Psychologische Typen

Part 21

Chapter 213,145 wordsPublic domain

Der Mensch vergisst nämlich immer wieder, dass etwas, das einstmals gut war, nicht für immer und ewig gut bleibt. Er geht aber die alten Wege, die einstmals gut waren, noch lange, wenn sie schon schlecht geworden sind, und er kann sich nur mit den grössten Opfern und unter unerhörten Mühen vom Wahne befreien, dass das einstmals Gute heute vielleicht alt geworden und nicht mehr gut ist. Es geht ihm so im Kleinen wie im Grossen. Die Wege und Weisen seiner Kindheit, die einstmals gut waren, kann er kaum ablegen, auch wenn ihre Schädlichkeit längst erwiesen ist. Dasselbe, nur in gigantischer Vergrösserung, ist der Fall mit der historischen Einstellungsveränderung. Eine allgemeine Einstellung entspricht einer Religion, und Religionswechsel gehören zu den peinlichsten Momenten der Weltgeschichte. Unsere Zeit ist allerdings in dieser Hinsicht von einer Verblendung, die ihresgleichen sucht. Man meint, man müsse nur eine Bekenntnisformel als unrichtig und ungültig erklären, um von allen traditionellen Wirkungen christlicher oder jüdischer Religion psychologisch befreit zu sein. Man glaubt an Aufklärung, wie wenn eine intellektuelle Schwenkung irgendwie einen tiefern Einfluss auf die Gemütsvorgänge oder gar auf das Unbewusste hätte! Man vergisst völlig, dass die Religion der vergangenen 2000 Jahre eine psychologische Einstellung ist, eine bestimmte Art und Weise der Anpassung nach innen und aussen, die eine bestimmte Kulturform erzeugt und damit eine Atmosphäre geschaffen hat, welche von einer intellektuellen Leugnung ganz unbeeinflusst bleibt. Die intellektuelle Schwenkung ist zwar symptomatisch wichtig als ein Hinweis auf kommende Möglichkeiten, aber die tiefern Schichten der Psyche arbeiten noch lange in der frühern Einstellung weiter, gemäss der psychischen Inertie. Daher kommt es, dass das Unbewusste das Heidentum lebendig bewahrt hat. Die Leichtigkeit, mit der der antike Geist sich wieder erhebt, kann man an der Renaissance beobachten. Die Leichtigkeit, mit der sich der noch viel ältere primitive Geist wieder erhebt, kann man in unserer Zeit vielleicht noch besser beobachten als in irgend einer andern historisch bekannten Epoche. Je tiefer eine Einstellung wurzelt, desto gewaltsamer müssen die Versuche ausfallen, die davon befreien sollen. Der Ruf der Aufklärungsepoche: „Ecrasez l’infâme“, leitete die religiöse Umsturzbewegung innerhalb der französischen Revolution ein, welche psychologisch auch nichts anderes als eine wesentliche Einstellungskorrektur bedeutete, der aber die Universalität mangelte. Das Problem einer allgemeinen Einstellungsänderung schlief seit jener Zeit nicht mehr ein; es tauchte vielmehr in vielen hervorragenden Köpfen des XIX. Jahrhunderts wieder auf. Wir sahen bereits, wie _Schiller_ das Problem zu bewältigen versuchte. In Goethes Ansätzen zum Prometheus-Epimetheusproblem erkennen wir wiederum den Versuch, die höher differenzierte Funktion, welche dem christlichen Ideal der Bevorzugung des Guten entspricht, irgendwie mit der minderdifferenzierten Funktion, deren Verdrängung und Nichtanerkennung wiederum dem christlichen Ideal der Verwerfung des Bösen entspricht, zu vereinigen.[119] Mit dem Symbol des Prometheus und des Epimetheus wird die Schwierigkeit, die Schiller philosophisch-ästhetisch zu bewältigen versuchte, in das Gewand des antiken Mythus gehüllt. Damit geschieht etwas, das ich schon früher als typisch und gesetzmässig hervorgehoben habe: wenn der Mensch nämlich vor einer schwierigen Aufgabe steht, die er mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln nicht bewältigen kann, dann entsteht automatisch eine rückläufige Libidobewegung, d. h. eine Regression. Die Libido zieht sich vom gegenwärtigen Problem zurück, introvertiert sich und belebt im Unbewussten ein mehr oder weniger primitives Analogon der bewussten Situation samt einem frühern Anpassungsweg. Dieses Gesetz bedingt Goethes Symbolwahl: Prometheus war der Heiland, welcher der im Dunkeln schmachtenden Menschheit Licht und Feuer brachte. Goethes Wissen hätte allerdings auch einen andern Heiland auffinden können, weshalb die eben angegebene Determinante zur Erklärung nicht hinreichend ist. Es muss vielmehr auch am antiken Geiste liegen, den gerade jene Zeit um die Wende des XVIII. Jahrhunderts als unbedingt compensatorisch empfand und schätzte, und dies in jeglicher Hinsicht, ästhetisch, philosophisch, moralisch, ja sogar politisch (Philhellenismus) auch ausdrückte. Der Paganismus der Antike, der als „Freiheit“, „Naivetät“, „Schönheit“ etc. gepriesen wurde, war es, der dem Sehnen jener Zeit entgegenkam. Jenes Sehnen entsprang, wie dies Schiller so deutlich zeigt, der Empfindung der Halbheit, der seelischen Barbarei, der moralischen Unfreiheit, der Unschönheit. Diese Empfindungen rühren samt und sonders von der einseitigen Schätzung und von der damit verbundenen Tatsache her, dass die psychologische Dissociation zwischen der höher- und minderdifferenzierten Funktion fühlbar wurde. Die christliche Zerreissung des Menschen in ein wertvolles und ein verworfenes Stück wurde jenem im Vergleich zu frühern höher sensibilisierten Zeitalter unerträglich. Die Sündhaftigkeit stiess sich an der Empfindung der ewigen, natürlichen Schönheit, deren Anschauung jener Zeit allbereits möglich war; daher griff sie auf ein Zeitalter zurück, wo die Idee der Sündhaftigkeit die Ganzheit des Menschen noch nicht zerspalten hatte, wo das Höhere und das Tiefere menschlicher Natur in völliger Naivetät ohne Kränkung des moralischen oder ästhetischen Empfindens noch zusammen wohnen konnten.

Der Versuch einer regressiven Renaissance blieb aber in den Anfängen stecken, wie das Prometheusfragment und die „Pandora“. Die klassische Lösung ging nicht mehr, denn die zwischenliegenden christlichen Jahrhunderte mit ihrem Tiefstes aufwühlenden Erleben liessen sich nicht leugnen. Daher die antikisierende Richtung sich allmählich eine Abmilderung ins Mittelalterliche gefallen lassen musste. Dieser Prozess setzt am deutlichsten in Goethes Faust ein, wo das Problem bei den Hörnern genommen wird. Die Gotteswette zwischen Böse und Gut wird aufgenommen. Faust, der mittelalterliche Prometheus, tritt Mephistopheles, dem mittelalterlichen Epimetheus gegenüber und schliesst den Pakt mit ihm. Und hier ist das Problem nun schon so erhöht, dass man sehen kann, wie Faust und Mephisto ein und derselbe Mensch sind. Das epimetheische Element, das alles zurückdenkt und in das anfängliche Chaos „gestalten-mischender Möglichkeit“ zurückführt, verschärft sich im Teufel zu der bösen Gewalt, die allem Lebenden „die kalte Teufelsfaust“ entgegenhält und das Licht in die Mutter Nacht, aus der es geboren, zurückzwingen möchte. Der Teufel hat überall ein richtig epimetheisches Denken, das Denken des „Nichts-als“, welches alles Lebendige auf das anfängliche Nichts herunterschraubt. Die naive Leidenschaft des Epimetheus für die Pandora des Prometheus, wird zur Teufelsabsicht des Mephistopheles auf die Seele des Faust. Und die kluge Vorsicht des Prometheus, die göttliche Pandora auszuschlagen, wird gesühnt durch die Tragik der Gretchenepisode und die spät erfüllte Sehnsucht nach Helena und durch den endlosen Aufstieg zu den obern Müttern. („Das ewig Weibliche zieht uns hinan“.)

In der Figur des mittelalterlichen Zauberers steckt der prometheische Trotz gegen die geltenden Götter. Der Zauberer hat ein Stück uralten Heidentums gerettet[120], er selbst besitzt ein Wesen in sich, das von der christlichen Zerspaltung nicht erreicht wurde, d. h. er hat Zugang zum Unbewussten, das noch heidnisch ist, und wo noch die Gegensätze in ursprünglicher Naivetät zusammenliegen, jenseits von aller Sündhaftigkeit, aber, wenn aufgenommen in das bewusste Leben, geeignet, Böses mit derselben ursprünglichen und darum dämonisch wirkenden Kraft zu erzeugen, wie Gutes. („Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und stets das Gute schafft.“) Er ist darum ein Verderber, sowohl wie ein Erlöser (Faust: Spaziergang). Diese Figur ist darum vor allen geeignet, der Symbolträger für einen Vereinigungsversuch zu werden. Zudem hat der mittelalterliche Zauberer die antike Naivetät, die unmöglich geworden ist, abgestreift und die ganze christliche Atmosphäre durch stärkstes Erleben aufgesogen. Jenes Stück Heidentum muss ihn zuerst ganz in christliche Selbstverleugnung und Selbstzerfleischung hineinstossen, denn seine Erlösungssehnsucht ist so stark, dass jedes Mittel ergriffen wird. Schliesslich versagt auch der christliche Lösungsversuch, und dann zeigt es sich, dass in der Erlösungssehnsucht und in der Eigensinnigkeit der Selbstbehauptung des heidnischen Stückes eben gerade die Erlösungsmöglichkeit liegt, indem das antichristliche Symbol eine Möglichkeit für das Aufnehmen des Bösen zeigt. Goethes Intuition hat daher das Problem mit aller nur wünschenswerten Schärfe erfasst. Es ist gewiss charakteristisch, dass die andern seichtern Lösungsversuche, wie das Prometheusfragment, die „Pandora“ und der rosenkreuzerische Kompromiss eines Synkretismus von dionysischer Freude mit dem christlichen Selbstopfer in den „Geheimnissen“ unvollendet geblieben sind. Die Erlösung des Faust beginnt mit seinem Tode. Sein Leben behielt den prometheischen Göttlichkeitscharakter, der erst mit dem Tode, d. h. mit seiner Wiedergeburt von ihm abfiel. Psychologisch will das heissen, dass die Fausteinstellung aufzuhören hat, damit die Einheit des Individuums zustande komme. Was zuerst als Gretchen erschien und dann zu Helena auf höherer Stufe wurde, erhöht sich am Ende zur Mater gloriosa. Dieses vieldeutige Symbol zu erschöpfen, kann hier meine Aufgabe nicht sein. Ich will nur darauf hinweisen, dass es sich um jenes urtümliche Bild handelt, das bereits die Gnosis in hohem Masse beschäftigte, nämlich um die Idee der göttlichen Hure Eva, Helena, Maria und Sophia-Achamoth.

3. _Die Bedeutung des vereinigenden Symbols._ Werfen wir von dem nunmehr gewonnenen Standpunkt einen Blick auf die unbewusste Problembearbeitung bei Spitteler, so fällt uns sofort auf, dass der Pakt mit dem Bösen nicht der Absicht des Prometheus entspringt, sondern der Gedankenlosigkeit des Epimetheus, der nur ein Collektivgewissen, aber keinerlei Unterscheidungsvermögen für die Dinge der Innenwelt besitzt. Er lässt sich ausschliesslich durch Collektivwerte bestimmen und übersieht dadurch das Neue und Einzigartige, wie es dem am Objekt orientierten Collektivstandpunkt bekanntlich immer geht. Mit objektivem Masstab können wohl kurrente Collektivwerte gemessen werden, nicht aber Neugeschaffnes, dem nur freie Schätzung -- eine Sache des lebendigen Gefühls -- die richtige Bewertung geben kann. Dazu gehört aber ein Mensch, der eine „Seele“ hat und nicht bloss Beziehungen zu äussern Objekten. Der Niedergang des Epimetheus beginnt mit dem Verlust des neugebornen Gottesbildes. Sein moralisch unanfechtbares Denken, Fühlen und Handeln schliesst keineswegs aus, dass mehr und mehr das Böse, das Destruktive und Leere sich einschleichen. Diese Invasion des Bösen bedeutet eine Verwandlung des vorher Guten in eine Schädlichkeit. Damit drückt Spitteler aus, dass das bisherige moralische Prinzip zwar zuerst durchaus trefflich ist, mit der Zeit aber den Zusammenhang mit dem Leben verliert, indem es die Fülle der Lebenserscheinung nicht in sich fassen kann. Das rational Richtige ist ein zu enger Begriff, als dass es das Leben im ganzen und auf die Dauer genügend erfassen und ausdrücken könnte. Das irrationale Geschehnis der Gottesgeburt aber steht ausserhalb der rationalen Geschehnisschranken. Die Gottesgeburt will psychologisch sagen, dass ein neues Symbol, ein neuer Ausdruck der höchsten Lebensintensität geschaffen sei. Alles Epimetheische im Menschen und alle epimetheischen Menschen erweisen sich als unfähig, dieses Ereignis zu fassen. Doch von diesem Moment an ist die höchste Lebensintensität nur auf der neuen Linie zu finden. Jede andere Richtung stirbt allmählich aus, d. h. sie fällt der Zerstörung und Auflösung anheim. Das neue lebenspendende Symbol entstammt der Liebe des Prometheus zu seiner Seele, welche reichlich als dämonisch gekennzeichnet ist. Man kann darum sicher sein, dass im neuen Symbol und seiner lebendigen Schönheit das Element des Bösen miteingeflossen ist, denn sonst würde ihm das leuchtende Leben mangeln, wie auch die Schönheit, denn Leben und Schönheit sind natürlicherweise moralisch indifferent. Darum findet die epimetheische Collektivität auch nichts Schätzenswertes daran. Die Einseitigkeit ihres moralischen Standpunktes verblendet sie völlig. Dieser Standpunkt ist identisch mit dem „Lämmchen“, d. h. traditionell christlich. Die Wut des Epimetheus gegen das „Lämmchen“ ist also nichts anderes, als das „Ecrasez l’infâme“ in erneuter Form, eine Auflehnung gegen die hergebrachte Christlichkeit, die unfähig war, das neue Symbol zu begreifen und damit das Leben in eine neue Bahn zu lenken.

Diese Konstatierung könnte einen durchaus kalt lassen, wenn Dichter nicht solche wären, welche das collektive Unbewusste zu lesen imstande sind. Sie erraten, als die Ersten ihrer Zeit, die geheimnisvollen Strömungen, die sich unter Tag begeben und drücken sie nach individueller Fähigkeit in mehr oder weniger sprechenden Symbolen aus. Sie verkündigen so, als wahre Propheten, was im Unbewussten vorgeht, „was der Wille Gottes sei“ in der Sprache des Alten Testamentes, und was dementsprechend in der Folgezeit unvermeidlich zu Tage treten wird als allgemeine Erscheinung. Die erlösende Bedeutung der Tat des Prometheus bei Spitteler, der Untergang des Epimetheus, seine Wiedervereinigung mit dem der Seele lebenden Bruder und die Rache des Epimetheus am Lämmchen, die in ihrer Grausigkeit an die Szene zwischen Ugolino und dem Erzbischof Ruggieri (Dante: Inferno, XXXII) erinnert, bereiten auf eine Lösung des Konfliktes vor, die mit einer blutigen Empörung gegen die hergebrachte collektive Moral verbunden ist.

Bei einem Dichter von kleinen Proportionen darf man annehmen, dass der Gipfel seines Werkes die Höhe seiner persönlichen Freuden, Leiden und Wünsche nicht überrage. Bei Spitteler hingegen überragt das Werk persönliches Schicksal. Darum steht seine Problemlösung nicht allein. Von hier zu Zarathustra, dem Zerbrecher der Tafeln, ist es bloss ein Schritt. Auch _Stirner_ gesellt sich dazu, nachdem _Schopenhauer_ als erster die Verneinungslehre aufgestellt hatte. Er sprach von Verneinung der Welt. Psychologisch heisst „Welt“, wie ich die Welt sehe, meine Einstellung zur Welt, denn die Welt kann betrachtet werden als „mein Wille“ und „meine Vorstellung“. Die Welt ist an sich indifferent. Mein Ja und Nein erzeugt die Differenzen. Die Verneinung betrifft also die Einstellung zur Welt, und zwar in erster Linie Schopenhauers Einstellung zur Welt, die einerseits rein intellektualistisch-rational ist und andererseits die Welt vermöge mystischer Identität im eigensten Gefühl erlebt. Diese Einstellung ist introvertiert, sie leidet also am typologischen Gegensatz. Schopenhauers Werk aber überragt seine Persönlichkeit um ein Vielfaches. Es spricht aus, was viele Tausende unklar dachten und fühlten. Ähnlich _Nietzsche_: sein Zarathustra vor allem hebt die Inhalte des collektiven Unbewussten unserer Zeit überhaupt ans Licht, daher wir auch bei ihm die entscheidenden Grundzüge finden: die ikonoklastische Empörung gegen die herkömmliche Moralatmosphäre und das Aufnehmen des „hässlichsten“ Menschen, das bei Nietzsche zu jener in Zarathustra sich darstellenden erschütternden unbewussten Tragödie führt. Was aber schöpferische Geister aus dem collektiven Unbewussten heraufholen, das ist wirklich auch darin und tritt darum auch als massenpsychologische Erscheinung früher oder später zu Tage. Der Anarchismus, der Fürstenmord, die in neuester Zeit sich immer deutlicher vollziehende Abspaltung eines anarchistischen Elementes von der äussersten sozialistischen Linken, mit seinem absolut kulturwidrigen Programm -- das sind die massenpsychologischen Erscheinungen, welche von Dichtern und schöpferischen Denkern längst schon ausgesprochen wurden. Darum können uns die Dichter nicht kalt lassen, denn in ihren Hauptwerken und in ihren tiefsten Inspirationen schöpfen sie aus den Tiefen des collektiven Unbewussten und sprechen laut aus, was andere nur träumen. Obschon es aber die Dichter laut aussprechen, so sprechen sie doch nur das Symbol, an dem sie ästhetische Freude empfinden, ohne Bewusstsein seiner wahren Bedeutung. Ich möchte nicht bestreiten, dass Dichter und Denker einen erzieherischen Einfluss auf ihre Mit- und Nachwelt haben; mir scheint aber, dass ihr Einfluss im wesentlichen darauf beruht, dass sie etwas, was alle wissen, lauter und deutlicher sagen, und nur insofern sie dieses allgemeine unbewusste „Wissen“ ausdrücken, wirken sie erzieherisch oder verführerisch. Die grösste und unmittelbarste suggestive Wirkung erzielt der Dichter, der die oberflächlichste Schicht des Unbewussten in passender Form auszudrücken weiss. Je tiefer das Schauen des schöpferischen Geistes dringt, desto fremder ist er der Masse und desto grösser ist der Widerstand aller derjenigen, die sich einigermassen vor der Masse auszeichnen. Die Masse versteht ihn nicht, lebt aber unbewusst, was er ausspricht; nicht weil er es ausspricht, sondern weil sie aus dem collektiven Unbewussten lebt, in das er schaute. Die Bessern der Nation verstehen zwar etwas von dem, was er sagt, aber weil das Ausgesprochene einerseits mit den in der Masse sich begebenden Ereignissen übereinstimmt, andererseits aber ihre eigenen Bestrebungen antizipiert, so hassen sie den Schöpfer solcher Gedanken, nicht aus Bosheit, sondern aus Instinkt der Selbsterhaltung. Wenn das Erkennen des collektiven Unbewussten eine solche Tiefe erreicht, dass der bewusste Ausdruck den Inhalt nicht mehr fassen kann, dann kann im Augenblick nicht mehr entschieden werden, ob es sich um ein krankhaftes oder um ein wegen seiner besondern Tiefe unverständliches Produkt handelt. Meist ist ein mangelhaft gefasster, aber tief bedeutsamer Inhalt auch etwas Krankhaftes. Und krankhafte Produkte sind in der Regel bedeutsam. Aber in beiden Fällen ist der Zugang schwierig. Der Ruhm dieser Schöpfer, falls er sich überhaupt je einstellt, ist posthum, und verspätet sich gelegentlich um mehrere Jahrhunderte. Die Behauptung _Ostwalds_, dass heute ein genialer Geist höchstens noch auf die Dauer von ungefähr einem Jahrzehnt verkannt werde, beschränkt sich hoffentlich auf das Gebiet der technischen Erfindungen, sonst wäre eine solche Behauptung lächerlich in höchstem Masse.

Noch ist auf einen Punkt hinzuweisen, der mir von besonderm Belang erscheint. Die Problemlösung im „Faust“, im „Parzival“ von _Wagner_, bei Schopenhauer, selbst bei Nietzsches Zarathustra ist _religiös_. Es ist daher nicht erstaunlich, dass auch Spitteler zu einer religiösen Fassung gedrängt ist. Wenn ein Problem religiös gefasst wird, so heisst es psychologisch: sehr bedeutsam, von besonderm Werte, das Ganze des Menschen betreffend, daher auch das Unbewusste (Götterreich, Jenseits, usw.). Bei Spitteler ist sogar die religiöse Form von geradezu überwuchernder Fruchtbarkeit, wobei das speziell Religiöse allerdings an Tiefe verliert, dafür aber an mythologischem Reichtum, an Archaïsmus und darum auch an prospektiver Symbolik gewinnt. Das wuchernde mythologische Gespinnst erhöht die Unklarheit der Problemerfassung und -lösung, und macht darum das Werk schwer zugänglich. Das Abstruse, Groteske und Geschmacklose, das der mythologischen Wucherung immer anhaftet, verhindert die Einfühlung, isoliert dadurch den Sinn des Werkes und gibt dem Ganzen einen etwas unangenehmen Beigeschmack von jener Originalität, die sich nur dank einer ängstlich-sorgfältigen Anpassung an anderer Stelle von psychischer Abnormalität mit Erfolg unterscheiden kann.

Die mythologische Wucherung, so ermüdend und unschmackhaft sie auch sein mag, hat aber den einen Vorteil, dass nämlich das Symbol sich in ihr entfalten kann, aber allerdings in einer dermassen unbewussten Weise, dass der bewusste Witz des Dichters dem Ausdruck des Sinnes nirgends nachzuhelfen weiss, sondern einzig und allein im Dienste der mythologischen Wucherung und ihrer plastischen Ausgestaltung sich abmüht. Darin unterscheidet sich Spittelers Dichtung vom „Faust“ sowohl wie vom „Zarathustra“, dass der bewusste Anteil des Dichters am Sinne des Symbols in letztern Fällen ein grösserer war, und infolgedessen die mythologische Wucherung im „Faust“ und die Gedankenwucherung im „Zarathustra“ zu Gunsten der erstrebten Lösung zurückgedrängt wurde. Daher ist „Faust“ sowohl wie „Zarathustra“ weit _schöner_ als Spittelers Prometheus. Letzterer aber _wahrer_ als relativ treues Abbild der wirklichen Vorgänge im collektiven Unbewussten. „Faust“ sowohl wie „Zarathustra“ erweisen sich als hilfreich in hohem Masse bei der individuellen Bewältigung des in Frage stehenden Problems; Spittelers „Prometheus und Epimetheus“ hingegen ermöglicht eine allgemeinere Erkenntnis des Problems und seiner collektiven Erscheinungsweise dank der mit allen Mitteln unterstützten mythologischen Wucherungen. Was die Spittelersche Demonstration unbewusster religiöser Inhalte in erster Linie erkennen lässt, ist das _Symbol der Gotteserneuerung_, das dann im „Olympischen Frühling“ ausgedehnt behandelt wird. Dieses Symbol erscheint innigst verbunden mit dem Typen- und Funktionsgegensatz und hat offenkundig die Bedeutung eines Lösungsversuches in Form einer Erneuerung der allgemeinen Einstellung, was in der Sprache des Unbewussten als Erneuerung des Gottes ausgedrückt wird. Die Gotteserneuerung ist ein geläufiges urtümliches Bild, das man sozusagen überall findet; ich erwähne nur den ganzen Komplex des sterbenden und wiedererstehenden Gottes und alle seine Vorstufen bis zur Erneuerung der Ladung der Fetische und Churingas mit magischer Kraft. Das Bild drückt aus, dass die Einstellung sich verändert hat, und dadurch eine neue Energiespannung eingetreten ist, eine neue Möglichkeit der Manifestation des Lebens, eine neue Fruchtbarkeit. Letztere Analogie erklärt den reichlich erwiesenen Zusammenhang der Gotteserneuerung mit den Phänomenen der Jahreszeiten und des Wachstums. Man ist natürlich geneigt, aus diesen Analogien auf Jahreszeiten-, Vegetations-, Astral- oder Lunarmythus zu schliessen. Man vergisst dabei ganz, dass ein Mythus wie alles Psychische nicht bloss durch das äussere Ereignis bedingt sein kann. Das Psychische bringt auch seine eigenen innern Bedingungen mit, sodass man mit ebenso viel Recht auch behaupten kann, der Mythus sei rein psychologisch und benütze die Daten der meteorologischen oder astronomischen Vorgänge bloss als Ausdrucksmaterial. Die Willkürlichkeit und Absurdität vieler primitiver mythischer Behauptungen lässt diese Erklärungsversion öfter als treffend erscheinen als jede andere.