Psychologische Typen

Part 19

Chapter 193,471 wordsPublic domain

Von Wichtigkeit scheint mir die Bemerkung Jordans zu sein, dass das Vergnügen des Introvertierten „genuiner Natur“ sei. Das scheint überhaupt eine Eigentümlichkeit des introvertierten Gefühls zu sein: es ist genuin, es ist, weil es aus sich selber da ist, es wurzelt in der tiefern Natur des Menschen, es steigt gewissermassen als sein eigener Zweck aus sich selber empor; es will keinem andern Zwecke dienen, leiht sich auch keinem und begnügt sich damit, sich selbst zu erfüllen. Das hängt zusammen mit der Spontaneität des archaïschen und natürlichen Phänomens, das sich bis dahin noch nicht den Zweckabsichten der Zivilisation gebeugt hat. Zu Recht oder Unrecht, jedenfalls ohne Rücksicht auf Recht oder Unrecht, auf Zweckmässigkeit oder Unzweckmässigkeit, manifestiert sich der affektive Zustand, dem Subjekt aufgedrängt, auch gegen seinen Willen und seine Erwartung. Er hat nichts an sich, was auf gedachte Motivation schliessen liesse.

Auf die weitern Abschnitte des Buches von Jordan möchte ich hier nicht eintreten. Er zitiert historische Persönlichkeiten als Beispiele, wobei vielerlei schiefe Gesichtspunkte herauskommen, die auf dem bereits erwähnten Übelstande beruhen, dass der Autor das Kriterium des Aktiven und des Passiven hereinbringt und mit den andern Kriterien vermengt. Daraus ergibt sich öfters der Schluss, dass eine aktive Persönlichkeit auch zum leidenschaftslosen Typus gerechnet wird und umgekehrt eine leidenschaftliche Natur auch immer passiv sein sollte. Meine Ansicht sucht diesen Irrtum zu vermeiden, indem sie das Moment der Aktivität als Gesichtspunkt überhaupt ausscheidet.

Jordan gebührt aber das Verdienst, zum ersten Mal (meines Wissens!) eine relativ zutreffende Charakterschilderung der emotionalen Typen gegeben zu haben.

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Das Typenproblem in der Dichtkunst.

Carl Spittelers Prometheus und Epimetheus.

V.

Das Typenproblem in der Dichtkunst.

Carl Spittelers Prometheus und Epimetheus.

1. _Einleitendes über die Spittelersche Typisierung._ Wenn neben den Vorwürfen, welche die Verwicklungen des Affektlebens dem Dichter geben, nicht auch das Typenproblem eine bedeutende Rolle spielte, so wäre dies beinahe ein Beweis, dass es gar nicht existiert. Wir sahen aber schon bei _Schiller_, wie dieses Problem ebenso sehr den Dichter wie den Denker in ihm passionierte. Wir wenden nun in diesem Kapitel unsere Aufmerksamkeit einer dichterischen Schöpfung zu, welche sich fast ausschliesslich auf dem Motiv des Typenproblems begründet. Ich meine _Carl Spittelers Prometheus und Epimetheus_, ein Werk, das 1881 zum ersten Mal erschien.

Ich möchte keineswegs von vornherein erklären, dass Prometheus, der Vorausdenkende, den Introvertierten bedeute, und Epimetheus, der Handelnde und Nachdenkende, den Extravertierten. Es handelt sich ja in erster Linie beim Konflikt dieser beiden Gestalten um den Kampf der introvertierten mit der extravertierten Entwicklungslinie in einem und demselben Individuum, welche aber die dichterische Darstellung in zwei selbständigen Figuren und ihren typischen Schicksalen verkörpert hat.

Es ist unverkennbar, dass Prometheus introvertierte Charakterzüge aufweist. Er bietet das Bild eines seiner Innenwelt, seiner Seele getreuen Introvertierten. Er drückt sein Wesen treffend aus in den Worten[106], die er dem Engel erwidert: „Jedoch nicht stehts bei mir zu richten über meiner Seele Angesicht, denn siehe, meine Herrin ists, und ist mein Gott in Freud und Leid, und was ich immer bin, von ihr hab ichs zu eigen.

Und drum so will mit ihr ich teilen meinen Ruhm, und wenn es muss geschehen, wohlan, so mag ich ihn entbehren.“

Prometheus ergibt sich damit auf Gnade und Ungnade seiner Seele, d. h. also der Funktion der Beziehung zur Innenwelt. Darum hat auch die Seele einen geheimnisvollen, metaphysischen Charakter, eben um der Beziehung zum Unbewussten willen. Prometheus verleiht ihr die absolute Bedeutung als Herrin und Führerin in derselben unbedingten Weise, wie sich Epimetheus der Welt ergibt. Er opfert sein individuelles Ich der Seele, der Beziehung zum Unbewussten als der Mutterstätte der ewigen Bilder und Bedeutungen und wird dadurch entselbstet, indem ihm das Gegengewicht der Persona[107], der Beziehung zum äussern Objekt entgeht. Mit der Dahingebung an seine Seele gerät Prometheus ausser allen Zusammenhang mit der Umwelt und verliert dadurch die unerlässliche Korrektur durch die äussere Realität. Dieser Verlust verträgt sich aber schlecht mit dem Wesen dieser Welt. Daher erscheint dem Prometheus ein Engel, offenbar ein Repräsentant der Weltregierung; ins Psychologische übersetzt: das projizierte Bild einer auf Realanpassung gerichteten Tendenz. Dementsprechend sagt der Engel zu Prometheus:

„Es wird geschehen, wenn du es nicht vermagst und dich befreist von deiner Seele ungerechter Art, so ist dahin für dich der vielen Jahre grosser Lohn und deines Herzens Glück und all die Früchte deines vielgestalten Geistes,“ und an anderer Stelle: „Verworfen wirst du sein am Tag des Ruhms um deiner Seele willen, die da kennet keinen Gott und achtet kein Gesetz und nichts ist ihrem Hochmut heilig, so im Himmel als auf Erden.“ Da Prometheus einseitig auf Seiten der Seele steht, so geraten alle Tendenzen zur Anpassung an die äussere Welt in die Verdrängung und verfallen so dem Unbewussten. Infolgedessen erscheinen sie, wenn sie wahrgenommen werden, als nicht zur eigenen Persönlichkeit gehörend und darum als projiziert. Damit steht in einem gewissen Widerspruch, dass auch die Seele, auf deren Seite ja Prometheus getreten ist, und die er sozusagen voll ins Bewusstsein aufnimmt, projiziert erscheint. Da die Seele eine Beziehungsfunktion ist, wie die Persona, so besteht sie gewissermassen aus zwei Teilen, einem Anteil, der dem Individuum zugehört und einem Anteil, der dem Objekte der Beziehung, in diesem Fall dem Unbewussten zufällt. Man ist zwar allgemein geneigt -- wenn man nicht gerade ein Anhänger der Hartmannschen Philosophie ist -- dem Unbewussten nur die relative Existenz eines psychologischen Faktors zuzubilligen. Aus erkenntnistheoretischen Gründen sind wir nun keineswegs in der Lage irgend etwas Gültiges auszusagen hinsichtlich einer objektiven Realität des psychologischen Erscheinungskomplexes, den wir als Unbewusstes bezeichnen, so wenig wie wir in der Lage sind, irgend etwas Gültiges über das Wesen der realen Dinge, das jenseits unseres psychologischen Vermögens liegt, auszumachen. Ich muss aber aus Gründen der Erfahrung darauf hinweisen, dass die Inhalte des Unbewussten in Bezug auf die Tätigkeit unseres Bewusstseins denselben Wirklichkeitsanspruch erheben vermöge ihrer Hartnäckigkeit und Persistenz, wie die realen Dinge der Aussenwelt, wenn schon dieser Anspruch einer vorzugsweise nach Aussen gerichteten Mentalität sehr unwahrscheinlich vorkommt. Es ist nicht zu vergessen, dass es immer sehr viele Menschen gegeben hat, für welche die Inhalte des Unbewussten einen grössern Wirklichkeitswert besassen, als die Dinge der Aussenwelt. Das Zeugnis der menschlichen Geistesgeschichte spricht zu Gunsten beider Wirklichkeiten. Eine tiefergehende Untersuchung der menschlichen Psyche zeigt auch ohne weiteres eine im allgemeinen gleich starke Beeinflussung der Bewusstseinstätigkeit von beiden Seiten, sodass wir psychologisch aus rein empirischen Gründen ein Recht haben, die Inhalte des Unbewussten als ebenso _wirklich_ zu behandeln, wie die Dinge der Aussenwelt, wenn schon diese beiden Realitäten sich kontradizieren und ihrem Wesen nach gänzlich verschieden zu sein scheinen. Es wäre aber eine durch nichts gerechtfertigte Unbescheidenheit, wenn wir die eine Realität der andern überordnen wollten. Theosophie und Spiritualismus sind dieselben gewalttätigen Übergriffe, wie der Materialismus. Wir haben uns wohl in der Sphäre unseres psychologischen Vermögens zu bescheiden. Wegen der eigenartigen Wirklichkeit der unbewussten Inhalte darf man sie als Objekte bezeichnen mit demselben Rechte, wie wir die äussern Dinge als Objekte bezeichnen. Wie nun die Persona als Beziehung immer auch durch das äussere Objekt bedingt und daher ebenso sehr im äussern Objekt verankert ist, wie im Subjekt, so ist auch die Seele als Beziehung zum innern Objekt repräsentiert durch das innere Objekt, daher stets auch vom Subjekt noch in gewissem Sinne verschieden und darum als Verschiedenes wahrnehmbar. Sie erscheint darum dem Prometheus als etwas von seinem individuellen Ich durchaus Verschiedenes. Wenn schon ein Mensch sich der äussern Welt gänzlich hingeben kann, so steht die Welt doch immer noch als ein von ihm verschiedenes Objekt da, gleichermassen verhält sich auch die unbewusste Welt der Bilder als ein vom Subjekt verschiedenes Objekt, auch wenn der Mensch sich ihr ganz dahingibt.

In derselben Weise, wie die unbewusste Welt der mythologischen Bilder indirekt durch das Erleben am äussern Ding zu dem spricht, der sich der Aussenwelt ganz ergibt, so spricht auch die reale Aussenwelt und ihre Forderung indirekt zu dem, der sich ganz der Seele ergibt, denn niemand kann den beiden Wirklichkeiten entgehen. Geht einer nur nach aussen, so muss er seinen Mythus leben, geht er nach innen, so muss er sein äusseres, das sogenannte reale Leben träumen. So spricht die Seele zu Prometheus:

„Ein Gott des Frevels bin ich, der dich abseits führet auf den ungebahnten Pfaden. Du aber hattest nicht gehört und nun so ist nach meinen Worten dir geschehen, und also haben sie dir weggestohlen deines Namens Ruhm und deines Lebens Glück um meinetwillen.“[108]

Prometheus lehnt das Königtum, das ihm der Engel anbietet, ab, d. h. er verwirft die Anpassung an das Gegebene, weil seine Seele dafür von ihm gefordert wird. Während das Subjekt, nämlich Prometheus, durchaus menschlicher Natur ist, ist die Seele von ganz anderer Art. Sie ist dämonisch, weil das innere Objekt, mit dem sie als Beziehung verknüpft ist, durch sie hindurch schimmert, nämlich das überpersönliche, collektive Unbewusste. Das Unbewusste, betrachtet als der historische Untergrund der Psyche, enthält in konzentrierter Form die ganze Abfolge der Engramme, welche seit unmessbar langer Zeit die jetzige psychische Struktur bedingt haben. Die Engramme sind nichts anderes als Funktionsspuren, welche andeuten, in welcher Art durchschnittlich und am häufigsten und intensivsten die menschliche Psyche funktioniert hat. Diese Funktionsengramme stellen sich dar als mythologische Motive und Bilder, wie sie teils identisch, teils sehr ähnlich bei allen Völkern vorkommen und auch in den unbewussten Materialien des modernen Menschen unschwer nachzuweisen sind. Es ist daher verständlich, wenn auch ausgesprochene tierische Züge oder Elemente unter den unbewussten Inhalten auftreten neben jenen erhabenen Figuren, welche den Menschen von jeher auf seinem Lebenswege begleitet haben. Es handelt sich um eine ganze Welt von Bildern, deren Grenzenlosigkeit in nichts derjenigen der Welt der „realen“ Dinge nachgibt. Wie dem Menschen, der sich persönlich ganz der äussern Welt ergibt, diese ihm in Gestalt eines nächsten, geliebten Wesens entgegentritt, an welchem er, falls ihm die äusserste Hingebung an das persönliche Objekt Schicksal ist, die Zweideutigkeit der Welt und des eigenen Wesens erfahren wird, so tritt dem Andern eine dämonische Personifikation des Unbewussten entgegen, welche die Gesamtheit, die äusserste Gegensätzlichkeit und Zweideutigkeit der Welt der Bilder verkörpert. Dies sind Grenzerscheinungen, die das normale Mittelmass überschreiten, und darum weiss die normale Mitte nicht um diese grausamen Rätsel. Sie existieren für sie nicht. Es sind immer nur die Wenigen, welche den Rand der Welt erreichen, wo ihr Spiegelbild beginnt. Wer immer in der Mitte steht, für den hat die Seele menschlichen, und nicht dubiosen, dämonischen Charakter, so wie ihm auch die Nächsten nie fragwürdig vorgekommen sind. Nur völlige Hingebung an das Eine oder Andere bewirkt ihre Zweideutigkeit. _Spittelers_ Intuition erfasste jenes Seelenbild, das sich eine harmlosere Natur höchstens hätte träumen lassen.

So lesen wir p. 25: “Und während er sich so gebärdete in seines Eifers Ungestüm, da spielt ein seltsam Zucken ihr um Mund und Angesicht und immerwährend blinkten ihre Lider, schlugen hastig auf und zu, und hinter ihren weichen feinbehaarten Wimpern lauert es und drohete und schlich umher, dem _Feuer gleich_, das tückisch im Verborgenen durchzieht ein Haus, und _gleich dem Tiger_, der sich windet unter dem Gebüsch und aus den dunklen Blättern leuchtet ab und zu sein gelber buntgeflekter Körper.“

Die Lebenslinie, die sich Prometheus wählt, ist also unverkennbar eine introvertierende. Er opfert die Gegenwart und seine Beziehung zu ihr, um eine ferne Zukunft vorausdenkend zu schaffen.

Ganz anders _Epimetheus_: Er erkennt, dass sein Streben zur Welt geht und nach dem, was der Welt gilt. Daher spricht er zum Engel: „Doch nun so ist nach Wahrheit mein Begehr, und siehe, meine Seele liegt in deiner Hand, und so es dir gefällt, so gib mir ein Gewissen, das mich lehre „Heit“ und „Keit“ und jegliches gerechte Wesen.“ Epimetheus kann der Versuchung nicht widerstehen, seine eigene Bestimmung zu erfüllen und sich dem „seelenlosen“ Standpunkt zu unterwerfen. Dieser Anschluss an die Welt belohnt sich auch sofort:

„Und es geschah, da Epimetheus sich erhob, da spürt er grösser seinen Wuchs und fester seinen Mut und all sein Wesen war geeint und all sein Fühlen war gesund von kräftigem Wohlbehagen. Und also kehrt er sichern Schrittes durch das Tal, geraden Wegs, wie wer da niemand scheut, und offenen Blicks, wie wen beseelt des eigenen Reichtums Angedenken.“

Er hat, wie Prometheus sagt, „um Heit und Keit verhandelt seine freie Seele“. Die Seele ist ihm (zu Gunsten seines Bruders) abhanden gekommen. Er ist seiner Extraversion nachgegangen, und weil diese sich nach dem äussern Objekt orientiert, so ist er in die Wünsche und Erwartungen der Welt aufgegangen, äusserlich zunächst zu seinem grössten Vorteil. Er ist ein Extravertierter geworden, nachdem er zuvor Jahre lang in Nachahmung seines Bruders in der Einsamkeit gelebt hat, als ein durch Nachahmung des Introvertierten _verfälschter Extravertierter_. Solche unwillkürliche „simulation dans le caractère“ (_Paulhan_) kommt nicht selten vor. Seine Entwicklung zum wirklichen Extravertierten ist darum ein Fortschritt zur „Wahrheit“ und verdient die ihm zu Teil werdende Belohnung.

Während Prometheus durch den tyrannischen Anspruch seiner Seele an jeder Beziehung zum äussern Objekt verhindert ist, und im Seelendienste die grausamsten Opfer bringen muss, empfängt Epimetheus einen zunächst wirksamen Schutz gegen die dem Extravertierten drohende Gefahr des völligen Verlorengehens an das äussere Objekt. Dieser Schutz besteht in dem auf die traditionellen „richtigen Begriffe“ sich stützenden Gewissen, also auf jenen nicht zu verachtenden Schatz an überlieferter Lebensklugheit, von dem die öffentliche Meinung denselben Gebrauch macht, wie der Richter vom Strafgesetzbuch. Damit ist dem Epimetheus jene Beschränkung gegeben, welche ihn hindert, sich dem Objekt in dem Masse hinzugeben, wie Prometheus seiner Seele. Das verbietet ihm das Gewissen, das an Stelle seiner Seele steht. Da Prometheus der Menschenwelt und ihrem kodifizierten Gewissen den Rücken kehrt, verfällt er der grausamen Herrin Seele und ihrer anscheinenden Willkür, und die Vernachlässigung der Welt büsst er mit grenzenlosem Leid. Die weise Beschränkung durch ein untadeliges Gewissen verbindet dem Epimetheus aber dermassen die Augen, dass er seinen Mythus blind leben muss, immer im Gefühl des Rechttuns, da er stets in Übereinstimmung mit der allgemeinen Erwartung bleibt, und stets mit Erfolg, da er Aller Wünsche erfüllt. So will man den König sehen, und so stellt ihn Epimetheus dar bis zum unrühmlichen Ende, bis dorthin nie verlassen von dem rückenstärkenden allgemeinen Beifall. Seine Selbstsicherheit und Selbstgerechtigkeit, sein unerschütterliches Vertrauen in seine allgemeine Gültigkeit, sein unzweifelhaftes „Rechttun“ und sein gutes Gewissen, lassen unschwer jenen Charakter erkennen, den _Jordan_ geschildert hat. Man vergleiche pag. 102 ff. den Besuch des Epimetheus beim kranken Prometheus, wo der König Epimetheus seinen leidenden Bruder heilen will: „Und als sie alles dieses wohl vollbracht, da trat der König vor, und links und rechts auf einen Freund sich stützend, hub er an und grüssete und sprach die _wohlgemeinten_ Worte:

„Von Herzen reuet mich’s um Dich, Prometheus, mein geliebter Bruder! Doch nun so fasse Mut, denn sieh, hier hab ich eine Salbe, wohl bewährt für alles Leid und heilet wunderbar in Hitze wie in Frost und also wohl zum Trost als wie zur Strafe kannst Du sie gebrauchen.

Und also sprechend nahm er seinen Stock und band die Salbe fest und reicht es alles ihm behutsam dar mit _wichtigem Gebahren_. Prometheus aber, da er kaum vernahm der Salbe Duft und Angesicht, so wandte er sein Haupt mit Ekel. Und über dem, da änderte der König seiner Stimme Ton, begann und schrie und prophezeiete mit heissem Eifer:

„In Wahrheit grössre Strafe scheint Dir not, denn nicht genügt Dir Deines Schicksals gegenwärtige Belehrung.“

Und also sprechend zog er einen Spiegel aus dem Rock und macht ihm alles klar von Anbeginn, und wurde sehr beredt und wusste alle seine Fehler.“

Diese Szene ist eine treffende Illustration zu den Worten _Jordans_: „Society must be pleased if possible; if it will not be pleased, it must be astonished, if it will neither be pleased nor astonished, it must be pestered and shocked.“ Wir begegnen in dieser Szene etwa der gleichen Climax. Im Orient bekundet ein reicher Mann seine Würde dadurch, dass er sich in der Öffentlichkeit nicht anders zeigt, als auf zwei Sklaven gestützt. Epimetheus benützt diese Pose, um Eindruck zu machen. Mit dem Wohltun muss auch gleich die Ermahnung und die moralische Belehrung verknüpft sein. Und als das nicht verfängt, so muss der andere doch wenigstens mit dem Bild seiner eigenen Gemeinheit erschreckt werden. Denn alles geht auf das Eindruckmachen. Es gibt eine amerikanische Redensart, welche sagt: In Amerika haben zwei Arten von Menschen Erfolg: der, der etwas kann und der, der es geschickt blufft. D. h. der Schein ist bisweilen ebenso erfolgreich wie die wirkliche Leistung. Der Extravertierte dieser Art arbeitet vorzüglich mit dem _Schein_. Der Introvertierte will es _erzwingen_ und _missbraucht_ dazu seine Arbeit. Bringen wir Prometheus und Epimetheus in einer Persönlichkeit zusammen, so ergibt sich daraus ein Mensch, der aussen Epimetheus und innen Prometheus ist, wobei beide Tendenzen einander beständig ärgern, und jede von ihnen versucht, das Ich endgültig auf ihre Seite zu bringen.

2. _Vergleichung von Spittelers mit Goethes Prometheus._ Es ist von nicht geringem Interesse, mit dieser Prometheusauffassung die _Goethe_sche Prometheusdarstellung zu vergleichen. Ich glaube, genügenden Grund zu haben zu der Vermutung, dass Goethe eher dem extravertierten Typus zugehört, als dem introvertierten, während ich Spittelers Art dem letztem Typus zurechne. Einen völligen Nachweis für die Richtigkeit dieser Vermutung zu erbringen, könnte nur einer ausgedehnten und sorgfältigen Untersuchung und Analyse der Goetheschen Biographie gelingen. Meine Vermutung gründet sich auf vielerlei Eindrücke, die ich nicht erwähnen will, um nicht allzu Unzulängliches vorzubringen.

Die introvertierte Einstellung braucht nicht notwendigerweise mit der Prometheusfigur zusammenzufallen, womit ich meine, dass die überlieferte Prometheusfigur auch anders gedeutet werden könne. Diese andere Version findet sich z. B. im Platonischen _Protagoras_, wo der Verteiler der lebendigen Kräfte an die von den Göttern aus Erde und Feuer eben gebildeten Wesen nicht Prometheus, sondern Epimetheus ist. An dieser Stelle sowohl, wie im Mythus überhaupt, ist Prometheus (eben dem antiken Geschmack entsprechend) hauptsächlich der Listen- und Erfindungsreiche. Bei Goethe nun liegen zwei Fassungen vor. Im Prometheusfragment von 1773 ist Prometheus, der Trotzige, auf sich selbst sich stellende, gottähnliche, die Götter verachtende Schöpfer und Bildner. Seine Seele ist Minerva, die Zeustochter. Prometheus Beziehung zu Minerva hat viel Ähnlichkeit mit derjenigen von Spittelers Prometheus zur Seele. So sagt Prometheus zu Minerva:

„Sind von Anbeginn mir Deine Worte Himmelslicht gewesen! _Immer als wenn meine Seele zu sich selbst spräche,_ Sie sich eröffnete Und mitgeborne Harmonieen In ihr erklängen aus sich selbst, Und eine Gottheit sprach Wenn ich zu reden wähnte, Und wähnt ich, eine Gottheit spreche, Sprach ich selbst. Und so mit dir und mir So ein, so innig Ewig meine Liebe dir!“

Und weiter:

„Wie der süsse Dämmerschein der weggeschiednen Sonne Dort herauf schwimmt Vom finstern Kaukasus Und meine Seele umgibt mit Wonneruh’, Abwesend auch mir immer gegenwärtig, So haben meine Kräfte sich entwickelt Mit jedem Atemzug aus deiner Himmelsluft.“

Auch Goethes Prometheus ist abhängig von seiner Seele. Die Ähnlichkeit mit der Beziehung des Spittelerschen Prometheus zur Seele ist gross. So sagt Spittelers Prometheus zu seiner Seele: „Und ob sie alles mir geraubt, so bleib’ ich über alle Massen reich, so lange einzig Du mir bleibst und nennest mich „mein Freund“ aus deinem süssen Mund und blickest auf mich nieder aus dem stolzen gnadenreichen Antlitz.“ Trotz der Ähnlichkeit der beiden Figuren und ihrer Beziehung zur Seele besteht aber doch ein wesentlicher Unterschied: Goethes Prometheus ist ein Schöpfer und Bildner, und Minerva belebt seine Tongestalten. Spittelers Prometheus ist nicht schaffend, sondern erleidend, nur seine Seele ist schaffend, aber ihr Schaffen ist verborgen und geheimnisvoll. Sie sagt beim Abschied zu ihm[109]: „Und nun, so scheide ich von Dir, denn siehe, meiner harrt ein grosses Werk, ein Werk gewaltger Arbeit voll, und viele Eile tuet not, damit ich es vollende.“ Es scheint, dass bei Spitteler der Seele die prometheiische Schöpferarbeit zufällt, während Prometheus selber bloss die Qual einer schöpferischen Seele erleidet. Goethes Prometheus aber ist selbsttätig, und zwar schöpferisch-tätig in erster Linie und ausschliesslich, und auf Grund seiner eigenen Schöpferkraft den Göttern trotzend:

„Wer half mir Wider der Titanen Übermut? Wer rettete vom Tode mich, Von Sklaverey? Hast du nicht alles selbst vollendet, Heilig glühend Herz?“

Epimetheus ist in diesem Stück spärlich charakterisiert, durchaus dem Prometheus inferior, ein Anwalt des collektiven Gefühls, das Seelendienst nur als „Eigensinn“ verstehen kann. So sagt Epimetheus zu Prometheus:

„Du stehst allein! Dein Eigensinn verkennt die Wonne Wenn die Götter, du, Die Deinigen und Welt und Himmel all’ Sich ein innig Ganzes fühlten.“

Die im Prometheusfragment vorhandenen Andeutungen sind zu spärlich, als dass wir daraus das Wesen des Epimetheus erkennen könnten. Die Charakteristik von Goethes Prometheus aber lässt einen typischen Unterschied erkennen zu der von Spittelers Prometheus. Goethes Prometheus bildet und wirkt nach aussen in die Welt, er setzt von ihm geformte und von seiner Seele belebte Gestalten in den Raum, er füllt die Erde mit den Geburten seines Schaffens, zugleich ist er Lehrer und Erzieher der Menschen. Bei Spittelers Prometheus aber geht alles nach innen, verschwindet im Dunklen des Seeleninnern, wie er selber aus der Welt verschwindet, sogar aus seiner engern Heimat auswandert, gewissermassen um noch unsichtbarer zu werden. Nach dem compensatorischen Prinzip unserer analytischen Psychologie muss in einem solchen Falle die Seele, d. h. die Personifikation des Unbewussten, besonders tätig sein und ein Werk vorbereiten, das aber noch unsichtbar ist. Ausser der bereits zitierten Stelle gibt es bei Spitteler noch eine völlige Beschreibung dieses zu erwartenden Äquivalenzvorganges. Wir finden sie im _Pandorazwischenspiel_: