Part 30
Das Ende der Laufbahn des Kleinodes ist geheimnisvoll: es fällt in die Hand eines wandernden Juden. „Nicht wars ein Jude dieser Welt und über alle Massen fremd erschien uns seine Kleidung.“[235] Dieser besondere Jude kann nur _Ahasver_ sein, der den wirklichen Erlöser nicht annahm und sich hier ein Erlöserbild sozusagen stiehlt. Die Ahasversage ist eine späte christliche Sage, die als solche nicht früher als Anfangs des XVII. Jahrhunderts zurückzudatieren ist.[236] Sie geht psychologisch hervor aus einem Libidobetrag oder Persönlichkeitsteil, der in der christlichen Einstellung zu Leben und Welt keine Verwendung findet und deshalb verdrängt wird. Für diesen Teil waren die Juden von jeher Symbol, daher der mittelalterliche Verfolgungswahnsinn gegenüber den Juden. Die Idee des Ritualmordes enthält den Gedanken der Verwerfung des Erlösers in verschärfter Form, denn man sieht den Splitter im eigenen Auge als Balken im Auge des Bruders. Der Ritualmordgedanke spielt auch bei Spitteler an, indem der Jude das vom Himmel geschenkte Wunderkind stiehlt. Dieser Gedanke ist eine mythologische Projektion der unbewussten Wahrnehmung, dass die Erlösungswirkung immer wieder vereitelt wird durch die Gegenwart eines unerlösten Stückes im Unbewussten. Dieses unerlöste, nicht domestizierte, unerzogene oder barbarische Stück, das man nur an der Kette halten und noch nicht frei laufen lassen kann, wird projiziert auf die, die das Christentum nicht angenommen haben, während es in Wirklichkeit ein Stück in uns ist, das bis jetzt den christlichen Domestikationsprozess nicht durchlaufen hat. Es besteht eine unbewusste Wahrnehmung dieses widerstrebenden Stückes, dessen Existenz man verleugnen möchte -- daher die Projektion. Die Ruhelosigkeit ist ein concreter Ausdruck der Unerlöstheit. Das unerlöste Stück reisst das neue Licht, die Energie des neuen Symboles sofort an sich. Damit ist in anderer Weise dasselbe ausgedrückt, was wir schon oben andeuteten, als wir von der Wirkung des Symbols auf die allgemeine Psyche sprachen: das Symbol reizt alle verdrängten und nicht anerkannten Inhalte, wie z. B. bei den „Hütern des Marktes“; ebenso beim Hiphil-Hophal, der gemäss seinem unbewussten Widerstand gegen seine eigene Religion die Widergöttlichkeit und Fleischlichkeit des neuen Symbols sofort hervorhebt und verstärkt. Der Affekt der Ablehnung entspricht dem Betrage der verdrängten Libido. Mit der moralischen Umwandlung des reinen Himmelsgeschenkes in die schwülen Phantasiegespinnste dieser Köpfe ist der Ritualmord vollzogen. Das Erscheinen des Symbols aber hat trotzdem gewirkt. Zwar wurde es in seiner reinen Gestalt nicht angenommen, sondern es wurde von den archaïschen und undifferenzierten Mächten verschlungen, wobei die bewusste Moralität und Ästhetik noch kräftig mithalfen. Damit beginnt die Enantiodromie, die Wandlung von bisherigem Wert in Unwert, von bisher Gutem in Böses.
Das Reich der Guten, dessen König Epimetheus ist, lag seit Alters in Feindschaft mit dem Reich Behemoths. Der _Behemoth_ und der _Leviathan_[237] sind die zwei aus dem Buche Hiob bekannten _Ungetüme Gottes_, die symbolischen Ausdrücke seiner Macht und Kraft. Als rohe tierische Symbole bezeichnen sie psychologisch verwandte Kräfte der menschlichen Natur.[238] Darum sagt Jahve: „Siehe da den Behemoth, den ich neben dir gemacht habe. --
Siehe, seine Kraft ist in seinen Lenden, und sein Vermögen in den Sehnen seines Bauches. Sein Schwanz strecket sich wie eine Zeder, und die Sehnen seiner Schenkel sind dicht geflochten[239]: Er ist der Anfang der Wege Gottes.“
Man muss diese Worte aufmerksam lesen: mit dieser Kraft „beginnen die Wege Gottes“, nämlich Jahves, des jüdischen Gottes, der im Neuen Testament diese Form von sich abtut. Er ist dort nicht mehr Naturgott. Psychologisch will das heissen, dass diese rohe Triebseite der im Unbewussten aufgestauten Libido in der christlichen Einstellung dauernd unten gehalten wird; damit wird die eine Gotteshälfte verdrängt, resp. auf das Schuldkonto des Menschen geschrieben, und in letzter Linie der Domäne des Teufels zugewiesen. Daher, wenn die unbewusste Kraft anfängt, emporzuströmen, wenn „die Wege Gottes anfangen“, dann kommt der Gott in der Gestalt von Behemoth.[240] Man könnte ebenso gut sagen, dass der Gott sich dann in Teufelsgestalt präsentiere. Diese moralischen Bewertungen aber sind optische Täuschungen: die Kraft des Lebens ist jenseits des moralischen Urteils. Meister Eckehart sagt: „Sage ich also, Gott ist gut: es ist nicht wahr, ich bin gut, Gott ist nicht gut! Ich gehe noch weiter: ich bin besser als Gott! Denn nur was gut ist, kann besser, und nur was besser werden kann, kann das Beste werden. Gott ist nicht gut, darum kann er auch nicht besser, und weil nicht besser, auch nicht das Beste werden. Fernab von Gott liegen diese drei Bestimmungen „gut“, „besser“, „das Beste“. Er steht über allem dem.“[241]
Als nächste Wirkung des erlösenden Symbols ergibt sich die Vereinigung der Gegensatzpaare: so vereinigt sich das ideale Reich des Epimetheus mit dem Reiche Behemoths; d. h. das moralische Bewusstsein geht einen gefährlichen Bund ein mit den unbewussten Inhalten und der dazugehörigen, mit diesen Inhalten identischen Libido. Nun sind aber dem Epimetheus die Gotteskinder anvertraut, nämlich jene höchsten Güter der Menschlichkeit, ohne die ein Mensch nichts anderes ist als ein Tier. Durch die Vereinigung mit dem eigenen unbewussten Gegensatz tritt die Gefahr der Verödung, Verwüstung oder Überschwemmung ein, d. h. die Werte des Bewussten könnten an die energetischen Werte des Unbewussten verloren gehen. Wäre jenes Bild der natürlichen Schönheit und Sittlichkeit angenommen und bewahrt worden, und hätte es nicht bloss vermöge seiner schuldlosen Natürlichkeit als Anreiz für die schwüle Schmutzigkeit des Hintergrundes unserer „sittlichen“ Kultur gedient, dann wären die Gotteskinder trotz dem Bund mit Behemoth nicht gefährdet gewesen, denn Epimetheus hätte dann jederzeit unterscheiden können zwischen Wert und Unwert. Aber weil das Symbol unserer Einseitigkeit, unserer rationalistischen Differenziertheit und zugleich Verkrüppelung als unannehmbar erscheint, so fehlt jeder Masstab für Wert und Unwert. Wenn die Vereinigung der Gegensatzpaare dann als höheres Ereignis doch kommt, tritt notwendigerweise die Gefahr der Überschwemmung und Zerstörung ein, und zwar charakteristischer Weise dadurch, dass die gefährlichen Gegentendenzen unter dem Deckmantel der „richtigen Begriffe“ eingeschmuggelt werden. Man kann auch das Böse und Verderbliche rationalisieren und ästhetisieren. So werden die Gotteskinder dem Behemoth eines nach dem andern ausgeliefert, d. h. die bewussten Werte werden gegen reine Triebmässigkeit und Verblödung eingetauscht. Die vorher unbewussten rohen und barbarischen Tendenzen verschlingen die bewussten Werte, daher Behemoth und Leviathan einen _unsichtbaren Walfisch_ (unbewusst) als Symbol ihres Prinzipes aufstellen, während das entsprechende Symbol des epimetheischen Reiches der _Vogel_ ist. Der Walfisch, als Bewohner des Meeres, ist allgemein das Symbol des verschlingenden Unbewussten.[242] Der Vogel, als Bewohner des hellen Luftreiches, ist ein Symbol des bewussten Gedankens, oder sogar des Ideals (Flügel!) und des heiligen Geistes.
Der endgültige Untergang des Guten wird verhindert durch Prometheus’ Dazwischentreten. Er befreit das letzte Gotteskind, den Messias, aus der Gewalt seiner Feinde. Messias wird der Erbe des Gottesreiches, während Prometheus und Epimetheus, die Personifikationen der getrennten Gegensätze, vereint sich in ihr „heimatliches Tal“ zurückziehen. Beide sind der Herrschaft ledig, Epimetheus, weil er verzichten musste, Prometheus, weil er gar nicht darnach strebte. Psychologisch ausgedrückt heisst es: die Introversion und Extraversion hören auf, als einseitige Richtlinien zu dominieren, dadurch hört auch die Dissociation der Psyche auf. An ihre Stelle tritt eine neue Funktion, symbolisch dargestellt durch ein Kind, genannt Messias, das lange schlafend lag. Der Messias ist der Mittler, das Symbol einer neuen, die Gegensätze vereinigenden Einstellung. Er ist ein Kind, ein Knabe, nach dem alten Vorbild des „puer aeternus“, durch seine Jugend die Wiedergeburt und die Wiederbringung des Verlorenen (Apokatastasis) andeutend. Was Pandora als Bild zur Erde brachte, was von den Menschen verworfen wurde und ihnen zum Unheil gereichte, erfüllt sich im Messias. Dieser Symbolzusammenhang entspricht einer häufigen Erfahrung in der Praxis der analytischen Psychologie: Wenn in den Träumen ein Symbol auftritt, so wird es aus all den oben weitläufig angegebenen Gründen verworfen, und es bewirkt sogar eine Gegenreaktion, welche der Invasion Behemoths entspricht. Aus diesem Konflikt ergibt sich eine Vereinfachung der Persönlichkeit auf die seit Anfang des Lebens vorhandenen individuellen Grundzüge, welche den Zusammenhang der gereiften Persönlichkeit mit den Energiequellen der Kindheit gewährleisten. Wie Spitteler zeigt, besteht die grosse Gefahr bei diesem Übergang darin, dass statt des Symboles die dadurch erregten archaïschen Triebe rationalistisch aufgenommen und in den hergebrachten Anschauungsformen untergebracht werden.
Der englische Mystiker, _W. Blake_[243] sagt: „Es gibt zwei Klassen von Menschen: die _Fruchtbaren_[244] und die _Verschlingenden_.[245] Religion ist ein Bestreben, die beiden zu vereinigen.“[246] Mit diesem Wort Blakes, das in so einfacher Weise Spittelers grundliegende Ideen und meine Ausführungen dazu zusammenfasst, möchte ich dieses Kapitel beschliessen. Wenn ich ihm eine ungewöhnliche Ausdehnung gegeben habe, so geschah es, wie bei der Erörterung der Schillerschen Briefe, um dem Reichtum an Gedanken und Anregungen, den uns Spittelers „Prometheus und Epimetheus“ bietet, gerecht zu werden. Ich habe mich soviel wie möglich auf das Wesentliche beschränkt, indem ich vorsätzlich eine ganze Reihe von Problemen, die eine vollständige Bearbeitung dieses Stückes behandeln müsste, übergangen habe.
VI
Das Typenproblem in der Psychiatrie.
VI.
Das Typenproblem in der Psychiatrie.
Wir gelangen nunmehr zu dem Versuch eines Psychiaters, zwei Typen herauszuheben aus der verwirrenden Mannigfaltigkeit der sog. _psychopathischen Minderwertigkeiten_. Diese ungemein umfangreiche Gruppe vereinigt alle psychopathischen Grenzzustände, die nicht mehr dem Gebiete der eigentlichen Psychosen zuzurechnen sind, also alle Neurosen und alle Degenerationszustände, wie intellektuelle, moralische, affektive, und sonstige psychische Minderwertigkeiten. Dieser Versuch stammt von _Otto Gross_, der unter dem Titel: „Die zerebrale Sekundärfunktion“, 1902 eine theoretische Studie veröffentlichte, deren Grundhypothese ihn zur Aufstellung von zwei psychologischen Typen veranlasst hat.[247] Obschon das ihn beschäftigende empirische Material dem Gebiete der psychischen Minderwertigkeit entnommen ist, so hindert doch nichts, die dort gewonnenen Gesichtspunkte auch auf das weitere Gebiet der normalen Psychologie zu übertragen, indem nämlich der unbalancierte seelische Zustand dem Forscher nur eine besonders günstige Gelegenheit gewährt, gewisse psychische Phänomene in fast übertriebener Deutlichkeit zu sehen, Phänomene, die innerhalb der normalen Grenzen oft nur undeutlich wahrzunehmen sind. Der abnorme Zustand wirkt gelegentlich wie ein Vergrösserungsglas. Gross selber dehnt in seinem Schlusskapitel seine Folgerungen auch auf weitere Gebiete aus, wie wir unten sehen werden.
Gross versteht unter der „Sekundärfunktion“ einen zerebralen Zellvorgang, der nach stattgehabter „Primärfunktion“ einsetzt. Die Primärfunktion entspräche der eigentlichen Leistung der Zelle, nämlich der Erzeugung eines positiven psychischen Vorganges, sagen wir, einer Vorstellung. Die Leistung entspricht einem energetischen Vorgange, nämlich vermutlich der Auslösung einer chemischen Spannung, d. h. einem chemischen Zerfall. Nach dieser akuten Entladung, welche Gross als Primärfunktion bezeichnet, setzt die Sekundärfunktion ein, d. h. eine Restitution, ein Wiederaufbau durch Ernährung. Diese Funktion wird je nach der Intensität des vorausgegangenen Aufwandes an Energie kürzere oder längere Zeit in Anspruch nehmen. Die Zelle ist während dieser Zeit in einem gegenüber vorher veränderten Zustand, in einer Art Reizzustand, der den weitern psychischen Ablauf nicht unbeeinflusst lassen kann. Namentlich _hochbetonte, affektvolle_ Vorgänge dürften einen besondern Energieaufwand, und daher eine besonders verlängerte Restitutionsperiode oder Sekundärfunktion bedeuten. Die Wirkung der Sekundärfunktion auf den psychischen Ablauf denkt sich Gross als eine nachweisbare spezifische Beeinflussung des nachfolgenden Associationsverlaufes, und zwar im Sinne einer Einschränkung der Associationsauswahl auf das in der Primärfunktion dargestellte „Thema“, der sog. „Hauptvorstellung“. Tatsächlich habe ich etwas später in meinen eigenen experimentellen Arbeiten -- und ebenso mehrere meiner Schüler in entsprechenden Untersuchungen -- auf die _Perseverationsphänomene_[248] nach hochbetonten Vorstellungen hinweisen können, Phänomene, die zahlenmässig nachzuweisen sind. Mein Schüler _Eberschweiler_ hat in einer sprachlichen Untersuchung dieses selbe Phänomen in den Assonanzen und Agglutinationen nachgewiesen.[249] Aus der pathologischen Erfahrung weiss man überdies, wie häufig gerade bei schweren Gehirnläsionen wie Apoplexien, Tumoren, atrophischen und sonstigen Entartungszuständen die Perseverationen sind. Sie sind wohl eben dieser erschwerten Restitution zuzuschreiben. Die Gross’sche Hypothese hat daher viel Wahrscheinlichkeit für sich. Es ist nun ganz natürlich, die Frage aufzuwerfen, ob es nicht Individuen oder sogar Typen gibt, bei denen die Restitutionsperiode, die Sekundärfunktion, länger dauert als bei andern, und ob nicht daraus eventuell gewisse eigenartige Psychologien abzuleiten wären. Eine kurze Sekundärfunktion beeinflusst in einer gegebenen Zeitspanne weit weniger konsekutive Associationen, als eine lange. Die Primärfunktion kann daher im erstern Fall viel häufiger stattfinden. Das psychologische Bild dieses Falles zeigt daher die Eigentümlichkeit einer rasch immer wieder erneuten Bereitschaft der Aktion und der Reaktion, also eine Art von _Ablenkbarkeit_, eine Neigung zur Oberflächlichkeit der Verbindungen, ein Mangel an tiefern, geschlossenem Zusammenhängen, eine gewisse Inkohärenz, soweit Bedeutsamkeit des Zusammenhanges erwartet wird. Dagegen drängen sich in der Zeiteinheit viele neue Themata auf, ohne sich aber irgendwie zu vertiefen, sodass auch Heterogenes und Verschiedenwertiges à niveau auftritt, wodurch der Eindruck der sog. „Nivellierung der Vorstellungen“ (_Wernicke_) hervorgerufen wird. Dieses rasche Aufeinanderfolgen der Primärfunktionen schliesst eo ipso ein Erleben der Affektwerte der Vorstellungen aus, daher die Affektivität nicht anders als oberflächlich sein kann. Zugleich sind dadurch aber auch rasche Anpassungen und Einstellungsänderungen ermöglicht. Der eigentliche Denkvorgang, oder besser gesagt, die Abstraktion, leidet natürlich unter der Kürze der Sekundärfunktion, indem der Vorgang der Abstraktion ein länger andauerndes Verweilen von mehreren Ausgangsvorstellungen und deren Nachwirkungen verlangt, also eine längere Sekundärfunktion. Ohne sie kann keine Vertiefung und Abstraktion einer Vorstellung -- oder Vorstellungsgruppe -- erfolgen. Die schnellere Wiederherstellung der Primärfunktion bedingt eine höhere _Reagibilität,_ allerdings nicht in intensivem, sondern in extensivem Sinne, daher eine prompte Auffassung der unmittelbaren Gegenwart, aber nur ihrer Oberfläche und nicht ihrer tiefern Bedeutung nach. Dieser Umstand erweckt den Eindruck der Kritiklosigkeit oder je nachdem auch den der Vorurteilslosigkeit, des Entgegenkommens und Verstehens oder gegebenenfalls auch den Eindruck der unverständlichen Rücksichtslosigkeit, der Taktlosigkeit oder gar der Gewalttätigkeit. Das zu rasche Hinweggleiten über tiefere Bedeutungen veranlasst den Eindruck einer gewissen Blindheit für alle nicht an der äussersten Oberfläche liegenden Dinge. Die rasche Reagibilität erscheint auch als sog. Geistesgegenwart, Verwegenheit bis Tollkühnheit, die ihre Voraussetzung in der Kritiklosigkeit, im Nichtrealisieren der Gefahr hat. Die Raschheit der Aktion täuscht Entschlossenheit vor, ist aber mehr blinder Impuls. Der Eingriff in fremdes Gebiet erscheint als selbstverständlich und ist erleichtert durch die Unkenntnis des Affektwertes der Vorstellung, der Handlung und ihrer Wirkung auf den Mitmenschen. Durch die rasch wieder erneute Bereitschaft wird die Verarbeitung der Wahrnehmungen und Erfahrungen gestört, sodass das _Gedächtnis_ in der Regel erheblich leidet, denn meistens können nur diejenigen Associationen leicht reproduziert werden, die massenhafte Verbindungen eingegangen sind. Relativ isolierte Inhalte versinken rasch, daher es unendlich viel schwerer ist eine Reihe von sinnlosen (inkohärenten) Worten sich zu merken, als ein Gedicht. Rasche Entflammbarkeit, Enthusiasmus, der bald erlöscht, sind weitere Charakteristika, ebenso gewisse Geschmacklosigkeiten, die durch die allzu rasche Aufeinanderfolge heterogener Inhalte und durch Nichtrealisierung ihrer zu differenten Affektwerte entstehen. Das Denken hat repräsentativen Charakter, also mehr die Art des Vorstellens und des Aneinanderreihens von Inhalten, als den der Abstraktion und Synthese. Ich bin bei dieser Schilderung des Typus mit kurzer Sekundärfunktion im wesentlichen Gross gefolgt unter Beifügung einiger Transskriptionen ins Normale. Gross nennt nämlich diesen Typus: _Minderwertigkeit mit verflachtem Bewusstsein_. Wenn wir aber die allzu krassen Züge bis zum Normalen abmildern, so erhalten wir ein Gesamtbild, in welchem der Leser unschwer den „less emotional type“ _Jordans_ wieder erkennt, also den _Extravertierten_. Gross gebührt daher das nicht unbeträchtliche Verdienst, der Erste zu sein, der eine einheitliche und einfache Hypothese für das Zustandekommen dieses Typus aufgestellt hat.