Quer Durch Borneo; Zweiter Teil
Chapter 19
Die Bahau verstehen sich sehr gut auf die Herstellung von Schindeln (_kepang)._ Für die Häuser von Häuptlingen benützen sie gut spaltbares Eisenholz, für die der übrigen Stammesgenossen meist Tengkawang-Holz. Zuerst suchen sie im Walde einen Baum von Eisenholz aus, der sich gut spalten lässt, was bereits beim Anhacken des Stammes zu konstatieren ist. Haben sie unter vielen einen solchen Baum gefunden, so schlagen sie, je nach seiner Grösse, 600-800 _kepang_ aus ihm. Sie zerlegen den Baum in Stücke von der Länge der Schindeln und spalten die Stücke mit Hilfe eines langen, hölzernen Keils, den sie mit einem Holzklotz hineintreiben, in Segmente (Taf. 23 unten rechts). Zur weiteren Bearbeitung stellen sie diese Segmente auf primitiven Gerüsten ihrer Länge nach senkrecht vor sich auf und schlagen mit einem Schwert zu beiden Seiten das überschüssige Holz ab. Wie auf dem Bilde zu sehen ist, wird das Schwert vor dem festen Schlage mit beiden Händen erhoben.
Da die Schindeln von _Kwing Irangs_ provisorischem Hause für das neue, das 25000 Stück erforderte, lange nicht reichten, wurde jeder Familie aufgetragen, 200 Schindeln zu liefern, was wiederum viel Zeit in Anspruch nahm. Um nicht allzu lange warten zu müssen, deckte man zum Schluss noch einen Teil des Daches mit alten Tengkawang-Schindeln, die später durch andere aus Eisenholz ersetzt werden sollten.
Als man eine genügende Menge Schindeln beisammen zu haben glaubte--man hatte sich von der erforderlichen Anzahl nur eine allgemeine Vorstellung gemacht--wurde der ganze Stamm zusammengerufen, um die Geister vor der Anbringung der Dachbedeckung durch die Opferung eines sehr grossen und hauptsächlich fetten Schweines günstig zu stimmen. Dies war unumgänglich nötig, weil das Dach aus Eisenholz gebaut wurde; hätte man Tengkawang-Holz benützt, so wäre ein bescheideneres Opfer genügend gewesen. Nun waren alle Stammesglieder, jung und alt, versammelt, was insofern wünschenswert war, als die Dorfgenossen das Opfer gemeinsam bringen und daher das Schwein und ausserdem zwei Hühner berühren sollten. Die Geister erkannten dann am Geruch, wer geopfert hatte und die Betreffenden brauchten sich später nicht zu fürchten, takut parid, d.h. krank zu werden, sobald sie unter dieses Eisenholz-Dach traten. Diese Auffassung entspringt dem starken Eindruck, denn ein so festes, kostbares Dach auf den Bahau macht; er fürchtet daher, seine Seele (_bruwa_) könnte beim imposanten Anblick erschrecken und fliehen, wodurch er selbst krank werden würde. Aus demselben Grunde brachte man auch keine kleinen Kinder in die Nähe der Eisenholz-Pfähle, selbst als diese noch weitab lagen und behauen wurden. Erst nachdem ihre Bearbeitung vollendet war und die Mütter den Geistern der Pfähle Eier oder ein Huhn geopfert hatten, durften die Kinder sich ihnen gefahrlos nähern.
Im Unterschied von anderen Gelegenheiten brachte diesmal der Häuptling selbst und nicht der Priester den Geistern das Opfer. Man hatte für diese Zeremonie einen grossen, viereckigen Platz mit Brettern und Matten überdeckt und darunter sass der Häuptling inmitten seiner Ältesten in vollem Ornat d.h. mit einem besonders schönen Lendentuch und Kopftuch bekleidet. Sie alle legten die Hand auf das feiste Tier, worauf Männer, Frauen und Kinder bis auf die Säuglinge in einem langen Zuge das Opferschwein berührten. Darauf trug der Häuptling den Geistern das Opfer an, indem er ihnen berichtete, wer opferte und warum geopfert wurde. Hierbei bediente er sich der Kajansprache, vielleicht weil er das Busang, das gewöhnlich bei solch einer Gelegenheit gebraucht wird, nicht gut sprach. Der alte _Bo Jok_ wiederholte die Worte, hatte aber vorsichtshalber seine Seele vorher gründlich gestärkt, indem er in ein altes Schwert gebissen und darauf ein Stück weissen Kattuns auf sein Haupt gelegt hatte. Er sprach unter dröhnenden Schlägen auf die Gonge, so dass ich ihn nicht verstand. Darauf schlachtete man das Schwein und die Hühner, zerlegte sie in gleiche Stücke und kochte sie in Pfannen (Taf. 36), so dass alle Anwesenden zu ihrem Klebreis, den der Häuptling ihnen ebenfalls angeboten hatte, auch Fleisch zu geniessen bekamen. Wir erhielten eines der Hühner und ein Stück Schweinefleisch, die wir uns trefflich munden liessen, da es in der letzten Zeit mit der Kost schlecht bestellt gewesen war. Zuletzt wurden noch einige Eier als Opfer beim Hauptpfahl aufgelegt.
Es folgten zwei Tage _melo_, in denen niemand unter dem Hause hindurchgehen durfte. Als Verbotszeichen wurde ein Rotang um das Haus gespannt.
Am Abend des Opfertages fand noch eine andere Zeremonie statt. Es hatte sich nämlich die _djelewan_, die rotköpfige Schlange, beim Hause gezeigt, und nun glaubte der Häuptling, diesem Boten der grossen Geister unter einem Opfer noch einiges über den Hausbau mitteilen zu müssen. So opferte er denn an der Stelle, wo das Tier gesehen worden war, 2 × 8 Eier und einige kawit mit Schweinefleisch, die er in die gespaltene Spitze in die Erde gepflanzter Bambusstöcke einklemmte. An einem dieser Opferstöcke befestigte er einen Streifen von der Rückenhaut mit Baransitzendem Speck des geopferten Schweines, der von der Schnauze bis zum Sehwanze reichte, um die Geister von der Grösse und Fettheit des gebrachten Opfers zu überzeugen.
Viele Männer zeigten sich jetzt bereit, die Schindeln auf dem Dache anzubringen; augenscheinlich hatte die Festfreude sie in gute Stimmung versetzt. In einem Tage befestigten sie 11000 Schindeln, indem sie mit einem Hohlmeissel oder Drillbohrer ins obere Ende der Bretter zwei Löcher bohrten, Rotangschnüre hindurchzogen und an die Querlatten festbanden. Die Schindeln waren alle sehr dünn und gleichmässig, doch bildeten ihrer 50 eine schwere Last selbst für einen starken Mann. Dank den fest angebrachten Leitern kam aber während des ganzen Hausbaus kein einziges Unglück vor. Geschieht ein solches aber dennoch, so wird es als ein Beweis für den Unwillen der Geister aufgefasst und dementsprechend behandelt. Fällt z.B. jemand vom Gerüst herab, so wird sein Lendentuch an der betreffenden Stelle begraben. Auch muss er _melo_, ein Schwein opfern und den dajung Kattun und ein Schwert geben. Dann muss er wieder bis zu 8 Tagen _melo_, währenddessen an dem Hause nicht gearbeitet werden darf. Auch Kleidungsstücke und Werkzeuge werden an Ort und Stelle, wo sie niedergefallen sind, vergraben. Überdies werden bei einem Neubau noch andere Vorsichtsmassregeln getroffen, um sich die günstige Stimmung der Geister und somit ein gutes Gelingen zu sichern. In gleicher Weise wie z.B. ein Mann, aus Furcht _takut dawi_ zu werden, keine getragenen Frauenkleider und keine Webeutensilien berühren will, darf auch kein Webeapparat unter einem unvollendeten Hause hindurchgetragen werden. Auch den von weit her kommenden Fremden ist der Durchgang unter einem unvollendeten Hause verboten, wahrscheinlich weil man auch in diesem Fall die unbekannten Geister, die sie mitbringen, fürchtet. Stirbt jemand im Stamme, so muss der Hausbau, solange die Leiche nicht begraben ist, unterbrochen werden.
Trotz aller Hindernisse war _Kwing Irangs_ Haus im März 1899 unter Dach und die _amin_ mit Hilfe alten Materials soweit fertiggestellt, dass sie bezogen werden konnte. Der Galerie fehlte hauptsächlich eine Diele, aber diese war nicht unumgänglich nötig; auch musste man voraussichtlich wegen der Ernte noch Monate lang mit der Herstellung der Bretter warten.
Als der Tag, an dem _Kwing Irang_ sein neues Haus beziehen sollte, nach dem Vogelflug bestimmt worden war, wurden alle Personen, die die _amin_ bewohnen sollten, also die Familienglieder und die Haussklaven, ausserdem auch noch ein Teil der Sklaven, der eigene Häuser bauen durfte, zusammengerufen.
Gegen Mittag wurde zuerst gegen die Haustreppe zu eine Art Gang hergestellt, indem man eine Reihe hölzerner Galgen errichtete und mit weissem Kattun überspannte. Mit einem gleichen weissen Baldachin überdeckte man auch die Treppe von unten bis zur _awa_. Alle Hausgenossen in Begleitung eines Priesters mit Frau und Kindern und des alten _Bo Jok_ bildeten einen Zug, an dessen Spitze sich _Kwing Irang_ stellte. Der Häuptling trug seine gewöhnliche Kleidung. Ihm folgten ein Mantri, seine Frauen _Bo Hiang_ und _Anja_, dann der alte _Bo Jok_ und zuletzt die Sklavinnen mit ihren Kindern. Erst schritt der Zug durch den Gang zur Treppe, bog dann links ab, ging einmal unten um das Haus herum und lehrte dann zur Treppe zurück. Hier hatte man auf einem flachen Stein ein altes Schwert niedergelegt, auf welches der Häuptling und alle, die ihm folgten, erst den Fuss setzten, bevor sie die Treppe hinauf ins Haus stiegen. Dieser feierliche Einzug diente zur Vorbereitung der Seele, damit diese beim plötzlichen Anblick dieses grossen, imposanten Gebäudes nicht entfloh. Der _dajung_ und seine Familie betraten nicht das Haus, sondern begaben sich nach rechts, ihrer eigenen Wohnung zu.
In der _amin_ angelangt begannen die Hausbewohner sogleich, nachdem sie die Tragkörbe samt Inhalt vom Rüchen genommen hatten, Herde zu errichten. Der kleine Herd, auf dem hauptsächlich für den Häuptling gekocht wird, kam zuerst an die Reihe. Zwei junge Männer holten von draussen, zur Seite des Hauses Erde und bedeckten mit ihr einige Bretter aus hartem Holz. Dies ist die gebräuchliche Weise, um Herde herzustellen. Dann berichtete _Bo Jok_ den Geistern, wem dieser Herd gehörte, auch bat er um ein glückliches Leben und Reichtum für die künftigen Bewohner. Als symbolisches Zeichen hierfür steckte er 2 × 8 Haken aus Fruchtbaumholz und zwei Büschel von _daun sawang_ und noch einer anderen Blätterart in die Erde. In die Mitte legte man einen platten, nierenförmigen Stein von 10 cm Durchmesser, holte noch mehr Erde und stampfte diese über dem Stein fest. Damit war der Herd vollendet. Die Erde darf nie gewechselt werden; nur darf nötigenfalls bei religiösen Festen neue hinzugefügt werden.
Das erste Feuer muss auf die in früherer Zeit gebräuchliche Weise entzündet werden, indem man ein Stück Rotang über ein trockenes, weiches Holzstück hinund herzieht (Taf. 62, Fig. h). Die Funken, die hierbei entstehen, werden mittelst einer Art Schwamm aufgefangen. In den ersten Tagen darf dieses Feuer nicht ausgehen. Wenn die _panjin_ und _dipen_ später ihre eigenen Wohnungen beziehen, holen sie ihr erstes Feuer von diesem Herde in der _amin aja_.
Die beiden ersten Tage nach dem Einzug müssen die Hausbewohner _melo_. In dieser Zeit darf im Hause nicht geweint werden, _Kwing_ schickte daher ein halbidiotisches Mädchen, das ihm von deren Familie anvertraut war, nach seiner Reisfeldwohnung, weil das Kind leicht in Tränen ausbrach.
Nach beendetem _melo_ musste man _ngajo_, Köpfe jagen, um die vielen Verbotsbestimmungen, denen man sich während des Hausbaus hatte unterwerfen müssen, aufheben (_bet lali_) zu können. Die Bewohner durften in der verflossenen Periode z.B. keine Bären, Gibbon und _dongan_, einen sehr beliebten Fisch, essen. Die von anderen Stämmen gebürtigen Sklaven mit anderer Religion mussten auf den verbreiteten grauen Affen (_kera_), dessen Fleisch sie für gewöhnlich geniessen, verzichten.
Das _ngajo_ gelegentlich des _bet lali_ führt der Häuptling allein aus. Die _panjin_ feiern es gemeinschaftlich, sobald sie alle ihre Häuser beendet und bezogen haben, beim ersten Neujahrsfest. Das _ngajo_ des Häuptlings bestand darin, dass er einen seiner Mantri nach dem _melo_ den Vogelflug beobachten liess. Der Mantri baute an der Stelle, wo er den _telandjang_ oder hissit zu seiner Rechten gehört hatte, eine Hütte, die vom Häuptling und seinem Geleite für zwei Tage bezogen wurde. Darauf kehrte die Gesellschaft mit einem alten Schädel heim und beobachtete alle Zeremonien, die früher bei einer echten Kopfjagd gebräuchlich waren.
In Anbetracht, dass eine ungünstige Mondphase (Vollmond) eintreten sollte, beeilte man sich und stellte sich mit wenigen guten Vorzeichen zufrieden. Der _adat_ wurde vorläufig genügt; später, wenn das Haus gänzlich fertig gestellt war, wollte man nochmals die Vögel befragen. _Kwing_, der viel zu tun hatte, liess nur den Mantri und sein Geleite in der Hütte schlafen.
Ein derartiges _bet lali_ mit _ngajo_ des Häuptlings bedeutet für alle Stammesglieder eine Aufhebung einer eventuellen Verbotsperiode. So darf z.B. bei dieser Gelegenheit die Trauer für ein Familienglied abgelegt werden. Die Knaben und jungen Männer dürfen bei diesem Anlass, wie die Erwachsenen, eine Kopfjagd mitmachen, um sich dadurch das Recht zu erwerben, je nach dem Alter ein Schwert zu tragen, die Schwanzfedern des Rhinozerosvogels (_kerip tingang_) auf ihre Kriegsmütze zu heften oder einen Kriegsmantel umzulegen. Die gleichen Sitten herrschen bei den Long-Glat. Sie weisen darauf, dass bereits seit langer Zeit eine Kopfjagd des Häuptlings für alle Dorfgenossen zum _bet lali_ genügte. Daher beteiligten sich auch viele Familien an diesem _ngajo._ Die _panjin_ begaben sich bereits abends vor dem bestimmten Tag zur Hütte, in welcher der Mantri sich befand. Bei Tagesanbruch machte sich auch der Häuptling in 3 Böten, bemannt mit von Kopf bis zu Fuss bewaffneten Kriegern, dorthin auf. Nach etwa einer Stunde hörten wir den Fluss herunter den Kriegsruf der Bahau erschallen; in Long Buleng schossen die Malaien ihre Gewehre ab und bald darauf kamen die Böte in Sicht. Sie waren aneinander gebunden worden und bildeten so ein Floss, auf dem die Krieger standen und in der Morgensonne in ihren phantastischen Rüstungen einen prachtvollen Anblick boten. Die mit langen, aufrechtstehenden Bambuswedeln geschmückten Böte trieben feierlich langsam den Fluss herab und hielten bei dem Anlegeplatz des Häuptlings still, wo schön geschmückte Frauen und Mädchen ihre männlichen Angehörigen erwarteten, ihnen die Schwerter und die überflüssige Kriegsrüstung abnahmen und ins Haus trugen, um ihnen statt dessen einen hübschen, Schal um die Schultern zu schlingen. Sie tun dies, um die _bruwa_ der Krieger, die unter dem unangenehmen Eindruck von abgeschlagenen Köpfen, geraubter Habe und verbrannten Häusern steht, durch etwas Angenehmes zu beruhigen. Als alle Festteilnehmer in der Galerie versammelt waren, hing man die Kriegsrüstung auf und bereitete dort alles zu einem mehrtägigen Aufenthalt vor. Die Krieger durften nämlich während des _ngajo_ ihre amin nicht betreten und nur in Bambus gekochten Reis ohne Fische, Hühner, Schweinefleisch, Salz oder andere Zuspeisen geniessen. Die eben erwachsen gewordenen jungen Männer durften während der ersten 4 Tage kein Wildschweinfleisch essen und für die Knaben, die sich zum ersten Mal an einem Kriegsunternehmen beteiligten und noch nicht allen Verbotsbestimmungen folgten, erstreckte sich diese Vorschrift auf 6 Tage.
Die Böte wurden von einander gelöst und jeder Besitzer führte das seine wieder mit, nur die beiden mittelsten, die mit Bambus und Büscheln halb entfalteter, noch weisser Palmblätter verziert waren, blieben am Ufer liegen. In diesen Büscheln hingen zwei alte Köpfe, die der Sultan von Kutei _Kwing Irang_ einst geschenkt hatte. Mit diesen Köpfen nahmen diejenigen Kajan, die auf ihren Reisfeldern wohnten und sich nicht so früh zum _bet lali_ hatten einstellen können, im Laufe des Tages das _ngajo_ vor. Sie kamen mittags zusammen und fuhren, wenn ihr Alter es zuliess, in Kriegskostüm unter den Schlägen der Gonge zu einer Geröllbank am jenseitigen Ufer. Ein Priester und einige Männer in voller Kriegsrüstung begleiteten sie. Die Knaben, die noch keine Federn des Rhinozerosvogels tragen durften, hatten mit Palmblättern und Palmblattstielen verzierte Kriegsmützen aufgesetzt.
Auf der Geröllbank wurde einer der Schädel an Land gebracht und niedergelegt; der Priester brachte ein Ei zum Vorschein, redete die Geister des Batu Kasian an und zerschlug das Ei, worauf alle neuen Teilnehmer ein Blattstück in die Eimasse tauchten, in den Fluss warfen und hinabtreiben liessen. Dann tranken sie etwas Flusswasser, badeten sich und legten die Kriegsrüstung wieder an. Auch der Priester nahm ein Bad, nachdem er das Ei in den Fluss geworfen hatte. Darauf bewiesen alle Jünglinge ihren Mut, indem sie mit ihren Schwertern den Schädel berührten, mit ihren Speeren hineinstachen oder mit ihren Blasrohren Pfeile auf ihn abschossen. Die Mutigsten setzten sich auf den Schädel, nachdem sie ihren Kriegsmantel über ihn gebreitet hatten. Nach beendeter Zeremonie würde der Bambus, der den Schädel trug, wieder ins Boot gepflanzt und die Gesellschaft kehrte nach Hause.
Die gleichen Zeremonien fanden am folgenden Tage mit den Nachzüglern statt.
Der zweite Tag wurde hauptsächlich dem Vorzeichensuchen an Opfertieren gewidmet. Den Anfang machte der Häuptling; alle übrigen folgten.
Der Häuptling opferte ein männliches Schwein und einen Hahn, diesmal vor allem den Geistern auf dem Batu Mili. In seiner schönsten Kleidung, umgeben von seinen vornehmsten Mantri und _dajung_, sprach der Häuptling auch jetzt die Geister selbst an; doch verstand ich ihn wegen der dröhnenden Schläge auf die Gonge nur schlecht. Während er sprach, hielt er den Hahn, um den man einen schönen, kostbaren Leibgürtel aus alten Perlen gelegt hatte, in der Hand. Das Tier wurde geschlachtet und der Bauch geöffnet, um nach der Beschaffenheit des Darmes, der Gallenblase und des Pankreas die Zukunft zu bestimmen. Ein glatter, nicht roter Darm, ein Pankreas, das nicht viel länger oder kürzer ist als die Darmschlinge, zwischen welcher es befestigt ist, und eine volle Gallenblase sind günstige Omina. Da der erste Hahn des Häuptlings die gewünschten Vorzeichen nicht aufwies, schlachtete er einen zweiten, der in der Tat eine bessere Zukunft prophezeite.
Darnach wurde auch das Schwein geschlachtet und seine Leber und Milz untersucht. Die Milz muss lang, dünn und ohne Ausbuchtungen am Rande sein, die Leber eine normale Grösse und Farbe zeigen und die gut gefüllte Gallenblase in richtigem Verhältnis zu den Lappen an der Unterseite der Leber stehen.
Glücklicherweise waren die Vorzeichen hier sogleich zufriedenstellend und konnte das Blut des Schweines und des zweiten Huhnes aufgefangen und mit gekochtem Reis und Hühnerfleisch den _to_ angeboten werden.
Inzwischen hatten alle Männer, die an der Kopfjagd beteiligt gewesen waren, in der Galerie ihr Kriegskostüm angelegt und ihren Müttern und Angehörigen einen Hahn und ein Küchlein gebracht, um durch einige Priester und Priesterinnen für jede Familie gesondert die Vorzeichen zu beobachten.
Die _dajung_ schnitten dem Küchlein den Hals durch und suchten dann die Zeichen. Darauf schlachteten sie den Hahn als Speise für Götter und Menschen. Sind die Vorzeichen bei dem ersten Küchlein nicht befriedigend, so werden andere getötet, bis die Omina günstig sind.
Die Opferspeise wurde den Geistern gelegentlich des _ngajo_ auf besondere Weise angeboten, so wie es nach grossen Expeditionen üblich ist. Alle Familien flochten aus Bambus einen Rahmen von 2 1/2 dm Seitenlänge. An die 4 Ecken des Rahmens wurden Schnüre befestigt und an einen Stock gebunden und darauf Kopf, Schwanz und Füsse des Hahnes unten an den Rahmen gehängt. Der Reis, das Huhn und das Blut wurden zwischen 8 Bananenblätter gelegt, zu einer _kawit_ zusammengerollt und mit einem Bambus auf den Rahmen festgesteckt. Das Ganze stellte also, wie am Mendalam, eine _blaka ajo_ dar (T. I p. 126). Nachdem gegen Abend alles bereit war, hing man alle _blaka_ unter Kriegsrufen und Schlägen auf die Gonge oben in der Galerie auf.
Die an der Kopfjagd Beteiligten durften jetzt wieder Hühnerfleisch geniessen.
Nicht nur die Geister, sondern auch die Schwerter, Speere, Schilde, Gonge u.s.w. wurden gespeist, um sie günstig zu stimmen und ihre _amei_ (Vater), _inei_ (Mutter) und _harin_ (Blutsverwandten) dazu zu bewegen; zu den Kajan zu kommen. Die Sklaven boten ihre _kawit_ dem Schwerte des Häuptlings an.
Abends bemerkte ich, dass man auch den Schädeln Speise in Bananenblättern angeboten hatte. Mit einem der Schädel wurde wiederum eine Zeremonie vorgenommen. Alle Teilnehmer, auch der Häuptling, legten ihre schönste Kriegskleidung an und berührten wiederum mit Schwert und Speer den Schädel, worauf der älteste und angesehenste Mantri des Stammes eine _mela_ mit ihnen vornahm, indem er die Männer mit Blättern, die er in Schweine- und Hühnerblut getaucht hatte, bestrich. Die Betreffenden mussten während der Zeremonie den einen Fuss auf einen alten Gong setzen. _Kwing Irang_ in seinem malerischen Kostüm mit Kriegsmantel, grosser, mit _tingang_-Federn verzierter Kriegsmütze und schönem Schild mit Haarschmuck wurde als erster behandelt. Der tiefe Ernst auf den Gesichtern, die feierliche Stille in der grossen, schwach beleuchteten _awa_ wirkten ergreifend, und die Krieger, die zu vieren gleichzeitig vortraten, bildeten im schräge einfallenden Schein der Fackeln phantastische Gruppen.
Bei der Angst der Männer vor den Schädeln und den aufgerufenen Geistern liess sich ihre Gemütsverfassung begreifen, ebenso, dass sie zur Beruhigung ihrer Seele eine ernste _mela_ nötig hatten.
Nach beendeter Zeremonie betraten immer mehr Menschen die _awa_, alle so schön gekleidet, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Es sollte nämlich ein allgemeiner Tanz, _ngarang_, stattfinden, der erste seit vielen Jahren, da die Kajan nach der Brandschatzung ihres Dorfes im Jahre 1885 noch keine so grosse _awa_ besessen hatten. Nun war die 11 × 25 m grosse Galerie voll von Leuten, die in zwei grossen Kreisen am Tanze teilnahmen. Die Männer in Kriegsrüstung, die Frauen und Kinder in Festkleidung, fügten sich alle fröhlich und voller Eifer in den Reigen, der unter den Tönen der Gonge bis zum anderen Morgen fortgesetzt wurde.
Nach einer mehrstündigen Rast begaben sich die Männer gegen Mittag in 12 Böten ans andere Ufer, wo sie sich in malerischen Gruppen auf der Geröllbank und den Felsen lagerten. Jeder warf etwas Reis und Fischfleisch in den Fluss und ass selbst etwas davon. Hiermit war das _ngajo_ beendet. _Kwing Irang_ wollte jedoch jetzt, wo er nach dem Einzug ins neue Haus an eine Reise mit uns zur Küste denken durfte, die Gelegenheit benützen, um ein Vorzeichen für das Unternehmen zu suchen. Er nahm daher einen Flusskrebs in die Hand, erklärte dem Tier den Zweck der Probe und setzte es dann ein Stück weit in ein mit einem Spalt zum Beobachten versehenes Bambusrohr. Kroch das Tier zum langen Ende des Bambus, so war das Omen günstig, im entgegengesetzten Fall aber ungünstig. Zum Glück wählte der Krebs das lange Ende.
Nach der Heimkehr richtete jeder Festteilnehmer am Ufer vor dem Hause einen zugespitzten Pfahl auf und damit war das Fest beendet. Die Schädel wurden nicht in der _awa_, sondern unter dem grossen Hause aufgehängt.
Die Häuser der Freien werden auf die gleiche Art wie die der Häuptlinge gebaut, nur ist das verwendete Material leichter und die Einrichtung einfacher. Das auf Taf. 37 und 1-8 als Beispiel abgebildete _panjin_-Haus hatte eine etwa 8 m tiefe und 8.5 m breite _amin_, während die _awa_ gleich breit aber weniger tief war. Betrachten wir zuerst den Querschnitt, dann die Seitenansicht und den Grundriss dieses Hauses.
Der Querschnitt fällt mit der Richtung des Dachfirstes zusammen und schneidet den Grundriss c der Wohnung über die Linie 1-2. Er zeigt, dass die Konstruktion der _panjin_-Häuser mit der der Häuptlingshäuser übereinstimmt, dass sie jedoch in diesem Fall einfacher ist.
Das Gebäude wird getragen von den Eisenholzpfählen (h, _djehe_), welche die _aling_ g unterstützen. Auf diesen ruht eine doppelte Reihe von Balken r und s, welch letztere als Unterlage für die eigentlichen Fussbodenbretter v dient. Die Diele zeigt von rechts nach links erst den Querschnitt der Bretter vor dem Eingang zur _awa_ (a auf dem Grundriss C), dann derjenigen vor dem Herdplatz, welche etwas höher liegen und schliesslich der viel höheren Bretter vor der Aussenwand, vor der die Schlafräume c_2_ und c_3_ liegen.