Quer Durch Borneo; Zweiter Teil

Chapter 34

Chapter 343,466 wordsPublic domain

Wie gesagt, verstehen sich lange nicht alle Bahau gut auf das Fallenlegen; nach ihrer Überzeugung hängt der Erfolg auch viel mehr von der Beachtung aller Vorsichtsmassregeln beim Aussetzen der Schlingen als von der dabei befolgten Sorgfalt ab. Vor allem muss der Tag schön sein, ohne Regen und Nebel; Unbeteiligte dürfen von der Unternehmung eigentlich nichts wissen, auch mag man sich über das erwartete Resultat nicht auslassen. Eine grosse Gesellschaft ist beim Bau der Hecke unerwünscht; am besten ist es, wenn ein oder zwei Männer sich ohne Mitwissen anderer auf den Weg machen. Dem Fallensteller darf vorher auch kein guter Erfolg gewünscht werden, eine Regel, die übrigens für alle Jäger und Fischer gilt und gegen die ich mich anfangs aus Unwissenheit recht häufig versündigte.

Nicht nur Menschen, sondern auch Hunde jagen bei den Mahakambewohnern nur nach einer vorhergehenden Beschwörung mit Erfolg. Während meines Aufenthaltes an unserer vorhin erwähnten Jagdstation am Blu-u fürchtete _Kwing_ einmal, dass seine Hunde nach einigen schlechten Vorzeichen die ersehnte Wildschweinbeute nicht liefern würden. Er suchte daher einige Blätter von _daun long_, die gegen böse Geister wirksam sind, packte seinen besten Hund beim Nacken, klopfte ihm, einige Sätze murmelnd, mit dem Blatt 8 Mal auf den Kopf und nahm dann mit dem Hinterteil des Tieres dieselbe Prozedur vor, worauf er dieses in die Höhe hob und mit kräftigem Schwunge an einer tiefen Stelle ins Flüsschen Dingei warf. Auch seine beiden anderen Hunde kamen an die Reihe, und da ich _Kwings_ Beschwörungen aus einiger Entfernung nicht verstehen konnte, brachte ich ihm meinen Sultan zur gleichen Bearbeitung. Während er nun auch diesen mit demselben Eifer beklopfte, gab er ihm den Auftrag, an diesem Tage im Aufspüren des Wildes sein Bestes zu leisten und sich besonders auf die Schweinejagd zu verlegen. Um den Erfolg seiner Bemühungen nicht zu vereiteln, warf nun auch ich meinen Hund mit kräftigem Schwung in den Fluss, voll Vertrauen auf ein günstiges Resultat. Leider brachte uns dieser Tag nur Enttäuschung, die Hunde schlugen sogar kein einziges Mal an.

Sehr auffällig war es, dass die Kajan so sehr wenig auf die Gewohnheiten des gesuchten Wildes zu achten verstanden; einst mussten wir ihrer Ungeschicklichkeit wegen die Verfolgung eines wilden Rindes sogar aufgeben. Zwar töteten sie später einen durch Verwundung erschöpften Stier, aber mit so vielen Speerstichen, dass sein Fell nicht mehr zu gebrauchen war. Einige Kajan eilten sogar nachdem das Tier schon niedergemacht war, noch herbei und durchstachen zum Beweis ihres Mutes auch die Leiche noch mit dem Speer.

Die Punan verstehen sich als Jägerstamm wahrscheinlich besser auf die Jagd, doch habe ich sie nicht selbst beobachten können. Grosse Tiere, wie das Nashorn, wissen übrigens auch sie nicht auf rationelle Weise zu erlegen. Hat nämlich jemand die Spur eines Nashorns entdeckt, so vereinigt sich eine grosse Anzahl hauptsächlich mit Speeren bewaffneter Männer und beschleicht das Tier im Schlaf oder wenn es an Gegenwehr nicht denkt. Dadurch, dass man dem Opfer immer wieder einen Speerstich beibringt, verendet es allmählich vor Schwäche, bisweilen jedoch erst nach 8 Tagen, nachdem es oft mehrere Menschen verwundet oder getötet hat. Ähnliches berichteten mir einmal einige Kajan von ihrer Jagd auf die Riesenschlange (Boa constrictor). Sie verfolgten das Tier, dem sie beim Sammeln von Waldprodukten begegnet waren, über zwei recht hohe Hügelrücken und töteten es erst nach mehreren Stunden. Die Schlange soll den Umfang eines Männerthorax gehabt haben. Das Fleisch der Boa wird nur von den Punan genossen.

Die nichts weniger als glänzenden Jagdresultate unserer Kajan hätten in uns die Vorstellung geweckt, die tropischen Wälder seien arm an Wild, wenn uns nicht die Jagderfolge unseres Reisegenossen _Von Berchtold_ auf unserem vorigen Zuge vom Gegenteil überzeugt hätten. Obgleich _Von Berchtold_ alle gesammelten Tiere präparieren musste, wodurch ihm zum Jagen nicht viel Zeit übrig blieb, schoss er doch so viel Wild wie alle anderen zusammen. Er besass aber auch ein ganz anderes Verständnis für die Jagd, auch kamen ihm seine in europäischen Wäldern erworbenen Erfahrungen sehr zu statten. Bei der Vogeljagd verfuhr er folgendermassen: er setzte sich an geeigneter Stelle im Walde hin und wartete bewegungslos der kommenden Dinge. In der stillen, dunklen Umgebung begann es sich dann bisweilen bereits nach kurzer Zeit zu regen. In den Bäumen zeigten sich eine Menge sehr verschiedener kleiner Vögel und allerlei Arten äusserst zierlicher Eichhorne, auch Affen, die ihre Schlupfwinkel auf den Ästen verliessen und auf dem Erdboden nach abgefallenen Früchten suchten. Um einen Baum mit reifen Früchten sammelten sich eine Menge fliegender und laufender Waldbewohner; bei einigen Feigenbäumen mit orangefarbigen Früchten in unserer Nähe schoss er in 1 Stunde mehrere neue Vogelarten und einige rebhuhnartige Waldhühner, die unserem Mittagstisch eine Extraschüssel lieferten.

Ein ausgezeichnetes Lockmittel, das _Von Berchtold_ manchen sehr scheuen Vogel einbrachte, bestand in der Nachahmung seines Rufes. Hierzu gehörte viel Geduld, Übung und Talent, aber da er diese drei Erfordernisse besass, waren seine Resultate glänzend. Das Nachahmen der Männchen lockte Weibchen, das der Weibchen Männchen herbei. Die Tiere kündigten sich meist durch Ausstossen des Lockrufs selbst aus der Ferne an und liessen sich oft viel zu dicht vor dem Flintenlauf nieder, um mit einiger Aussicht auf Erhaltung der Haut geschossen werden zu können. In diesem Fall bedeutete eine Vergeudung der Munition auch ein nutzloses Morden, denn eine zerschossene Vogelhaut ist für die Präparation wertlos. Daher müssen bei verschiedenen Gelegenheiten auch verschiedene Patronen angewandt werden; ein zu grobes Schrot oder eine zu schwere Ladung, bei der die Körner zu dicht beieinander bleiben, verderben die Haut unvermeidlich. Da man im Urwalde nur in seltenen Fällen auf grossen Abstand schiessen kann, ist hier eine Flinte von sehr kleinem Kaliber am geeignetsten; nur wenn es grosse Nashornvögel oder ähnliche Tiere in 40-50 m hohen, oft dicht beblätterten Gipfeln zu schiessen gilt, ist ein Kaliber 12 oder 16 mit grobem Schrot vorzuziehen. Hat man in dem grünen Gewirr hoch über der Erde seine Beute tötlich getroffen, so ist man noch lange nicht sicher, diese auch heimbringen zu können. Behält der Vogel noch Kraft genug, um durch Ausbreiten seiner Schwingen dem Fall eine schiefe Richtung zu geben, so dass er in einem Abstand von 20 oder 30 m niedersinkt, so ist er nur mit grosser Mühe wiederzufinden. Da Sträucher, tote Bäume, grosse Äste und dicke Blätterschichten das Opfer verbergen und man sich durch allerhand Hindernisse zu ihm durcharbeiten muss, findet man den Vogel bisweilen erst nach langem Suchen. Kleine Vögel und kleine Säugetiere, die noch kräftig genug waren, um sich in den zahllosen Schlupfwinkeln und Höhlungen im Erdboden verkriechen zu können, werden in der Regel nicht wiedergefunden. Unter diesen Umständen erfordert die Jagd grosse Geduld, auch muss man sich auf viele Enttäuschungen gefasst machen. Findet der Jäger vom kleineren Wild etwa die Hälfte wieder und ist diese zum Präparieren tauglich, so kann er mit seinem Erfolge zufrieden sein. Mit dressierten Hunden und geschulten eingeborenen Knaben könnte man im Urwalde wahrscheinlich bessere Jagdresultate erzielen, doch fehlte es uns an beiden.

Als Anfang Juli _Delahit_ nach 14 tägiger Abwesenheit noch nicht zurückkehrte und wir nichts von ihm vernahmen, überdies auch unser Reis und die anderen Nahrungsmittel einer Ergänzung sehr bedurften, sandte ich _Midan_ mit einem Boote nach Long Tépai zum Einkaufen des Erforderlichen und gab ihm _Lalau_ mit, damit dieser sich nach meiner Gesandtschaft umsehen sollte. Letztere traf 2 Tage später mit sehr günstigen Berichten bei uns ein: die Kajan am Mahakam waren sehr für unseren Zug und hatten ihr _dangei_-Fest bereits im vorigen Monat gefeiert, obgleich die Zeit hierfür wegen einiger Todesfälle ungünstig gewesen war. _Kwing Irang_ hatte jedoch _Delahit_ nicht fortziehen lassen, bevor sie die Vögel befragt hatten, aus Furcht, dass ich aus Ungeduld die Reise aufgeben könnte. Die Todesfälle hatten die Kajan bis jetzt am Vorzeichensuchen verhindert, aber jetzt waren die verschiedenen Häuptlinge reisebereit und _Kwing Irang_ sollte bald eintreffen.

Einige Tage später erschienen auch _Midan_ und _Lalau_ mit einer genügenden Menge Reis, Früchte, Tabak und anderen nützlichen Dingen. Jedesmal wenn ich ein Boot nach Long Deho schickte, gab ich auch einige eiserne Koffer mit den eben angelegten Sammlungen von Fischen und Vögeln mit, damit sie in _Ibau Adjangs_ Hause bis zu meiner Rückkehr aufbewahrt würden.

Als ein Tag nach dem anderen verging und wir noch immer nichts von der Ankunft unseres Bahau-Geleites hörten, wurde uns das Warten zu einer wahren Marter. _Delahit_ hatte übrigens die Bestätigung des Gerüchtes mitgebracht, das ich bereits von _Taman Ulow_ und seinen Leuten gehört hatte, nämlich dass der Kenjafürst _Bui Djalong_ (_Taman Kuling_) mit vielen anderen Häuptlingen auf eine Einladung des Radja hin nach Serawak gezogen, auf der Rückreise aber von den Batang-Lupar angefallen worden war, wobei einer der Schutzsoldaten aus Serawak, welche die Kenja begleiteten, das Leben verloren hatte. Dieser Vorfall überzeugte mich wiederum von der Notwendigkeit unserer Reise nach Apu Kajan; wahrscheinlich waren die Häuptlinge auch nach den jüngsten Erlebnissen zum Empfang der Niederländer besonders geneigt.

Am 10. Juli sandte ich nochmals _Lalau_ und _Delahit_ mit 5 Mann nach dem Blu-u, um zu erfahren, wie es dort stehe. Bei _Bang Jok_ in Long Deho waren die Reiseaussichten inzwischen günstiger geworden, die Böte lagen sogar zur Abfahrt bereit da. _Ledjü Adjang_, der erwartete jüngste Sohn des verstorbenen Häuptlings, war inzwischen von den Ma-Suling am Merasè ins Elternhaus zurückgekehrt und in seiner Gegenwart hatte man des Vaters Leiche im bereits gebauten Prunkgrab beigesetzt. Man hatte dem _salong_, wahrscheinlich auf Wunsch des Verstorbenen, eine besondere Form gegeben. _Bo Adjang Ledjü_ hatte mir vor seinem Tode öfters seine Besorgnis darüber ausgedrückt, dass der Sultan von Kutei im Geheimen seinen Schädel aus dem Grabe würde holen lassen, wie er auch die Schädel einiger anderer Häuptlinge in einer Kiste in seinem Palaste aufbewahrte, um durch deren Besitz Macht über die Bahaustämme ausüben zu können. _Adjang Ledjü_ hatte daher gewünscht, dass man seinen _salong_ an einer weit abgelegenen, verborgenen Waldstelle erbaute. Seine Kinder hatten das Prunkgrab sicherheitshalber statt über der Erde, wie gewöhnlich, unter der Erde anlegen lassen, die Holzkammer, in welcher der Sarg stand, mit dicken Planken geschlossen und darüber ein Dach wie bei einem gewöhnlichen _salong_ errichtet; auch hatten sie keinen verborgenen Platz ausgesucht, sondern das Mahakamufer dicht unterhalb Long Deho gewählt, so dass jeder Anschlag der Malaien sogleich bemerkt werden musste.

Auf seiner Rückreise zum Merasè machte _Ledjü Adjang_, der Sohn des Verstorbenen, bei mir Halt, teils aus Neugierde, teils weil ein Besuch bei mir den Gästen meistens ein Geschenk einbrachte. Ich hatte den Grundsatz, nicht nach Gutdünken zu schenken, sondern abzuwarten, bis die Gäste mir ihre Wünsche zu verstehen gaben. _Ledjü_ hatte augenscheinlich die Goldstücke gesehen, mit denen ich die Kajan bezahlt hatte, denn er bat mich, einige Stücke von mir kaufen zu dürfen, um aus ihnen Perlen für seine Frau _Bulan Li_ schmieden zu lassen, natürlich wünschte er, sie unter ihrem Werte zu erstehen. Mit einem Verlust von einigen Gulden gewann ich _Ledjü Adjangs_ Gunst und wir schieden als die besten Freunde.

Am 16. Juli kam _Delahit_ nach schneller Fahrt vom Blu-u mit dem Bericht zurück, die Kajan würden am folgenden Tage abreisen, sie wären nur durch den Tod von zwei Dorfgenossen aufgehalten worden. Die Betreffenden, zwei sehr schwächliche Individuen, waren der Influenza erlegen. Um die Kajan im Auge zu behalten, war _Lalau_ bei _Kwing Irang_ geblieben.

Trotzdem gingen wieder etliche Tage ohne Berichte von oben vorbei, so dass ich das Warten nicht mehr ertrug und _Delahit_ am 22. nochmals an den Blu-u schickte. Meine Malaien bereiteten indessen Kleider und Waffen zur Reise vor, augenscheinlich waren sie also von dem Zustandekommen derselben überzeugt, was auf mich, der ich nie sicher war, von den Eingeborenen die volle Wahrheit zu hören, sehr ermutigend wirkte. In diesen Tagen brachte mir auch _Midan_ aus Long Deho die Nachricht, der Kontrolleur _Barth_ sei in Begleitung von bewaffneten Schutzleuten und anderen Gehilfen bereits in Udju Tepu angekommen. Nach dem Bericht einiger von oberhalb der Wasserfälle bei uns einkehrender Kahajan-Dajak war _Kwing Irang_ mit seinen Leuten in der Tat abgereist, aber bei seiner Ankunft in Lulu Njiwung war dort gerade ein Mann gestorben und noch nicht begraben, ein schlechtes Vorzeichen, das ihn zur Rückkehr nötigte.

Die Kenja von _Taman Ulow_ zwang ich zum geduldigen Ausharren durch die Belohnung, die ich ihnen versprochen hatte, und die Tauschartikel, mit denen ich ihren Rotang bezahlen wollte. Sie unterhielten sich bei uns ausgezeichnet und die beiden Landstreicher assen sich wieder dick, nur waren sie wie wir durch die ständigen Reisehindernisse sehr enttäuscht und sprachen daher öfters den Wunsch aus, allein voraus zu fahren. Einige wollten gern weiter unten am Mahakam Rotang suchen, was ich nicht zulassen konnte, da die Kenja dort wegen der letzten Kopfjagden, die ihre Stammesgenossen verübt hatten, nicht sicher waren.

Sobald sie merkten, dass sich unser Aufenthalt im Lager dem Ende nahte, beschlossen sie, der Seele eines Kameraden, der auf einer früheren Reise im Kiham Burung aus dem Boot geschleudert worden und ertrunken war, ein grosses Opfer zu bringen. Letzteres sollte in einem Packen Kattun bestehen, um den sie mich baten, und den sie mit langen Holzspähnen verzierten. Mit Rücksicht auf die reichlich zur Verfügung stehende Zeit wurde das Opfer diesmal nicht wie gewöhnlich im Vorüberfahren mit etwas Salz in einem Korbe an einen niedrigen Strauch gehängt. Sie wählten einen hohen, kerzengerade neben unserem Lager auf dem Ufer sich erhebenden Baum aus, der unten seiner Dicke wegen nicht bestiegen werden konnte und dessen unterster Ast sich hoch über dem Erdboden befand. Sie suchten diesen, nach Art der Punan, von einem benachbarten, leichter zu erklimmenden Baume aus zu erreichen. Zu diesem Zwecke bauten sie im Gipfel des Hilfsbaumes eine Plattform, warfen von dieser aus einen an einen dünnen Rotang befestigten Stein über den betreffenden Ast des anderen Baumes und zogen dann eine vorher hergestellte lange Rotangleiter erst bis zum Ast, dann halb über diesen hinüber, so dass ein Mann hinaufzuklettern wagte. Dieser brachte nun von Ast zu Ast einfache Rotangleitern oder auch Rotangkabel an, an denen er bis an die Stelle hinaufstieg, wo der Stamm selbst zum Klettern dünn genug war. Sämtliche Äste wurden darauf weggehackt, eine kleine Krone am höchsten Gipfel ausgenommen, unter welcher das verzierte Kattunbündel (_sang_) aufgehängt wurde. Dieses Geschenk sollte die Seele des Verunglückten angenehm stimmen und bei _Amei Tingei_ im Himmel ein guter Fürsprecher für sie sein.

Ins Auge springend war der verschiedene Grad von Geistesentwicklung und Geschicklichkeit, den die Kenja bei dieser Beschäftigung äusserten; während der eine angab, wie alles vor sich gehen und der _sang_ beschaffen sein musste, befand sich unter den Neun nur ein einziger, der diesen Baum zu erklimmen und dann alle Äste abzuhacken wagte. Wir benützten die Gelegenheit zum Messen des Baumes; seine Höhe betrug 55 m. Als Arbeitslohn und Zerstreuung für uns alle gab _Demmeni_ abends eine Vorstellung mit seinem Grammophon, der stets die Bewunderung und Heiterkeit unserer braunen Reisegesellen erregte; besonders wenn er Lachen zum besten gab, brach auch die ganze Gesellschaft in schallendes Gelächter aus. Wegen der äusserst feuchten Atmosphäre in unserem Lager litten die Tonplatten durch den Stift, so dass wir nur selten diese Vorstellungen zu geniessen wagten.

Nach drei Tagen Regen und Hochwasser kam _Delahit_ endlich am 28. Juli mit der Meldung, dass _Kwing Irang_ mit Gefolge bereits seit 4 Tagen in Long Kawat oberhalb des Kiham Hida kampierte, weil er die Fälle des hohen Wasserstandes wegen nicht passieren konnte. Er liess mich jedoch um Arzneien für seine Schwester _Bo Uniang_, die in Long Tepai schwer krank lag, und um Mittel gegen Fieber für sich selbst bitten, die ich ihm denn auch sogleich sandte.

Am 1. August, nachdem das Wasser gefallen war, erschien _Kwing Irang_ endlich mit 50 seiner Leute und einem Boot mit Pnihing von Long Kup in unserem Lager. _Belarè_ war noch nicht mitgekommen und die Leute aus Long Tepai konnten ebenfalls nicht kommen, falls _Bo Uniang_ starb, was _Kwing_ für sehr wahrscheinlich hielt. Er war denn auch nicht bei der Schwester geblieben aus Furcht, durch ihren Tod von der Reise abgehalten zu werden; letzteres wollte er nicht nur meinetwegen vermeiden, sondern auch seiner jungen Männer wegen, die sich nach dem so lange aufgeschobenen Zuge sehnten. Die Kajan hatten sich nur mit ihrem notwendigsten Gepäck über die Fälle gewagt und ihren Reis in Long Kawat gelassen; das starke Sinken des Wassers gestattete ihnen jedoch bereits am folgenden Tage, alle Vorräte herunter zu schaffen.

Am selben Tage sandte ich zum letzten Mal Postsachen und zwei Koffer nach Long Deho; erstere sollten mit der ersten Gelegenheit von den Händlern zur Küste gebracht werden, letztere bei _Ledjü Adjang_ aufbewahrt bleiben. Gleichzeitig sollten meine Leute _Bang Jok Kwing Irangs_ Ankunft und unsere baldige Abreise melden. Auch die Kajan und Pnihing waren endlich von der Notwendigkeit eines schnellen Aufbruchs überzeugt, weil _Kwing_, im Fall dass seine Schwester starb, sicher von den Dorfbewohnern abgeholt werden würde; sie hatten denn auch unten bei unserem Lager nur sehr primitive Hütten aufgeschlagen. Sehr erfreut waren sie über die Anwesenheit der Kenja, besonders jetzt, wo die Long-Glat von Long Tepai, die einzigen, die den Weg nach Apu Kajan kannten, wahrscheinlich nicht würden mitreisen können. Ich bereitete die Kenja auch sogleich auf ihre künftige Führer- und Gesandtenrolle vor und entschädigte sie reichlich für die lange Zeit, die sie bei uns ausgeharrt hatten; diese Freigebigkeit durfte ich mir jetzt gestatten, weil ich die Tauschartikel ursprünglich für einen einjährigen Aufenthalt bei den Kenja berechnet hatte und ich jetzt, nach einer Abmachung mit _Kwing_, nicht über zwei Monate bei ihnen bleiben sollte. Auch die beiden Kenja, deren Rotang ich gekauft hatte, waren von meiner Freigebigkeit entzückt.

Abends wurden in einer Beratung Pläne entworfen, über die wir uns bald einigten, da jeder für rasches Weiterkommen war. Sowohl der Schnelligkeit wegen als um mit dem Zug einen Anfang gemacht zu haben, bevor _Kwing_ von Long Tepai aus abgeholt werden konnte, wurde beschlossen, dass die Malaien bereits am 3. August morgens Koffer und Blechgefässe mit Salz so weit als möglich den Boh hinauftransportieren und dann abends zurückkehren sollten, was auch geschah. Ferner sollten wir nicht gemeinschaftlich, sondern etappenweise den Zug ausführen, weil unser Gepäck sehr umfangreich war und auch die Bahau selbst sehr viel Reis und Tauschartikel mit sich führten. Den einen Tag sollten die Bootsleute so viele Sachen als möglich an einen geeigneten Lagerplatz vorausschaffen und dann wieder zu uns zurückkehren, den anderen sollten wir mit ihnen bis zu dieser Stelle den Fluss hinauffahren. Die Kenja sollten in Gesellschaft von 6 Kajan direkt nach Apu Kajan vorausreisen, um unsere Ankunft dort zu melden, auch beauftragte ich sie, sehr sorgfältig durch Zeichen an den Mündungen die Flüsse anzugeben, die wir hinauffahren mussten, damit wir uns in dieser Wildnis nicht verirrten.

_Taman Ulow_ liess sich sehr ausführlich einschärfen und mehrmals wiederholen, was er seinen Häuptlingen als Grund für meinen Besuch angeben sollte. Ich hatte mir bereits seit langem vorgenommen, meine Reise damit zu motivieren, dass ich die in der letzten Zeit zwischen den Kenja und Mahakambewohnern wegen der Kopfjagden und hauptsächlich wegen der Ermordung von _Bui Djalongs_ Enkel entstandenen Feindseligkeiten durch Unterhandlungen aus dem Wege räumen wollte. Die übrigen politischen Resultate, die unsere Expedition bezweckte, sollten sich dann während unseres Aufenthaltes von selbst ergeben. _Kwing Irang_ war von diesem neutralen Reisemotiv, das häufig auch die Bahauhäuptlinge zu weiten Zügen veranlasst, sehr eingenommen.

An dem Ernst, mit dem die Bahau über das Geschenk, das ich dem Oberhäuptling _Bui Djalong_ geben sollte, diskutierten, merkte ich ihre Besorgnis um den Verlauf der Reise. Augenscheinlich hatten sie über diese Frage bereits lange allein unterhandelt, denn _Kwing Irang_ erklärte mir sehr bestimmt, dass mein Geschenk an _Bui Djalong_ überhaupt nur in einem Sklaven bestehen dürfe, auch habe er bereits einen solchen in Long Tepai zu meiner Verfügung, den einige Kahajan-Dajak vor kurzem einem dortigen Häuptling verkauft hatten.

Ich kannte das Individuum sehr gut, hatte aber bisher nicht gewusst, dass es kein eingeborener sondern ein missachteter Kaufsklave war, den man für 240 fl abtreten wollte. Dieser Sklave sollte mit einigen Männern aus Long Tepai an unserer Reise teilnehmen, ohne von seinem Verkauf und dem Zweck desselben etwas zu ahnen; bei unserer Ankunft am Kajanfluss sollte ich ihn dann _Bui Djalong_ zum Geschenk übergeben und in Apu Kajan zurücklassen. Dieser edle Plan fand bei mir jedoch gar keinen Beifall, obgleich auch _Taman Ulow_ versicherte, sein Häuptling würde ein derartiges Geschenk sehr zu schätzen wissen. Ich erklärte mit Nachdruck, dass wir Europäer nicht gewohnt seien, Menschen zu Sklaven zu machen und ich nur dann den Sklaven kaufen wollte, wenn dadurch die ganze Tawang-Angelegenheit aus dem Wege geräumt und der Sklave an Statt des ermordeten Enkels in die Familie von _Bui Djalong_ aufgenommen werden würde. Wie meine Ratgeber aussagten, wird aber solch ein Sklave, wenn bei den Unterhandlungen vorher nicht eine bestimmte Abmachung getroffen worden ist, an Stelle des Ermordeten getötet, und so konnte vorläufig von der Mitnahme eines Sklaven keine Rede sein. Für _Kwing Irang_ bedeutete meine Ablehnung eine harte Enttäuschung; er schien seine Angst vor einem Fehlschlagen unseres Zuges hauptsächlich in dem Gedanken an ein derartig kostbares Geschenk überwunden zu haben. Ich schärfte ihm jedoch meinen Abscheu vor einer solchen Handlung so gründlich ein, dass er den Gegenstand nicht mehr zu berühren wagte. Da ich wusste, welch einen hohen Wert gute Gewehre bei den Kenja besitzen, schlug ich nun meinerseits vor, _Bui Djalong_ eines unserer guten Beaumontgewehre mit einem reichlichen Vorrat an Patronen als Geschenk anzubieten, obgleich ich der Einführung von Feuerwaffen bei den eingeborenen Stämmen nicht gern Vorschub leistete. In diesem Fall schwanden aber meine Bedenken wegen der Wichtigkeit der Angelegenheit, und dass ich mit meinem Vorschlag das Richtige getroffen, ging aus dem Eifer hervor, mit dem _Taman Ulow_ auf ihn einging; dies bewog auch _Kwing Irang_ zuzustimmen. Zwar kam er später nochmals auf seinen Vorschlag zurück, aber ich blieb bei meinem Beschluss.