Part 45
Fast mehr noch als der extravertierte Typus, unterliegt der introvertierte dem Missverständnis; nicht etwa, weil ihm der Extravertierte ein schonungsloserer oder kritischerer Gegner ist, als er selbst es sein könnte, sondern weil der Stil der Epoche, den er selber mitmacht, gegen ihn ist. Nicht dem Extravertierten gegenüber, sondern unserer allgemeinen okzidentalen Weltanschauung gegenüber, befindet er sich in der Minorität, wohl nicht zahlenmässig, sondern seinem Gefühl nach. Da er den allgemeinen Stil überzeugt mitmacht, untergräbt er sich selbst, denn der gegenwärtige Stil mit seiner fast ausschliesslichen Anerkennung des Sicht- und Tastbaren ist gegen sein Prinzip. Er muss den subjektiven Faktor wegen seiner Unsichtbarkeit entwerten und sich zwingen, die extravertierte Objektüberwertung mitzumachen. Er selber schätzt den subjektiven Faktor zu niedrig ein und wird dafür von Minderwertigkeitsgefühlen heimgesucht. Es ist daher kein Wunder, dass gerade in unserer Zeit und besonders in jenen Bewegungen, die der Gegenwart um einiges voraneilen, der subjektive Faktor sich in übertriebener und darum in geschmackloser und karikierter Weise äussert. Ich meine die heutige Kunst. Die Unterschätzung des eigenen Prinzips macht den Introvertierten egoistisch und nötigt ihm die Psychologie des Unterdrückten auf. Je egoistischer er wird, desto mehr erscheint es ihm auch, als ob die andern, die den gegenwärtigen Stil anscheinend restlos mitmachen können, die Unterdrücker wären, gegen die er sich schützen und zur Wehr setzen muss. Er sieht meistens nicht, dass er darin seinen Hauptfehler begeht, dass er am subjektiven Faktor nicht mit jener Treue und Ergebenheit hängt, mit welcher sich der Extravertierte nach dem Objekte richtet. Durch die Unterschätzung des eigenen Prinzips wird sein Hang zum Egoismus unvermeidlich und damit verdient er sich auch das Vorurteil des Extravertierten. Bliebe er aber seinem Prinzipe treu, so wäre er als Egoist grundfalsch beurteilt, und die Berechtigung seiner Einstellung würde sich durch ihre allgemeinen Wirkungen bestätigen und die Missverständnisse zerstreuen.
_6. Das Empfinden._
Auch das Empfinden, das seinem ganzen Wesen nach auf das Objekt und den objektiven Reiz angewiesen ist, unterliegt in der introvertierten Einstellung einer beträchtlichen Veränderung. Auch es hat einen subjektiven Faktor, denn neben dem Objekt, das empfunden wird, steht ein Subjekt, welches empfindet, und welches dem objektiven Reiz seine subjektive Disposition beiträgt. Das Empfinden in der introvertierten Einstellung gründet sich überwiegend auf den subjektiven Anteil der Perception. Was damit gemeint ist, erhellt am ehesten aus Kunstwerken, welche äussere Objekte reproduzieren. Wenn z. B. mehrere Maler eine und dieselbe Landschaft malen mit der Bemühung, dieselbe getreu wiederzugeben, so wird doch jedes Gemälde vom andern verschieden sein, nicht etwa bloss vermöge eines mehr oder minderentwickelten Könnens, sondern hauptsächlich infolge eines verschiedenen Sehens, ja, es wird an einigen Gemälden sogar eine ausgesprochen psychische Verschiedenheit in der Stimmungslage und Bewegung von Farbe und Figur zu Tage treten. Diese Eigenschaften verraten ein mehr oder weniger starkes Mitwirken des subjektiven Faktors. Der subjektive Faktor des Empfindens ist im wesentlichen derselbe wie für die andern bereits besprochenen Funktionen. Es ist eine unbewusste Disposition, welche die Sinnesperception schon in ihrem Entstehen verändert und ihr dadurch den Charakter einer reinen Objekteinwirkung wegnimmt. In diesem Fall bezieht sich die Empfindung überwiegend auf das Subjekt und erst in zweiter Linie auf das Objekt. Wie ausserordentlich stark der subjektive Faktor sein kann, zeigt uns am deutlichsten die Kunst. Das Überwiegen des subjektiven Faktors geht gelegentlich bis zur völligen Unterdrückung der blossen Objektwirkung und doch bleibt die Empfindung dabei Empfindung, allerdings ist sie dann zu einer Wahrnehmung des subjektiven Faktors geworden, und die Objektwirkung ist auf die Stufe eines blossen Anregers gesunken. Das introvertierte Empfinden entwickelt sich nach dieser Richtung. Es besteht zwar eine richtige Sinneswahrnehmung, aber es hat den Anschein, als ob die Objekte gar nicht eigentlich ins Subjekt eindrängen, sondern als ob das Subjekt die Dinge ganz anders oder ganz andere Dinge sähe, als andere Menschen. Tatsächlich nimmt das Subjekt dieselben Dinge wahr, wie jedermann, verweilt aber dann keineswegs bei der reinen Objekteinwirkung, sondern beschäftigt sich mit der durch den objektiven Reiz ausgelösten subjektiven Wahrnehmung. Die subjektive Wahrnehmung ist merklich verschieden von der objektiven. Sie ist im Objekt entweder gar nicht oder höchstens andeutungsweise anzutreffen, d. h. sie kann zwar in andern Menschen ähnlich sein, aber sie ist im objektiven Verhalten der Dinge nicht unmittelbar zu begründen. Sie macht nicht den Eindruck eines Bewusstseinsproduktes, dazu ist sie zu genuin. Sie macht aber einen psychischen Eindruck, da in ihr Elemente von einer hohem psychischen Ordnung erkennbar sind. Jedoch stimmt diese Ordnung nicht überein mit den Inhalten des Bewusstseins. Es handelt sich um collektiv-unbewusste Voraussetzungen oder Dispositionen, um mythologische Bilder, Urmöglichkeiten von Vorstellungen. Der subjektiven Wahrnehmung haftet der Charakter des Bedeutenden an. Sie sagt mehr, als das reine Bild des Objektes, natürlich nur zu dem, dem der subjektive Faktor überhaupt etwas sagt. Einem andern erscheint ein reproduzierter subjektiver Eindruck an der Eigenschaft zu leiden, dass er keine genügende Ähnlichkeit mit dem Objekt besitzt und darum seinen Zweck verfehlt habe. Das subjektive Empfinden erfasst daher mehr die Hintergründe der physischen Welt als ihre Oberfläche. Es empfindet nicht die Realität des Objektes als das Ausschlaggebende, sondern die Realität des subjektiven Faktors, nämlich der urtümlichen Bilder, welche in ihrer Gesamtheit eine psychische Spiegelwelt darstellen. Dieser Spiegel hat aber die eigentümliche Fähigkeit, die gegenwärtigen Inhalte des Bewusstseins nicht in ihrer uns bekannten und geläufigen Form darzustellen, sondern in gewissem Sinne sub specie aeternitatis, nämlich etwa so, wie ein eine Million Jahre altes Bewusstsein sie sehen würde. Ein solches Bewusstsein würde das Werden und Vergehen der Dinge zugleich mit ihrem gegenwärtigen und momentanen Sein sehen und nicht nur das, sondern zugleich auch das Andere, das vor ihrem Werden war und nach ihrem Vergehen sein wird. Der gegenwärtige Moment ist diesem Bewusstsein unwahrscheinlich. Selbstverständlich ist dies nur ein Gleichnis, dessen ich aber bedarf, um das eigentümliche Wesen der introvertierten Empfindung einigermassen zu veranschaulichen. Die introvertierte Empfindung vermittelt ein Bild, welches weniger das Objekt reproduziert, als dass es das Objekt überkleidet mit dem Niederschlag uralter und zukünftiger subjektiver Erfahrung. Dadurch wird der blosse Sinneseindruck entwickelt nach der Tiefe des Ahnungsreichen, während die extravertierte Empfindung das momentane und offen zu Tage liegende Sein der Dinge erfasst.
_7. Der introvertierte Empfindungstypus._
Das Primat des introvertierten Empfindens schafft einen bestimmten Typus, der sich durch gewisse Eigentümlichkeiten auszeichnet. Er ist ein irrationaler Typus, insofern er unter dem Vorkommenden nicht vorwiegend nach Vernunfturteilen auswählt, sondern sich nach dem richtet, was eben vorkommt. Während der extravertierte Empfindungstypus durch die Intensität der Objekteinwirkung determiniert ist, orientiert sich der introvertierte nach der Intensität des durch den objektiven Reiz ausgelösten subjektiven Empfindungsanteiles. Dabei besteht, wie ersichtlich, gar kein proportionaler Zusammenhang zwischen Objekt und Empfindung, sondern ein anscheinend durchaus unabgemessener und willkürlicher. Es ist von aussen darum sozusagen nie vorauszusehen, was Eindruck machen wird und was nicht. Wäre eine der Empfindungsstärke proportionale Ausdrucksfähigkeit und -willigkeit vorhanden, so würde die Irrationalität dieses Typus ausserordentlich auffallen. Dies ist z. B. der Fall, wenn das Individuum ein produzierender Künstler ist. Da dies aber ein Ausnahmefall ist, so verbirgt die für den Introvertierten charakteristische Ausdruckserschwerung auch seine Irrationalität. Er kann im Gegenteil durch seine Ruhe oder Passivität oder durch eine vernünftige Selbstbeherrschung auffallen. Diese Eigentümlichkeit, welche das oberflächliche Urteil irreleitet, verdankt ihre Existenz der Nichtbezogenheit auf Objekte. Das Objekt wird im Normalfall zwar keineswegs bewusst entwertet, aber sein Anreiz wird ihm dadurch entzogen, dass er sofort durch eine subjektive Reaktion, die sich auf die Wirklichkeit des Objektes weiter nicht mehr bezieht, ersetzt wird. Das wirkt natürlich wie eine Objektentwertung. Ein solcher Typus kann einem leicht die Frage beibringen, wozu man überhaupt existiere, wozu überhaupt Objekte noch daseinsberechtigt seien, da ja doch alles wesentliche ohne das Objekt passiere. Dieser Zweifel mag in extremen Fällen berechtigt sein, im Normalfall aber nicht, denn der Empfindung ist der objektive Reiz unerlässlich, nur bringt er anderes hervor, als nach der äussern Sachlage vermutet werden könnte. Von aussen betrachtet sieht es aus, als ob die Objekteinwirkung überhaupt nicht zum Subjekt vordränge. Dieser Eindruck ist insofern richtig, als ein subjektiver dem Unbewussten entstammender Inhalt sich dazwischen drängt und die Objekteinwirkung abfängt. Dieses Dazwischentreten kann mit solcher Schroffheit erfolgen, dass man den Eindruck gewinnt, als schütze sich das Individuum direkt vor Objekteinwirkungen. In einem irgendwie gesteigerten Fall ist auch tatsächlich eine solche schützende Abwehr vorhanden. Wenn das Unbewusste nur um etwas verstärkt ist, so wird der subjektive Empfindungsanteil dermassen lebendig, dass er die Objekteinwirkung fast gänzlich überdeckt. Daraus entsteht einerseits für das Objekt das Gefühl einer völligen Entwertung, andererseits für das Subjekt eine illusionäre Auffassung der Wirklichkeit, die allerdings nur in krankhaften Fällen soweit geht, dass das Individuum nicht mehr imstande wäre, zwischen dem wirklichen Objekt und der subjektiven Wahrnehmung zu unterscheiden. Obschon eine so wichtige Unterscheidung erst in einem nahezu psychotischen Zustand gänzlich verschwindet, so kann doch längst zuvor die subjektive Wahrnehmung das Denken, Fühlen und Handeln in höchstem Masse beeinflussen, trotzdem das Objekt in seiner ganzen Wirklichkeit klar gesehen wird. In Fällen, wo die Objekteinwirkung infolge besonderer Umstände, z. B. infolge besonderer Intensität oder völliger Analogie mit dem unbewussten Bilde, bis zum Subjekt vordringt, ist auch der Normalfall dieses Typus veranlasst, nach seiner unbewussten Vorlage zu _handeln_. Dieses Handeln ist in bezug auf die objektive Wirklichkeit von illusionärem Charakter und darum äusserst befremdlich. Es enthüllt mit einem Schlage die wirklichkeitsfremde Subjektivität des Typus. Wo aber die Objekteinwirkung nicht völlig durchdringt, da begegnet sie einer wenig Anteilnahme verratenden wohlwollenden Neutralität, welche stets zu beruhigen und auszugleichen bestrebt ist. Das allzu Niedere wird etwas gehoben, das allzu Hohe etwas niedriger gemacht, das Enthusiastische gedämpft, das Extravagante gezügelt und das Ungewöhnliche auf die „richtige“ Formel gebracht, all dies, um die Objekteinwirkung in den nötigen Schranken zu halten. Dadurch wirkt auch dieser Typus auf die Umgebung drückend, sofern seine gänzliche Harmlosigkeit nicht ausser allem Zweifel steht. Ist letzteres aber der Fall, so wird das Individuum leicht das Opfer der Aggressivität und der Herrschsucht anderer. Solche Menschen lassen sich in der Regel missbrauchen und rächen sich dafür an ungeeigneter Stelle durch vermehrte Resistenz und Störrigkeit. Ist keine künstlerische Ausdrucksfähigkeit vorhanden, so gehen alle Eindrücke nach innen in die Tiefe und halten das Bewusstsein im Banne, ohne dass es ihm möglich wäre, des faszinierenden Eindruckes durch bewussten Ausdruck Herr zu werden. Für seine Eindrücke stehen diesem Typus nur archaïsche Ausdrucksmöglichkeiten zu relativer Verfügung, weil Denken und Fühlen relativ unbewusst sind, und insofern sie bewusst sind, nur über die notwendigen, banalen und alltäglichen Ausdrücke verfügen. Sie sind als bewusste Funktionen darum ganz ungeeignet, die subjektiven Wahrnehmungen adäquat wiederzugeben. Dieser Typus ist daher dem objektiven Verständnis äusserst schwer erschliessbar, wie er auch sich selber meist verständnislos gegenübersteht.
Seine Entwicklung entfernt ihn hauptsächlich von der Wirklichkeit des Objektes und liefert ihn an seine subjektiven Wahrnehmungen aus, die sein Bewusstsein im Sinne einer archaïschen Wirklichkeit orientieren, obschon ihm dieses Faktum aus Mangel an vergleichendem Urteil gänzlich unbewusst bleibt. Tatsächlich bewegt er sich aber in einer mythologischen Welt, in der ihm Menschen, Tiere, Eisenbahnen, Häuser, Flüsse und Berge zum Teil als huldvolle Götter und zum Teil als übelwollende Dämonen erscheinen. Dass sie ihm so erscheinen, ist ihm unbewusst. Aber sie wirken als solche auf sein Urteilen und Handeln. Er urteilt und handelt so, als ob er es mit solchen Mächten zu tun hätte. Dies fängt erst dann an, ihm aufzufallen, wenn er seine Empfindungen als von der Wirklichkeit total verschieden entdeckt. Ist er mehr zur objektiven Vernunft geneigt, so wird er diesen Unterschied als krankhaft empfinden, ist er dagegen, getreu seiner Irrationalität, bereit, seiner Empfindung Realitätswert zuzusprechen, so wird ihm die objektive Welt zum Schein und zur Komödie. Es sind aber nur zum Extrem geneigte Fälle, welche dieses Dilemma erreichen. In der Regel begnügt sich das Individuum mit seiner Eingeschlossenheit und mit der Banalität der Wirklichkeit, die es aber unbewusst archaïsch behandelt.
Sein Unbewusstes ist hauptsächlich gekennzeichnet durch die Verdrängung der Intuition, welch letztere einen extravertierten und archaïschen Charakter hat. Während die extravertierte Intuition jene charakteristische Findigkeit, die „gute Nase“ für alle Möglichkeiten der objektiven Wirklichkeit hat, hat die archaïsche extravertierte Intuition ein Witterungsvermögen für alle zweideutigen, düstern, schmutzigen und gefährlichen Hintergründe der Wirklichkeit. Dieser Intuition gegenüber will die wirkliche und bewusste Absicht des Objektes nichts bedeuten, sondern sie wittert dahinter alle Möglichkeiten der archaïschen Vorstufen einer solchen Absicht. Sie hat daher etwas geradezu gefährlich Untergrabendes, das oft in grellstem Kontrast steht mit der wohlwollenden Harmlosigkeit des Bewusstseins. Solange das Individuum sich nicht zu weit vom Objekt entfernt, wirkt die unbewusste Intuition als heilsame Compensation für die etwas phantastische und zur Leichtgläubigkeit neigende Einstellung des Bewusstseins. Tritt das Unbewusste aber in Opposition zum Bewusstsein, dann erreichen solche Intuitionen die Oberfläche und entfalten ihre verderblichen Wirkungen, indem sie sich zwangsweise dem Individuum aufnötigen und Zwangsvorstellungen widerwärtigster Art über Objekte auslösen. Die daraus entstehende Neurose ist in der Regel eine Zwangsneurose, in der die hysterischen Züge hinter Erschöpfungssymptomen zurücktreten.
_8. Die Intuition._
Die Intuition in der introvertierten Einstellung richtet sich auf die innern Objekte, wie man mit Recht die Elemente des Unbewussten bezeichnen könnte. Die innern Objekte verhalten sich nämlich zum Bewusstsein ganz analog wie äussere Objekte, obschon sie nicht von einer physischen, sondern von einer psychologischen Realität sind. Die innern Objekte erscheinen der intuitiven Wahrnehmung als subjektive Bilder von Dingen, die in der äussern Erfahrung nicht anzutreffen sind, sondern die Inhalte des Unbewussten, in letzter Linie des collektiven Unbewussten, ausmachen. Diese Inhalte sind in ihrem An- und Fürsichsein natürlich keiner Erfahrung zugänglich, eine Eigenschaft, die sie mit dem äussern Objekt gemeinsam haben. Wie die äussern Objekte nur ganz relativ so sind, wie wir sie perzipieren, so sind auch die Erscheinungsformen der innern Objekte relativ, Produkte ihrer uns unzugänglichen Essenz und der Eigenart der intuitiven Funktion. Wie die Empfindung, so hat auch die Intuition ihren subjektiven Faktor, welcher in der extravertierten Intuition möglichst unterdrückt, in der introvertierten aber zur massgebenden Grösse wird. Wenn schon die introvertierte Intuition ihren Anstoss von äussern Objekten empfangen mag, so hält sie sich doch nicht bei den äussern Möglichkeiten auf, sondern verweilt bei dem, was durch das Äussere innerlich ausgelöst wurde. Während sich die introvertierte Empfindung in der Hauptsache auf die Wahrnehmung der eigenartigen Innervationserscheinungen durch das Unbewusste beschränkt und bei ihnen verweilt, unterdrückt die Intuition diese Seite des subjektiven Faktors und nimmt das Bild wahr, welches diese Innervation veranlasst hat. Z. B. wird jemand von einem psychogenen Schwindelanfall betroffen. Die Empfindung verweilt bei der eigenartigen Beschaffenheit dieser Innervationsstörung und nimmt alle ihre Qualitäten, ihre Intensität, ihren zeitlichen Ablauf, die Art ihres Entstehens und Vergehens mit allen Einzelheiten wahr, ohne sich im geringsten darüber zu erheben und zu ihrem Inhalt, von dem die Störung ausging, fortzuschreiten. Die Intuition dagegen empfängt aus der Empfindung nur den Anstoss zu sofortiger Tätigkeit, sie versucht dahinter zu sehen und nimmt auch bald das innere Bild wahr, welches die Ausdruckserscheinung, eben den Schwindelanfall, veranlasst hat. Sie sieht das Bild eines schwankenden Mannes, der von einem Pfeil ins Herz getroffen wurde. Dieses Bild fasziniert die intuitive Tätigkeit, sie verweilt bei ihm und sucht alle seine Einzelheiten auszukundschaften. Sie hält das Bild fest und konstatiert mit lebhaftester Anteilnahme, wie sich dieses Bild verändert und weiter entwickelt und schliesslich verschwindet. Auf diese Weise nimmt die introvertierte Intuition alle Hintergrundvorgänge des Bewusstseins etwa mit derselben Deutlichkeit wahr, wie die extravertierte Empfindung die äussern Objekte. Für die Intuition erlangen daher die unbewussten Bilder die Dignität von Dingen oder Objekten. Weil aber die Intuition die Mitwirkung der Empfindung ausschliesst, so erlangt sie entweder gar keine oder eine nur ungenügende Kenntnis der Innervationsstörungen, der Beeinflussungen des Körpers durch die unbewussten Bilder. Dadurch erscheinen die Bilder als vom Subjekt losgelöst und als für sich selber ohne Beziehung zur Person existierend. Infolgedessen würde im vorhin erwähnten Beispiel der vom Schwindelanfall betroffene introvertierte Intuitive nicht auf den Gedanken kommen, dass sich das wahrgenommene Bild auch irgendwie auf ihn selber beziehen könnte. Das erscheint natürlich einem urteilend Eingestellten als beinahe undenkbar, ist aber trotzdem eine Tatsache, die ich bei diesem Typus oftmals erfahren habe.
Die merkwürdige Indifferenz des extravertierten Intuitiven inbezug auf äussere Objekte, hat auch der introvertierte inbezug auf innere Objekte. Wie der extravertierte Intuitive immerfort neue Möglichkeiten wittert und diesen unbekümmert sowohl um das eigene wie um das Wohl und Wehe der andern nachgeht, achtlos über menschliche Rücksichten hinweg tritt und in ewiger Veränderungssucht kaum Erbautes wieder niederreisst, so bewegt sich der introvertierte von Bild zu Bild, allen Möglichkeiten des gebärenden Schosses des Unbewussten nachjagend, ohne den Zusammenhang der Erscheinung mit sich herzustellen. Wie dem, der die Welt bloss empfindet, sie nie zum moralischen Problem wird, so wird auch dem Intuitiven die Welt der Bilder nie zum moralischen Problem. Sie ist dem einen, wie dem andern _ein ästhetisches Problem_, eine Frage der Wahrnehmung, eine „Sensation“. Auf diese Weise entschwindet dem introvertierten Intuitiven das Bewusstsein seiner körperlichen Existenz sowohl wie ihrer Wirkung auf andere. Der extravertierte Standpunkt würde von ihm sagen: „die Wirklichkeit existiert nicht für ihn, er hängt unfruchtbaren Träumereien nach“. Die Anschauung der Bilder des Unbewussten, welche die schaffende Kraft in unerschöpflicher Fülle erzeugt, ist allerdings in bezug auf unmittelbare Nützlichkeit unfruchtbar. Insofern jedoch diese Bilder Möglichkeiten sind von Auffassungen, welche der Energie gegebenenfalls ein neues Gefälle zu verleihen vermögen, so ist auch diese Funktion, welche der äusseren Welt die allerfremdeste ist, im psychischen Gesamthaushalt unerlässlich, wie auch der entsprechende Typus dem psychischen Leben eines Volkes keineswegs fehlen darf. Israel hätte seine Propheten nicht gehabt, wenn dieser Typus nicht existierte. Die introvertierte Intuition erfasst die Bilder, welche aus den a priori, d. h. infolge Vererbung, vorhandenen Grundlagen des unbewussten Geistes stammen. Diese Archetypen, deren innerstes Wesen der Erfahrung unzugänglich ist, stellen den Niederschlag des psychischen Funktionierens der Ahnenreihe dar, d. h. die durch millionenfache Wiederholung aufgehäuften und zu Typen verdichteten Erfahrungen des organischen Daseins überhaupt. In diesen Archetypen sind daher alle Erfahrungen vertreten, welche seit Urzeit auf diesem Planeten vorgekommen sind. Sie sind im Archetypus umso deutlicher, je häufiger und je intensiver sie waren. Die Archetypus wäre, um mit _Kant_ zu reden, etwa das Noumenon des Bildes, welches die Intuition wahrnimmt und im Wahrnehmen erzeugt. Da das Unbewusste nun keineswegs etwas ist, das bloss daliegt wie ein psychisches caput mortuum, sondern vielmehr etwas, das mitlebt und innere Verwandlungen erfährt, Verwandlungen, die in innerer Beziehung zum allgemeinen Geschehen überhaupt stehen, so gibt die introvertierte Intuition durch die Wahrnehmung der innern Vorgänge gewisse Daten, die von hervorragender Wichtigkeit für die Auffassung des allgemeinen Geschehens sein können; sie kann sogar die neuen Möglichkeiten sowohl wie das später tatsächlich Eintreffende in mehr oder weniger klarer Weise voraussehen. Ihre prophetische Voraussicht ist erklärbar aus ihrer Beziehung zu den Archetypen, welche den gesetzmässigen Ablauf aller erfahrbaren Dinge darstellen.
_9. Der introvertierte intuitive Typus._
Die Eigenart der introvertierten Intuition schafft auch, wenn sie das Primat erlangt, einen eigenartigen Typus Mensch, nämlich den mystischen Träumer und Seher einerseits, den Phantasten und Künstler andererseits. Der letztere Fall dürfte der Normalfall sein, denn im allgemeinen besteht bei diesem Typus die Neigung, sich auf den Wahrnehmungscharakter der Intuition zu beschränken. Der Intuitive bleibt in der Regel beim Wahrnehmen, sein höchstes Problem ist das Wahrnehmen, und -- insofern er ein produktiver Künstler ist -- die Gestaltung der Wahrnehmung. Der Phantast aber begnügt sich mit der Anschauung, durch die er sich gestalten, d. h. determinieren lässt. Die Vertiefung der Intuition bewirkt natürlich eine oft ausserordentliche Entfernung des Individuums von der handgreiflichen Wirklichkeit, sodass er selbst seiner nähern Umgebung zum völligen Rätsel wird. Ist er ein Künstler, so verkündet seine Kunst ausserordentliche, weltentrückte Dinge, die in allen Farben schillern, bedeutend und banal, schön und grotesk, erhaben und schrullenhaft zugleich sind. Ist er kein Künstler, so ist er häufig ein verkanntes Genie, eine verbummelte Grösse, eine Art weiser Halbnarr, eine Figur für „psychologische“ Romane.