Psychologische Typen

Part 47

Chapter 473,092 wordsPublic domain

_Abstrahierend_ nenne ich eine _Einstellung_ (s. d.), wenn sie einerseits introvertierend ist und andererseits zugleich einen als wesentlich empfundenen Teil des Objektes den im Subjekt bereit gestellten abstrakten Inhalten assimiliert. Je abstrakter ein Inhalt ist, desto _unvorstellbarer_ ist er. Ich schliesse mich _Kants_ Auffassung an, nach welcher ein Begriff umso abstrakter ist, „je mehr Unterschiede der Dinge aus ihm weggelassen sind“[309], in dem Sinne, dass die Abstraktion in ihrem höchsten Grade sich vom Objekt absolut entfernt und damit zur äussersten Unvorstellbarkeit gelangt, welches Abstraktum ich als _Idee_ bezeichne (s. Idee). Umgekehrt ist ein Abstraktum, das noch Vorstellbarkeit oder Anschaulichkeit besitzt, ein concreter Begriff (s. Concretismus).

2. =Affektivität.= Affektivität ist ein Begriff, den _Bleuler_ geprägt hat. Affektivität bezeichnet und fasst zusammen „nicht nur die Affekte im eigentlichen Sinne, sondern auch die leichten Gefühle oder Gefühlstöne der Lust und Unlust“.[310] _Bleuler_ unterscheidet von der Affektivität einerseits die Sinnesempfindungen und die sonstigen Körperempfindungen, andererseits die „Gefühle“, insofern sie innere Wahrnehmungsvorgänge (z. B. Gefühl der Gewissheit, der Wahrscheinlichkeit) und insofern sie unklare Gedanken oder Erkenntnisse sind.[311]

3. =Affekt.= Unter Affekt ist ein Gefühlszustand zu verstehen, der einerseits durch merkbare Körperinnervation, andererseits durch eine eigentümliche Störung des Vorstellungsablaufes gekennzeichnet ist.[312] Mit Affekt als synonym gebrauche ich _Emotion_. Ich unterscheide -- im Gegensatz zu _Bleuler_ (s. Affektivität) -- das _Gefühl_ vom Affekt, obschon sein Übergang zum Affekt fliessend ist, indem jedes Gefühl, wenn es eine gewisse Stärke erlangt, Körperinnervationen auslöst und damit zum Affekt wird. Aus praktischen Gründen aber wird man gut daran tun, Affekt von Gefühl zu unterscheiden, indem das Gefühl eine willkürlich disponible Funktion sein kann, während der Affekt dies in der Regel nicht zu sein pflegt. Ebenso zeichnet sich der Affekt vor dem Gefühl deutlich durch die merkbare Körperinnervation aus, während dem Gefühl diese Innervationen grösstenteils fehlen oder von solch geringer Intensität sind, dass sie bloss mit sehr feinen Instrumenten nachzuweisen sind, z. B. durch das psychogalvanische Phänomen.[313] Der Affekt kumuliert sich durch die Empfindung der von ihm ausgelösten Körperinnervationen. Diese Wahrnehmung gab Anlass zur _James-Lange_schen Affekttheorie, welche den Affekt überhaupt aus den Körperinnervationen ursächlich ableitet. Dieser extremen Auffassung gegenüber fasse ich den Affekt einerseits als einen psychischen Gefühlszustand, andererseits als einen physiologischen Innervationszustand auf, welche beide wechselseitig kumulierend aufeinanderwirken, d. h. dem verstärkten Gefühl gesellt sich eine Empfindungskomponente, durch welche der Affekt mehr den Empfindungen (s. d.) angenähert und vom Gefühlszustand wesentlich unterschieden wird. Ich rechne ausgesprochene, d. h. durch heftige Körperinnervationen begleitete Affekte nicht dem Gebiete der Fühlfunktion, sondern dem Gebiete der Empfindungsfunktion zu (s. Funktion).

4. =Apperception.= Apperception ist ein psychischer Vorgang, durch den ein neuer Inhalt ähnlichen, schon vorhandenen Inhalten dermassen angegliedert wird, dass man ihn als verstanden, aufgefasst oder als klar bezeichnet.[314] Man unterscheidet eine _aktive_ und eine _passive_ Apperception; erstere ist ein Vorgang, bei welchem das Subjekt von sich aus, aus eigenen Motiven bewusst einen neuen Inhalt mit Aufmerksamkeit erfasst und an andere Inhalte, die in Bereitschaft stehen, assimiliert; letztere ist ein Vorgang, bei dem ein neuer Inhalt von aussen (durch die Sinne) oder von innen (aus dem Unbewussten) sich dem Bewusstsein aufdrängt und die Aufmerksamkeit und Auffassung sich gewissermassen erzwingt. In ersterm Fall liegt der Akzent der Tätigkeit beim Ich, in letzterm bei dem sich andrängenden neuen Inhalt.

5. =Archaïsmus.= Mit A. bezeichne ich den _altertümlichen_ Charakter psychischer Inhalte und Funktionen. Es handelt sich dabei nicht um archaïstische, d. h. nachgeahmte Altertümlichkeit, wie sie z. B. spätrömische Bildwerke oder die „Gothik“ des XIX. Jahrhunderts aufweisen, sondern um Eigenschaften, die den Charakter des _Reliktes_ haben. Als solche Eigenschaften sind alle diejenigen psychologischen Züge zu bezeichnen, welche im wesentlichen mit den Eigenschaften der primitiven Mentalität übereinstimmen. Es ist klar, dass der A. in erster Linie den Phantasien des Unbewussten anhaftet, d. h. den das Bewusstsein erreichenden Produkten der unbewussten Phantasietätigkeit. Die Qualität des Bildes ist dann archaïsch, wenn es unverkennbare mythologische Parallelen hat.[315] Archaïsch sind die Analogieassociationen der unbewussten Phantasie, ebenso ihr Symbolismus (s. Symbol.). A. ist die Identitätsbeziehung zum Objekt, (s. Identität) die „participation mystique“ (s. d.). A. ist der Concretismus des Denkens und des Fühlens. A. ist ferner der Zwang und die Unfähigkeit zur Selbstbeherrschung (das Hingerissensein). A. ist das Verschmolzensein der psychologischen Funktionen (s. Differenzierung) miteinander, z. B. Denken und Fühlen, Fühlen und Empfinden, Fühlen und Intuition, auch das Verschmolzensein der Teile einer Funktion (Audition coloriée), Ambitendenz und Ambivalenz (_Bleuler_), d. h. Verschmolzensein mit dem Gegenteil, z. B. Gefühl und Gegengefühl.

6. =Assimilation.= A. ist die Angleichung eines neuen Bewusstseininhaltes an das in Bereitschaft stehende subjektive Material[316], wobei besonders die Ähnlichkeit des neuen Inhaltes mit dem bereitstehenden subjektiven Material hervorgehoben wird, event. zu Ungunsten der selbständigen Qualität des neuen Inhaltes[317]. Die A. ist, im Grunde genommen, ein Apperceptionsvorgang (s. Apperception), der sich aber von der reinen Apperception durch das Element der Angleichung an das subjektive Material, unterscheidet. In diesem Sinne sagt _Wundt_[318]: „Am augenfälligsten tritt diese Bildungsweise (nämlich die A.) bei den Vorstellungen dann hervor, wenn die assimilierenden Elemente durch Reproduktion, die assimilierten durch einen unmittelbaren Sinneseindruck entstehen. Es werden dann die Elemente von Erinnerungsbildern gewissermassen in das äussere Objekt hineinverlegt, sodass, namentlich wenn das Objekt und die reproduzierten Elemente erheblich voneinander abweichen, die vollzogene Sinneswahrnehmung als eine Illusion erscheint, die uns über die wirkliche Beschaffenheit der Dinge täuscht.“

Ich gebrauche A. in einem etwas erweiterten Sinne, nämlich als Angleichung des Objektes an das Subjekt überhaupt und setze ihr gegenüber die _Dissimilation_ als Angleichung des Subjektes an das Objekt, und als Entfremdung des Subjektes von sich selber zu Gunsten des Objektes, sei es ein äusseres Objekt oder ein „psychologisches“ Objekt, z. B. eine Idee.

7. =Bewusstsein.= Unter B. verstehe ich die Bezogenheit psychischer Inhalte auf das Ich (s. Ich), soweit sie als solche vom Ich empfunden wird[319]. Beziehungen zum Ich, soweit sie von diesem nicht als solche empfunden werden, sind unbewusst (s. d.). Das Bewusstsein ist die Funktion oder Tätigkeit[320], welche die Beziehung psychischer Inhalte zum Ich unterhält. B. ist für mich nicht identisch mit _Psyche_, indem Psyche mir die Gesamtheit aller psychischen Inhalte darstellt, welche nicht notwendigerweise alle mit dem Ich direkt verbunden, d. h. dermassen auf das Ich bezogen sind, dass ihnen die Qualität der Bewusstheit zukäme. Es gibt eine Vielheit von psychischen Komplexen, die nicht alle notwendigerweise mit dem Ich verbunden sind.[321]

8. =Bild.= Wenn ich in dieser Arbeit von Bild spreche, so meine ich damit nicht das psychische Abbild des äussern Objektes, sondern vielmehr eine Anschauung, die dem poetischen Sprachgebrauch entstammt, nämlich das _Phantasiebild_, welches sich nur indirekt auf Wahrnehmung des äussern Objektes bezieht. Dieses Bild beruht vielmehr auf unbewusster Phantasietätigkeit, als deren Produkt es dem Bewusstsein mehr oder weniger abrupt erscheint, etwa in der Art einer Vision oder Hallucination, ohne aber den pathologischen Charakter einer solchen, d. h. die Zugehörigkeit zu einem klinischen Krankheitsbilde zu besitzen. Das Bild hat den psychologischen Charakter einer Phantasievorstellung und niemals den quasi Realcharakter der Hallucination, d. h. es steht nie an Stelle der Wirklichkeit und wird von sinnlicher Wirklichkeit als „inneres“ Bild stets unterschieden. In der Regel ermangelt es auch jeder Projektion in den Raum, obschon in Ausnahmefällen es auch gewissermassen von aussen erscheinen kann. Diese Erscheinungsweise ist als _archaïsch_ (s. d.) zu bezeichnen, wenn sie nicht in erster Linie pathologisch ist, was aber den archaischen Charakter keineswegs aufhebt. Auf primitiver Stufe, d. h. in der Mentalität des Primitiven verlegt sich das innere Bild leicht als Vision oder Gehörshallucination in den Raum, ohne pathologisch zu sein.

Wenn schon in der Regel dem Bild kein Wirklichkeitswert zukommt, so kann ihm doch unter Umständen eine umso grössere Bedeutung für das seelische Erleben anhaften, d. h. ein grosser _psychologischer_ Wert, welcher eine innere „Wirklichkeit“ darstellt, die gegebenenfalls die psychologische Bedeutung der „äussern“ Wirklichkeit überwiegt. In diesem Fall ist das Individuum nicht nach Anpassung an die Wirklichkeit, sondern nach Anpassung an die innere Forderung orientiert.

Das innere Bild ist eine komplexe Grösse, die sich aus den verschiedensten Materialien von verschiedenster Herkunft zusammensetzt. Es ist aber kein Konglomerat, sondern ein in sich einheitliches Produkt, das seinen eigenen selbständigen Sinn hat. Das Bild ist ein konzentrierter _Ausdruck der psychischen Gesamtsituation_, nicht etwa bloss oder vorwiegend der unbewussten Inhalte schlechthin. Es ist zwar ein Ausdruck unbewusster Inhalte, aber nicht aller Inhalte überhaupt, sondern bloss der momentan konstellierten. Diese Konstellation erfolgt einerseits durch die Eigentätigkeit des Unbewussten, andererseits durch die momentane Bewusstseinslage, welche immer zugleich auch die Aktivität zugehöriger subliminaler Materialien anregt und die nicht zugehörigen hemmt. Dementsprechend ist das Bild ein Ausdruck sowohl der unbewussten wie der bewussten momentanen Situation. Die Deutung seines Sinnes kann also weder vom Bewusstsein allein noch vom Unbewussten allein ausgehen, sondern nur von ihrer wechselseitigen Beziehung.

Ich bezeichne das Bild als _urtümlich_[322], wenn es einen archaischen Charakter hat. Von archaischem Charakter spreche ich dann, wenn das Bild eine auffallende Übereinstimmung mit bekannten mythologischen Motiven hat. In diesem Fall drückt es einerseits überwiegend collektiv-unbewusste (s. d.) Materialien aus und andererseits weist es darauf hin, dass die momentane Bewusstseinslage weniger persönlich, als vielmehr collektiv beeinflusst ist.

Ein _persönliches_ B. hat weder archaïschen Charakter noch collektive Bedeutung, sondern drückt persönlich-unbewusste Inhalte und eine persönlich-bedingte Bewusstseinslage aus.

Das urtümliche B., das ich andernorts auch als „Archetypus“[323] bezeichnet habe, ist immer collektiv, d. h. es ist mindestens ganzen Völkern, oder Zeiten gemeinsam. Wahrscheinlich sind die hauptsächlichsten mythologischen Motive allen Rassen und Zeiten gemeinsam; so konnte ich eine Reihe von Motiven der griechischen Mythologie in den Träumen und Phantasien von geisteskranken reinrassigen Negern nachweisen.[324]

Das urtümliche Bild ist ein mnemischer Niederschlag, ein _Engramm_ (_Semon_), das durch Verdichtung unzähliger, einander ähnlicher Vorgänge entstanden ist. Es ist in erster Linie und zunächst ein Niederschlag und damit eine typische Grundform eines gewissen immer wiederkehrenden seelischen Erlebens. Darum ist es als mythologisches Motiv auch ein stets wirksamer und immer wieder auftretender Ausdruck, welcher das gewisse seelische Erleben entweder wachruft oder in passender Weise formuliert. Das urtümliche Bild ist wohl ein psychischer Ausdruck einer physiologisch-anatomisch bestimmten Anlage. Stellt man sich auf den Standpunkt, dass eine bestimmte anatomische Struktur entstanden sei aus der Einwirkung der Umweltsbedingungen auf den lebenden Stoff, so entspricht das urtümliche Bild in seinem stetigen und allverbreiteten Vorkommen einer ebenso allgemeinen und beständigen äussern Einwirkung, welche daher den Charakter eines Naturgesetzes haben muss. Man könnte auf diese Weise den Mythus auf die Natur beziehen (z. B. die Sonnenmythen auf das tägliche Auf- und Untergehen der Sonne oder den ebenso sinnenfälligen Wechsel der Jahreszeiten). Dabei bliebe aber die Frage übrig, warum dann nicht einfach z. B. die Sonne und ihre scheinbaren Veränderungen direkt und unverhüllt als Inhalt des Mythus aufträten. Die Tatsache, dass die Sonne oder der Mond oder die meteorologischen Vorgänge zum mindesten allegorisiert auftreten, weist uns aber auf eine selbständige Mitarbeit der Psyche hin, welche also in diesem Falle keineswegs bloss ein Produkt oder Abklatsch der Umweltsbedingungen sein kann. Denn woher bezöge sie dann überhaupt die Fähigkeit zu einem Standpunkt ausserhalb der Sinneswahrnehmung? Woher käme ihr dann überhaupt die Fähigkeit zu, ein Mehreres oder Anderes zu leisten, als die Bestätigung des Zeugnisses der Sinne? Wir müssen daher notgedrungen annehmen, dass die gegebene Hirnstruktur ihr Sosein nicht bloss der Einwirkung der Umweltsbedingungen verdankt, sondern ebensowohl auch der eigentümlichen und selbständigen Beschaffenheit des lebenden Stoffes, d. h. also einem mit dem Leben gegebenen Gesetze. Die gegebene Beschaffenheit des Organismus ist daher ein Produkt einerseits der äussern Bedingungen und andererseits der dem Lebendigen inhärenten Bestimmungen. Demgemäss ist auch das urtümliche Bild einerseits unzweifelhaft auf gewisse sinnenfällige und stets sich erneuernde und daher immer wirksame Naturvorgänge zu beziehen, andererseits aber ebenso unzweifelhaft auf gewisse innere Bestimmungen des geistigen Lebens und des Lebens überhaupt. Dem Licht setzt der Organismus ein neues Gebilde, das Auge, entgegen, und dem Naturvorgang setzt der Geist ein symbolisches Bild entgegen, das den Naturvorgang ebenso erfasst, wie das Auge das Licht. Und ebenso wie das Auge ein Zeugnis ist für die eigentümliche und selbständige schöpferische Tätigkeit des lebenden Stoffes, so ist auch das urtümliche Bild ein Ausdruck der eigenen und unbedingten, erschaffenden Kraft des Geistes.

Das urtümliche Bild ist somit ein zusammenfassender Ausdruck des lebendigen Prozesses. Es gibt den sinnlichen und innern geistigen Wahrnehmungen, die zunächst ungeordnet und unzusammenhängend erscheinen, einen ordnenden und verbindenden Sinn und befreit dadurch die psychische Energie von der Bindung an die blosse und unverstandene Wahrnehmung. Es bindet aber auch die durch Wahrnehmung der Reize entfesselten Energien an einen bestimmten Sinn, der das Handeln in die dem Sinn entsprechenden Bahnen leitet. Es löst unverwendbare, aufgestaute Energie, indem es den Geist auf die Natur verweist, und blossen Naturtrieb in geistige Formen überführt.

Das urtümliche Bild ist Vorstufe der _Idee_ (s. d.), es ist ihr Mutterboden. Aus ihm entwickelt die Vernunft durch Ausscheidung des dem urtümlichen Bild eigentümlichen und notwendigen Concretismus (s. d.), einen Begriff -- eben die Idee -- der aber von allen andern Begriffen sich dadurch unterscheidet, dass er der Erfahrung nicht gegeben ist, und dass er sogar als aller Erfahrung zu Grunde liegend erschlossen wird. Diese Eigenschaft hat die Idee vom urtümlichen Bild, das als Ausdruck der spezifischen Hirnstruktur auch aller Erfahrung die bestimmte Form erteilt.

Der Grad der psychologischen Wirksamkeit des urtümlichen Bildes wird bestimmt durch die Einstellung des Individuums. Ist die Einstellung überhaupt introvertiert, so ergibt sich natürlicherweise infolge der Abziehung der Libido vom äussern Objekt eine erhöhte Betonung des innern Objektes, des Gedankens. Daraus erfolgt eine besonders intensive Entwicklung der Gedanken auf der durch das urtümliche Bild unbewusst vorgezeichneten Linie. Auf diese Weise tritt das urtümliche Bild zunächst indirekt in die Erscheinung. Die Weiterführung der gedanklichen Entwicklung führt zur Idee, welche nichts anderes ist, als das zur gedanklichen Formulierung gelangte urtümliche Bild. Über die Idee hinaus führt nur die Entwicklung der Gegenfunktion, d. h. ist die Idee intellektuell erfasst, so will sie auf das Leben wirken. Sie zieht darum das Fühlen an, welches aber in diesem Falle weit weniger differenziert und daher concretistischer ist als das Denken. Das Fühlen ist daher unrein, und, weil undifferenziert, noch mit dem Unbewussten verschmolzen. Das Individuum ist dann unfähig, dieses so beschaffene Fühlen mit der Idee zu vereinigen. In diesem Falle tritt nun das urtümliche Bild als _Symbol_ in das innere Blickfeld, erfasst vermöge seiner concreten Natur einerseits das in undifferenziertem concreten Zustand befindliche Fühlen, ergreift aber auch vermöge seiner Bedeutung die Idee, deren Mutter es ja ist, und vereinigt so die Idee mit dem Fühlen. Das urtümliche Bild tritt solchergestalt als Mittler ein und beweist damit wiederum seine erlösende Wirksamkeit, die es in den Religionen stets gehabt hat. Ich möchte daher das, was _Schopenhauer_ von der Idee sagt, eher auf das urtümliche Bild beziehen, indem, wie ich unter „Idee“ erläutert habe, die Idee nicht ganz und durchaus als etwas Apriorisches, sondern eben auch als etwas Abgeleitetes und Herausentwickeltes aufgefasst werden muss. Wenn ich daher im, folgenden die Worte _Schopenhauers_ anführe, so bitte ich den Leser, das Wort „Idee“ im Text jeweils durch „urtümliches Bild“ ersetzen zu wollen, um zum Verständnis dessen zu gelangen, was ich hier meine:

„Vom Individuo als solchem wird -- die Idee -- nie erkannt, sondern nur von dem, der sich über alles Wollen und über alle Individualität zum reinen Subjekt des Erkennens erhoben hat: also ist sie nur dem Genius und sodann dem, welcher durch, meistens von den Werken des Genius veranlasste, Erhöhung seiner reinen Erkenntniskraft, in einer genialen Stimmung ist, erreichbar: daher ist sie nicht schlechthin, sondern nur bedingt mitteilbar, indem die aufgefasste und (z. B.) im Kunstwerk wiederholte Idee jedem nur nach Massgabe seines eigenen intellektualen Wertes anspricht“, etc.

„Die Idee ist die, vermöge der Zeit- und Raumform unserer intuitiven Apprehension in die Vielheit zerfallene Einheit.“

„Der Begriff gleicht einem toten Behältnis, in welchem, was man hineingelegt hat, wirklich nebeneinander liegt, aus welchem sich aber auch nicht mehr herausnehmen lässt, als man hineingelegt hat: die Idee hingegen entwickelt in dem, welcher sie gefasst hat, Vorstellungen, die in Hinsicht auf den ihr gleichnamigen Begriff neu sind: sie gleicht einem lebendigen, sich entwickelnden, mit Zeugungskraft begabten Organismus, welcher hervorbringt, was nicht in ihm eingeschachtelt lag.“[325]

_Schopenhauer_ hat es klar erkannt, dass die „Idee“, d. h. das urtümliche Bild nach meiner Definition, nicht erreicht werden kann auf dem Wege, auf dem ein Begriff oder eine „Idee“ hergestellt wird („Idee“ nach _Kant_ ein „Begriff aus Notionen“[326]), sondern dass dazu ein Element jenseits des formulierenden Verstandes gehört, etwa, wie _Schopenhauer_ sagt, die „geniale Stimmung“, womit nichts anderes als ein Gefühlszustand gemeint ist. Denn von der Idee gelangt man zum urtümlichen Bild nur dadurch, dass der Weg, der zur Idee führte, über den Höhepunkt der Idee hinaus in die Gegenfunktion fortgesetzt wird.

Das urtümliche Bild hat vor der Klarheit der Idee die Lebendigkeit voraus. Es ist ein eigener lebender Organismus, „mit Zeugungskraft begabt“, denn das urtümliche Bild ist eine vererbte Organisation der psychischen Energie, ein festes System, welches nicht nur Ausdruck, sondern auch Möglichkeit des Ablaufes des energetischen Prozesses ist. Es charakterisiert einerseits die Art, wie der energetische Prozess seit Urzeit immer wieder in derselben Weise abgelaufen ist und ermöglicht zugleich auch immer wieder den gesetzmässigen Ablauf, indem es eine Apprehension oder psychische Erfassung von Situationen in solcher Art ermöglicht, dass dem Leben immer wieder eine weitere Fortsetzung gegeben werden kann. Es ist somit das notwendige Gegenstück zum _Instinkt_, der ein zweckmässiges Handeln ist, aber auch ein ebenso sinnentsprechendes wie zweckmässiges Erfassen der jeweiligen Situation voraussetzt. Diese Apprehension der gegebenen Situation wird durch das a priori vorhandene Bild gewährleistet. Es stellt die anwendbare Formel dar, ohne welche die Apprehension eines neuen Tatbestandes unmöglich wäre.

9. =Collektiv.= Als collektiv bezeichne ich alle diejenigen psychischen Inhalte, die nicht einem, sondern vielen Individuen zugleich, d. h. also einer Gesellschaft, einem Volke oder der Menschheit eigentümlich sind. Solche Inhalte sind die von _Lévy-Bruhl_[327] beschriebenen „mystischen Collektivvorstellungen“ (représentations collectives) der Primitiven, ebenso die dem Kulturmenschen geläufigen _allgemeinen Begriffe_ von Recht, Staat, Religion, Wissenschaft usw. Aber es sind nicht nur Begriffe und Anschauungen, die als collektiv zu bezeichnen sind, sondern auch _Gefühle_. Lévy-Bruhl zeigt für die Primitiven, wie ihre Collektivvorstellungen auch zugleich Collektivgefühle darstellen. Um dieses collektiven Gefühlswertes willen bezeichnet er die „représentations collectives“ auch als „mystiques“, weil diese Vorstellungen nicht bloss intellektuell, sondern auch emotional sind.[328] Beim Kulturmenschen verknüpfen sich mit gewissen collektiven Begriffen auch collektive Gefühle, z. B. mit der collektiven Idee Gottes oder des Rechtes oder des Vaterlandes etc. Der collektive Charakter kommt nun nicht nur einzelnen psychischen Elementen oder Inhalten zu, sondern auch ganzen Funktionen (s. d.). So kann z. B. das Denken überhaupt als ganze Funktion collektiven Charakter haben, insofern es nämlich ein allgemeingültiges, z. B. den Gesetzen der Logik entsprechendes Denken ist. Ebenso kann das Fühlen als ganze Funktion collektiv sein, insofern es z. B. mit dem allgemeinen Fühlen identisch ist, m. a. W. den allgemeinen Erwartungen, z. B. dem allgemeinen moralischen Bewusstsein usw. entspricht. Ebenso ist diejenige Empfindung oder Empfindungsart und diejenige Intuition collektiv, welche zugleich einer grössern Gruppe von Menschen eigentümlich ist. Der Gegensatz zu collektiv ist _individuell_ (s. d.).