Quer Durch Borneo; Zweiter Teil

Chapter 31

Chapter 313,486 wordsPublic domain

Nach dem Mittagsmahl begann sich unsere Galerie zuerst mit allen fremden Elementen, die sich in Long Deho aufhielten, zu füllen; dann kam _Bang Jok_ mit einigen der Ältesten, denen sich 20 neugierige Long-Glat angeschlossen hatten. _Bang Jok_ hatte in Tengaron, ausser allerhand gefährlichen Liebhabereien, auch eine malaiische Feierlichkeit im Auftreten angenommen; er trug eine Hose aus gelber chinesischer Seide, eine dunkelviolette Jacke, ein seidenes Kopftuch und zur Seite ein Schwert. Trotz dieses seltsamen Aufputzes und trotz der feindseligen Gesinnung und Verdorbenheit meines Gastes, von der ich mehr, als mir lieb war, erfahren hatte, konnte ich mich doch dem eigentümlichen Reiz, der von _Bang Jok_ ausging, nicht entziehen. Er war ein Mann von etwa 35 Jahren, von langer, schlanker Gestalt und hellgelber Hautfarbe. Seine regelmässigen Gesichtszüge, seine lange, gerade Nase und sein welliges Haar bildeten einen scharfen Gegensatz zu den breiten, plattnasigen Gesichtern der übrigen Bahau. Aus seinen hellbraunen Augen sprach mehr Verstand als aus seinem Wesen, denn er bewegte sich und sprach langsam und ausdruckslos, wahrscheinlich weil er dies für fein hielt.

Einen ganz anderen Eindruck machte _Taman Dau_, der mit seinen Begleitern von der anderen Seite der _awa_ eintrat. Auch er war etwa 35 Jahre alt, aber seine wohlgebaute, volle, geschmeidige Gestalt verriet den Mann der Tat, und sein Auftreten war, wie dasjenige seiner Landsleute, sehr sicher und unbefangen. Das Gefolge setzte sich in weitem Kreise um die Mitte, wo sich die beiden Häuptlinge mit gekreuzten Beinen niedergelassen hatten und wir drei Europäer auf unseren Klappstühlen sassen. Es fiel mir auf, dass nur wenige Kenja Warfen trugen.

Meine Malaien hatten für einen guten Empfang dieser auch in ihren Augen vornehmen Häuptlinge gesorgt und in der Mitte auf frischen Bananenblättern sowohl für diejenigen, die _pinang_ und _sirih_ kauten, als für die Kenja, die nur Zigaretten aus javanischem oder dajakischem Tabak mit einer Hülle von Blättern der wilden Banane rauchten, alles Erforderliche niedergelegt.

Nach Landessitte begann das Gespräch wiederum über allerhand uninteressante Dinge und nicht über das, was uns alle erfüllte. _Taman Dau_, der bereits bei dieser ersten Begegnung nichts weniger als zurückhaltend war, unterstützte _Bang Jok_ eifrig in der Unterhaltung über Jagd und Fischfang, Erkrankung seines Gefolges, Schwierigkeiten beim Überschreiten der Wasserfälle und dergleichen. Darauf begann er, weniger politisch als _Bang Jok_, über die Unruhen am mittleren Mahakam und die dort ausgeführten Kopfjagden zu reden, die er auf Rechnung der Punan im Flussgebiet des Berau zu setzen versuchte. Bei dieser dreisten Lüge riss mir aber die Geduld und ich hielt den Augenblick für gekommen, um ihm den wahren Sachverhalt klar zu machen. Auf unzweideutige Weise gab ich ihm daher zu verstehen, dass ich sowohl über die Kopfjagden am Tawang, an denen er die Hauptschuld trug, als über den Mord am Rata, an dein seine Stammesgenossen sich beteiligt hatten, und seine letzte Schandtat am Medang vollkommen orientiert war.

Während meines Ausfalls hatte die ganze Versammlung in stummem Staunen dagesessen; die eine Hälfte war erschreckt über eine derartige Sprache so grossen Häuptlingen gegenüber, die andere, _Bang Jok_ und die Kenja, wussten augenscheinlich nicht, was sie gegen meine Beschuldigungen einwenden sollten. Einmal so weit gegangen und unter dem Eindruck der vielen Schwierigkeiten, die mir _Bang Joks_ hinterlistige Handlungen verursacht hatten und die meine Reise nach Apu Kajan zu vereiteln drohten, wurde ich unvorsichtiger, als ich gewöhnlich zu sein pflegte, und zählte _Taman Dau_ nicht nur seine Übeltaten auf, sondern warf ihm auch vor, dass er sich in den Augen der Europäer feige benommen habe, indem er sich von Häuptlingen, die selbst zu wenig Mut besassen, um ihre eigenen Zwistigkeiten auszukämpfen, als Jagdhund gebrauchen liess, erst durch _Ibau Adjang_, jetzt durch _Bang Jok_. Diesen beschuldigte ich ausserdem, dass er zu verschiedenen früheren Kopfjagden angestachelt und den Zug der Punan und Uma-Bom im Juli an den Rata nicht verhindert habe. Dann versuchte ich ihnen den Unterschied zwischen ihrer Landessitte, in grosser Übermacht einzelne Personen heimtückisch zu überfallen, und der europäischen Kriegführung auf offenem Felde klar zu machen. Ich wollte noch hinzufügen, dass _Bang Jok_ aus den Morden, die er auf des Sultans Befehl ausführen liess, seinen Vorteil zog, aber dein Häuptling wurde es bereits so heiss, dass er sich unter dem Vorwand, ein Bad nehmen zu wollen, entfernte und nicht mehr zurückkehrte.

In der Furcht; zu weit gegangen zu sein, schlug ich einen ruhigeren Ton an, so dass _Taman Dau_ das Wort zu ergreifen wagte und erklärte, er und seine Kenja wären nur dumme Menschen und hätten noch nie derartige Anschauungen gehört. Da ich mich inzwischen etwas beruhigt hatte, war es mir angenehm, dass _Taman Dau_ meine erste, etwas rauhe Begrüssung nicht schlimmer aufgefasst hatte und liess daher den Gegenstand fallen. Mit hübschem, geblümtem Kattun und javanischem Tabak suchte ich die Stimmung der Kenja noch weiter zu verbessern; sie blieben auch bis zum Einbruch der Dunkelheit bei mir und schienen mir meine Heftigkeit nicht mehr nachzutragen. Vor ihrer Abreise am anderen Morgen kamen sie noch, um sich von mir zu verabschieden.

Zu meinem Leidwesen stieg das Wasser wieder so hoch, dass _Demmeni_ und _Kwing Irang_ unmöglich herunter kommen konnten; sie trafen erst am 3. April bei uns ein. _Demmeni_ war von Long Tepai aus fünf Tage unterwegs gewesen, weil die Kajan sich bei den Wasserfällen gelagert hatten, um Wildschweine zu fangen. Diese Tiere ziehen nämlich in den ununterbrochenen Wäldern in grossen Herden von dem einen Ort, wo Früchte zu finden sind, nach dem andern und fallen, besonders wenn sie Flüsse passieren, den auf der Lauer liegenden Eingeborenen in die Hände. Während die Kajan mit _Demmeni_ den Wasserfällen entlang zogen, waren die Schweine im Begriff gewesen, die Wasserfälle schwimmend zu durchqueren, wobei sie von der heftigen Strömung ein grosses Stück weit an ruhigere Stellen mitgerissen wurden, wo die Kajan sie abfingen. Selbst als das Wasser bedeutend stieg, liessen sich die Tiere nicht abschrecken und fielen den Bahau oft halb ertrunken zur Beute. Meistens wurden nur halb ausgewachsene Exemplare gefangen. Die Kajan brachten mir noch ein lebendes Tier mit, dem sie je die Vorder- und Hinterbeine aneinander gebunden hatten.

Mit _Kwing Irang_ war auch _Bo Ibau_ mit 50 seiner Leute von Long Tepai eingetroffen. Die beiden alten Herren liessen sich zuerst alle Vorfälle seit meiner Ankunft in Long Deho ausführlich berichten und schienen mit dem Gehörten recht zufrieden zu sein, denn obgleich ich sicher glaubte, sie kämen beide nur, um mich bis unterhalb der Wasserfälle zu bringen, merkte ich bald, dass _Kwing Irang_ den Gedanken an eine Reise nach Apu Kajan noch nicht ganz aufgegeben hatte. Wir befanden uns jedoch in zu grosser Gesellschaft, um ernsthaft über eine so wichtige Angelegenheit reden zu können; aber abends erzählte mir _Lalau_, ein Malaie, der bei _Kwing_ wohnte, dass dieser in der Tat die Reise mit mir unternehmen wollte.

Meine Verwunderung über diese Änderung der Dinge war nicht gering, als auch _Kwing Irang_ mir, sobald wir allein waren, riet, den Zug dadurch, dass ich mich am _Boh_ niederliess, zu beschleunigen, da seine Aufforderung an die Stammesgenossen, mit grossen Mengen Reis schnell abwärts zu kommen, dann mehr Eindruck machen würde. Er selbst wollte jedoch den anderen Stämmen gegenüber durchaus nicht den Schein auf sich Ziehen, die Reise zu den Kenja gewollt oder veranlasst zu haben, und die Kajan taten wahrscheinlich deshalb _Bo Ibau_ gegenüber, als ob sie eigentlich gekommen wären, um eine Niederlassung unterhalb der Wasserfälle zu besuchen, doch widersetzte ich mich diesem Plan heftig wegen des Zeitverlustes und weil dann kein Aufruf oberhalb der Wasserfälle erlassen werden konnte.

Auf mein dringendes Ersuchen, sich endlich für oder gegen die Reise nach Apu Kajan zu entscheiden, wurde am 7. April noch erst mit _Bo Ibau_ und _Kwing_ eine Zusammenkunft gehalten, in der ich nochmals zwei Stunden lang über die Möglichkeit und Notwendigkeit einer Verbesserung des Verhältnisses zwischen den Kenja und den Bewohnern des Mahakamgebietes mit den Häuptlingen diskutierte. _Kwing Irang_ sprach, wie gewöhnlich, selbst nur wenig und überliess das Wort hauptsächlich _Bo Ibau_, der, in die Enge getrieben, den Vorschlag machte, erst _Bang Jok_, als Herrn des Boh-Gebietes, nach seiner Meinung über das Unternehmen zu fragen und darauf zu dringen, dass er als Zeichen seiner Zustimmung ein bemanntes Boot mit nach Apu Kajan sende. Man müsse aber, sagte _Bo Ibau_, mit einer öffentlichen Besprechung bis zur Rückkehr _Lawings_, des jüngeren Bruders von _Bang Jok_, warten. Die Häuptlinge untereinander schienen jedoch nicht so lange warten zu müssen, wenigstens hörte ich nachts, als ich in meinem Klambu wach lag, in _Bang Joks_ _amin_ eine aussergewöhnlich lebhafte Diskussion, bei der ich nicht nur _Bo Ibaus_ und _Ibau Adjangs_ Stimmen, sondern auch die verschiedener Frauen zu erkennen glaubte. Am folgenden Morgen erzählten meine Malaien, dass in der Tat eine grosse Zusammenkunft von Long-Glat-Häuptlingen stattgefunden, an der auch viele Bewohner aus der _amin_ _Bo Adjang Ledjüs_ teilgenommen hätten. In Anbetracht, dass letztere, besonders die Frauen, mir alle sehr gewogen waren, war ich sicher, in ihnen bei der Beratung gute Advokaten gefunden zu haben, und obgleich die gefassten Beschlüsse geheim blieben, waren _Bang Joks_ Freundlichkeit und Gesprächigkeit am anderen Tage doch auffallend, auch brachten mir seine Frau und sein kleiner Sohn abends Süssigkeiten. Wahrscheinlich infolge dieser geheimen Zusammenkunft teilte _Kwing Irang_ mir mit, er habe seine Reise flussabwärts aufgegeben.

Am 9. April kehrte der erwartete _Lawing_ von der Jagd zurück. Da das Wasser zu fallen begann, so dass _Bo Ibau_ hinauffahren konnte, um die Männer aufzurufen, drang ich bei _Bang Jok_ darauf, über die Reiseangelegenheit nochmals gemeinschaftlich zu überlegen.

Er schien mit meinen europäischen Reisegefährten besser als mit mir auskommen zu können, wenigstens schenkte er _Demmeni_ eines Morgens ein schönes Pantherfell und abends zogen _Demmeni_ und _Bier_ in seine _amin_, um das Grammophon ertönen zu lassen.

Die Versammlung sollte in der _amin_ des Häuptlings stattfinden, aber diese war von der Spielgesellschaft so überfüllt, dass unsere baufällige _awa_ nochmals vorgezogen werden musste.

Nachmittags erschienen die Kajan mit _Kwing Irang_, die Long-Glat von Long Tepai mit _Bo Ibau_, eine Menge neugierige Waldproduktensucher und endlich _Bang Jok_, wiederum in gelber Hose und Sammetjacke, das Schwert zur Seite. Sein glattes Gesicht zeigte nur dann Ausdruck, wenn er von mir nicht gesehen zu werden glaubte; einige Male fing ich einen forschenden, nichts weniger als wohlwollenden Blick von ihm auf.

Man begann wieder mit Trivialitäten, bis _Bang Jok_ zögernden Tones zu erzählen anfing, dass der Sultan von Kutei ihm bei seiner Abreise von Tengaron aufgetragen habe, für meine Sicherheit zu sorgen, dass die geplante Reise sehr gefährlich sei u.s.w. Diese geheuchelte Besorgnis schnitt ich ihm mit der Bemerkung ab, dass ich mich selbst zu beschützen wisse. Mit allerhand wahren und unwahren Erzählungen fuhr er fort, die vorhandenen Schwierigkeiten breit auseinander zu setzen, worauf ich ihm wenig erwidern konnte, da er und alle Bahau bei ihrem ängstlichen Charakter und ihrer Auffassung der Dinge in der .Tat auf einer derartigen Reise grosse Schwierigkeiten zu überwinden hatten. Zuletzt gab _Bang Jok_ sich aber durch die Erklärung, er sei noch zu jung, um einen so wichtigen Beschluss zu fassen, und werde sich daher ganz dem Urteil von _Bo Ibau_ und _Kwing Irang_, die soviel älter seien, fügen, eine Blösse, denn er wusste sehr wohl, dass keiner dieser Häuptlinge eine Bestimmung treffen durfte oder konnte, besonders weil die Reise auf dem Bob durch sein Gebiet ging. So ergriff ich denn das Wort und machte ihm begreiflich, dass man oberhalb der Wasserfälle ihn als den Höchsten von Geburt unter den Long-Glat und als weit gereisten Mann für die zuständige Person halte, um eine endgültige Entscheidung zu treffen, und dass man, da die Reise sein Gebiet betreffe, von seiner Zustimmung abhängig sei. Indem ich nochmals darauf aufmerksam machte, dass man ohne seine Beteiligung oberhalb der Wasserfälle keinen Entschluss fassen könne, obgleich das Verhältnis mit den Kenja für die ganze Mahakambevölkerung von grösster Wichtigkeit wäre, bürdete ich ihm die ganze Verantwortung für das Zustandekommen oder Fehlschlagen der Reise auf.

Trotzdem _Bang Jok_, besonders durch seinen Aufenthalt an dem für die Bahau so verderblichen Hof von Tengaron, viele gute Eigenschaften seiner Rasse eingebüsst hatte, war er doch im Herzen noch zu sehr Bahau geblieben, um deren allgemeine Furcht "_haè_", beschämt, zu werden, nicht mehr empfinden zu können. Um ihm begreiflich zu machen, warum mir an dieser Reise so viel liege, nahm ich daher zu diesem Gefühl meine Zuflucht und erklärte, dass ich den _hipui_, den hohen Häuptlingen in Batavia, gegenüber in hohem Masse _haè_ sein würde, falls ich zurückkehrte, ohne meinen Auftrag erfüllt zu haben. Die Anwesenden besassen für diese Argument augenscheinlich mehr Verständnis als für die Vorstellung, dass ihre eigenen Interessen durch diese Reise gefördert werden würden. _Bang Jok_, der sehr gut wusste, dass die Long-Glat und Kajan nur auf seine Beteiligung warteten, um mich zu den Kenja zu begleiten, wagte daher nicht, die Verantwortung, die Reise vereitelt zu haben, auf sich zu nehmen; auch kam ihm die Einsetzung einer niederländischen Verwaltung am Mahakam nicht mehr ganz unwahrscheinlich vor. So versprach er denn endlich, sehr gegen seinen Wunsch, ein Boot mitsenden zu wollen; dass er selbst an der Reise nicht würde teilnehmen können, konnte für mich nur vorteilhaft sein. Während dieser Unterhandlung hatte ich _Bo Ibau_ und _Kwing Irang_, die sich beide dem unnatürlich gezierten _Bang_ durchaus nicht gewachsen fühlten, nicht ins Gespräch gezogen und doch hatten sie, besonders _Kwing_, wie auf glühenden Kohlen gesessen. Er zog sich mit seinen Kajan, noch während ich mit _Bo Ibau_ die Massregeln besprach, die er unter seinen Long-Glat treffen sollte, aus der unheimlichen Nähe seines Nebenbuhlers _Bang Jok_ zurück und begab sich ins Haus der Ma-Tuwan, wo man ihm einige Räume zur Verfügung gestellt hatte. Seit langen Jahren war _Kwing_ jetzt zum ersten Mal darauf eingegangen, in Long-Deho selbst zu übernachten; allerdings hatte er früher stets seine Kampfhähne bei sich gehabt, die ihre guten Schutzgeister vielleicht an die Hähne der Long-Glat hätten verlieren können.

Am Morgen vor der Versammlung hatte ich die Kajan und Long-Glat, die _Demmeni_ und unser Gepäck von Long Tepai herunter gebracht hatten, aus Mangel an Silbergeld mit Gold bezahlt. Anfangs verursachte das Schwierigkeiten, aber einige Malaien zeigten sich schliesslich bereit, für das Gold Waren zu liefern. Eine Betrügerei vermutend machte ich die Kajan ausdrücklich darauf aufmerksam, dass jedes Goldstück 4 Reichstaler wert sei, unter den Malaien, die aus dem Gold Schmucksachen herstellten, eigentlich noch mehr. Trotzdem erhielten die meisten an Tabak, Kattun, Salz etc. für ein Zehnguldenstück nur 7-8 fl.

_Bo Ibau_ fuhr mit den Long-Glat und einigen Kajan noch am gleichen Abend den Mahakam aufwärts, um ihre Landsleute bei den Vorbereitungen für die grosse Reise zur Eile anzuspornen. Ich selbst erhöhte ihren Eifer, indem ich den Häuptlingen nach Überlegung mit _Kwing_ erklärte, mit meinem Geleite an den Boh vorausreisen, dort ein Lager aufschlagen und auf den Nachschub warten zu wollen.

Noch ein anderer Umstand zwang die Häuptlinge, Long Deho bald zu verlassen, nämlich das nahende Ende _Bo Adjang Ledjüs_. Es war mir zwar gelungen, den alten Mann vom Fieber zu befreien, aber Schlaf und Appetit wollten nicht zurückkehren, und besonders die letzten Tage hatte der Kranke sich kaum von der Matratze erheben können. Mit der Verschlimmerung seines Zustandes war auch das Interesse der Seinen für ihn gestiegen und der Zulauf an Besuchern so gross geworden, dass die Familie einen Einsturz des Hauses zu fürchten anfing. Zu dieser Befürchtung war in der Tat aller Grund vorhanden, denn die Häuser in Long Deho waren, wie schon gesagt, viel schlechter gebaut als die oberhalb der Wasserfälle und Reparaturen wurden nicht vorgenommen. Die Angehörigen des Kranken baten _Kwing Irang_, mit seinen Kajan aus dem Walde hinter dem Dorfe einige Balken herbeizuschaffen, um sie als Stütze unter den Fussboden zu stellen und schräg gegen die schon vorhandenen zu befestigen.

In der Nacht des 13. April wurde ich plötzlich durch lautes Rufen und Laufen in _Bo Adjangs_ _amin_ geweckt. Der Kranke war ohnmächtig geworden, trotzdem seine Töchter und Frauen ihn seit Tagen ständig anriefen und schüttelten, aus Angst, dass er in Schlaf verfallen und nicht wieder erwachen möchte. Das Ende des alten Mannes wurde durch eine derartige Behandlung natürlich nur beschleunigt. In den letzten Tagen hatte ich immer wieder vergeblich auf Ruhe beim Kranken gedrungen, nur wagte ich nicht, in Anbetracht, dass er augenscheinlich doch sterben musste, allzu energisch aufzutreten, da man mir sonst seinen Tod zugeschrieben hätte. Je mehr sich sein Zustand verschlimmerte, desto mehr wurde der Unglückliche durch Schreien und Schütteln am Schlafen verhindert. Helfen konnte ich nicht, so zog ich mich denn, als die Familie die Absicht äusserte, im letzten Augenblick nochmals die Hilfe einer Priesterin anzurufen, als Arzt ganz zurück und besuchte den Kranken nur noch ab und zu aus Teilnahme.

Nachts kam _Bo Adjang_ wieder zu sich, aber am folgenden Mittag trat eine neue Ohnmacht ein, worauf seine Angehörigen wieder stark auf die Gonge zu schlagen (_buka_), zu rufen und zu laufen anfingen. Nachdem das Bewusstsein des Kranken wiederum halb zurückgekehrt war, seine Töchter und Frauen einen erneuten Anfall auf ihn gemacht und die jungen Männer die Gonge wieder geschlagen hatten, tat _Bo Adjang_ abends seinen letzten Atemzug.

Obgleich ich den Wunsch geäussert hatte, den Handlungen, die mit der Leiche vorgenommen werden sollten, beizuwohnen, merkte ich doch, dass man auch in dieser mir sehr befreundeten Familie die Gegenwart eines Weissen bei den Zeremonien nicht gerne sah, und so war ich denn nur bei den über Tag stattfindenden Vorbereitungen zugegen.

Wie ich später hörte, hatte man, wahrscheinlich um die Leiche nicht erst steif werden zu lassen, diese gleich nach dem Tode gewaschen und schön gekleidet. Zum Waschen hatte man erst gewöhnliches, dann Wasser, in dem duftende Blumen gelegen hatten, benützt. Auch die Long-Glat stecken dem Toten Perlen in die Augen und Körperöffnungen.

Des Morgens früh fand ich die Leiche auf einer Matratze, bedeckt mit einem Tuche, mitten in der _amin_ liegen, während die Frauen und Töchter für den Verschiedenen schöne Kleidungsstücke aus den Körben hervorholten, als passende Ausstattung fürs Jenseits. Eigentümlicherweise wurden dem Toten auch für längst verstorbene Angehörige Kleidungsstücke mitgegeben. So fügte _Ibau Adjang_, der Sohn des Verstorbenen, ein Röckchen für sein rotes Töchterchen bei. Zwei der ältesten Frauen überlegten mit einer alten Priesterin, wie sie den Anforderungen der _adat_ am besten nachkommen könnten.

Sämtliche Familienglieder trugen Trauer, d.h. alle hatten ihren Schmuck abgelegt und sich in weissen oder hellbraunen Kattun gekleidet; die Frauen hatten sich ausserdem die langen Haare bis auf Halshöhe abgeschnitten. Die beiden jüngsten Frauen des Verstorbenen trugen Röcke aus Baumbast.

Am Abend des ersten Tages wurde in einer grossen Zusammenkunft bei _Bang Jok_ überlegt, wie man das Begräbnis mit Rücksicht auf den hohen Wasserstand, der Long Deho von den ober- und unterhalb der Wasserfälle wohnenden Angehörigen des Toten gänzlich abschnitt, gestalten sollte. Dass die Hilfe der Verwandten nicht beansprucht werden konnte, war insofern günstig, als man bei der herrschenden Reisnot nur schwer so viele Menschen hätte beköstigen können. Nun musste man sich mit den im Dorfe vorhandenen Arbeitskräften begnügen, die allerdings ebenfalls von der Familie bewirtet werden mussten, aber die _panjin_ halfen nach Vermögen mit.

Augenscheinlich hatte man auch Leute gefunden, die den _lungun_ (Sarg) herstellen sollten, denn am folgenden Morgen zogen in der Frühe 40 Männer und Frauen auf ein Reisfeld, um einen grossen Baum (_kaju aro_) zu fällen, der bereits lange zuvor zu diesem Zwecke ausersehen worden war. Während die Männer das Holz bearbeiteten, kochten die Frauen ihnen das Essen. Der Sarg wurde aus einem einzigen Stück hergestellt, und aus einem zweiten desselben Baumes ein gut schliessender Deckel verfertigt. An Ort und Stelle fand aber nur die Roharbeit statt. Bevor der Baum gefällt wurde, hatte man eine alte, geistesschwache Sklavin veranlasst, ihn 8 Mal im Tanzschritt zu umkreisen. Diese Sklavin hielt sich im Trauerhause ständig in der Nähe der Leiche auf und wurde von _Hong_, _Bo Adjangs_ Frau, die nur zum Schein den Dienst bei ihm verrichtete, unterrichtet, wie sie das Feuer anmachen, den Reis für den Toten kochen sollte etc. Die Leiche musste nämlich, solange sie noch nicht eingesargt war, 3 Mal täglich gespeist werden, d.h. es wurden Schüsseln mit Reis, Fisch und Zuspeisen neben sie hingestellt. Die Sklavin umkreiste die Leiche auch bei dieser Gelegenheit 8 Mal. Als Totenspeise darf das Fleisch des Wildschweins nicht benützt werden. _Hong_ bot der Leiche jede Schüssel gesondert an und liess sich von der Sklavin nur ab und zu pro forma helfen. Wie man mir erzählte, verstand diese den Reis für _Bo Adjang_ gut zu kochen (_"haman enah kanen dahin_ _Bo Adjang_"). Auch sollte sie alle Vorschriften der _adat_ ebenso gut kennen, wie ein alter Sklave in Lulu Njiwung, den man des hohen Wasserstandes wegen nicht hatte holen können. Man lässt gewöhnlich die Leichenzeremonien durch Sklaven aus anderen Gebieten verrichten, weil Fremde nicht, wie nach der _adat_ der Bahau aufgewachsene Personen, bei einer Berührung der Leiche _takud parid_ werden. Später werden, bei Eintritt eines neuen Todesfalls, stets wieder die gleichen Sklaven herbeigeholt.

Am ersten Tage hatte man aus weissem Kattun ein Klambu hergestellt und es am anderen Morgen über die Leiche gehängt, wobei die Frauen laut weinten und die Gonge, wie bei jeder vorgenommenen Handlung, geschlagen wurden. Der gleiche Brauch herrscht bei den Kajan, Pnihing und anderen Stämmen, nur wird bei diesen mit dem Reisstampfer auf den Boden gestampft. Wahrscheinlich hat der Lärm den Zweck, die Geister in Apu Kesio darauf aufmerksam zu machen, dass etwas Wichtiges vor sich geht.

Der Sarg stand dank den vielen Hilfskräften noch am gleichen Tage in roher Form fertig da, aber abends und nachts wurde eifrig daran weiter gearbeitet. Morgens war die Arbeit denn auch so weit vorgerückt, dass einige Männer den Sarg, der oben und an den Seiten glatt gearbeitet war, mit schönen schwarzen Hundefiguren (_aso_) auf weiss gekalktem Grunde verzieren konnten. Zu beiden Enden des Sarges wurden Masken geschnitzt; für Häuptlinge höheren Ranges (_Bo Adjang_ hatte nur eine _panjin_ zur Mutter) wird der Sarg auch an den Seiten mit Masken verziert. Abends war der Sarg fertig und nachts wurde die Leiche hineingelegt, worauf man den Deckel mit Harz luftdicht verschloss. So konnte mit dem Begräbnis gewartet werden, bis das _lali parei_ vorüber war und der jüngste Sohn des Verstorbenen, _Ledjü Adjang_, der bei seiner Frau _Bua Li_ am Merasè lebte, von dort nach Long Deho abgeholt werden konnte.