Psychologische Typen

Part 37

Chapter 372,905 wordsPublic domain

Der Romantiker hat in der Regel günstigere Möglichkeiten für seine Entwicklung und Entfaltung als der Klassiker, wie Ostwald richtig bemerkt. Er tritt eben sichtbar und überzeugend vor das Publikum, und lässt seine persönliche Bedeutung durch äussere Reaktionen unmittelbar erkennen. Es stellen sich dadurch für ihn rasch viele wertvolle Beziehungen her, welche seine Arbeit befruchten und deren Entwicklung nach der _Breite_[302] hin begünstigen. Umgekehrt bleibt der Klassiker verborgen; der Mangel an persönlichen Beziehungen beschränkt die Ausdehnung seines Arbeitsgebietes, dadurch aber gewinnt seine Tätigkeit an _Tiefe_ und die Frucht seiner Arbeit an Dauerhaftigkeit. Die _Begeisterung_ besitzen beide Typen, jedoch fliesst dem Extravertierten der Mund über, wessen ihm das Herz voll ist, während die Begeisterung dem Introvertierten den Mund schliesst. So entzündet er auch keine Begeisterung in seiner Umgebung, und daher fehlt ihm der Kreis ähnlich gearteter Mitarbeiter. Wenn er auch die Lust und den Drang zur Mitteilung hätte, so schreckt ihn doch der Lakonismus seines Ausdruckes und der dadurch bedingten verständnislosen Verwunderung seines Publikums von weitern Mitteilungen ab, denn sehr oft traut ihm auch niemand zu, dass er etwas irgendwie Außerordentliches mitzuteilen hätte. Sein Ausdruck, seine „personality“ erscheinen dem oberflächlichen Urteil als gewöhnlich, während der Romantiker nicht selten schon von Hause aus „interessant“ aussieht und die Kunst versteht, diesen Eindruck mit erlaubten oder auch unerlaubten Mitteln noch zu unterstreichen. Diese differenzierte Ausdrucksfähigkeit ist ein passender Hintergrund zu bedeutenden Gedanken und hilft dem mangelhaften Verständnis des Publikums entgegenkommend über die Lücken seines Denkens hinweg. Es ist darum durchaus für den Typus zutreffend, wenn Ostwald die erfolgreiche und glänzende Lehrtätigkeit des Romantikers hervorhebt. _Der Romantiker fühlt sich in den Schüler ein_ und weiss darum im richtigen Augenblick das richtige Wort. Der Klassiker dagegen ist bei seinen Gedanken und Problemen und übersieht darum völlig die Schwierigkeiten des Verstehens bei seinem Schüler. Vom Klassiker _Helmholtz_ bemerkt Ostwald[303]: Er ist „trotz seines riesigen Wissens, seiner umfassenden Erfahrung und seines schöpferischen Geistes nie ein guter Lehrer gewesen: er reagierte nicht augenblicklich, sondern erst nach einiger Zeit. Wenn ihm im Laboratorium ein Schüler eine Frage vorgelegt hatte, so versprach er, darüber nachzudenken und brachte auch nach einigen Tagen die Antwort. Diese befand sich aber um eine so weite Strecke von der Stellung des Schülers entfernt, dass dieser nur in den seltensten Fällen den Zusammenhang zwischen der Schwierigkeit, welche er empfunden hatte, und der abgerundeten Theorie eines allgemeinen Problems, die ihm der Lehrer vortrug, herauszubringen vermochte. So fehlte nicht nur die augenblickliche Hilfe, auf die es dem Anfänger am meisten ankommt, sondern auch die unmittelbar auf die Persönlichkeit des Schülers bemessene Führung, durch welche dieser von der anfänglichen natürlichen Unselbständigkeit in kleinen Stufen zu der vollkommenen Beherrschung des gewählten wissenschaftlichen Gebietes entwickelt wird. Alle diese Mängel rühren ganz unmittelbar daher, dass der Lehrer nicht sofort auf das eben aufgetretene Lernbedürfnis zu reagieren vermag, sondern für die erwartete und erwünschte Einwirkung solange Zeit braucht, dass die Wirkung selbst darüber verloren geht.“

Ostwald’s Erklärung durch die Langsamkeit der Reaktion des Introvertierten erscheint mir ungenügend. Es ist nicht nachzuweisen, dass Helmholtz eine geringe Reaktionsgeschwindigkeit besass. Er reagiert bloss nicht nach aussen, sondern nach innen. Er ist in den Schüler nicht eingefühlt, darum versteht er nicht, was der Schüler wünscht. Weil er ganz auf seine Gedanken eingestellt ist, so reagiert er nicht auf den persönlichen Wunsch des Schülers, sondern auf die Gedanken, welche die Frage des Schülers in ihm angeregt hat, und zwar so rasch und gründlich, dass er sofort einen weitern Zusammenhang ahnt, den er im Moment zu überblicken und in abstrakter und ausgearbeiteter Form wiederzugeben unfähig ist, aber nicht, weil er zu langsam denkt, sondern weil es objektiv unmöglich ist, die ganze Ausdehnung des geahnten Problems in einem Augenblick in eine fertige Formel zu fassen. Er merkt natürlich nicht, dass der Schüler keine Ahnung von diesem Problem hat, sondern ist der Meinung, dass es sich um ein Problem handle und nicht um einen für ihn höchst einfachen und billigen Rat, den er ohne weiteres zu erteilen im Stande wäre, wenn er sich nur klar machen könnte, was der Schüler in diesem Moment braucht, um weiter zu kommen. Als Introvertierter ist er aber nicht in die Psychologie des Andern eingefühlt, sondern er ist nach innen, in seine eigenen theoretischen Probleme eingefühlt und spinnt den vom Schüler aufgenommenen Faden dem theoretischen Problem entlang weiter, wohl dem Problem angepasst, nicht aber dem augenblicklichen Bedürfnis des Schülers. Diese eigentümliche Einstellung des introvertierten Lehrers ist in Hinsicht der Lehrtätigkeit natürlich sehr unzweckmässig und auch ungünstig hinsichtlich des persönlichen Eindruckes, den der Introvertierte macht. Er erweckt den Eindruck der Langsamkeit, Sonderbarkeit, ja sogar der Beschränktheit, daher er nicht nur von einem weitern Publikum, sondern auch von seinen engern Fachgenossen sehr oft unterschätzt wird, solange bis seine Gedankenarbeit von spätern Forschern nachgedacht, überarbeitet und übersetzt ist. Der Mathematiker _Gauss_ hatte eine solche Lehrunlust, dass er jedem einzelnen Studenten, der sich bei ihm meldete, die Mitteilung machte, sein Kolleg würde wahrscheinlich nicht zu Stande kommen, um auf diese Weise, der Notwendigkeit, lesen zu müssen, sich zu entledigen. Das Peinliche an der Lehrtätigkeit lag für ihn, wie Ostwald treffend bemerkt, in der „Notwendigkeit, in der Vorlesung wissenschaftliche Resultate aussprechen zu müssen, ohne vorher auf das Eingehendste den Wortlaut festgestellt und ausgefeilt zu haben. Ohne diese Bearbeitung seine Ergebnisse andern mitzuteilen, mag ihm ein Gefühl erregt haben, als sollte er sich Fremden im Nachtgewande zeigen.“[304] Mit dieser Bemerkung berührt Ostwald einen sehr wesentlichen Punkt, nämlich die oben schon erwähnte Abneigung des Introvertierten, andere als ganz unpersönliche Mitteilungen an die Umgebung gelangen zu lassen.

Ostwald hebt hervor, dass der Romantiker in der Regel seine Laufbahn schon relativ frühe abschliessen muss wegen überhandnehmender Erschöpfung. Ostwald ist geneigt, diese Tatsache ebenfalls durch die grössere Reaktionsgeschwindigkeit zu erklären. Da ich der Ansicht bin, dass der Begriff der mentalen Reaktionsgeschwindigkeit wissenschaftlich bei weitem noch nicht geklärt ist, und es bis jetzt keineswegs nachgewiesen ist, auch kaum nachzuweisen sein wird, dass die Reaktion nach aussen rascher erfolgt, als die nach innen, so scheint mir die frühere Erschöpfung des extravertierten Entdeckers wesentlich auf der ihm eigentümlichen Reaktion nach aussen zu beruhen. Er fängt schon sehr frühe an zu publizieren, wird rasch bekannt, entfaltet bald eine intensive publizistische und akademische Tätigkeit, pflegt persönliche Beziehungen zu einem ausgedehnten Freundes- und Bekanntenkreis und nimmt überdies ungewöhnlichen Anteil an der Entwicklung seiner Schüler. Der introvertierte Forscher fängt später an zu publizieren, seine Arbeiten folgen einander in grössern Zwischenräumen, sind meistens spärlicher im Ausdruck, Wiederholungen eines Themas sind vermieden, insofern nicht etwas grundlegend Neues dazu vorgebracht werden kann; infolge des prägnanten Lakonismus der wissenschaftlichen Mitteilung, die häufig alle Angaben über den zurückgelegten Weg oder über die bearbeiteten Materialien vermissen lässt, werden seine Arbeiten nicht verstanden und nicht beachtet und so bleibt der Forscher unbekannt. Seine Lehrunlust sucht keine Schüler, seine mangelnde Bekanntheit schliesst Beziehungen zu einem grössern Bekanntenkreis aus, und daher lebt er in der Regel nicht nur aus Not, sondern auch aus Wahl zurückgezogen, der Gefahr entrückt, sich zu viel auszugeben. Seine Reaktion nach innen führt ihn immer wieder zu den engbegrenzten Wegen seiner Forschertätigkeit, die an sich zwar sehr anstrengend und auf die Dauer ebenfalls erschöpfend wirkt, aber keine Nebenausgaben auf Bekannte und Schüler zulässt. Allerdings fällt erschwerend in Betracht, dass der offenkundige Erfolg des Romantikers auch eine lebenfördernde Erfrischung ist, die dem Klassiker sehr oft versagt bleibt, sodass er seine einzige Befriedigung in der Vollendung seiner Forscherarbeit zu suchen gezwungen ist. Es scheint mir daher, dass die relativ frühzeitige Erschöpfung des romantischen Genies auf der _Reaktion nach aussen_ beruht, und nicht auf der grössern Reaktionsgeschwindigkeit.

Ostwald denkt sich seine Typeneinteilung nicht als absolut in dem Sinne, dass nun jeder Forscher ohne weiteres als dem einen oder andern Typus zugehörig dargestellt werden könnte. Er ist aber der Ansicht, „dass gerade die ganz Grossen“ sich sehr oft auf das bestimmteste in die eine oder andere Endgruppe einreihen lassen, während die „mittlern Leute“ viel häufiger auch die Mittelglieder bezüglich der Reaktionsgeschwindigkeit darstellen.[305]

Zusammenfassend möchte ich bemerken, dass die Ostwaldschen Biographien ein für die Psychologie der Typen zum Teil sehr wertvolles Material enthalten und die Übereinstimmung des romantischen mit dem extravertierten einerseits, und die des klassischen mit dem introvertierten Typus schlagend dartun.

X

Allgemeine Beschreibung der Typen.

X.

Allgemeine Beschreibung der Typen.

=A. Einleitung.=

Im folgenden will ich versuchen, eine allgemeine Beschreibung der Psychologie der Typen zu geben. Zunächst soll dies geschehen für die beiden allgemeinen Typen, die ich als introvertiert und als extravertiert bezeichnet habe. Im Anschluss werde ich dann noch versuchen eine gewisse Charakteristik jener speziellern Typen zu geben, deren Eigenart dadurch zustande kommt, dass das Individuum sich hauptsächlich mittelst der bei ihm am meisten differenzierten Funktion anpasst oder orientiert. Ich möchte erstere als _allgemeine Einstellungstypen_, die sich durch die Richtung ihres Interesses, ihrer Libidobewegung, unterscheiden, letztere dagegen als _Funktionstypen_ bezeichnen.

Die allgemeinen Einstellungstypen unterscheiden sich, wie in den frühern Kapiteln vielfach hervorgehoben wurde, durch ihre eigentümliche Einstellung zum Objekt. Der Introvertierte verhält sich dazu abstrahierend; er ist im Grunde genommen immer darauf bedacht, dem Objekt die Libido zu entziehen, wie wenn er einer Übermacht des Objektes vorzubeugen hätte. Der Extravertierte dagegen verhält sich positiv zum Objekt. Er bejaht dessen Bedeutung in dem Masse, dass er seine subjektive Einstellung beständig nach dem Objekt orientiert und darauf bezieht. Im Grunde genommen hat das Objekt für ihn nie genügend Wert und darum muss dessen Bedeutung erhöht werden. Die beiden Typen sind dermassen verschieden und ihr Gegensatz ist so auffällig, dass ihre Existenz auch dem Laien in psychologischen Dingen ohne weiteres einleuchtend ist, wenn man ihn einmal darauf aufmerksam gemacht hat. Jedermann kennt jene verschlossenen, schwer zu durchschauenden, oft scheuen Naturen, die den denkbar stärksten Gegensatz bilden zu jenen andern offenen, umgänglichen, öfters heitern oder wenigstens freundlichen und zugänglichen Charakteren, die mit aller Welt auskommen oder auch sich streiten, aber doch in Beziehung dazu stehen, auf sie wirken und auf sich wirken lassen. Man ist natürlich geneigt, solche Unterschiede zunächst nur als individuelle Fälle eigenartiger Charakterbildung aufzufassen. Wer aber Gelegenheit hat, viele Menschen gründlich kennen zu lernen, wird unschwer die Entdeckung machen, dass es sich bei diesem Gegensatz keineswegs um isolierte Individualfälle handelt, sondern vielmehr um typische Einstellungen, die weit allgemeiner sind, als eine beschränkte psychologische Erfahrung zunächst annehmen musste. In der Tat handelt es sich, wie die vorausgegangenen Kapitel gezeigt haben dürften, um einen fundamentalen Gegensatz, der bald deutlich, bald undeutlicher ist, immer aber sichtbar wird, wo es sich um Individuen von einigermassen ausgesprochener Persönlichkeit handelt. Solche Menschen treffen wir nicht nur etwa unter den Gebildeten, sondern überhaupt in allen Bevölkerungsschichten an, weshalb sich unsere Typen ebensowohl beim gewöhnlichen Arbeiter und Bauern, wie bei den Höchstdifferenzierten einer Nation nachweisen lassen. Auch der Unterschied des Geschlechtes ändert an dieser Tatsache nichts. Man findet die gleichen Gegensätze auch bei den Frauen aller Bevölkerungsschichten. Eine derart allgemeine Verbreitung könnte wohl kaum vorkommen, wenn es sich um eine Angelegenheit des Bewusstseins, d. h. um eine bewusst und absichtlich gewählte Einstellung handelte. In diesem Falle wäre gewiss eine bestimmte, durch gleichartige Erziehung und Bildung zusammenhängende und dementsprechend lokal begrenzte Bevölkerungsschicht der hauptsächlichste Träger einer solchen Einstellung. Dem ist nun keineswegs so, sondern in geradem Gegenteil dazu verteilen sich die Typen anscheinend wahllos. In derselben Familie ist das eine Kind introvertiert, das andere extravertiert. Da der Einstellungstypus, diesen Tatsachen entsprechend, als allgemeines und anscheinend zufällig verteiltes Phänomen, keine Angelegenheit bewussten Urteils oder bewusster Absicht sein kann, so muss er wohl einem unbewussten, instinktiven Grunde sein Dasein verdanken. Der Typengegensatz muss daher, als ein allgemeines psychologisches Phänomen irgendwie seine biologischen Vorläufer haben.

Die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt ist, biologisch betrachtet, immer ein _Anpassungsverhältnis_, indem jede Beziehung zwischen Subjekt und Objekt modifizierende Wirkungen des einen auf das andere voraussetzt. Diese Modifikationen machen die Anpassung aus. Die typischen Einstellungen zum Objekt sind daher Anpassungsprozesse. Die Natur kennt zwei fundamental verschiedene Wege der Anpassung und der dadurch ermöglichten Fortexistenz der lebenden Organismen: der eine Weg ist die gesteigerte Fruchtbarkeit bei relativ geringer Verteidigungsstärke und Lebensdauer des einzelnen Individuums; der andere Weg ist: Ausrüstung des Individuums mit vielerlei Mitteln der Selbsterhaltung bei relativ geringer Fruchtbarkeit. Dieser biologische Gegensatz scheint mir nicht bloss das Analogon, sondern auch die allgemeine Grundlage unserer beiden psychologischen Anpassungsmodi zu sein. Hier möchte ich mich auf einen allgemeinen Hinweis beschränken, auf die Eigenart des Extravertierten einerseits, sich beständig auszugeben und sich in alles hineinzuverbreiten, und auf die Tendenz des Introvertierten andererseits, sich gegen äussere Ansprüche zu verteidigen, sich möglichst aller Energieausgaben, die sich direkt auf das Objekt beziehen, zu enthalten, dafür aber sich selbst eine möglichst gesicherte und mächtige Position zu schaffen. _Blakes_ Intuition hat die beiden darum nicht übel als den „prolific“ und den „devouring type“ bezeichnet. Wie die allgemeine Biologie zeigt, sind beide Wege gangbar und in ihrer Weise erfolgreich, so auch die typischen Einstellungen. Was der eine durch massenhafte Beziehungen zuwege bringt, erreicht der andere durch ein Monopol.

Die Tatsache, dass gelegentlich schon Kinder in den ersten Lebensjahren die typische Einstellung mit Sicherheit erkennen lassen, nötigt zu der Annahme, dass es keineswegs der Kampf ums Dasein, so wie man ihn allgemein versteht, sein kann, der zu einer bestimmten Einstellung zwingt. Man könnte allerdings, und zwar mit triftigen Gründen, einwenden, dass auch das unmündige Kind, ja sogar der Säugling schon eine psychologische Anpassungsleistung unbewusster Natur zu machen habe, indem besonders die Eigenart der mütterlichen Einflüsse zu spezifischen Reaktionen beim Kinde führe. Dieses Argument kann sich auf unzweifelhafte Tatsachen berufen, wird aber hinfällig durch die Erwähnung der ebenso zweifellosen Tatsache, dass zwei Kinder derselben Mutter schon frühe den entgegengesetzten Typus aufweisen können, ohne dass auch nur im geringsten eine Änderung der Einstellung der Mutter nachzuweisen wäre. Obschon ich unter keinen Umständen die fast unabsehbare Wichtigkeit der elterlichen Einflüsse unterschätzen möchte, so nötigt diese Erfahrung trotzdem zum Schlusse, dass der ausschlaggebende Faktor in der Disposition des Kindes zu suchen ist. Es ist wohl in letzter Linie der individuellen Disposition zuzuschreiben, dass bei möglichster Gleichartigkeit der äussern Bedingungen, das eine Kind diesen, und das andere jenen Typus annimmt. Ich habe hiebei natürlich nur jene Fälle im Auge, welche unter normalen Bedingungen stehen. Unter abnormen Bedingungen, d. h. wo es sich um extreme und daher abnorme Einstellungen bei Müttern handelt, kann den Kindern auch eine relativ gleichartige Einstellung aufgenötigt werden unter Vergewaltigung ihrer individuellen Disposition, die vielleicht einen andern Typus gewählt hätte, wenn keine abnormen äussern Einflüsse störend eingegriffen hätten. Wo eine solche, durch äussern Einfluss bedingte Verfälschung des Typus stattfindet, wird das Individuum später meistens neurotisch, und seine Heilung ist nur möglich durch Herausbildung der dem Individuum natürlicherweise entsprechenden Einstellung.

Was nun die eigenartige Disposition betrifft, so weiss ich darüber nichts zu sagen, als dass es offenbar Individuen gibt, die entweder eine grössere Leichtigkeit oder Fähigkeit haben, oder denen es zuträglicher ist, auf die eine und nicht auf die andere Weise sich anzupassen. Dafür dürften unserer Kenntnis unzugängliche, in letzter Linie physiologische Gründe in Frage kommen. Dass es solche sein könnten, wurde mir wahrscheinlich infolge der Erfahrung, dass eine Umkehrung des Typus das physiologische Wohlbefinden des Organismus unter Umständen schwer beeinträchtigen kann, indem sie meistens eine starke Erschöpfung verursacht.

=B. Der extravertierte Typus.=

Aus Gründen der Übersichtlichkeit und Klarheit der Darstellung ist es nötig, bei der Beschreibung dieses und der folgenden Typen die Psychologie des Bewussten und des Unbewussten auseinanderzuhalten. Wir wenden uns daher zuerst der Beschreibung der _Bewusstseinsphänomene_ zu.

=I. Die allgemeine Einstellung des Bewusstseins.=

Wie bekannt, orientiert sich jedermann an den Daten, die ihm die Aussenwelt vermittelt; jedoch sehen wir, dass dies in einer mehr oder weniger ausschlaggebenden Weise der Fall sein kann. Der eine lässt sich durch die Tatsache, dass es draussen kalt ist, sofort veranlassen, seinen Überzieher anzuziehen, der andere aber findet dies aus Gründen seiner Abhärtungsabsicht überflüssig; der eine bewundert den neuen Tenor, weil alle Welt ihn bewundert, der andere bewundert ihn nicht, nicht etwa darum, weil er ihm missfiele, sondern weil er der Ansicht ist, was alle bewunderten, brauche noch lange nicht bewundernswert zu sein; der eine ordnet sich den gegebenen Verhältnissen unter, weil, wie die Erfahrung zeige, etwas anderes doch nicht möglich sei, der andere aber ist der Überzeugung, dass, wenn es schon tausendmal so gegangen sei, das tausend und erstemal ein neuer Fall vorliege, usw. Der erstere orientiert sich an den gegebenen äussern Tatsachen, der letztere reserviert sich eine Ansicht, welche sich zwischen ihn und das objektiv Gegebene hineinschiebt. Wenn nun die Orientierung am Objekt und am objektiv Gegebenen vorwiegt in der Weise, dass die häufigsten und hauptsächlichsten Entschlüsse und Handlungen nicht durch subjektive Ansichten, sondern durch objektive Verhältnisse bedingt sind, so spricht man von einer extravertierten Einstellung. Ist diese habituell, so spricht man von einem extravertierten Typus. Wenn einer so denkt, fühlt und handelt, mit einem Wort, so lebt, wie es den objektiven Verhältnissen und ihren Anforderungen _unmittelbar_ entspricht, im guten wie im schlechten Sinne, so ist er extravertiert. Er lebt so, dass ersichtlicherweise das Objekt als determinierende Grösse in seinem Bewusstsein eine grössere Rolle spielt als seine subjektive Ansicht. Gewiss hat er subjektive Ansichten, aber ihre determinierende Kraft ist geringer, als die der äussern objektiven Bedingungen. Er erwartet daher auch nie, in seinem eigenen Innern auf irgend welche unbedingten Faktoren zu stossen, indem er solche nur aussen kennt. In epimetheischer Weise erliegt sein Inneres dem äussern Erfordernis, gewiss nicht ohne Kampf; aber das Ende fällt immer zu Gunsten der objektiven Bedingung aus. Sein ganzes Bewusstsein blickt nach aussen, weil ihm die wichtige und ausschlaggebende Determination immer von aussen zukommt. Sie kommt ihm aber so zu, weil er sie von dort erwartet. Aus dieser Grundeinstellung ergeben sich sozusagen alle Eigentümlichkeiten seiner Psychologie, insofern diese nicht entweder auf dem Primat einer bestimmten psychologischen Funktion oder auf individuellen Besonderheiten beruhen.