Part 36
Der hier besprochene Gegensatz ist in hohem Masse charakteristisch für unsere Typen. Der Extravertierte ist gekennzeichnet durch sein Streben nach dem Objekt, durch die Einfühlung in und die Identifikation mit dem Objekt, und seine gewollte Abhängigkeit vom Objekt. Er ist durch das Objekt ebenso sehr beeinflusst, wie er es zu assimilieren strebt. Der Introvertierte dagegen ist gekennzeichnet durch seine anscheinende Selbstbehauptung gegenüber dem Objekt. Er sträubt sich gegen jede Abhängigkeit vom Objekt, er weist die Beeinflussung durch das Objekt ab, ja er empfindet gelegentlich sogar Furcht davor. Umsomehr aber hängt er ab von der Idee, welche ihn vor äusserer Abhängigkeit beschützt und ihm das Gefühl der innern Freiheit gibt, dafür aber auch eine ausgesprochene Machtpsychologie.
g) Der siebente Gegensatz ist _Monismus_ versus _Pluralismus_.
Es ist nach dem Obengesagten ohne weiteres verständlich, dass die Einstellung, die durch die Idee orientiert ist, nach dem Monismus tendiert. Die Idee hat immer hierarchischen Charakter, sei sie nun gewonnen durch Abstraktion aus Vorstellungen und concreten Begriffen, oder sei sie a priori als unbewusste Form existierend. Im erstem Fall ist sie der höchste Punkt des Gebäudes, der gewissermassen alles, was unter ihm liegt, abschliesst und damit umfasst, im letztern Fall ist sie der unbewusste Gesetzgeber, der die Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Denkens reguliert. Beide Male hat die Idee beherrschende Eigenschaft. Obschon eine Mehrzahl von Ideen vorhanden ist, so hat doch jeweils eine Idee für kürzere oder längere Zeit die Oberhand und konstelliert monarchisch die Grosszahl der psychischen Elemente. Umgekehrt ist es ebenso klar, dass die Einstellung, die sich nach dem Objekte orientiert, immer zu einer Mehrzahl von Prinzipien (Pluralismus) neigt, denn die Mannigfaltigkeit der Objekteigenschaften zwingt auch zu einer Mehrzahl von Begriffen und Prinzipien, ohne welche eine Erklärung sich dem Wesen des Objektes nicht anpassen kann.
Die monistische Tendenz gehört zur Introversionseinstellung, die pluralistische Tendenz zur Extraversionseinstellung.
h) Der achte Gegensatz ist _Dogmatismus_ versus _Skeptizismus_.
Es ist auch in diesem Falle leicht einzusehen, dass der Dogmatismus in erster Linie der Einstellung, die der Idee folgt, anhaftet, obschon die unbewusste Verwirklichung der Idee nicht eo ipso Dogmatismus ist. Gleichwohl macht die Art und Weise, wie sich eine unbewusste Idee sozusagen gewaltsam verwirklicht, auf Aussenstehende den Eindruck, als ob der nach Ideen Denkende von einem Dogma ausginge, in dessen starre Schranken der Erfahrungsstoff gepresst wird. Die Einstellung, die sich nach dem Objekt richtet, erscheint selbstverständlich in Bezug auf alle Ideen a priori als skeptisch, denn sie will in erster Linie das Objekt und die Erfahrung zum Worte kommen lassen, unbekümmert um allgemeine Ideen. Der Skeptizismus ist in diesem Sinne sogar eine unerlässliche Vorbedingung aller Empirie.
Auch dieses Gegensatzpaar bestätigt die wesentliche Ähnlichkeit der James’schen Typen mit den meinigen.
=3. Zur Kritik der James’schen Auffassung.=
Wenn ich die James’sche Auffassung kritisiere, so muss ich vor allem hervorheben, dass sie sich fast ausschliesslich mit den Denkqualitäten der Typen beschäftigt. In einem philosophischen Werke ist dies wohl kaum anders zu erwarten. Diese durch den Rahmen bedingte Einseitigkeit gibt aber leicht Anlass zu Verwirrung. Es ist nämlich nicht schwer, diese oder jene Eigenschaften oder sogar einige davon am entgegengesetzten Typus nachzuweisen. Z. B. gibt es Empiriker, die dogmatisch, religiös, idealistisch, intellektualistisch und rationalistisch sind, und umgekehrt gibt es Ideologen, die materialistisch, pessimistisch, deterministisch, und irreligiös sind. Wenn man schon darauf hinweisen kann, dass diese Ausdrücke sehr komplexe Tatbestände bezeichnen, wobei noch sehr verschiedene Nuancen in Frage kommen, so ist damit der Möglichkeit der Verwirrung doch nicht abgeholfen. Die James’schen Ausdrücke sind einzeln genommen zu _weit_ und geben nur in ihrer Gesamtheit ein ungefähres Bild des typischen Gegensatzes, ohne ihn damit aber auf eine einfache Formel zu bringen. Im ganzen sind die James’schen Typen eine wertvolle Ergänzung des Typen-Bildes, das wir aus den übrigen Quellen gewonnen haben. James gebührt das grosse Verdienst, zum ersten Male mit einer gewissen Ausführlichkeit auf die ausserordentliche Bedeutung der Temperamente für die Gestaltung des philosophischen Denkens hingewiesen zu haben. Seine pragmatische Auffassung will die Gegensätze der durch Temperamentunterschied bedingten philosophischen Anschauungen vereinigen. Bekanntlich ist der Pragmatismus eine aus der englischen Philosophie (F. C. S. _Schiller_) stammende, weit verbreitete philosophische Strömung, welche der „Wahrheit“ einen auf ihre praktische Wirksamkeit und Nützlichkeit beschränkten Wert zuerkennt, unter Umständen unbekümmert um ihre Anfechtbarkeit von diesem oder jenem Standpunkt aus. Es ist nun bezeichnend, dass James seine Darstellung dieser philosophischen Ansicht gerade mit dem Typengegensatz einleitet und damit die Notwendigkeit einer pragmatischen Anschauung sozusagen begründet. Damit wiederholt sich jenes Schauspiel, das uns das frühe Mittelalter schon dargeboten hat. Der damalige Gegensatz lautete: Nominalismus versus Realismus, und es war _Abälard_, welcher im Sermonismus oder Conceptualismus eine Vereinigung suchte. Da aber der damaligen Auffassung der psychologische Gesichtspunkt völlig abging, so fiel auch sein Lösungsversuch dementsprechend einseitig logisch-intellektualistisch aus. James greift tiefer, er fasst den Gegensatz psychologisch auf und versucht dementsprechend eine pragmatische Lösung. Man darf sich hinsichtlich des Wertes dieser Lösung allerdings keinen Illusionen hingeben: der Pragmatismus ist nur ein Notbehelf, der solange Anspruch auf Gültigkeit erheben darf, als ausser den durch Temperament gefärbten Erkenntnismöglichkeiten des Intellektes keine andern Quellen aufgeschlossen sind, welche der philosophischen Anschauungsbildung neue Elemente hinzufügen könnten. _Bergson_ hat uns allerdings auf die Intuition und auf die Möglichkeit einer „intuitiven Methode“ hingewiesen. Aber es ist, wie bekannt, beim blossen _Hinweis_ geblieben. Ein _Nachweis_ der Methode fehlt und wird auch so leicht nicht zu erbringen sein, obschon Bergson auf seine Begriffe des „élan vital“ und der „durée créatrice“ als Resultate der Intuition hinweisen darf. Abgesehen von dieser intuitiv erfassten Grundanschauung, die ihre psychologische Berechtigung von der Tatsache herleitet, dass sie schon dem Altertum, speziell dem Neuplatonismus, eine durchaus geläufige Anschauungskombination war, ist die Bergsonsche Methode intellektualistisch und nicht intuitiv. In unvergleichlich höherm Masse hat _Nietzsche_ die intuitive Quelle genützt und sich damit vom blossen Intellekt in seiner philosophischen Anschauungsbildung befreit, allerdings in einer Art und Weise und in einem solchen Grade, dass sein Intuitionismus die Grenzen einer _philosophischen_ Weltanschauung bei weitem überschritt, und zu einer künstlerischen Tat führte, die eine der philosophischen Kritik gutenteils unzugängliche Grösse darstellt. Ich meine damit natürlich den „Zarathustra“ und nicht die philosophischen Aphorismensammlungen, welche einer in erster Linie psychologischen Kritik zugänglich sind, und zwar um ihrer vorwiegend intellektualistischen Methode willen. Wenn man also von einer „intuitiven Methode“ überhaupt sprechen darf, so hat meines Erachtens _Nietzsches_ „Zarathustra“ dafür das beste Exempel gegeben und zugleich die Möglichkeit nichtintellektualistischer und doch philosophischer Problemerfassung schlagend dargetan. Als Vorläufer des _Nietzsche_schen Intuitionismus erscheinen mir _Schopenhauer_ und _Hegel_, ersterer wegen der seine Anschauung ausschlaggebend beeinflussenden _Gefühlsintuition_, letzterer wegen der seinem System zu Grunde liegenden _ideellen_ Intuition. Bei diesen beiden Vorläufern stand -- wenn dieser Ausdruck mir gestattet ist -- die Intuition unterhalb des Intellektes, bei _Nietzsche_ jedoch oberhalb.
Der Gegensatz der beiden „Wahrheiten“ erfordert zunächst eine pragmatische Einstellung, wenn man überhaupt dem andern Standpunkt gerecht werden will. So unerlässlich die pragmatische Methode ist, so setzt sie doch zuviel Resignation voraus und so verbindet sie sich fast unausweichlich mit einem Mangel an schöpferischer Gestaltung. Die Lösung des Konfliktes der Gegensätze aber erfolgt weder durch logisch-intellektualistische Kompromissbildung wie im Conceptualismus, noch durch pragmatische Bemessung des praktischen Wertes logisch unvereinbarer Anschauungen, sondern einzig und allein in der positiven Schöpfung oder Tat, welche die Gegensätze als nötige Elemente der Koordination in sich aufnimmt, so wie eine koordinierte Muskelbewegung immer auch die Innervation der Antagonisten in sich begreift. Der Pragmatismus kann darum nichts anderes sein, als eine Übergangseinstellung, welche der schöpferischen Tat den Weg bereiten soll durch die Beseitigung von Vorurteilen. Den neuen Weg, den der Pragmatismus vorbereitet, und auf den Bergson hinweist, hat, wie es mir scheint, die deutsche -- allerdings nicht akademische -- Philosophie bereits beschritten: es ist _Nietzsche_, der mit der ihm eigenen Gewaltsamkeit diese verschlossene Türe aufgebrochen hat. Seine Tat führt über das Unbefriedigende der pragmatischen Lösung hinaus und zwar ebenso gründlich, wie die pragmatische Anerkennung des Lebenswertes einer Wahrheit die trockene Einseitigkeit des unbewussten Conceptualismus der nachabälardschen Philosophie überwunden -- und noch zu überwinden hat.
IX
Das Typenproblem in der Biographik.
IX.
Das Typenproblem in der Biographik.
Wie man fast erwarten darf, liefert auch das Gebiet der _Biographik_ seinen Beitrag zum Problem der psychologischen Typen. Es ist der naturwissenschaftlichen Methodik eines _Wilhelm Ostwald_[294] zu verdanken, dass durch die Vergleichung einer Anzahl von Biographien hervorragender Naturforscher sich eine typische psychologische Gegensätzlichkeit herausgestellt hat, welche Ostwald als den _klassischen und den romantischen Typus_ bezeichnet.[295] „Während der erste“, sagt Ostwald, „durch die allseitige Vollendung jeder einzelnen Leistung, aber gleichzeitig durch ein zurückgezogenes Wesen und eine geringe persönliche Wirksamkeit auf seine Umgebung gekennzeichnet ist, fällt der Romantiker durch die entgegengesetzten Eigenschaften auf. Nicht sowohl Vollendung der einzelnen Arbeit, als Mannigfaltigkeit und auffallende Originalität zahlreicher, schnell aufeinanderfolgender Leistungen ist ihm eigen, und auf seine Zeitgenossen pflegt er unmittelbar und stark einzuwirken.“ „Und es soll betont werden, dass die mentale Reaktionsgeschwindigkeit massgebend dafür ist, ob der Entdecker dem einen Typus oder dem andern zugehört. Forscher mit sehr grosser Reaktionsgeschwindigkeit sind Romantiker, solche mit geringer sind Klassiker.“[296] Der Klassiker hat eine langsame Produktionsweise und bringt zuweilen erst relativ spät die reifsten Früchte seines Geistes hervor.[297] Ein nach Ostwald nie fehlendes Kennzeichen des klassischen Typus ist das „unbedingte Bedürfnis, der Öffentlichkeit gegenüber frei von Irrtum dazustehen“.[298] Dem klassischen Typus ist als Ersatz für die „mangelnde persönliche Wirkung eine umso ausgiebigere durch die Schrift gewährt“.[299] Allerdings scheinen dieser Wirkung auch Grenzen gesteckt zu sein, wie der folgende, von Ostwald erwähnte Fall aus der Biographie von _Helmholtz_ erkennen lässt: Anlässlich der mathematischen Untersuchungen von Helmholtz über die Wirkungen von Induktionsschlägen schreibt _Du Bois-Reymond_ an den Forscher: „Du musst -- nimm es mir nicht übel -- durchaus mehr Sorgfalt darauf wenden, von Deinem eigenen Standpunkt des Wissens zu abstrahieren, und Dich auf den Standpunkt derer zu stellen, die noch nicht wissen, um was es sich handelt, und was Du ihnen auseinandersetzen willst.“ Helmholtz antwortete dagegen: „Was die Darstellung in dem Aufsatze anlangt, so hat sie mir gerade diesmal viel Mühe gemacht, und ich glaubte zuletzt, mit ihr zufrieden sein zu dürfen.“ Ostwald bemerkt dazu: „Auf die Frage nach dem Leser geht er gar nicht ein, da er nach Art des Klassikers _für sich selbst schreibt_, d. h. so, dass die Darstellung ihm einwandfrei erscheint, und nicht für andere.“ Es ist charakteristisch, was Du Bois in demselben Brief an Helmholtz schreibt: „Ich habe Deine Abhandlung und den Auszug ein paar Mal durchgelesen, ohne zu begreifen, was Du eigentlich gemacht hattest, und wie Du es gemacht hattest. Endlich erfand ich selbst Deine Methode, und nun verstand ich erst allmählich Deine Darstellung.“
Dieser Fall ist im Leben des klassischen Typus, dem es selten oder nie glückt, „gleichgeartete Seelen an der seinen zu entzünden“[300], ein durchaus typisches Vorkommnis und zeigt, dass die ihm zuerkannte Wirkung durch die Schrift wohl hauptsächlich davon herrührt, dass er in der Regel erst posthum wirkt, d. h. wenn er aus seinen Schriften nachentdeckt wird, wie es etwa _Robert Mayer_ gegangen ist. Auch seinen Schriften scheint sehr oft die überzeugende, zündende, unmittelbar persönliche Wirkung abzugehen, denn die Schrift ist schliesslich ein ebenso persönlicher Ausdruck, wie die Konversation oder der Vortrag. Die durch die Schrift vermittelte Wirkung des Klassikers beruht also weniger auf den äussern anregenden Qualitäten seiner Schrift, als vielmehr auf den Umstand, dass die Schrift schliesslich das einzige ist, was von ihm übrig bleibt und woraus sich nachträglich rekonstruieren lässt, was die Leistung des Mannes war. Denn es scheint eine auch aus der Beschreibung Ostwalds hervorgehende Tatsache zu sein, dass der Klassiker selten mitteilt, was er tut, und wie er es tut, sondern was er erreicht hat, ohne Rücksicht darauf, dass sein Publikum keine Ahnung von seinem Wege besitzt. Es scheint, dass für den Klassiker der Weg, die Art und Weise seines Schaffens von geringerer Bedeutung sind, weil sie mit seiner Persönlichkeit, die er im Hintergrund hält, auf’s innigste verknüpft sind.
Ostwald vergleicht seine beiden Typen den 4 alten Temperamenten[301] und zwar hinsichtlich der ihm fundamental erscheinenden Eigentümlichkeit der langsamen und der geschwinden Reaktion. Die langsame Reaktion entspricht dem phlegmatischen und melancholischen Temperament, die geschwinde Reaktion dem sanguinischen und cholerischen. Er betrachtet den sanguinischen und den phlegmatischen Typus als die normalen Mitteltypen, während ihm der cholerische und der melancholische Typus als krankhafte Übertreibung der Grundcharaktere erscheinen. Es ist, wenn man die Biographien von _Humphry Davy_ und _Liebig_ einerseits und von _Robert Mayer_ und _Faraday_ andererseits überblickt, tatsächlich leicht, zu erkennen, dass erstere zugleich ausgesprochene „Romantiker“ _und_ sanguinisch-cholerisch, letztere dagegen ebenso deutliche „Klassiker“ _und_ phlegmatisch-melancholisch sind. Diese Überlegung Ostwalds erscheint mir als durchaus überzeugend, denn die 4 alten Temperamente sind sehr wahrscheinlich nach dem gleichen Erfahrungsprinzip konstruiert worden, nachdem Ostwald auch den klassischen und romantischen Typus aufgestellt hat. Die 4 Temperamente sind offenbare Unterscheidungen nach dem Gesichtspunkt der Affektivität, d. h. der in Erscheinung tretenden affektiven Reaktionen. Diese Klassifikation ist aber, vom psychologischen Standpunkt aus, _oberflächlich_; sie urteilt ausschliesslich nach der äussern Erscheinung. Nach dieser alten Einteilung gehört ein Mensch, der sich äusserlich ruhig und unauffällig benimmt, zum phlegmatischen Temperament. Er gilt als „phlegmatisch“ und wird damit eingereiht bei den Phlegmatikern. In Wirklichkeit aber kann es so sein, dass er alles ist, nur kein Phlegmatiker, sondern sogar eine empfindsame, ja leidenschaftliche Natur, bei der die Emotion ganz nach innen verläuft, und die stärkste innere Erregung sich durch die grösste äussere Ruhe ausdrückt. Dieser Tatsache trägt die _Jordan_sche Typenauffassung Rechnung. Sie urteilt nicht nach dem oberflächlichen Eindruck, sondern nach einer tiefern Erfassung der menschlichen Natur. Ostwalds fundamentales Unterscheidungsmerkmal beruht, wie die alte Temperamenteinteilung, auf dem äussern Eindruck. Sein „romantischer“ Typus ist charakterisiert durch die Tatsache _rascher Reaktion nach aussen_. Der „klassische“ Typus reagiert vielleicht ebenso rasch, aber eben _nach innen_. Wenn man die Ostwaldschen Biographien, durchgeht, so sieht man ohne weiteres, dass der „romantische“ Typus dem extravertierten, und der „klassische“ Typus dem introvertierten entspricht. _Humphry Davy_ und _Liebig_ sind Schulbeispiele für den extravertierten Typus, wie _Rob. Mayer_ und _Faraday_ für den introvertierten Typus. Das Reagieren nach aussen ist für den Extravertierten charakteristisch, wie das Reagieren nach innen für den Introvertierten. Der Extravertierte hat keine besondern Schwierigkeiten in seiner persönlichen Äusserung, er bringt seine Gegenwart fast unwillkürlich zur Geltung, weil er seiner ganzen Natur nach dahin strebt, sich dem Objekt zu übertragen. Er gibt sich leicht an die Umwelt aus und zwar notwendigerweise in einer der Umgebung fasslichen und darum akzeptabeln Form. Die Form ist in der Regel gefällig, jedenfalls aber verständlich, auch wenn sie unangenehm ist. Denn es gehört zum raschen Reagieren und Entäussern, dass nicht nur Wertvolles, sondern auch Wertloses dem Objekt übertragen wird, neben Gewinnendem auch abstossende Gedanken und Affekte. Wegen der raschen Entäusserung und Übertragung sind die Inhalte wenig überarbeitet und darum leicht verständlich und schon aus der bloss zeitlichen Aneinanderreihung der unmittelbaren Äusserungen entsteht eine Stufenfolge von Bildern, welche dem Publikum deutlich den begangenen Weg und die Art und Weise, wie der Forscher zu seinem Resultat gelangt, dartun. Der Introvertierte dagegen, der zunächst bloss nach innen reagiert, entäussert sich in der Regel seiner Reaktionen nicht (Affektexplosionen ausgenommen!). Er verschweigt seine Reaktionen, die aber ebenso rasch sein können wie die des Extravertierten. Sie treten darum nicht in die Erscheinung, und daher macht der Introvertierte leicht den Eindruck der Langsamkeit. Weil unmittelbare Reaktionen immer stark persönlich sind, so kann der Extravertierte gar nicht anders als seine Persönlichkeit erscheinen zu lassen. Der Introvertierte dagegen versteckt seine Persönlichkeit, indem er seine unmittelbaren Reaktionen verschweigt. Er strebt nicht nach Einfühlung, nach Übertragung seiner Inhalte auf das Objekt, sondern nach Abstraktion vom Objekt. Er zieht es darum vor, statt seine Reaktionen unmittelbar zu entäussern, sie innerlich lange zu bearbeiten, um dann mit einem fertigen Resultat herauszutreten. Er strebt darnach sein Resultat vom Persönlichen möglichst zu befreien und als von jeder persönlichen Beziehung klar unterschieden darzustellen. Seine Inhalte treten daher an die Aussenwelt in möglichst abstrahierter und depersonalisierter Form als Resultate langer innerer Arbeit. Damit sind sie aber auch schwerverständlich geworden, weil dem Publikum jegliche Kenntnis der Vorstufen und der Art und Weise, wie der Forscher zu seinem Resultat gelangte, fehlt. Dem Publikum fehlt auch die persönliche Beziehung, weil der Introvertierte sich verschweigt und dadurch seine Persönlichkeit ihm verhüllt. Es sind aber gerade die persönlichen Beziehungen, welche sehr oft da ein Verständnis ermöglichen, wo das intellektuelle Begreifen versagt. Dieser Umstand muss immer sorgfältig berücksichtigt werden, wo es sich um die Beurteilung der Entwicklung eines Introvertierten handelt. Man ist über den Introvertierten in der Regel schlecht informiert, denn man kann ihn nicht sehen. Weil er nicht unmittelbar nach aussen reagieren kann, so tritt auch seine Persönlichkeit nicht hervor. Sein Leben lässt daher dem Publikum immer Spielraum zu phantastischen Deutungen und Projektionen, wenn er -- z. B. vermöge seiner Leistungen -- überhaupt je zum Gegenstand des allgemeinen Interesses wird.
Wenn daher _Ostwald_ sagt, dass die _geistige Frühreife_ für den Romantiker charakteristisch sei, so müssen wir hinzufügen, dass der Romantiker seine Frühreife eben zeigt, während der Klassiker vielleicht ebenso frühreif sein kann, seine Produkte aber in sich verschliesst, nicht aus Absicht, sondern aus Unvermögen, sich ihrer unmittelbar zu entäussern. Wegen der mangelhaften Gefühlsdifferenzierung haftet dem Introvertierten noch sehr lange eine gewisse Linkischkeit an, ein eigentlicher Infantilismus der persönlichen Beziehung, d. h. desjenigen Elementes, das der Engländer als „personality“ bezeichnet. Seine persönliche Äusserung ist dermassen unsicher und unbestimmt, und er selber in dieser Hinsicht dermassen empfindlich, dass er es nur mit einem ihm vollendet erscheinenden Produkt wagen kann, sich der Umgebung zu zeigen. Auch zieht er es vor, sein Produkt für ihn sprechen zu lassen, anstatt dass er persönlich für sein Produkt eintritt. Aus dieser Einstellung ergibt sich natürlich eine so grosse Verzögerung seines Erscheinens auf der Szene der Welt, dass man ihn leicht als _spätreif_ bezeichnen kann. Ein solch oberflächliches Urteil aber übersieht völlig den Umstand, dass der Infantilismus des scheinbar Frühreifen und nach aussen Differenzierten einfach innen ist, in seiner Beziehung zu seinem Innern. Diese Tatsache offenbart sich erst später im Leben des Frühreifen, z. B. in Form einer moralischen Unreife, oder, was sehr häufig der Fall ist, in einem auffälligen Infantilismus des Denkens.