Part 20
Pandora, diese rätselvolle Figur im Prometheusmythus, ist bei Spitteler die Gottestochter, der, ausser einer allertiefsten Beziehung, sonst jede Beziehung zu Prometheus mangelt. Diese Fassung lehnt sich an die Geschichte des Mythus an, wo das Weib, das in Beziehung zu Prometheus tritt, entweder _Pandora_ oder _Athene_ ist. Der mythologische Prometheus hat seine Seelenbeziehung zu Pandora oder Athene wie bei Goethe. Bei Spitteler aber ist eine bemerkenswerte Spaltung eingetreten, die allerdings auch schon beim historischen Mythus angedeutet ist, wo nämlich Prometheus-Pandora sich mit der Analogie Hephaestus-Athene kontaminieren. Bei Goethe ist die Version Prometheus-Athene bevorzugt. Bei Spitteler hingegen ist Prometheus der göttlichen Sphäre entrückt, und eine eigene Seele ist ihm gegeben. Seine Göttlichkeit und seine mythische Urbeziehung zu Pandora aber sind als ein kosmisches Widerspiel im Himmelsjenseits aufbewahrt und für sich agierend. Die Dinge, die im Jenseits geschehen, sind Dinge, die im Jenseits unseres Bewusstseins geschehen, d. h. im Unbewussten. So ist das Pandorazwischenspiel eine Darstellung dessen, was im Unbewussten während der Leiden des Prometheus geschieht. Während Prometheus aus der Welt verschwindet und auch die letzte Brücke zur Menschheit abbricht, versinkt er in die Tiefe seines Selbst und seine einzige Umgebung, sein einziges Objekt ist er selbst. Und damit ist er „gottähnlich“, denn Gott ist seiner Definition gemäss das Wesen, das überall in sich selbst ruht und immer und überall vermöge seiner Omnipräsenz sich selber zum Gegenstand hat. Selbstverständlich fühlt sich Prometheus ganz und gar nicht gottähnlich, sondern elend in höchstem Masse. Nachdem Epimetheus noch gekommen war, um sein Elend zu bespucken, hebt das Zwischenspiel im Jenseits an, natürlicherweise in dem Moment, wo alle Beziehung zur Welt in Prometheus bis zur Aufhebung zurückgedrängt war. Das sind erfahrungsgemäss die Momente, wo die Inhalte des Unbewussten die beste Möglichkeit haben, Selbständigkeit und Lebendigkeit zu gewinnen, sodass sie das Bewusstsein sogar zu überwältigen vermögen.[110] Im Unbewussten nun spiegelt sich des Prometheus Zustand folgenderweise: „Und an desselben Tages dunklem Morgen wandelte auf einsam stiller Wiese über allen Welten Gott, der Schöpfer alles Lebens, übend den verfluchten Zirkelgang, gemäss dem sonderbaren Wesen seiner rätselhaften, schlimmen Krankheit.
Denn wegen dieser Krankheit konnt’ er niemals enden seines Umgangs Arbeit, durfte nimmer Ruhe finden auf dem Pfade seiner Füsse, sondern ewig gleichen Schrittes macht er Tag für Tag und Jahr um Jahr die Runde um die stille Wiese, schweren Ganges, gesenkten Haupts, die Stirn durchfurcht, das Angesicht verzerrt und immerwährend nach des Kreises Mittelpunkt gerichtet die umwölkten Blicke.
Und während er so heute tat wie alle Tage unvermeidlichen Geschehens und tiefer senkte sich vor Gram sein Haupt und schleppender geriet vor Müdigkeit sein Schritt, und von der schlimm durchwachten Nacht erschien verbraucht der Urquell seines Lebens:
Kam durch Nacht und Dämmerung daher Pandora, seine jüngste Tochter, nahte ungewissen Schrittes sittsam der geweihten Stätte, stellt in Demut sich zur Seite, grüssend mit bescheidnem Blick, und fragend mit des Mundes ehrfurchtsvollem Schweigen.“
Es ist ohne weiteres einleuchtend, dass Gott die Krankheit des Prometheus hat. Denn wie Prometheus alle seine Leidenschaft, seine ganze Libido seiner Seele, dem Innersten zufliessen lässt und einzig und allein dem Dienste seiner Seele sich geweiht hat, so geht auch sein Gott den „Zirkelgang“ um den Weltmittelpunkt herum und erschöpft sich daran, genau wie Prometheus, der nahe daran ist, auszulöschen. Das heisst: seine Libido ist ganz ins Unbewusste hinübergegangen, wo sich ein Äquivalent vorbereiten muss, denn die Libido ist Energie, die nicht spurlos verschwinden kann, sondern immer ein Äquivalent erzeugen muss. Das Äquivalent ist Pandora, und was sie dem Vater bringt: sie bringt ihm nämlich ein köstliches Kleinod, das sie den Menschen zur Linderung ihrer Leiden geben möchte.
Wenn wir diesen Vorgang in die menschliche Sphäre des Prometheus übersetzen, so heisst es: während Prometheus im Zustande der „Gottähnlichkeit“ leidet, bereitet seine Seele ein Werk vor, bestimmt die Leiden der Menschheit zu lindern. Seine Seele möchte damit zu den Menschen. Jedoch ist das Werk, das seine Seele in Wirklichkeit plant und schafft, nicht identisch mit dem Werk der Pandora. Das Kleinod der Pandora ist ein unbewusstes Spiegelbild, das _symbolisch_ das wirkliche Werk der Seele des Prometheus darstellt. Es geht aus dem Text unzweifelhaft hervor, was das Kleinod ist: es ist ein Gott-Erlöser, eine Erneuerung der Sonne.[111] Diese Sehnsucht drückt sich in der Krankheit Gottes aus, er sehnt sich nach Wiedergeburt und deshalb fliesst seine ganze Lebenskraft in das Zentrum des Selbst zurück, d. h. in die Tiefe des Unbewussten, aus der das Leben sich wieder neu gebiert. Darum ist auch das Erscheinen des Kleinodes in der Welt geschildert, wie wenn die Bilder der Buddhageburt aus dem Lalitavistara dabei angeklungen hätten[112]: Pandora legt das Kleinod unter einem Nussbaum nieder, wie Maya ihr Kind unter dem Feigenbaum gebiert.
„Im mitternächt’gen Schatten unter dem Baume glüht und sprüht und flammt es immerdar, und gleich dem Morgenstern am dunklen Himmel strahlten in die Ferne die demantnen Blitze.“
„Und auch die Bienen und die Schmetterlinge, die da tanzten überm Blumengarten, eileten herbei, umspieleten, umgaukelten das _Wunderkind_....“ „.... und aus den Lüften liessen schweren Falles sich die Lerchen nieder, gierig, dass sie huldigten dem _neuen, schönern Sonnenangesicht_, und als sie nun aus nächster Nähe schauten den weissen Strahlenglanz, da schwindelte ihr Herz....“ „Und über allem diesem tronte väterlich und mild der _auserwählte Baum_ mit seiner Riesenkrone, seinem schweren grünen Mantel, hielt die königlichen Hände schützend über seiner Kinder Antlitz.
Und all die vielen Zweige beugten liebend sich herab und neigten sich zur Erde, dass sie gleich als wie mit einem Zaune wehreten den fremden Blicken, neidisch, dass sie einzig und allein genössen des Geschenkes unverdiente Huld; und all die abertausend zartbeseelten Blätter bebeten und zitterten vor Wonne, flüsterten vor freudiger Erregung einen weichen, reingestimmten Chor in säuselnden Akkorden: „Wer wüsste, was verborgen unter dem bescheidnen Dach, wer ahnte, welches Kleinod ruht in unserer Mitte!“
Als für Maya die Stunde der Geburt gekommen, da gebar sie ihr Kind unter dem Plaksa-Feigenbaum, der seine Krone schützend bis zur Erde neigt. Vom fleischgewordenen Bodhisattva verbreitet sich unermesslicher Lichtglanz durch die Welt, Götter und Natur nehmen an der Geburt teil. Wie der Bodhisattva auf die Erde tritt, wächst unter seinen Füssen ein grosser Lotus, und im Lotus stehend schaut er die Welt. Daher die tibetanische Gebetsformel: om mani padme hum = oh über das Kleinod im Lotus! Der Augenblick der Wiedergeburt findet den Bodhisattva unter dem auserwählten Bodhibaume, wo er zu _Buddha_ (dem Erleuchteten) wird. Diese Wiedergeburt oder Erneuerung ist begleitet von demselben Lichtglanz und denselben Naturwundern und Göttererscheinungen wie die Geburt.
Im Reiche des Epimetheus aber, wo nur das Gewissen herrscht und nicht die Seele, geht das unermessliche Kleinod verloren. Der Engel, wütend über des Epimetheus Stumpfheit, fährt ihn an: „Und war dir keine Seele, dass du also roh und unvernünftig gleich den Tieren[113], dich verstecktest vor der _wunderbaren Gottheit_?“
Man sieht, das Kleinod der Pandora ist eine Erneuerung Gottes, ein neuer Gott; dies geschieht aber in der göttlichen Sphäre, d. h. im Unbewussten. Die Ahnungen des Vorganges, die ins Bewusstsein hinüberfliessen, werden vom epimetheischen Elemente, welches die Beziehung zur Welt beherrscht, nicht erfasst. Dies ist ausführlich von Spitteler in den folgenden Abschnitten[114] dargestellt, wo wir sehen, wie die Welt, d. h. das Bewusstsein und seine rationale, an den äussern Objekten orientierte Einstellung, unfähig ist, den Wert und die Bedeutung des Kleinodes richtig einzuschätzen. Darüber geht das Kleinod unwiederbringlich verloren.
Der erneuerte Gott bedeutet eine erneuerte Einstellung, d. h. die erneuerte Möglichkeit intensiven Lebens, eine Wiedererlangung des Lebens, weil psychologisch Gott immer den grössten Wert, also die grösste Libidosumme, die grösste Lebensintensität, das Optimum der psychologischen Lebenstätigkeit bedeutet. Bei Spitteler erweist sich demnach die prometheische Einstellung sowohl wie die epimetheische als unzulänglich. Die beiden Tendenzen dissoziieren sich, die epimetheische Einstellung harmoniert mit dem gegebenen Zustand der Welt, die prometheische dagegen nicht, weshalb letztere auf eine Erneuerung des Lebens hinarbeiten muss. Sie erzeugt auch eine neue Einstellung zur Welt (das der Welt geschenkte Kleinod), allerdings ohne damit bei Epimetheus Anklang zu finden. Trotzdem erkennen wir unschwer im Pandorageschenk bei Spitteler einen symbolischen Lösungsversuch des Problems, das wir schon bei der Besprechung der Schillerschen Briefe hervorgehoben haben, nämlich das Problem der Vereinigung der differenzierten und der undifferenzierten Funktion.
Bevor wir uns aber noch weiter mit diesem Problem beschäftigen, müssen wir zurückkehren zu Goethes Prometheus. Wie wir bereits sahen, bestehen unverkennbare Unterschiede zwischen dem schöpferischen Prometheus Goethes und der erleidenden Figur Spittelers. Ein weiterer wichtiger Unterschied ist die Beziehung zu Pandora. Bei Spitteler ist Pandora ein jenseitiges, der göttlichen Sphäre angehöriges Duplikat der Seele des Prometheus; bei Goethe dagegen ist sie ganz Geschöpf und Tochter des Titanen, also in einem absoluten Abhängigkeitsverhältnis zu ihm. Schon die Beziehung des Goetheschen Prometheus zu Minerva rückt ihn an Stelle des Vulkan, und die Tatsache; dass Pandora ganz sein Geschöpf ist, und nicht als von den Göttern geschaffen erscheint, macht ihn zum Schöpfergott und entrückt ihn damit der menschlichen Sphäre. Daher sagt Prometheus:
„Und eine Gottheit sprach, Wenn ich zu reden wähnte, Und wähnt’ ich, eine Gottheit spreche, Sprach ich selbst.“
Bei Spitteler dagegen ist alle Gottheit von Prometheus abgestreift, selbst seine Seele ist nur ein inoffizieller Dämon; die Gottheit ist für sich gesetzt, abgetrennt vom Menschlichen. Insofern ist die Goethesche Fassung antik, als sie die Göttlichkeit des Titanen unterstreicht. Dementsprechend muss auch Epimetheus stark daneben abfallen, während er bei Spitteler viel positiver hervortritt. In der „Pandora“ Goethes besitzen wir nun glücklicherweise ein Stück, das uns eine vollständigere Charakterisierung des Epimetheus übermittelt als das bis jetzt besprochene Fragment. Epimetheus führt sich dort folgendermassen ein:
„Nicht sondert mir entschieden Tag und Nacht sich ab, Und meines Namens altes Unheil trag ich fort; Denn Epimetheus nannten mich die Zeugenden. Vergangnem nachzusinnen, Raschgeschehenes Zurückzuführen, mühsamen Gedankenspiels, Zum trüben Reich gestaltenmischender Möglichkeit. So bittre Mühe war dem Jüngling auferlegt, Dass ungeduldig in das Leben hingewandt Ich unbedachtsam Gegenwärtiges ergriff, Und neuer Sorge neubelastende Qual erwarb.“
Mit diesen Worten kennzeichnet Epimetheus sein Wesen: er grübelt dem Vergangenen nach und kann sich von Pandora, die er (der klassischen Sage gemäss) zum Weibe nahm, nicht mehr befreien, d. h. er kann sich ihres Erinnerungsbildes nicht mehr entledigen; sie selber jedoch ist ihm längst entlaufen, indem sie ihm ihre Tochter, Epimeleia, die Sorge, hinterliess, während sie Elpore, die Hoffnung, mit sich nahm. Hier ist nun Epimetheus in so deutlicher Weise geschildert, dass wir zu erkennen vermögen, welche psychologische Funktion er darstellt. Während Prometheus auch in der „Pandora“ derselbe Schöpfer und Bildner ist, und mit demselben unversieglichen Drang zu schaffen und auf die Welt zu wirken sich täglich früh vom Lager erhebt, ist Epimetheus ganz den Phantasien, Träumen und Erinnerungen hingegeben, voll ängstlicher Besorgnis und sorgenvoller Überlegung. Pandora tritt auf als Geschöpf des Hephaestus, zurückgewiesen von Prometheus, aber von Epimetheus zur Gattin erwählt. Von ihr sagt er:
„Die Schmerzen selbst um _solch ein Kleinod_ sind Genuss.“ Pandora ist ihm ein köstliches Kleinod, das höchste Gut sogar --
„Und sie gehört auf ewig mir, die Herrliche! Der Seligkeit Fülle, die hab ich empfunden! Die Schönheit besass ich, sie hat mich gebunden, Im Frühlingsgefolge trat herrlich sie an. Sie erkannt’ ich, sie ergriff ich, da war es getan! Wie Nebel zerstiebte trübsinniger Wahn, Sie zog mich zur Erd’ ab, zum Himmel hinan. Du suchest nach Worten, sie würdig zu loben, Du willst sie erhöhen, sie wandelt schon oben. Vergleich’ ihr das Beste; du hältst es für schlecht. Sie spricht, du besinnst dich; doch hat sie schon recht. Du stemmst dich entgegen; sie gewinnt das Gefecht. Du schwankst ihr zu dienen, und bist schon ihr Knecht.
Das Gute, das Liebe, das mag sie erwidern. Was hilft hohes Ansehen, sie wird es erniedern, Sie stellt sich ans Ziel hin, beflügelt den Lauf. Vertritt sie den Weg dir, gleich hält sie dich auf. Du willst ein Gebot tun, sie treibt dich hinauf, Gibst Reichtum und Weisheit und alles in den Kauf. Sie steiget hernieder in tausend Gebilden, Sie schwebet auf Wassern, sie schreitet auf Gefilden, Nach heiligen Massen erglänzt sie und schallt, Und einzig veredelt die Form den Gehalt, Verleiht ihm, verleiht sich die höchste Gewalt, Mir erschien sie in Jugend-, in Frauengestalt.“
Wie diese Verse deutlich zeigen, hat Pandora für Epimetheus die Bedeutung eines Seelenbildes, sie stellt ihm die Seele dar: daher ihre göttliche Gewalt, ihre nicht zu erschütternde Überlegenheit. Wo immer solche Attribute gewissen Persönlichkeiten erteilt werden, kann man mit Sicherheit schliessen, dass diese Persönlichkeiten _Symbolträger_ resp. Imagines sind für projizierte Inhalte des Unbewussten. Denn die Inhalte des Unbewussten sind es, die mit jener oben geschilderten Übergewalt wirken und besonders in jener Weise, wie sie Goethe unübertrefflich kennzeichnet in der Strophe:
„Du willst ein Gebot tun, sie treibt dich hinauf.“
Mit diesen Worten ist die eigentümliche affektive Verstärkung gewisser Bewusstseinsinhalte durch Association analoger Inhalte des Unbewussten vorzüglich geschildert. Diese Verstärkung hat etwas Dämonisch-Zwingendes an sich, also eine „göttliche“ oder „teuflische“ Wirkung.
Wir haben oben die Goethesche Prometheusfigur als extravertiert bezeichnet. Sie ist in der „Pandora“ dieselbe geblieben, jedoch fehlt hier die Beziehung des Prometheus zur Seele, zum unbewussten Weiblichen. Dafür aber tritt Epimetheus hervor als der nach innen Gerichtete, als der Introvertierte. Er grübelt nach, er ruft die Erinnerungen aus dem Grabe der Vergangenheit herauf, er „denkt“. Von Spittelers Epimetheus ist er ganz und gar verschieden. Wir dürfen daher sagen, dass hier (in Goethes „Pandora“) der früher angedeutete Fall tatsächlich eingetreten ist, wo Prometheus die extravertierte, handelnde, Epimetheus aber die introvertierte, grüblerische Einstellung ist.
Dieser Prometheus ist also etwa dasselbe in extravertierter Form, was der Spittelersche in introvertierter Form ist. In der „Pandora“ dagegen ist Prometheus rein schaffend für collektive Zwecke, er hat einen förmlichen Fabrikbetrieb in seinem Berg eingerichtet, wo Bedarfsartikel für alle Welt hergestellt werden. Er ist daher abgetrennt von seiner Innenwelt, welche Beziehung dieses Mal dem Epimetheus zufällt, nämlich jenem sekundären und rein reaktiven Denken und Fühlen des Extravertierten, dem alle Merkmale der minderdifferenzierten Funktion zukommen. Daher ist auch Epimetheus der Pandora gänzlich auf Gnade und Ungnade verfallen, weil sie ihm in jeder Hinsicht überlegen ist. Psychologisch heisst das, dass die bewusste epimetheische Funktion des Extravertierten, nämlich eben jenes phantastische, grüblerische und ruminierende Vorstellen durch das Dazutreten der Seele verstärkt wird. Wenn die Seele in Verbindung steht mit der minderdifferenzierten Funktion, so muss man den Schluss ziehen, dass die hochwertige, resp. differenzierte Funktion zu collektiv sei, d. h. im Dienste des Collektivgewissens[115] stehe, und nicht im Dienste der Freiheit. Wo immer dieser Fall vorkommt -- und er kommt sehr häufig vor --, da ist die minderdifferenzierte Funktion, d. h. die „andere Seite“ durch eine pathologische Egozentrizität verstärkt, d. h. der Extravertierte füllt dann seine freie Zeit durch melancholische oder hypochondrische Grübeleien aus, wenn nicht durch hysterische Phantasien und sonstige Symptome[116]; der Introvertierte dagegen schlägt sich mit Minderwertigkeitsgefühlen herum, die ihn zwangsmässig befallen und ihn nicht weniger trübselig stimmen.[117]
Der Prometheus der „Pandora“ entspricht nicht mehr dem Spittelers. Er ist blosses collektives Tätigkeitsstreben, welches in seiner Einseitigkeit eine Verdrängung der Erotik bedeutet. Sein Sohn _Phileros_[118] ist reine erotische Leidenschaft; denn als ein Sohn seines Vaters muss er, wie dies bei den Kindern öfter der Fall ist, das von den Eltern zu wenig Gelebte unter unbewusstem Zwange nachholen. Des Unbedachten, immer erst nachher Bedenkenden, des Epimetheus Tochter, ist bezeichnenderweise Epimeleia = die Sorge. Phileros liebt Epimeleia, die Tochter der Pandora, und so wird des Prometheus Schuld, der Pandora zurückgewiesen hat, gesühnt. Zugleich werden Prometheus und Epimetheus geeint, dadurch, dass die Geschäftigkeit des Prometheus als nicht anerkannte Erotik sich herausstellt und des Epimetheus beständiges Zurückschauen als vernünftige Besorgnis, welche das ebenso beständige Produzieren des Prometheus hemmen und aufs richtige Mass beschränken möchte. Dieser Goethesche Lösungsversuch, der aus einer extravertierten Psychologie heraus erwachsen zu sein scheint, führt uns zurück zu dem Spittelerschen Lösungsversuch, den wir oben verlassen hatten, um uns mit der Goetheschen Prometheusfigur zu beschäftigen.
Spittelers Prometheus wendet sich, wie sein Gott, von der Welt, der Peripherie, weg und blickt nach innen, nach dem Mittelpunkt, jenem „engen Durchgang“ der Wiedergeburt. Diese Konzentration oder Introversion leitet die Libido allmählich ins Unbewusste. Dadurch wird die Tätigkeit der unbewussten Inhalte verstärkt; die Seele beginnt zu „arbeiten“ und schafft ein Werk, das aus dem Unbewussten ins Bewusstsein auftauchen möchte. Das Bewusstsein hat aber zwei Einstellungen: die prometheische, welche die Libido von der Welt abzieht und introvertiert, ohne zu geben, und die epimetheische, welche beständig ausgibt, seelenlos, geführt von den Ansprüchen des äussern Objektes. Wenn Pandora ihr Geschenk der Welt gibt, so heisst das im Psychologischen, dass ein unbewusstes Produkt von hohem Werte das extravertierte Bewusstsein, d. h. die Beziehung zur realen Welt zu erreichen im Begriff steht. Obschon die prometheische Seite, d. h. der Künstler den hohen Wert des Werkes intuitiv erfasst, so ist doch seine persönliche Beziehung zur Welt dermassen unter der Herrschaft der Tradition in jeder Hinsicht, dass das Werk eben bloss als Kunstwerk aufgefasst wird, und nicht auch als das, was es eigentlich ist, nämlich ein Symbol, das eine Erneuerung des Lebens bedeutet. Damit es aber aus der bloss ästhetischen Bedeutung heraus und zur Wirklichkeit komme, sollte es auch ins Leben hineingelangen, dadurch, dass es darin aufgenommen und gelebt wird. Wenn aber die Einstellung hauptsächlich introvertierend ist und nur auf Abstraktion geht, dann ist die Extraversionsfunktion minderwertig, d. h. im Banne collektiver Beschränktheit. Diese Beschränktheit verhindert, dass das von der Seele geschaffene Symbol lebendig wird. Dadurch geht das Kleinod verloren; man kann aber nicht wirklich leben, wenn „Gott“, d. h. der höchste Lebenswert, der sich im Symbol ausdrückt, nicht lebendig werden kann. Darum bedeutet der Verlust des Kleinods zugleich den Beginn von Epimetheus Untergang.
Und nun beginnt die Enantiodromie: Anstatt dass, wie jeder Rationalist und Optimist geneigt ist anzunehmen, auf den guten Zustand ein besserer folge, weil ja alles in „aufsteigender Entwicklung“ sich bewege, schliesst nun der Mann des trefflichen Gewissens, und der allgemein als gültig anerkannten sittlichen Grundsätze einen Pakt mit Behemoth und seiner Übeln Schar und verhandelt sogar die ihm anvertrauten Gotteskinder an den Teufel. Psychologisch heisst das, dass die collektive, undifferenzierte Einstellung zur Welt die höchsten Werte der Menschen ersticke und dadurch zu einer destruktiven Macht werde, deren Wirkung solange zunimmt, bis die prometheische Seite, nämlich die ideelle und abstrakte Einstellung sich in den Dienst des Seelenkleinodes stellt und als ein ächter Prometheus der Welt ein neues Feuer entzündet. Spittelers Prometheus muss aus seiner Einsamkeit heraus und mit Gefahr seines Lebens den Menschen sagen, dass sie irren, und wo sie irren. Er muss die Unerbittlichkeit der Wahrheit anerkennen, so wie Goethes Prometheus die Unerbittlichkeit der Liebe in Phileros erfahren muss.
Dass das destruktive Element in der epimetheiischen Einstellung tatsächlich die traditionelle und collektive Beschränktheit ist, beweist sich klar in der rasenden Wut des Epimetheus gegen das „Lämmchen“, das eine durchsichtige Karikatur der traditionellen Christlichkeit ist. In diesem Affekt bricht etwas durch, das uns aus dem ungefähr gleichzeitigen Eselsfest des Zarathustra wohlbekannt ist. Darin drückt sich eine zeitgenössische Strömung aus.