Quer Durch Borneo; Zweiter Teil

Chapter 35

Chapter 353,441 wordsPublic domain

Am frühen Morgen des 3. August fuhren alle meine Malaien und die Kenja mit einer grossen Menge Gepäck den Boh aufwärts, während die Kajan noch den Rest ihrer Sachen vom Kiham Hida nach unserem Lager schafften. Abends sollten sich die beiden Gesellschaften jedoch wieder bei uns vereinigen. Gegen Mittag desselben Tages meldeten uns zwei Personen aus Long Tepai den Tod von _Bo Uniang_, den wir jeden Augenblick erwartet hatten. Das Herz klopfte mir im Gedanken an eine Vereitelung meines Zuges im letzten Augenblick; _Anjang Njahu_, der mich nach _Kwing Irangs_ Hütte abholen kam, gab mir jedoch im Geheimen zu verstehen, dass sein Häuptling selbst nicht nach Long Tepai zurück wolle, dass er aber des ungünstigen Eindrucks wegen, den es auf das Volk machen würde, seinen Wunsch nicht durchsetzen könne und ich ihn daher gleichsam mit Gewalt zurückhalten müsse, indem ich auf mein langes Warten, auf die bereits getroffenen Vorbereitungen u.s.w. hinweise. Gegen diesen Vorschlag hatte ich nichts einzuwenden und so liess ich mir ruhig von den Boten berichten, dass _Bo Uniang_ bereits seit langer Zeit an einer Bauchkrankheit gelitten hatte und zuletzt, wohl auch infolge der vielerlei schlechten Arzneien, welche Dajak, Malaien und Chinesen sie der Reihe nach hatten schlucken lassen, gestorben war. Die Boten waren nur mit der Verkündigung der Todesnachricht beauftragt und versuchten nur sehr schüchtern, _Kwing Irang_ zurückzuhalten; sie fuhren auch sehr bald weiter nach Long Deho. Von diesem Dorfe aus hatte man mir sagen lassen, dass man mir 2-3 Tage später ein Boot mit vollständiger Bemannung nachsenden wolle, aber _Midan_, der Überbringer dieses Berichtes, erklärte, die vornehmsten Long-Glat hätten sich so sehr dem Spiel ergeben und jeder litte so stark an Nahrungsmangel, dass an eine Ausführung des Planes in nächster Zeit nicht zu denken sei.

Durch plötzlich eingetretenes Hochwasser aufgehalten kam die eigentliche Gesandtschaft erst 2 Tage darauf, um _Kwing Irang_ offiziell nach Long Tepai zurückzurufen. Zum Glück hatte ich bereits morgens, laut unserer Vereinbarung, die Kenja in Gesellschaft von 6 Kajan in 2 Böten endlich den Boh hinauffahren lassen, um unsere Ankunft in Apu Kajan zu melden. Vorher hatte _Taman Ulow_ nochmals in _Kwing Irangs_ Gegenwart deutlich von mir hören wollen, was er _Bui Djalong_ als Begründung meiner Reise angeben solle, wobei ich kurz das "_nemè_ (Verbesserung) _urib_" (des Bestehens) der Bevölkerung am Mahakam und Kajan betonte, augenscheinlich zu beider Zufriedenheit. Zum Abschied musste ich _Ulow_ noch ein Kopftuch und seinen Gefährten ein Stück rotes, golddurchwirktes Zeug schenken, wie er sagte: "_nenè kenap deha njam_" "zur Verbesserung der Stimmung seiner jungen Mitgesellen." _Taman Ulow_ selbst war übrigens über sein Extrageschenk ebenso glücklich wie seine Genossen.

Der Gesandte von Long Tepai war niemand Geringeres als _Bo Tijung_, der vornehmste Dorfälteste, der mit seinen Begleitern in Kleidung, Haltung und Stimme die tiefste Trauer ausdrückend über die letzten Ereignisse in Long Tepai ausführlich berichtete und sich dann in eingehende Betrachtungen über das, was "man" von _Kwing_ erwartete, was die _adat_ verlangte und dergleichen mehr vertiefte. Alles lief darauf hinaus, dass _Kwing Irang_ zurückkehren und das Begräbnis seiner Schwester mit besorgen helfen müsse, wobei man mir das glänzende Vorbild von _Bo Ledjü Aja_ vorhielt, der auf die Nachricht vom Tode seiner Schwester hin von seiner angetretenen Kopfjagd nach dem Barito ebenfalls heimgekehrt war. Obgleich ich in den letzten Tagen bereits gehört hatte, dass zwischen _Kwing Irang_ und _Bo Tijung_ im Lager von Long Kawat bereits alle Massregeln für einen eventuellen Tod der alten _Bo Uniang_ getroffen worden waren, ging ich auf die Komödie doch ernsthaft ein. Seitens der Long-Glat waren die Vorstellungen vielleicht doch wirklich ernst gemeint, weil sie selbst jedenfalls nicht mitdurften, was für sie eine grosse Enttäuschung bedeutete, und sie _Kwing Irang_ überdies nicht die Ehre gönnten, als erster und mit mir die Reise zu den Kenja zu unternehmen. Sie zeigten sich denn auch nicht zufriedengestellt mit meiner Bemerkung, ein so grosser Häuptling, wie _Kwing Irang_, dürfe nicht wie ein gewöhnlicher Mensch dem Zug seines Herzens folgen, sondern müsse sich überwinden, wenn es wie hier im Interesse aller Mahakambewohner eine wichtige Reise zu unternehmen gelte. Wohl gab _Bo Tijung_ dies alles zu und bestätigte die Notwendigkeit unseres Unternehmens, doch wiederholte er auf die verschiedenste Weise, was die _adat_ bei solchen Gelegenheiten verlangte und wie man ihr früher gefolgt sei. Ich musste ihm denn auch deutlich machen, dass ich es ihnen allen sehr übel nehmen würde, falls _Kwing_, zurück ginge, nachdem ich so viele Monate auf ihre _adat_ und alle ihre Hindernisse Rücksicht genommen hatte, auch äusserte ich meine Verwunderung über die geringe Einsicht, die er an den Tag legte. Gegen diesen Vorwurf hielt _Bo Tijung_ nicht stand und behauptete, dass er die Verhältnisse selbst sehr gut einsehe, dass es aber seine Pflicht sei, mir die Ansicht der Leute auseinanderzusetzen.

Während unserer ganzen Unterhaltung sagte _Kwing_ nur sehr wenig, doch erklärte er sich zum Schluss, falls ich so fest auf seinem Bleiben bestehe, geneigt, mit den Boten von Long Tepai über das Begräbnis seiner Schwester zu beratschlagen. Mit dieser Erklärung zufriedengestellt eilte ich nach meinem Zelt zurück. Als ich abends, nach der Abreise der Long-Glat, den braven, alten _Kwing_ nochmals besuchte, äusserte er sich über seinen Beschluss, am Reiseplan festhalten zu wollen, sehr befriedigt. So wurden denn die letzten Vorbereitungen zu unserer eigenen Abreise getroffen.

KAPITEL XII.

Aufbruch von der Bohmündung am 6. August--Reise auf dem Boh und seinen Nebenflüssen Oga, Temba und Meseai--Landweg über die Wasserscheide--Begegnung mit unserer Gesandtschaft--Freundlicher Empfang seitens der Kenja in Apu Kajan--Einzug in Tanah Putih am 5. September.

Am 6. August brach nach einem hastig eingenommenen Frühstück für uns alle die Erlösungsstunde an. Die Böte waren zwar schwer beladen, konnten aber doch alles Gepäck aufnehmen. Die Natur schien unsere Feststimmung zu teilen, ein freundlicher Sonnenschein belebte das vor uns sich ausbreitende Flusstal. Das sehr niedrig stehende Wasser gestattete eine schnelle Fahrt und ermunternd wirkte der Eifer, mit dem unsere Bootsmänner ihre Ruder kräftig ins Wasser schlugen und an untiefen Stellen ihre Fahrzeuge mit den Stangen vorwärtsstiessen.

Unser Lagerplatz hatte sich an einer sehr engen Flussstelle befunden, weiter oben erweiterte sich das Bett bis auf 100 m und mehr und breite Schuttbänke lagen bloss zu beiden Seiten. Wir hielten an diesem Tage ständig am linken Ufer und kreuzten nicht wie gewöhnlich, zur Vermeidung der starken Strömung, von der einen Uferbucht nach der anderen, auch blieb mein Boot während der ersten Hälfte der Fahrt immer das vorderste. Da wir zufällig an der linken Uferseite fuhren und die andere zu weit entfernt war, hörten meine Ruderer den ersten wahrsagenden Vogel zuerst rechts von sich. Er prophezeite also eine glückliche Reise, ein Umstand, der den Kajan und Pnihing, wie ich später erfuhr, während der vielen Schwierigkeiten, welche diese Reise mit sich brachte, zu grossem Trost gereichte.

Nach dreistündiger Fahrt passierten wir eine Landzunge, auf der unsere Malaien einige Tage vorher das Gepäck unter alten Segeltüchern niedergelegt hatten; gegen Mittag fuhren wir an der Mündung des Mujut vorbei und setzten die Reise noch bis 1/2 4 Uhr nachmittags in einem Stück fort, bis wir einen eben erst verlassenen Lagerplatz erreichten, auf dem unsere Gesandtschaft augenscheinlich übernachtet hatte. Dieser Fleck war günstig gelegen, nämlich an der Mündung eines kleinen Nebenflusses, wo eine Schuttbank am Ufer abends ein Ausruhen unter freiem Himmel gestattete, so dass man nicht zu ständigem Aufenthalt im schwülen Walde gezwungen war. Oberhalb Long Mujut verändern Bett und Ufer des Flusses sehr bald ihren Charakter; die breite Wasserfläche mit den flachen, waldreichen Ufern wird ziemlich plötzlich verengt durch steil aus dem Bett sich erhebende Hügel und Berge, welche auf einigen Strecken eine wilde, mit dichtem Busch bedeckte Landschaft bilden. Sehr bald gestattete die Höhe der Ufer überhaupt keine Übersicht mehr, und mussten wir uns bis zum Schluss der Reise mit unserer unmittelbaren Umgebung zufriedenstellen, die übrigens wegen der sehr schwierigen Fahrt unsere ganze Aufmerksamkeit zu erfordern begann.

_Kwing Irang_ gab mir abends, als wir nebeneinander auf der Schuttbank sassen, einen Beweis von dem Ernst, mit dem er unser Unternehmen auffasste, durch seinen Vorschlag, nicht sämtliche Männer das im Walde zurückgelassene Gepäck abholen zu lassen, sondern diese Arbeit nur den Malaien aufzutragen und die Kajan inzwischen mit einem anderen Teil des Gepäckes so weit als möglich wieder flussaufwärts zu senden, damit wir bereits am übernächsten Tage weiterreisen konnten. Das geschah denn auch; bereits um 3 Uhr nachmittags waren die Malaien wieder bei uns zurück, während die Kajan erst nach Einbruch der Dunkelheit den Fluss wieder herabgefahren kamen; sie hatten jedoch den folgenden Lagerplatz unserer Gesandtschaft wieder erreichen können.

Am 8. August konnte ich den Kajan nur mit Mühe begreiflich machen, dass wir jetzt mit allem Gepäck zugleich die Fahrt fortsetzen konnten; sie hielten dies für unmöglich, weil ihnen augenscheinlich ein Überblick über Gepäck und Böte fehlte. Als aber alles geladen war und die Böte in dem noch stärker gefallenen Wasser doch noch fahren konnten, machten sich alle wohlgemut auf den Weg. Das Tal des Boh wurde enger und enger und die steilen Lehmfelsen der Ufer trugen nur noch an wenigen Stellen ein Pflanzenkleid; grosse Felsblöcke lagen auch im Flusse selbst und zwangen uns, mit viel Überlegung zwischen ihnen hindurchzufahren.

An einer Stelle, wo der Fluss eine 400 m hohe Hügelreihe durchbrach, musste alles Gepäck 3 Mal nacheinander aus den Böten genommen werden, um diese mittelst Rotang die Wasserfälle hinaufziehen zu können. Dies geschah an der rechten Uferseite, weil sich links eine lotrechte Felswand hoch über die Wasserfläche erhob. Einer dieser Wasserfälle hiess Kiham Hulu; erst gegen 2 Uhr hatten wir sie passiert und ging die Fahrt zwischen sehr steilen Ufern und kleinen Felsblöcken im Flusse weiter. Das uns umgebende dunkel lehmfarbige Gestein und das über die Felswände hängende tiefe Waldesgrün machten einen finsteren Eindruck; die Abwesenheit jedes menschlichen Wesens wirkte noch dazu, wie übrigens auf der ganzen Reise, niederdrückend.

Anderthalb Stunden oberhalb des Kiham Hulu schien ein 30 m hoher Block den Fluss gänzlich abzuschliessen; in der Nähe jedoch zeigten sich zu beiden Seiten desselben 6-7 m breite Spalten, durch die wir die Böte hinaufziehen lassen mussten. Der schön rote, aus dünnen Jaspisschichten bestehende Felsblock bot seiner Steilheit wegen den Kajan zum Hinaufklettern keine Stützpunkte, so dass diese die Böte nicht, wie üblich, von oben mit Rotangseilen um ihn herumziehen konnten; wir hätten trotz des sehr günstigen Wasserstandes nicht gewusst, wie die starke Strömung in dieser Enge überwinden, da auch die beiden Ufer aus sehr steilen, unzugänglichen Felsen bestanden, wenn sich nicht an dem zu einer Art von untiefen Bai ausgehöhlten rechten Ufer eine grosse Menge toten Holzes, worunter schwere Bäume, aufgestapelt gehabt hätte, welch letztere so hoch an der Felswand hinaufreichten, dass die Kajan über diese hinweg eine niedrigere Stelle der Wand erklimmen konnten. Hier fanden ihre blossen Füsse einen genügenden Halt, um die Fahrzeuge an zugeworfenen Rotangkabeln durch die Enge zu ziehen. Diese war nur 25 m lang, doch lagen dicht oberhalb derselben wieder 3 grosse Blöcke im Flusse, der sich zwischen diesen mit vielen Stromschnellen hindurchwand. Auch hier mussten die Böte an Rotangkabeln gezogen werden, was bei höherem und daher ungestümerem Wasser unmöglich gewesen wäre. Zum Glück erreichten wir bald die Stelle, wo unser Gepäck lag, und konnten uns von allen Anstrengungen erholen. Nach _Demmeni_ hatten wir an diesem Tage einen Abstand von 11 km zurückgelegt und zwar gerade in nördlicher Richtung. Ich hatte jetzt, wo _Bier_ nicht mehr da war, um den Fluss sorgfältig topographisch aufzunehmen, mit _Demmeni_ verabredet, dass er unseren Reiseweg auf dieselbe Weise messen sollte, wie er es im Jahre 1896 am Mahakam getan hatte, nämlich indem er die Flussrichtung mit der Handbussole bestimmte und die Abstände schätzte. Damals hatten _Demmenis_ Messungen eine Karte mit relativ kleinen Fehlern ergeben; so war es denn auch jetzt der Mühe wert, dass _Demmeni_ sich während der ganzen Reise ernsthaft dieser Arbeit widmete.

Abends brachten mir die Pnihing einen 3/4 m langen, eigentümlichen, rotbraunen Fisch, _keto_ genannt, der nach der Meinung aller Anwesenden nur im Boh vorkam, während eine nahe verwandte Art im Mahakam lebte und eine graue oder graue und schwarze Marmorierung zeigte.

Am anderen Morgen luden Eingeborene und Malaien wieder ihre Böte und dehnten ihre Fahrt so weit aus, dass sie erst nach Sonnenuntergang zurückkehrten. Nach ihrem Bericht kamen in diesem Teil des Boh bis zur Mündung des Oga, den sie erreicht hatten und ein Stück weit hinaufgefahren waren, keine Wasserfälle mehr vor. Das war allerdings wahr, im übrigen erwies sich aber das Flussbett am folgenden Tage als äusserst ungünstig für die Fahrt. Trotz des noch tieferen Wasserstandes verhinderte die wegen der zahlreichen, das Flussbett verengenden Blöcke sehr heftige Strömung ein schnelles Vorwärtskommen, auch mussten wir ständig auf der Hut sein, nicht auf einen unter Wasser liegenden Felsen zu stossen; bei der so viel schnelleren Talfahrt musste diese Gefahr noch viel grösser sein. Häufig zogen die Kajan die Böte an Rotangkabeln längs des Ufers vorwärts. Gegen 1 Uhr erreichten wir die Ogamündung. Am rechten Bohufer hatten unsere Gesandten unter den überhängenden Bäumen einen langen Stock derart in den Boden gepflanzt, dass sein freies Ende nach dem Nebenfluss wies; ungefähr 1500 m weiter im Oga fanden wir unser aufgestapeltes Gepäck. Das Nachtlager der Kenja musste jedoch noch weiter oben liegen, weil sie mit ihren leichter beladenen Böten auch grössere Tagereisen zurücklegen konnten.

Das Gestein, das wir an diesem Tage im Boh angetroffen hatten, glich völlig demjenigen im Stromgebiet des Mahakam; es bestand meistens aus dunklen Schiefern, die mit sehr regelmässig gelagerten Jaspisschichten von weissgrauer, roter und schwarzer Farbe abwechselten. Der Oga erwies sich als 30-50 m breiter Nebenfluss, der sich in die dunklen Schiefer ein schmales, tiefes Bett mit steil aufsteigenden Seitenwänden gegraben hatte. Seine Ufer waren bis hoch hinauf gänzlich nackt, erst weiter oben setzte der Busch an mit senkrecht stehenden, 50-70 m hohen Waldriesen, während die in anderen Flüssen so charakteristischen stark überhängenden Bäume hier im harten Gestein aus Mangel an Raum zum Wurzelfassen gänzlich fehlten.

Wir waren zeitig genug angekommen, um die Helligkeit noch zu allerhand Arbeit benützen zu können, besonders weil unsere Hütten bereits Tags zuvor aufgeschlagen worden waren.

Die Malaien wollten noch am Boh Hirsche jagen, wahrscheinlich trieb sie aber nur die Neugier noch weiter den Fluss hinauf. _Tamoi_, einer unserer besten Malaien, wollte sich jedoch gut ausrüsten und bat daher um mein Winchester Repetiergewehr, das ich ihm auch gab. Abends kehrte die Gesellschaft aber unverrichteter Sache heim und _Tamoi_ gab mir das Gewehr mit sehr bedrücktem Gesicht zurück, über seine Jagderlebnisse, die bereits die Lachlust der Kajan erregten, berichtete er mir aber nichts. Seine Kameraden erzählten jedoch, ihr Anführer habe, dem Ufer des Boh entlang gehend, hinter einer Windung plötzlich vor 3 Hirschen gestanden und auf 30-40 m Abstand dreimal auf sie geschossen, ohne zu treffen, und die Tiere seien trotzdem stehengeblieben. Erst als auf die vielen Schüsse ein anderer Malaie angelaufen kam, seien die Hirsche im Walde verschwunden; die Tiere kannten in dieser friedlichen Gegend kein Misstrauen. Dieselbe Beobachtung hatten wir übrigens bei unserer Expedition ins Quellgebiet des Mahakam bereits gemacht. Die Fröhlichkeit unserer Malaien über das Abenteuer machte bald einer bitteren Enttäuschung Platz, weil wir alle seit Monaten nur Fische als Fleischspeise genossen und uns daher auf einen Wildbraten gefreut hatten; der arme _Tamoi_ musste sich seiner Ungeschicklichkeit wegen viele Sticheleien gefallen lassen.

Die Kajan begannen früh am anderen Morgen hoch über der Erde eine kleine Reisscheune zu errichten; sie erzählten, es sei bei ihnen Sitte, auf dergleichen gefährlichen und langen Reisen hier und da im Walde einen Reisvorrat zu verstecken, damit sie bei einer eventuellen eiligen Flucht, bei der sie ihr Gepäck zurücklassen müssten, einen Reservefonds fänden. Auf der Rückreise von Apu Kajan würde uns dieser übrigens ebenfalls von grossem Nutzen sein. _Kwings_ Sohn _Bang Awan_ begrub überdies unter der Hütte einen emaillierten eisernen Teller, aus Furcht, dass die Kenja sich diesen von ihm ausbitten würden; andere hingen unter dem Dach einige dicke Kriegsmützen aus Rotang auf, die sie sich abends als wirksames Verteidigungsmittel gegen die so gefürchteten Kenja geflochten hatten. Leider konnte ich nicht kontrollieren, wieviel Reis die Kajan in ihren Böten übrig behalten hatten, sonst wäre ich ernsthaft gegen die Zurücklassung einer so grossen Menge aufgetreten, denn, wie es sich später erwies, reichten sie bei weitem nicht damit aus.

Die Kajan hielten es in diesen so gut wie nie besuchten Wäldern für überflüssig, die Reisscheune besonders zu verbergen, auch würden in diesem Gebiet umherschweifende Punan sie nach ihrer Meinung doch entdeckt haben. Gegen diese baten sie mich aber, die Hütte durch Anhängen einiger Stücke Zeitungspapier zu schützen, das seiner geheimnisvollen Buchstaben wegen auf die Bewohner Mittel-Borneos stets einen sehr tiefen Eindruck macht. _Kwing_ hatte früher bereits seinen Untertanen das Fischen weiter oben im Blu-u durch ein an einen Rotang befestigtes Papierstück verboten (Teil I Taf. 67). Aus der Vorstellung der Dajak, dass die Menschen lesen können, weil die Buchstaben ihnen etwas zuflüstern, lässt sich ihre Ehrfurcht vor allem Gedruckten und Geschriebenen begreifen. Ein eigenartiges Beispiel von der Wirkung, welche ein Brief ausüben kann, werden wir bei den Kenja kennen lernen.

Infolge der grossen Menge zurückgelassenen Reises war unser Gepäck stark vermindert, und da auch unsere 65 Mann täglich ein bedeutendes Gewicht verzehrten, brauchten sich an diesem Tage nicht alle mit dem Gepäcktransport abzugeben. _Bang Awan_ fand daher die Musse, um sich zur Vorbereitung unseres weiteren Zuges nach dem oberen Oga auf Kundschaft zu begeben; gleichzeitig wollte er ein Wildschwein zu erlegen versuchen, weswegen der sachverständige _Abdul_ ihn begleiten sollte. Einen Teil der Malaien behielt ich bei mir zurück, weil ich die Geröllbänke oberhalb der Ogamündung im Boh untersuchen wollte, teils um das Gestein dieses Stromgebietes kennen zu lernen, teils um mich davon zu überzeugen, ob der Schmuckstein der Bahau, der Batu Boh (ein Serpentin), von dort oder aus dem Oga stammte. Eine schöne Sammlung von Schmucksteinen aus alten Schiefern, Hornstein und Jaspis konnte ich abends als Resultat meines Ausfluges in ein leeres Salzgefäss verpacken und in die Reisscheune stellen, um es auf der Rückreise wieder mitzunehmen.

Unser Gepäck wurde an diesem Tage flussaufwärts bis oberhalb Long-Glat geschafft, der Mündung des Glat, eines rechten Nebenflusses des Oga, nach dem die Long-Glat ihren Namen tragen. Zu unserer aller Freude brachte _Bang Awan_ abends wirklich ein Schwein mit, so dass wir nach langer Zeit wieder frisches Fleisch zur Mahlzeit geniessen konnten.

Am 12. August brachte ich meine Malaien und Kajan nur mit Mühe und erst um 1/2 9 Uhr in Bewegung. Nur zu bald lernte ich den Grund ihres geringen Eifers kennen. In dem engen, von hohen Bergwänden eingeschlossenen Tal des Oga, wo sich keine Schattenbäume über den Fluss neigten, war es drückend heiss und eine beinahe ununterbrochene Reihe von kleinen und grossen Wasserfällen erschwerte die Fahrt in hohem Grade. Nicht weniger als 27 Wasserfälle und Stromschnellen versperrten den Weg; von jenen war einer 3 m hoch, während diese bis zu 70 m lang waren. Die stets gleich steil bleibenden Ufer verhinderten häufig ein Schleppen der Böte mittelst Rotang und die Felsblöcke im Bette lagen so dicht beieinander, dass die meisten Fahrzeuge nur mit Mühe hindurchkonnten und das meine ab und zu hinübergehoben werden musste. Als wir um 4 1/2 Uhr abgemattet und von Kopfschmerzen geplagt den Lagerplatz unseres Gepäckes erreichten, waren wir alle froh, die Böte verlassen zu können. Unsere Nachtruhe wurde jedoch stark durch unsere Hunde gestört, die unter grossen Mengen Agas (kleiner Mücken) sehr zu leiden hatten.

Auf _Kwings_ Vorschlag, am anderen Tage auszuruhen, ging ich denn auch bereitwillig ein; übrigens war von eigentlicher Ruhe, wie gewöhnlich an solchen Tagen, keine Rede, nur benützte ihn jeder, um zu tun, was er wollte. Einige Männer beschäftigten sich damit, den Rotang an den Böten zu erneuern, die Haken an die Bootsstangen von neuem zu befestigen und die Speere zu untersuchen; andere begaben sich in den Wald, um den dicken Bambus, _betong_, der am Mahakam beinahe nicht vorkommt, zur Herstellung von Bambusgefässen zu schneiden. _Kwing Irang_ selbst begab sich in grösserer Gesellschaft und in mehreren Böten an den oberen Oga, um dort zu jagen und zu fischen, und kehrte abends mit der guten Nachricht zurück, dass er keinen Menschen noch frischen Spuren von solchen begegnet sei, einen Hirsch erlegt und nicht weniger als 12 _njaran_, salmartige Fische, gespiesst habe. Auch eine Truppe Pnihing, die den Glat hinaufgefahren, und eine andere, die zur Erforschung des Temha oder Pawil ausgezogen war, hatte zur grossen Beruhigung aller keine Menschen gesehen.

Je weiter wir den Fluss hinauffuhren, desto ängstlicher war unsere Gesellschaft geworden und baute daher, wo das Gelände es zuliess, ihre Hütten zum Schutze um die unsere herum. Einen zum Aufschlagen des Lagers geeigneten Platz zu finden, war übrigens nicht immer leicht; am Temha, den wir vom Oga aus hinauffahren mussten, sollte dies nach Angabe der Kenja noch schwieriger sein; wir hatten daher mit ihnen vereinbart, dass sie uns durch Zeichen die Stellen angeben sollten, an denen wir übernachten mussten und nach 12 Uhr mittags nicht vorüberfahren durften.

Am 14. August machten sich alle schon sehr früh auf, um das Gepäck so hoch als möglich den Temha hinaufzuschaffen, so dass wir mit _Kwing_ einen sehr ruhigen Tag zubrachten. Erst beim _liling duan_ (Singen der Zikade bei Sonnenuntergang) kehrten die Böte mit der Meldung zurück, dass sie bis zu einer sehr engen Stelle im Temha gekommen seien, wo die sehr steilen Wände zum Stapeln des Gepäckes nur hoch über der Wasserfläche einen Platz geboten hätten.