Quer durch Afghanistan nach Indien
Part 4
Am folgenden Tage ging ich wieder dort hin, setzte mich an den Rand eines Grabens, der sich an dem einen Minarett vorbeizieht, und versuchte im Aquarell einige der schönen Kachelmuster festzuhalten. Kein Mensch war weit und breit zu erblicken. Die Sonne neigte sich dem westlichen Horizonte zu; immer leuchtender wurde das Bild, die ockerfarbenen Ziegel färbten sich goldgelb und die blauen Kacheln glänzten und strahlten eine märchenhafte Farbenpracht aus. Ein unendlicher Friede lag über der Stadt. Es war mir, als ob auch sie tot sei und nur mein Diener und ich die einzigsten Menschen weitum waren. Dunkler wurde es und dunkler, blaue Schatten senkten sich herab und hüllten Stadt und Tal ein.
Außer diesen alten Ruinen, die an Herats einstige Macht und Größe erinnern, löst noch die »Ark«, die Zitadelle, einen großen Eindruck aus (Abb. 4). Sie ist aus gebrannten Ziegeln erbaut und erhebt sich mit ihren gewaltigen, zinnengekrönten Mauern und Bastionen auf einem Rücken, der aus dem Schutt uralter Bauten im Laufe endloser Zeiten aufgehäuft wurde. Ob es möglich sein wird, einmal endgültig festzustellen, wann die ersten befestigten Anlagen hier errichtet wurden, ist noch eine Frage (Abb. 8). Daß sie bis auf Alexander den Großen zurückgehen, das ist vielleicht nicht ausgeschlossen. Seine Geschichtschreiber nennen das ganze Gebiet, in dem sich jetzt Herat erhebt, Aria und nennen als Städte Aria Metropolis und Artacoana (Ptolemäus). Daß Herat schon seit ältesten Zeiten besiedelt gewesen ist, kann man nach der überaus günstigen Lage der Stadt wohl annehmen. Hier kreuzen sich die großen Straßen, die von Nord nach Süd und von Ost nach West führen. Das Tal ist überaus fruchtbar; zahlreiche Bewässerungskanäle durchziehen das Land und verwandeln den sonst trockenen Boden in ein blühendes Gartenland, das die herrlichsten Obstsorten – Weintrauben, Melonen, Äpfel, Birnen, Aprikosen, Pfirsiche und Maulbeeren – hervorbringt. Große weiße Mohnfelder wiegen sich im Winde, Baumwolle und Tabak werden gepflanzt, und Luzerne kann achtmal im Jahre geschnitten werden!
Ich fühlte mich in meiner Wohnung sehr wohl und hatte mich ganz häuslich eingerichtet. Der Ausblick aus dem Fenster nach dem Innenhof war entzückend; ich versuchte eines Nachmittags, die in allen Farben schimmernden Blumenbeete auf einer Farbenplatte festzuhalten, aber leider waren die Platten schon durch die Hitze verdorben. Ein kleiner Teich träumte inmitten der Farbenpracht, und manchmal saßen Afghanen in bunten Gewändern auf den Steinstufen, die zum Wasser hinunterführten. Die Diener, die sich um mich kümmerten, waren liebenswürdige, freundliche Menschen, die mir halfen, wo sie nur konnten. Ich entwickelte in Herat alle Aufnahmen, die ich dort machte, und der eine Diener lernte sehr schnell das Kopieren, das ihm unendlichen Spaß bereitete.
Eines Tages, es war an einem Freitag, also mohammedanischem Sonntag, war ich mit dem Diener fast ganz allein in dem großen Gouvernementsgebäude, da der Wesir mit seinem ganzen Troß auf Jagd gegangen war. Es war einer jener Tage, an denen die Ruhe und der Frieden der Natur sich auch auf uns überträgt, wo wir im wahrsten Sinne des Wortes glücklich und zufrieden sind und nichts anderes wünschen, als daß diese Harmonie immer bleiben möge. Es war ein herrlicher Novembertag, und in der Sonne war es so warm wie im Hochsommer bei uns. Morgens, als der Gouverneur aufbrach, hörte ich Trommeln und Trompeten erschallen; aber je mehr sich die Jagdgesellschaft entfernte, desto mehr verhallte der Klang und erstarb schließlich ganz. Ich setzte mich in den Garten und las ein schönes Buch, schrieb Briefe oder machte neue Kopien von den letzten Aufnahmen, die ich nach Hause schicken wollte. Auch plauderte ich viel mit dem Diener, um meine persischen Sprachkenntnisse zu verbessern; denn man lernt ja in Europa, wenn man sich mit einer fremden Sprache zu beschäftigen hat, nie das, was man notwendig in fremden Ländern braucht; ganz gleich, ob es die englische, französische oder sonst eine andere Sprache ist. Es müßte an allen Schulen beim Erlernen der Fremdsprachen vielmehr Wert auf Konversation gelegt werden.
Das Erlernen fremder Sprachen ist mir immer sehr leicht gefallen. Wenn man als Wissenschaftler und besonders als Geograph fremde Länder bereist, muß man unbedingt die Landessprache gut beherrschen. Ohne Kenntnis der Sprache wird einem das betreffende Volk stets ein Rätsel bleiben. Schon als Schulknabe habe ich mir dieses gesagt, und da ich schon damals ahnte, daß mich einmal mein Weg nach Asien führen würde, hatte ich mir von der Bibliothek meiner Heimatstadt eine persische Grammatik geholt und trieb mit großem Eifer das Studium dieser Sprache. Ich vernachlässigte das Französische, das mir nie sehr lag, und so kam es dann, daß ich fast stets in diesem Fache Note vier im Zeugnis mit nach Hause brachte!
Als es Abend wurde, stieg ich mit dem Mudir, der mich aufsuchte, auf das Dach des Palastes, um den Sonnenuntergang zu sehen. Von diesem Punkte aus übersahen wir die ganze Stadt mit ihren Lehmhäusern und Türmen, ihren Ruinen und Wällen, die von dem Grün der Gärten sich abhoben. Als die Sonne golden hinter den Bergen versank, hörten wir aus der Ferne den Klang der Trompeten – die Jagdgesellschaft kam von ihrem Ausfluge zurück! Schön war der Anblick der Moschee, deren beide Minarette mit den blauen Kuppeln im Abendsonnenscheine glänzten.
Ich hatte eines Tages Gelegenheit, diese Moschee zu besichtigen. Es war um die Mittagszeit, als die Sonne ihren höchsten Stand erreichte. Ein feierliches Schweigen ringsum; es war so still, daß man glauben konnte, in einer toten Stadt zu sein, die in tausendjährigen Schlaf versetzt ist. Im Inneren des Moscheehofes träumte das Wasserbecken; eine große, blaugrüne Pinie lehnte ihre Krone an die hohen Mauern, deren Fliesenschmuck in allen Farben leuchtete, und die beiden Minarette schauten wie Wächter auf die heilige Stätte herab. Diese Moschee soll eines der ältesten Gebäude in Herat sein (Abb. 10).
Wenn man die vielen Ruinen sieht, die sich überall erheben, dann ahnt man, welch wechselvolle Geschichte Herat durchgemacht hat. Mehrmals wurde die Stadt bis auf die Grundmauern zerstört. Die Annalen erzählen, daß einst Dschinghis-Khan die Stadt mit 80000 Reitern überfiel und sämtliche Bewohner – es wird die Zahl 1600000 genannt – umbringen ließ. Nur 40 Personen, die sich in Höhlen versteckt gehalten hatten, entkamen dem furchtbaren Blutbade. Das Gebiet, das heute von der Stadtmauer eingeschlossen wird, war früher nur Festung, denn die Stadt hatte eine viel größere Ausdehnung. Auch im Laufe des letzten Jahrhunderts ist die Bevölkerung infolge der Kämpfe mit den Persern stark zurückgegangen. Für die Jahre vor 1838 wurde sie auf 70000 Einwohner geschätzt, nach der Belagerung auf 7 bis 8000, 1845 auf 20 bis 22000. Dies dürfte auch ungefähr der jetzigen Zahl entsprechen. Ob die Zahlen, die für Herat zur Zeit vor Dschinghis-Khan angegeben werden, nicht stark übertrieben sind, sei dahingestellt. Immerhin ist es ganz interessant, diese Zahlen einmal mit denen zu vergleichen, die Arthur Conolly, ein englischer Offizier, der Herat 1830 besuchte, angibt:
Um 1219 n. Chr. besaß Herat: zur Zeit Conollys 1830:
Verkaufsläden 12000 1200 öffentl. Bäder 6000 20 Schulen 350 6 Häuser 144000 4000
Man kann wohl sagen, daß das Bild, das Herat heute bietet, ungefähr zur Zeit Schah Rukhs und Sultan Hussein Mirzas geschaffen wurde (1469 bis 1506). Auch Baber, der erste der indischen Großmogule, besuchte Herat und gibt in seinen Memoiren eine Aufzählung aller Sehenswürdigkeiten der Stadt. Er scheint in Herat eine sehr vergnügte Zeit verlebt zu haben, denn die Schilderung der Festlichkeiten und Trinkgelage gehört zum Köstlichsten seiner Memoiren.
Ich benutzte die Zeit in Herat auch dazu, um Einkäufe für die bevorstehende Karawanenreise zu machen, Pferde zu mieten und Diener zu engagieren. Sahib Dad Khan half dabei, und bald hatten wir eine Menge nützlicher Sachen beisammen: Reis, Zucker, Tee, Kerzen, Fett, Zwiebeln, ferner Kupfertöpfe, Teekessel, Leuchter, Streichhölzer, Zigaretten. Der Diener, den ich engagierte, hieß Juma; der Leser wird ihn im Laufe der Reiseberichte bald näher kennenlernen; ebenso auch meinen Karawanenführer Gul Mohammed.
Als ich einige Tage in Herat war, machte ich auch dem Gouverneur meinen Besuch. Ich wurde von seinem Sekretär Latif Khan und Sahib Dad Khan zu ihm geführt. Die Audienz dauerte nicht sehr lange, aber wir unterhielten uns ausgezeichnet. Er war ein sehr freundlicher Herr, erkundigte sich eingehend nach meinen Schicksalen und Plänen, und war erfreut, daß ich Persisch sprechen konnte; bewirtete mich selbstverständlich mit Tee und Gebäck und versprach mir für meine Weiterreise jegliche Hilfe. Schon Wagner hatte ihm erzählt, daß ich voraussichtlich ziemlich mittellos in Herat eintreffen und wahrscheinlich gezwungen sein würde, ihn um Geld zu bitten. Als ich ihm nun mein Anliegen vortrug, war er nicht im mindesten überrascht, sondern sagte, daß es ihm ein großes Vergnügen sei, mir zu helfen. Ich nahm also bei ihm eine Anleihe von 400 Rupien (ca. 350 Mark) auf, die ich später in Kabul an die Staatskasse zurückzahlen mußte.
Langsam näherte sich nun mein Aufenthalt in Herat seinem Ende, und als der junge afghanische Lehrer Gulam Ali, der mit mir zusammen nach Kabul reisen sollte, mit seinen Reisevorbereitungen ebenfalls fertig war, konnten wir unsere Fahrt quer durch das zentrale Afghanistan antreten.
V
DURCH DAS ÖDE ZENTRAL-AFGHANISTAN
Am 6. November 1923, mittags zwölfeinhalb Uhr, verließ ich Herat. Sahib Dad Khan begleitete mich bis vor das Tor, wo ich Gulam Ali traf. Die Packtiere waren unter Gul Mohammeds Leitung schon vorausgezogen. Ich schwang mich auf meinen braunen Wasiri, sagte Sahib Dad Khan Lebewohl, und dann trabten wir durch die engen winkeligen Gassen zum Stadttor hinaus.
Die Pferde waren sehr übermütig, da sie lange im Stall gestanden hatten, und wir hatten Mühe, sie zu halten. Vor der Stadt erwarteten uns ca. 10 bis 15 junge Afghanen zu Pferde, Freunde Gulam Alis, die uns noch eine Strecke weit das Geleit geben wollten, wie es in Afghanistan allgemein üblich ist. Wir ritten eine ziemlich breite Straße entlang, die uns an großen Gärten vorbeiführte, aus denen die grauen Lehmhäuser hervorsahen. Hier wuchsen die herrlichen Trauben und Melonen, die Walnüsse, Maulbeeren und Aprikosen, die weithin wegen ihrer Güte und Schmackhaftigkeit berühmt sind. Gulam Alis Diener, Mesjidi Khan, hatte im Basar ein Gewehr gekauft, ein altes französisches Modell, auf das er sehr stolz war. Es war dies außer meinem Revolver die einzige Waffe, die wir bei uns hatten. Als wir uns von den jungen Afghanen verabschiedeten, wurde sogar aus diesem französischen Gewehr Salut geschossen, was die Pferde noch störrischer machte. Dann zogen wir alleine weiter.
Es war gegen vier Uhr. Zur Linken hatten wir eine jeglicher Vegetation bare, verwitterte Gebirgskette, von der sich große Schuttfächer ins Tal zogen; rechts grüne Gärten und Kulturen, die den Heri-rud einfassen. Gegen fünf Uhr kamen wir in dem ersten Karawanserai an und gingen früh schlafen.
Am folgenden Tage brachen wir bereits um sechs Uhr auf, als es noch stockfinster war. Die Sterne flackerten am Himmel, und die Sichel des Mondes schwebte über den Bergen. Es war sehr kalt, und man vergrub beide Hände in die Manteltaschen. Schweigsam verliefen immer die ersten Morgenstunden; keiner hatte Lust zu reden; erst wenn die Sonne aufging, kam Leben in meine Gesellschaft.
Wir ritten genau gen Osten den hohen Bergen entgegen. Endlos erschienen uns manchmal diese ersten Morgenstunden, ehe es Tag wurde. Da wir gen Osten ritten, hatten wir den Sonnenaufgang immer vor uns. Das Dunkel der Nacht ging dann plötzlich in ein leuchtendes Gelb über, und es dauerte nur Minuten, bis die Sonne ihr flutendes Licht über das Land goß. Ich habe es während meines Aufenthaltes in Asien immer mehr verstanden, daß es Menschen gibt, die die Sonne anbeten. Wohl nie habe ich die Sonne so herbeigesehnt wie auf den Karawanenreisen in Afghanistan! Verfroren und gegen alles gleichgültig, saß man während der Nachtmärsche auf seinem Pferde und hatte nur den einen Wunsch, daß bald die Sonne aufgehen möge!
Der Weg bot wenig Abwechslung. Links und rechts in Verwitterungsschutt gehüllte Berge, nackt und kahl, wo kein Fleckchen Grün zu sehen war. Dann und wann zeigten sich im Tale kleine Siedelungen, von Gärten umgeben, wie die Oasen in der Wüste. Wir passierten das kleine Dorf Tunian. Kein Mensch war zu erblicken. Wie verzaubert war der Ort mit seinem kleinen See, in dem sich hohe Pinien spiegelten. Häufig begegneten uns Kamel- und Eselskarawanen; sie bringen immer etwas Leben und Abwechslung in die sonst stille, träumende Landschaft. Die Luft war außerordentlich klar, und man täuschte sich stets in den Entfernungen. Stundenlang sah man manchmal ein Dorf vor sich und glaubte, es jede Minute erreichen zu müssen. Gestern sahen wir schon im Südosten große Schneeberge, heute sind wir ihnen kaum näher gekommen. Es ist der Sefid Kuh. Gegen drei Uhr erreichten wir das Robat Marwa.
8. November. Heute brachen wir sehr früh auf. Als ich aufwachte, sah ich, daß es noch finstere Nacht war. Juma erhob sich zuerst, zündete das Feuer an und kochte Tee. Wenn wir frühstücken, beginnt Gul Mohammed die Pferde zu beladen. Das geschieht beim Scheine eines Feuers, das im Hofe des Karawanserai angezündet wird. In den ersten Tagen ging das Beladen der Tiere natürlich nie ohne großen Lärm und Schimpfen vor sich. Dann waren die Lasten nicht richtig verteilt, so daß sie rutschten, oder die Stricke waren nicht richtig gebunden, oder eines der Pferde lief halb bepackt fort; ein anderes schlug hinten aus, und ein drittes schüttelte die Lasten einfach wieder ab! Kurz und gut, es kostete zuerst viele Mühe, ehe wir startbereit waren.
Um fünfeinhalb Uhr brachen wir von Marwa auf. Mein brauner Wasiri war in diesen Tagen schon ganz zahm geworden; ich konnte ruhig die Zügel hängen lassen und dem Pferde die Führung überlassen. Dies war besonders in den ersten Morgenstunden angenehm; dann konnte man seine Hände nicht tief genug in die Manteltaschen vergraben. Der Sonnenaufgang war herrlich, die Berge schimmerten in allen Farben von Rotgelb über Braun in Violett (Abb. 14). Immer wieder und wieder mußte ich dieses Farbenspiel bewundern, das so einzig in seiner Art ist. Sobald die Sonne aufging, war es warm; der Himmel leuchtete in tiefstem Blau, von dem sich die Berge scharf abhoben. Auf einem Hügel am Wege saß ein großer Raubvogel, und Mesjidi Khan prahlte, er würde ihn mit seiner neuen Flinte sofort erlegen. Wie eine Katze schlich er sich dicht an den Adler heran; der Schuß krachte; das Erdreich, ein Meter unter dem Vogel wurde aufgewühlt, und das Tier verschwand in elegantem Fluge nach der gegenüberliegenden Talseite.
Oft passierten wir kleine Lehmdörfer, die etwas abseits von unserem Wege im tiefer gelegenen Tale lagen. Gegen neun Uhr erhob sich ein kalter Wind aus Osten, so daß wir von der Sonne nicht viel spürten. Als wir gegen Mittag in den Talkessel von Obeh kamen, war es aber wieder sehr heiß.
In diesem größeren Dorfe machten wir noch einige Einkäufe. Es gibt hier an dem Flüßchen, das das Dorf durchzieht, recht malerische Winkel; große schattige Bäume, unter denen die kleinen Lehmhäuser und Verkaufsstände sich hinziehen. Gulam Ali besuchte hier einen Freund, der Schulmeister des Dorfes war. In einem einfachen Lehmziegelhaus war die Schule untergebracht. Wir wurden – wie überall in Afghanistan – sofort zum Tee eingeladen, und dann mußte ich die Schulkinder photographieren. Es waren sehr nette Jungen darunter, die einen intelligenten Eindruck machten (Abb. 15).
Am folgenden Tage wollten wir schon nachts aufbrechen, da uns ein langer Tagesmarsch bevorstand. Aber vor sechs Uhr kamen wir nicht fort. Das Aufstehen fiel uns immer schwer, und wenn nicht Mesjidi Khan gewesen wäre, so hätten wir sicher manchen Morgen verschlafen. Der heutige Tagesmarsch war sehr schön, keine Wolke am blauen Himmel! Und wenn es auch morgens 3 Grad Celsius Kälte gab, so konnte ich mittags doch +30 Grad Celsius messen. Dazu hatten wir keinen Wind, der sonst immer so außerordentlich lästig war, da er Kälte brachte und uns ganze Ladungen Staub ins Gesicht wehte. Auf den hohen Bergen im Süden lag etwas Schnee, und ich wurde immer an die ersten sonnigen Frühlingstage in unseren Alpen erinnert. Nur das bunte Laub, das in goldgelben Farben schimmerte, zeigte, daß Herbst war. Überall trafen wir kleine Bäche, die sprudelnd und rauschend dem Heri-rud zueilten. Ein Bauer bestellte seine Felder; er trieb mit großem Geschrei die Ochsen an.
An einigen Stellen mußten wir den Fluß verlassen, da er in tiefen Schluchten die Berge durchbricht. Häufig ist er von Terrassen eingesäumt, und hoch über seinem jetzigen Niveau finden sich an den Berghängen Flußgerölle, die beweisen, daß der Fluß ehemals viel höher floß und sich mit der Zeit so tief in die Berge eingeschnitten hat. An einigen Stellen konnten wir diese Schluchten zu Fuß passieren, während die Tiere mit den Dienern den Umweg über die angrenzenden Berge machen mußten. Juma war heute sehr redselig; er war sehr stolz, daß er mein Fernglas tragen durfte, und Gul Mohammed sang den ganzen Tag unverwüstlich seine Paschtulieder. Meine afghanischen Begleiter verstanden diese kaum; aber sie brüllten trotzdem mit und stimmten mit in den Refrain ein. Auf jeden Fall schienen sie ihren Gesang schön zu finden; ich ließ meine Gesellschaft auch ruhig zufrieden und war froh, daß alle so guter Stimmung waren.
Als wir am 10. November aufbrachen, war es schon spät. Irgend etwas klappte nicht. Endlich zog Gul Mohammed mit den Packtieren ab; Gulam Ali und ich ritten hinterher. Als wir uns, nachdem wir zehn Minuten geritten waren, nach den anderen umsahen, bemerkten wir, daß im Robat irgend etwas nicht in Ordnung war. Unsere Diener und der Perser mit seinem Sohne, die sich uns angeschlossen hatten, fehlten. Wir warteten eine Zeitlang und ritten dann zurück. Da sahen wir, daß eine Schlägerei im Gange war. Mitten unter den Kämpfenden bemerkte ich auch Juma, der das größte Wort hatte und dem man bereits den Turban vom Kopf geschlagen hatte. Der Perser ließ die Reitpeitsche sausen, und verschiedene Kämpfer hatten schon Schrammen im Gesicht und bluteten! Es war eine allgemeine Aufregung. Der Streit war dadurch entstanden, daß der Perser den Preis des Huhns, das er am Abend vorher von dem Verwalter des Robats gekauft hatte, nicht bezahlen wollte und sich übervorteilt glaubte. Uns ging daher die Sache eigentlich gar nichts an; aber fanatisch wie die Afghanen einmal sind, mischten sich alle in den Streit, und ich hatte Mühe und Not, erst einmal Juma herauszuholen. Es setzte Peitschenhiebe und blutige Gesichter, und der Godamdar lief zu mir und schwor bei Allah, daß er im Rechte sei, während unser persischer Reisegefährte dagegen anschrie: »Durug migujäd, Durug migujäd«, er lügt, er lügt! und dem Alten wieder eins mit der Peitsche gab. Als die Kampfhähne sich absolut nicht einig werden konnten, und da uns die Sache nichts anging, nahmen wir unsere Diener und überließen den Perser seinem Schicksal. Nach einer Stunde stieß er auch wieder zu uns.
Der erste Teil des heutigen Marsches verlief wieder im Tale des Heri-rud. Das Gelände war aber bergiger, und oft hatte sich der Fluß in tiefen Schluchten durch die Felsen geschnitten. Sein Wasser war ganz klar und von blaugrüner Farbe. Sehr häufig mußten wir kleine Pässe überschreiten, die manchmal so steil waren, daß wir absteigen und die Pferde führen mußten. Das braunrote Erdreich war sehr locker, da die Felsen stark verwittert sind. Auf den Paßhöhen war es meist sehr windig; man zog sich die Mütze über beide Ohren und setzte gegen den Staub eine Schutzbrille auf. Meine Schneebrille, die mich auf mancher Alpentour begleitet hatte, tat auch hier gute Dienste, denn sie dämpfte das grelle Licht. Heute saß selbst die Mütze nicht mehr gegen den Sturm fest, und ich band mir daher noch mein Handtuch um den Kopf! Gegen elf Uhr wurde es aber warm und gegen Mittag so heiß, daß wir schwitzten. Die täglichen Temperaturschwankungen sind auf diesen Höhen sehr groß; nachts fiel das Thermometer im Verlauf der Reise auf –20 Grad Celsius, und mittags hatten wir oft +30 Grad Celsius. Immer weiter ging es bergan; seit Herat waren wir schon fast 600 Meter gestiegen. Langsam, Schritt für Schritt, zog unsere Karawane gen Osten. Das Wetter war wieder herrlich. Keine Wolke war am hellblauen Himmel zu sehen. Kleine gelbe Schmetterlinge – Heufaltern ähnlich – flatterten häufig an uns vorüber. Zu beiden Seiten des Weges hatten wir wieder die in Schutt gehüllten kahlen Berge; aber fern im Osten zeichnete sich ein hoher, schneegekrönter Gipfel wie ein blendender Kristall vom blauen Himmel ab.
Ich hatte es mir auf meinem braunen Wasiri bequem gemacht; er hatte sich endlich an mich gewöhnt, ging ruhig, Schritt für Schritt, so daß ich ungehindert meine Aufnahmen und Notizen machen konnte. Gegen ein Uhr passierten wir den Heri-rud, um uns von nun an gen Süden zu wenden. Erst nach vier Tagen sollten wir den Fluß wieder sehen. Nach der neuesten englischen Karte (India and adjacent countries: Sheet No. 33.29 Kalkutta 1916) mußten wir an der Stelle sein, wo der 64. Längengrad den Heri-rud schneidet. Die Karte ist hier ungenau; ebenso auch für das Gebiet, das wir am folgenden Tage durchzogen. Vor der deutschen Expedition, die während des Krieges auf dem Wege nach Kabul hier durchkam, hat meines Wissens kein Europäer je diese Gegenden besucht. Der Heri-rud war sehr flach und reichte den Pferden kaum bis an die Knie. Wir konnten auch einen Einblick in die große Schlucht gewinnen, aus der der Fluß von Osten herkommt. Dann bogen wir in ein Seitentälchen ein, das nach Südosten führt, und vor uns erhob sich die Hauptkette des Sefid-Kuh, die wir überschreiten mußten. Hier und dort zeigten sich schneebedeckte Gipfel. Wilde, fast senkrechte Felsen türmten sich zu beiden Seiten auf, und ich hatte alle Hände voll zu tun, um die nötigen Beobachtungen zu machen und Gesteinsproben zu sammeln. In diesem Felstale brannte die Sonne; es war schwül; die Hitze brütete zwischen den Felsen, und wir waren stark verbrannt, als wir gegen drei Uhr im Robat zu Charsar eintrafen, das ca. 1800 Meter hoch gelegen ist.
Abend für Abend wiederholt sich dasselbe Bild. Das Aufschlagen des Nachtlagers geht mittlerweile auch schnell, da die Diener genau wissen, wie und wo sie das Gepäck verstauen sollen. Juma hat inzwischen gelernt, das Feldbett richtig aufzuschlagen, so daß es nicht mehr zusammenbricht, wenn man sich darauf legt, und er versteht es auch, meine Koffer so zu stellen, daß ich leicht heran kann. Stets zwar, wenn ich etwas suchte, fand ich es nicht, oder es lag zu unterst im letzten Koffer. Während das Abendessen zubereitet wird, arbeite ich, auf meinem Feldbett liegend, die Beobachtungen des Tages aus, mache meteorologische Beobachtungen, etikettiere und verpacke die gesammelten Gesteinsproben und schreibe Tagebuch.