Quer Durch Borneo; Zweiter Teil
Chapter 10
Die Absicht aller Stämme am oberen Mahakam, mich zu den Kenja zu begleiten, war zwar ein willkommener Beweis von ihrem Bestreben, mich zu unterstützen, da aber jeder Mitreisende seine eigenen Interessen verfolgte, verursachte die Beteiligung einer so grossen Personenzahl viele Schwierigkeiten. Eine gemeinsame, wenn auch nur vorläufige Beratung über den Reiseplan erschien daher dringend nötig, und so suchte ich denn eine Versammlung, trotz des anfänglichen Widerspruchs der Kajan, zu Stande zu bringen. In einer Zusammenkunft mit _Kwing Irang_ und seinen Ältesten wurde beschlossen, dass die Beratung in Long Tepai bei _Bo Lea_ stattfinden sollte.
Zu diesem Zwecke sollte ich flussabwärts nach Long Tepai fahren, während _Kwing Irang_ vom Merasè aus, wohin er mit seiner Frau _Hiang_ und seiner Pflegetochter _Kehad_ reiste, sich dorthin verfügen wollte. Am 12. November waren in der Tat alle in Long Tepai versammelt; mit _Kwing Irang_ War auch _Temenggung Itjot_, als Vertreter der Ma-Suling, eingetroffen. Zuerst hielten die Häuptlinge untereinander eine Beratung, in der beschlossen wurde, dass _Bo Lea_ zuerst allein nach Apu Kajan reisen sollte, um _Bui Djalong_ zu fragen, ob die Mahakambewohner unsere Expedition zu ihnen geleiten dürften. Am folgenden Tage wurde mir dieser Plan abends in _Bo Leas_ Galerie vorgelegt, wo sich alle Häuptlinge mit ihren Wortführern eingefunden hatten. In der Regel schweigen nämlich die Häuptlinge in solchen öffentlichen Versammlungen und überlassen ihrem klügsten und redegewandtesten Mantri das Wort; nur energische Häuptlinge Wie der Pnihing _Belarè_ sprachen oft auch persönlich ihre Ansichten aus. Hier in Long Tepai hatte der Häuptling _Bo Tijung_ die leitende Rolle zugewiesen, der, trotz seiner Abstammung von den Barito-Dajak, in Wirklichkeit das ganze Dorf regierte.
Vor Beginn der Versammlung Wurden alle Anwesenden durch das Gerücht, der Kontrolleur sei bereits in Udju Tepu angelangt, erfreut und beruhigt. Ein Barito-Dajak, Häuptling einer Gesellschaft Buschproduktensucher, behauptete sogar, diese Nachricht habe in einem Brief, der von der Küste gekommen sei, gestanden, ein Umstand, der alle Anwesenden zu überzeugen schien.
Im Grunde hatte ich es in der Versammlung nur mit _Bo Tijung_ zu tun, der stets wieder betonte, dass man gegen das Unternehmen sei, weil der Mord am Tawang noch nicht gesühnt wäre. Die anderen Gründe, die Angst vor den Kenja, den Zweifel an der Ankunft des Kontrolleurs und die Furcht vor der Ungnade des Sultans, erwähnte _Bo Tijung_ überhaupt nicht. Zur Beseitigung der von ihm angeführten Schwierigkeit verlangte er, _Bo Lea_ solle sich zuerst auf Kundschaft nach dem Apu Kajan begeben. Hierauf konnte ich jedoch durchaus nicht eingehen, da diese Reise vier Monate, wahrscheinlich noch viel länger dauern musste, der Zug den Reiz der Neuheit für die anderen Mitreisenden verloren und ich sie dann viel schwerer in Bewegung gebracht hätte. Überdies war es am besten, die Kenja vor eine Tatsache zu stellen und nicht zu warten, bis sie vielleicht aus Angst vor dem Ungewöhnlichen meinen Besuch ablehnten.
Die Versammlung führte wie gewöhnlich, trotz 3 1/2 stündiger Beratung, zu keinem Resultat; ich konnte auf den Vorschlag der Häuptlinge nicht eingehen und diese äusserten sich nicht darüber, ob sie dennoch mit mir gehen, oder die Reise überhaupt nicht unternehmen wollten. Trotzdem die Meinungen einander scharf gegenüber standen und unsere gegenseitigen Interessen mit der Angelegenheit fest verbunden waren, wurden wir doch nicht heftig. Alles ging ruhig seinen Gang, man merkte, dass die Bahau ihre Beschwerden, die für mich als Niederländer nur unangenehm, für sie aber sehr gewichtig waren, nicht zur Sprache brachten, und nur einmal, als _Bo Tijung_ etwas hitziger ausfuhr, konnte ich ein "_mata tasin_" ("möge ein Speer mich töten", Fluch der Bahau) nicht unterdrücken. Die ganze Gesellschaft wurde aber dadurch beunruhigt, da sie einen Ausbruch von Heftigkeit meinerseits fürchtete, und _Bo Tijung_ beobachtete in seiner Beweisführung sogleich mehr Vorsicht.
_Kwing Irang_ fand die Situation augenscheinlich sehr peinlich, denn er stand, ohne etwas zu sagen, als erster auf. Als ihm noch einige folgten, schlug _Bo Tijung_ vor, die Beratung am folgenden Tage fortzusetzen. Ich erfuhr jedoch, dass die Häuptlinge später in _Bo Leas_ _amin_ wieder zusammengekommen waren. Des anderen Morgens früh kam _Kwing Irang_ auch, um mir zu berichten, man habe in einer nächtlichen Beratung beschlossen, falls das Wasser falle, die Reise mit mir beim folgenden Neumond dennoch zu unternehmen. _Temenggung Itjot_ und er selbst, die nach dem Merasè zurückkehrten, wollten die Ma-Suling benachrichtigen und _Bo Tijung_ sollte sich nach Batu Sala und Lulu Njiwung begeben, um die Long-Glat mit ihren Häuptlingen _Parèn Dalong_ und _Ding Ngow_ dazu zu bewegen, ebenfalls ein oder zwei Böte mit Männern zur Reise auszurüsten.
Wegen des hohen Wasserstandes war drei Tage lang an eine Rückkehr nach dem Blu-u nicht zu denken, auch brauchte ich schliesslich mit meinem kleinen, gut bemannten Boot drei statt zwei Tage für die Reise. _Kwing Irang_ langte mit seiner Familie in einem mit Reis schwer geladenen Fahrzeug sogar erst am 23. November an. Bis zum Ende des Monats behielt der Fluss seinen hohen Wasserstand. _Hiang_ und _Kehad_, _Kwings_ Frau und Pflegetochter, kehrten von ihrem Ausflug zum Merasè sehr befriedigt heim, sie waren in ihrem Leben noch nie bei den Ma-Suling gewesen, trotzdem diese nur eine Tagereise weit von Long Blu-u wohnten. Beide Frauen hatten zuerst tagelang nicht gewagt, sich mit ihren Verwandten in ihrem gebrochenen Besang zu unterhalten. Die Kajanfrauen sind an einen Verkehr mit benachbarten, verwandten Stämmen nicht gewöhnt, die Frauen der Long-Glat sind etwas reisegewandter, da ihre ursprünglich vereinigten Niederlassungen noch jetzt durch viele Verwandtschafts- und Freundschaftsbande verknüpft sind.
Die Kajanfamilien in Long Blu-u waren in diesen Monaten noch immer damit beschäftigt, Material zum Bau von _Kwing Irangs_ Haus herbeizuschaffen; augenblicklich arbeiteten sie an den grossen, schweren Brettern, welche für die Diele in der Galerie bestimmt waren. Je zwei Familien hatten ein solches Brett fertig zu stellen. Der Hausbau lag _Kwing Irang_ so am Herzen, dass ihm sein Entschluss, mich jetzt schon auf der Reise zu begleiten, sehr viel Selbstüberwindung gekostet haben musste.
Während wir in grosser Einförmigkeit, so gut es eben ging, die folgenden Tage verbrachten, wurden wir eines Mittags durch einen grossen Menschenauflauf erschreckt, der sich nach dem unten am Fluss liegenden Teil der Niederlassung bewegte. Voll Neugier schlossen wir uns den Leuten an und bemerkten bald eine grosse, mitten aus einer langen Häuserreihe aufsteigende Rauchwolke. Beim Gedanken an das viele trockene Holz, aus dem das Dorf bestand, wurde uns Angst, doch sahen wir sogleich, dass das Feuer sich nicht weiter ausbreitete. Einige Männer, die unter lautem Geschrei auf das Dach geklettert waren, schlugen mit Schwertern von den angrenzenden Häusern die Schindeln los und warfen sie hinunter. Auch von Innen wurden die leichter entzündlichen Holzteile auseinander gerückt und das schwerere Holz mit Wasser begossen, so dass der Rauch nach kurzer Zeit nachliess und das Unheil abgewandt war. Eine Mutter mit ihrer Tochter hatten den Brand veranlasst, indem sie sich unvorsichtiger Weise von dem Topf, in dem sie Schweinespeck schmelzten, entfernt hatten. Wahrscheinlich waren die Flammen des Holzfeuers in den offenen Kochtopf geschlagen und hatten dann das über dem Herde aufgestapelte Brennholz ergriffen.
Die Dorfleute machten den Schuldigen, die übrigens durch den Verlust ihres Hauses genügend gestraft waren, keine Vorwürfe, sondern schrieben den Brand dem Umstande zu, dass man in einer ungünstigen Mondphase das Haus gebaut oder das Baumaterial gesammelt haben musste. Bevor daher ein neues Haus errichtet werden durfte, mussten die Priesterinnen zur Besänftigung der zürnenden Geister ein Opfer bringen und die stehengebliebenen Teile mit dem Blute des Opfertieres bestreichen.
Anfang Dezember kam _Bo Tijung_ mit einer Gesellschaft Long-Glat und meldete mir das Resultat seiner Unterhandlungen mit den verschiedenen Niederlassungen. Obgleich seine Berichte, die er in einer Versammlung vorbrachte, nicht ermutigend lauteten, machten sie dem langen Warten in Ungewissheit vorläufig doch ein Erde. Alle Niederlassungen hatten sich zwar zum Unternehmen des Zuges bereit gezeigt, aber die Bewohner von Lulu Njiwong hatten erklärt, sie litten bereits seit Monaten an Reismangel und könnten daher kurz vor der Ernte unmöglich ein Boot mit Mannschaft ausrüsten. _Bo Tijung_ behauptete, die gleichen Zustände, wenn auch in geringerem Grade, herrschten auch in Long Tepai, und bat daher um einen Aufschub der Reise bis zum Beginn der Ernte, nach der Feier des _lali parei._ Zwar bedeutete dies eine Verzögerung von anderthalb Monaten, doch war ich froh, dass man den Reiseplan unter diesen wirklich schwierigen Verhältnissen nicht gänzlich aufgegeben hatte, und stimmte zu, unter der Bedingung, dass man das _lali parei_ gleich nach Neumond feiern sollte. Meine Zustimmung schien alle Anwesenden von einem Druck zu befreien.
Jetzt, wo ich die Gewissheit hatte, fürs erste nicht fortzukommen, musste ich meine Zeit so nützlich als möglich anzuwenden suchen. Vor allem musste ich meinem Personal Arbeit schaffen, damit es sich im Dorfe nicht langweilte. Ich selbst konnte nicht mitgehen, so sandte ich denn _Doris_ und _Abdul_ mit einigen Malaien aus Samarinda und einigen Kajan als Führern nach einer Stelle am Blu-u, wo wir 1896 eine Jagdstation eingerichtet hatten. Teils um für das Trocknen von allerlei Gegenständen Luft zu schaffen, teils um zu verhindern, dass die Bäume, wie es einmal beinahe geschehen war, auf unser Lager stürzten, hatten wir dort ein grosses Stück Wald gefällt. Ich hoffte, dass es unseren Jägern diesmal gelingen würde, dort einige _bang-e-u_ zu fangen, von denen ich während meiner ersten Reise mehrere Exemplare erhalten hatte, die jetzt aber in unserer Vogelsammlung noch fehlten, weil die Kajan von dem Hausbau zu sehr in Anspruch genommen waren, um Schlingen legen zu können. Auf den Eifer meines Jägers setzte ich nicht viel Hoffnung, vertraute dagegen mehr auf _Abdul_ und einige Malaien, _Delahit_ und _Saïd_, die ausser Talent auch noch Neigung und Verständnis für die Jagd besassen. Bis jetzt waren es hauptsächlich _Abdul_ und _Delahit_ gewesen, die uns ab und zu mit grossem Wild, nicht nur Hirschen, sondern auch Rindern, versehen hatten. Ihre Art zu jagen bestand mehr darin, dass sie das Wild beschlichen oder ihm an einer Salzquelle im Hinterhalt auflauerten, als dass sie es von weitem zu treffen suchten, wozu sich im dichten Walde auch selten Gelegenheit bot. Ein selbst von den Dajak sehr bewundertes Talent im Aufspüren des Wildes besass _Abdul_, ein Halbblut-Chinese aus Java, der um der schönen Augen seiner javanischen Frau willen Mohammedaner geworden war. Dieser Mann verstand auf dem mit Zweigen und Blättern bedeckten Waldboden die frische Spur eines Hirsches zu finden, das Tier weit und so vorsichtig zu verfolgen, dass er es oft an seinem Lagerplatze überraschte und auf 10-15 Schritt schiessen konnte.
Die Bahau schätzten _Abduls_ Fähigkeiten als Jäger und Spürhund gleichzeitig sehr und baten ihn oft, sie auf die Jagd zu begleiten. Zu unserem grossen Bedauern begab _Abdul_ sich, trotz des chinesischen Blutes, das in seinen Adern strömte, nur selten auf die Wildschweinjagd, weswegen wir uns am schönsten Wildbret von Borneos Wäldern nur ab und zu erfreuen durften. Mit derselben Geschicklichkeit, mit der er auf Reisen das Löten und andere nützliche Handwerke gelernt hatte, verstand _Abdul_ auch bald nach Art der Bahau Schlingen zu legen, ich hoffte daher von dem Aufenthalt meiner Jagdgesellschaft mitten in dem noch wenig besuchten Wald am oberem Blu-u das Beste. _Kwing Irang_ zeigte sich zwar immer etwaiger Gefahren wegen, welche die Jäger dort treffen konnten, besorgt, aber da sie gut bewaffnet waren, liess ich sie ruhig ziehen. Der _bang-e-u_ (Lobiophasis Bulweri Sh.) war leider, wie es sich erwies, noch nicht von den Bergen ins Tal herabgekommen, um sich dort an den Früchten gütlich zu tun, so dass nur allerlei andere hühnerartige Vögel, wie der kwe (Argusianus Grayi), der _bajan_ (Lophura nobilis Scl.) und der _tajum_ (Bollulus roulroul Scop.) gefangen wurden, von denen wir aber bereits mehrere Exemplare besassen.
Am letzten Tage des Jahres traf _Kwing Irangs_ ältester Sohn, _Bang Awan_, in Long Blu-u ein. Er war während unserer Reise zur Küste bei den Hwang-Sirau unterhalb der Wasserfälle zurückgeblieben, um die Tochter des dortigen Häuptlings als zweite Frau zu freien. _Bang Awan_ brachte uns zum Schluss des Jahres neue Enttäuschungen durch den Bericht, der Kontrolleur sei noch nicht angekommen und man habe von ihm überhaupt nichts gehört. Nur wisse man, dass die Kuteische Regierung gegen die Buginesen aufgetreten war, die bei den Bahau in Udju Tepu Handel trieben, sich dem Würfelund Kartenspiel ergaben und den Bandjaresen, ihren Konkurrenten, gegenüber sich allerlei hatten zu Schulden kommen lassen. Der Sultan hatte ihnen befohlen, sich bis nach Melak zurückzuziehen und das Land der Bahau nicht wieder zu betreten; da die Buginesen diesem Befehle aber nicht gefolgt waren, wagten sich die Handelsdampfer des Sultans, der auf den Handel mit dem Binnenlande ein Monopol hatte nicht mehr bis Udju Tepu hinauf, wodurch dort alles sehr teuer geworden war. Kurz vor _Bangs_ Abreise von Hwang Sirau hatte sich noch von der Küste her das Gerücht verbreitet, der Sultan sei gestorben und sein ältester Sohn solle sein Nachfolger werden, trotzdem die übrigen Kinder sich widersetzten. Um den Becher zum Überlaufen zu bringen und das Vertrauen der Bevölkerung in die niederländische Macht noch mehr zu erschüttern, traf auch die Nachricht von der Ermordung zweier Kontrolleure in Kendangan, im Bandjamasinschen Gebiete ein. Zu unserem Troste brachte _Bang_ eine Post mit, die von Samarinda hinaufgeschickt worden war und die er von Udju Tepu, wo er seine Einkäufe machte, mitgenommen hatte; später fand er eine zweite Postsendung, älteren Datums, in Uma Mehak.
Mit _Bang_ zugleich traf auch der Malaie _Utas_ bei uns ein, der aus dem Gebiet des Murung, wo er Handelswaren eingekauft hatte, erst nach Udju Tepu gezogen war. Er brachte allerhand für unseren langdauernden Aufenthalt sehr nötige Dinge mit; den für Apu Kajan bestimmten Vorrat wollten wir nicht antasten. _Utas_ verkaufte uns sowohl Tauschartikel als Esswaren, auch willigte er ein, mit Gold bezahlt zu werden, was in dieser Gegend ganz unbekannt war. Die Bahau am oberen Mahakam nahmen höchstens Reichstaler und Gulden an, während sie Kleingeld als minderwertig verachteten. Die Bevölkerung am unteren Mahakam dagegen sieht mehr Kupfer- als Silbergeld. Die erste Ausbezahlung in Gold kam mir insofern sehr zu statten, als mein Vorrat an Silbergeld durch die Reiseverzögerung sehr geschmolzen und ich bald auf mein Goldgeld angewiesen war. Sobald die Bahau als Lohn oder Kaufgeld meine Silberstücke empfangen hatten, bewahrten sie diese für eine eventuelle Reise nach den Marktplätzen an der Küste und waren nicht dazu zu bewegen, das Geld gegen etwas anderes auszutauschen.
Um den ersten Eindruck von _Bangs_ schlimmen Berichten vorübergehen zu lassen, wartete ich mehrere Tage, bevor ich mit _Kwing Irang_ über unsere Reisepläne zu sprechen anfing; ich wunderte mich auch nicht, dass die Kajan nach den schlechten Nachrichten keine Reisevorbereitungen trafen, die Böte nicht ausrüsteten und keinen Reis stampften. Als ich am 20. Januar endlich an _Kwing Irang_ das Wort zu richten wagte, bekam ich bald noch mehr beunruhigende Berichte zu hören: z.B. _Bui Djalong_ sei in zwei grossen Böten mit Kenja den Boh hinuntergefahren, um wegen der Busse (pate) für den Mord seines Enkels zu unterhandeln. Zwei Pnihing, die vor einigen Tagen nach oben gekommen waren, hatten diese für mich so wichtige, aber doch vor mir geheim gehaltene Nachricht gebracht. Einige andere Männer, die _Belarè_ nach Long Tepai gesandt hatte, um Näheres hierüber zu hören, waren noch nicht zurückgekehrt.
Ich hatte bereits beschlossen, meinen Diener _Midan_ und einige Malaien, noch bevor am folgenden Tage das _lali parei_ anbrach, nach Long Tepai zu schicken, um zuverlässige Nachrichten zu holen, als des Morgens die Pnihing von _Belarè_ im Vorbeifahren bei unserer Niederlassung anlegten. Zum Glück sprachen sie den Häuptling, noch bevor die Frauen, die auf dem Felde die Zeremonien für das _lali parei_ vorgenommen hatten, zurückkehrten, was dem Eintritt der Verbotszeit bedeutete. Nicht _Bui Djalong_ selbst, sondern _Taman Dau_, der Häuptling der Uma-Bom, sollte mit 180 Mann in Long Deho angekommen sein. Dass er den Zweck seiner Reise nicht angab, erweckte grosses Misstrauen. _Bui Djalong_ selbst sollte auf der Wasserscheide noch Böte bauen, um den Boh hinunterfahren zu können.
Kaum waren die Männer, deren Berichte glaubwürdig klangen, abgefahren, als _Kwing Irangs_ zweite Frau, Umar _Anja_, in ihrem Boote vom Reisfelde heimkehrte, und wir durch das eintretende _lali parei_ für einige Tage von der Aussenwelt abgeschieden wurden.
Bereits seit einiger Zeit hatte ich erzählen hören. _Kwing Irang_ trage sich jetzt, wo sein grosses Haus bewohnbar war, mit dem Plane, _Lirui_, seine jüngste und dritte Frau, die bis jetzt bei ihren Eltern in Long 'Kup gewohnt hatte, zu sich zu nehmen. Die Vorbereitungen hierzu waren augenscheinlich getroffen, die Geschenke für die Pnihing zusammengebracht und, das Wichtigste, die Zustimmung von _Kwings_ Haustyrannen _Bo Hiang_ erhalten, denn nach Schluss des _lali parei_ zogen die Ältesten des Stammes nach Long 'Kup, um _Lirui_ und deren Söhnchen _Parèn_ abzuholen. Am folgenden Tage trafen die Erwarteten, von fünf Böten geleitet, ein.
Bevor sie das Ufer bestiegen, wurde den Dorfgeistern als Opfer ein Ferkel und ein Huhn dargeboten. Darauf nahmen einige Männer _Lirui_ mit ihrem Sohn auf den Rücken und trugen sie den 10 m hohen Uferwall hinauf, wobei sie zum Schutz gegen die Sonne über _Lirui_ einen grossen Sonnenhut, über _Parèn_ einen geliehenen Regenschirm hielten. Das Pnihing-Geleite blieb zwei Tage still in _Kwing Irangs_ Hause; Festlichkeiten fanden nicht statt, weil der Häuptling bereits mehrere Frauen hatte und gehabt hatte. Dann zog die Gesellschaft mit den Gongen und Tempajan, welche die _panjin_ der Kajan als Kaufsumme für _Lirui_ zusammengebracht hatten, wieder heim. _Lirui_ selbst blieb mit ihrem Sohn und der Sklavin, die sie mitgenommen hatte, bei den Kajan zurück.
Die politischen Verhältnisse, der Bau des neuen Hauses und die Ankunft seiner jungen Frau waren zwar triftige Gründe, _Kwing Irang_ ans Haus zu binden, doch zögerte ich nach Ablauf der Verbotszeit nicht länger, mit ihm persönlich über die Reisevorbereitungen zu sprechen, da ich nicht warten konnte, bis alle Umstände günstig waren, und da die nächsten Monate voraussichtlich keine besseren Aussichten bieten würden.
Als _Kwing_ sich eines Abends zu mir auf die Plattform meiner Hütte setzte, von der ich eine schöne Aussicht über den Mahakam genoss, ging ich vorsichtig auf den bewussten Gegenstand ein; mein Freund schützte zwar allerhand vor, wie Mangel an Böten, dringende Arbeiten u.s.w., erwähnte aber die eigentlichen Hinderungsgründe nicht, immerhin ging aus allem hervor, dass er für die Reise keine Möglichkeit sah. In der Hoffnung, die Bewohner von Long Tepai würden, ihrem Versprechen gemäss, zur Reise geneigter sein, oder man würde dort Buschproduktensucher und Malaien zum Mitgehen bereit finden, jedenfalls aber, um den Kajan zu zeigen, dass ich nicht länger warten wollte, gab ich _Kwing Irang_ meine Absicht zu erkennen, _Bier_ und _Demmeni_ voraus flussabwärts zu senden. Nach Ablauf des _lali parei aja_ reisten die beiden wirklich ab, in Gesellschaft eines der ältesten Kajan, der den Long-Glat eine nochmalige Beratung ans Herz legen sollte.
Bald darauf schrieben meine Reisegefährten, die Aussichten wären auch in Long Tepai nichts weniger als günstig, man würde aber zur Beratung zu mir hinauffahren. Wenn den jungen Leuten in Long Blu-u die Vorstellung, mit mir nach dem interessanten Apu Kajan zu ziehen, nicht immer noch verlockend vorgekommen wäre und sie nicht schon teilweise ihre _lewo_ (Reispacken) vorbereitet hätten, wäre ich unter diesen deprimierenden Umständen sogleich unverrichteter Sache zur Küste zurückgekehrt. In diesem kritischen Augenblick teilten mir die am jenseitigen Ufer wohnenden malaiischen Buschproduktensucher mit, sie wollten mich begleiten, falls _Kwing Irang_ seine Zustimmung gebe. Auch glaubte ich in der Herrichtung des grossen Häuptlingsbootes ein gutes Zeichen zu sehen, hörte aber bald, es habe nur den Zweck, eine grosse Anzahl Männer, die im Walde Dielenbretter für _Kwings_ Haus verfertigen sollten, den Blu-u aufwärts zu bringen.
Die Abgesandten aus Long Tepai trafen erst am 11. Februar ein; sie äusserten sich mittags sehr zurückhaltend, erklärten aber abends in einer allgemeinen Versammlung mit den Kajan rund heraus, dass sie nicht mit mir zu den Kenja reisen wollten, weil aus Apu Kajan sehr ungünstige Berichte gekommen wären. Sie machten zwar wieder den alten Vorschlag, _Bo Tijung_ und _Bo Ului_ zur Vorbereitung unseres Zuges zu den Kenja vorausreisen zu lassen, doch ging ich hierauf aus den bereits erwähnten Gründen nicht ein. Sie sprachen so überzeugend, dass ich selbst an eine aus Apu Kajan drohende Gefahr geglaubt hätte, wenn _Kwing Irang_ mich nicht schüchtern gefragt hätte, was ich von der Ankunft des Kontrolleurs dächte, woraus ich ersah, dass man wie gewöhnlich die wahren Beweggründe nicht nannte, Bedrohungen aus Kutei aber die Haupthindernisse bildeten. Fest überzeugt von der Einsetzung eines niederländischen Beamten am Mahakam, liess ich meine Hoffnung daher nicht fahren. Dass man nicht aufrichtig gewesen war, merkte ich am folgenden Morgen, wo auch die Long-Glat sich weigerten, zur Vorbereitung der Reise nach Apu Kajan voraus zu ziehen. _Bo Tijung_ war ein zu grosser Diplomat, als dass ich von ihm etwas erfahren hätte, so liess ich ihn denn wieder nach Hause gehen.
Am anderen Morgen, als ich gerade über die unklare Rolle, welche _Kwing Irang_ und die Kajan in dieser Angelegenheit gespielt hatten, nachdachte, kam der Häuptling selbst, vergrämt und wie gealtert, zu mir. Mit Tränen in den Augen berichtete er, auch er wäre über die bestimmte Weigerung der Long-Glat sehr erstaunt gewesen und hätte, wie übrigens auch ich, die ganze Nacht vor Aufregung nicht geschlafen. Wie _Kwing_ erzählte, hatte der Sultan von Kutei jeden Stamm, der mir nach Apu Kajan half, zu bekriegen gedroht, was natürlich alle Häuptlinge--da die Ankunft eines Kontrolleurs noch ganz ungewiss war--eingeschüchtert hatte. Mehr war von _Kwing_ nicht zu erfahren, daher begab ich mich am folgenden Tage, als die meisten Long-Glat mit _Bo Tijung_ zum Früchtepflücken den Blu-u hinaufgefahren waren, um Näheres zu hören, zu dem gutmütigen _Bo Ului Jok_, unter dem Vorwande, von ihm Auskunft über den Boh und dessen Nebenflüsse haben zu wollen.
Mit grosser Bereitwilligkeit ging dieser darauf ein, bedauerte lebhaft den Verlauf der Reiseangelegenheit und erklärte unter Tränen, nicht alles sagen zu dürfen. Als ihm eine Verwünschung gegen _Bang Jok_ entschlüpfte, wurde mir die Lage sofort klar. _Bang Jok_ suchte aus Eigennutz und angestachelt durch den Sultan auf alle Weise meine Reise zu den Kenja zu verhindern und hatte dadurch seine Verwandten in Long Tepai völlig eingeschüchtert.