Part 53
Was den Charakter der Seele anbetrifft, so gilt nach meiner Erfahrung der allgemeine Grundsatz, dass sie sich im grossen und ganzen zum äussern Charakter _complementär_ verhält. Die Seele pflegt erfahrungsgemäss alle diejenigen allgemein menschlichen Eigenschaften zu enthalten, welche der bewussten Einstellung fehlen. Der von bösen Träumen, düstern Ahnungen und innerlichen Ängsten geplagte Tyrann ist eine typische Figur. Äusserlich rücksichtslos, hart und unzugänglich, ist er innerlich jedem Schatten zugänglich, jeder Laune unterworfen, wie wenn er das unselbständigste, bestimmbarste Wesen wäre. Seine Seele enthält also jene allgemein menschlichen Eigenschaften der Bestimmbarkeit und der Schwäche, die seiner äussern Einstellung, seiner Persona gänzlich fehlen. Ist die Persona intellektuell, so ist die Seele ganz sicher sentimental. Der Complementärcharakter der Seele betrifft aber auch den Geschlechtscharakter, wie ich vielfach unzweifelhaft gesehen habe. Eine sehr weibliche Frau hat eine männliche Seele, ein sehr männlicher Mann eine weibliche Seele. Dieser Gegensatz rührt daher, dass z. B. der Mann nicht durchaus und in allen Dingen männlich ist, sondern er hat normalerweise auch gewisse weibliche Züge. Je männlicher seine äussere Einstellung ist, desto mehr sind darin die weiblichen Züge ausgemerzt; sie treten daher an der Seele auf. Dieser Umstand erklärt, warum gerade sehr männliche Männer charakteristischen Schwächen unterworfen sind: sie verhalten sich zu den Regungen des Unbewussten weiblich-bestimmbar und beeinflussbar. Umgekehrt sind oft gerade die weiblichsten Frauen gewissen innern Dingen gegenüber von einer Unbelehrbarkeit, Hartnäckigkeit und Eigensinnigkeit, welche Eigenschaften in solcher Intensität nur beim Manne als äussere Einstellung zu finden sind. Es sind Züge männlicher Art, die, von der weiblichen äussern Einstellung ausgeschlossen, zu Eigenschaften der Seele geworden sind. Wenn wir daher beim Manne von einer _Anima_ sprechen, so müssten wir folgerichtigerweise bei der Frau von einem _Animus_ reden, um der Seele der Frau den richtigen Namen zu geben. Wie beim Manne im allgemeinen in der äussern Einstellung Logik und Sachlichkeit überwiegen oder wenigstens als Ideale betrachtet werden, so bei der Frau das Gefühl. In der Seele aber kehrt sich das Verhältnis um, der Mann fühlt nach Innen, die Frau aber überlegt. Deshalb ist der Mann leichter total verzweifelt, wo die Frau immer noch trösten und hoffen kann, darum bringt er sich eher um als die Frau. So sehr die Frau den sozialen Umständen z. B. als Prostituierte zum Opfer fallen kann, so sehr verfällt der Mann den Impulsen des Unbewussten, dem Alkoholismus und andern Lastern.
Was die allgemein menschlichen Eigenschaften betrifft, so lässt sich der Charakter der Seele aus dem Charakter der Persona deduzieren. Alles, was normalerweise in der äussern Einstellung sein sollte, dort aber auffallenderweise fehlt, findet sich unzweifelhaft in der innern Einstellung. Dies ist eine Grundregel, die sich mir immer wieder bestätigte. Was aber die individuellen Eigenschaften anbetrifft, so lässt sich in dieser Hinsicht nichts deduzieren. Man kann nur gewiss sein, dass, wenn jemand mit seiner Persona identisch ist, die individuellen Eigenschaften mit der Seele associiert sind. Aus dieser Association geht das in Träumen häufige Symbol der Seelenschwangerschaft hervor, das sich an das urtümliche Bild der Heldengeburt anlehnt. Das zu gebärende Kind bedeutet dann die noch nicht bewusst vorhandene Individualität. So wie die Persona als Ausdruck der Anpassung an das Milieu in der Regel stark vom Milieu beeinflusst und geformt ist, so ist auch die Seele stark vom Unbewussten und dessen Qualitäten geformt. Wie die Persona in einem primitiven Milieu fast notwendigerweise primitive Züge annimmt, so übernimmt die Seele einerseits die archaïschen Züge des Unbewussten, andererseits den symbolisch-prospektiven Charakter des Unbewussten. Daher stammt das „Ahnungsreiche“ und „Schöpferische“ der innern Einstellung. Die Identität mit der Persona bedingt automatisch eine unbewusste Identität mit der Seele, denn, wenn das Subjekt, das Ich, ununterschieden ist von der Persona, so hat es keine bewusste Beziehung zu den Vorgängen des Unbewussten. Es ist daher diese Vorgänge selber, es ist identisch damit. Wer seine äussere Rolle unbedingt selber ist, der ist auch unweigerlich den innern Vorgängen verfallen, d. h. er wird gegebenenfalls seine äussere Rolle mit unbedingter Notwendigkeit durchkreuzen oder sie ad absurdum führen (Enantiodromia, s. d.). Eine Behauptung der individuellen Linie ist dadurch ausgeschlossen, und das Leben verläuft in den unausweichlichen Gegensätzen. In diesem Falle ist die Seele auch immer projiziert in ein entsprechendes, reales Objekt, zu welchem dann ein fast unbedingtes Abhängigkeitsverhältnis existiert. Alle Reaktionen, die von diesem Objekt ausgehen, haben eine unmittelbare, von Innen angreifende Wirkung auf das Subjekt. Es handelt sich oft um tragische Bindungen. (Siehe Seelenbild.)
49. =Seelenbild.= Das S. ist ein bestimmter Fall unter den psychischen Bildern (s. d.), die das Unbewusste produziert. Wie die Persona, die äussere Einstellung, in den Träumen durch die Bilder gewisser Personen, welche die betreffenden Eigenschaften in besonders ausgeprägter Form besitzen, dargestellt wird, so wird auch die Seele, die innere Einstellung vom Unbewussten durch bestimmte Personen, welche die der Seele entsprechenden Eigenschaften besitzen, dargestellt. Ein solches Bild heisst S. Gelegentlich sind es auch ganz unbekannte oder mythologische Personen. Bei Männern wird die Seele vom Unbewussten in der Regel als weibliche Person dargestellt, bei Frauen als männliche Person. In jenen Fällen, wo die Individualität unbewusst und darum mit der Seele associiert ist, hat das S. gleichgeschlechtlichen Charakter. In allen jenen Fällen, wo eine Identität mit der Persona (siehe Seele) vorliegt, und daher die Seele unbewusst ist, ist das Seelenbild in eine reale Person verlegt. Diese Person ist der Gegenstand einer intensiven Liebe oder eines ebenso intensiven Hasses (oder auch der Furcht). Die Einflüsse dieser Person haben den Charakter der Unmittelbarkeit und des unbedingt Zwingenden, indem sie stets affektiv beantwortet werden. Der Affekt rührt daher, dass eine wirkliche bewusste Anpassung an das das S. vorstellende Objekt unmöglich ist. Wegen der Unmöglichkeit und Nichtexistenz einer objektiven Beziehung staut sich die Libido auf und explodiert in einer Affektentladung. Affekte finden sich stets an Stelle missglückter Anpassungen. Eine bewusste Anpassung an das das S. darstellende Objekt ist eben darum unmöglich, weil dem Subjekt die Seele unbewusst ist. Wäre sie ihm bewusst, so könnte es sie vom Objekt unterscheiden und damit auch die unmittelbaren Wirkungen des Objektes aufheben, denn diese Wirkungen rühren von der Projektion des S. auf das Objekt her.
Als realer Träger des S. eignet sich für den Mann am besten eine Frau, wegen der weiblichen Qualität seiner Seele, für die Frau am ehesten ein Mann. Wo immer eine unbedingte, sozusagen magisch wirkende Beziehung zwischen den Geschlechtern besteht, handelt es sich um eine Projektion des S. Da nun diese Beziehungen häufig sind, so muss auch die Seele häufig unbewusst sein, d. h. es muss vielen Menschen unbewusst sein, wie sie sich zu den innern psychischen Vorgängen verhalten. Weil diese Unbewusstheit immer zusammengeht mit einer entsprechend vollständigen Identifikation mit der Persona (s. Seele), so muss diese letztere offenbar häufig sein. Dies trifft nun insofern mit der Wirklichkeit zusammen, als tatsächlich sehr viele Menschen sich mit ihrer äussern Einstellung völlig identifizieren und daher kein bewusstes Verhältnis zu den innern Vorgängen haben. Immerhin kommt auch der umgekehrte Fall vor, dass das S. nicht projiziert wird, sondern beim Subjekt bleibt, woraus insofern eine Identifikation mit der Seele hervorgeht, als das betreffende Subjekt dann überzeugt ist, dass die Art und Weise, wie es sich zu den innern Vorgängen verhält, auch sein einziger und wirklicher Charakter sei. In diesem Fall wird die Persona infolge ihres Unbewusstseins projiziert und zwar auf ein gleichgeschlechtliches Objekt, eine Grundlage für viele Fälle von offener oder mehr latenter Homosexualität oder von Vaterübertragungen bei Männern und Mutterübertragungen bei Frauen. Solche Fälle betreffen immer Menschen mit defekter äusserer Anpassung und relativer Beziehungslosigkeit, denn die Identifikation mit der Seele schafft eine Einstellung, die sich vorwiegend an der Wahrnehmung innerer Vorgänge orientiert, wodurch dem Objekt der bedingende Einfluss weggenommen wird.
Wird das S. projiziert, so tritt eine unbedingte affektive Bindung an das Objekt ein. Wird es nicht projiziert, so entsteht ein relativ unangepasster Zustand, den _Freud_ als _Narzissmus_ zum Teil beschrieben hat. Die Projektion des S. entbindet von der Beschäftigung mit den innern Vorgängen, so lange das Verhalten des Objektes mit dem S. übereinstimmt. Dadurch ist das Subjekt in den Stand gesetzt, seine Persona zu leben und weiter zu entwickeln. Auf die Dauer wird allerdings das Objekt kaum imstande sein, den Anforderungen des S. stets zu entsprechen, obschon es Frauen gibt, die unter Hintansetzung des eigenen Lebens es fertig bringen, ihren Ehemännern die längste Zeit hindurch das S. darzustellen. Dazu hilft ihnen der biologische weibliche Instinkt. Dasselbe kann ein Mann unbewusst für seine Frau tun, nur wird er dadurch zu Taten veranlasst, die im Guten und im Schlechten schliesslich seine Fähigkeiten übersteigen. Auch dazu hilft ihm der biologische männliche Instinkt. Wird das S. nicht projiziert, so entsteht mit der Zeit eine geradezu krankhafte Differenzierung der Beziehung zum Unbewussten. Das Subjekt wird in zunehmendem Masse von unbewussten Inhalten überschwemmt, die es wegen der mangelnden Beziehung zum Objekt weder verwerten noch irgendwie sonst verarbeiten kann. Es ist selbstverständlich, dass solche Inhalte das Verhältnis zum Objekt in hohem Masse beeinträchtigen. Diese beiden Einstellungen sind natürlich äusserste Grenzfälle, zwischen denen die normalen Einstellungen liegen. Wie bekannt, zeichnet sich der Normale keineswegs durch eine besondere Klarheit, Reinheit oder Tiefe seiner psychologischen Phänomene aus, sondern vielmehr durch deren allgemeine Dämpfung und Verwischtheit. Bei Menschen mit einer gutmütigen und nicht aggressiven äussern Einstellung hat das S. in der Regel einen bösartigen Charakter. Ein literarisches Beispiel hiefür ist das dämonische Weib, das den Zeus begleitet in _Spittelers_ Olympischem Frühling. Der verkommene Mann ist für idealistische Frauen öfters ein Träger des S., daher die in solchen Fällen häufige „Rettungsphantasie“, dasselbe bei Männern, wo die Prostituierte mit dem Glorienschein der zu rettenden Seele umgeben ist.
50. =Selbst.= (Siehe =Ich=.)
51. =Subjektstufe.= Unter Deutung auf der S. verstehe ich diejenige Auffassung eines Traumes oder einer Phantasie, bei der die darin auftretenden Personen oder Verhältnisse als auf subjektive, gänzlich der eigenen Psyche angehörende Faktoren bezogen werden. Bekanntlich ist das in unserer Psyche befindliche Bild eines Objektes niemals dem Objekt absolut gleich, sondern höchstens ähnlich. Es kommt zwar durch die sinnliche Perception und durch die Apperception dieser Reize zustande, aber eben durch Vorgänge, welche schon unserer Psyche angehören und vom Objekt bloss veranlasst sind. Das Zeugnis unserer Sinne deckt sich zwar erfahrungsgemäss weitgehend mit den Qualitäten des Objektes, unsere Apperception aber steht unter fast unabsehbaren subjektiven Einflüssen, welche die richtige Erkenntnis eines menschlichen Charakters ausserordentlich erschweren. Eine so komplexe psychische Grösse, wie sie ein menschlicher Charakter darstellt, bietet zudem der reinen Sinnesperception nur sehr geringe Anhaltspunkte. Seine Erkenntnis erfordert auch Einfühlung, Überlegung und Intuition. Infolge dieser Komplikationen ist natürlich das endliche Urteil immer nur von sehr zweifelhaftem Werte, sodass das Bild, das wir uns von einem menschlichen Objekte formen, unter allen Umständen äusserst subjektiv bedingt ist. Man tut darum in der praktischen Psychologie gut daran, wenn man das Bild, die _Imago_ eines Menschen streng unterscheidet von seiner wirklichen Existenz. Infolge des äusserst subjektiven Zustandekommens einer Imago ist sie nicht selten eher ein Bild eines subjektiven Funktionskomplexes als des Objektes selbst. Darum ist es bei der analytischen Behandlung unbewusster Produkte wesentlich, dass die Imago nicht ohne weiteres als mit dem Objekt identisch gesetzt, sondern vielmehr als ein Bild der subjektiven Beziehung zum Objekt aufgefasst wird. Dies ist die Auffassung auf der S.
Die Behandlung eines unbewussten Produktes auf der S. ergiebt das Vorhandensein subjektiver Urteile und Tendenzen, zu deren Träger das Objekt gemacht wird. Wenn nun in einem unbewussten Produkt eine Objektimago auftritt, so handelt es sich also nicht eo ipso um das reale Objekt, sondern ebensowohl, vielleicht sogar vorwiegend, um einen subjektiven Funktionskomplex (s. Seelenbild). Die Anwendung der Deutung auf der S. erlaubt uns eine umfassende psychologische Deutung nicht nur des Traumes, sondern auch literarischer Werke, in denen die einzelnen Figuren Vertreter für relativ selbständige Funktionskomplexe in der Psyche des Dichters sind.
51. =Symbol.= Der Begriff eines S. ist in meiner Auffassung streng unterschieden von dem Begriff eines blossen _Zeichens_. _Symbolische_ und _semiotische_ Bedeutung sind ganz verschiedene Dinge. _Ferrero_[374] spricht in seinem Buche streng genommen nicht von S., sondern von _Zeichen_. Z. B. der alte Gebrauch, beim Verkaufe eines Grundstückes ein Stück Rasen zu überreichen, lässt sich vulgär als „symbolisch“ bezeichnen, ist aber seiner Natur nach durchaus semiotisch. Das Stück Rasen ist ein _Zeichen_, gesetzt für das ganze Grundstück. Das Flügelrad des Eisenbahnbeamten ist kein S. der Eisenbahn, sondern ein Zeichen, das die Zugehörigkeit zum Eisenbahnbetrieb kennzeichnet. Das S. dagegen setzt immer voraus, dass der gewählte Ausdruck die bestmögliche Bezeichnung oder Formel für einen relativ unbekannten, jedoch als vorhanden erkannten oder geforderten Tatbestand sei. Wenn also das Flügelrad des Eisenbahnbeamten als S. erklärt wird, so wäre damit gesagt, dass dieser Mann mit einem unbekannten Wesen zu tun habe, das sich nicht anders und besser ausdrücken liesse, als durch ein beflügeltes Rad. Jede Auffassung, welche den symbolischen Ausdruck als Analogie oder abgekürzte Bezeichnung einer bekannten Sache erklärt, ist _semiotisch_. Eine Auffassung, welche den symbolischen Ausdruck als bestmögliche und daher zunächst gar nicht klarer oder charakteristischer darzustellende Formulierung einer relativ unbekannten Sache erklärt, ist _symbolisch_. Eine Auffassung, welche den symbolischen Ausdruck als absichtliche Umschreibung oder Umgestaltung einer bekannten Sache erklärt, ist _allegorisch_. Die Erklärung des Kreuzes als eines S. der göttlichen Liebe ist _semiotisch_, denn „göttliche Liebe“ bezeichnet den auszudrückenden Tatbestand treffender und besser als ein Kreuz, das noch viele andere Bedeutungen haben kann. Symbolisch hingegen ist diejenige Erklärung des Kreuzes, welche es über alle erdenkbaren Erklärungen hinaus, als einen Ausdruck eines annoch unbekannten und unverstehbaren mystischen oder transscendenten, d. h. also zunächst psychologischen Tatbestandes, der sich schlechthin am treffendsten durch das Kreuz darstellen lässt, ansieht.
Solange ein S. lebendig ist, ist es der Ausdruck einer sonstwie nicht besser zu kennzeichnenden Sache. Das S. ist nur lebendig, solange es bedeutungsschwanger ist. Ist aber sein Sinn aus ihm geboren, d. h. ist derjenige Ausdruck gefunden, welcher die gesuchte, erwartete oder geahnte Sache noch besser als das bisherige S. formuliert, so ist das S. _tot_, d. h. es hat nur noch historische Bedeutung. Man kann deshalb von ihm immer noch als von einem S. reden, unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass man von ihm spricht, als das, was es war, als es seinen bessern Ausdruck noch nicht aus sich geboren hatte. Die Art und Weise, wie Paulus und die ältere mystische Spekulation das Kreuzsymbol behandeln, zeigt, dass es für sie ein lebendiges S. war, welches Unaussprechliches in _unübertrefflicher Weise_ darstellte. Für jede esoterische Erklärung ist das S. tot, denn es ist durch die Esoterik auf einen (sehr oft vermeintlich) bessern Ausdruck gebracht, wodurch es zum blossen konventionellen Zeichen für anderwärts völliger und besser bekannte Zusammenhänge dient. Lebendig ist das S. immer nur für den exoterischen Standpunkt. Ein Ausdruck, der für eine bekannte Sache gesetzt wird, bleibt immer ein blosses Zeichen und ist niemals S. Es ist darum ganz unmöglich, ein lebendiges, d. h. bedeutungsschwangeres S. aus bekannten Zusammenhängen zu schaffen. Denn das so Geschaffene enthält nie mehr, als was darein gelegt wurde. Jedes psychische Produkt, insofern es der augenblicklich bestmögliche Ausdruck für einen annoch unbekannten oder bloss relativ bekannten Tatbestand ist, kann als Symbol aufgefasst werden, insofern man geneigt ist, anzunehmen, dass der Ausdruck auch das, was erst geahnt, aber noch nicht klar gewusst ist, bezeichnen wolle. Insofern jede wissenschaftliche Theorie eine Hypothese einschliesst, also eine antizipierende Bezeichnung eines im wesentlichen noch unbekannten Tatbestandes ist, ist sie ein S. Des Weitern ist jede psychologische Erscheinung ein S. unter der Annahme, dass sie noch ein Mehreres und Anderes besage oder bedeute, was sich der gegenwärtigen Erkenntnis entziehe. Diese Annahme ist schlechterdings überall möglich, wo ein Bewusstsein ist, das auf weitere Bedeutungsmöglichkeiten der Dinge eingestellt ist. Sie ist nur da nicht möglich, und zwar bloss für dieses selbe Bewusstsein, wo es selber einen Ausdruck hergestellt hat, der genau soviel besagen soll, als die Absicht seiner Herstellung wollte, also z. B. ein mathematischer Ausdruck. Für ein anderes Bewusstsein aber besteht diese Einschränkung keineswegs. Es kann auch den mathematischen Ausdruck als ein S. auffassen für einen in der Absicht seiner Herstellung verborgenen, unbekannten psychischen Tatbestand, insofern dieser Tatbestand demjenigen, der den semiotischen Ausdruck geschaffen hat, nachweisbar nicht bekannt ist und darum nicht Gegenstand einer bewussten Benützung sein konnte. Ob etwas ein S. sei oder nicht, hängt zunächst von der Einstellung des betrachtenden Bewusstseins ab, eines Verstandes z. B., der den gegebenen Tatbestand nicht bloss als solchen, sondern auch als Ausdruck von Unbekanntem ansieht. Es ist daher wohl möglich, dass jemand einen Tatbestand herstellt, der seiner Betrachtung keineswegs symbolisch erscheint, wohl aber einem andern Bewusstsein. Ebenso ist der umgekehrte Fall möglich. Es gibt nun allerdings Produkte, deren symbolischer Charakter nicht bloss von der Einstellung des betrachtenden Bewusstseins abhängt, sondern sich von sich aus in einer symbolischen Wirkung auf den Betrachtenden offenbart. Es sind dies Produkte, die so gestaltet sind, dass sie jeglichen Sinnes entbehren müssten, wenn ihnen nicht ein symbolischer Sinn zukäme. Ein Dreieck mit einem darin eingeschlossenen Auge ist als reine Tatsächlichkeit dermassen sinnlos, dass der Betrachtende es unmöglich als eine bloss zufällige Spielerei auffassen kann. Eine solche Gestaltung drängt eine symbolische Auffassung unmittelbar auf. Unterstützt wird diese Wirkung entweder durch ein öfteres und identisches Vorkommen derselben Gestaltung oder durch eine besonders sorgfältige Art der Herstellung, welche nämlich der Ausdruck eines darauf verlegten besondern Wertes ist. S., die nicht in dieser eben beschriebenen Weise aus sich wirken, sind entweder tot, d. h. durch bessere Formulierung überholt, oder Produkte, deren symbolische Natur ausschliesslich von der Einstellung des betrachtenden Bewusstseins abhängt. Wir können diese Einstellung, welche die gegebene Erscheinung als symbolisch auffasst, abgekürzt als _symbolische Einstellung_ bezeichnen. Sie ist durch das Verhalten der Dinge nur zum Teil berechtigt, zum andern Teil ist sie Ausfluss einer bestimmten Weltanschauung, welche nämlich dem Geschehen, sei es im Grossen oder Kleinen, einen Sinn beimisst und auf diesen Sinn einen gewissen grössern Wert legt, als auf die reine Tatsächlichkeit. Dieser Anschauung steht eine andere Anschauung gegenüber, die den Akzent stets auf die reine Tatsächlichkeit legt und den Sinn den Tatsachen unterordnet. Für diese letztere Einstellung gibt es überall dort keine S., wo die Symbolik ausschliesslich auf der Art der Betrachtung beruht. Dagegen gibt es auch für sie S., nämlich eben solche, die den Betrachter zur Vermutung eines verborgenen Sinnes auffordern. Ein stierköpfiges Götterbild kann zwar als ein Menschenleib mit einem Stierkopf drauf erklärt werden. Diese Erklärung dürfte aber der symbolischen Erklärung kaum die Wage halten, denn das S. ist zu aufdringlich, als dass es übergangen werden könnte. Ein S., das seine symbolische Natur aufdringlich dartut, braucht noch kein _lebendiges_ S. zu sein. Es kann z. B. bloss auf den historischen oder philosophischen Verstand wirken. Es erweckt intellektuelles oder ästhetisches Interesse. Lebendig heisst ein S. aber nur dann, wenn es ein best- und höchstmöglicher Ausdruck des Geahnten und noch nicht Gewussten auch für den Betrachtenden ist. Unter diesen Umständen bewirkt es unbewusste Anteilnahme. Es hat lebenerzeugende und -fördernde Wirkung. Wie Faust sagt:
„Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein --“ Das lebendige S. formuliert ein wesentliches unbewusstes Stück, und je allgemeiner verbreitet dieses Stück ist, desto allgemeiner ist auch die Wirkung des S., denn es rührt in jedem die verwandte Saite an. Da das S. einerseits der bestmögliche und für die gegebene Epoche nicht zu übertreffende Ausdruck für das noch Unbekannte ist, so muss es aus dem Differenziertesten und Kompliziertesten der zeitgenössischen geistigen Atmosphäre hervorgehen. Da das lebendige S. andererseits aber das Verwandte einer grössern Menschengruppe in sich schliessen muss, um überhaupt auf eine solche wirken zu können, so muss es gerade das erfassen, was einer grössern Menschengruppe gemeinsam sein kann. Dies kann nun niemals das Höchstdifferenzierte, das Höchsterreichbare sein, denn das erreichen und verstehen nur die wenigsten, sondern es muss etwas noch so Primitives sein, dass dessen Omnipräsenz ausser allem Zweifel steht. Nur wenn das S. dieses erfasst und auf den höchstmöglichen Ausdruck bringt, hat es allgemeine Wirkung. Darin besteht die gewaltige und zugleich erlösende Wirkung eines lebendigen sozialen S.