Quer Durch Borneo; Zweiter Teil
Chapter 5
Der Mittel-Mahakam befasst den Teil des Stromes, der zwischen den westlichen Wasserfällen und Udju Tepu liegt und schliesst die östlichen Fälle in sich ein. Er wird gänzlich von zahlreichen, aber kleinen Stämmen bewohnt, die sich beinahe alle noch an ihre Auswanderung aus dem hochgelegenen Stammlande Apu Kajan in dieses Tiefland erinnern. Weitaus die meisten derselben haben sich am Hauptstrom niedergelassen, nur wenige wohnen an seinen Nebenflüssen. Die wichtigsten von diesen sind: der Alan, Merah, Medang und Pari am linken, der Bunut und Rata am rechten Ufer. Der Merah ist insofern von Bedeutung, als man von seinem Oberlauf in einem halben Tage über Land an einen befahrbaren linken Seitenfluss des Lèn oder Tatyang gelangt, eines sehr grossen Flusses, der in den Unterlauf des Mahakam mündet und an dem sich der Kenjastamm der Uma-Timé und andere Stämme der Bahau, wie die Long-Bila, angesiedelt haben. Der Bunut und der Rata bilden zwei viel benützte Verbindungen zwischen dem Gebiet des Mahakam und dem des Barito. Längs des Bumst erreicht man in einem Tage den Murung; vom Rata führen Landwege nach dem Murung und dem Maruwi.
Was die Bevölkerung am mittleren Mahakam betrifft, so bilden am Hauptfluss selbst Mujub und Udju Tepu, wo der Stamm der Tring-Dajak lebt, ihre ersten Siedelungen; weiter aufwärts, in Ana, wohnen die Hwang-Ana, in Long Tram die Hwang-Dali, in Udju Halang die Uma-Luhat, in Lirung Kedawang die Uma-Mehak, in Sirau die Hwang-Sirau, in Long Way und Long Howong die Long-Way, in Boh die Long-Boh, in Laham die Uma-Laham, in Uma-Wak und Long Asa die gleichnamigen Stämme, in Uma-Mehak ein anderer Teil der Uma-Mehak und ein Teil der Uma-Tuwan. Die jetzt in Long Deho angesiedelten Stämme: die Long-Glat, ein Teil der Uma-Tuwan, Batu-Pála und Uma-Wak lebten bis vor kurzem unterhalb der Wasserfälle in Lirung Tika. In Long Bagung wohnten früher Malaien, die durch den Bumst mit dem Flussgebiet des oberen Murung (im Baritogebiet) Handelsbeziehungen unterhielten, aber gegenwärtig ist diese Niederlassung verlassen.
An den Nebenflüssen des Mahakam finden sich die Bewohner folgendermassen verteilt: am Rata haben sich die Stämme der Uma-Temha, Mahakam und Djinawang beieinander niedergelassen, am Pari die Uma-Lutan und Uma-Teliba; am Medang leben verschiedene Stämme im gleichen Dorfe vereinigt, was auch in den meisten anderen Niederlassungen der Fall ist. Der Grund für dieses Zusammenleben liegt hier, wie auch oberhalb der Wasserfälle, in dem Streben der stärkeren Stämme, ihre Seelenzahl und somit ihre Macht durch Einverleibung kleinerer, unterworfener Stämme zu vergrössern. Die Gesamtseelenzahl aller dieser Bahaustämme ist auf etwa 5000 Personen zu schätzen.
Neben diesen sesshaften Stämmen der ackerbautreibenden Bahau nomadisieren in den Quellgebieten der Nebenflüsse noch die Jägerstämme der Punan. An den linken Nebenflüssen sind es die Punanstämme der Lisum, Kohi, Lugat und Haput; die Namen der Stämme an den rechten Nebenflüssen sind mir unbekannt.
Die Bahaustämme bilden bereits seit Jahrhunderten die Bevölkerung des Mahakamgebiets, in welches sie, wie schon gesagt, ihren Traditionen zufolge, aus dem Apu Kajan eingewandert sind. Einige derselben tragen übrigens auch jetzt noch die Namen von Flüssen oder Bergen im Bohgebiet, das sie während ihrer Auswanderung passierten und in dem sie sich, ebenso wie die Uma-Timé bei ihrem Durchzug zum Tawang, zeitweise an verschiedenen Orten niederliessen. Die Uma-Boh, Kong-Glat, Long-Way und Temha führen ihre Namen nach dem Boh und seinen Nebenflüssen Glat, Way und Temha, während die Tring nach dem Berg Tring oberhalb der Ogamündung genannt wurden. Die Long-Glat scheinen als die letzten am Ende des 18. Jahrhunderts im Mahakamgebiet angelangt zu sein, wonach ein Teil von ihnen sich, nach einem vorübergehenden Aufenthalt oberhalb der Wasserfälle unter dem berühmten Häuptling _Bo Ledjü Aja_, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts unterhalb derselben niederliess.
Diese Stämme hat das Schicksal aller ihrer Verwandten getroffen, die aus dem hohen Gebirge in die Tiefländer ausgewandert sind; sie wurden hier mehr als in ihrem hohen, isolierten Bergland von der Malaria und von Infektionskrankheiten, wie Cholera und Pocken, die von der Küste bei ihnen eingeschleppt wurden, heimgesucht, so dass ihre Anzahl und Wohlfahrt abnahm. Unter den vielen Stämmen am Mittel-Mahakam ist dieser Degenerationsprozess bereits weit vorgeschritten, denn ihre Kopfzahl ist sehr gering und ihre Dörfer machen einen viel verfalleneren Eindruck als diejenigen im höher gelegenen Lande oberhalb der Wasserfälle oder in Apu Kajan. Während die Bewohner in den Gebirgsgegenden dank ihrer Arbeitsamkeit nur selten Hunger leiden, ist dies unterhalb des Kiham Halo häufig der Fall, so dass gegenwärtig viel fremder Reis auf dem Mahakam angeführt werden muss.
Die Anwesenheit der vielen Fremden in diesen Gegenden trägt, wie aus der Reisebeschreibung selbst schon hervorging, das ihrige zum Rückgang der Bevölkerung bei. Vom unteren Mahakam aus drangen, nachdem die Buschprodukte dort erschöpft waren, Buginesen und Kuteinesen, vom Barito aus Bakumpai, Ot-Danum und Liang in die noch unberührten Wälder am mittleren Mahakam, um diese auszubeuten. Diese Einwanderung der Fremden fand erst statt, nachdem die Häuptlinge der Bahau mehr und mehr unter den Einfluss des Kuteischen Sultanats geraten waren und die Händler, die diese Stämme besuchten, nicht mehr so grosse Gefahr wie in früheren Zeiten bei ihnen liefen. Etwa um 1892 oder 93 zogen die ersten Truppen von Buschproduktensuchern vom Barito unter Anführung des Maleien _Raden Djaja Kusuma_ in dieses Mahakamgebiet und gleichzeitig liess sich eine ähnliche Kolonie aus Kutei unter einem Abkömmling des Kuteischen Fürstenhauses an der Mündung des Pari nieder. Durch den grossen Einfluss, den die Lebensweise dieser Fremden auf die ursprüngliche Bevölkerung ausübte, haben deren Verhältnisse wesentliche Änderungen erfahren.
Die Niederlassungen unterhalb der Wasserfälle sind gleich wie die oberhalb derselben von einander unabhängig, nur hat bei jenen länger als bei diesen eine von _Bo Ledjü Aja_ abstammende Häuptlingsfamilie auf die vielen kleinen, schwachen Stämme einen grossen Einfluss geübt. Übrigens waren die Nachkommen dieser Familie infolge der auch hier herrschenden Vielweiberei unter den Häuptlingen so zahlreich, dass sie unter den Fürstenhäusern der meisten Dörfer Glieder zählte. Als im Beginn des 19. Jahrhunderts der genannte _Ledjü Aja_ mit einem grossen Teil der Long-Glat und den von diesen abhängigen Stämmen die Wasserfälle hinunterzog, gingen zugleich eine Menge Sklavenfamilien mit, die zu den ursprünglichen Mahakambewohnern, wahrscheinlich Ot-Danum gehörten, wodurch sich die Bahau hier, wie oberhalb der Wasserfälle, mit dieser Stammgruppe stark vermischten. Von diesen Sklavenfamilien sind gegenwärtig beinahe keine mehr übrig geblieben, weil sie durch Heirat in den anderen aufgingen. Im Jahre 1825 begegnete, wie an anderer Stelle bereits gesagt, _Georg Müller Ledjü Aja_, der damals als einer der grössten Häuptlinge dieses Gebietes galt. Am Ende der 40 er Jahre hatte sich einer seiner Söhne, _Kerta_, bereits als Häuptling in Udju Tepu festgesetzt. Mit diesem als dem einflussreichsten Manne hatten _Von Dewall_ und _Schwaner_ bei ihren Reisen am mittleren Mahakam zu unterhandeln. _Kerta_ war damals vom Sultan gänzlich unabhängig. Der jüngste Sohn _Ledjü Ajas_ war der 90 jährige _Bo Adjang Ledjü_ in Long Deho, der sich noch an _Georg Müller_ erinnerte. Im folgenden wird noch öfters von ihm die Rede sein.
Der Sohn _Kertas_, _Ledjü_, trat unter dem Einfluss des Sultans von Kutei, der ihn viele Jahre in Tengaron festhielt, unter dem Namen _Raden Temenggung_ zum Islam über. Er diente dem Sultan einerseits als Handlanger, um dessen Ansehen in den Gebieten oberhalb Udju Tepu zu verstärken, indem er die Macht des Kuteischen Fürsten, als seines Bundesgenossen, den anderen Bahauhäuptlingen gegenüber ausspielte, anderseits wusste er doch dafür zu sorgen, dass diese Macht sich nicht zu weit erstreckte.
Während _Raden Temenggung_ jahrelang in Tengaron gefangen lebte, breitete die Familie seines Halbbruders _Jok_, der in Lirong Tika als Häuptling der Long-Glat ansässig war, ihren Einfluss im Gebiet des Mittel-Mahakam immer mehr aus; die Eifersucht zwischen den Nachkommen dieser beiden Brüder hat sich bis jetzt noch erhalten. Um 1890 wurden alle grossen Häuptlinge dieses Gebiets ein Opfer der Cholera, die gerade zu einer Zeit in Tengaron ausbrach, als der Sultan die Bahaufürsten widerrechtlich jahrelang bei sich zurückhielt. Der junge Häuptling _Band Jok_ floh damals mit der Leiche seines Vaters aus Tengaron nach Lirong Tika und zog dann aus Furcht vor Kutei mit der ganzen Niederlassung nach Long Deho, oberhalb des Kiham Halo und Udang, wo dieser Teil der Long-Glat jetzt noch wohnt. Auch _Raden Temenggung_ starb an den Folgen derselben Krankheit in Udju Tepu. Auf ihn folgte sein Sohn _Ding_, der, als viel weniger kräftige Persönlichkeit, seinen Einfluss in diesem Bahaugebiet gegenüber seinem Vetter _Bang Jok_ stark abnehmen sah, trotzdem aber bis zu seinem 1897 erfolgten Tode niemals aufhörte, der Macht der Kuteischen Malaien entgegenzuarbeiten. Aus Eifersucht gegen ihn intrigierte sein Bruder _Brit_, später _Raden Mas_, fortwährend zum Vorteil von Kutei, doch lehnte auch er sich, nach _Dings_ Tode, gegen die zu anmassenden Forderungen von Kutei auf. Beide Brüder hatten jedoch nicht die Macht gehabt, den Strom von Buschproduktensuchern der Küste von ihrem Lande abzuwehren.
Die Bahau am oberen Mahakam haben in den Wasserfällen einen natürlichen Schutz gegen den Einfluss der Küstenmalaien gefunden; bei denen am mittleren Mahakam dagegen haben bereits seit Jahrzehnten zahlreiche Händler aus den tiefer gelegenen Gebieten verkehrt und die Dajak selbst sind auf den grossen, schiffbaren Flüssen öfters hinuntergefahren, um sich auf den Küstenmärkten mit verschiedenen Gebrauchsartikeln zu versehen. Ihre dajakischen Sitten und Gebräuche litten durch diese Berührung mit der Küste jedoch weniger als ihr Wohlstand, der bereits durch die mit den schlechteren klimatischen und hygienischen Verhältnissen verbundene Verminderung der Arbeitskräfte geschädigt, durch die Einführung von Spiel, Hahnenkämpfen und Wetten ernstlich untergraben wurde. In ihrer Kleidertracht behielten diese Stämme insofern ihre vorväterlichen Gewohnheiten, als sie den eingeführten Kattun und andere Stoffe auf altdajakische Weise verarbeiteten. Baumbastkleidung ist bei ihnen beinahe gänzlich ausser Gebrauch geraten, sogar bei Trauer wird statt dieser häufig weisser oder hellbrauner Kattun getragen. Kleiderverzierungen in Form ausgeschnittener Figuren kommen nicht mehr vor, und auch das Besticken der Frauenröcke, eine besonders bei den Long-Glat oberhalb der Wasserfälle sehr verbreitete Mode, ist bei diesen tiefer wohnenden Stämmen in Abgang gekommen. Die zum Islam übergetretenen Häuptlingsfamilien kleiden sich gern nach malaiischer Art, und auch die noch heidnisch gebliebenen Häuptlinge wie _Bang Jok_ finden ein malaiisches Kostüm ihrem Rang viel entsprechender als ihre alte Dajaktracht. Infolgedessen nehmen auch viele niedrigeren Häuptlinge und gewöhnliche Bahau, besonders die Männer, die malaiische Kleidung, hauptsächlich die Hose, an.
Das Tragen von Ringen in den weit ausgereckten Ohrläppchen ist unter Männern und Frauen noch allgemein gebräuchlich, auch ist die Tätowierung bei diesen noch sehr in Schwang. Trotzdem fiel es mir auf, dass die Frauen in Udju Halang z.B. sehr leicht zum Verkauf ihrer Tätowierpatronen zu bewegen waren, während ich mir diese bei den Stämmen oberhalb der Wasserfälle meist nur gegen sehr hohe Preise verschaffen konnte. Auch alte Schmuckstücke, wie Perlenarbeiten, waren hier leicht käuflich, wozu natürlich auch die Armut der Bevölkerung und ihre Kenntnis des Geldwertes beitrugen. Bezeichnend für letztere war, dass wir bei diesen Stämmen bereits viel mit Kupfergeld ausrichten konnten, während oberhalb der Fälle nur grosses Silbergeld Wert besass. Doch nahm man auch am mittleren Mahakam noch Tauschartikel, wie Lebensmittel, sehr gerne an.
Für den Ackerbau, der auch am mittleren Mahakam noch das Hauptexistenzmittel der Bewohner bildet, wird nur wenig Urwald mehr gefällt; dieser ist in der Nähe der Dörfer übrigens auch selten geworden. Die hier lebenden Bahau begnügen sich, wie die Malaien, mit dem Fällen von Gestrüpp und jungem Wald, weil diese Arbeit viel müheloser ist; später allerdings kostet das Jäten des in solchen Feldern massenhaft auftretenden Unkrauts viel mehr Anstrengung und Zeit, als anfangs erspart worden ist. Beachtenswert ist, dass _alang-alang_ in diesem Teil des Mahakamgebietes noch sehr wenig vorkommt und auf den abgeernteten Feldern junger Wald noch sehr schnell aufschiesst. Besonders bei den tiefer am Fluss wohnenden Stämmen leidet der Landbau sehr stark durch Überschwemmungen der flachen Ufer, auf denen ihre Felder häufig liegen; überdies übt die seit Alters häufig wiederkehrende grosse Trockenheit einen sehr nachteiligen Einfluss auf die Ernten. Die oberhalb der Fälle lebenden Stämme, deren Felder zwischen hohen Bergen in 150-250 m Höhe liegen und daher viel regelmässiger Regen erhalten, versahen die unteren Gebiete während vieler Jahre mit ihren Landbauerzeugnissen. Seitdem von der Seeküste aus am mittleren Mahakam Reis eingeführt wird und der Preis für diesen sehr gefallen ist, hat die höher wohnende Bevölkerung eine wichtige Einnahmequelle verloren. Dasselbe gilt für die selbstverfertigten Stoffe und Kleider; auch diese erreichen seit der Einfuhr europäischer und japanischer Ware in dieser Gegend nicht mehr den früheren Wert.
Unter allen Niederlassungen am Mittel-Mahakam ist die der Long-Glat in Long Deho eine der wichtigsten. Sie dankt ihr Ansehen teils der Persönlichkeit ihres Oberhäuptlings _Bang Jok_, teils der Zuflut von Fremden, die ihr Brot direkt oder indirekt durch Buschproduktesuchen in der Umgegend verdienen. Das Dorf selbst setzt sich aus verschiedenen kleinen Stämmen zusammen, wie dies auch bei den Long-Glat am oberen Mahakam der Fall ist. Bei einander wohnen die eigentlichen Long-Glat und die Ma-Tuwan, beide in ihren eigenen langen Häusern und unter eigenen Häuptlingen, während ein grosses Dorf der Batu-Pala und ein anderes der Uma-Wak, die beide unter direkter Abhängigkeit von _Bang Jok_, aber unter eigenen Häuptlingen stehen, etwas tiefer am Fluss gelegen sind. Neben _Bang Jok_ wohnte die schon erwähnte Familie seines Grossonkels _Bo Adjang Ledjü_, der keine bestimmte Funktion ausübte, durch seine Abstammung als Sohn des bereits genannten Kriegshelden _Bo Ledjü Aja_ jedoch grosses Ansehen genoss. Seinen Stammesgenossen bereitete er durch seinen Charakter und seinen Lebenswandel viel Ärgernis, denn er war stets unzuverlässig und den Frauen allzusehr ergeben. Infolge der von den Malaien übernommenen Sitte der Vielweiberei unter den Bahauhäuptlingen erlaubte er sich, nacheinander nicht weniger als 15 Frauen zu heiraten, ein Familienverhältnis, das seine Landsleute trotz seines langen Lebens unerhört fanden. Die Frauen waren teils gestorben, teils zu ihren früheren Wohnplätzen zurückgekehrt, nur 5 von ihnen lebten noch zu meiner Zeit mit ihren Kindern bei ihm. Die jüngste war bei seinem Tode etwa 25 Jahre alt. _Adjang Ledjüs_ Frauen stellten die Arbeitskräfte in der Familie dar, indem sie sich mit einigen erwachsenen Söhnen und Töchtern hauptsächlich dem Feldbau widmeten. Obgleich der Vater trotz seines Alters und seiner Kränklichkeit sich immer noch als pater familias behauptete, hatte sein ältester Sohn _Ibau Adjang_, der verheiratet aber kinderlos bei ihm wohnte, doch die eigentliche Leitung in Händen und vertrat die Familie nach aussen.
_Bang Jok_, der sich mit Vorliebe als Malaie aufspielte und kleidete und während seines langen gezwungenen Aufenthaltes in Tengaron eine starke Leidenschaft für Hazardspiel und Hahnenkämpfe entwickelt hatte, wurde von seiner einzigen Frau daran verhindert, auch der malaiischen Sitte der Vielweiberei zu fröhnen. Man redete im Dorfe zwar davon, dass er eine Tochter des Sultans von Kutei heiraten und zum Islam übertreten sollte, wodurch die Kuteinesen ihren Einfluss im Binnenland sehr zu verstärken hofften, aber die schnelle Einsetzung einer niederländischen Verwaltung [1] unter diesen Bahau und das Misstrauen _Bang Joks_ selbst vereitelten diesen Plan.
Angeborener Verstand, politische Einsicht und der Aufenthalt in Tengaron hatten _Bang Jok_ einen grossen Einfluss auf die übrigen Stämme verschafft, und nachdem er sich einmal oberhalb des Kiham Halo und Udang angesiedelt hatte, durfte er den Kuteinesen gegenüber leichter eine feindliche Haltung annehmen als die tiefer wohnenden Häuptlinge, wie _Ding Ledjü_ in Ana. Mehrere Morde an reichen Kaufleuten und Buschproduktensuchern, die _Bang Jok_ durch seine Sklaven und Punan ausführen liess, waren in den ersten Jahren die Folge seines Aufenthaltes im entlegeneren Long Deho. Er besass nämlich eine gewisse Anzahl Sklaven, nicht solche, die in seiner Familie von früheren Kriegsgefangenen geboren worden waren, denn diese waren auch bei den Long-Glat beinahe vollständig in die Stämme aufgenommen worden, sondern Schuldsklaven, die er ihrer Schulden wegen nach malaiischem und buginesischem Brauch bei sich zurückhielt. Dies waren daher auch keine Bahau, sondern Küstenbewohner, vor allem Buginesen. Sie liessen sich denn auch leichter zu dergleichen Schandtaten bewegen als die Bahau selbst, die weniger Mut besitzen und Morde aus Raubsucht selten begehen.
Noch ein anderer Grund, weswegen _Bang Joks_ Name bis ins Murunggebiet mit Schrecken genannt wurde, war die Macht, die er über die Punan am Boh ausübte. Wie die anderen Punanstämme lebten auch diese in starker Abhängigkeit von den in der Nähe ansässigen Bahauhäuptlingen, hier von _Bang Jok_, der auf dasjenige Gebiet der Nebenflüsse des Mahakam Anspruch machte, zu dem auch das ausgebreitete Land am Boh gehörte. Obgleich diese Abhängigkeit: in vieler Hinsicht äusserst schwach war, zeigten sich die Punan doch gern bereit, Kriegszüge für den Häuptling zu unternehmen, eine ihren Neigungen sehr entsprechende Aufgabe, der sie sich auch im Auftrag anderer Bahauhäuptlinge stets bereitwillig unterzogen. So ermordeten sie auf _Bang Joks_ Anstiften 1896 im Ogagebiet 5 Batang-Lupar, die hier aus Serawak eingedrungen waren, um Buschprodukte zu stehlen. Ein anderes Mal sandte er einige Punanmänner ins Launggebiet an den Murung, wo sie einem feindlichen malaiischen Häuptling und einer Frau die Köpfe abschlugen und mit diesen nach Long-Deho zurückkehrten. Dass diese geheimnisvollen Urwaldkrieger sich selbst nicht straflos misshandeln liessen, bewiesen sie, als sie um 1897 einen Mantri von _Bang Jok_ töteten. Dieser Mann, der die Punan zu Handelszwecken aufsuchte, musste die ungerechten Handlungen seines Häuptlings diesen gegenüber mit dem Leben büssen; _Bang Jok_ hatte ihnen nämlich einen auf seinen Befehl geraubten Sklaven abgenommen, ihnen denselben aber nicht vergütet. Ähnliche Dinge hatte er wohl schon öfters ausgeführt. Die Punan flohen nach dem Morde zwar aus dem Bohgebiet, aber dieses wurde nun sogar von den Bewohnern von Long Deho selbst als eine äusserst gefährliche Gegend angesehen, in der sie fortan weder zu jagen noch zu fischen Nagten.
Die Lage seines Dorfes dicht an der Mündung des Boh, des Hinund Rückweges nach Apu Kajan, verschaffte _Bang Jok_ auch viel Einfluss auf die Kenja, die den Mahakam besuchten und froh waren, diesen Fluss nicht zu weit hinunterfahren zu müssen, um allerhand Produkte kaufen und verkaufen zu können, wenn dies auch in Long Deho unter für sie äusserst ungünstigen Bedingungen geschah. Da _Bang Joks_ Grossmutter eine Kenjafrau war, fühlten deren Stammesgenossen sich noch mit dem Häuptling verwandt. Ohne dessen Zustimmung wagten sie denn auch keine Kopfjagd im Mahakamgebiet zu unternehmen, obgleich es _Bang Jok_ an Macht gefehlt hätte, um solch einen Zug mit Waffengewalt zu verhindern. Als ich 1899 den Mahakam bis über die Wasserfälle wieder hinauffuhr, lag eine Kenjabande unter Anführung von Punan am Nebenfluss Alan und wartete auf den ebenfalls von Tengaron aus flussaufwärts reisenden _Bang Jok_, um seine Zustimmung zur Fortsetzung ihrer Kopfjagd zu erhalten. Nach Erlangung derselben schlugen sie am Rata einigen Personen die Köpfe ab und flohen mit diesen eiligst nach Apu Kajan zurück. In Long Deho und den Nachbardörfern sah man die grossen Banden Kenja stets nur mit Angst den Boh hinunterfahren und in der Niederlassung Halt machen, weil die Bahau nicht stark genug sind, um tätlich gegen die Kenja aufzutreten, und sich daher alles mögliche von ihnen gefallen lassen müssen. Nach ihrer Gewohnheit nahmen die Bewohner von Apu Kajan im Vorüberfahren von den ärmlichen Feldern der Bahau, was sie an Zuckerrohr, Tabak u.s.w. brauchten, und bisweilen wurde wohl auch in Long Deho einem der Dorfinsassen von einem Kenja der Kopf abgeschlagen. Begreiflicherweise kamen die Bahau den Kenja nicht freundlich entgegen, doch kauften sie ihnen immerhin gern die Buschprodukte ab, die diese auf der Durchreise am Boh gesammelt hatten, um Marktgeld für ihre Handelszüge zur Küste zu gewinnen. Waren die Bahau ihren Besuchern auch nicht an Mut und Kraft überlegen, so verstanden sie doch, ihnen ihre Ware für die Hälfte oder weniger des Wertes abzunehmen.