Part 23
Diese Stelle zeigt die beiden Prinzipien in ihrer Natur als psychologische Funktionen; nämlich Manas als Introversion der Libido mit Erzeugung eines innern Produktes, Vac dagegen als die Funktion der Entäusserung, der Extraversion. Mit dieser Vorbereitung können wir nun auch eine weitere auf Brahman bezügliche Stelle[172] verstehen: Brahman schuf zwei Welten. „Nachdem es in die jenseitige (Welt-) Hälfte eingegangen, erwog es: Wie kann ich nun in diese Welten hineinreichen? _Und es reichte in diese Welten hinein durch zwei_, durch die _Gestalt_ und durch den _Namen_. -- _Diese beiden sind die beiden grossen Ungetüme des Brahman; wer diese beiden grossen Ungetüme des Brahman weiss, der wird zum grossen Ungetüm; diese beiden sind die beiden grossen Erscheinungen des Brahman._“
Wenig weiter wird „Gestalt“ als manas erklärt („Manas ist die Gestalt, denn durch das manas weiss man, dass es diese Gestalt ist“) und „Namen“ als vac („denn durch die vac greift man den Namen“). Die beiden „Ungetüme“ des Brahman erscheinen also als manas und vac, und damit als zwei psychische Funktionen, mit denen Brahman in zwei Welten „hineinreichen“ kann, womit offenbar „Beziehung“ gemeint ist. Mit manas wird introvertierend die Gestalt der Dinge „aufgefasst“ oder „aufgenommen“; mit vac wird extravertierend des Dinges Namen genannt. Beides sind Beziehungen und Anpassungen oder Assimilationen der Dinge. Die beiden Ungetüme sind offenbar auch personifiziert gedacht, worauf auch der andere Name „Erscheinung“ = _yaksha_ hindeutet, indem yaksha soviel wie Dämon oder übermenschliches Wesen heisst. Die Personifikation bedeutet psychologisch immer eine relative Selbständigkeit (Autonomie) des personifizierten Inhaltes, d. h. eine relative Abspaltung von der psychischen Hierarchie. Ein derartiger Inhalt gehorcht nicht der willkürlichen Reproduktion, sondern reproduziert sich selbst spontan oder entzieht sich auch dem Bewusstsein auf dieselbe Weise.[173] Eine solche Abspaltung entwickelt sich z. B., wenn eine Inkompatibilität besteht zwischen dem Ich und einem gewissen Komplex. Wie bekannt, beobachtet man diese Abspaltung sehr häufig zwischen dem Ich und dem Sexualkomplex. Aber auch andere Komplexe können abgespalten sein, z. B. der Machtkomplex, d. h. die Summe aller Strebungen und Vorstellungen, die sich auf Erlangung persönlicher Macht richten. Es gibt nun aber noch eine andere Art von Abspaltung, nämlich die _Abspaltung des bewussten Ich mit einer ausgewählten Funktion von den übrigen Komponenten der Persönlichkeit_. Man kann diese Abspaltung bezeichnen als eine _Identifikation des Ich mit einer gewissen Funktion_ oder Funktionsgruppe. Diese Abspaltung ist sehr häufig bei Menschen, die sich besonders tief in eine ihrer psychischen Funktionen versenken und sie zur alleinigen bewussten Anpassungsfunktion differenzieren. Ein gutes literarisches Beispiel eines solchen Menschen ist der Faust am Beginn der Tragödie. Die übrigen Bestandteile der Persönlichkeit nähern sich in Gestalt des Pudels, und dann des Mephistopheles. Trotzdem Mephistopheles, wie unzweifelhaft durch viele Associationen nachzuweisen ist, auch den Sexualkomplex repräsentiert, so wäre es doch meines Erachtens ungerechtfertigt, Mephistopheles als einen abgespaltenen Komplex zu erklären, also z. B. als verdrängte Sexualität. Diese Erklärung ist zu eng, denn Mephistopheles ist noch mehr als bloss Sexualität, er ist auch Macht, er ist überhaupt das ganze Leben Fausts, insofern es nicht Denken und Forschen ist. Dies zeigt der Erfolg des Paktes mit dem Teufel auf’s Deutlichste. Welche ungeahnten Möglichkeiten entwickeln sich nicht aus dem verjüngten Faust! Die richtige Auffassung scheint mir daher die zu sein, wonach Faust mit der einen Funktion sich identifiziert und mit ihr sich vom Ganzen seiner Persönlichkeit abgespalten hat. Später spaltet sich dann der Denker in Form Wagners von Faust ab.
Die bewusste Fähigkeit zur Einseitigkeit ist ein Zeichen höchster Kultur. Die unwillkürliche Einseitigkeit aber, d. h. das Nichtanderskönnen als Einseitigsein ist ein Zeichen von Barbarei. Daher wir auch die einseitigsten Differenzierungen bei barbarischen Völkern finden, z. B. die den guten Geschmack beleidigenden Erscheinungen der christlichen Askese, parallele Erscheinungen bei den Yogin und im Tibetanischen Buddhismus. Für den Barbaren besteht sogar immer die grosse Gefahr, dass er irgend einer Einseitigkeit zum Opfer fällt und dadurch das Ganze seiner Persönlichkeit aus den Augen verliert. Mit diesem Konflikt hebt z. B. auch das Gilgamesh-Epos an. Die Einseitigkeit der Bewegung tritt beim Barbaren mit dämonischem Zwange auf; es ist etwas von Berserkerwut und Amoklaufen darin. Die barbarische Einseitigkeit setzt immer einen gewissen Grad von Instinktverkrüppelung voraus, welche beim Primitiven fehlt, weshalb der Primitive im allgemeinen von der barbarischen Einseitigkeit noch frei ist.
Die Identifikation mit einer bestimmten Funktion führt sofort in eine Gegensatzspannung hinein. Je zwangsmässiger die Einseitigkeit ist, d. h. je ungezähmter die Libido ist, welche zur einen Seite drängt, desto dämonischer ist die Einseitigkeit. Denn der Mensch spricht dann von dämonischer Besessenheit oder von magischem Bewirktsein, wenn er von seiner eigenen ungezähmten, nicht domestizierten Libido hingerissen wird. Manas und Vac sind auf diese Weise wirklich grosse Dämonen, indem sie von gewaltiger Wirkung auf den Menschen sein können. Alle Dinge, die grosse Wirkungen ausüben, wurden als Götter oder Dämonen aufgefasst. So wurde manas in der Gnostik als der schlangenhafte Nous personifiziert, vac als Logos. Vac verhält sich zu Prajapati wie der Logos zu Gott. Wir erleben es sozusagen täglich, was für Dämonen Introversion und Extraversion sind. Wir sehen es bei unsern Patienten und fühlen es an uns selbst, mit welcher Kraft und Unwiderstehlichkeit die Libido nach innen oder nach aussen strömt, oder mit welcher Unerschütterlichkeit sich eine introvertierte oder extravertierte Einstellung festsetzen kann. Wenn daher manas und vac als die Ungetüme Brahmans bezeichnet werden, so entspricht das vollständig dem psychologischen Tatbestand, dass die Libido sich sofort bei ihrem Erscheinen in zwei Strömungen spaltet, die sich in der Regel zeitlich ablösen, zuweilen aber auch simultan in Form eines Konfliktes auftreten, nämlich in eine Auswärtsströmung und in eine Einwärtsströmung. Das Dämonische der beiden Bewegungen liegt an ihrer Unbeherrschbarkeit und Übermacht. Diese Qualität macht sich allerdings nur dann bemerkbar, wenn der Instinkt des Primitiven schon in höherm Masse beschränkt ist, wodurch eine natürliche und zweckmässige Gegenbewegung gegen die Einseitigkeit verhindert wird, und die Kultur noch nicht soweit fortgeschritten ist, dass der Mensch seine Libido schon soweit gezähmt hätte, dass er die introvertierende und extravertierende Libidobewegung freiwillig und absichtlich mitmachen könnte.
c) _Das vereinigende Symbol als dynamische Gesetzmässigkeit._ Wir haben die Entwicklung des erlösenden Prinzipes aus den Gegensatzpaaren und die Entstehung der Gegensatzpaare aus demselben schöpferischen Prinzip an Zitaten aus den indischen Quellen verfolgt, und haben dabei einen Einblick in ein offenbar gesetzmässiges psychologisches Geschehen gewonnen, das wir auch mit den Begriffen unserer modernen Psychologie unschwer vereinen können. Diesen Eindruck des gesetzmässigen Geschehens übermitteln uns auch die indischen Quellen, indem sie Brahman mit rita identifizieren. Was ist nun rita? Rita bedeutet: feste Ordnung, Bestimmung, Richtung, Entscheidung, heiliger Brauch, Satzung, göttliches Gesetz, das Rechte, Wahre. Seine Grundbedeutung nach Ausweis der Etymologie ist: Fügung, (richtiger) Gang, Richtung, Direktive. Das Geschehene, das von rita bedingt ist, erfüllt die ganze Welt, besonders aber zeigt sich das rita in den Naturvorgängen, die sich gleich bleiben, und zuerst die Vorstellung einer regelmässigen Wiederkehr erwecken: „Nach dem rita hat die himmelgeborne Morgenröte aufgeleuchtet.“ Die weltordnenden Väter haben „nach dem rita die _Sonne_ am Himmel emporgeführt“, die selbst „das helle sichtbare Antlitz des rita ist.“ Um den Himmel läuft das zwölfspeichige Rad des rita, das nie alt wird, das Jahr. Agni wird Spross des rita genannt. Im Tun des Menschen wirkt rita als das sittliche Gesetz, das Wahrheit und das Gehen auf geradem Wege gebietet. „_Wer dem rita folgt, des Pfad ist schön zu gehen und dornlos._“ Das rita tritt auch im Kultus hervor, sofern dieser als zauberische Wiederholung bezw. Hervorbringung des kosmischen Geschehens gilt. Wie dem rita gehorchend die Ströme fliessen, und die Morgenröte sich entflammt, so wird „unter des rita Anschirrung“[174] das Opfer entzündet; auf dem Pfade des rita bringt Agni das Opfer zu den Göttern. „Die Götter rufe ich, rein von Zauber; mit dem rita tue ich mein Werk, schaffe ich mein Denken“, sagt der Opferer. Rita erscheint im Veda nicht personifiziert, dagegen haftet ihm nach _Bergaigne_ der Anflug von _concretem Wesen_ an. Da rita eine Richtung des Geschehens ausdrückt, so gibt es „Pfade des rita“, es gibt „Wagenlenker“[175] und Schiffe des rita, die Götter werden ihm gelegentlich parallel gesetzt. So wird z. B. dasselbe von rita gesagt, was von Varuna gesagt wird. Auch Mitra, der alte Sonnengott, wird mit rita in Verbindung gebracht (wie oben!). Von Agni heisst es: „Du wirst Varuna, wenn du dem rita zustrebst.“[176] Die Götter sind Hüter des rita.[177] Ich erwähne noch einige wesentliche Zusammenhänge:
1. „Rita ist Mitra, da Mitra das Brahman ist, und rita das Brahman ist.“[178]
2. „Den Brahmanen die Kuh gebend, erwirbt man alle Welten sich, denn in ihr ist ritam, Brahman beschlossen, und das Tapas auch.“[179]
3. „Prajapati wird der Erstgeborne des rita genannt.“[180]
4. „Die Götter folgten den Gesetzen des rita.“[181]
5. „Er, der ihn, den Verborgnen (Agni) sah, er, der sich dem Strome des rita näherte.“[182]
6. „O Wissender des rita, wisse das rita! Erbohre viele Ströme des rita.“[183]
Das Bohren bezieht sich auf den Dienst des Agni, dem dieser Hymnus geweiht ist. (Agni wird hier auch der „rote Stier des rita“ genannt.) Im Agnidienst wird Feuer gebohrt als ein magisches Symbol der Wiedererzeugung des Lebens. Hier werden die Ströme des rita erbohrt, offenbar mit derselben Bedeutung, nämlich Lebensströme wieder heraufgebracht, aus Bindungen befreite Libido.[184] Die durch die rituelle Feuerbohrung oder durch den Vortrag der Hymnen herbeigeführte Wirkung ist natürlich vom Gläubigen als magische Wirkung des Objektes gedacht, in Wirklichkeit aber eine „Bezauberung“ des Subjektes, nämlich eine Erhöhung des Lebensgefühls, eine Befreiung und Vermehrung der Lebenskraft, eine Wiederherstellung des psychischen Potentials.
7. So heisst es: „Obschon er (Agni) sich wegschleicht, so geht das Gebet doch geradeswegs zu ihm. Sie (die Gebete) haben hervorgeführt die fliessenden Ströme des rita.“[185]
Das Wiederauftreten des Lebensgefühls, des Gefühls der strömenden Energie wird überhaupt gerne einer erschlossenen Quelle, oder dem Schmelzen des bannenden Wintereises im Frühling oder dem Regen nach langer Dürre verglichen.[186]
Damit stimmt folgende Stelle trefflich überein: „Die brüllenden Milchkühe des rita waren überfliessend mit ihren vollen Eutern. Die Flüsse, welche von ferne die Gunst (der Götter) erflehten, sind mitten durch den Felsen gebrochen mit ihren Fluten.“[187]
Dieses Bild weist deutlich auf eine Energiespannung, auf eine Libidostauung hin, die gelöst wird. Rita erscheint hier als Besitzer des Segens, der „brüllenden Milchkühe“, als eigentliche Quelle der befreiten Energie.
8. In Übereinstimmung mit dem erwähnten Bilde des Regens für die Befreiung der Libido befindet sich folgende Stelle: „Die Nebel fliegen, die Wolken donnern. Wenn sie ihn, der anschwillt von der Milch des rita, auf den geradesten Pfaden des rita geführt haben, dann füllen Aryaman, Mitra und Varuna, er, der die Erde umwandelt, den Ledersack (die Wolke) in der Gebärmutter der untern (Atmosphäre).“[188]
Agni ist der, der anschwillt von der Milch des rita, hier verglichen mit der Blitzkraft, die aus angesammelten und regengefüllten Wolken hervorbricht. Rita erscheint hier wieder als eigentliche Energiequelle, in der Agni auch geboren ist, wie Vedic hymns l. c. p. 161, 7. ausdrücklich erwähnt ist. Rita ist auch Pfad, d. h. gesetzmässiger Ablauf.
9. „Sie haben mit Zuruf begrüsst die Ströme des rita, welche verborgen waren an der Geburtsstelle des Gottes, an seinem Sitze. Als er zerteilt wohnte im Schosse der Wasser, da trank er, etc.“[189]
Diese Stelle ergänzt das eben Gesagte über rita als Libidoquelle, in der der Gott wohnt und aus der er in der heiligen Prozedur hervorgeholt wird. Agni ist die positive Erscheinung der vorher latenten Libido, er ist der Vollbringer oder Erfüller des rita, sein „Wagenlenker“ (vergl. oben!), er schirrt die zwei langmähnigen, roten Stuten des rita an.[190] Ja, er hält das rita wie ein Pferd am Zügel. (Ved. Hymn. l. c. p. 382.) Er führt die Götter den Menschen zu, d. h. also ihre Kraft und ihren Segen, welche nichts anderes als bestimmte psychologische Zustände sind, wo das Lebensgefühl und die Lebensenergie freier und glücklicher strömen, wo das Eis gebrochen ist. _Nietzsche_ erfasste diesen Zustand in jenem wundervollen Vers:
„Der du mit dem Flammenspeere Meiner Seele Eis zerteilt, Dass sie brausend nun zum Meere Ihrer höchsten Hoffnung eilt.“
10. Damit stimmen überein die folgenden Anrufungen: „Mögen die göttlichen Tore sich öffnen, die Vermehrer des rita -- die vielerwünschten Tore, dass die Götter hervorkommen mögen. Mögen Nacht und Morgenröte, -- die jungen Mütter des rita zusammen auf dem Opfergrase sich niedersetzen, etc.“[191]
Die Analogie mit dem Sonnenaufgang ist unverkennbar. Rita erscheint als die Sonne, denn aus Nacht und Dämmerung wird die junge Sonne geboren.
11. „O göttliche, leicht durchschreitbare Tore, öffnet euch zu unserm Schutze. Füllt das Opfer mit Seligkeit mehr und mehr: Wir nahen uns (mit Gebeten) der Nacht und dem Morgen -- _den Vermehrern der Lebenskraft, den zwei jungen Müttern des rita_.“
Ich glaube, ich darf mir weitere Belege dafür ersparen, dass der Begriff des rita ein Libidosymbol ist, wie die Sonne, der Wind, etc. Nur ist der ritabegriff weniger concretistisch und enthält das abstrakte Element der bestimmten Richtung und der Gesetzmässigkeit, d. h. des bestimmten, ordnungsgemässen Pfades oder Ablaufes. Es ist also ein bereits philosophisches Libidosymbol, das direkt dem stoischen Begriff der εἱμαρμένη verglichen werden kann. Bei den Stoikern hat die εἱμαρμένη bekanntlich die Bedeutung einer schöpferischen Urwärme und zugleich eines bestimmten gesetzmässigen Ablaufes (daher auch ihre Bedeutung als „Zwang der Gestirne“). Der Libido als psychologischem Energiebegriff kommen diese Attribute als selbstverständlich zu: der Energiebegriff schliesst die Idee eines bestimmt gerichteten Ablaufes eo ipso ein, denn der Ablauf erfolgt immer von der höhern zur niedereren Spannung. So auch der Libidobegriff, der nichts anderes bedeuten will, als die Energie des Lebensablaufes. Seine Gesetze sind die Gesetze der Lebensenergie. Die Libido als Energiebegriff ist eine quantitative Formel für die Lebenserscheinungen, die bekanntlich von verschiedener Intensität sind. Die Libido durchläuft, wie die physische Energie alle möglichen Verwandlungen, von denen uns die Phantasien des Unbewussten und die Mythen Kunde geben. Diese Phantasien sind wohl zunächst Selbstabbildungen der energetischen Wandlungsprozesse, welche natürlich ihre bestimmten Gesetze, einen bestimmten „Weg“ des Ablaufens haben. Dieser Weg bedeutet die Linie oder Kurve des Optimums der energetischen Auslösung sowohl wie der entsprechenden Arbeitsleistung. Dieser Weg ist daher der Ausdruck für die strömende und sich manifestierende Energie schlechthin. Der Weg ist rita, der „_rechte Weg_“, der Strom der Lebensenergie, der Libido, die bestimmte _Bahn_, in der ein immer wieder sich erneuernder Ablauf möglich ist. Dieser Weg ist auch das Schicksal, insofern das Schicksal von unserer Psychologie abhängt. Es ist der Weg unserer Bestimmung und unseres Gesetzes. Es wäre grundfalsch zu behaupten, dass eine solche Richtung nichts als _Naturalismus_ sei, womit man die Meinung ausdrückt, dass sich der Mensch seinen Trieben überlässt. Dabei wird vorausgesetzt, dass die Triebe immer nach „Unten“ gehen, und dass der Naturalismus ein unethisches Hinuntergleiten auf einer schiefen Ebene sei. Ich habe nichts dagegen, wenn man den Naturalismus so versteht, muss aber bemerken, dass der Mensch, der sich selber überlassen ist, also alle Gelegenheit zum Hinuntergleiten hätte, wie z. B. der Primitive, Moral und Gesetzgebung hat, die an Strenge der Forderung gelegentlich unsere Kulturmoral beträchtlich überragen. Es tut dabei nichts zur Sache, wenn dem Primitiven etwas anderes als gut oder böse gilt als uns. Die Hauptsache ist, dass sein „Naturalismus“ zur Gesetzgebung führt. Die Moralität ist kein Missverständnis, das ein ehrgeiziger Moses auf dem Sinai erfand, sondern gehört mit zu den Lebensgesetzen und wird im normalen Ablauf des Lebens erzeugt wie ein Haus oder ein Schiff oder ein anderes Kulturinstrument. Die natürliche Strömung der Libido, eben dieser mittlere Pfad, bedeutet einen völligen Gehorsam gegen die Grundgesetze menschlicher Natur, und es lässt sich schlechterdings kein höheres Moralprinzip aufstellen, als jene Übereinstimmung mit den natürlichen Gesetzen, deren Einklang der Libido die Richtung gibt, in der das Lebensoptimum liegt. Das Lebensoptimum ist nicht auf der Seite des rohen Egoismus, denn der Mensch erreicht niemals sein Lebensoptimum auf der Linie des Egoismus, denn im Grunde genommen ist er so beschaffen, dass ihm die Freude des Nächsten, deren Verursacher er ist, etwas Unerlässliches bedeutet. Ebenso wenig ist das Lebensoptimum zu erreichen auf dem Wege eines ungezügelten individualistischen Überordnungsdranges, denn das collektive Element im Menschen ist so stark, dass seine Sehnsucht nach Gemeinschaft ihm die Freude am nackten Egoismus verdürbe. Das Lebensoptimum lässt sich nur erreichen durch den Gehorsam gegen die Strömungsgesetze der Libido, welche Systole und Diastole einander folgen lassen, die die Freude geben und die notwendige Beschränkung, welche auch die Lebensaufgaben individueller Natur stellen, ohne deren Erfüllung das Lebensoptimum nie erreicht werden kann.
Wenn nun die Erreichung dieses Weges bloss in einem Sichtreibenlassen bestünde, wie der meint, der über „Naturalismus“ jammert, so hätte die tiefste philosophische Spekulation, welche die Geistesgeschichte überhaupt kennt, keine raison d’être. Beim Anblick der Upanishadphilosophie gewinnt man den Eindruck, als ob die Erreichung des Pfades nicht gerade zu den einfachsten Aufgaben gehöre. Unser occidentales Vornehmtun gegenüber den indischen Einsichten gehört zu unserm barbarischen Wesen, das noch weit davon entfernt ist, die ganz ausserordentliche Tiefe jener Gedanken und ihre erstaunliche psychologische Richtigkeit überhaupt zu ahnen. Wir sind eben immer noch so unerzogen, dass wir Gesetze von aussen brauchen und einen Zuchtmeister, resp. Vater drüber, damit wir wissen, was gut ist, und das Rechte tun können. Und weil wir noch so barbarisch sind, so kommt uns das Vertrauen in die Gesetze der menschlichen Natur und des menschlichen Pfades als ein gefährlicher und unethischer Naturalismus vor. Warum? Weil bei dem Barbaren unter der dünnen Kulturhaut gleich die Bestie kommt, und davor hat er mit Recht Angst. Aber das Tier wird nicht überwunden dadurch, dass es in einen Käfig gesperrt wird. _Es gibt keine Sittlichkeit ohne Freiheit._ Wenn ein Barbar seine Bestie loslässt, so ist das keine Freiheit, sondern eine Unfreiheit. Um frei sein zu können, muss zuvor die Barbarei überwunden werden. Dies geschieht im Prinzip dadurch, dass Grund und Motivkraft der Sittlichkeit vom Individuum als Bestandteile seiner eigenen Natur empfunden und wahrgenommen werden, und nicht als äussere Beschränkungen. Wie aber kann der Mensch anders zu dieser Empfindung und Einsicht gelangen als durch den Konflikt der Gegensätze?
d) _Das vereinigende Symbol in der chinesischen Philosophie._ Den Begriff eines mittlern, zwischen den Gegensätzen liegenden Pfades finden wir auch in China in der Form des _Tao_. Der Begriff des Tao tritt uns meistens entgegen in Verbindung mit dem Namen eines Philosophen, _Lao-tsze_, geb. 604 a. Chr. n. Dieser Begriff ist aber älter als die Philosophie des Lao-tsze. Er hängt zusammen mit gewissen Vorstellungen der alten Volksreligion vom Tao, dem „Wege“ des Himmels. Dieser Begriff entspricht dem vedischen rita. Folgende sind die Bedeutungen von Tao: 1. Weg, 2. Methode, 3. Prinzip, 4. Naturkraft oder Lebenskraft, 5. gesetzmässige Naturvorgänge, 6. Idee der Welt, 7. Ursache aller Erscheinungen, 8. das Rechte, 9. das Gute, 10. die sittliche Weltordnung. Einige Übersetzer übersetzten Tao sogar mit Gott, nicht ohne eine gewisse Berechtigung, denn Tao hat denselben Anflug concreter Substanzialität wie rita.
Ich will zunächst einige Belege aus dem Tao-te-king, dem klassischen Buche des Lao-tsze geben:
1. „Ich weiss nicht, wessen Sohn es (Tao) ist; man kann es als vor der Gottheit existierend ansehen.“[192]
2. „Es hat ein Unbestimmbares, Vollkommenes gegeben, das wirkte vor Himmel und Erde. Wie still war es und wie formlos, für sich allein, unveränderlich, alles umfassend und unerschöpflich! Es kann als die _Mutter aller Dinge_ betrachtet werden. Ich kenne seinen Namen nicht, aber ich bezeichne es als Tao.“[193]
3. Lao-tsze vergleicht das Tao dem Wasser, um sein Wesen zu kennzeichnen: „Der Segen des Wassers zeigt sich darin, dass es allen gut tut und dabei doch ohne Widerstreben immer den niedrigsten Ort aufsucht, den alle Menschen meiden. So hat es etwas vom Tao an sich.“ -- Der Gedanke des „Gefälles“ könnte wohl nicht besser ausgedrückt sein.
4. „Wer stets begierdelos, der schaut seine Wesenheit, Wer stets begierdehaft, der schaut seine Aussenheit.“[194]
Die Verwandtschaft mit dem brahmanischen Grundgedanken ist unverkennbar, ohne dass eine direkte Berührung braucht stattgefunden zu haben. Lao-tsze ist ein durchaus origineller Denker, und das urtümliche Bild, das dem rita-Brahman-Atman und Taobegriff zu Grunde liegt, ist allgemein menschlich und findet sich als primitiver Energiebegriff, als „Seelenkraft“ oder wie es sonst bezeichnet werden mag, überall wieder.
5. „Wer das Ewige kennt, ist umfassend; umfassend, daher gerecht; gerecht, daher König; König, daher des Himmels; des Himmels, daher Taos; Taos, daher fortdauernd: er büsst den Körper ein ohne Gefährde.“[195]
Die Kenntnis des Tao hat also dieselbe erlösende und erhöhende Wirkung, wie das Wissen des Brahman: man wird eins mit Tao, mit der unendlichen „schöpferischen Dauer“, um diesen neuesten philosophischen Begriff seinen ältern Verwandten passend anzureihen, denn Tao ist auch der Gang der Zeit.
5. Tao ist eine irrationale, daher durchaus unfassbare Grösse: „Tao ist Wesen, aber unfasslich, aber unbegreiflich.“[196]
6. Tao ist auch nicht seiend: „Alle Dinge unter dem Himmel sind entsprungen aus ihm als dem Seienden, aber das Sein dieses Seienden ist wiederum aus ihm als dem Nichtseienden entsprungen.“[197] „Tao ist verborgen, namenlos.“[198] Tao ist offenbar eine irrationale Vereinigung von Gegensätzen, daher ein _Symbol_, das ist und nicht ist.
7. „Der Talgeist ist unsterblich, er heisst das tiefe Weibliche. Des tiefen Weiblichen Pforte heisst Himmels und der Erden Wurzel.“
Tao ist das schöpferische Wesen, als Vater zeugend und als Mutter gebärend. Es ist Anfang und Ende aller Wesen.
8. „Wess’ Tun mit Tao übereinstimmt, wird eins mit Tao.“ Daher der Vollendete sich aus den Gegensätzen befreit, deren innigen Zusammenhang und alternierendes Auftreten er durchschaut. So heisst es Kapitel 9: „Sich selbst zurückziehen ist des Himmels Weg.“