Part 48
10. =Compensation= bedeutet _Ausgleichung oder Ersetzung_. Der Begriff der Compensation wurde eigentlich von _Adler_[329] in die Neurosenpsychologie eingeführt.[330] Er versteht unter Compensation die funktionelle Ausgleichung des Minderwertigkeitsgefühles durch ein compensierendes psychologisches System, vergleichbar den compensierenden Organentwicklungen bei Organminderwertigkeit[331]. So sagt _Adler_: „Mit der Loslösung vom mütterlichen Organismus beginnt für diese minderwertigen Organe und Organsysteme der Kampf mit der Aussenwelt, der notwendigerweise entbrennen muss und mit grösserer Heftigkeit einsetzt als bei normal entwickeltem Apparat. -- Doch verleiht der fötale Charakter zugleich die erhöhte Möglichkeit der Compensation und Übercompensation, steigert die Anpassungsfähigkeit an gewöhnliche und ungewöhnliche Widerstände und sichert die Bildung von neuen und höhern Formen, von neuen und höhern Leistungen.“ Das Minderwertigkeitsgefühl des Neurotikers, das nach Adler ätiologisch einer Organminderwertigkeit entspricht, gibt Anlass zu einer „Hilfskonstruktion“[332], eben einer Compensation, welche in der Herstellung einer die Minderwertigkeit ausgleichenden Fiktion besteht. Die Fiktion oder „fiktive Leitlinie“ ist ein psychologisches System, welches die Minderwertigkeit in eine Mehrwertigkeit umzuwandeln sucht. Bedeutsam an dieser Auffassung ist die erfahrungsgemäss nicht zu leugnende Existenz einer compensierenden Funktion im Gebiete der psychologischen Vorgänge. Sie entspricht einer ähnlichen Funktion auf physiologischem Gebiet, der Selbststeuerung oder Selbstregulierung des Organismus. Während Adler seinen Begriff der Compensation auf die Ausgleichung des Minderwertigkeitsgefühles einschränkt, fasse ich den Begriff der Compensation allgemein als funktionelle Ausgleichung, als Selbstregulierung des psychischen Apparates[333]. In diesem Sinne fasse ich die Tätigkeit des Unbewussten (s. d.) als Ausgleichung der durch die Bewusstseinsfunktion erzeugten Einseitigkeit der allgemeinen Einstellung. Das Bewusstsein wird von den Psychologen gerne dem Auge verglichen, man spricht von einem Blickfeld und Blickpunkt des Bewusstseins. Mit diesem Vergleich ist das Wesen der Bewusstseinsfunktion treffend charakterisiert: nur wenige Inhalte können zugleich den höchsten Bewusstseinsgrad erreichen, und nur eine beschränkte Anzahl von Inhalten kann sich zugleich im Bewusstseinsfelde aufhalten. Die Tätigkeit des Bewusstseins ist _auswählend_. Die Auswahl erfordert _Richtung_. Richtung aber erfordert _Ausschliessung alles Nichtzugehörigen_. Daraus muss jeweils eine gewisse Einseitigkeit der Bewusstseinsorientierung entstehen. Die von der gewählten Richtung ausgeschlossenen und gehemmten Inhalte verfallen zunächst dem Unbewussten, bilden aber wegen ihrer effektiven Existenz doch ein Gegengewicht gegen die bewusste Orientierung, das sich durch Vermehrung der bewussten Einseitigkeit ebenfalls vermehrt und schliesslich zu einer merklichen Spannung führt. Diese Spannung bedeutet eine gewisse Hemmung der bewussten Tätigkeit, welche zwar zunächst durch vermehrte bewusste Anstrengung durchbrochen werden kann. Aber auf die Dauer erhöht sich die Spannung derart, dass die gehemmten unbewussten Inhalte sich dem Bewusstsein doch mitteilen und zwar vermittelst der Träume und freisteigender Bilder. Je grösser die Einseitigkeit der bewussten Einstellung ist, desto gegensätzlicher sind die dem Unbewussten entstammenden Inhalte, sodass man von einem eigentlichen Kontraste zwischen Bewusstsein und Unbewusstem sprechen kann. In diesem Falle tritt die Compensation in Form einer kontrastierenden Funktion auf. Dieser Fall ist extrem. In der Regel ist die Compensation durch das Unbewusste kein Kontrast, sondern eine Ausgleichung oder Ergänzung der bewussten Orientierung. Das Unbewusste gibt z. B. im Traume alle diejenigen zur bewussten Situation konstellierten, aber durch die bewusste Wahl gehemmten Inhalte, deren Kenntnis dem Bewusstsein zu einer völligen Anpassung unerlässlich wäre.
Im Normalzustande ist die Compensation unbewusst, d. h. sie wirkt unbewusst regulierend auf die bewusste Tätigkeit. In der Neurose tritt das Unbewusste in so starken Kontrast zum Bewusstsein, dass die Compensation gestört wird. Die analytische Therapie zielt daher auf eine Bewusstmachung der unbewussten Inhalte, um auf diese Weise die Compensation wieder herzustellen.
11. =Concretismus.= Unter dem Begriff des Concretismus verstehe ich eine bestimmte Eigentümlichkeit des _Denkens_ und _Fühlens_, welche den Gegensatz zur Abstraktion darstellt. Concret heisst eigentlich „zusammengewachsen“. Ein concret gedachter Begriff ist ein Begriff, der mit andern Begriffen verwachsen oder verschmolzen vorgestellt wird. Ein solcher Begriff ist nicht abstrakt, nicht abgesondert und an sich gedacht, sondern bezogen und vermischt. Er ist kein differenzierter Begriff, sondern er steckt noch im sinnlich vermittelten Anschauungsmaterial drin. Das concretistische Denken bewegt sich in ausschliesslich concreten Begriffen und Anschauungen, es ist stets auf die Sinnlichkeit bezogen. Ebenso ist das concretistische Fühlen niemals von sinnlicher Bezogenheit abgesondert.
Das primitive Denken und Fühlen ist ausschliesslich concretistisch, es ist immer auf die Sinnlichkeit bezogen. Der Gedanke des Primitiven hat keine abgesonderte Selbständigkeit, sondern klebt an der materiellen Erscheinung. Er erhebt sich höchstens zur Stufe der _Analogie_. Ebenso ist das primitive Fühlen immer auf die materielle Erscheinung bezogen. Denken und Fühlen beruhen auf der Empfindung und unterscheiden sich nur wenig von ihr. Der Concretismus ist daher ein Archaïsmus (s. d.). Der magische Einfluss des Fetisch wird nicht als subjektiver Gefühlszustand erlebt, sondern als magische Wirkung empfunden. Das ist Concretismus des Gefühls. Der Primitive erfährt nicht den Gedanken der Gottheit als subjektiven Inhalt, sondern der heilige Baum ist der Wohnsitz, ja der Gott selber. Das ist Concretismus des Denkens. Beim Kulturmenschen besteht der Concretismus des Denkens z. B. in der Unfähigkeit, etwas anderes zu denken, als sinnlich vermittelte Tatsachen von unmittelbarer Anschaulichkeit, oder in der Unfähigkeit, das subjektive Fühlen vom sinnlich gegebenen Objekt des Fühlens zu unterscheiden.
Der Concretismus ist ein Begriff, der unter den allgemeinern Begriff der „participation mystique“ (s. d.) fällt. Wie die „participation mystique“ eine Vermischung des Individuums mit äussern Objekten darstellt, so stellt der Concretismus eine Vermischung des Denkens und Fühlens mit der Empfindung dar. Der Concretismus bedingt, dass der Gegenstand des Denkens und Fühlens allemal zugleich auch ein Gegenstand des Empfindens ist. Diese Vermischung verhindert eine Differenzierung des Denkens und Fühlens und hält beide Funktionen in der Sphäre der Empfindung, d. h. der sinnlichen Bezogenheit fest, wodurch sie sich nie zu reinen Funktionen entwickeln können, sondern stets im Gefolge der Empfindung bleiben. Dadurch entsteht ein Vorwiegen des Empfindungsfaktors in der psychologischen Orientierung. (Über die Bedeutung des Empfindungsfaktors siehe „Empfindung“ und „Typen“.)
Der Nachteil des Concretismus ist die Gebundenheit der Funktion an die Empfindung. Da die Empfindung Wahrnehmung physiologischer Reize ist, so hält der Concretismus die Funktion entweder in der sinnlichen Sphäre fest oder führt sie immer wieder dahin zurück. Damit ist eine sinnliche Gebundenheit der psychologischen Funktionen bewirkt, welche die psychische Selbständigkeit des Individuums verhindert zu Gunsten der sinnlich gegebenen Tatsachen. In Ansehung der Anerkennung von Tatsachen ist diese Orientierung natürlich wertvoll, nicht aber in Ansehung der _Deutung_ der Tatsachen und ihres Verhältnisses zum Individuum. Der Concretismus schafft ein Überwiegen der Tatsachenbedeutung und damit eine Unterdrückung der Individualität und ihrer Freiheit zu Gunsten des objektiven Vorganges. Da das Individuum aber nicht nur durch physiologische Reize bestimmt ist, sondern auch durch Faktoren, welche gegebenenfalls der äussern Tatsache entgegengesetzt sind, so bewirkt der Concretismus eine Projektion dieser innern Faktoren in die äussere Tatsache und damit eine sozusagen abergläubische Überbewertung der blossen Tatsachen, genau wie beim Primitiven. Ein gutes Beispiel hiefür ist der Concretismus des Fühlens bei _Nietzsche_ und die dadurch bewirkte Überbewertung der Diät, ebenso der Materialismus _Moleschotts_ („Der Mensch ist, was er isst“). Ein Beispiel für die abergläubische Überbewertung der Tatsachen ist die Hypostasierung des Energiebegriffes im _Ostwald_schen Monismus.
12. =Construktiv.= Dieser Begriff wird von mir in ähnlicher Weise gebraucht, wie _synthetisch_, gewissermassen zur Erläuterung des letztern Begriffes. Construktiv bedeutet „aufbauend“. Ich gebrauche „construktiv“ und „synthetisch“ zur Bezeichnung einer Methode, die der reduktiven Methode entgegengesetzt ist.[334] Die construktive Methode betrifft die Bearbeitung unbewusster Produkte (Träume, Phantasien). Sie geht vom unbewussten Produkt aus als von einem _symbolischen_ (s. d.) Ausdruck, welcher vorausgreifend ein Stück psychologischer Entwicklung darstellt.[335] _Maeder_ spricht in dieser Hinsicht von einer eigentlichen _prospektiven Funktion_ des Unbewussten, welches quasi spielend die zukünftige psychologische Entwicklung antecipiert.[336] Auch _Adler_ anerkennt eine vorausgreifende Funktion des Unbewussten.[337] Sicher ist, dass das Produkt des Unbewussten nicht einseitig als Gewordenes, gewissermassen als Endprodukt betrachtet werden darf, sonst müsste ihm jeder zweckmässige Sinn abgesprochen werden. Selbst _Freud_ weist dem Traum die teleologische Rolle wenigstens als „Hüter des Schlafes“ zu[338], während sich die prospektive Funktion für ihn wesentlich auf „Wünsche“ beschränkt. Der Zweckmässigkeitscharakter der unbewussten Tendenzen kann aber nach Analogie mit andern psychologischen oder physiologischen Funktionen nicht a priori bestritten werden. Wir fassen darum das Produkt des Unbewussten als einen nach einem Ziel oder einem Zweck orientierten Ausdruck auf, der aber den Richtpunkt in symbolischer Sprache charakterisiert.[339] Dieser Auffassung entsprechend beschäftigt sich die c. Methode der Deutung nicht mit den dem unbewussten Produkt zu Grunde liegenden Quellen oder Ausgangsmaterialien, sondern sie sucht das symbolische Produkt auf einen allgemeinen und verständlichen Ausdruck zu bringen.[340] Die freien Einfälle zum unbewussten Produkt werden also in Hinsicht einer Zielrichtung und nicht in Hinsicht der Herkunft betrachtet. Sie werden unter dem Gesichtswinkel zukünftigen Tuns oder Lassens betrachtet; ihr Verhältnis zur Bewusstseinslage wird dabei sorgfältig berücksichtigt, denn nach der compensatorischen Auffassung des Unbewussten hat die Tätigkeit des Unbewussten eine hauptsächlich ausgleichende oder ergänzende Bedeutung für die Bewusstseinslage. Da es sich um eine Vorausorientierung handelt, so kommt die wirkliche Beziehung zum Objekt viel weniger in Frage als beim reduktiven Verfahren, welches sich mit wirklich stattgehabten Beziehungen zum Objekt beschäftigt. Es handelt sich vielmehr um die subjektive Einstellung, in der das Objekt zunächst nur ein Zeichen für Tendenzen des Subjektes bedeutet. Die Absicht der c. Methode ist daher die Herstellung eines auf die zukünftige Einstellung des Subjektes bezüglichen Sinnes des unbewussten Produktes. Da das Unbewusste in der Regel nur symbolische Ausdrücke zu schaffen vermag, so dient die c. Methode dazu, den symbolisch ausgedrückten Sinn dermassen zu verdeutlichen, dass ein die bewusste Orientierung richtig stellender Hinweis dabei herauskommt, womit dem Subjekt das für sein Handeln notwendige Einssein mit dem Unbewussten vermittelt wird.
So, wie sich keine psychologische Deutungsmethode auf das Associationsmaterial des Analysanden allein gründet, so bedient sich auch der c. Standpunkt gewisser Vergleichsmaterialien. So, wie sich die reduktive Deutung gewisser biologischer, physiologischer, folkloristischer, literarischer und anderer Vergleichsvorstellungen bedient, so ist die c. Behandlung des Denkproblems auf philosophische, und die des Intuitionsproblems auf mythologische und religionsgeschichtliche Parallelen angewiesen.
Die c. Methode ist notgedrungenerweise _individualistisch_, denn eine zukünftige Collektiveinstellung entwickelt sich nur über das Individuum. Im Gegensatz dazu ist die reduktive Methode _collektiv_, denn sie führt aus dem individuellen Fall zurück auf allgemeine Grundeinstellungen oder -tatsachen. Die c. Methode kann auch vom Subjekt direkt auf seine subjektiven Materialien angewendet werden. In diesem letztern Fall ist sie eine _intuitive_ Methode, verwendet zur Ausarbeitung des allgemeinen Sinnes eines Produktes des Unbewussten. Diese Ausarbeitung erfolgt durch die _associative_ (also nicht aktiv apperceptive, s. d.) Angliederung weitern Materials, welches den symbolischen Ausdruck des Unbewussten (z. B. den Traum) dermassen bereichert und vertieft, dass er jene Deutlichkeit erreicht, welche das bewusste Begreifen ermöglicht. Durch die Bereicherung des symbolischen Ausdruckes wird er in allgemeinere Zusammenhänge verwoben und dadurch assimiliert.
13. =Denken=. Ich fasse das Denken als eine der vier psychologischen Grundfunktionen auf (s. Funktion). Das Denken ist diejenige psychologische Funktion, welche, ihren eigenen Gesetzen gemäss, gegebene Vorstellungsinhalte in (begrifflichen) Zusammenhang bringt. Es ist apperceptive Tätigkeit und als solche in _aktive_ und _passive_ Denktätigkeit zu unterscheiden. Das aktive Denken ist eine Willenshandlung, das passive Denken ein Geschehnis. Im erstem Fall unterwerfe ich die Vorstellungsinhalte einem gewollten Urteilsakt, im letztern Fall ordnen sich begriffliche Zusammenhänge an, es formen sich Urteile, welche gegebenenfalls zu meiner Absicht in Widerspruch stehen, meiner Zielrichtung nicht entsprechen und daher für mich des Gefühles der Richtung entbehren, obschon ich nachträglich zur Anerkennung ihres Gerichtetseins durch einen aktiven Apperceptionsakt gelangen kann. Das aktive Denken würde demnach meinem Begriffe des gerichteten Denkens[341] entsprechen. Das passive D. ist in meiner unten zitierten Arbeit ungenügend als „Phantasieren“ gekennzeichnet worden.[342] Ich würde es heute als _intuitives_ Denken bezeichnen.
Ein einfaches Aneinanderreihen von Vorstellungen, was von gewissen Psychologen als _associatives_ D.[343] bezeichnet wird, ist für mich kein Denken, sondern blosses _Vorstellen_. Von D. sollte man m. E. nur da sprechen, wo es sich um die Verbindung von Vorstellungen durch einen Begriff handelt, wo also m. a. W. ein Urteilsakt vorliegt, gleichviel ob dieser Urteilsakt unserer Absicht entspringt oder nicht.
Das Vermögen des gerichteten D. bezeichne ich als _Intellekt_, das Vermögen des passiven oder nicht gerichteten D. bezeichne ich als _intellektuelle Intuition_. Ich bezeichne ferner das gerichtete Denken, den Intellekt, als _rationale_ (s. d.) Funktion, indem es nach der Voraussetzung der mir bewussten vernünftigen Norm die Vorstellungsinhalte unter Begriffen anordnet. Dagegen ist mir das nichtgerichtete Denken, die intellektuelle Intuition, eine _irrationale_ (s. d.) Funktion, indem es nach mir unbewussten und darum nicht als vernunftgemäss erkannten Normen die Vorstellungsinhalte beurteilt und anordnet. Ich kann aber gegebenenfalls nachträglich erkennen, dass auch der intuitive Urteilsakt der Vernunft entspricht, obschon er auf einem mir irrational erscheinenden Wege zustande gekommen ist.
Unter gefühlsmässigem D. verstehe ich nicht das intuitive D., sondern ein Denken, das vom Fühlen abhängig ist, also ein Denken, das nicht seinem eigenen, logischen Prinzip folgt, sondern dem Prinzip des Fühlens untergeordnet ist. Im gefühlsmässigen D. sind die Gesetze der Logik nur scheinbar vorhanden, in Wirklichkeit aber aufgehoben zu Gunsten der Gefühlsabsicht.
14. =Differenzierung= bedeutet Entwicklung von Unterschieden, Aussonderung von Teilen aus einem Ganzen. Ich gebrauche den Begriff der D. in dieser Arbeit hauptsächlich in Hinsicht von psychologischen Funktionen. Solange eine Funktion noch dermassen mit einer oder mehreren andern Funktionen verschmolzen ist, z. B. Denken und Fühlen, oder Fühlen und Empfindung etc., dass sie für sich allein gar nicht auftreten kann, so ist sie in _archaïschem_ (s. d.) Zustand, sie ist nicht differenziert, d. h. nicht als ein besonderer Teil vom Ganzen ausgeschieden und als solcher für sich bestehend. Ein nicht differenziertes Denken ist unfähig, von andern Funktionen abgesondert zu denken, d. h. es mischen sich ihm beständig Empfindungen oder Gefühle oder Intuitionen bei; ein nicht differenziertes Fühlen vermischt sich z. B. mit Empfindungen und Phantasien, z. B. Sexualisierung (_Freud_) des Fühlens und Denkens in der Neurose. In der Regel ist die nicht differenzierte Funktion auch dadurch charakterisiert, dass sie die Eigenschaft der _Ambivalenz_ und der _Ambitendenz_[344] hat, d. h. jede Position führt ihre Negation merklich mit sich, woraus kennzeichnende Hemmungen im Gebrauch der nicht differenzierten Funktion entstehen. Die nicht differenzierte Funktion ist auch in ihren einzelnen Teilen verschmolzen, so ist z. B. ein nicht differenziertes Empfindungsvermögen dadurch beeinträchtigt, dass sich die einzelnen Sinnessphären vermischen (Audition colorée), ein nicht differenziertes Fühlen z. B. durch Vermengung von Hass und Liebe. Insofern eine Funktion ganz oder grösstenteils unbewusst ist, ist sie auch nicht differenziert, sondern in ihren Teilen und mit andern Funktionen verschmolzen. Die D. besteht in der Absonderung der Funktion von andern Funktionen und in der Absonderung ihrer einzelnen Teile von einander. Ohne D. ist Richtung unmöglich, denn die Richtung einer Funktion resp. ihr Gerichtetsein beruht auf Besonderung und Ausschliessung des Nichtzugehörigen. Durch Verschmelzung mit Nichtzugehörigem ist das Gerichtetsein unmöglich gemacht; nur eine differenzierte Funktion erweist sich als _richtungsfähig_.
15. =Dissimilation=, s. =Assimilation=.
16. =Einfühlung=. E. ist eine =Introjektion= (s. d.) des Objektes. Für die nähere Beschreibung des Begriffes der E. siehe Text Kapitel VII. (Siehe auch =Projektion=.)
17. =Einstellung=. Dieser Begriff ist eine relativ neue Erwerbung der Psychologie. Er stammt von _Müller_ und _Schumann_[345]. Während _Külpe_[346] die E. als eine Prädisposition sensorischer oder motorischer Zentren für eine bestimmte Erregung oder einen beständigen Impuls definiert, fasst sie _Ebbinghaus_[347] in weiterm Sinne als eine Übungserscheinung, welche das Gewohnte in die vom Gewohnten abweichende Einzelleistung hineinträgt. Von dem _Ebbinghaus_’schen Begriffe der E. geht auch unser Gebrauch des Begriffes aus. E. ist für uns eine Bereitschaft der Psyche in einer gewissen Richtung zu agieren oder zu reagieren. Der Begriff ist gerade für die Psychologie der komplexen seelischen Phänomene sehr wichtig, indem er jene eigenartige psychologische Erscheinung, dass gewisse Reize zu gewissen Zeiten stark, zu andern schwach oder gar nicht wirken, auf einen Ausdruck bringt. Eingestellt sein heisst: für etwas Bestimmtes bereit sein, auch wenn dieses Bestimmte unbewusst ist, denn Eingestelltsein ist gleichbedeutend mit apriorischer Richtung auf Bestimmtes, gleichviel ob dieses Bestimmte vorgestellt ist oder nicht. Die Bereitschaft, als welche ich die E. auffasse, besteht immer darin, dass eine gewisse subjektive Konstellation, eine bestimmte Kombination von psychischen Faktoren oder Inhalten vorhanden ist, welche entweder das Handeln in dieser oder jener bestimmten Richtung determinieren oder einen äussern Reiz in dieser oder jener bestimmten Weise auffassen wird. Ohne E. ist aktive Apperception (s. d.) unmöglich. E. hat immer einen Richtpunkt, der bewusst oder unbewusst sein kann, denn eine bereitgestellte Kombination von Inhalten wird unfehlbar im Akte der Apperception eines neuen Inhaltes jene Qualitäten oder Momente hervorheben, welche dem subjektiven Inhalt als zugehörig erscheinen. Es findet daher eine Auswahl oder ein Urteil statt, welches Nichtzugehöriges ausschliesst. Was zugehörig oder nichtzugehörig ist, wird durch die bereitgestellte Inhaltskombination oder -konstellation entschieden. Ob der Richtpunkt der E. bewusst oder unbewusst ist, hat keine Bedeutung für die auswählende Wirkung der E., indem die Auswahl durch die E. schon a priori gegeben ist und im Übrigen automatisch erfolgt. Es ist aber praktisch zwischen bewusst und unbewusst zu unterscheiden, da ungemein häufig auch zwei E. vorhanden sind, nämlich eine bewusste und eine unbewusste E. Damit soll ausgedrückt sein, dass das Bewusstsein eine Bereitstellung von andern Inhalten hat als das Unbewusste. Besonders deutlich ist die Zweiheit der E. in der Neurose.
Der Begriff der E. hat mit dem _Wundt_schen Apperceptionsbegriff eine gewisse Verwandtschaft, jedoch mit dem Unterschied, dass der Begriff der Apperception den Vorgang der Beziehung des bereitgestellten Inhaltes zum neuen, zu appercipierenden Inhalt in sich fasst, während der Begriff der E. sich ausschliesslich auf den subjektiv bereitgestellten Inhalt bezieht. Die Apperception ist gewissermassen die Brücke, die den bereits vorhandenen und bereitgestellten Inhalt mit dem neuen Inhalt verbindet, während die E. gewissermassen das Widerlager der Brücke auf dem einen Ufer, der neue Inhalt aber das Widerlager auf dem andern Ufer darstellt. E. bedeutet eine _Erwartung_, und Erwartung wirkt immer auswählend und Richtung gebend. Ein starkbetonter, im Blickfeld des Bewusstseins befindlicher Inhalt bildet (event. mit andern Inhalten zusammen) eine gewisse Konstellation, welche gleichbedeutend mit einer bestimmten E. ist, denn ein solcher Bewusstseinsinhalt fördert die Wahrnehmung und Apperception alles Gleichartigen und hemmt die alles Ungleichartigen. Er erzeugt die ihm entsprechende E. Dieses automatische Phänomen ist ein wesentlicher Grund zur Einseitigkeit der bewussten Orientierung. Es würde zu einem völligen Gleichgewichtsverlust führen, wenn nicht eine selbstregulierende, compensatorische (s. d.) Funktion in der Psyche bestünde, welche die bewusste E. korrigiert. In diesem Sinn ist die Zweiheit der E. also ein normales Phänomen, das nur dann störend in Erscheinung tritt, wenn die bewusste Einseitigkeit excessiv ist. Die E. kann, als gewöhnliche _Aufmerksamkeit_ eine relativ unbedeutende Teilerscheinung sein, oder auch ein die ganze Psyche bestimmendes allgemeines Prinzip. Aus Gründen der Disposition oder der Milieubeeinflussung oder der Erziehung oder der allgemeinen Lebenserfahrung oder der Überzeugung kann habituell eine Inhaltskonstellation vorhanden sein, welche beständig und oft bis ins allerkleinste eine gewisse E. erzeugt. Jemand, der das Unlustvolle des Lebens besonders tief empfindet, wird naturgemäss eine E. haben, welche stets das Unlustvolle erwartet. Diese excessive bewusste E. ist durch unbewusste Einstellung auf Lust compensiert. Der Unterdrückte hat eine bewusste E. auf Unterdrückendes, er wählt in der Erfahrung dieses Moment aus, er wittert es überall, seine unbewusste E. geht daher auf Macht und Überlegenheit.