Quer Durch Borneo; Zweiter Teil

Chapter 12

Chapter 123,360 wordsPublic domain

Die Krankenbeschwörungen am Mahakam beruhen auf derselben Idee wie am Mendalam, nur sind die Äusserungen desselben Glaubens bei den Priestern der einen und anderen Stämme eigentümlich verschieden. Während der grobe Betrug, den die _dajung_ am Blu-u treiben, indem sie krankheiterzeugende Tiere und Gegenstände aus dem Körper der Patienten zum Vorschein bringen, sofort ins Auge springt, beobachtete ich nichts ähnliches am Mendalam, auch äusserte sich eine Beseelung hier niemals in Begleitung von Zittern und Krämpfen.

Zur Veranschaulichung des Gesagten mag hier die Beschreibung eines grossen Beschwörungsfestes folgen (Beschwörung halten = _enah abei_), das _Kwing Irang_, als seine Familie durch Krankheit heimgesucht wurde, zur Beschwichtigung der Geister im Jahre 1897 vornehmen liess.

Den eigentlichen Festtag leiteten 3 der obersten weiblichen und _Bo Bawan_, der oberste männliche Priester mit einem Opfer an die unter dem Flusse wohnenden Geister ein. In netter, aber gewöhnlicher Kleidung begaben sich die Vier zum Blu-u, unter Vortritt von 4 jungen Männern, von denen zwei grosse Gonge, die anderen Priesterbecken ertönen liessen, um die Geister auf die kommende Zeremonie aufmerksam zu machen. An der Ufertreppe stehend boten alle zugleich in altem Busang den Geistern ein Küchlein, ein Bambusgefäss mit Salz, Reis und essbare Blätter, sowie einen weissen Kattunlappen zum Opfer an. Nachdem alle die Gegenstände in die Hand genommen hatten, schleuderte _Bo Bawan_ sie über den Fluss. Eine der _dajung_ schnitt dem Küchlein den Hals durch, alle Anwesenden bespieen das Tier, damit die Geister am Geruch die Geber erkennen sollten, dann warf der Priester auch dieses ins Wasser. Nur der Kattunlappen wurde unter Beckenschlag ins Haus zurückgetragen.

Etwas später erklangen die Becken aufs neue, diesmal in der Häuptlingswohnung, zum Zeichen, dass eine andere Zeremonie begonnen hatte. Bei meinem Eintritt, der die versammelte Menge nicht zu stören schien, sah ich unter dem geöffneten Dachfenster 8 _dajung_ sitzen, vorn männliche, hinten 6 weibliche. Erstere waren damit beschäftigt, unter dem ohrenzerreissenden Gebrumm der Gonge den guten Geistern in singendem Tone die von _Kwing_ und den Seinen gebotenen Opfer anzutragen. Diese lagen in Form von zwei gebundenen Schweinen, einem Huhn und zwei Küchlein rechts von den _dajung_, und einige Männer bemühten sich redlich, die Tiere durch Krauen von einem Überschreien der Gonge zurückzuhalten. Vor der Priesterschar lag ihr Lohn, bestehend in Schwertern, Zeug, Perlen und einem neuen tempajan. Alle Familien der _amin aja_ und auch viele andere hatten hierzu beigetragen. Die Schweine hatte _Kwing_ einige Tage zuvor im Dorfe gekauft, da er selbst keine besass.

Der Häuptling und seine Familie sassen links um die _dajung_ geschart; vorn _Klang_ selbst unter einem Regenschirm europäischer Herkunft, rechts von ihm sein Sohn _Bang_ unter einem grossen kajanischen Hut. Hinter ihnen sassen die Frauen und Kinder in ihrer besten Kleidung, völlig unter dem ernsten Eindruck der vorsichgehenden Feierlichkeit. Der gleiche Ernst lag auch auf den Gesichtern der zahlreich versammelten Menge, die den übrigen Teil des Raumes füllte. Die Diele, die bisher gewiss nur selten eine solche Menschenmasse getragen hatte, war am vorhergehenden Tage durch Pfähle unterstützt worden. Zum Glück war in dem allseits offenen Genrache von starker Ausdünstung nichts zu merken, sonst hätte man es unter den 200 Personen bei dem entsetzlichen Lärm kaum aushalten können.

Nachdem die Priester eine halbe Stunde lang die guten Geister von Apu Lagan angerufen hatten, wurde den beiden Küchlein der Hals durchschnitten und darauf der Bauch mit einem Längsschnitt geöffnet, um aus dem Fehlen oder Vorhandensein der Gallenblase zu schliessen, ob die Geister den Augenblick zum Opfern der Schweine für günstig hielten oder nicht.

Beide Tierchen besassen eine gut gefüllte Gallenblase, so dass mit dem Schlachten der Schweine begonnen werden durfte. Das Huhn, das mir zum Geschenk angeboten wurde, bildete eine willkommene Abwechslung in unserem damals sehr einförmigen Menu.

Nun wurden die Schweine abgestochen und zwar, wie gewöhnlich, auf äusserst ungeschickte Weise. Das Blut floss teils in einen eisernen Topf, teils auf ein Pisangblatt mit rohem Reis, auf dem bereits das Blut der Küchlein aufgefangen worden war. Alle Anwesenden mussten dieses erste Opfer berühren, damit die Geister am Geruch merkten, dass es von ihnen allen gespendet wurde. Auch wir verliehen ihm durch Berührung unsere europäischen Gerüche, worauf eine _dajung_ aus dem Dachfenster in die Luft hinaus schleuderte.

Den Schweinen wurde ebenfalls nach dem Verenden der Bauch durch einen Längsschnitt geöffnet, man führte aber noch einen Querschnitt unter dem rechten Rippenbogen aus, um die Unterseite der Leber und die Milz bequem untersuchen zu können.

An der Leber ist das Verhältnis des kleinen Lappens zur Gallenblase massgebend; ist letzterer gut ausgebildet und mit ersterer fest verbunden, so ist das Vorzeichen günstig, im entgegengesetzten Fall aber ungünstig. Ein tief eingeschnittener Rand der Milz prophezeit Unglück, ein gerader dagegen Glück. Zur allgemeinen Befriedigung liessen die Eingeweide beider Tiere nichts zu wünschen übrig.

Hiermit war das eigentliche Opfer abgelaufen und die gute Gesinnung der Geister festgestellt, was für alle, besonders aber für _Kwings_ sehr gläubige Frau _Hiang_ eine grosse Beruhigung bedeutete. Mit einem Seufzer der Erleichterung konstatierte sie denn auch das günstige Aussehen der Lebern und Milze.

Nachdem auf diese Weise den Geistern und Seelen der Anwesenden Genüge getan worden war, schickte man sich an, die materiellen Genüsse der Menge vorzubereiten. Den Opfertieren wurden zuerst die Borsten mit brennenden Holzspähnen versengt; dann übergoss man sie mit heissem Wasser, schabte mit Schwertern den Rest der Borsten ab, nähte ihnen mit wenigen Stichen den Bauch zu und trug sie zum Flusse, wo einige Männer alle geniessbaren Teile, auch die Därme, reinigten und darauf alles wieder zum Hause hinauftrugen. Hier zerlegten sie das Schwein in kleine Stücke und kochten diese in grossen Töpfen mit Wasser. Darauf wurde das Fleisch ohne weitere Zuspeisen mit Reis und Klebreismehl, das die Frauen schon am Tage vorher zubereitet hatten, genossen. Alles, was mit den Opferspeisen in Berührung kommen musste, war vorher im Blu-u gut gewaschen, und die grünen Bambusinternodien, in denen der Reis gekocht werden sollte, in schweren Lasten mit Wasser gefüllt hinaufgetragen worden. Die Frauen hatten den Reis und das Mehl für diese Gelegenheit in ±4 cm breite und a dm lange platte Päckchen von Pisangblättern gewunden und in die Bambusgefässe gesteckt. Diese füllten sie nun mit Wasser und stellten sie dann in schräger Lage in Reihen auf Gerüsten, halb neben, halb über langen Feuern, so dass ihr Inhalt genau gar war, als der Bambus vom Feuer versengt zu werden anfing. Auch wir erhielten unseren reichlichen Anteil an den Speisen, und der Reis schmeckte mit etwas Zucker, infolge des eigenartigen Aromas des Bananenblattes, nicht schlecht, dagegen hatten wir uns noch immer nicht daran gewöhnen können, das Fleisch ohne Salz zu geniessen.

An dem Tage, wo das Opfer und Festmahl stattfanden, durfte das Feuer in der _amin aja_ nicht ausgehen, in allen anderen Wohnungen dagegen durfte überhaupt keines angemacht werden. Männer und Frauen benützten jetzt zum Anzünden ihrer Zigaretten vorzugsweise Hölzchen aus dem Herdfeuer des Häuptlings, während sie sich sonst ihres Feuerzeugs bedienten.

Mittags nach dem grossen Mahl traf man in der _amin_ Vorbereitungen für die eigentliche Krankenbeschwörung. Das wichtigste war dabei ein senkrecht gestellter Holzrahmen, in dessen Mitte ein verzierter Pfahl aus bräunlichem Holz aufgerichtet wurde. Dieser diente als Träger für die Opfergaben: Halsketten und Gürtel aus Perlen, über diesen eine hohe kegelförmige Bahaumütze, in hübschen Mustern mit kleinen bunten Perlen bestickt und umgeben von einem Kranz von Hundezähnen. Unter diesen Gaben hingen die Schnauzen und Schwänze der geschlachteten Schweine, verbunden mit einem Hautund Speckstreifen von der ganzen Rückenlänge der Tiere, um _Tamei Tingei_ die Grösse der getöteten Opfer anzugeben. Den Pfahl, _kaju arön_ genannt, hatte man überdies reich mit langen Holzspiralen behängt, welche die Männer tags zuvor sehr geschickt aus geeignetem Fruchtbaumholz in über 1 m Länge und nur 1 cm Breite geschnitten hatten. Sie stellten mit ihren Messern, _nju_, bisweilen 10 solcher Spiralen derart her, dass sie an einem Ende mit dem Holz verbunden blieben und dann als langer Büschel mit dem Spahn vom Holze abgeschnitten werden konnten.

Zu beiden Seiten des Opferpfahls, innerhalb des Rahmens, wurden nun parallel zwei Reihen über 2 m hohe Bambusstöcke aufgestellt, also im ganzen vier Reihen, von denen jede nach der heiligen Zahl aus 8 Stöcken bestand, die ebenfalls mit Holzspiralen geschmückt wurden. So entstand eine Art von doppeltem Heckwerk mit dem _kaju arön_ in der Mitte, an den man noch eine Menge schöner Dinge, hauptsächlich Perlensachen und Päckchen von Reis und Schweinefleisch hängte, um ihn für die Geister noch verlockender zu machen.

Über dem Ganzen thronte aus schwarzem und rotem Zeug nachgebildet die _menjiwan_, die öfters erwähnte Schlange mit rotem Kopf und Schwanz, eines der wichtigsten wahrsagenden Tiere, das von den bösen Geistern sehr gefürchtet wird. Am Fuss dieses Opfergerüstes, das bis nach dem _melo_ (Ruhen nach dem Opfer) stehen bleiben musste, lagen und standen Gonge und wertvolle _tempajan_, wie seinerzeit auch am _lasa_ der Mendalam Kajan (Teil I pag. 177). Die _dajung_ sollten hier erst spät abends, nachdem alle nochmals gespeist hatten, ihres Amtes walten; vorher, bei Einbruch der Dunkelheit, mussten _Kwing_ und seine beiden Söhne noch ein besonderes Opfer bringen. Zu diesem Zweck richteten einige Männer vor dem Hause eine Reihe von 4 × 8 Bambusstöcken auf, deren oberes Ende gespalten und auseinander gebogen wurde. Ringsherum bedeckten sie die nasse Erde für die Teilnehmer an der Zeremonie mit Brettern. Ein lebhaft rauchendes Feuer diente zur Vertreibung der zahlreichen Moskitos, damit diese die Aufmerksamkeit der Leute nicht ablenkten.

Zuerst kamen _Kwing_ und sein Sohn _Bang_, beide mit hübschem Lenden- und Kopftuch bekleidet und mit einem Schwert bewaffnet, von ihrer Wohnung herab, gefolgt vom Priester _Bo Bawan_ und einer ganzen Reihe von Männern, die sich alle auf den Brettern niederliessen. Einige junge Leute mit grossen Gongen und Becken stellten sich zur Seite, worauf _Bo Bawan_ in der Busangsprache die Luft-, Wasser- und Erdgeister anrief, unter lautem Dröhnen der Instrumente. Darauf steckten die beiden Hauptpersonen in jedes gespaltene Bambusende ein Ei, wobei sie ständig die Geister um Hilfe anflehten.

Die Dämmerung war bereits längst vorüber, als man sich in derselben Reihenfolge wieder hinauf begab. Die geopferten Eier werden niemals gestohlen, sie bleiben auf den Stöcken, bis diese umfallen oder verwesen.

Erst gegen 9 Uhr ertönte aus dem Hause das eigentümliche Rezitativ des Priestergesanges, das eine neue Feier in des Häuptlings _amin_ ankündete. Wir fanden dort Männer, Frauen und Kinder bereits versammelt. Nur für die _dajung_ war um das Opfergerüst ein freier Platz übrig geblieben; sie sassen je zu vieren einander gegenüber auf der Diele, mit einem Raum zwischen sich für die Priesterin, die gerade das Wort zu führen hatte. Der Reihe nach stand nämlich eine von ihnen auf und begann in singendem Tone, augenscheinlich in Prosa, die Schicksale des Stammes und andere Überlieferungen aufzusagen, wobei die Anwesenden an bekannten Stellen einfielen; einige junge Leute zeigten dabei eine besondere Begabung.

Im allgemeinen bediente man sich der alten Busangsprache, nur wenn es die Ereignisse der letzten Zeit und den Zweck dieser Versammlung zu erzählen galt, eine Aufgabe die _Bo Bawan_ zufiel, gebrauchte man das moderne Busang. Die meisten _dajung_ leierten mehr als dass sie sprachen, die Bambusreihe umschreitend, ihre Worte her und brachen nur dazwischen mit einem o--é und darauffolgenden Satz ab, wobei sie nach dem Kopf griffen und heftig aufstampften. Auch fielen ihnen dann die Augen zu; wie die Leute behaupteten, liess sich ein beseelender Geist für einen Augenblick in den Priester oder die Priesterin nieder, wodurch sie das Bewusstsein völlig verloren. Eine der Frauen, die viel Eindruck machte, war von Natur augenscheinlich sehr nervös, denn sie bewahrte nicht wie die übrigen während ihres Vortrags und des Niedersteigens ihres Geistes ihre Ruhe, sondern geriet in Erregung, machte eigentümliche Schritte, blieb plötzlich stecken, ergriff die Bambusstöcke und schüttelte sie heftig, wobei ihre o--é-Rufe und Gebärden die Ankunft des Geistes ankündeten. Dieser Priesterin, _Sari_ (Taf. 26 T. 1), fiel auch die Aufgabe zu, _Kwings_ zweite Frau, _Uniang_, zu einer _dajung_ auszubilden; zu diesem Zweck sagte sie ihr die richtigen Worte vor, falls diese nicht schnell genug zum Vortrag kamen. Die beiden Frauen standen dabei vor der Bambusreihe, und, sobald der richtige Augenblick zum Niedersteigen des Geistes nahte, empfing _Uniang_ ein Zeichen mit dem Fuss, worauf sie in sehr unbeholfener Weise die gewünschten Gebärden folgen liess. Nach einiger Zeit schien _Uniangs_ Geist sich wirklich zu nähern; das spärliche Licht der wenigen Harzfackeln wurde von den Nächstsitzenden durch einen Schirm gedämpft, die älteste _dajung_ fing den Geist in einem Tuch auf, legte _Uniang_ ein Schwert aufs Haupt, wie um es zu spalten, und blies ihr dann den Geist in diesen Spalt ein.

Während dieser auf die Dauer sehr langweiligen und einschläfernden Vorgänge lagen oder sassen in dem halbdunklen Raume 2-300 Männer, Frauen und Kinder beieinander, folgten mehr oder minder andächtig den Beschwörungen oder vertrieben sich die Zeit mit Rauchen und Sirihkauen. Mehrere Frauen sorgten dafür, dass die Rauch- und Kaulustigen nicht zu kurz kamen; Bambusrohre mit seitlichen Öffnungen, in welche die Frauen Zigaretten gesteckt hatten, machten unter den Anwesenden die Runde. Die Kinder schliefen beinahe alle an ihre Eltern gelehnt oder in Gruppen in den Ecken oder den gesonderten kleinen Kammern. Auch die Erwachsenen waren nicht imstande, die ganze Nacht über munter zu bleiben, und da ihre Haltung ebensogut ein Wachen als ein Schlafen zuliess, versanken sie ab und zu ins Traumland, aus dem sie erst wieder zurückkehrten, wenn ihre Nachbarn sich zu stark bewegten, oder die _dajung_ zu laut wurden. Auch für die Hungrigen hatte der Häuptling gesorgt, indem er gegen 2 Uhr nachts Reis und Schweinefleisch umherreichen liess, nur die jüngsten Fürstenkinder vermochte auch kein Schweinefleisch mehr aus dem Schlaf zu erwecken.

Erst gegen Morgen endeten die Zeremonien und fand die eigentliche Beschwörung der bösen Geister statt, welche die Krankheit verursacht hatten. Während man den Raum verdunkelte, wurden _Bo Bawan_ und die Priesterinnen von ihren Geistern besessen, gerieten in Aufregung, jagten den bösen Geistern nach und vertrieben sie endlich aus der Wohnung. Die aus Apu Lagan niedergestiegenen guten Geister, welche die _dajung_ beseelt hatten, brachten auch Flusswasser von dort mit, mit dem die _dajung_ alle Glieder der Häuptlingsfamilie besprengten, während die übrigen Anwesenden sich beeilten, die Finger in dieses Wasser zu tauchen und sich den Körper damit einzureiben. Nach dieser Zeremonie zu urteilen, stellen sich die Kajan ihre Priester und Priesterinnen vor einem Geist aus Apu Lagan beseelt vor, der sich nicht ständig in ihnen aufhält, sondern sie nur bei einer Anrufung erfüllt und ihnen dann die Kraft verleiht, vor allem gegen böse Geister anzukämpfen. Daher rufen die Bahau in Krankheits- und Unglücksfällen die Hilfe der _dajung_ ein. Die Priester besitzen einen männlichen, die Priesterinnen einen weiblichen Geist. Werden Nachkommen der Priester von Geistern beseelt, so stammen auch diese Geister von väterlichen oder mütterlichen Geistern ab. Ob jemand zur Beseelung geeignet ist, können nur Eingeweihte beurteilen; diese scheinen es hierbei nicht auf besonders nervöse Personen abgesehen zu haben, wenigstens zeichnete sich hier am Blu-u, wie wir gesehen haben, von den 8 Frauen nur eine durch leichte Erregbarkeit aus.

Die älteste Priesterin der Kajan schien auch bei den Pnihing und Long-Glat Ansehen und Praxis zu besitzen, jedenfalls erzählte sie mir, sie habe nicht nur einen Geist der Kajan, sondern auch einen der Pnihing und einen der Long-Glat zur Verfügung. Wahrscheinlich glaubte sie selbst nicht daran. Bei verschiedenen Gelegenheiten merkten wir nämlich, dass die _dajung_ der Kajan ihre Gemeinde mit vollem Bewusstsein betrogen. An einem seiner Zauberabende, die _Demmeni_ bisweilen zu allgemeinem Ergötzen veranstaltete, ahmte er das Kunststück der _dajung_ nach und brachte mittelst einer in den Ärmel genähten Kautschukspritze Wasser aus Apu Lagan zum Vorschein. Er erfreute sich denn auch desselben Erfolges wie die Priester, denn die erstaunten Zuschauer rieben sich auch mit diesem Himmelswasser sehr eifrig ein. In der Hoffnung, dass ihm dieses Kunststück in seinem Priesteramt gut zu statten kommen könnte, suchte _Bo Bawan Demmeni_ dazu zu bewegen, sein Geheimnis zu verraten, wozu dieser sich aber nicht geneigt zeigte. Darauf erklärte _Bawan_ sich bereit, _Demmeni_ als Gegendienst die Methode der dajakischen Priester, um Wasser zu zaubern, anzuzeigen; doch ging er selbst später nichtmehr darauf ein.

In Krankheitsfällen holen die _dajung_ Schlangen, Eidechsen, Würmer, Blätter, Reis oder Zigarettenhüllen aus dem Körper der Patienten hervor. Die mit dieser Prozedur verbundenen Vorschriften gelten dann für den Kranken als _lali_ und müssen von ihm während seines ganzen Lebens befolgt werden. Einst sah ich eine Priesterin um eine junge Frau bemüht, die abends vor Schreck ohnmächtig geworden war. Man hatte zuvor alle Mittel angewandt, um sie ins Leben zurückzurufen, doch ohne Erfolg. Darauf begann die unter den Anwesenden sitzende _dajung_ ihre Verse aufzusagen, um ihren Geist herbeizurufen, näherte sich tanzend der Kranken, kniff sie einige Mal in die Haut und wies dann ein augenscheinlich gekautes, gerolltes Stück Bananenblatt vor, als hätte sie es aus der Patientin herausgeholt. Die Ohnmächtige bewegte sich jedoch nicht, und die Familie begann sich bereits zu beunruhigen, obgleich derartige Fälle öfters bei ihnen vorkommen. Aus Besorgnis holten sie mich aus dem Schlafe, und zu aller Verwunderung brachte etwas an die Nase gehaltene Watte mit Ammoniak bald wieder Leben in die regungslose Gestalt. Später durfte ich nicht abreisen, bevor ich den vornehmsten Personen etwas Ammoniaklösung gegen den herannahenden Tod ausgeteilt hatte.

Die Priesterschaft lässt sich ihre Dienste so gut bezahlen, dass bei langdauernder Krankheit häufig ein grosser Teil des Besitzes der Patienten in ihre Hände übergeht. Allerdings werden auch den _dajung_ durch ihr Amt viele Opfer auferlegt. Der sie beseelende Geist macht z.B. zweimal jährlich auf ein grosses Schwein oder mindestens auf Hühner und Eier Anspruch; wird er enttäuscht, so sendet er aus Rache Krankheit oder Tod.

Das gleiche gilt für alle unter dem Schutze eines Geistes stehenden Menschen, wie Schmiede, Hirschhornschnitzer und andere Künstler; auch diese müssen sich vor einem Erzürnen ihres Geistes hüten. Bei meiner Abreise zur Küste liess einer meiner Kajan, der im Schnitzen von Schwertgriffen besonders geschickt war, dem Geiste, dem er seine Begabung zu verdanken hatte, durch seinen Vater, den alten blinden _dajung_ _Bo Jok_, 2 × 8 Eier opfern.

Ein Schmied, der im betreffenden Jahr auf seinem Reisfelde keine Schmiede eröffnet und in der letzten Zeit überhaupt nur wenig gearbeitet hatte, träumte nachts, seine ganze Wohnung liege voll rohen Eisens, und bald darauf entstand auf seinem Rücken ein grösser Karbunkel, ein Beweis, dass sein Geist über die erlittene Vernachlässigung zürnte. So beeilte er sich denn, noch vor Eintritt der Genesung sein fettestes Schwein zu opfern, unter grossem Zulauf esslustiger Gäste auch von entlegenen Feldern.

Ausser den genannten Personen sollen auch die Häuptlinge einen besonderen Geist besitzen, der, wie auch der der Priester und Künstler, einen eigenen Namen trägt.

Im vorhergehenden ist ausführlich geschildert worden, wie die Priester vorgehen, wenn eine Häuptlingsfamilie von Krankheit getroffen wird. Gilt es nun eine Familie der _panjin_ von Krankheit, bösen träumen oder Unglück zu befreien, so handeln die _dajung_ im Prinzip wie bei den fürstlichen Personen, nur geschieht alles in kleinerem Massstab. Sie stellen dann unter dem offenen Dachfenster aus 8 Bambusstöcken ein kleines Gerüst wie einen _lasa_ her und behängen dieses mit Kostbarkeiten. Als bestes Lockmittel für die Geister gelten auch hier wieder Halsketten und Gürtel aus Perlen, besonders aus alten. Ein Priester oder eine Priesterin setzten sich dann auf eine Matte und legen unter dem Fenster auf der Diele ein altes, häufig ein eigenes Schwert nieder sowie das Zeug, die Perlen, die Schwerter und den Reis mit einem Ei, die sie später als Lohn zu empfangen haben. An das Fenster wird für die Geister ein kleiner Bambusrahmen mit 8 _kawit_ gehängt, die meist Reis mit Schweine- oder Hühnerfleisch enthalten. An dieser geweihten Stelle werden mittags und abends die Himmelsgeister um Hilfe angefleht. Abends geschieht diese Anrufung der Geister auch ausserhalb des Hauses, und, handelt es sich um einen Schmied, dessen Werkstatt (lepo _temne_) stets in einiger Entfernung vom Dorfe liegt, so begibt sich die _dajung_ auch dorthin.

Die Priester suchen nicht nur die Menschen, sondern auch die Geister zu betrügen. In Krankheitsfällen z.B. schnitzen sie aus einem Pisang stamm ein sehr rohes Bild, in das sie an Stelle von Augen, Nase und Mund Löcher bohren. Um diese Figur, die den Kranken vorstellen soll, schlagen sie einige alte Lappen und werfen sie dann in das Gestrüpp hinters Haus, um den bösen Geistern weiszumachen, sie empfingen ihre Beute.

Nach einer Krankenbeschwörung, die von den Mendalam Kajan mit _mela_, den Mahakam Kajan mit _enah abei_ und im Mahakam-Busang mit _enah hadui_ (Arbeit) bezeichnet wird, umgeben die _dajung_ den Patienten und sein Lager mit einem Netz, damit die bösen Geister sich in den Maschen wie Fische verwickeln und so ferngehalten werden.

Den Frauen legen die Priester nach einer Krankheit um eines der Handgelenke ein kleines Armband aus zwei Reihen von Perlen (_inu beneng_), das _basei djani-u_ genannt wird und als Schutzmittel gegen Krankheit niemals abgelegt werden darf. Während die _dajung_ mit dem Umlegen dieses Armbandes beschäftigt ist, entfernen sich die Männer, aus Furcht, _dawi_ zu werden. _Dawi_ bedeutet Misserfolg in den männlichen Tätigkeiten wie Jagd, Fischfang und Krieg (T. I p. 350) leiden. Auch sonst wagen die Männer nichts speziell Weibliches zu berühren.