Psychologische Typen

Part 32

Chapter 322,714 wordsPublic domain

Es ist immer eine missliche Sache um physiologische oder „organische“ Hypothesen in Bezug auf psychologische Vorgänge. Es herrschte, wie bekannt, in den Zeiten der grossen Erfolge der Hirnerforschung eine Art Manie, physiologische Hypothesen für psychologische Vorgänge zu fabrizieren, worunter die Hypothese, dass im Schlafe die Zellfortsätze sich zurückzögen, nicht einmal die absurdeste ist, welche ernsthafte Würdigung und „wissenschaftliche“ Diskussion erfuhren. Man hat mit Recht von einer förmlichen „Hirnmythologie“ gesprochen. Ich möchte die Hypothese von Gross aber keineswegs als „Gehirnmythus“ behandeln, dazu hat sie einen zu grossen Arbeitswert. Sie ist eine vorzügliche Arbeitshypothese, was auch von anderer Seite schon mehrfach gebührend anerkannt worden ist. Die Idee der Sekundärfunktion ist ebenso einfach wie genial. Es lässt sich mit diesem einfachen Begriff eine sehr grosse Zahl von komplexen Seelenphänomenen auf eine befriedigende Formel bringen, und zwar Phänomene, deren differente Natur einer einfachen Reduktion und Klassifikation durch eine andere Hypothese erfolgreich widerstanden hätten. Bei einer so glücklichen Hypothese ist man immer in Versuchung, ihre Ausdehnung und Anwendbarkeit zu überschätzen. Dies dürfte auch hier der Fall sein. Und doch hat diese Hypothese leider auch nur eine beschränkte Reichweite. Wir wollen ganz absehen von der Tatsache, dass die Hypothese an sich nur ein Postulat ist, denn niemand hat die Sekundärfunktion der Gehirnzelle je gesehen und niemand könnte beweisen, dass und warum die Sekundärfunktion im Prinzip den qualitativ gleichen Kontraktiveffekt auf die nächsten Associationen haben sollte wie die Primärfunktion, die doch ihrer Definition nach von der Sekundärfunktion ganz wesentlich verschieden ist. Es gibt einen andern Umstand, der m. E. weit schwerer ins Gewicht fällt: der Habitus der psychologischen Einstellung kann sich bei einem und demselben Individuum innerhalb kürzester Frist ändern. Wenn die Dauer der Sekundärfunktion ein physiologischer oder organischer Charakter ist, dann muss er als mehr oder weniger dauerhaft angesehen werden. Es ist dann nicht zu erwarten, dass die Dauer der Sekundärfunktion plötzlich sich ändert, denn solches sehen wir bei einem physiologischen oder organischen Charakter niemals, pathologische Veränderungen ausgenommen. Wie ich schon mehrfach hervorhob, sind Introversion und Extraversion gar keine _Charaktere_, sondern _Mechanismen_, die sozusagen beliebig ein- oder ausgeschaltet werden können. Nur aus ihrem habituellen Vorherrschen entwickeln sich dann die entsprechenden Charaktere. Gewiss beruht die Prädilektion auf einer gewissen angebornen Disposition, die aber wohl nicht immer absolut entscheidend ist. Ich habe oft gesehen, dass Milieueinflüsse fast ebenso wichtig sind. Ich erlebte es sogar einmal, dass jemand, der in der nächsten Umgebung eines Introvertierten lebte und ein deutlich extravertiertes Benehmen aufwies, seine Einstellung änderte und introvertiert wurde, als er später in eine nahe Beziehung zu einer ausgesprochen extravertierten Persönlichkeit trat. Viele Male habe ich gesehen, dass gewisse persönliche Einflüsse in kürzester Frist auch bei einem ausgesprochenen Typus die Dauer der Sekundärfunktion wesentlich veränderten, und dass ebenso der frühere Zustand sich wiederherstellt, wenn der fremde Einfluss wegfiel. Mir scheint, man müsse, solchen Erfahrungen entsprechend, das Interesse mehr der Beschaffenheit der Primärfunktion zuwenden. Gross selber hebt die besonders verlängerte Sekundärfunktion nach affektvollen Vorstellungen hervor[260] und bringt damit die Sekundärfunktion in Abhängigkeit von der Primärfunktion. Es ist in der Tat gar kein plausibler Grund vorhanden, warum die Typenlehre auf die Dauer der Sekundärfunktion gegründet werden sollte, man könnte sie vielleicht ebensowohl auf die _Intensität der Primärfunktion_ gründen, denn die Dauer der Sekundärfunktion ist doch offenbar abhängig von der Intensität der Energieaufwendung, der Leistung der Zelle. Man könnte natürlich dagegen einwenden, dass die Dauer der Sekundärfunktion abhänge von der Schnelligkeit der Restitution, und dass es Individuen gäbe mit einer besonders prompten Hirnernährung gegenüber andern Minderbegünstigten. In diesem Falle müsste das Gehirn des Extravertierten eine grössere Restitutionsfähigkeit besitzen, als das des Introvertierten. Zu einer solchen, sehr unwahrscheinlichen Annahme fehlt jeder Beweisgrund. Was uns von den wirklichen Gründen der verlängerten Sekundärfunktion bekannt ist, beschränkt sich auf die Tatsache, dass, abgesehen von pathologischen Zuständen, die besondere Intensität der Primärfunktion eine Verlängerung der Sekundärfunktion logischerweise bewirkt. Dieser Tatsache entsprechend liegt also das eigentliche Problem bei der Primärfunktion und verdichtet sich zu der Frage, woher es komme, dass beim Einen die Primärfunktion in der Regel intensiv, beim Andern aber schwach ist. Wenn wir somit das Problem auf die Primärfunktion abstellen, dann ergibt sich die Notwendigkeit, zu erklären, woher die verschiedene Intensität und der tatsächlich vorkommende rasche Wechsel der Intensität der Primärfunktion stamme. Ich halte dies für ein energetisches Phänomen, das von einer allgemeinen _Einstellung_ abhängt. Die Intensität der Primärfunktion scheint in erster Linie davon abzuhängen, wie gross die Spannung der Bereitschaft ist. Ist ein grosser Betrag an psychischer Spannung vorhanden, so wird auch die Primärfunktion besonders intensiv sein mit entsprechenden Folgen. Wenn mit zunehmender Ermüdung die Spannung abnimmt, dann tritt Ablenkbarkeit, Oberflächlichkeit der Association, schliesslich Ideenflucht ein, also der Zustand, der durch schwache Primärfunktion und kurze Sekundärfunktion gekennzeichnet ist. Die allgemeine psychische Spannung hängt ihrerseits (abgesehen von physiologischen Gründen, wie Ausgeruhtsein etc.) von höchst komplexen Faktoren ab, wie Stimmung, Aufmerksamkeit, Erwartung, etc., d. h. also von Werturteilen, die ihrerseits wieder Resultanten aus allen vorangegangenen psychischen Prozessen sind. Ich verstehe darunter natürlich nicht nur logische Urteile, sondern auch Gefühlsurteile. In unserer technischen Sprache bezeichnen wir die allgemeine Spannung _energetisch_ als _Libido_, _bewusstseinspsychologisch_ als _Wert_. Der intensive Vorgang ist „libidobesetzt“ oder eine Manifestation der Libido, m. a. W. ein hochgespannter energetischer Ablauf. Der intensive Vorgang ist ein psychologischer _Wert_, daher die aus ihm hervorgehenden associativen Verknüpfungen als _wertvolle_ bezeichnet werden, im Gegensatz zu jenen, die bei geringem Kontraktiveffekt zustande kommen, als welche wir wertlos oder oberflächlich bezeichnen. Die _gespannte_ Einstellung ist nun für den Introvertierten durchaus bezeichnend, während die _entspannte_, leichte Einstellung den Extravertierten verrät[261], von Ausnahmezuständen abgesehen. Die Ausnahmen aber sind häufig und zwar bei einem und demselben Individuum. Man gebe dem Introvertierten das durchaus zusagende harmonische Milieu, so entspannt er sich bis zur totalen Extraversion, und man glaubt einen Extravertierten vor sich zu haben. Man versetze aber den Extravertierten in eine stille Dunkelkammer, wo ihn alle verdrängten Komplexe annagen können, und er wird in eine Spannung versetzt werden, in der er den leisesten Reiz bis zum äussersten realisieren wird. So können die wechselnden Situationen des Lebens ebenfalls wirken und den Typus momentan umgestalten, wodurch aber die Vorzugseinstellung in der Regel nicht dauernd verändert wird, d. h. trotz gelegentlicher Extraversion bleibt der Introvertierte, was er vorher war, und ebenso der Extravertierte.

Ich fasse zusammen: Die Primärfunktion scheint mir wichtiger zu sein, als die Sekundärfunktion. Die Intensität der Primärfunktion ist das ausschlaggebende Moment. Sie hängt ab von der allgemeinen psychischen Spannung, d. h. von dem Betrag angehäufter, disponibler Libido. Das Moment, das diese Anhäufung bedingt, ist ein komplexer Tatbestand, der die Resultante aller vorausgegangenen psychischen Zustände ist. Er lässt sich als Stimmung, Aufmerksamkeit, Affektlage, Erwartung etc. charakterisieren. Die Introversion ist charakterisiert durch allgemeine Spannung, intensive Primärfunktion und entsprechend lange Sekundärfunktion. Die Extraversion ist charakterisiert durch allgemeine Entspannung, schwache Primärfunktion und entsprechend kurze Sekundärfunktion.

VII

Das Problem der typischen Einstellungen in der Ästhetik.

VII.

Das Problem der typischen Einstellungen in der Ästhetik.

Es ist gewissermassen selbstverständlich, dass alle Gebiete des menschlichen Geistes, die sich direkt oder indirekt mit Psychologie befassen, ihre Beiträge zu der uns hier beschäftigenden Frage liefern. Nachdem wir die Stimme des Philosophen, des Dichters, des Arztes und des Menschenkenners vernommen, meldet sich der Ästhetiker zum Worte. Die Ästhetik ist ihrem ganzen Wesen nach angewandte Psychologie und beschäftigt sich nicht nur mit dem ästhetischen Wesen der Dinge, sondern auch -- in vielleicht noch höherm Masse -- mit der psychologischen Frage der ästhetischen Einstellung. Ein so fundamentales Phänomen wie der Gegensatz von Introversion und Extraversion konnte auch dem Ästhetiker auf die Dauer nicht entgehen, denn die Art und Weise, wie Kunst oder Schönes empfunden oder angeschaut wird, ist bei verschiedenen Menschen dermassen verschieden, dass einem dieser Gegensatz auffallen musste. Abgesehen von vielen, mehr oder weniger einmaligen oder einzigartigen individuellen Eigentümlichkeiten der Einstellung gibt es zwei gegensätzliche Grundformen, welche _Worringer_ als _Einfühlung_ und _Abstraktion_ bezeichnet hat.[262] Seine Definition der Einfühlung lehnt sich hauptsächlich an _Lipps_ an. Bei Lipps ist Einfühlung die „Objektivierung meiner in einem von mir unterschiedenen Gegenstande, gleichgültig ob das Objektivierte den Namen eines Gefühles verdient oder nicht.“ „Indem ich einen Gegenstand appercipiere, erlebe ich, als von ihm herkommend, oder in ihm, als apperzipiertem, liegend, einen Antrieb zu einer bestimmten Weise des innern Verhaltens. Diese erscheint als durch ihn gegeben, mir von ihm mitgeteilt.“[263] _Jodl_[264] erklärt folgendermassen: „Der sinnliche Schein, welchen der Künstler gibt, ist nicht nur Veranlassung, dass wir uns nach Associationsgesetzen an verwandte Erlebnisse erinnern, sondern indem er dem allgemeinen Gesetze der Externalisation[265] unterliegt, und als ein Ausseruns erscheint, projizieren wir in ihn zugleich die innern Vorgänge hinein, welche er in uns reproduziert, und geben ihm dadurch _ästhetische Beseelung_ -- ein Ausdruck, welcher dem Ausdruck „Einfühlung“ vorzuziehen sein dürfte, weil es sich bei dieser Introjektion der eigenen Innenzustände in das Bild nicht nur um Gefühle, sondern um innere Vorgänge jeder Art handelt.“ Von _Wundt_ wird die Einfühlung zu den elementaren _Assimilationsprozessen_ gerechnet.[266] Die Einfühlung ist also eine Art Wahrnehmungsprozess, der dadurch gekennzeichnet ist, dass gefühlsmässig ein wesentlicher psychischer Inhalt ins Objekt verlegt, und das Objekt dadurch introjiziert wird, ein Inhalt, welcher vermöge seiner Zugehörigkeit zum Subjekt, das Objekt dem Subjekt assimiliert und dermassen mit dem Subjekt verknüpft, dass sich das Subjekt sozusagen im Objekt empfindet. Jedoch empfindet sich dabei das Subjekt nicht als in das Objekt projiziert, sondern das eingefühlte Objekt erscheint ihm als beseelt und aus sich selbst aussagend. Diese Eigentümlichkeit rührt daher, dass die Projektion unbewusste Inhalte in das Objekt überträgt, weshalb die Einfühlung in der analytischen Psychologie auch als _Übertragung_ (Freud) bezeichnet wird. _Die Einfühlung ist daher eine Extraversion._ _Worringer_ definiert das ästhetische Erleben in der Einfühlung folgendermassen: „_Ästhetischer Genuss ist objektivierter Selbstgenuss_.“[267] Dementsprechend ist nur diejenige Form _schön_, in die man sich einfühlen kann. _Lipps_[268] sagt: „Nur soweit diese Einfühlung besteht, sind Formen schön. Ihre Schönheit ist dies mein ideelles freies Sichausleben in ihnen.“ Die Form, in die man sich nicht einzufühlen vermag, ist demgemäss _hässlich_. Damit ist auch die Beschränkung der Einfühlungstheorie gegeben, denn es gibt Kunstformen, wie _Worringer_ hervorhebt, welche dem Kunstschaffen der einfühlenden Einstellung nicht entsprechen. Es sind dies namentlich die orientalischen und exotischen Kunstformen. Aus langer Tradition hat sich bei uns Okzidentalen das „Naturschöne und das Naturwahre“ als Kriterium des Kunstschönen festgesetzt, denn es ist auch das zum Wesen des griechisch-römischen und der okzidentalischen Kunst überhaupt gehörige Kriterium. (Gewisse Stylformen des Mittelalters machen hievon allerdings eine Ausnahme!) Unsere allgemeine Einstellung zur Kunst ist eben einfühlend seit Alters und als schön können wir darum nur bezeichnen, worein wir uns einfühlen können. Ist nun die Kunstform des Objektes eine lebenswidrige, sozusagen anorganische oder abstrakte, so können wir nicht unser Leben darein einfühlen, was wir aber immer tun, wenn wir einfühlen. („Was ich einfühle, ist ganz allgemein Leben.“ _Lipps_.) Wir können uns nur in organische, naturwahre, lebenwollende Form einfühlen. Und doch gibt es eine prinzipiell andere Kunstform, einen lebenswidrigen Styl, der das Lebenwollen verneint, sich vom Leben unterscheidet und doch einen Anspruch auf Schönheit erhebt. Wo das Kunstschaffen lebenswidrige, anorganische, abstrakte Formen erzeugt, kann es sich nicht mehr um ein Kunstwollen aus Einfühlungsbedürfnis handeln, sondern vielmehr um ein Bedürfnis, das der Einfühlung direkt entgegengesetzt ist, also um eine Tendenz, das Leben zu unterdrücken. „Als dieser Gegenpol des Einfühlungsbedürfnisses erscheint uns der _Abstraktionsdrang_.“[269] Zur Psychologie des Abstraktionsdranges sagt Worringer: „Welches sind nun die psychischen Voraussetzungen des Abstraktionsdranges? Wir haben sie im Weltgefühl jener Völker, in ihrem psychischen Verhalten dem Kosmos gegenüber zu suchen. Während der Einfühlungsdrang ein glückliches pantheistisches Vertrauensverhältnis zwischen den Menschen und den Aussenwelterscheinungen zur Bedingung hat, ist der Abstraktionsdrang die Folge einer grossen innern Beunruhigung des Menschen durch die Erscheinungen der Aussenwelt und korrespondiert in religiöser Beziehung mit einer stark transscendentalen Färbung aller Vorstellungen. Diesen Zustand möchten wir eine ungeheure geistige Raumscheu nennen. Wenn Tibull sagt: „primum in mundo fecit deus timorem“, so lässt sich dieses selbe Angstgefühl auch als Wurzel des künstlerischen Schaffens annehmen.“

Es ist tatsächlich so, dass die Einfühlung eine Bereitwilligkeit, ein Vertrauen des Subjektes gegenüber dem Objekt voraussetzt. Die Einfühlung ist eine bereitwillig entgegenkommende Bewegung, welche den subjektiven Inhalt in das Objekt überträgt und dadurch eine subjektive Assimilation herstellt, welche ein gutes Einvernehmen zwischen Subjekt und Objekt hervorbringt oder auch gegebenenfalls vortäuscht. Ein passives Objekt lässt sich zwar subjektiv assimilieren, ändert aber dadurch seine wirklichen Qualitäten keineswegs. Sie werden durch die Übertragung nur verschleiert und vielleicht sogar vergewaltigt. Durch die Einfühlung können Ähnlichkeiten und anscheinende Gemeinsamkeiten erzeugt werden, die an sich eigentlich nicht bestehen. Es ist darum leicht verständlich, dass auch die Möglichkeit einer andern Art ästhetischer Beziehung zum Objekt bestehen muss, nämlich eine Einstellung, die dem Objekte nicht entgegenkommt, sondern vielmehr von ihm wegstrebt und sich gegen den Einfluss des Objektes zu sichern sucht, indem sie im Subjekt eine psychische Tätigkeit erzeugt, welche den Objekteinfluss zu paralysieren bestimmt ist. Die Einfühlung setzt das Objekt gewissermassen als leer voraus und kann es deshalb mit eigenem Leben erfüllen. Die Abstraktion dagegen setzt das Objekt gewissermassen als lebend und wirkend voraus und sucht sich deshalb seinem Einfluss zu entziehen. Die abstrahierende Einstellung ist also zentripetal, d. h. introvertierend. Der Worringersche Begriff der Abstraktion entspricht somit der introvertierten Einstellung. Es ist bedeutsam, dass Worringer den Objekteinfluss als Furcht oder Scheu bezeichnet. Der Abstrahierende würde sich also dem Objekt gegenüber einstellen, wie wenn das Objekt eine furchterregende Qualität, d. h. also eine schädigende oder gefährliche Wirkung hätte, gegen die er sich schützen muss. Diese anscheinend aprioristische Qualität des Objektes ist zweifellos auch eine Projektion resp. Übertragung, aber eine Übertragung negativer Art. Wir müssten also annehmen, dass dem Akte der Abstraktion ein unbewusster Projektionsakt vorangeht, in welchem negativ betonte Inhalte dem Objekt übertragen werden. Da die Einfühlung gleich wie die Abstraktion ein Bewusstseinsakt ist, und dem letztern eine unbewusste Projektion vorangeht, so dürfen wir die Frage aufwerfen, ob wohl der Einfühlung auch ein unbewusster Akt vorangehe. Da das Wesen der Einfühlung Projektion subjektiver Inhalte ist, so muss der vorausgehende unbewusste Akt das Gegenteil sein, nämlich ein Unwirksammachen des Objektes. Dadurch wird nämlich das Objekt gewissermassen entleert, der Selbsttätigkeit beraubt, und damit geeignet gemacht, die subjektiven Inhalte des Einfühlenden aufzunehmen. Der Einfühlende sucht sein Leben dem Objekt einzufühlen und im Objekte zu erfahren; es ist daher nötig, dass die Selbständigkeit und die Differenz des Objektes vom Subjekt nicht zu gross sind. Durch den unbewussten Akt, der der Einfühlung vorangeht, wird daher die Eigenmacht des Objektes depotenziert oder übercompensiert, indem nämlich das Subjekt sich unbewusst sofort dem Objekt überordnet. Die Überordnung kann aber nur unbewusst geschehen durch eine Verstärkung der Bedeutung des Subjektes. Dies kann geschehen durch eine unbewusste Phantasie, welche entweder das Objekt sofort entwertet und entkräftet, oder welche das Subjekt erhöht und dem Objekt überordnet. Dadurch erst entsteht jenes Gefälle, dessen die Einfühlung bedarf, um subjektive Inhalte in das Objekt überführen zu können. Der Abstrahierende findet sich in einer schreckhaft belebten Welt, die ihn übermächtig zu erdrücken sucht, darum zieht er sich in sich selbst zurück, um bei sich die rettende Formel zu ersinnen, welche geeignet ist, seinen subjektiven Wert soweit zu erhöhen, dass er dem Objekteinfluss wenigstens gewachsen ist. Der Einfühlende dagegen findet sich in einer Welt, die seines subjektiven Gefühles bedarf, um Leben und Seele zu haben. Er leiht ihr vertrauensvoll Beseelung, während der Abstrahierende sich misstrauisch vor den Dämonen der Objekte zurückzieht und mit abstrakten Schöpfungen sich eine schutzbietende Gegenwelt aufbaut. Wenn wir uns an die Ausführungen der vorangegangenen Kapitel erinnern, so werden wir in der Einfühlung unschwer den Mechanismus der Extraversion, und in der Abstraktion den der Introversion erkennen. „Die grosse innere Beunruhigung des Menschen durch die Erscheinungen der Aussenwelt“ ist nichts anderes als die Reizscheu des Introvertierten, der wegen seiner tiefern Empfindung und Realisierung eine eigentliche Furcht vor zu raschem oder zu starkem Wechsel der Reize hat. Seine Abstraktionen dienen auch ausgesprochenermassen dem Zwecke, durch einen allgemeinen Begriff das Unregelmässige und Wechselnde in die Schranken der Gesetzmässigkeit einzufangen. Es ist selbstverständlich, dass diese im Grunde genommen magische Prozedur sich in vollster Entfaltung beim Primitiven findet, dessen geometrische Zeichen weniger Schönheits- als vielmehr magischen Wert haben.

_Worringer_[270] sagt mit Recht: „Von dem verworrenen Zusammenhang und dem Wechselspiel der Aussenwelterscheinungen gequält, beherrschte solche Völker ein ungeheures Ruhebedürfnis. Die Beglückungsmöglichkeit, die sie in der Kunst suchten, bestand nicht darin, sich in die Dinge der Aussenwelt zu versenken, sich in ihnen zu geniessen, sondern darin, das einzelne Ding der Aussenwelt aus seiner Willkürlichkeit und scheinbaren Zufälligkeit herauszunehmen, es durch Annäherung an abstrakte Formen zu verewigen und auf diese Weise einen Ruhepunkt in der Erscheinungen Flucht zu finden.“

„Diese abstrakten gesetzmässigen Formen sind also die einzigen und die höchsten, in denen der Mensch angesichts der ungeheuren Verworrenheit des Weltbildes ausruhen kann.“[271]