Part 54
Das Gleiche nun, was ich hier vom sozialen S. sage, gilt für das individuelle S. Es gibt individuelle psychische Produkte, die offenkundig symbolischen Charakter haben, die ohne weiteres zu einer symbolischen Auffassung drängen. Für das Individuum haben sie eine ähnliche funktionelle Bedeutung, wie das soziale S. für eine grössere Menschengruppe. Diese Produkte sind aber nie von einer ausschliesslich bewussten oder ausschliesslich unbewussten Abstammung, sondern gehen aus einer gleichmässigen Mitwirkung beider hervor. Die reinen Bewusstseinsprodukte sowohl wie die ausschliesslich unbewussten Produkte sind nicht eo ipso überzeugend symbolisch, sondern es bleibt der symbolischen Einstellung des betrachtenden Bewusstseins überlassen, ihnen den Charakter des S. zuzuerkennen. Sie können aber ebensowohl auch als rein kausal bedingte Tatsachen aufgefasst werden, etwa in dem Sinne, wie man das rote Exanthem des Scharlachs als ein „Symbol“ des Scharlachs auffassen kann. Man spricht in diesem Fall allerdings mit Recht von „Symptom“ und nicht von Symbol. _Freud_ hat m. E. darum von seinem Standpunkt aus mit Recht nicht von _symbolischen_, sondern von _Symptomhandlungen_[375] gesprochen, denn für ihn sind diese Erscheinungen nicht symbolisch in dem hier definierten Sinne, sondern symptomatische Zeichen eines bestimmten und allgemein bekannten grundliegenden Prozesses. Es gibt natürlich Neurotiker, die ihre unbewussten Produkte, welche in erster Linie und hauptsächlich Krankheitssymptome sind, als höchst bedeutungsvolle S. auffassen. Aber im allgemeinen ist dies nicht der Fall. Im Gegenteil, der Neurotiker von heute ist nur zu sehr geneigt, auch das Bedeutungsvolle nur als „Symptom“ aufzufassen. Die Tatsache, dass es zwei distinkte, einander widersprechende und von hüben und drüben eifrig verfochtene Auffassungen gibt über Sinn und Nichtsinn der Dinge, belehrt uns, dass es offenbar Vorgänge gibt, die keinen besondern Sinn ausdrücken, die blosse Konsequenzen, nichts wie Symptome sind, und andere Vorgänge, welche einen verborgenen Sinn in sich tragen; die nicht bloss von etwas abstammen, sondern vielmehr zu etwas werden wollen und die darum S. sind. Es ist unserm Takt und unserer Kritik überlassen, zu entscheiden, wo wir es mit Symptomen, und wo mit S. zu tun haben.
Das S. ist immer ein Gebilde höchst komplexer Natur, denn es setzt sich zusammen aus den Daten aller psychischen Funktionen. Es ist infolgedessen weder rationaler, noch irrationaler Natur. Es hat zwar eine Seite, die der Vernunft entgegenkommt, aber auch eine Seite, die der Vernunft unzugänglich ist, indem es nicht nur aus Daten rationaler Natur, sondern auch aus den irrationalen Daten der reinen innern und äussern Wahrnehmung zusammengesetzt ist. Das Ahnungsreiche und Bedeutungsschwangere des Symbols spricht ebenso wohl das Denken, wie das Fühlen an, und seine eigenartige Bildhaftigkeit, wenn zu sinnlicher Form gestaltet, erregt die Empfindung sowohl wie die Intuition. Das lebendige S. kann nicht zustande kommen in einem stumpfen und wenig entwickelten Geiste, denn ein solcher wird sich am schon vorhandenen S., wie es ihm das traditionell Bestehende darbietet, genügen lassen. Nur die Sehnsucht eines hoch entwickelten Geistes, dem das gebotene S. die höchste Vereinigung in _einem_ Ausdruck nicht mehr vermittelt, kann ein neues S. erzeugen. Indem das S. aber eben aus seiner höchsten und letzten geistigen Errungenschaft hervorgeht, und zugleich auch die tiefsten Gründe seines Wesens einschliessen muss, so kann es nicht einseitig aus den höchst differenzierten geistigen Funktionen hervorgehen, sondern es muss auch im gleichen Masse den niedersten und primitivsten Regungen entstammen. Damit diese Zusammenwirkung gegensätzlichster Zustände überhaupt möglich wird, müssen sie beide in vollstem Gegensatz bewusst neben einander stehen. Dieser Zustand muss eine heftigste Entzweiung mit sich selbst sein und zwar in dem Masse, dass sich Thesis und Antithesis negieren, und das Ich doch seine unbedingte Anteilnahme an Thesis und Antithesis anerkennen muss. Besteht aber eine Unterlegenheit des einen Teiles, so wird das S. vorwiegend das Produkt des andern Teiles sein und eben in selbem Masse auch weniger S. als Symptom sein, nämlich Symptom einer unterdrückten Antithesis. In dem Masse aber, in welchem ein S. blosses Symptom ist, ermangelt es auch der befreienden Wirkung, denn es drückt nicht die völlige Existenzberechtigung aller Teile der Psyche aus, sondern erinnert an die Unterdrückung der Antithesis, auch wenn sich das Bewusstsein hievon nicht Rechenschaft ablegen sollte. Besteht aber eine völlige Gleichheit und Gleichberechtigung der Gegensätze, bezeugt durch die unbedingte Anteilnahme des Ich an Thesis und Antithesis, so ist damit ein Stillstand des Wollens geschaffen, denn es kann nicht mehr gewollt werden, weil jedes Motiv sein gleich starkes Gegenmotiv neben sich hat. Da das Leben niemals einen Stillstand erträgt, so entsteht eine Stauung der Lebensenergie, die zu einem unerträglichen Zustand führen würde, wenn nicht aus der Gegensatzspannung eine neue vereinigende Funktion entstünde, welche über die Gegensätze hinausführt. Sie entsteht aber natürlicherweise aus der durch die Aufstauung bewirkten Regression der Libido. Da durch die gänzliche Entzweiung des Willens ein Fortschritt unmöglich gemacht ist, so strömt die Libido nach rückwärts ab, der Strom fliesst gleichsam zur Quelle zurück, d. h. bei Stillstellung und Inaktivität des Bewusstseins entsteht eine Aktivität des Unbewussten, wo alle differenzierten Funktionen ihre gemeinsame, archaïsche Wurzel haben, wo jene Vermischtheit der Inhalte besteht, von der die primitive Mentalität noch zahlreiche Überreste aufweist. Durch die Aktivität des Unbewussten wird nun ein Inhalt zu Tage gefördert, der gleichermassen durch Thesis und Antithesis konstelliert ist und sich zu beiden kompensatorisch (s. d.) verhält. Da dieser Inhalt sowohl eine Beziehung zur Thesis wie zur Antithesis aufweist, so bildet er einen mittleren Grund, auf dem sich die Gegensätze vereinigen können. Fassen wir z. B. den Gegensatz als den von Sinnlichkeit und Geistigkeit auf, so bietet der mittlere aus dem Unbewussten geborene Inhalt vermöge seines geistigen Beziehungsreichtums der geistigen Thesis einen willkommenen Ausdruck, und vermöge seiner sinnlichen Anschaulichkeit erfasst er die sinnliche Antithesis. Das zwischen Thesis und Antithesis zerspaltene Ich aber findet in dem einen mittleren Grund sein Gegenstück, seinen einen und eigenen Ausdruck, und es wird ihn begierig ergreifen, um sich aus seiner Zerspaltung zu erlösen. Daher strömt die Spannung der Gegensätze in den mittleren Ausdruck ein und verteidigt ihn gegen den alsbald an ihm und in ihm beginnenden Kampf der Gegensätze, welche beide versuchen, den neuen Ausdruck in ihrem Sinne aufzulösen. Die Geistigkeit will aus dem Ausdruck des Unbewussten etwas Geistiges machen, die Sinnlichkeit aber etwas Sinnliches, die eine will Wissenschaft oder Kunst, die andere sinnliches Erleben daraus schaffen. Die Auflösung des unbewussten Produktes in das eine oder andere gelingt, wenn das Ich nicht völlig zerspalten war, sondern mehr auf dieser als auf jener Seite stand. Gelingt nun der einen Seite die Auflösung des unbewussten Produktes, so fällt nicht nur das unbewusste Produkt an diese Seite, sondern auch das Ich, wodurch eine Identifikation des Ich mit der meistbegünstigten Funktion (s. minderwertige Funktion) entsteht. Infolgedessen wird sich der Zerspaltungsprozess später auf einer höheren Stufe wiederholen. Gelingt es infolge der Festigkeit des Ich weder der Thesis noch der Antithesis, das unbewusste Produkt aufzulösen, so ist damit dargetan, dass der unbewusste Ausdruck sowohl der einen wie der andern Seite überlegen ist. Die Festigkeit des Ich und die Überlegenheit des mittlern Ausdruckes über Thesis und Antithesis scheinen mir Korrelate zu sein, die einander gegenseitig bedingen. Bisweilen will es scheinen, als ob die Festigkeit der angebornen Individualität das Ausschlaggebende wäre, bisweilen auch, als ob der unbewusste Ausdruck eine überlegene Kraft besässe, welche das Ich zur unbedingten Festigkeit veranlasst. In Wirklichkeit dürfte es aber vielleicht so sein, dass die Festigkeit und Bestimmtheit der Individualität einerseits und die überlegene Kraft des unbewussten Ausdruckes nichts als Zeichen eines und desselben Tatbestandes sind. Bleibt der unbewusste Ausdruck dermassen erhalten, so bildet er einen nicht aufzulösenden, sondern zu formenden Rohstoff, der zum gemeinsamen Gegenstand für Thesis und Antithesis wird. Er wird dadurch zu einem neuen, die ganze Einstellung beherrschenden Inhalt, der die Zerspaltung aufhebt und die Kraft der Gegensätze in ein gemeinsames Strombett zwingt. Damit ist der Stillstand des Lebens aufgehoben und das Leben kann weiter fliessen mit neuer Kraft und neuen Zielen.
Ich habe diesen eben beschriebenen Vorgang in seiner Totalität als _transscendente Funktion_ benannt, wobei ich unter „Funktion“ nicht eine Grundfunktion, sondern eine komplexe, aus andern Funktionen zusammengesetzte Funktion verstehe, und mit „transscendent“ keine metaphysische Qualität bezeichnen will, sondern die Tatsache, dass durch diese Funktion ein Übergang von der einen Einstellung in eine andere geschaffen wird. Der von Thesis und Antithesis bearbeitete Rohstoff, der in seinem Formungsprozess die Gegensätze vereinigt, ist das lebendige S. In seinem für eine lange Epoche nicht aufzulösenden Rohstoff liegt sein Ahnungsreiches und in der Gestalt, die sein Rohstoff durch die Einwirkung der Gegensätze empfängt, liegt seine Wirkung auf alle psychischen Funktionen. Andeutungen der Grundlagen des symbolbildenden Prozesses finden sich in den spärlichen Berichten über die Initiationsperioden der Religionsstifter, z. B. Jesus und Satan, Buddha und Mara, Luther und der Teufel, Zwingli und seine weltliche Vorgeschichte, die Erneuerung des Faust durch den Kontrakt mit dem Teufel bei _Goethe_. In Zarathustra finden wir gegen den Schluss ein treffliches Beispiel für die Unterdrückung der Antithese in der Gestalt des „hässlichsten Menschen“.
53. =Synthetisch.= (Siehe konstruktiv.)
54. =Transscendente Funktion.= (Siehe =Symbol=.)
55. =Trieb.= Wenn ich von T. in dieser oder andern Arbeiten spreche, so meine ich damit dasselbe, was gemeinhin unter diesem Worte verstanden ist: nämlich _Nötigung_ zu gewissen Tätigkeiten. Die Nötigung kann hervorgehen aus einem äussern oder innern Reiz, der den Mechanismus des T. psychisch auslöst oder aus organischen Gründen, die ausserhalb der Sphäre psychischer Kausalbeziehungen liegen. _Triebmässig_ ist jede psychische Erscheinung, die aus keiner durch Willensabsicht gesetzten Verursachung hervorgeht, sondern aus dynamischer Nötigung, ob nun diese Nötigung aus organischen, also ausserpsychischen Quellen direkt abstammt, oder wesentlich bedingt ist von durch Willensabsicht bloss ausgelösten Energien; in letzterm Fall mit der Einschränkung, dass das hervorgebrachte Resultat die durch die Willensabsicht bezweckte Wirkung übersteigt. Unter den Begriff des T. fallen m. E. alle diejenigen psychischen Vorgänge, über deren Energie das Bewusstsein nicht disponiert.[376] Nach dieser Auffassung gehören also die Affekte (s. d.) ebensowohl zu den T.-Vorgängen, wie auch zu den Gefühlsvorgängen (s. Fühlen). Psychische Vorgänge, die unter gewöhnlichen Umständen Willensfunktionen sind (d. h. also gänzlich der Bewusstseinskontrolle unterstellt), können abnormerweise zu T.-Vorgängen werden, dadurch, dass sich ihnen eine unbewusste Energie zugesellt. Diese Erscheinung tritt überall da ein, wo die Sphäre des Bewusstseins entweder durch Verdrängungen inkompatibler Inhalte eingeschränkt wird, oder wo infolge von Ermüdung, Intoxikationen oder überhaupt pathologischen Gehirnvorgängen ein „abaissement du niveau mental“ (_Janet_) stattfindet, wo also mit einem Wort das Bewusstsein die stärkstbetonten Vorgänge nicht mehr oder noch nicht kontrolliert.
Ich möchte solche Vorgänge, die einstmals bei einem Individuum bewusst waren, sich aber mit der Zeit _automatisiert_ haben, nicht als T.-Vorgänge bezeichnen, sondern als automatische Vorgänge. Sie verhalten sich auch normalerweise nicht als T., indem sie niemals unter normalen Umständen als Nötigungen auftreten. Sie tun das nur, wenn ihnen eine Energie zufliesst, die ihnen fremd ist.
56. =Typus.= T. ist ein den Charakter einer Gattung oder Allgemeinheit in charakteristischer Weise wiedergebendes Beispiel oder Musterbild. In dem engern Sinne der vorliegenden Arbeit ist der T. ein charakteristisches Musterbild einer in vielen individuellen Formen vorkommenden allgemeinen Einstellung (s. d.). Von den zahlreichen vorkommenden und möglichen Einstellungen hebe ich in der vorliegenden Untersuchung im ganzen _vier_ heraus, nämlich diejenigen, die sich hauptsächlich nach den vier psychologischen Grundfunktionen orientieren (s. Funktion), also nach Denken, Fühlen, Intuieren und Empfinden. Insofern eine solche Einstellung _habituell_ ist und dadurch dem Charakter des Individuums ein bestimmtes Gepräge verleiht, spreche ich von einem psychologischen T. Diese auf die Grundfunktionen basierten T., die man als _Denk-_, _Fühl-_, _Intuitions-_ und _Empfindungs-T._ bezeichnen kann, lassen sich gemäss der Qualität der Grundfunktion in zwei Klassen scheiden: in die _rationalen_ und in die _irrationalen T._ Zu den ersteren gehören der Denk- und der Fühl-T., zu den letzteren der intuitive und der Empfindungs-T. (s. rational, irrational). Eine weitere Unterscheidung in zwei Klassen erlaubt die vorzugsweise Libidobewegung, nämlich die _Introversion_ und _Extraversion_ (s. d.). Alle Grundtypen können sowohl der einen wie der andern Klasse angehören, je nach ihrer vorherrschenden mehr introvertierten oder mehr extravertierten Einstellung. Ein Denk-T. kann zur introvertierten oder zur extravertierten Klasse gehören, ebenso irgend ein anderer T. Die Unterscheidung in rationale und irrationale T. ist ein anderer Gesichtspunkt und hat mit Introversion und Extraversion nichts zu tun.
Ich habe in zwei vorläufigen Mitteilungen der Typenlehre[377] den Denk- und den Fühl-T. nicht vom introvertierten und extravertierten T. unterschieden, sondern den Denk-T. mit dem introvertierten und den Fühl-T. mit dem extravertierten T. identifiziert. Bei der völligen Durcharbeitung des Materials habe ich aber eingesehen, dass man den Introversions-T. sowohl wie den Extraversions-T. als den Funktions-T. übergeordnete Kategorien behandeln muss. Diese Trennung entspricht auch durchaus der Erfahrung, indem es unzweifelhaft z. B. zweierlei Fühl-T. gibt, von denen der eine mehr auf sein Gefühlserlebnis, der andere mehr auf das Objekt eingestellt ist.
57. =Unbewusst.= Der Begriff des U. ist für mich ein _ausschliesslich psychologischer Begriff_, und kein philosophischer im Sinne eines metaphysischen. Das U. ist m. E. ein psychologischer Grenzbegriff, welcher alle diejenigen psychischen Inhalte oder Vorgänge deckt, welche nicht bewusst sind, d. h. nicht auf das Ich in wahrnehmbarer Weise bezogen sind. Die Berechtigung, überhaupt von der Existenz unbewusster Vorgänge zu reden, ergibt sich mir einzig und allein aus der Erfahrung und zwar zunächst aus der psychopathologischen Erfahrung, welche unzweifelhaft dartut, dass z. B. in einem Falle von hysterischer Amnesie das Ich von der Existenz ausgedehnter psychischer Komplexe nicht weiss, dass aber eine einfache hypnotische Prozedur imstande ist, im nächsten Moment den verlorenen Inhalt vollkommen zur Reproduktion zu bringen. Aus den Tausenden von Erfahrungen dieser Art leitete man die Berechtigung ab, von der Existenz unbewusster psychischer Inhalte zu reden. Die Frage, in welchem Zustande sich ein unbewusster Inhalt befindet, solange er nicht ans Bewusstsein angeschlossen ist, entzieht sich jeder Erkenntnismöglichkeit. Es ist daher ganz überflüssig, darüber Vermutungen anstellen zu wollen. Zu solchen Phantasien gehört die Vermutung der Cerebration, des physiologischen Prozesses usw. Es ist auch ganz unmöglich anzugeben, welches der Umfang des U. sei, d. h. welche Inhalte es in sich fasse. Darüber entscheidet bloss die Erfahrung. Vermöge der Erfahrung wissen wir zunächst, dass bewusste Inhalte durch Verlust ihres energetischen Wertes unbewusst werden können. Dies ist der normale Vorgang des Vergessens. Dass diese Inhalte unter der Bewusstseinsschwelle nicht einfach verloren gehen, wissen wir durch die Erfahrung, dass sie gelegentlich noch nach Jahrzehnten aus der Versenkung auftauchen können unter geeigneten Umständen, z. B. im Traum, in der Hypnose, als Kryptomnesie[378] oder durch Auffrischung von Associationen mit dem vergessenen Inhalt.
Des fernern belehrt uns die Erfahrung, dass bewusste Inhalte ohne allzu erhebliche Werteinbusse durch intentionelles Vergessen, was _Freud_ als _Verdrängung_ eines peinlichen Inhaltes bezeichnet, unter die Bewusstseinsschwelle geraten können. Eine ähnliche Wirkung entsteht durch Dissociation der Persönlichkeit, eine Auflösung der Geschlossenheit des Bewusstseins infolge heftigen Affektes oder infolge eines nervous shock oder durch Persönlichkeitszerfall in der Schizophrenie (_Bleuler_).
Ebenso wissen wir aus Erfahrung, dass Sinnesperceptionen infolge ihrer geringen Intensität oder infolge Ablenkung der Aufmerksamkeit keine bewusste Apperception erreichen und doch zu psychischen Inhalten werden durch unbewusste Apperception, was wiederum z. B. durch Hypnose nachgewiesen werden kann. Das Gleiche kann der Fall sein für gewisse Schlüsse und sonstige Kombinationen, die wegen zu geringer Wertigkeit oder wegen Ablenkung der Aufmerksamkeit unbewusst bleiben. Schliesslich belehrt uns die Erfahrung auch, dass es unbewusste psychische Zusammenhänge gibt, z. B. mythologische Bilder, welche niemals Gegenstand des Bewusstseins waren, die also ganz aus unbewusster Tätigkeit hervorgehen.
Soweit gibt uns die Erfahrung Anhaltspunkte zur Annahme der Existenz unbewusster Inhalte. Sie kann aber nichts aussagen darüber, was _möglicherweise_ unbewusster Inhalt sein kann. Es ist müssig, darüber Vermutungen anzustellen, weil es ganz unabsehbar ist, was alles unbewusster Inhalt sein könnte. Wo ist die unterste Grenze einer subliminalen Sinnesperception? Gibt es irgend eine Massbestimmung für die Feinheit oder Reichweite unbewusster Kombinationen? Wann ist ein vergessener Inhalt total ausgelöscht? Auf diese Fragen gibt es keine Antwort.
Unsere bisherige Erfahrung von der Natur unbewusster Inhalte erlaubt uns aber eine gewisse allgemeine Einteilung derselben. Wir können ein _persönliches_ U. unterscheiden, welches alle Acquisitionen der persönlichen Existenz umfasst, also Vergessenes, Verdrängtes, unterschwellig Wahrgenommenes, Gedachtes und Gefühltes. Neben diesen persönlichen unbewussten Inhalten gibt es aber andere Inhalte, die nicht aus persönlichen Acquisitionen, sondern aus der ererbten Möglichkeit des psychischen Funktionierens überhaupt, nämlich aus der ererbten Hirnstruktur stammen. Das sind die mythologischen Zusammenhänge, die Motive und Bilder, die jederzeit und überall ohne historische Tradition oder Migration neu entstehen können. Diese Inhalte bezeichne ich als _collektiv unbewusst_. So gut wie die bewussten Inhalte in einer bestimmten Tätigkeit begriffen sind, so sind es auch die unbewussten Inhalte, wie uns die Erfahrung lehrt. Wie aus der bewussten psychischen Tätigkeit gewisse Resultate oder Produkte hervorgehen, so gehen auch aus der unbewussten Tätigkeit Produkte hervor, z. B. Träume und Phantasien. Es ist müssig, darüber zu spekulieren, wie gross der Anteil des Bewusstseins z. B. an den Träumen sei. Ein Traum stellt sich uns dar, wir erschaffen ihn nicht bewusst. Gewiss verändert die bewusste Reproduktion, oder gar schon die Wahrnehmung vieles daran, ohne aber die Grundtatsache der produktiven Regung von unbewusster Provenienz aus der Welt zu schaffen.
Das funktionelle Verhältnis der unbewussten Vorgänge zum Bewusstsein dürfen wir als ein _compensatorisches_ (s. d.) bezeichnen, indem der unbewusste Vorgang erfahrungsgemäss das subliminale Material, das durch die Bewusstseinslage konstelliert ist, zu Tage fördert, also alle diejenigen Inhalte, welche, wenn alles bewusst wäre, am bewussten Situationsbilde nicht fehlen könnten. Die compensatorische Funktion des Unbewussten tritt umso deutlicher zu Tage, je einseitiger die bewusste Einstellung ist, wofür die Pathologie reichliche Beispiele liefert.
58. =Wille.= Als W. fasse ich die dem Bewusstsein disponible psychische Energiesumme auf. Der Willensvorgang wäre demnach ein energetischer Prozess, der durch bewusste Motivation ausgelöst wird. Ich würde also einen psychischen Vorgang, der durch unbewusste Motivation bedingt wird, nicht als Willensvorgang bezeichnen. Der W. ist ein psychologisches Phänomen, das seine Existenz der Kultur und der sittlichen Erziehung verdankt, der primitiven Mentalität aber in hohem Masse fehlt.
Schlusswort.