Quer durch Afghanistan nach Indien

Part 16

Chapter 163,668 wordsPublic domain

Am Nachmittag machen wir einen Ausflug nach Sikandra. Die Sonne brennt hernieder, daß die Straßen glühen, und ihr helles blendendes Licht läßt einen die Augen schließen. Wir kommen durch kleine Dörfer, die unter hohen Bäumen versteckt liegen und deren Häuschen mit Schilf gedeckt sind; die Bewohner sitzen auf der Erde vor ihren Behausungen, plaudern oder träumen vor sich hin. »Tscharpais«, Holzpritschen, stehen umher, und manch einer hält hier seinen Mittagsschlaf. Schlanke, hübsche Mädchen und Frauen – große Tonkrüge auf dem Kopfe tragend – schreiten langsam nach dem großen Ziehbrunnen. Dort ist auch die Dorfjugend versammelt, die inmitten von Hunden, Ziegen und Zebus herumtollt. Sowie die Kinder mich sehen, kommen sie herbeigelaufen und wollen einen Backschisch haben. Ich werfe ihnen eine Kupfermünze hin, und gleich beginnt das Balgen und Raufen.

Sikandra, das Grabmal des großen Akbar, übt mit seinen Sandsteinbauten, in die weißer Marmor eingelegt ist, einen gewaltigen Eindruck aus. Auch hier hat der Künstler den roten Sandstein auf das Geschickteste mit dem weißen Marmor verbunden.

d) Benares

Auf der Fahrt nach Benares! Wie oft habe ich mir als Schuljunge schon gewünscht, einmal diese heiligste Stadt Indiens sehen zu dürfen; und jetzt war es Wirklichkeit geworden. Nachts fahre ich von Agra ab. Der Zug hat schon ein paar Stunden Verspätung als er in Agra eintrifft, und ich bezweifle sehr, daß wir in Moghul Serai den Anschluß nach Benares erhalten werden. Je mehr wir uns dem Osten nähern, um so feuchter wird die Luft und um so üppiger die Vegetation. Es ist eine Art Savannenlandschaft, durch die wir fahren; halb Steppe, in der einzelne große Bäume stehen, halb Felder und Wälder. Palmen wiegen sich im Winde, und kleine bewaldete Höhenzüge bringen etwas Abwechslung in das sonst eintönige Bild. Mit drei Stunden Verspätung kommen wir abends in Moghul Serai, einem elenden kleinen Dorfe, aber wichtigen Kreuzungspunkt der Bahnen, an. Der Zug nach Benares ist fort. Glücklicherweise steht ein Lastauto bereit, das die nach Benares fahrenden Passagiere – indische Pilger – übernimmt. Ich bin der einzigste Europäer und nehme neben dem Chauffeur Platz. Inder und Inderinnen in buntesten Gewändern und klingendem Schmuck nehmen die Plätze im Wagen und auf dem Gepäck ein. Dann beginnt eine interessante Fahrt. Es ist stockdunkel; nur unsere Scheinwerfer geben Licht und beleuchten die hohen Stämme der Mango- und Feigenbäume, die die Chaussee einfassen. Als wir an den Ganges kommen, da ist die Brücke gesperrt, da ein Güterzug erwartet wird; zahllose Zebukarren warten hier. Hell leuchten die großen Bogenlampen und werfen ihren Lichtschein auf das bunte Bild der Wagen und Menschen. Endlich können wir weiterfahren; die ersten Lichter der heiligen Stadt tauchen auf, und durch die hell erleuchteten Straßen eilen wir dahin. Da das Hotel außerhalb liegt, werden zuerst die Inder abgesetzt, und ich erhalte auf diese Weise schon ein kleines Bild von der heiligen Stadt am Ganges. Bald gehe ich schlafen; denn am anderen Morgen will ich in aller Frühe an den heiligen Fluß gehen.

Morgenstunde am Ganges! Da gerade Hindufeiertag ist, sind die hohen Backsteinhäuser mit bunten Papierfähnchen, Blumen und Girlanden geschmückt, und vor den kleinen Kaufständen sind auf den Fußsteigen Scharen kleiner buntbemalter Götterbilder aufgestellt. Gelb schimmert der Himmel im Osten zwischen den hohen Platanen- und Feigenbäumen hindurch, als ich vom Hotel aus den Park der Sanskrit-Hochschule passiere. Eine bunte Menge belebt schon die Straßen, die an den heiligen Fluß führen. Frauen, in bunte Gewänder gehüllt, den Kopf mit goldgestickten Schals umhüllt und schwere silberne Ketten und Spangen um Hand- und Fußgelenk, eilen stolz vorüber. Pilger in verschiedenfarbigen Gewändern, die mit Abzeichen Schiwas und Wischnus bemalt sind, Bettler, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, unermüdlich die Opferschale den Vorübergehenden hinreichend, lenken den Blick auf sich. Dicke Bengalis mit Sonnenschirmen, hin und wieder sogar ein buddhistischer Priester in gelbem Gewande wandeln einher; und inmitten der Menge schreit und lacht die Jugend, die kleinen Hinduknaben und -mädchen, die den Europäer fragend mit ihren großen, dunklen Augen anstarren. Heilige, mit gelben Blumen bekränzte Zebus wandeln einher oder liegen auf den Fußsteigen.

Silberhell liegt das Licht der aufgehenden Sonne auf den Fluten des großen Stromes. Mein Boy bahnt mir den Weg durch die Menge, als wir die große Treppe des Dasasamedh Ghat hinabsteigen. Um mich flutet das indische Leben, so bunt, daß ich die vielen Eindrücke gar nicht alle so schnell aufnehmen kann. Und während ich noch fast hilflos suchend am Strande stehe, den Blick über das Gewirr von Tempeln und Treppen schweifen lasse und versuche, in dem sinnverwirrenden, fast unmöglichen Farbenbilde, das sich meinem Auge bietet, einen Ruhepunkt zu finden, hat mein Boy ein Boot herangeholt, und ehe ich mich versehe, liege ich bereits in einem bequemen Korbsessel auf Deck und werde am Strande entlang gerudert.

Bilder, eines seltsamer als das andere, ziehen vorüber. Unzählige Tempeltürme – kleine Fähnchen auf den vergoldeten Spitzen – unterbrechen malerisch das Bild der großen Freitreppen und Paläste, die teilweise infolge Unterspülung des Flusses abgesunken sind.

Tausende und aber Tausende – Männer, Frauen und Kinder – sind hier am Ufer, beleben die großen Freitreppen, sitzen auf den abgesunkenen Palästen und Tempeln, sonnen sich, baden oder hören den Brahmanen zu, die unter großen Bastschirmen sitzen und Opfergelder entgegennehmen. Fakire hocken auf den Steinplatten; einer blickt unverwandt in die Sonne, ein anderer, mit Asche beschmiert und mit langem schwarzen Lockenhaar leistet einem Brahmanen Gesellschaft. Hier steigt ein bildhübsches Mädchen, nur mit dünnem weißen Schal bekleidet, die Stufen hinab ans Wasser, stellt ihren Bronzenapf auf das Gesims eines abgesunkenen Tempels, geht ins Wasser, bis es ihr an die Schultern reicht, hebt die Hände an die Stirn, blickt gegen die Sonne und murmelt andächtig ein Gebet. Ein altes Mütterchen mit grauem, kurzgeschnittenen Haar gießt aus einer Bronzeschüssel Wasser über Kopf und Schulter. Langsam treiben wir von Ghat zu Ghat. Auch die Leichenverbrenner sind an der Arbeit. Gerade wird ein in weiße Leinentücher gehüllter Leichnam auf den Scheiterhaufen gelegt; es dauert nur Minuten, und alles ist in Flammen und Rauch gehüllt.

Götterbilder, mit Blumen bekränzt, umlagert von Scharen andächtiger Pilger, heilige Kühe, die auch hier am Strande umherwandeln, vervollständigen das bunte Bild.

Malerisch liegt der kleine nepalesische Tempel halb versteckt unter Tamarinden- und Feigenbäumen. Wir legen hier an, gehen die großen Freitreppen hinauf und lassen uns vom Priester die seltsamen Schnitzereien am Tempelsims erklären. Herrlich ist der Blick von hier aus über den Fluß und das bunte Leben, das sich am Strande abspielt.

Nachmittags gehen wir nach dem Heiligsten, was Benares hat, nach dem goldenen Tempel. Er liegt inmitten vieler Häuser und enger Gassen versteckt, und nur durch enge, korridorähnliche Zugänge kann man zu ihm gelangen. Je mehr wir uns der heiligen Stätte nähern, um so lauter wird das Stimmengewirr, das an unser Ohr dringt. Dumpf klingen Trommeln und Gongs. Bettler und Bettlerinnen, zerlumpt und aussätzig, kauern am Wege, halten unter beständigem Murmeln ihre messingnen Bettelschalen hin und bitten um eine Gabe. Immer lauter wird das Stimmengewirr, immer dichter das Gedränge. Ein großes, blumenbekränztes Zebu zwängt sich langsam durch den engen Gang, und auch wir müssen dem heiligen Tiere Platz machen. Die Luft ist dumpf, schwül, mit Feuchtigkeit gesättigt; ein Geruch von Schweiß und verfaulten Blumen verfolgt uns auf Schritt und Tritt.

Ein von Säulen getragener Pavillon fesselt zuerst unseren Blick. Immer sinnverwirrender wird das Bild! Ziegelrot bemalte Götterbilder werden mit gelben Blumenkränzen geschmückt, mit Reis beworfen und mit Wasser besprengt; hastig eilen die Menschen hin und her. Tempeltrommeln rollen dumpf, und dazwischen mischt sich der Klang einer hellen Glocke. Man weiß nicht, wohin man den Blick wenden soll. Man sucht vergebens nach einem Platz, wo das Auge ausruhen kann.

Hier werden in einer Küche für die Götter die Speisen gekocht, dort eilen weißgekleidete Tempeldienerinnen, die Götter zu bekränzen und zu besprengen. Eine von ihnen liegt auf den Marmorfliesen; sie wendet mir ihr feingeschnittenes Gesicht zu, das von glatt gescheiteltem schwarzen Haar eingefaßt ist, steht auf und huscht an mir vorüber. Ein paar Sekunden lang blickt sie mich aus ihren träumerischen, unergründlich tiefen Augen fragend an, dann aber ist sie schon wieder fort, um ein anderes Götterbild mit Weihwasser zu besprengen.

Und so löst in Sekunden ein Bild das andere ab, und man steht vollkommen hilflos inmitten des Getriebes und findet sich nicht zurecht. Man möchte die Seele dieser Menschen ergründen, den Schleier der Mystik zerreißen, der über allem liegt, und möchte wissen, was der tiefere Sinn all dieser Riten und Gebräuche ist. Aber um in die Seele des Hinduismus einzudringen, bedarf es eines lebenslangen Studiums, und ob wir Europäer überhaupt bis zu den Tiefen der indischen Philosophie vordringen können, ist mir noch zweifelhaft.

Von einem Priester werden wir in das Heiligste geführt. Von einer kleinen Nische aus dürfen wir dem buntesten, sinnverwirrendsten Treiben zuschauen, das sich in dem Innenhof des Tempels abspielt. Betäubt wird man von dem Geruch der stickigen Luft und dem Stimmengewirr. Man schließt unwillkürlich sekundenlang die Augen, fühlt die Schläfen hämmern und kann es gar nicht fassen, daß alles Wirklichkeit ist. Die fast nackten Menschen drängen sich um den heiligen Brunnen der Weisheit, aus dem ein Brahmane in silberner Schale Wasser schöpft und zum Trinken reicht. Immer wieder empfinde ich, wie vollkommen hilflos ich hier bin; es ist mir alles so phantastisch, so unergründlich, so unverständlich, und doch reizt es mich immer wieder, dem Treiben zuzuschauen. Wir besuchen dann den Affentempel, der sich in einem großen Teiche spiegelt. Pilger eilen hin und her, einige sitzen im Innern des Tempels vor dem furchtbaren Bilde der blumenbekränzten Göttin Durga; andere verfolgen auch hier einen auf Schritt und Tritt und betteln. Auf dem Boden sieht man noch das Blut der geopferten Ziege, das von räudigen Hunden aufgeleckt wird. Ein Priester führt uns die Stiegen hinan auf einen Altan, von dem aus wir den See zu unseren Füßen liegen sehen. Eine Schar Affen kommt in großen Sätzen angesprungen; sie sind ganz zahm und lassen sich füttern. Auch sie sind heilig, und wehe dem, der ihnen etwas zuleide tut!

Ungefähr eine Stunde von Benares entfernt liegt Sarnath, jene denkwürdige Stätte, wo Buddha im großen Gazellenpark seine ersten Predigten hielt. Ein großer Stupa – ein turmartiger Reliquienschrein – und die Überreste eines Klosters erzählen uns noch von dem Leben, das einst hier herrschte. Jetzt liegt tiefes Schweigen über dieser ehrwürdigen Stätte; selten sieht man einen Menschen. Neben dem alten Stupa reckt ein kleiner Jaina-Tempel seinen spitzen Turm in die blaue Luft, und ein paar Inder und Inderinnen in leuchtend bunten Gewändern schreiten langsam seinem Eingange zu. Als die Sonne sich dem Horizonte zuneigt, müssen wir zurück nach Benares. Noch einmal werfe ich einen Blick nach der Stätte, wo Buddha weilte, und sehe das gelbe Gewand eines buddhistischen Priesters, der hier seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat, aus dem Grün seines Gärtchens hervorschimmern. Friede, unendlicher Friede liegt über dem Land, und man hat das Gefühl, daß es hier nie anders gewesen ist!

Dunkler wird es und dunkler, und als wir uns Benares nähern, sehen wir am Straßenrande kleine Öllampen brennen, und auch an den Wurzeln der hohen Bäume flackern die Lichter. Auch die kleinen Schreine am Wege sind von brennenden Kerzen erhellt. Selbst aus dem Geäst der Bäume schimmert der trübe Lichtschein flackernder Öllampen in die tropische Sternennacht hinaus. Auch die Häuser sind illuminiert; auf dem Dachfirst und vor den Fenstern brennen Lichter, ist doch Hindu-Feiertag!

Abends saß ich noch bis in die Nacht hinein auf der Terrasse des Hotels. Da kam es mir vor, als ob der Duft der Blumen von Stunde zu Stunde stärker wurde und sich immer betäubender auf uns legte. Große Nachtfalter umflatterten die Lampen, und die Grillen sangen ihr eintöniges Lied.

Und dann ging es Kalkutta zu. Es war eine der schwülsten Nächte, die ich je erlebt habe. Die Feuchtigkeit der Luft steigerte sich von Stunde zu Stunde, und ich war froh, als ich endlich das dumpfige Bahnabteil verlassen konnte. Von Kalkutta hatte ich nicht viel. Die letzten Reisevorbereitungen ließen mich nicht zur Ruhe kommen, und die feuchte, heiße Luft machte gleichgültig gegen alles. Trotz der ständig rotierenden elektrischen Fächer war es im Zimmer kaum auszuhalten.

Ich besuchte den großen Jaina-Tempel, der, was überladene Skulpturen, bunte Marmorhallen, seltsame Gartenanlagen anbetrifft, wohl kaum übertroffen werden kann. Eines Abends ließ ich mich durch den Botanischen Garten fahren, der mich aber enttäuschte. Als die Sonne rotgelb im Westen versank, fuhren wir in die Stadt zurück. Eine große Menschenmenge flutete in den Straßen, und noch einmal erhielt ich ein Bild vom großen, bunten Indien.

Dann wurden die letzten Reisevorbereitungen getroffen, noch wichtige Einkäufe gemacht und das große Gepäck nach dem Kidderpore-Dock geschafft.

XVII

HEIMWÄRTS

Am Morgen des 1. November 1924 fuhr die »Merkara« von Kalkutta ab. Eine Dampfbarkasse brachte uns ans Schiff. Der Himmel war bewölkt, aber es war schwül, feucht und drückend, wie bei uns vor einem schweren Gewitter. Langsam glitten wir aus dem Hafen heraus und ließen die Stadt hinter uns. Immer aber behielten wir das Ufer im Auge; fuhren manchmal ganz nahe heran und sahen die schilfgedeckten Hütten der Eingeborenen wie Pfahldorfhäuser unter den hohen Palmen träumen. Und dann ging es hinaus auf das Meer, das uns blaugrün entgegenschimmerte. Langsam entschwand die Küste unseren Blicken, und erst nach zwei Tagen sahen wir wieder Land, als wir nach Madras kamen. Ein furchtbares Wetter hielt uns hier zwei Tage fest. Ich ging mit einem Herrn an Land; wir nahmen uns einen Wagen und fuhren auf der Strandpromenade, der Marina, der Stadt zu. Hier war es drückend schwül, und man ahnte das kommende Wetter. In einem Hotelgarten nahmen wir unser Mittagessen ein, aßen nur wenig, waren zu schlaff, um nur die Gabel an den Mund zu führen. Schon morgens, als wir am Strande entlang fuhren, hatten wir eine Wolkenwand am Meere aufziehen sehen. Am Strande lief ein Trupp halbnackter schwarzer Eingeborener zu einem Boot, das durch die Brandung ans Ufer wollte. Ich wurde lebhaft an ein Bild erinnert, das ich als Schulbube einst in einem illustrierten Robinson-Krusoe-Buch gesehen hatte. Der schneeweiße Strand flimmerte im hellen Sonnenlicht, und der Gischt der sich überstürzenden Wogen glitzerte wie Tausende von Diamanten. Am Spätnachmittag brach der Sturm los. Der Regen klatschte hernieder, der Wind heulte und die Temperatur sank von Grad zu Grad. Das dicke Ankertau, mit dem unser Schiff befestigt war, riß mitten durch, so daß wir in der Reede ankern mußten. Die Wellen wurden von Stunde zu Stunde höher, und das Schiff schlingerte hin und her. Wie eine Nußschale schaukelte der kleine Lotsendampfer inmitten der hohen Wellen. Stets war es mit großen Schwierigkeiten verbunden, die Schiffstaue um die Bojen zu legen, die in den Wogen auf und ab tanzten. Um die Arbeit bewältigen zu können, mußte ein Inder von einem großen Boot aus auf die Boje springen, ein Kunststück, das ihm jedesmal glänzend gelang. Als am folgenden Tage sich der Sturm gelegt hatte, fuhren wir weiter nach Ceylon.

Nie werde ich den Morgen vergessen, als die ersten Berge dieser paradiesischen Insel am Horizonte auftauchten. Blauschwarz, mit einem Stich ins Grünliche, schillerte das Meer, und in weichen, lila Tönen schwebten die Berge über der weiten Wasserfläche. Man konnte glauben, es sei eine Fata Morgana. Um die hohen, in bläulichen Farben schimmernden Berge der Insel, unter denen der Adamspik besonders hervortrat, hingen einige weiße Wolken, auf die die Sonne herniederschien. Am weißen Strande ziehen sich die Kokospalmenwälder hin, und die hohen Wipfel neigen sich im Winde. Schon von ferne sehen wir die Einfahrt in die Reede von Kolombo; kleine Auslegerboote, Einbäume, fahren an uns vorbei, und wir können mit dem Fernglase verschiedene Dampfer erkennen, die dem Hafen zusteuern oder in See stechen. Eine große Dreimasterbark wird von einem kleinen Dampfer herausgeschleppt.

Es waren nur Stunden, die ich auf der Insel zubringen durfte, aber Stunden, die mir stets unvergeßlich bleiben werden. Noch sehe ich die hohen Palmenalleen vor mir, noch glaube ich, wenn abends alles still ist, das Rauschen der Brandung bei Mount Lavinia zu hören! Die roten Straßen, das vielfarbige saftige Grün der Wälder, das blaue Meer und der helle Himmel haben sich zu einem Bilde verdichtet, das immer wieder vor meine Augen tritt. Und Friede und Ruhe herrschen hier. Wie kleine Schlösser liegen die Bungalows der Engländer in schönen Gärten, und die Hütten der Eingeborenen schmiegen sich an die hohen Palmen. Am Straßenrande saßen Gaukler und Schlangenbändiger, die nach dem Klange einer Flöte ihre Kobras tanzen ließen. Kolombo hat auch viele schöne, im europäischen Stil erbaute Häuser und prächtige Läden. Auf den Straßen herrscht ein lebhafter Verkehr; ab und zu sieht man noch Rikschas; sonst aber triumphiert auch hier das Auto.

Am anderen Morgen, in aller Frühe, als die Sonne ihre ersten Strahlen über das Eiland ausgoß, fuhren wir aus der Reede heraus. Langsam verschwanden die Palmenwälder und die Häuser, und bald schauten nur ein paar hellblaue Berge noch über das blaugrüne Meer. Lange stand ich an der Reeling, blickte hinüber nach Osten, wo Ceylons Gipfel langsam unter den Horizont tauchten, und nahm Abschied von Indien. Es wurde mir sehr schwer. Viele glückliche Tage, Wochen, ja Monate hatte mir Indien geschenkt. Jetzt ging es Europa zu. Es war mir, als ob ich mit dem Abschied von Indien auch Abschied von der Sonne nahm. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, bin ich erst wieder ein halbes Jahr in der Heimat, und schon drängt es mich wieder hinaus; die Stille der asiatischen Berge und die Märchenpracht Indiens rufen mich. Das Heimweh nach dem großen Asien hat mich bereits gepackt, und im stillen arbeite ich an neuen Reiseplänen. Ein großer Schmetterling begleitete unser Schiff zwei Tage lang, es war der letzte Gruß, den Indien uns sandte.

Die Fahrt ging über den Indischen Ozean. Die See war so glatt wie ein Spiegel und vom reinsten Hellblau. Oft konnten wir fliegende Fische sehen; ich hatte nie geglaubt, daß sie so große Strecken über Wasser fliegen könnten. Mit einigen Engländern hatte ich mich sehr gut angefreundet, und wir vertrieben uns die Zeit mit Spielen aller Art.

Schön war’s, wenn man in seinem Liegestuhl an Bord lag, ein schönes Buch las oder auf das blaue Meer hinausblickte. Ich habe mich oft über mich selbst gewundert; stundenlang konnte man untätig sitzen und vor sich hinträumen oder neue Pläne schmieden. Der große, weite, unendliche Ozean löst dieselben Wirkungen aus wie die flackernden Lagerfeuer, vor denen man auch stundenlang sitzen und in die Glut und züngelnden Flammen starren konnte.

Mir vergingen die Tage fast zu schnell; Tage der Ruhe und Erholung im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn abends die Sonne sich dem Horizonte zuneigte und der Himmel in rotgelben Farben aufflammte, dann holte ich wohl meinen Malkasten und versuchte, die Bilder auf dem Papier festzuhalten. Aber es war nicht ganz leicht, da die Farben zu schnell wechselten. Violett, Orange und ein leuchtendes Rosa walteten vor und spielten ineinander. Der Himmel hatte manchmal eine hellgrüne Färbung; die Wolken formten sich zu seltsamen Bildern. Wenn man an der Reeling stand und in die leuchtenden Wolken blickte, dann glaubte man manchmal ein zweites grünblaues Meer zu sehen, in dem goldene Inseln und Eilande schwammen. Man erkannte Berggipfel, Seen, Meeresbuchten und Ebenen. Dann schien es einem, als ob auch dort die Sonne untergehe, denn langsam krochen auch über sie dunkle Schatten, und nur die höchsten Gipfel strahlten ein purpurnes Rosa aus. Es war wie ein Gruß aus einer besseren Welt; und erst wenn man wieder auf das wogende Meer sah, bemerkte man die Täuschung. Nach dem Abendessen lag man wieder – die Herren im Smoking, die Damen in großer Toilette – in den Liegestühlen an Deck, trank seinen eisgekühlten Whisky Soda oder Ginger Ale, plauderte oder hörte der Musik zu, die vom Salon her erklang. Manchmal gingen wir vor zwölf Uhr nicht schlafen. Eines Abends hatten wir etwas Meerleuchten. Mit dem einen Offizier und einer schönen Frau ging ich an den Bug des Schiffes. Wir lehnten uns über das Geländer, sahen große blaue Funken aufstieben und am Schiffe entlang laufen. Auch die sich überschlagenden Schaumkämme und Spritzer strahlten ein phosphoreszierendes Licht aus. Herrlich waren die Mondscheinnächte, wenn blauschwarze Wolken am Himmel hingen und das silberne Licht des Mondes langsam die Wolkenwand durchbrach. Schwarz sah dann das Meer aus, und nur zwei blendend silberweiße Streifen spiegelten das Mondlicht an der Stelle wider, wo Meer und Himmel zusammentrafen.

Verlassen, wie ein totes Eiland, lag Sokotra zur Rechten. Dann kam Aden in Sicht. Noch sehe ich die hohen, kahlen Felsen vor mir aufragen, auf denen kein Fleck Grün zu entdecken war. Unten am Meere liegen die Häuser, einige große Baracken und ein Leuchtturm. Als wir Anker werfen, kommen viele kleine Boote längsseit des Schiffes, und die arabischen Händler bieten laut schreiend ihre Waren an. Sie dürfen nicht an Bord kommen, werfen daher Leinen an Deck, an die sie unten Körbe befestigen, und in diese legen sie dann die Waren, die sie anbieten: Straußenfedern, Zigaretten, Fächer, Halsketten usw. Man zieht dann die Leine an Deck, schaut sich die Sachen an, und hat man etwas gefunden, so nimmt man es heraus und legt das Geld dafür in den Korb, der dann wieder hinuntergelassen wird.

Ich ging mit Familie H. an Land. Wir mußten uns ausbooten lassen, da die Dampfer am Kai nicht anlegen können. Wir besuchten verschiedene Läden, machten kleine Einkäufe und schlenderten am Strande entlang. Da unser Schiff erst am Spätnachmittag nach Aden gekommen war, so war es schon dunkel, als wir unsere Einkäufe beendet hatten. Der Sonnenuntergang war unbeschreiblich schön! Wie flüssiges Gold lag der Widerschein der untergehenden Sonne auf dem Meer, und die Felswände hoben sich wie Silhouetten ab. Als wir wieder vom Kai abstießen, war die Dunkelheit schon hereingebrochen; überall flammten die kleinen Lichter in den Läden auf, und die Dampfer, die im Hafen lagen, boten mit ihrem Lichtermeer ein wundervolles Bild.

Dann fuhren wir weiter durch das Rote Meer. Nur einen Tag war die Hitze fast unerträglich. Man mochte sich kaum in seinem Liegestuhle rühren. Das einzig Erquickende war der eiskalte Zitronensaft. Oft konnten wir die arabische Küste und die fernen Berge wie einen feinen, hellen Strich erkennen. Dann wurden die Ferngläser hervorgeholt, und man suchte eifrig nach Dörfern oder Häfen. Mitten im Roten Meere trafen wir eine Barke mit braunen Segeln. Die Insassen waren Araber, die auf Fischfang ausgingen. Ich mußte unwillkürlich an die Piratenschiffe denken, mit denen die Araber früher die Küsten des Persischen Golfes und des Mittelmeers unsicher machten.