Part 33
Wie Worringer sagt, sind es gerade orientalische Kunstformen und Religionen, welche die abstrahierende Einstellung zur Welt zeigen. Dem Orientalen muss also im allgemeinen die Welt anders erscheinen, als dem Okzidentalen, der mit Einfühlung sein Objekt beseelt. Dem Orientalen ist das Objekt a priori belebt, es hat die Übermacht über ihn, weshalb er sich davor zurückzieht und seine Eindrücke abstrahiert. Einen trefflichen Einblick in die orientalische Einstellung gewährt _Buddha_ in der „Feuerpredigt“, wo er sagt: „Alles steht in Flammen. Das Auge und alle Sinne stehen in Flammen, durch das Feuer der Liebe, durch das Feuer des Hasses, durch das Feuer der Betörung entzündet; durch Geburt, Alter und Tod, Schmerz und Klagen, Kummer, Leid und Verzweiflung ist es entzündet. -- Die ganze Welt steht in Flammen; die ganze Welt ist in Rauch gehüllt, die ganze Welt wird vom Feuer verzehrt; die ganze Welt erbebt.“ Dieser schreckhafte und leidvolle Anblick der Welt ist es, der den Buddhisten zu seiner abstrahierenden Einstellung veranlasst, wie ja auch Buddha der Legende nach durch einen ähnlichen Eindruck zu seiner Laufbahn gekommen ist. Die dynamische Belebung des Objektes als Grund zur Abstraktion ist in der symbolischen Sprache Buddhas treffend zum Ausdruck gebracht. Diese Belebung beruht nicht auf Einfühlung, sondern entspricht einer aprioristischen unbewussten Projektion, einer Projektion, die eigentlich von vornherein existiert. Der Ausdruck „Projektion“ erscheint sogar als ungeeignet, das Phänomen richtig zu bezeichnen. Projektion ist eigentlich ein Akt, der geschieht, und nicht ein von vornherein vorhandener Zustand, um den es sich aber hier offenbar handelt. M. E. ist für diesen Zustand _Lévy-Bruhls_ Begriff der „participation mystique“ eher kennzeichnend, indem dieser Begriff die ursprüngliche Bezogenheit des Primitiven auf sein Objekt formuliert. Seine Objekte sind nämlich dynamisch belebt, mit Seelenstoff oder -kraft geladen (durchaus nicht immer beseelt, wie die animistische Hypothese annimmt!), und haben darum eine unmittelbare psychische Wirkung auf den Menschen, welche daher kommt, dass der Mensch gleichsam dynamisch identisch ist mit seinem Objekt. In gewissen primitiven Sprachen haben daher die Gebrauchsgegenstände belebtes Geschlecht (das Suffix des Belebtseins). In ähnlicher Weise ist für die abstrahierende Einstellung das Objekt a priori belebt und selbsttätig und bedarf der Einfühlung nicht, im Gegenteil, es wirkt so stark beeinflussend, dass es zur Introversion zwingt. Die starke unbewusste Libidobesetzung des Objektes rührt her von seiner „participation mystique“ mit dem Unbewussten des introvertiert Eingestellten. Das geht aus den Worten Buddhas klar hervor: das Weltfeuer ist identisch mit dem Feuer der Libido des Subjektes, mit seiner brennenden Leidenschaft, die ihm aber als Objekt erscheint, weil er sie nicht zur subjektiv disponibeln Funktion differenziert hat. Die Abstraktion erscheint daher als eine Funktion, welche die ursprüngliche „participation mystique“ bekämpft. Sie trennt vom Objekte, um die Verkettung mit ihm aufzuheben. Sie führt einerseits zur Schaffung von Kunstformen, andererseits zu der Erkenntnis des Objektes. Gleichermassen ist auch die Funktion der Einfühlung ein Organ des Kunstschaffens sowohl als auch der Erkenntnis. Aber sie findet auf einer ganz andern Basis statt als die Abstraktion. Wie diese gegründet ist auf die magische Bedeutung und Gewalt des Objektes, so ist die Einfühlung gegründet auf die magische Bedeutung des Subjektes, das sich mittelst _mystischer Identifikation_ des Objektes bemächtigt. Wie der Primitive einerseits magisch beeinflusst ist durch die Kraft des Fetisch, so ist er andererseits auch der Zauberer und der Akkumulator der magischen Kraft, der dem Fetisch „Ladung“ erteilt. (Vergl. dazu den Churingaritus der Australier.[272]) Die unbewusste Depotenzierung des Objektes, die dem Einfühlungsakt vorausgeht, ist ebenfalls ein dauernder Zustand einer geringern Betonung des Objektes. Dafür sind aber beim Einfühlenden die unbewussten Inhalte mit dem Objekt identisch und lassen es unbelebt und unbeseelt erscheinen[273], weshalb die Einfühlung zur Erkenntnis des Wesens des Objektes nötig wird. Man könnte also in diesem Fall von einer beständig vorhandenen unbewussten Abstraktion reden, welche das Objekt als unbeseelt darstellt. Denn die Abstraktion hat immer diese Wirkung: sie tötet die Eigentätigkeit des Objektes, soweit diese magisch auf die Seele des Subjektes bezogen ist. Daher wendet sie der Abstrahierende bewusst an, um sich vor der magischen Beeinflussung durch das Objekt zu schützen. Aus dem aprioristischen Unbelebtsein der Objekte geht auch das Vertrauensverhältnis des Einfühlenden zur Welt hervor: es ist nichts da, was ihn feindlich zu beeinflussen und zu unterdrücken vermöchte, denn er allein erteilt dem Objekt Leben und Seele, obschon seinem Bewusstsein die Sache gerade umgekehrt zu liegen scheint. Im Gegensatz dazu ist dem Abstrahierenden die Welt erfüllt mit mächtig wirkenden und deshalb gefährlichen Objekten, weshalb er Furcht empfindet und sich, seiner Ohnmacht bewusst, von der zu nahen Berührung mit der Welt zurückzieht, um jene Gedanken und Formeln zu erzeugen, mit denen er die Oberhand zu erlangen hofft. Seine Psychologie ist darum die des Unterdrückten, während der Einfühlende mit aprioristischer Sicherheit dem Objekt gegenüber tritt, denn das Objekt ist wegen seiner Unbelebtheit ungefährlich. Natürlich ist diese Charakterisierung schematisch und will durchaus nicht das ganze Wesen der extravertierten oder introvertierten Einstellung charakterisieren, sondern bloss gewisse Nuancen hervorheben, die aber immerhin eine nicht unerhebliche Bedeutung haben.
Wie der Einfühlende im Objekt sich selbst geniesst, ohne dessen bewusst zu sein, so schaut der Abstrahierende, indem er über den ihm vom Objekt zukommenden Eindruck nachdenkt, sich selbst, ohne es zu wissen. Denn was der Einfühlende ins Objekt überträgt, ist er selbst, d. h. sein eigener unbewusster Inhalt, und was der Abstrahierende über seinen Eindruck vom Objekt denkt, das denkt er über seine eigenen Gefühle, die ihm am Objekt erschienen sind. Es ist daher klar, dass zu einer wirklichen Erfassung des Objektes beide Funktionen gehören, wohl auch zu einem wirklichen Kunstschaffen. Beide Funktionen sind auch immer im Individuum vorhanden, nur sind sie meistens ungleichmässig differenziert. Worringer sieht als gemeinsame Wurzel dieser beiden Grundformen des ästhetischen Erlebens den Drang nach _Selbstentäusserung_.[274] Bei der Abstraktion strebt der Mensch darnach „in der Betrachtung eines Notwendigen und Unverrückbaren erlöst zu werden vom Zufälligen des Menschseins überhaupt, von der scheinbaren Willkür der allgemeinen organischen Existenz.“ Gegenüber der verwirrenden und eindrucksvollen Fülle der belebten Objekte schafft sich der Mensch eine Abstraktion, d. h. ein abstraktes allgemeines Bild, welches die Eindrücke in gesetzmässige Form bannt. Dieses Bild hat die magische Bedeutung eines Schutzes gegen den chaotischen Wechsel des Erlebens. Der Mensch versenkt sich in dieses Bild und verliert sich so daran, dass er seine abstrakte Wahrheit schliesslich über die Realität des Lebens stellt und damit das Leben, das den Genuss der abstrakten Schönheit stören könnte, überhaupt unterdrückt. Er erhebt sich damit selber zu einer Abstraktion, er identifiziert sich mit der ewigen Gültigkeit seines Bildes und erstarrt darin, indem es ihm gewissermassen zu einer erlösenden Formel wird. Auf diese Weise entäussert er sich seiner selbst und überträgt sein Leben seiner Abstraktion, in der es gewissermassen kristallisiert. Indem der Einfühlende aber seine Tätigkeit, sein Leben in das Objekt einfühlt, so begibt er sich damit ebenfalls ins Objekt, insofern der eingefühlte Inhalt einen wesentlichen Teil des Subjektes darstellt. Er wird zum Objekt, er identifiziert sich damit und kommt auf diese Weise von sich selbst los. Indem er sich objektiviert, entsubjektiviert er sich. Worringer[275] sagt: „Indem wir aber diesen Tätigkeitswillen in ein anderes Objekt einfühlen, _sind_ wir in dem andern Objekt. Wir sind von unserm individuellen Sein erlöst, solange wir mit unserm Erlebensdrang in ein äusseres Objekt, in einer äussern Form aufgehen. Wir fühlen gleichsam unsere Individualität in feste Grenzen einfliessen gegenüber der grenzenlosen Differenziertheit des individuellen Bewusstseins. In dieser Selbstobjektivierung liegt eine Selbstentäusserung. Diese Bejahung unseres individuellen Tätigkeitsbedürfnisses stellt gleichzeitig eine Beschränkung seiner unbegrenzbaren Möglichkeiten, eine Verneinung seiner unvereinbaren Differenziertheiten dar. Wir ruhen mit unserm innern Tätigkeitsdrange in den Grenzen dieser Objektivierung aus.“ Wie für den Abstrahierenden das abstrakte Bild eine Fassung, eine Schutzmauer gegenüber den auflösenden Wirkungen der unbewusst belebten Objekte[276] darstellt, so ist für den Einfühlenden die Übertragung auf das Objekt ein Schutz gegenüber der Auflösung durch innere subjektive Faktoren, welche in grenzenlosen Phantasiemöglichkeiten und entsprechenden Tätigkeitsantrieben bestehen. Wie nach _Adler_ der introvertierte Neurotische sich an eine „fiktive Leitlinie“ klammert, so klammert sich der extravertierte Neurotische an sein Übertragungsobjekt. Der Introvertierte hat seine „Leitlinie“ abstrahiert aus seinen guten und schlechten Erfahrungen am Objekt, und vertraut sich der Formel an als einem Schutzmittel gegenüber den grenzenlosen Möglichkeiten des Lebens.
Einfühlung und Abstraktion, Extraversion und Introversion sind Anpassungs- und Schutzmechanismen. Insofern sie Anpassung ermöglichen, schützen sie den Menschen vor äussern Gefahren. Insofern es _gerichtete Funktionen_[277] sind, befreien sie den Menschen vom zufällig Triebhaften, ja, sie schützen ihn sogar davor, indem sie ihm eine _Selbstentäusserung_ ermöglichen. Wie die alltägliche psychologische Erfahrung zeigt, gibt es sehr viele Menschen, die sich ganz mit ihrer gerichteten Funktion (der „wertvollen“ Funktion) identifizieren, das sind eben u. a. die hier besprochenen Typen. Die Identifikation mit der gerichteten Funktion hat den (unbestreitbaren Vorteil, dass man sich damit den collektiven Erwartungen und Forderungen am besten anpasst und dabei erst noch seinen minderwertigen, nicht differenzierten und nicht gerichteten Funktionen aus dem Wege gehen kann durch Selbstentäusserung. Die „Selbstlosigkeit“ ist zudem vom Standpunkt der sozialen Moralität eine besondere Tugend. Auf der andern Seite jedoch liegt der grosse Nachteil der Identifikation mit der gerichteten Funktion, nämlich die _Degeneration des Individuums_. Der Mensch ist zweifellos einer weitgehenden Mechanisierung fähig, aber doch nicht in dem Masse, dass er sich selbst gänzlich, ohne Schaden zu leiden, aufgeben könnte. Je mehr er sich nämlich mit der einen Funktion identifiziert, desto mehr besetzt er sie mit Libido und desto mehr entzieht er die Libido den andern Funktionen. Sie ertragen zwar während längerer Zeit auch einen weitgehenden Libidoentzug; einmal aber reagieren sie doch. Indem ihnen nämlich die Libido entzogen wird, geraten sie allmählich unter die Bewusstseinsschwelle, ihr associativer Zusammenhang mit dem Bewusstsein lockert sich und dadurch versinken sie allmählich ins Unbewusste. Dies ist gleichbedeutend mit einer Regressiventwicklung, nämlich einem Zurückgehen der relativ entwickelten Funktion auf infantile und zuletzt auf archaïsche Stufe. Da der Mensch aber nur relativ wenige Jahrtausende in kultiviertem Zustand zugebracht hat, dagegen viele Hunderttausende von Jahren in unkultiviertem Zustand, so sind demgemäss in ihm die archaïschen Funktionsweisen noch ausserordentlich lebensfähig und leicht wiederzubeleben. Wenn nun gewisse Funktionen durch Libidoentzug desintegriert werden, so treten ihre archaïschen Grundlagen im Unbewussten in Funktion. Dieser Zustand bedeutet eine Dissociation der Persönlichkeit, indem die archaïschen Funktionen keine direkten Beziehungen zum Bewusstsein haben, also keine gangbaren Brücken existieren zwischen Bewusst und Unbewusst. Je weiter daher die Selbstentäusserung geht, desto weiter schreitet auch die Archaïsierung der unterbetonten Funktionen. Damit wächst auch die Bedeutung des Unbewussten. Dann fängt das Unbewusste an, die gerichtete Funktion symptomatisch zu stören, und damit beginnt jener charakteristische Circulus vitiosus, dem wir bei so manchen Neurosen begegnen: der Mensch versucht die unbewusst störenden Einflüsse durch besondere Leistungen der gerichteten Funktion zu compensieren, welcher Wettlauf gegebenenfalls bis zum nervösen Zusammenbruch fortgesetzt wird. Die Möglichkeit der Selbstentäusserung durch Identifikation mit der gerichteten Funktion beruht nicht etwa nur auf der einseitigen Beschränkung auf die eine Funktion, sondern auch darauf, dass das Wesen der gerichteten Funktion ein Prinzip ist, das die Selbstentäusserung verlangt. So verlangt jede gerichtete Funktion die strenge Ausschliessung alles dessen, was nicht dazu passt, das Denken schliesst alles störende Gefühl aus, ebenso schliesst das Gefühl alle störenden Gedanken aus. Ohne Verdrängung alles andern kann die gerichtete Funktion gar nicht zu Stande kommen. Dem gegenüber verlangt aber die Selbstregulierung des lebendigen Organismus natürlicherweise die Harmonisierung menschlichen Wesens; daher drängt sich die Berücksichtigung minderbegünstigter Funktionen als eine Lebensnotwendigkeit und als eine unumgängliche Aufgabe der Erziehung des Menschengeschlechtes auf.
VIII
Das Typenproblem in der modernen Philosophie.
VIII.
Das Typenproblem in der modernen Philosophie.
1. Die James’schen Typen.
Auch in der neuern pragmatischen Philosophie ist die Existenz zweier Typen entdeckt worden, und zwar von _William James_.[278] Er sagt: „Die Geschichte der Philosophie ist in hohem Masse ein Zusammenstoss von gewissen menschlichen _Temperamenten_ (charakterologischen Dispositionen)“.[279] „Von was für einem Temperament ein berufsmässiger Philosoph auch immer sein mag, er versucht jedenfalls, wenn er philosophiert, die Tatsache seines Temperamentes zu denken. Jedoch bildet sein Temperament ein stärkeres Vorurteil, als irgend eine seiner mehr objektiven Prämissen. Es gibt seiner Beweisführung in dieser oder jener Richtung Gewicht, indem es je nachdem zu einer sentimentalern oder kühlern Weltanschauung führt, ebenso gut wie eine Tatsache oder ein Prinzip. Er vertraut seinem Temperament. Er wünscht sich eine Welt, die zu seinem Temperament passt, und er glaubt an jede Darstellung der Welt, die zu ihm passt. Menschen eines andern Temperamentes empfindet er als nicht richtig abgestimmt auf den wirklichen Charakter der Welt, und im Grunde genommen betrachtet er sie als inkompetent und als keine eigentlichen Philosophen, wenn sie ihn an dialektischer Geschicklichkeit auch weit übertreffen mögen. Aber in der öffentlichen Diskussion kann er, bloss aus Gründen seines Temperamentes, keinen Anspruch erheben auf besondere Auszeichnung oder Autorität. Daher stammt ein gewisser Mangel an Ernsthaftigkeit in der philosophischen Diskussion: die bedeutendste aller unserer Prämissen wird nie erwähnt.“[280]
James geht darauf über zur Charakterisierung der zwei Temperamente: So wie es im Gebiete der Sitten und Lebensgewohnheiten konventionelle und ungezwungen sich gebende Menschen, in politischer Hinsicht Autoritätgläubige und Anarchisten, in der schönen Literatur Akademiker und Realisten, in der Kunst Klassiker und Romantiker sich unterscheiden lassen, so fänden sich auch, wie James meint, in der Philosophie zwei Typen, nämlich der „Rationalist“ und der „Empiriker“. Der Rationalist ist der „Anbeter abstrakter und ewiger Prinzipien“. Der Empiriker ist der „Liebhaber der Tatsachen in ihrer ganzen ungehobelten Mannigfaltigkeit“.[281] Obschon niemand weder der Tatsachen noch der Prinzipien entraten kann, so kommen doch ganz verschiedene Gesichtspunkte heraus, je nach dem das Gewicht auf die eine oder andere Seite verschoben wird. „Rationalismus“ stellt James als Synonym zu „Intellektualismus“ und „Empirismus“ zu „Sensualismus“. Obwohl diese Angleichung m. E. nicht stichhaltig ist, so wollen wir doch zunächst, eine Kritik vorbehaltend, dem James’schen Gedankengang weiter folgen. Nach seiner Ansicht verbindet sich mit dem Intellektualismus eine idealistische und optimistische Tendenz, während der Empirismus zum Materialismus und zu einem bloss bedingten und unsichern Optimismus neigt. Der Rationalismus (Intellektualismus) ist immer _monistisch_. Er beginnt mit dem Ganzen und Universellen und vereinigt die Dinge. Der Empirismus dagegen beginnt mit dem Teil und macht das Ganze zu einer _Sammlung_. Er liesse sich als _pluralistisch_ bezeichnen. Der Rationalist ist ein Gefühlsmensch, der Empiriker ein hartköpfiges Wesen. Ersterer neigt natürlicherweise zur Überzeugung der Willensfreiheit, letzterer zum Fatalismus. Der Rationalist ist leicht dogmatisch in seinen Konstatierungen, der Empiriker dagegen skeptischer.[282] James bezeichnet den Rationalisten als _tender-minded_ (mit zartem oder delikatem Geiste) und den Empiriker als tough-minded (mit zähem Geiste). Damit versucht er offenbar die eigentümliche Beschaffenheit der beiden Mentalitäten zu bezeichnen. Wir werden im weitern Verlauf Gelegenheit nehmen, diese Charakterisierung noch näher zu untersuchen. Interessant ist, was James sagt über die Vorurteile, welche die beiden Typen gegeneinander hegen. „Sie haben eine geringe Meinung von einander.[283] Ihr typischer Gegensatz hat zu allen Zeiten in der Philosophie eine Rolle gespielt, so auch heute. Der Tough-minded beurteilt den Tender-minded als sentimental, der Tender-minded dagegen nennt den andern unfein, stumpf oder brutal. Der eine hält den andern für inferior.“
James stellt die Qualitäten der beiden Typen in folgende zwei Kolonnen nebeneinander:
_Tender-minded:_ _Tough-minded:_ Rationalistisch (folgt Empiristisch (folgt Tatsachen) Prinzipien) intellektualistisch sensualistisch idealistisch materialistisch optimistisch pessimistisch religiös irreligiös indeterministisch deterministisch, fatalistisch monistisch pluralistisch dogmatisch skeptisch.
Diese Zusammenstellung berührt verschiedene Probleme, denen wir schon im Kapitel über Nominalismus und Realismus begegnet sind. Der Tender-minded hat gewisse Züge mit dem Realisten, und der Tough-minded mit dem Nominalisten gemeinsam. Wie ich oben erörtert habe, entspricht der Realismus dem Introversionsprinzip und der Nominalismus dem Extraversionsprinzip. Unzweifelhaft gehört auch der Universalienstreit an erster Stelle unter jene historischen Temperamentgegensätze in der Philosophie, auf welche James anspielt. Diese Beziehungen legen es nahe, beim Tender-minded an den Introvertierten und beim Tough-minded an den Extravertierten zu denken. Es bleibt aber noch näher zu untersuchen, ob diese Beziehung zu Recht besteht oder nicht.