Psychologische Typen

Part 29

Chapter 293,453 wordsPublic domain

_Spittelers_ Prometheus setzt an einem psychologischen Wendepunkt ein: er schildert das Auseinanderfallen der Gegensatzpaare, die früher noch beisammen waren. Prometheus, der Bildner, der Diener der Seele, verschwindet aus dem Kreis der Menschen; die menschliche Gesellschaft selber, seelenloser Moralroutine gehorchend, verfällt dem Behemoth, den gegensätzlichen, destruktiven Folgen eines überlebten Ideals. Zu rechter Zeit schafft Pandora (die Seele) im Unbewussten das rettende Kleinod, das die Menschheit nicht erreicht, weil letztere es nicht versteht. Die Wendung zum Bessern erfolgt erst durch das Eingreifen der prometheischen Tendenz, die vermöge der Einsicht und des Verstehens, erst wenige, dann viele Menschen zur Besinnung bringt. Es kann natürlich nicht anders sein, als dass dieses Werk seine Wurzeln im intimen Erleben des Schöpfers hat. Wenn es aber nur in einer poetischen Elaboration dieser rein persönlichen Erlebnisse bestünde, so würde ihm die Allgemeingültigkeit und Dauerhaftigkeit in hohem Masse mangeln. Weil es aber nicht nur Persönliches, sondern in der Hauptsache collektive Probleme unserer Zeit auch als persönliche erlebt, darstellt und behandelt, so kommt ihm Allgemeingültigkeit zu. Zugleich musste es aber auch bei seinem ersten Erscheinen auf die Teilnahmlosigkeit der Zeitgenossen stossen, denn die Zeitgenossen sind jeweils in der grossen Mehrzahl dazu berufen, die unmittelbare Gegenwart aufrecht zu erhalten und zu preisen und auf diese Weise jenen fatalen Ausgang herbeizuführen, dessen Verwicklung der vorausahnende schöpferische Geist schon zu lösen versucht hat.

5. Die Natur des vereinigenden Symbols bei Spitteler.

Wir müssen uns nun noch Rechenschaft geben über die wichtige Frage, von welcher Beschaffenheit das Kleinod und Symbol des erneuerten Lebens ist, das der Dichter als freude- und erlösungbringend empfindet. Wir haben bereits eine Reihe von Belegen zusammengestellt, welche die „göttliche“ Natur, die „Gottheit“ des Kleinodes dartun. Damit ist deutlich gesagt, dass in diesem Symbole Möglichkeiten zu neuen energetischen Auslösungen liegen, nämlich zu Befreiungen der unbewusst gebundenen Libido. Das Symbol sagt immer: gleichsam in dieser Form ist eine neue Manifestation des Lebens, eine Erlösung aus der Gebundenheit und dem Lebensüberdruss möglich. Die durch das Symbol aus dem Unbewussten befreite Libido ist symbolisiert als ein verjüngter, oder überhaupt als ein neuer Gott, so wie z. B. im Christentum Jahve eine Wandlung zum liebenden Vater und überhaupt zu einer höhern und geistigern Moralität vollzog. Das Motiv der Gotteserneuerung[220] ist allgemein verbreitet und kann deshalb als bekannt vorausgesetzt werden. Bezüglich der erlösenden Kraft des Kleinods sagt Pandora:

„Sondern sieh, von einem Menschenvolke, hab’ ich einst vernommen, reich an Schmerzen, wert, dass man sich dess erbarme, darum hab’ ich ein Geschenk mir ausgedichtet, dass vielleicht, wofern du mir’s gewährst, damit ich lindere oder tröste, ihre vielen Leiden.“[221] Die Blätter des geburtbeschützenden Baumes singen: „Denn hier ist Gegenwart, und hier ist Seligkeit und hier ist Gnade.“[222]

Die Botschaft des „Wunderkindes“, des neuen Symboles, ist Liebe und Freude, also ein Zustand paradiesischer Art. Diese Botschaft ist eine Parallele zur Christusgeburt, während die Begrüssung durch die Sonnengöttin[223] und das Geburtswunder, dass Menschen in der Entfernung in diesem Augenblick „gut“ und begnadet werden[224], Attribute der Buddhageburt sind. Aus dem „Gottessegen“ möchte ich nur die eine bedeutsame Stelle hervorheben: „dass jedem Manne diese Bilder widerführen, die dereinst als Kind er schaute in der Zukunft buntem träumerischen Scheine.“[225] Damit ist offenbar gesagt, dass die Kindheitsphantasien in Erfüllung gehen mögen, d. h. dass jene Bilder nicht verloren gehen, sondern sich dem reifen Manne wieder nahen und sich erfüllen sollen. Der alte Kule in _Barlach_: Der tote Tag[226], sagt: „Wenn ich nachts liege, und die Finsterniskissen mich drücken, dann drängt sich zuweilen um mich klingendes Licht, sichtbar meinen Augen und meinen Ohren hörbar. Und da stehen dann die schönen Gestalten der bessern Zukunft um mein Lager. Noch starr, aber von herrlicher Schönheit, noch schlafend -- -- _aber wer sie erweckte, der schüfe der Welt ein besseres Gesicht. Das wäre ein Held, der das könnte._“ -- „Was für Herzen würden dadurch erst schlagen können! Ganz andere Herzen, die ganz anders schlagen, als sie jetzt können.“ -- (Von den Bildern.) „Sie stehen in keiner Sonne und werden nirgends von der Sonne beschienen. _Aber sie wollen und müssen einmal aus der Nacht._ Das wäre die Kunst, sie an die Sonne zu schaffen, da würden sie leben.“ Auch Epimetheus sehnt sich nach dem Bilde, dem Kleinod; er sagt im Gespräch über die Statue des Herakles (des Heroën!): „Dies ist des Bildes Sinn und mit Verständnis setzt es darein einzig unsern Ruhm, dass wir Gelegenheit erleben und sie fassen, _dass ein Kleinod reife über unserm Haupt und dass wir es gewinnen_.“[227] Auch als das Kleinod, von Epimetheus abgelehnt, den Priestern gebracht wird, singen diese gerade so, wie Epimetheus vorher das Kleinod ersehnte: „O komm, o Gott, mit deiner Gnade“, um unmittelbar darauf das ihnen gebotene Himmelskleinod abzulehnen und zu lästern. Der Beginn des von den Priestern gesungenen Hymnus ist unschwer zu erkennen als das protestantische Kirchenlied:

„Komm, o komm, du _Geist des Lebens_, _Wahrer Gott von Ewigkeit!_ Deine _Kraft_ sei nicht vergebens, Sie erfüll uns jederzeit: So wird _Geist und Licht und Schein_ In dem dunklen Herzen sein.

O du _Geist der Kraft und Stärke_, Du gewisser _neuer Geist_, Fördre in uns deine Werke“, etc.

Dieser Hymnus geht durchaus parallel mit unsern vorangegangenen Ausführungen. Dass dieselben Priester, die dieses Lied singen, den neuen Lebensgeist, das neue Symbol verwerfen, entspricht ganz dem rationalistischen Wesen epimetheischer Kreaturen. Die Vernunft sucht die Lösung immer auf dem vernünftigen, konsequenten, logischen Wege, womit sie in allen mittlern Lagen und Problemen Recht hat, aber in den grössten und entscheidenden Fragen reicht sie nicht aus. Sie ist unfähig, das Bild, das Symbol zu erschaffen; das Symbol ist irrational. Wenn der rationale Weg zur Sackgasse geworden ist, -- was er nach einiger Zeit immer zu werden pflegt -- dann kommt die Lösung von der Seite, von der man sie nicht erwartet. („Was kann von Nazareth Gutes kommen?“) Dieses psychologische Gesetz ist z. B. die Grundlage der messianischen Prophezeiungen. Die Prophezeiungen selbst sind Projektionen des das künftige Geschehen vorahnenden Unbewussten. Weil die Lösung irrational ist, so wird das Erscheinen des Erlösers an eine unmögliche, d. h. irrationale Bedingung geknüpft, also an die Schwangerschaft der Jungfrau.[228] Diese Prophezeiung ist, wie viele andere, die etwa lauten, wie: „Macbeth wird keiner Feindesmacht erliegen, kommt feindlich nicht der Birnams Wald gestiegen, zum Dunsinan.“

Die Geburt des Erlösers, d. h. die Entstehung des Symbols, findet dort statt, wo man sie nicht erwartet, und zwar gerade dort, von woher eine Lösung am allerunwahrscheinlichsten ist. So sagt _Jesaia_ (53, 1): „Aber wer glaubt unserer Predigt? Und wem wird der Arm des Herrn offenbaret?

Denn er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch Schöne; wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.

Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn nichts geachtet.“

Das Erlösende entsteht nicht nur dort, von woher man nichts erwartet, sondern es tritt, wie diese Stelle zeigt, auch in einer Gestalt hervor, an der nichts Schätzenswertes ist für das epimetheische Urteil. Spitteler hat sich bei der Schilderung der Verwerfung des Symbols wohl kaum an das biblische Vorbild bewusst angelehnt, sonst würde man es seinen Worten anmerken. Vielmehr hat er aus derselben Tiefe geschöpft, aus der Propheten und Schöpfer die lösenden Symbole schaffen.

Die Erscheinung des Erlösers bedeutet eine Vereinigung der Gegensätze: „Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen, und die Pardel bei den Böcken liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben.

Kühe und Bären werden an der Weide gehen, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh essen wie die Ochsen.

Und ein Säugling wird seine Lust haben am Loch der Otter, und ein Entwöhneter wird seine Hand stecken in die Höhle des Basilisken.“[229]

Die Natur des erlösenden Symboles ist die eines Kindes[230], d. h. die Kindlichkeit oder Voraussetzungslosigkeit der Einstellung gehört zum Symbol und dessen Funktion. Diese „kindliche“ Einstellung bringt es eo ipso mit sich, dass an Stelle der Eigenwilligkeit und rationalen Absichtlichkeit ein anderes Führungsprinzip tritt, dessen „Göttlichkeit“ gleichbedeutend ist mit „Übermacht“. Das Führungsprinzip ist irrationaler Natur, weshalb es in der Hülle des Wunderbaren erscheint. Diesen Zusammenhang gibt Jesaia sehr schön 9, 5: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heisst Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friedefürst.“

Diese Bestimmungen geben die wesentlichen Eigenschaften des lösenden Symboles, die wir oben bereits festgestellt haben. Das Kriterium der „göttlichen“ Wirkung ist die unwiderstehliche Kraft des unbewussten Impulses. Der Held ist immer die mit magischer Kraft ausgerüstete Figur, die das Unmögliche möglich macht. Das Symbol ist der mittlere Weg, auf dem sich die Gegensätze einen zu neuer Bewegung, ein Wasserlauf, der nach langer Dürre Fruchtbarkeit ergiesst: Die Spannung vor der Lösung wird einer Schwangerschaft verglichen:

„Gleichwie eine Schwangere, wenn sie schier gebären soll, so ist ihr Angst, schreiet in ihren Schmerzen: so gehet’s uns auch, Herr, vor deinem Angesicht.

Da sind wir auch schwanger, und ist uns bange, dass wir kaum Odem holen; doch können wir dem Lande nicht helfen --.

Aber deine Toten werden leben, meine Leichname werden auferstehen.“

Im Akte der Erlösung belebt sich das, was unbelebt, tot war, d. h. psychologisch: diejenigen Funktionen, die brach lagen und steril, unbeschäftigt, verdrängt, verachtet, unterschätzt, etc., waren, brechen plötzlich hervor und fangen an zu leben. Es ist eben gerade die minderwertige Funktion, welche das Leben, das in der differenzierten Funktion zu erlöschen drohte, fortsetzt.[231] Dieses Motiv kehrt im neutestamentlichen Gedanken der ἀποκατάρτασις πάντων, der Wiederbringung[232], wieder, welche eine hohe Entwicklungsform jenes allgemein verbreiteten Gedankens des Heldenmythus ist, nach dem der Held, wenn er aus dem Walfischbauch herauskommt, auch seine Eltern und all die, die vom Ungeheuer früher verschluckt worden sind, herausführt, was _Frobenius_ das „Allausschlüpfen“ nennt.[233] Den Zusammenhang mit dem Heldenmythus wahrt auch Jesaia zwei Verse weiter (27, 1): „Zu der Zeit wird der Herr heimsuchen mit seinem harten, grossen und starken Schwert beide, den Leviathan, der eine flüchtige Schlange, und den Leviathan, der eine gewundene Schlange ist, und _wird den Drachen im Meer erwürgen_.“

Mit der Geburt des Symbols hört die Regression der Libido ins Unbewusste auf. Die Regression verwandelt sich in Progression, die Stauung gerät in Fluss. Dadurch wird die anziehende Macht des Urgrundes gebrochen. Darum heisst es auch in _Barlachs_ Drama: Der tote Tag: Kule: „Und da stehen dann die schönen Gestalten der bessern Zukunft um mein Lager. Noch starr, aber von herrlicher Schönheit, noch schlafend -- aber wer sie erweckte, der schüfe der Welt ein besseres Gesicht. Das wäre ein Held, der das könnte.

Mutter: Ein Heldentum in Jammer und Nöten!

Kule: Aber es könnte vielleicht doch einer!

Mutter: _Der sollte vorher seine Mutter begraben._“ --

Das Motiv des „Mutterdrachens“ habe ich früher ausgiebig belegt, sodass ich mir hier die Wiederholung ersparen kann.[234] Die Entstehung neuen Lebens und neuer Fruchtbarkeit, da, wo man nichts erwarten konnte, schildert auch Jesaia 35, 5 ff.: „Alsdann werden der Blinden Augen aufgetan werden, und der Tauben Ohren werden geöffnet werden.

Alsdann werden die Lahmen löcken wie ein Hirsch, und der Stummen Zunge wird lobsagen. Denn es werden Wasser in der Wüste hin und wieder fliessen und Ströme im dürren Lande.

Und wo es zuvor trocken ist gewesen, sollen Teiche stehen; und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Da zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

_Und es wird daselbst eine Bahn sein und ein Weg, welcher der heilige Weg heissen wird_, dass kein Unreiner darauf gehen darf; und derselbige wird für sie sein, dass man drauf gehe, dass auch die Thoren nicht irren mögen.“

Das lösende Symbol ist eine Bahn, ein Weg, auf der sich das Leben vorwärts bewegen kann, ohne Qual und Zwang.

_Hölderlin_ sagt in „Patmos“:

„Nah ist Und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch.“

Es klingt, wie wenn die Nähe Gottes eine Gefahr wäre, d. h. wie wenn die Konzentration der Libido im Unbewussten eine Gefahr wäre für das bewusste Leben. Dem ist nun tatsächlich so: je mehr die Libido im Unbewussten investiert wird oder, besser gesagt, sich investiert, desto höher steigt der Einfluss, die Wirkungsmöglichkeit des Unbewussten, d. h. alle verworfenen, abgelegten, überlebten, ja seit Generationen gänzlich verlorenen Funktionsmöglichkeiten beleben sich und beginnen einen wachsenden Einfluss auf das Bewusstsein auszuüben, trotz oft verzweifelter Gegenwehr der bewussten Einsicht. Das Rettende ist das Symbol, welches Bewusstes und Unbewusstes in sich fassen und vereinigen kann. Während die dem Bewusstsein disponible Libido in der differenzierten Funktion sich allmählich erschöpft und sich immer langsamer und schwieriger ergänzen lässt, und während die Symptome des Uneinssein mit sich selber sich häufen, wächst die Gefahr einer Überschwemmung und Zerstörung durch unbewusste Inhalte, zugleich aber wächst auch das Symbol, das berufen ist, den Konflikt zu lösen. Das Symbol aber ist auf’s allerinnigste verbunden mit dem Gefährlichen und Bedrohenden, sodass es mit ihm entweder verwechselt werden kann, oder dass es bei seinem Erscheinen eben gerade das Böse und Zerstörende hervorruft. Jedenfalls ist die Erscheinung des Erlösenden aufs innigste mit Zerstörung und Verwüstung verknüpft. Wenn das Alte nicht reif wäre zum Tode, so würde nichts Neues erscheinen, und das Alte könnte und brauchte nicht ausgerottet zu werden, wenn es dem Neuen nicht schädlicherweise den Platz versperrte. Dieser natürliche psychologische Zusammenhang der Gegensätze findet sich bei Jesaia 7, 16 ff. 7, 14 heisst es, dass eine Jungfrau einen Sohn gebären wird, den sie Immanuel heissen wird. Immanuel heisst bezeichnenderweise „Gott mit uns“, d. h. Vereinigung mit der latenten Dynamis des Unbewussten, die im lösenden Symbol gewährleistet ist. Was aber diese Vereinigung zunächst bedeuten will, zeigen die unmittelbar folgenden Verse:

„Denn ehe der Knabe lernet Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land verödet sein, vor dessen zween Königen dir grauet.“

8, 1: „Und der Herr sprach zu mir: Nimm vor dich eine grosse Tafel und schreib darauf mit Menschengriffel: _Raubebald, Eilebeute_.“

8, 3: „Und ich ging zu der Prophetin, die ward schwanger und gebar einen Sohn. Und der Herr sprach zu mir: nenne ihn _Raubebald, Eilebeute_.

Denn ehe der Knabe rufen kann: Lieber Vater, liebe Mutter! soll die Macht von Damaskus und die Ausbeute Samarias weggenommen werden durch den König zu Assyrien.“

8, 6: „Weil dies Volk verachtet das Wasser zu Siloah, das stille gehet --

Siehe, so wird der Herr über sie kommen lassen starke und viele Wasser des Stromes, nämlich den König zu Assyrien und alle seine Herrlichkeit, dass sie über alle ihre Bette fahren und über alle ihre Ufer gehen;

Und werden einreissen in Juda, und schwemmen und überherlaufen, bis dass sie an den Hals reichen; und werden ihre Flügel ausbreiten, dass sie dein Land, o Immanuel, füllen, so weit es ist.“

Ich habe schon in meinem Buch über „Wandlungen und Symbole der Libido“ darauf hingewiesen, dass die Gottesgeburt vom Drachen, von der Überschwemmungsgefahr, dem Kindsmord bedroht ist. Psychologisch heisst das: dass die latente Dynamis ausbrechen und das Bewusstsein überschwemmen kann. Diese Gefahr ist für Jesaia der fremde König, der ein feindliches, mächtiges Reich regiert. Für Jesaia ist das Problem natürlich nicht psychologisch, sondern wegen seiner völligen Projektion concret. Bei Spitteler dagegen ist das Problem schon sehr psychologisch, deshalb vom concreten Objekt abgelöst, und doch drückt es sich in ganz ähnlichen Formen aus wie bei Jesaia, obschon wir kaum eine bewusste Anlehnung vermuten dürfen. Die Geburt des Erlösers ist gleichbedeutend mit einer grossen Katastrophe, indem nämlich ein neues, mächtiges Leben da hervorbricht, wo man gar kein Leben und keine Kraft und keine Entwicklungsmöglichkeit vermutete. Es strömt hervor aus dem Unbewussten, d. h. aus demjenigen Teil der Psyche, der gewollt und ungewollt nicht gewusst und deshalb von allen Rationalisten als Nichts behandelt wird. Aus diesem Nichtgeglaubten und Verworfenen kommt der neue Kraftzuschuss, die Erneuerung des Lebens. Was heisst aber das Nichtgeglaubte und Verworfene? Es sind alle diejenigen psychischen Inhalte, die wegen ihrer Unverträglichkeit mit den bewussten Werten verdrängt wurden, also das Hässliche, Unmoralische, Unrichtige, Unzweckmässige, Untaugliche usw. D. h. alles, was dem betreffenden Individuum einmal so erschienen ist. Die Gefahr besteht nun darin, dass der Mensch, wegen der Gewalt, mit der diese Dinge wiedererscheinen, wegen ihres neuen und wunderbaren Glanzes dermassen davon weggerissen wird, dass er alle frühern Werte darüber verwirft oder vergisst. Was man früher verachtete, wird jetzt oberstes Prinzip, und was früher Wahrheit war, heisst jetzt Irrtum. Diese Umkehrung der Werte kommt einer Zerstörung der bisherigen Lebenswerte gleich, ist also gleich wie eine Verwüstung des Landes durch Überschwemmung.

So bringt bei Spitteler das Himmelsgeschenk der Pandora dem Lande und den Menschen Unheil. Wie der Büchse der Pandora in der klassischen Sage die Krankheiten entströmen, das Land überschwemmen und verheeren, so entsteht ein ähnliches Unheil durch das Kleinod. Um dies zu begreifen, müssen wir uns Rechenschaft geben über die Beschaffenheit dieses Symboles. Die ersten, die das Kleinod finden, sind die Bauern, wie die Hirten die ersten sind, die den Erlöser begrüssen. Sie drehen es hin und her in ihren Händen, „bis sie schliesslich ganz und gar verdummeten, gemäss der fremden, sittenlosen, ungesetzlichen Erscheinung.“ Als sie es vor den König brachten und dieser es zur Prüfung dem Gewissen zeigte, damit es ja oder nein dazu sage, da sprang es erschrocken vom Schrank auf den Boden, und versteckte sich unter das Bett „unmöglichen Vermutens“. Wie eine flüchtende Krabbe „giftig glotzend, feindlich sträubend die gewundnen Scheeren“ -- „so schaute das Gewissen unterm Bett hervor und es geschah, je näher Epimetheus rückte das Gebild, je weiter zog das andere sich zurück mit widerwärtigen Gebärden. Und also schweigend hockt es da und auch kein einz’ges Wort und keine Silbe gab es laut, wie sehr der König immer bat und flehete und reizte mit verschiedenen Reden.“

Dem Gewissen war das neue Symbol offenbar höchst unsympathisch, weshalb der König den Bauern riet, das Kleinod zu den Priestern zu tragen. „Als kaum der Hiphil-Hophal (der Oberpriester) schauete des Bildes Angesicht, da fing er an sich zu entsetzen und zu ekeln, schrie und rief, indem er seine Arme schützend kreuzte über seiner Stirne:

„Hinweg mit diesem Hohn, denn etwas _Widergöttliches_ beruht in ihm und fleischlich ist sein Herz und Frechheit blickt aus seinen Augen.“

Darauf brachten die Bauern das Kleinod zur Akademie: Die Lehrer der hohen Schule aber fanden, dass dem Bilde „Gefühl und Seele“ fehle, „überdies der Ernst, und auch zu allermeist der leitende Gedanke.“

Der Goldschmied schliesslich fand das Kleinod unecht und von gemeinem Stoff. Auf dem Markt, wo die Bauern das Bild los werden wollten, kam die Markt-Polizei dazu. Die Hüter des Rechtes riefen beim Anblick des Bildes: „Wohnt auch ein Herz in eurem Leib und ruhet auch in eurer Seele ein Gewissen, dass ihr solches wagt und leget also öffentlich vor Aller Augen diese blosse, unverschämte, geile Nacktheit? --

Und nun so hebt euch eilig weg! und wehe über euch, wofern durch einen Zufall ihr beschmutzt mit diesem Anblick unsere reinen Kinder samt den weissen Weibern. --“

Das Symbol ist vom Dichter gekennzeichnet als fremd, sittenlos, ungesetzlich, der moralischen Empfindung zuwider, dem Gefühl und unserer Vorstellung des Seelischen widerstreitend, ebenso unserm Begriffe des Göttlichen, es spricht zur Sinnlichkeit, ist schamlos und geeignet, die öffentliche Sittlichkeit in hohem Masse durch Erregung sexueller Phantasien zu gefährden. Diese Attribute bestimmen also eine Wesenheit, welche besonders mit unsern moralischen Werten sich im Widerspruch befindet, in zweiter Linie auch mit dem ästhetischen Werturteil, indem die höhern Gefühlswerte daran mangeln, und die Abwesenheit des „leitenden Gedankens“ auch auf eine Irrationalität seines gedanklichen Inhaltes deutet. Das Verdikt „widergöttlich“ liesse sich wohl auch mit „antichristlich“ wiedergeben, indem diese Geschichte weder im fernen Altertum noch in China lokalisiert ist. Dieses Symbol ist also gemäss allen Attributen ein Vertreter der minderwertigen Funktion, also der nicht anerkannten psychischen Inhalte. Das Bild stellt offenbar -- obschon dies nirgends gesagt ist -- eine nackte menschliche Gestalt dar -- „lebende Gestalt“.

Diese Gestalt drückt die völlige Freiheit aus, so zu sein, wie man ist, zugleich auch die Pflicht, so zu sein, wie man ist; sie bedeutet demnach die höchste Möglichkeit ästhetischer wie sittlicher Schönheit, aber von Natur wegen und nicht in künstlich hergerichteter Idealform, den Menschen, wie er sein könnte. Ein solches Bild, dem Menschen, wie er gegenwärtig ist, vor Augen gestellt, kann gar nichts anderes als das in ihm auslösen, was schlummernd gebunden lag, und nicht mitlebte. Sollte der Zufall es wollen, dass er erst zur Hälfte zivilisiert, zur andern Hälfte aber noch ein Barbar ist, so wird durch solchen Anblick alle Barbarei in ihm aufgeweckt. Der Hass des Menschen konzentriert sich immer auf das Etwas, das ihm seine schlechten Eigenschaften zum Bewusstsein bringt. Daher das Schicksal des Kleinods mit dem Augenblick seines Erscheinens in der Welt auch besiegelt war. Der stumme Hirtenknabe, der es zuerst fand, wird von den wütenden Bauern halbtot geprügelt, dann „schmettern“ die Bauern das Kleinod auf die Strasse. Damit hat das Erlösersymbol seine kurze aber typische Laufbahn geendet. Die Anlehnung an den christlichen Passionsgedanken ist unverkennbar. Die Erlösernatur des Kleinodes erhellt auch daraus, dass es bloss alle Tausend Jahre einmal erscheint; es ist ein seltenes Ereignis, dieses „Blühen des Schatzes“ und Erscheinen eines Heilandes, eines Saoshyant, eines Buddha.