Psychologische Typen

Part 46

Chapter 463,222 wordsPublic domain

Obschon es nicht ganz auf der Linie des introvertierten Intuitionstypus liegt, die Wahrnehmung zu einem moralischen Problem zu machen, indem dazu eine gewisse Verstärkung der urteilenden Funktionen nötig ist, so genügt doch schon eine relativ geringe Differenzierung des Urteils, um die Anschauung aus dem rein Ästhetischen ins Moralische überzuführen. Dadurch entsteht eine Spielart dieses Typus, welche von seiner ästhetischen Form wesentlich verschieden, für den introvertierten Intuitiven aber trotzdem charakteristisch ist. Das moralische Problem entsteht dann, wenn der Intuitive sich zu seiner Vision in Beziehung setzt, wenn er sich nicht mehr mit der blossen Anschauung und ihrer ästhetischen Bewertung und Gestaltung begnügt, sondern zu der Frage gelangt: Was heisst das für mich oder für die Welt? Was geht daraus hervor für mich oder für die Welt in Hinsicht einer Pflicht oder Aufgabe? Der reine Intuitive, der das Urteil verdrängt oder ein solches nur im Banne der Wahrnehmung besitzt, gelangt im Grunde genommen nie zu dieser Frage, denn seine Frage ist nur das Wie der Wahrnehmung. Er findet darum das moralische Problem unverständlich oder gar absurd und verbannt darum das Denken über das Geschaute soviel wie möglich. Anders der moralisch eingestellte Intuitive. Er beschäftigt sich mit der Bedeutung seiner Vision, er kümmert sich weniger um ihre weitern ästhetischen Möglichkeiten als vielmehr um ihre möglichen moralischen Wirkungen, die aus ihrer inhaltlichen Bedeutung für ihn hervorgehen. Sein Urteil lässt ihn, allerdings öfters nur dämmerhaft, erkennen, dass er als Mensch, als Ganzes irgendwie in seine Vision einbezogen ist, dass sie etwas ist, das nicht bloss angeschaut werden kann, sondern auch zum Leben des Subjektes werden möchte. Durch diese Erkenntnis fühlt er sich verpflichtet, seine Vision in sein eigenes Leben umzugestalten. Da er sich aber in der überwiegenden Hauptsache auf die Vision allein stützt, so gerät sein moralischer Versuch einseitig; er macht sich und sein Leben symbolisch, angepasst zwar an den innern und ewigen Sinn des Geschehens, unangepasst aber an die gegenwärtige tatsächliche Wirklichkeit. Damit beraubt er sich auch der Wirksamkeit auf diese, denn er bleibt unverständlich. Seine Sprache ist nicht die, die allgemein gesprochen wird, sondern eine zu subjektive. Seinen Argumenten fehlt die überzeugende Ratio. Er kann nur bekennen oder verkündigen. Er ist die Stimme des Predigers in der Wüste.

Der introvertierte Intuitive verdrängt die Empfindung des Objekts am allermeisten. Dadurch ist sein Unbewusstes gekennzeichnet. Im Unbewussten besteht eine compensierende extravertierte Empfindungsfunktion von archaïschem Charakter. Die unbewusste Persönlichkeit liesse sich daher am ehesten beschreiben als einen extravertierten Empfindungstypus niedriger, primitiver Gattung. Triebhaftigkeit und Masslosigkeit sind die Eigenschaften dieser Empfindung, samt einer ausserordentlichen Gebundenheit an den sinnlichen Eindruck. Diese Qualität compensiert die dünne Höhenluft der bewussten Einstellung und gibt ihr eine gewisse Schwere, sodass eine völlige „Sublimierung“ verhindert wird. Tritt aber durch eine forcierte Übertreibung der bewussten Einstellung eine völlige Unterordnung unter die innere Wahrnehmung ein, so begibt sich das Unbewusste in die Opposition, und es entstehen dann Zwangsempfindungen mit übermässiger Gebundenheit ans Objekt, welche der bewussten Einstellung widerstreben. Die Neurosenform ist eine Zwangsneurose, die als Symptome teils hypochondrische Erscheinungen, teils Überempfindlichkeit der Sinnesorgane, teils Zwangsbindungen an bestimmte Personen oder andere Objekte aufweist.

_10. Zusammenfassung der irrationalen Typen._

Die beiden eben geschilderten Typen sind einer äusserlichen Beurteilung fast unzugänglich. Da sie introvertiert sind und infolgedessen eine geringere Fähigkeit oder Willigkeit zur Äusserung haben, so geben sie nur wenig Handhaben zu einer treffenden Beurteilung. Da ihre Haupttätigkeit sich nach innen richtet, so ist aussen nichts als Zurückhaltung, Verstecktheit, Teilnahmlosigkeit oder Unsicherheit und anscheinend unbegründete Verlegenheit sichtbar. Wenn sich etwas äussert, so sind es meistenteils indirekte Manifestationen der minderwertigen und relativ unbewussten Funktionen. Äusserungen solcher Art bedingen natürlich ein Vorurteil der Umgebung gegen diese Typen. Infolgedessen werden sie meistenteils unterschätzt oder zum mindesten nicht begriffen. In dem Masse, als diese Typen sich selber nicht begreifen, da ihnen eben das Urteil in hohem Masse fehlt, so können sie auch nicht verstehen, warum sie beständig von der öffentlichen Meinung unterschätzt werden. Sie sehen nämlich nicht ein, dass ihre nach aussen gehende Leistung auch tatsächlich von minderwertiger Beschaffenheit ist. Ihr Blick ist gebannt vom Reichtum der subjektiven Ereignisse. Was immer geschieht, ist dermassen fesselnd und von solch unerschöpflichem Reiz, dass sie gar nicht bemerken, dass das, was sie davon der Umgebung mitteilen, in der Regel nur höchst wenig von dem enthält, was sie in ihnen selbst als damit verbunden, erleben. Der fragmentarische und meist bloss episodische Charakter ihrer Mitteilungen stellt zu hohe Anforderungen an das Verständnis und an die Bereitwilligkeit der Umgebung, zudem fehlt ihrer Mitteilung eine dem Objekt zufliessende Wärme, welche einzig überzeugende Kraft haben könnte. Im Gegenteil zeigen diese Typen sehr oft ein barsch abweisendes Verhalten gegen aussen, obschon ihnen dies gar nicht bewusst ist, und sie es auch nicht zu zeigen beabsichtigen. Man wird solche Menschen gerechter beurteilen und mit mehr Nachsicht umgeben, wenn man weiss, wie schwer sich das, was innerlich erschaut wird, in eine verständliche Sprache übertragen lässt. Immerhin darf diese Nachsicht keineswegs so weit gehen, dass man ihnen die Anforderung der Mitteilung überhaupt erliesse. Dies würde solchen Typen zum grössten Schaden gereichen. Das Schicksal selber bereitet ihnen, vielleicht noch öfters als andern Menschen, überwältigende äussere Schwierigkeiten, die sie vom Rausche der innern Anschauung zu ernüchtern vermögen. Es muss aber oft eine grosse Not sein, die ihnen die menschliche Mitteilung endlich abpresst.

Von einem extravertierten und rationalistischen Standpunkt aus sind diese Typen wohl die allerunnützlichsten aller Menschen. Von einem hohem Standpunkt aus gesehen, sind solche Menschen lebendige Zeugen für die Tatsache, dass die reiche und vielbewegte Welt und ihr überquellendes und berauschendes Leben nicht nur aussen, sondern auch innen ist. Gewiss sind diese Typen einseitige Demonstrationen der Natur, aber sie sind lehrreich für den, der sich nicht von der jeweiligen geistigen Mode verblenden lässt. Menschen von solcher Einstellung sind Kulturförderer und Erzieher in ihrer Art. Ihr Leben lehrt mehr, als was sie sagen. Wir verstehen aus ihrem Leben und nicht zum mindesten gerade aus ihrem grössten Fehler, ihrem Nichtmitteilenkönnen, einen der grossen Irrtümer unserer Kultur, nämlich den Aberglauben an das Sagen und Darstellen, die masslose Überschätzung des Belehrens durch Worte und durch Methoden. Ein Kind lässt sich gewiss imponieren durch die grossen Worte der Eltern. Aber man scheint sogar zu glauben, dass das Kind damit erzogen werde. In Wirklichkeit erzieht das, was die Eltern leben, das Kind, und was die Eltern noch an Wortgesten dazufügen, verwirrt das Kind höchstens. Das Gleiche gilt vom Lehrer. Aber man glaubt so sehr an die Methoden, dass, wenn nur die Methode gut ist, auch der Lehrer, der sie ausübt, dadurch geheiligt erscheint. Ein minderwertiger Mensch ist niemals ein guter Lehrer. Er verbirgt aber seine schädliche Minderwertigkeit, welche den Schüler heimlich vergiftet, hinter einer ausgezeichneten Methodik und einer ebenso glänzenden intellektuellen Ausdrucksfähigkeit. Natürlich verlangt der Schüler von reiferem Alter nichts Besseres als die Kenntnis der nützlichen Methoden, weil er der allgemeinen Einstellung, welche an die siegreiche Methode glaubt, schon erlegen ist. Er hat bereits erfahren, dass der leerste Kopf, der eine Methode gut nachbeten kann, der beste Schüler ist. Seine ganze Umgebung redet und lebt es ihm vor, dass aller Erfolg und alles Glück aussen ist, und dass man nur der richtigen Methoden bedürfe, um das Gewünschte zu erreichen. Oder demonstriert ihm etwa das Leben seines Religionslehrers jenes Glück, das vom Reichtum, der innern Anschauung ausstrahlt? Gewiss sind die irrationalen introvertierten Typen keine Lehrer vollendeter Menschlichkeit. Ihnen fehlt die Vernunft und die Ethik der Vernunft; aber ihr Leben lehrt die andere Möglichkeit, die unsere Kultur schmerzlicherweise vermissen lässt.

11. Durch die vorangegangenen Beschreibungen möchte ich keineswegs den Eindruck erwecken, als ob diese Typen in solcher Reinheit irgendwie häufiger in praxi vorkämen. Es sind gewissermassen nur _Galton_sche Familienphotographien, welche den gemeinsamen, und deshalb typischen Zug kumulieren und dadurch unverhältnismässig herausheben, während die individuellen Züge ebenso unverhältnismässig verwischt werden. Die genaue Untersuchung des individuellen Falles ergibt die offenbar gesetzmässige Tatsache, dass neben der am meisten differenzierten Funktion stets eine zweite Funktion von sekundärer Bedeutung und darum von minderer Differenzierung im Bewusstsein vorhanden und relativ determinierend ist. Um es aus Gründen der Klarheit nochmals zu wiederholen: bewusst können die Produkte aller Funktionen sein; wir sprechen aber nur dann von Bewusstheit einer Funktion, wenn nicht nur ihre Ausübung dem Willen zur Verfügung steht, sondern auch ihr Prinzip für die Orientierung des Bewusstseins massgebend ist. Letzteres aber ist dann der Fall, wenn z. B. das Denken nicht nur ein nachhinkendes Überlegen und Ruminieren ist, sondern wenn sein Schliessen eine absolute Gültigkeit besitzt, sodass der logische Schluss gegebenenfalls ohne irgendwelche andere Evidenz als Motiv sowohl wie als Garantie des praktischen Handelns gilt. Diese absolute Vormachtstellung kommt empirisch immer nur einer Funktion zu und kann nur einer Funktion zukommen, denn die ebenso selbständige Intervention einer andern Funktion würde notwendigerweise eine andere Orientierung ergeben, welche der erstern, teilweise wenigstens, widersprechen würde. Da es aber eine vitale Bedingung für den bewussten Anpassungsprozess ist, stets klare und eindeutige Ziele zu haben, so verbietet sich naturgemäss eine Gleichordnung einer zweiten Funktion. Die zweite Funktion kann daher nur von sekundärer Bedeutung sein, was sich auch empirisch stets bestätigt. Ihre sekundäre Bedeutung besteht darin, dass sie nicht wie die primäre Funktion gegebenenfalls einzig und allein als absolut verlässlich sowohl, wie als ausschlaggebend gilt, sondern mehr als Hilfs- oder Ergänzungsfunktion in Betracht kommt. Als sekundäre Funktion kann natürlich nur eine solche auftreten, deren Wesen nicht im Gegensatz zur Hauptfunktion steht. Z. B. kann neben dem Denken niemals das Fühlen als zweite Funktion auftreten, denn sein Wesen steht zu sehr im Gegensatz zu dem des Denkens. Das Denken muss das Fühlen sorgfältig ausschliessen, wenn anders es ein wirkliches, seinem Prinzip getreues Denken sein will. Dies schliesst natürlich nicht aus, dass es Individuen gibt, denen das Denken auf gleicher Höhe wie das Fühlen steht, wobei beide von gleicher bewusster Motivkraft sind. In einem solchen Falle handelt es sich aber auch nicht um einen differenzierten Typus, sondern um ein relativ unentwickeltes Denken und Fühlen. Die gleichmässige Bewusstheit und Unbewusstheit der Funktionen ist daher ein Kennzeichen des primitiven Geisteszustandes.

Die sekundäre Funktion ist erfahrungsgemäss immer eine solche, deren Wesen anders, aber nicht gegensätzlich zur Hauptfunktion ist, also z. B. kann sich ein Denken als Hauptfunktion leicht mit Intuition als sekundärer Funktion paaren, oder auch ebenso gut mit Empfindung, aber, wie gesagt, niemals mit Fühlen. Die Intuition sowohl, wie die Empfindung sind nicht gegensätzlich zum Denken, d. h. sie müssen nicht unbedingt ausgeschlossen werden, denn sie sind dem Denken nicht wesensähnlich in umgekehrtem Sinne wie das Fühlen, welches als Urteilsfunktion mit dem Denken erfolgreich konkurriert, sondern sie sind Wahrnehmungsfunktionen, welche dem Denken willkommene Hilfe gewähren. Sobald sie daher auf eine dem Denken gleiche Höhe der Differenzierung gelangten, würden sie eine Veränderung der Einstellung bedingen, die der Tendenz des Denkens widerspräche. Sie würden nämlich aus der urteilenden Einstellung eine wahrnehmende machen. Dadurch würde das dem Denken unerlässliche Prinzip der Rationalität unterdrückt zu Gunsten der Irrationalität des blossen Wahrnehmens. Die Hilfsfunktion ist daher nur insofern möglich und nützlich, als sie der Hauptfunktion _dient_, ohne dabei einen Anspruch auf die Autonomie ihres Prinzipes zu erheben.

Für alle praktisch vorkommenden Typen nun gilt der Grundsatz, dass sie neben der bewussten Hauptfunktion noch eine relativ bewusste, auxiliäre Funktion besitzen, welche in jeder Hinsicht vom Wesen der Hauptfunktion verschieden ist. Aus diesen Mischungen entstehen wohlbekannte Bilder, z. B. der praktische Intellekt, der mit Empfindung gepaart ist, der spekulative Intellekt, der mit Intuition durchsetzt ist, die künstlerische Intuition, welche mittelst des Gefühlsurteils ihre Bilder auswählt und darstellt, die philosophische Intuition, die vermöge eines kräftigen Intellektes ihre Vision in die Sphäre des Verstehbaren übersetzt usw.

Entsprechend dem bewussten Funktionsverhältnis gestaltet sich auch die unbewusste Funktionsgruppierung. So entspricht z. B. einem bewussten praktischen Intellekt eine unbewusste intuitiv-fühlende Einstellung, wobei die Funktion des Fühlens von einer relativ stärkern Hemmung betroffen ist, als die Intuition. Diese Eigentümlichkeit hat allerdings nur Interesse für den, der sich mit der praktischen psychologischen Behandlung solcher Fälle beschäftigt. Für diesen aber ist es wichtig, darum zu wissen. Ich habe es nämlich öfters gesehen, dass der Arzt sich bemühte, z. B. bei einem exquisit Intellektuellen die Fühlfunktion direkt aus dem Unbewussten zu entwickeln. Dieser Versuch dürfte wohl immer scheitern, denn er bedeutet eine zu grosse Vergewaltigung des bewussten Standpunktes. Gelingt die Vergewaltigung, so entsteht dadurch eine förmliche Zwangsabhängigkeit des Patienten vom Arzt, eine nur noch mit Brutalität abzuschneidende „Übertragung“, denn durch die Vergewaltigung wird der Patient standpunktlos, d. h. sein Arzt wird sein Standpunkt. Der Zugang zum Unbewussten und zu der am meisten verdrängten Funktion aber erschliesst sich sozusagen von selbst und mit genügender Wahrung des bewussten Standpunktes, wenn der Entwicklungsweg über die sekundäre Funktion geht, also im Falle eines rationalen Typus über die irrationale Funktion. Diese nämlich verleiht dem bewussten Standpunkt eine solche Um- und Übersicht über das Mögliche und Vorkommende, dass dadurch das Bewusstsein einen genügenden Schutz gegen die destruktive Wirkung des Unbewussten bekommt. Umgekehrt verlangt ein irrationaler Typus eine stärkere Entwicklung der im Bewussten vertretenen rationalen Hilfsfunktion, um genügend vorbereitet zu sein, den Stoss des Unbewussten aufzufangen.

Die unbewussten Funktionen befinden sich in einem archaïsch-animalischen Zustand. Ihre in Träumen und Phantasien auftretenden symbolischen Ausdrücke stellen meistens den Kampf oder das Gegenübertreten zweier Tiere oder zweier Monstren dar.

XI

Definitionen.

XI.

Definitionen.

Es mag dem Leser vielleicht überflüssig erscheinen, wenn ich ein besonderes Kapitel über Begriffsdefinitionen dem Texte meiner Untersuchung anfüge. Ich habe aber reichlich die Erfahrung gemacht, dass gerade in psychologischen Arbeiten man gar nicht sorgfältig genug mit Begriffen und Ausdrücken verfahren kann, indem gerade im Gebiete der Psychologie, wie sonst nirgends, die allergrössten Variationen der Begriffe vorkommen, welche häufig zu den hartnäckigsten Missverständnissen Anlass geben. Dieser Übelstand scheint nicht allein daher zu rühren, dass die Psychologie eine junge Wissenschaft ist, sondern auch daher, dass der Erfahrungsstoff, das Material der wissenschaftlichen Betrachtung, sozusagen nicht concret unter die Augen des Lesers gelegt werden kann. Der psychologische Forscher sieht sich immer wieder gezwungen, die von ihm beobachtete Wirklichkeit durch weitläufige und sozusagen indirekte Beschreibung darzustellen. Nur soweit mit Zahl und Mass zugängliche Elementartatsachen mitgeteilt werden, kann auch von einer direkten Darstellung die Rede sein. Aber wieviel von der wirklichen Psychologie des Menschen wird als durch Mass und Zahl erfassbare Tatsache erlebt und beobachtet? Es giebt solche Tatbestände, und ich glaube gerade durch meine Associationsstudien[306] nachgewiesen zu haben, dass noch recht komplizierte Tatbestände einer messenden Methode zugänglich sind. Aber wer tiefer in das Wesen der Psychologie eingedrungen ist und die höhere Anforderung an die Psychologie als Wissenschaft stellt, nämlich, dass sie nicht bloss eine durch die Grenzen der naturwissenschaftlichen Methodik beschränkte kümmerliche Existenz fristen darf, der wird auch erkannt haben, dass es nie und nimmer einer experimentellen Methodik gelingen wird, dem Wesen der menschlichen Seele gerecht zu werden, ja auch nur ein annähernd getreues Bild der komplizierten seelischen Erscheinungen zu entwerfen.

Wenn wir aber das Gebiet der durch Mass und Zahl erfassbaren Tatbestände verlassen, so sind wir auf _Begriffe_ angewiesen, welche uns Mass und Zahl ersetzen müssen. Die Bestimmtheit, die Mass und Zahl der beobachteten Tatsache verleihen, kann nur ersetzt werden durch die _Bestimmtheit des Begriffes_. Nun leiden aber, wie es jedem Forscher und Arbeiter auf diesem Gebiet nur zu gut bekannt ist, die derzeit geläufigen psychologischen Begriffe an so grosser Unbestimmtheit und Vieldeutigkeit, dass man sich gegenseitig kaum verständigen kann. Man nehme nur einmal den Begriff „Gefühl“ und suche sich zu vergegenwärtigen, was alles unter diesem Begriff geht, um eine Vorstellung von der Variabilität und Vieldeutigkeit psychologischer Begriffe zu bekommen. Und doch ist irgend etwas Charakteristisches damit ausgedrückt, das zwar für Mass und Zahl unzugänglich und doch fassbar existierend ist. Man kann nicht einfach darauf verzichten, wie es _Wundts_ physiologische Psychologie tut, diese Tatbestände als wesentliche Grundphänomene zu leugnen und sie durch Elementarfacta zu ersetzen oder sie in solche aufzulösen. Damit geht ein hauptsächliches Stück Psychologie geradezu verloren.

Um diesem durch die Überschätzung der naturwissenschaftlichen Methodik erzeugten Übelstand zu entgehen, ist man genötigt, zu festen Begriffen seine Zuflucht zu nehmen. Um solche Begriffe zu erlangen, bedarf es allerdings der Arbeit Vieler, gewissermassen des consensus gentium. Da dies aber nicht ohne weiteres und namentlich nicht sofort möglich ist, so muss der einzelne Forscher wenigstens sich bemühen, seinen Begriffen einige Festigkeit und Bestimmtheit zu verleihen, was wohl am besten dadurch geschieht, dass er die Bedeutung der von ihm jeweilig verwendeten Begriffe erörtert, sodass jedermann in den Stand gesetzt ist, zu sehen, was mit ihnen gemeint ist.

Diesem Bedürfnis entsprechend, möchte ich im folgenden meine hauptsächlichsten psychologischen Begriffe in alphabetischer Reihenfolge erörtern. Zugleich möchte ich den Leser bitten, im Zweifelsfalle sich dieser Erklärungen erinnern zu wollen. Es ist selbstverständlich, dass ich mit diesen Erklärungen und Definitionen mich nur darüber ausweisen will, in welchem Sinne ich mich der Begriffe bediene, womit ich aber keineswegs sagen möchte, dass dieser Gebrauch unter allen Umständen der einzig mögliche, oder unbedingt richtige wäre.

1. =Abstraktion=. Abstraktion ist, wie das Wort schon andeutet, ein Heraus- oder Wegziehen eines Inhaltes (einer Bedeutung, eines allgemeinen Merkmals etc.) aus einem Zusammenhang, der noch andere Elemente enthält, deren Kombination als Ganzes etwas Einmaliges oder Individuelles und darum etwas Unvergleichbares ist. Die Einmaligkeit, Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit hindern die Erkenntnis, weshalb dem Erkennenwollen die mit dem als wesentlich empfundenen Inhalt verbundenen übrigen Elemente als unzugehörig erscheinen müssen.

Die Abstraktion ist daher diejenige Geistestätigkeit, welche den als wesentlich empfundenen Inhalt oder Tatbestand aus seiner Verknüpfung mit den als unzugehörig empfundenen Elementen befreit, indem sie ihn davon unterscheidet, mit andern Worten _differenziert (s. d.). Abstrakt_ im weitern Sinne ist alles, was aus seiner Verknüpfung mit in Hinsicht auf seine Bedeutung als unzugehörig Empfundenem herausgezogen ist.

Die Abstraktion ist eine Tätigkeit, welche den psychologischen Funktionen überhaupt eignet. Es gibt ein abstrahierendes _Denken_, ein ebensolches _Fühlen_, _Empfinden_ und _Intuieren_ (s. diese Begriffe). Das abstrahierende Denken hebt einen durch denkgemässe, logische Eigenschaften gekennzeichneten Inhalt aus dem Nichtzugehörigen heraus. Das abstrahierende Fühlen tut dasselbe mit einem gefühlsmässig charakterisierten Inhalt, ebenso Empfindung und Intuition. Es gibt daher ebensowohl abstrakte Gedanken, wie abstrakte Gefühle, welch letztere von _Sully_ als intellektuelle, ästhetische und moralische bezeichnet werden.[307] _Nahlowsky_ fügt das religiöse Gefühl noch dazu. Die abstrakten Gefühle würden den „höhern“ oder „ideellen“ Gefühlen _Nahlowskys_[308] in meiner Auffassung entsprechen. Die abstrakten Gefühle setze ich auf gleiche Linie mit den abstrakten Gedanken. Die abstrakte Empfindung wäre als ästhetische Empfindung zu bezeichnen, im Gegensatz zur sinnlichen Empfindung (s. Empf.). Die abstrakte Intuition als symbolische Intuition im Gegensatz zur phantastischen Intuition (s. Phantasie und Intuition).

In dieser Arbeit verknüpfe ich mit dem Begriff der Abstraktion auch zugleich die Anschauung eines damit verbundenen psychoenergetischen Vorganges: Wenn ich mich zum Objekt abstrahierend einstelle, so lasse ich das Objekt nicht als Ganzes auf mich wirken, sondern ich hebe einen Teil desselben aus seinen Verknüpfungen heraus, indem ich die nichtzugehörigen Teile ausschliesse. Meine Absicht ist, mich des Objektes als eines einmaligen und einzigartigen Ganzen zu entledigen und nur einen Teil desselben herauszuziehen. Die Anschauung des Ganzen ist mir zwar gegeben, aber ich vertiefe mich in diese Anschauung nicht, mein Interesse fliesst nicht in das Ganze ein, sondern zieht sich vom Objekt als Ganzem mit dem herausgehobenen Teil auf mich zurück, d. h. in meine Begriffswelt, welche zum Behufe der Abstraktion eines Teiles des Objektes bereit gestellt oder konstelliert ist. (Anders als vermöge einer subjektiven Begriffskonstellation kann ich vom Objekt nicht abstrahieren.) Das „Interesse“ fasse ich als Energie = Libido (s. d.), welche ich dem Objekt als Wert erteile, oder welche das Objekt auch eventuell gegen meinen Willen oder mir unbewusst auf sich zieht. Ich veranschauliche mir daher den Abstraktionsvorgang als eine Zurückziehung der Libido vom Objekt, als ein Rückströmen des Wertes vom Objekt zum subjektiven abstrakten Inhalt. Die Abstraktion bedeutet mir also eine energetische _Objektentwertung_. Die Abstraktion ist, m. a. W. ausgedrückt, eine introvertierende Libidobewegung.