Part 42
Wo die Intuition vorherrscht, ergibt sich eine eigenartige, nicht zu verkennende Psychologie. Da sich die Intuition nach dem Objekt orientiert, ist eine starke Abhängigkeit von äussern Situationen erkennbar, jedoch ist die Art der Abhängigkeit von der des Empfindungstypus durchaus verschieden. Der Intuitive findet sich nie dort, wo allgemein anerkannte Wirklichkeitswerte zu finden sind, sondern immer da, wo Möglichkeiten vorhanden sind. Er hat eine feine Witterung für Keimendes und Zukunftversprechendes. Nie findet er sich in stabilen, seit langem bestehenden und wohlgegründeten Verhältnissen von allgemein anerkanntem, aber beschränktem Wert. Da er immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten ist, so droht er in stabilen Verhältnissen zu ersticken. Er erfasst zwar neue Objekte und Wege mit grosser Intensität und mit bisweilen ausserordentlichem Enthusiasmus, um sie ohne Pietät und anscheinend ohne Erinnerung kaltblütig aufzugeben, sobald ihr Umfang festgestellt ist und sie weiter keine beträchtliche Entwicklung mehr vorausahnen lassen. Solange eine Möglichkeit besteht, ist der Intuitive daran gebunden mit Schicksalsmacht. Es ist, als ob sein ganzes Leben in der neuen Situation aufginge. Man hat den Eindruck, und er selber teilt ihn, als ob er soeben die definitive Wendung in seinem Leben erreicht hätte, und als ob er von nun an nichts anderes mehr denken und fühlen könnte. Auch wenn es noch so vernünftig und zweckmässig wäre, auch wenn alle erdenklichen Argumente zu Gunsten der Stabilität sprächen, nichts wird ihn davon abhalten, eines Tages dieselbe Situation, die ihm eine Befreiung und Erlösung schien, als ein Gefängnis zu betrachten und auch demgemäss zu behandeln. Weder Vernunft noch Gefühl können ihn zurückhalten oder von einer neuen Möglichkeit abschrecken, auch wenn sie unter Umständen seinen bisherigen Überzeugungen zuwiderläuft. Denken und Fühlen, die unerlässlichen Komponenten der Überzeugung, sind bei ihm minderdifferenzierte Funktionen, die kein ausschlaggebendes Gewicht besitzen und darum der Kraft der Intuition keinen nachhaltigen Widerstand entgegen zu setzen vermögen. Und doch sind diese Funktionen allein imstande, das Primat der Intuition wirksam zu compensieren, indem sie dem Intuitiven das _Urteil_ geben, das ihm als Typus gänzlich mangelt. Die Moralität des Intuitiven ist weder intellektuell noch gefühlsmässig, sondern er hat seine eigene Moral, nämlich die Treue zu seiner Anschauung und die willige Unterwerfung an ihre Macht. Die Rücksicht auf das Wohlergehen der Umgebung ist gering. Ihr physisches Wohlempfinden ist so wenig wie sein eigenes, ein stichhaltiges Argument. Ebenso wenig ist ein Respekt für die Überzeugungen und Lebensgewohnheiten seiner Umgebung vorhanden, sodass er nicht selten als unmoralischer und rücksichtsloser Abenteurer gilt. Da seine Intuition sich mit äussern Objekten befasst und äussere Möglichkeiten herauswittert, so wendet er sich gerne Berufen zu, wo er seine Fähigkeiten möglichst vielseitig entfalten kann. Viele Kaufleute, Unternehmer, Spekulanten, Agenten, Politiker usw. gehören zu diesem Typus.
Noch häufiger als bei Männern, scheint dieser Typus bei Frauen vorzukommen. In diesem letztern Fall offenbart sich die intuitive Tätigkeit weit weniger beruflich, als vielmehr gesellschaftlich. Solche Frauen verstehen es, alle sozialen Möglichkeiten auszunützen, gesellschaftliche Verbindungen anzuknüpfen, Männer mit Möglichkeiten ausfindig zu machen, um für eine neue Möglichkeit wieder alles aufzugeben.
Es ist ohne weiteres verständlich, dass ein solcher Typus volkswirtschaftlich sowohl wie als Kulturförderer ungemein bedeutsam ist. Wenn er gutgeartet, d. h. nicht zu selbstisch eingestellt ist, so kann er sich als Initiator oder doch wenigstens als Förderer aller Anfänge ungemeine Verdienste erwerben. Er ist ein natürlicher Anwalt aller zukunftversprechenden Minoritäten. Da er, wenn er weniger auf Sachen, als auf Menschen eingestellt ist, gewisse Fähigkeiten und Nützlichkeiten in ihnen ahnungsweise erfasst, so kann er auch Leute „machen“. Niemand wie er hat die Fähigkeit, seinen Mitmenschen Mut zu machen oder Begeisterung einzuflössen für eine neue Sache, auch wenn er sie schon übermorgen wieder verlässt. Je stärker seine Intuition, desto mehr verschmilzt auch sein Subjekt mit der geschauten Möglichkeit. Er belebt sie, er führt sie anschaulich und mit überzeugender Wärme vor, er verkörpert sie sozusagen. Es ist keine Schauspielerei, sondern ein Schicksal.
Diese Einstellung hat ihre grossen Gefahren, denn allzu leicht verzettelt der Intuitive sein Leben, indem er Menschen und Dinge belebt, und eine Fülle des Lebens um sich verbreitet, das aber nicht er, sondern die andern leben. Könnte er bei der Sache bleiben, so kämen ihm die Früchte seiner Arbeit zu, aber nur allzu bald muss er der neuen Möglichkeit nachrennen und seine eben bepflanzten Felder verlassen, die andere ernten werden. Am Ende geht er leer aus. Wenn der Intuitive es aber soweit kommen lässt, so hat er auch sein Unbewusstes gegen sich. Das Unbewusste des Intuitiven hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem des Empfindungstypus. Denken und Fühlen sind relativ verdrängt und bilden im Unbewussten infantil-archaïsche Gedanken und Gefühle, die sich mit denen des Gegentypus vergleichen lassen. Sie treten ebenfalls in Form von intensiven Projektionen zu Tage und sind ebenso absurd wie die des Empfindungstypus, nur fehlt ihnen, wie es mir scheint, der mystische Charakter, sie betreffen meistens concrete, quasi reale Dinge, wie sexuelle, finanzielle und andere Vermutungen, z. B. Krankheitswitterungen. Diese Verschiedenheit scheint von den verdrängten Realempfindungen herzurühren. Diese letztern machen sich in der Regel auch dadurch bemerkbar, dass der Intuitive plötzlich an eine höchst unpassende Frau, oder im entgegengesetzten Fall, an einen unpassenden Mann verhaftet wird, und zwar infolge des Umstandes, dass diese Personen die archaïsche Empfindungssphäre berührt haben. Daraus ergibt sich eine unbewusste Zwangsbindung an ein Objekt von meist unzweifelhafter Aussichtslosigkeit. Ein solcher Fall ist bereits ein Zwangssymptom, das auch für diesen Typus durchaus charakteristisch ist. Er beansprucht eine ähnliche Freiheit und Ungebundenheit wie der Empfindungstypus, indem er seine Entschliessungen keinen rationalen Urteilen unterwirft, sondern einzig und allein der Wahrnehmung der zufälligen Möglichkeiten. Er enthebt sich der Beschränkung durch die Vernunft und verfällt darum in der Neurose dem unbewussten Zwang, der Vernünftelei, Tüftelei und der Zwangsbindung an die Empfindung des Objektes. Im Bewusstsein behandelt er die Empfindung und das empfundene Objekt mit souveräner Überlegenheit und Rücksichtslosigkeit. Nicht dass er etwa meint, rücksichtslos oder überlegen zu sein, er sieht das Objekt, das jedermann sehen kann, einfach nicht und geht darüber hinweg, ähnlich wie der Empfindungstypus; nur sieht letzterer die Seele des Objektes nicht. Dafür rächt sich später das Objekt und zwar in Form von hypochondrischen Zwangsideen, Phobien und allen möglichen absurden Körperempfindungen.
_10. Zusammenfassung der irrationalen Typen._
Ich bezeichne die beiden vorangegangenen Typen als _irrational_ aus dem schon erörterten Grunde, dass sie ihr Tun und Lassen nicht auf Vernunfturteile gründen, sondern auf die absolute Stärke der Wahrnehmung. Ihre Wahrnehmung richtet sich auf das schlechthin Vorkommende, das keiner Auswahl durch Urteil unterliegt. In dieser Hinsicht haben die beiden letztern Typen eine bedeutende Überlegenheit über die beiden erstern, urteilenden Typen. Das objektiv Vorkommende ist gesetzmässig und zufällig. Insofern es gesetzmässig ist, ist es der Vernunft zugänglich, insofern es zufällig ist, ist es der Vernunft unzugänglich. Man könnte auch umgekehrt sagen, dass wir das am Vorkommenden als gesetzmässig bezeichnen, was unserer Vernunft so erscheint, und das als zufällig, worin wir keine Gesetzmässigkeit entdecken können. Das Postulat einer universalen Gesetzmässigkeit bleibt Postulat unserer Vernunft allein, ist aber keineswegs ein Postulat unserer Wahrnehmungsfunktionen. Da sie sich in keinerlei Weise auf das Prinzip der Vernunft und ihres Postulates gründen, so sind sie irrational ihrem Wesen nach. Daher ich auch die Wahrnehmungstypen als ihrem Wesen nach als irrational bezeichne. Es wäre aber ganz unrichtig, darum nun etwa diese Typen als „unvernünftig“ aufzufassen, weil sie das Urteil unter die Wahrnehmung stellen. Sie sind bloss in hohem Masse _empirisch_; sie gründen sich ausschliesslich auf Erfahrung, sogar dermassen ausschliesslich, dass ihr Urteil mit ihrer Erfahrung meistens nicht Schritt halten kann. Aber die Urteilsfunktionen sind trotzdem vorhanden, nur fristen sie ein zum grossen Teil unbewusstes Dasein. Insofern das Unbewusste trotz seiner Abtrennung vom bewussten Subjekt doch immer wieder in die Erscheinung tritt, so machen sich auch im Leben der irrationalen Typen auffallende Urteile und auffallende Wahlakte bemerkbar in Form von anscheinender Vernünftelei, kaltherziger Urteilerei und anscheinend absichtsvoller Auswahl von Personen und Situationen. Diese Züge tragen ein infantiles oder auch primitives Gepräge; bisweilen sind sie auffallend naiv, bisweilen auch rücksichtslos, schroff und gewalttätig. Dem rational Eingestellten könnte es leicht erscheinen, als ob diese Leute ihrem wirklichen Charakter nach rationalistisch und absichtsvoll im schlimmen Sinne wären. Dieses Urteil würde aber bloss für ihr Unbewusstes gelten und keineswegs für ihre bewusste Psychologie, die ganz auf Wahrnehmung eingestellt ist und infolge ihres irrationalen Wesens dem vernünftigen Urteil ganz unfassbar ist. Einem rational Eingestellten kann es schliesslich vorkommen, als ob eine solche Zusammenhäufung von Zufälligkeiten überhaupt den Namen „Psychologie“ nicht verdiene. Der Irrationale macht dies abschätzige Urteil wett durch den Eindruck, den ihm der Rationale macht: er sieht ihn als etwas nur Halblebendiges an, dessen einziger Lebenszweck darin besteht, allem Lebendigen Vernunftfesseln anzulegen und ihm mit Urteilen den Hals zuzuschnüren. Das sind natürlich krasse Extreme, aber sie kommen vor. Vom Urteil des Rationalen könnte der Irrationale leicht als ein Rationaler minderer Güte dargestellt werden, wenn er nämlich aus dem erfasst wird, was ihm passiert. Ihm passiert nämlich nicht das Zufällige -- darin ist er der Meister --, sondern das vernünftige Urteil und die vernünftige Absicht sind die Dinge, die ihm zustossen. Dies ist eine dem Rationalen kaum fassbare Tatsache, deren Unausdenkbarkeit bloss noch dem Erstaunen des Irrationalen gleichkommt, welcher jemanden entdeckt hat, der Vernunftideen höher stellt als das lebendige und wirkliche Vorkommen. Etwas dergleichen erscheint ihm kaum glaubhaft. In der Regel ist es schon hoffnungslos, ihm überhaupt etwas Prinzipielles in dieser Richtung vorsetzen zu wollen, denn eine rationale Verständigung ist ihm genau so unbekannt und sogar widerwärtig, wie dem Rationalen es unausdenkbar erschiene, einen Kontrakt ohne gegenseitige Aussprache und Verpflichtung herzustellen.
Dieser Punkt führt mich auf das Problem der psychischen Beziehung unter den Repräsentanten verschiedener Typen. Die psychische Beziehung wird in der neuern Psychiatrie in Anlehnung an die Sprache der französischen Hypnotistenschule als „Rapport“ bezeichnet. Der Rapport besteht in erster Linie in einem _Gefühl von bestehender Übereinstimmung_, trotz anerkannter Verschiedenheit. Sogar die Anerkennung von bestehenden Verschiedenheiten, ist, insofern sie nur gemeinsam ist, allbereits ein Rapport, ein Übereinstimmungsgefühl. Wenn wir dieses Gefühl vorkommenden Falles in höherm Masse bewusst machen, so entdecken wir, dass es nicht bloss schlechthin ein Gefühl von nicht weiter zu analysierender Beschaffenheit ist, sondern zugleich eine Einsicht oder ein Erkenntnisinhalt, welcher den Punkt der Übereinstimmung in gedanklicher Form darstellt. Diese rationale Darstellung gilt nun ausschliesslich für den Rationalen, keineswegs aber für den Irrationalen, denn sein Rapport basiert nicht im Geringsten auf dem Urteil, sondern auf der Parallelität des Geschehenden, des lebendigen Vorkommens überhaupt. Sein Übereinstimmungsgefühl ist die gemeinsame Wahrnehmung einer Empfindung oder Intuition. Der Rationale würde sagen, der Rapport mit dem Irrationalen beruhe auf reiner Zufälligkeit. Wenn die objektiven Situationen zufälligerweise gerade stimmen, dann komme etwas wie eine menschliche Beziehung zustande, aber niemand wisse, von welcher Gültigkeit oder welcher Dauer diese Beziehung sei. Es ist dem Rationalen ein oft geradezu peinlicher Gedanke, dass die Beziehung genau solange dauert, als die äussern Umstände zufälligerweise eine Gemeinsamkeit aufweisen. Dies kommt ihm als nicht besonders menschlich vor, während der Irrationale gerade darin eine besonders schöne Menschlichkeit sieht. Das Resultat ist, dass der eine den andern als beziehungslos ansieht, als einen Menschen, auf den kein Verlass sei, und mit dem man nie richtig auskommen könne. Zu einem solchen Resultat gelangt man allerdings nur dann, wenn man sich bewusst Rechenschaft abzulegen versucht über die Art der Beziehung zum Mitmenschen. Da eine solche psychologische Gewissenhaftigkeit nicht allzu gewöhnlich ist, so ergibt es sich häufig, dass trotz einer absoluten Standpunktverschiedenheit eine Art Rapport zustande kommt und zwar in folgender Weise: Der eine setzt mit stillschweigender Projektion voraus, dass der andere in wesentlichen Punkten dieselbe Meinung habe, der andere aber ahnt oder empfindet eine objektive Gemeinsamkeit, von welcher aber der erstere keine bewusste Ahnung hat und deren Vorhandensein er auch sofort bestreiten würde, genau so, wie letzterer nie auf den Gedanken verfallen würde, dass seine Beziehung auf einer gemeinsamen Meinung beruhen sollte. Ein solcher Rapport ist das Allerhäufigste; er beruht auf Projektion, welche später zur Quelle von Missverständnissen wird. Die psychische Beziehung in der extravertierten Einstellung reguliert sich immer nach objektiven Faktoren, nach äussern Bedingungen. Das, was einer ist nach innen, ist niemals von ausschlaggebender Bedeutung. Für unsere gegenwärtige Kultur ist die extravertierte Einstellung zum Problem der menschlichen Beziehung im Prinzip massgebend; das introvertierte Prinzip kommt natürlich vor, gilt aber als Ausnahme und appelliert an die Toleranz der Mitwelt.
C. Der introvertierte Typus.
I. Die allgemeine Einstellung des Bewusstseins.
Wie ich bereits unter Abschnitt A I. dieses Kapitels ausführte, unterscheidet sich der introvertierte Typus vom extravertierten dadurch, dass er sich nicht, wie letzterer, vorwiegend am Objekt und am objektiv Gegebenen orientiert, sondern an subjektiven Faktoren. Ich habe im erwähnten Abschnitt u. A. angegeben, dass sich dem Introvertierten zwischen die Wahrnehmung des Objektes und sein eigenes Handeln eine subjektive Ansicht einschiebt, welche verhindert, dass das Handeln einen dem objektiv Gegebenen entsprechenden Charakter annimmt. Dies ist natürlich ein spezieller Fall, der nur beispielsweise angeführt wurde und nur einer einfachen Veranschaulichung dienen sollte. Hier müssen wir selbstverständlich allgemeinere Formulierungen aufsuchen.
Das introvertierte Bewusstsein sieht zwar die äussern Bedingungen, erwählt aber die subjektive Determinante als die ausschlaggebende. Dieser Typus richtet sich daher nach jenem Faktor des Wahrnehmens und Erkennens, welcher die den Sinnesreiz aufnehmende subjektive Disposition darstellt. Zwei Personen sehen z. B. dasselbe Objekt, aber sie sehen es nie so, dass die beiden davon gewonnenen Bilder absolut identisch wären. Ganz abgesehen von der verschiedenen Schärfe der Sinnesorgane und der persönlichen Gleichung bestehen oft tiefgreifende Unterschiede in Art und Mass der psychischen Assimilation des Perceptionsbildes. Während nun der extravertierte Typus sich stets vorwiegend auf das, was ihm vom Objekt zukommt, beruft, stützt sich der Introvertierte vorwiegend auf das, was der äussere Eindruck im Subjekt zur Konstellation bringt. Im einzelnen Fall einer Apperception kann der Unterschied natürlich sehr delikat sein, im ganzen des psychologischen Haushaltes aber macht er sich in höchstem Masse bemerkbar, und zwar in Form eines _Reservates des Ich_. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich betrachte diejenige Ansicht, welche mit _Weininger_ diese Einstellung als philautisch oder m. A. als autoerotisch oder egozentrisch oder subjektivistisch oder egoistisch bezeichnen möchte, als prinzipiell irreführend und entwertend. Sie entspricht dem Vorurteil der extravertierten Einstellung gegenüber dem Wesen des Introvertierten. Man darf nie vergessen -- die extravertierte Ansicht aber vergisst es allzuleicht -- dass alles Wahrnehmen und Erkennen nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv bedingt ist. Die Welt ist nicht nur an und für sich, sondern auch so, wie sie mir erscheint. Ja, wir haben sogar im Grunde genommen gar kein Kriterium, das uns zur Beurteilung einer Welt verhülfe, welche dem Subjekt unassimilierbar wäre. Es hiesse den grossen Zweifel in eine absolute Erkenntnismöglichkeit leugnen, wenn wir den subjektiven Faktor übersähen. Damit geriete man auf den Weg jenes hohlen und schalen Positivismus, welcher die Wende unseres Jahrhunderts verunziert hat, und damit auch in jene intellektuelle Unbescheidenheit, welche der Vorläufer der Gefühlsroheit und einer ebenso stumpfsinnigen als anmassenden Gewalttätigkeit ist. Durch die Überschätzung des objektiven Erkenntnisvermögens verdrängen wir die Bedeutung des subjektiven Faktors, die Bedeutung des Subjektes schlechthin. Was aber ist das Subjekt? Das Subjekt ist der Mensch, wir sind das Subjekt. Es ist krankhaft, zu vergessen, dass das Erkennen ein Subjekt hat, und dass es überhaupt kein Erkennen und darum auch für uns keine Welt gibt, wo nicht einer sagt: „Ich erkenne“, womit er aber allbereits die subjektive Beschränkung alles Erkennens ausspricht. Das Gleiche gilt für alle psychischen Funktionen: sie haben ein Subjekt, das so unerlässlich ist, wie das Objekt. Es ist charakteristisch für unsere derzeitige extravertierte Schätzung, dass das Wort „subjektiv“ gelegentlich fast wie ein Tadel klingt, auf alle Fälle aber als „bloss subjektiv“ eine gefährliche Waffe bedeutet, bestimmt, denjenigen zu treffen, der von der unbedingten Überlegenheit des Objektes nicht restlos überzeugt ist. Wir müssen darum klar darüber sein, was mit dem Ausdruck „subjektiv“ in dieser Untersuchung gemeint ist. Als subjektiven Faktor bezeichne ich jene psychologische Aktion oder Reaktion, welche sich mit der Einwirkung des Objektes zu einem neuen psychischen Tatbestand verschmilzt. Insofern nun der subjektive Faktor seit ältesten Zeiten und bei allen Völkern der Erde in einem sehr hohen Masse sich selber identisch bleibt --, indem elementare Wahrnehmungen und Erkenntnisse sozusagen überall und zu allen Zeiten dieselben sind --, so ist er eine ebenso festgegründete Realität, wie das äussere Objekt. Wenn dem nicht so wäre, so könnte von irgend einer dauerhaften und im wesentlichen sich gleichbleibenden Wirklichkeit gar nicht gesprochen werden, und eine Verständigung mit Überlieferungen wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Insofern ist daher der subjektive Faktor etwas ebenso unerbittlich Gegebenes wie die Ausdehnung des Meeres und der Radius der Erde. Insofern beansprucht auch der subjektive Faktor die ganze Würde einer weltbestimmenden Grösse, die nie und nirgends aus der Rechnung ausgeschlossen werden kann. Er ist das andere Weltgesetz, und wer sich auf ihn gründet, gründet sich auf ebensoviel Sicherheit, auf ebensoviel Dauer und Gültigkeit, als der, der sich auf das Objekt beruft. Wie aber das Objekt und das objektiv Gegebene keineswegs immer dasselbe bleibt, indem es der Hinfälligkeit sowohl wie der Zufälligkeit unterworfen ist, so unterliegt auch der subjektive Faktor der Veränderlichkeit und der individuellen Zufälligkeit. Und damit ist auch sein Wert bloss relativ. Die übermässige Entwicklung des introvertierten Standpunktes im Bewusstsein führt nämlich nicht zu einer bessern und gültigern Verwendung des subjektiven Faktors, sondern zu einer künstlichen Subjektivierung des Bewusstseins, welcher man den Vorwurf des „bloss Subjektiven“ nicht ersparen kann. Es entsteht dadurch ein Gegenstück zu der Entsubjektivierung des Bewusstseins in einer übertriebenen, extravertierten Einstellung, welche _Weiningers_ Bezeichnung „misautisch“ verdient. Weil sich die introvertierte Einstellung auf eine allgemein vorhandene, höchst reale und absolut unerlässliche Bedingung der psychologischen Anpassung stützt, so sind Ausdrücke wie „philautisch“, „egozentrisch“ und dergleichen mehr unangebracht und verwerflich, weil sie das Vorurteil erwecken, dass es sich allemal bloss um das liebe Ich handle. Nichts wäre verkehrter als eine solche Annahme. Man begegnet ihr aber häufig, wenn man die Urteile des Extravertierten über den Introvertierten untersucht. Ich möchte diesen Irrtum allerdings keineswegs dem einzelnen Extravertierten zuschreiben, sondern eher auf Rechnung der gegenwärtig allgemein geltenden extravertierten Ansicht setzen, welche sich nicht auf den extravertierten Typus beschränkt, sondern vom andern, sehr gegen ihn selbst, in gleichem Masse vertreten wird. Letztern trifft sogar mit Recht der Vorwurf, dass er seiner eigenen Art untreu ist, während dies dem erstern wenigstens nicht vorgeworfen werden kann.