämme, sich wieder am Hauptstrom niederzulassen.