Psychologische Typen

Part 43

Chapter 432,563 wordsPublic domain

Die introvertierte Einstellung richtet sich im Normalfall nach der im Prinzip durch Vererbung gegebenen psychologischen Struktur, welche eine dem Subjekt innewohnende Grösse ist. Sie ist aber keineswegs als schlechthin identisch mit dem Ich des Subjektes zu setzen, was durch die oben erwähnten Bezeichnungen geschehen würde, sondern sie ist die psychologische Struktur des Subjektes vor aller Entwicklung eines Ich. Das eigentlich zugrunde liegende Subjekt, eben das Selbst, ist bei weitem umfangreicher als das Ich, indem ersteres auch das Unbewusste umfasst, während letzteres im wesentlichen der Mittelpunkt des Bewusstseins ist. Wäre das Ich identisch mit dem Selbst, so wäre es undenkbar, wieso wir in den Träumen gelegentlich in gänzlich andern Formen und Bedeutungen auftreten können. Es ist nun allerdings eine für den Introvertierten bezeichnende Eigentümlichkeit, dass er, ebenso sehr eigener Neigung wie allgemeinem Vorurteil folgend, sein Ich mit seinem Selbst verwechselt, und sein Ich zum Subjekt des psychologischen Prozesses erhöht, womit er eben jene vorhin erwähnte, krankhafte Subjektivierung seines Bewusstseins vollzieht, die ihn dem Objekt entfremdet. Die psychologische Struktur ist dasselbe, was _Semon_ als Mneme und ich als das _collektive Unbewusste_ bezeichnet habe. Das individuelle Selbst ist ein Teil oder Ausschnitt oder Repräsentant einer überall, in allen lebendigen Wesen vorhandenen und entsprechend abgestuften Art des psychologischen Ablaufes, die auch jedem Wesen wieder aufs Neue angeboren ist. Seit Alters wird die angeborne Art des _Handelns_ als _Instinkt_ bezeichnet, die Art der psychischen Erfassung des Objektes habe ich als _Archetypus_ zu bezeichnen vorgeschlagen. Was unter Instinkt zu verstehen ist, kann ich wohl als bekannt voraussetzen. Ein anderes ist es mit den Archetypen. Ich verstehe darunter dasselbe, was ich früher in Anlehnung an _Jakob Burckhardt_ als „urtümliches Bild“ bezeichnet und in Kapitel XI dieser Arbeit beschrieben habe. Ich muss den Leser auf jenes Kapitel und im besondern auf den Artikel „Bild“ verweisen. Der Archetypus ist eine symbolische Formel, welche überall da in Funktion tritt, wo entweder noch keine bewussten Begriffe vorhanden, oder solche aus innern oder äussern Gründen überhaupt nicht möglich sind. Die Inhalte des collektiven Unbewussten sind im Bewusstsein als ausgesprochene Neigungen und Auffassungen vertreten. Sie werden vom Individuum in der Regel als vom Objekt bedingt aufgefasst -- fälschlicherweise, im Grunde genommen --, denn sie entstammen der unbewussten Struktur der Psyche und werden durch die Objekteinwirkung nur ausgelöst. Diese subjektiven Neigungen und Auffassungen sind stärker als der Objekteinfluss, ihr psychischer Wert ist höher, sodass sie sich allen Eindrücken superponieren. So, wie es dem Introvertierten unbegreiflich erscheint, dass immer das Objekt ausschlaggebend sein soll, so bleibt es dem Extravertierten ein Rätsel, wieso ein subjektiver Standpunkt der objektiven Situation überlegen sein soll. Er gelangt unvermeidlich zu der Vermutung, dass der Introvertierte entweder ein eingebildeter Egoist oder ein doktrinärer Schwärmer ist. Neuerdings würde er auf die Hypothese kommen, der Introvertierte stehe unter dem Einfluss eines unbewussten Machtkomplexes. Diesem Vorurteil kommt der Introvertierte unzweifelhaft dadurch entgegen, dass seine bestimmte und stark verallgemeinernde Ausdrucksweise, welche anscheinend jede andere Meinung im Vornherein ausschliesst, dem extravertierten Vorurteil Vorschub leistet. Überdies könnte allein schon die Entschiedenheit und Starrheit des subjektiven Urteils, welches allem objektiv Gegebenen a priori übergeordnet ist, genügen, den Eindruck einer starken Egozentrizität zu erwecken. Diesem Vorurteil gegenüber fehlt dem Introvertierten meistens das richtige Argument: er weiss nämlich nicht um die unbewussten, aber durchaus allgemeingültigen Voraussetzungen seines subjektiven Urteils oder seiner subjektiven Wahrnehmungen. Dem Stile der Zeit entsprechend sucht er aussen und nicht hinter seinem Bewusstsein. Ist er gar etwas neurotisch, so heisst das eine mehr oder weniger völlige unbewusste Identität des Ich mit dem Selbst, wodurch das Selbst in seiner Bedeutung auf Null heruntergesetzt, das Ich dagegen masslos angeschwellt wird. Die unzweifelhafte, weltbestimmende Macht des subjektiven Faktors wird dann in das Ich hineingepresst, wodurch ein ungemessener Machtanspruch und eine geradezu läppische Egozentrizität erzeugt wird. Jede Psychologie, welche das Wesen des Menschen auf den unbewussten Machttrieb reduziert, ist aus dieser Anlage geboren. Viele Geschmacklosigkeiten bei _Nietzsche_ z. B. verdanken ihre Existenz der Subjektivierung des Bewusstseins.

II. Die unbewusste Einstellung.

Die überlegene Stellung des subjektiven Faktors im Bewusstsein bedeutet eine Minderwertung des objektiven Faktors. Das Objekt hat nicht jene Bedeutung, die ihm eigentlich zukommen sollte. Wie es in der extravertierten Einstellung eine zu grosse Rolle spielt, so hat es in der introvertierten Einstellung zu wenig zu sagen. In dem Masse, als das Bewusstsein des Introvertierten sich subjektiviert und dem Ich eine ungehörige Bedeutung zuerteilt, wird dem Objekt eine Position gegenüber gestellt, die auf die Dauer ganz unhaltbar ist. Das Objekt ist eine Grösse von unzweifelhafter Macht, während das Ich etwas sehr Beschränktes und Hinfälliges ist. Ein anderes wäre es, wenn das Selbst dem Objekt gegenüber träte. Selbst und Welt sind commensurable Grössen, daher eine normale introvertierte Einstellung ebenso viel Daseinsberechtigung und Gültigkeit hat, wie eine normale extravertierte Einstellung. Hat aber das Ich den Anspruch des Subjektes auf sich übernommen, so entsteht naturgemäss, zur Compensierung, eine unbewusste Verstärkung des Objekteinflusses. Diese Veränderung macht sich dadurch bemerkbar, dass trotz einer manchmal geradezu krampfhaften Anstrengung, dem Ich die Überlegenheit zu sichern, das Objekt und das objektiv Gegebene übermächtige Einflüsse entfalten, die umso unüberwindlicher sind, als sie das Individuum unbewusst erfassen und sich dadurch dem Bewusstsein unwiderstehlich aufdrängen. Infolge der mangelhaften Beziehung des Ich zum Objekt -- Beherrschenwollen ist nämlich keine Anpassung -- entsteht im Unbewussten eine compensatorische Beziehung zum Objekt, die sich im Bewusstsein als eine unbedingte und nicht zu unterdrückende Bindung an das Objekt geltend macht. Je mehr sich das Ich alle möglichen Freiheiten, Unabhängigkeiten, Verpflichtungslosigkeiten und Überlegenheiten zu sichern sucht, desto mehr gerät es in die Sklaverei des objektiv Gegebenen. Die Freiheit des Geistes wird an die Kette einer schmählichen, finanziellen Abhängigkeit gelegt, die Unbekümmertheit des Handelns erleidet eins ums andere Mal ein ängstliches Zusammenknicken vor der öffentlichen Meinung, die moralische Überlegenheit gerät in den Sumpf minderwertiger Beziehungen, die Herrscherlust endet mit einer kläglichen Sehnsucht nach dem Geliebtwerden. Das Unbewusste besorgt in erster Linie die Beziehung zum Objekt und zwar in einer Art und Weise, welche geeignet ist, die Machtillusion und die Überlegenheitsphantasie des Bewusstseins aufs Gründlichste zu zerstören. Das Objekt nimmt angsterregende Dimensionen an, trotz bewusster Heruntersetzung. Infolgedessen wird die Abtrennung und die Beherrschung des Objektes vom Ich noch heftiger betrieben. Schliesslich umgibt sich das Ich mit einem förmlichen System von Sicherungen (wie dies _Adler_ zutreffend geschildert hat), welche wenigstens den Wahn der Überlegenheit zu wahren suchen. Damit aber trennt sich der Introvertierte vom Objekte gänzlich ab und reibt sich völlig auf in Verteidigungsmassnahmen einerseits und in fruchtlosen Versuchen andererseits, dem Objekt zu imponieren und sich durchzusetzen. Diese Bemühungen werden aber beständig durchkreuzt durch die überwältigenden Eindrücke, die er vom Objekt erhält. Wider seinen Willen imponiert ihm das Objekt anhaltend, es verursacht ihm die unangenehmsten und nachhaltigsten Affekte und verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Er bedarf beständig einer ungeheuren, innern Arbeit, um „sich halten“ zu können. Daher ist seine typische Neurosenform die _Psychasthenie_, eine Krankheit, die einerseits durch eine grosse Sensitivität, andererseits durch grosse Erschöpfbarkeit und chronische Ermüdung gekennzeichnet ist.

Eine Analyse des persönlichen Unbewussten ergibt eine Menge von Machtphantasien gepaart mit Angst vor gewaltig belebten Objekten, denen der Introvertierte in der Tat auch leicht zum Opfer fällt. Es entwickelt sich nämlich aus der Objektangst eine eigentümliche Feigheit, sich oder seine Meinung geltend zu machen, denn er fürchtet einen verstärkten Objekteinfluss. Er fürchtet eindrucksvolle Affekte der andern und kann sich kaum der Angst erwehren, unter einen fremden Einfluss zu geraten. Die Objekte nämlich haben für ihn furchterregende, machtvolle Qualitäten, die er ihnen zwar bewusst nicht ansehen kann, die er aber durch sein Unbewusstes wahrzunehmen glaubt. Da seine bewusste Beziehung zum Objekt relativ verdrängt ist, so geht sie durch das Unbewusste, wo sie mit den Qualitäten des Unbewussten beladen wird. Diese Qualitäten sind in erster Linie infantil-archaïsche. Infolgedessen wird seine Objektbeziehung primitiv und nimmt alle jene Eigentümlichkeiten an, welche die primitive Objektbeziehung kennzeichnen. Es ist dann, wie wenn das Objekt magische Gewalt besässe. Fremde, neue Objekte erregen Furcht und Misstrauen, wie wenn sie unbekannte Gefahren bärgen, althergebrachte Objekte sind wie mit unsichtbaren Fäden an seine Seele gehängt, jede Veränderung erscheint störend, wenn nicht geradezu gefährlich, denn sie scheint eine magische Belebtheit des Objektes zu bedeuten. Eine einsame Insel, wo sich nur das bewegt, dem man sich zu bewegen erlaubt, wird zum Ideal. Der Roman von _F. Th. Vischer_: „Auch Einer“, gibt einen trefflichen Einblick in diese Seite des introvertierten Seelenzustandes, zugleich auch in die dahinterliegende Symbolik des collektiven Unbewussten, die ich in dieser Typenbeschreibung bei Seite lasse, weil sie nicht bloss dem Typus angehört, sondern allgemein ist.

III. Die Besonderheiten der psychologischen Grundfunktionen in der introvertierten Einstellung.

1. Das Denken.

Ich habe bei der Beschreibung des extravertierten Denkens bereits eine kurze Charakteristik des introvertierten Denkens gegeben, auf die ich hier nochmals verweisen möchte. Das introvertierte Denken orientiert sich in erster Linie am subjektiven Faktor. Der subjektive Faktor ist dargestellt mindestens durch ein subjektives Richtungsgefühl, welches die Urteile letzten Endes bestimmt. Bisweilen ist es auch ein mehr oder weniger fertiges Bild, welches gewissermassen als Massstab dient. Das Denken kann sich mit concreten oder abstrakten Grössen befassen, immer aber orientiert es sich an entscheidendem Orte am subjektiv Gegebenen. Es führt also nicht aus der concreten Erfahrung wieder in die objektiven Dinge zurück, sondern zum subjektiven Inhalt. Die äussern Tatsachen sind nicht Ursache und Ziel dieses Denkens, obschon der Introvertierte sehr oft seinem Denken diesen Anschein geben möchte, sondern dieses Denken beginnt im Subjekt und führt zum Subjekt zurück, auch wenn es die weitesten Ausflüge in das Gebiet realer Tatsächlichkeit unternimmt. Es ist daher in Ansehung der Aufstellung neuer Tatsachen hauptsächlich indirekt von Wert, insofern es in erster Linie neue Ansichten vermittelt und weit weniger Kenntnis neuer Tatsachen. Es erschafft Fragestellungen und Theorien, es eröffnet Ausblicke und Einblicke, aber es zeigt Tatsachen gegenüber ein reserviertes Verhalten. Sie sind ihm recht als illustrierende Beispiele, sie dürfen aber nicht überwiegen. Tatsachen werden nur gesammelt als Beweistümer, niemals aber um ihrer selbst willen. Letzteres wird überhaupt, wenn es geschieht, nur als Kompliment an den extravertierten Stil getan. Die Tatsachen sind diesem Denken von sekundärer Bedeutung, von überwiegendem Wert aber erscheint ihm die Entwicklung und Darstellung der subjektiven Idee, des anfänglichen symbolischen Bildes, das mehr oder weniger dunkel vor seinem innern Blicke steht. Es strebt daher nie nach einer gedanklichen Rekonstruktion der concreten Tatsächlichkeit, sondern nach einer Ausgestaltung des dunkeln Bildes zur lichtvollen Idee. Es will die Tatsächlichkeit erreichen, es will die äussern Tatsachen sehen, wie sie den Rahmen seiner Idee ausfüllen, und seine schöpferische Kraft bewährt sich darin, dass dieses Denken auch jene Idee erzeugen kann, die nicht in den äussern Tatsachen lag, und doch deren passendster, abstrakter Ausdruck ist, und seine Aufgabe ist vollendet, wenn die von ihm geschaffene Idee als aus den äussern Tatsachen hervorgehend erscheint und auch durch sie als gültig erwiesen werden kann.

Ebenso wenig aber, wie es dem extravertierten Denken immer gelingt, einen tüchtigen Erfahrungsbegriff den concreten Tatsachen zu entwinden, oder neue Tatsachen zu erschaffen, ebenso wenig glückt es dem introvertierten Denken, sein anfängliches Bild immer auch in eine den Tatsachen angepasste Idee zu übersetzen. Wie in ersterm Falle die rein empirische Tatsachenzusammenhäufung den Gedanken verkrüppelt und den Sinn erstickt, so zeigt das introvertierte Denken eine gefährliche Neigung, die Tatsachen in die Form seines Bildes hineinzuzwängen oder sie gar zu ignorieren, um sein Phantasiebild entrollen zu können. In diesem Fall wird die dargestellte Idee ihre Herkunft aus dem dunkeln archaïschen Bilde nicht verleugnen können. Es wird ihr ein mythologischer Zug anhaften, den man etwa als „Originalität“, und in schlimmem Fällen als Schrullenhaftigkeit deutet, indem ihr archaïscher Charakter den mit mythologischen Motiven unbekannten Fachgelehrten nicht als solcher durchsichtig ist. Die subjektive Überzeugungskraft einer solchen Idee pflegt eine grosse zu sein, wohl umso grösser, je weniger sie mit äussern Tatsachen in Berührung kommt. Obschon es dem, der die Idee vertritt, erscheinen mag, als ob sein spärliches Tatsachenmaterial Grund und Ursache der Glaubwürdigkeit und Gültigkeit seiner Idee wäre, so ist dem doch nicht so, denn die Idee bezieht ihre Überzeugungskraft aus ihrem unbewussten Archetypus, der als solcher allgemeingültig und wahr ist und ewig wahr sein wird. Aber diese Wahrheit ist dergestalt allgemein und dermassen symbolisch, dass sie immer zuerst in die momentan anerkannten und anerkennbaren Erkenntnisse eingehen muss, um eine praktische Wahrheit von einigem Lebenswert zu werden. Was wäre z. B. eine Kausalität, die nirgends in praktischen Ursachen und praktischen Wirkungen erkennbar wäre?

Dieses Denken verliert sich leicht in die immense Wahrheit des subjektiven Faktors. Es schafft Theorien um der Theorie willen, anscheinend in Hinblick auf wirkliche oder wenigstens mögliche Tatsachen, aber mit deutlicher Neigung vom Ideellen zum bloss Bildhaften überzugehen. Dadurch kommen zwar Anschauungen von vielen Möglichkeiten zustande, von denen aber keine zur Wirklichkeit wird, und schliesslich werden Bilder geschaffen, die überhaupt nichts äusserlich Wirkliches mehr ausdrücken, sondern „bloss“ noch Symbole des schlechthin Unerkennbaren sind. Damit wird dieses Denken mystisch und genau so unfruchtbar wie ein Denken, das sich bloss im Rahmen objektiver Tatsachen abspielt. Wie letzteres auf das Niveau des Tatsachenvorstellens hinuntersinkt, so verflüchtigt sich ersteres zum Vorstellen des Unvorstellbaren, das sogar jenseits aller Bildhaftigkeit ist. Das Tatsachenvorstellen ist von unbestreitbarer Wahrheit, denn der subjektive Faktor ist ausgeschlossen, und die Tatsachen beweisen sich aus sich selber. So ist auch das Vorstellen des Unvorstellbaren von subjektiv unmittelbarer, überzeugender Kraft und beweist sich aus seinem eigenen Vorhandensein. Ersteres sagt: Est, ergo est; dagegen letzteres: Cogito, ergo cogito. Das auf die Spitze getriebene introvertierte Denken gelangt zur Evidenz seines eigenen subjektiven Seins, das extravertierte Denken dagegen zur Evidenz seiner völligen Identität mit der objektiven Tatsache. Wie nun dieses durch sein völliges Aufgehen im Objekt sich selber leugnet, so entledigt sich jenes allen und jeglichen Inhaltes und begnügt sich mit seinem blossen Vorhandensein. Damit wird in beiden Fällen das Weiterschreiten des Lebens aus der Denkfunktion herausgedrängt in das Gebiet anderer psychischen Funktionen, welche bis anhin in relativer Unbewusstheit existierten. Die ausserordentliche Verarmung des introvertierten Denkens an objektiven Tatsachen wird compensiert durch eine Fülle unbewusster Tatsachen. Je mehr sich das Bewusstsein mit der Denkfunktion auf einen kleinsten und möglichst leeren Kreis einschränkt, der aber die ganze Fülle der Gottheit zu enthalten scheint, desto mehr bereichert sich die unbewusste Phantasie mit einer Vielheit von archaïsch geformten Tatsachen, einem Pandaemonium magischer und irrationaler Grössen, welche je nach der Art der Funktion, welche die Denkfunktion als Lebensträgerin zunächst ablöst, ein besonderes Gesicht erhalten. Ist es die intuitive Funktion, so wird die „andere Seite“ mit den Augen eines _Kubin_ oder eines _Meyrink_ gesehen. Ist es die Fühlfunktion, so entstehen bisher unerhörte, phantastische Gefühlsbeziehungen und Gefühlsurteile widerspruchsvollen und unverständlichen Charakters. Ist es die Empfindungsfunktion, so entdecken die Sinne Neues, Niezuvorerfahrenes in und ausserhalb des eigenen Körpers. Eine nähere Untersuchung dieser Veränderungen kann unschwer das Hervortreten primitiver Psychologie mit allen ihren Kennzeichen nachweisen. Natürlich ist das Erfahrene nicht bloss primitiv, sondern auch symbolisch und je älter und ursprünglicher es aussieht, desto zukunftswahrer ist es. Denn alles Alte unseres Unbewussten meint Kommendes. Unter gewöhnlichen Umständen glückt nicht einmal der Übergang nach der „andern Seite“, geschweige denn der erlösende Durchgang durch das Unbewusste. Der Übergang wird meistens verhindert durch den bewussten Widerstand gegen die Unterwerfung des Ich unter die unbewusste Tatsächlichkeit, unter die bedingende Realität des unbewussten Objektes. Der Zustand ist eine Dissociation, mit andern Worten eine Neurose mit dem Charakter der innern Aufreibung und der zunehmenden Gehirnerschöpfung, der Psychasthenie.

_2. Der introvertierte Denktypus._

Wie ein _Darwin_ etwa den normalen extravertierten Denktypus darstellen könnte, so könnte man beispielsweise _Kant_ als den gegenüberstehenden normalen introvertierten Denktypus bezeichnen. Wie ersterer in Tatsachen spricht, so beruft sich letzterer auf den subjektiven Faktor. Darwin drängt nach dem weiten Felde objektiver Tatsächlichkeit, Kant dagegen reserviert sich eine Kritik des Erkennens überhaupt. Nehmen wir einen _Cuvier_ und stellen ihn einem _Nietzsche_ gegenüber, so spannen wir die Gegensätze noch schärfer.