Psychologische Typen

Part 17

Chapter 172,954 wordsPublic domain

Aus dieser Definition ist klar ersichtlich, dass _Jordan_ der Reflexion, dem Denken, die Tätigkeit oder die Aktivität gegenüberstellt. Es ist durchaus verständlich, dass dem nicht tiefer forschenden Menschenbeobachter zunächst das reflektive Wesen im Gegensatz zum tätigen Wesen auffällt, und er daher geneigt ist, den beobachteten Gegensatz unter diesem Gesichtswinkel zu definieren. Aber schon die einfache Überlegung, dass das tätige Wesen nicht notwendigerweise bloss aus Impulsen hervorgeht, sondern auch dem Denken entspringen kann, lässt es als nötig erscheinen, die Definition etwas zu vertiefen. Jordan selbst kommt zu diesem Schluss, indem er pag. 6 ein weiteres Element in die Betrachtung einführt, das für uns von ganz besonderm Wert ist, nämlich das Gefühlselement. Er konstatiert nämlich, dass der aktive Typus weniger leidenschaftlich sei, während das reflektive Temperament sich durch Leidenschaftlichkeit auszeichne. Daher benennt Jordan seine Typen als „the less impassioned“ und „the more impassioned“. Das Element, das er in der einleitenden Definition überging, erhebt er also nachträglich zum ständigen Terminus. Was ihn aber von unserer Auffassung unterscheidet, ist die Tatsache, dass er den weniger „leidenschaftlichen“ Typus immer auch zugleich „aktiv“ sein lässt, und den andern „inaktiv“. Ich halte diese Vermischung für unglücklich, indem es höchst leidenschaftliche und tiefe Naturen gibt, die auch zugleich sehr tatkräftig und tätig sind, und umgekehrt wenig leidenschaftliche, oberflächliche Naturen, die sich keineswegs durch Aktivität, nicht einmal durch die niedere Form der Tätigkeit, die Geschäftigkeit, auszeichnen. Meines Erachtens hätte seine sonst wertvolle Auffassung bedeutend an Klarheit gewonnen, wenn er die an sich charakterologisch bedeutsame Bestimmung der Aktivität und Inaktivität als einen ganz andern Gesichtspunkt hätte ausser Betracht fallen lassen. Es wird aus den folgenden Ausführungen hervorgehen, dass Jordan mit dem „less impassioned and more active“ Typus den Extravertierten und mit dem „more impassioned and less active“ Typus den Introvertierten beschreibt. Beide können tätig oder untätig sein, ohne dabei ihren Typus zu verändern, weshalb meines Erachtens das Moment der Aktivität als ein Hauptcharakteristikum in Wegfall kommen sollte; als Bestimmung sekundärer Bedeutung spielt es aber immerhin insofern eine Rolle, als der Extravertierte, seiner Art entsprechend, in der Regel viel beweglicher, lebendiger und tätiger erscheint, als der Introvertierte. Diese Eigenschaft hängt aber ganz an der Phase, in der sich das Individuum momentan der Aussenwelt gegenüber befindet. Ein Introvertierter in einer extravertierten Phase erscheint aktiv, ein Extravertierter in einer introvertierten Phase erscheint passiv. Die Aktivität selber, als ein Grundzug des Charakters kann bisweilen introvertiert sein, d. h. sie richtet sich ganz nach innen und entfaltet eine rege Gedanken- oder Gefühlstätigkeit, während aussen tiefe Ruhe herrscht; bisweilen kann sie extravertiert sein, wo sie sich dann in bewegtem, lebendigem Handeln zeigt, während ein fester unbewegter Gedanke oder ein ebensolches Gefühl dahinter steht.

Bevor wir des Nähern auf die Jordanschen Ausführungen eintreten, muss ich zur Klarstellung der Begriffe noch einen Umstand hervorheben, der, wenn nicht berücksichtigt, Anlass zu Verwirrung geben könnte. Ich habe eingangs bemerkt, dass ich in frühern Publikationen den Introvertierten mit dem Denktypus und den Extravertierten mit dem Fühltypus identifiziert hätte. Es ist mir erst später, wie ich schon bemerkte, klar geworden, dass Introversion und Extraversion als allgemeine Grundeinstellungen von den Funktionstypen zu unterscheiden sind. Diese beiden Einstellungen sind auch am leichtesten zu erkennen, während es schon einer umfangreichen Erfahrung bedarf, um auch die Funktionstypen, zu unterscheiden. Es ist bisweilen ungemein schwierig, herauszufinden, welcher Funktion das Primat zukommt. Verführerisch wirkt die Tatsache, dass der Introvertierte naturgemäss einen reflektierenden und überlegenden Eindruck macht, infolge seiner abstrahierenden Einstellung. Man ist daher leicht geneigt, bei ihm deshalb das Primat des Denkens zu vermuten. Umgekehrt zeigt der Extravertierte natürlicherweise sehr viele unmittelbare Reaktionen, welche leicht ein Vorherrschen des Gefühlselementes vermuten lassen. Diese Vermutungen sind aber täuschend, indem der Extravertierte leicht auch ein Denktypus und der Introvertierte ein Fühltypus sein kann. _Jordan_ beschreibt im allgemeinen bloss den Introvertierten und den Extravertierten. Wo er aber in die Einzelheiten geht, wird seine Beschreibung missverständlich, indem sich dort Züge verschiedener Funktionstypen mischen, die wegen ungenügender Durcharbeitung des Stoffes nicht auseinander gehalten sind. In den allgemeinen Zügen aber ist das Bild der introvertierten und der extravertierten Einstellung unmissverständlich herausgekommen, sodass das Wesen der beiden Grundeinstellungen völlig ersichtlich wird.

Die Charakterisierung der Typen von der Affektivität her erscheint mir als das eigentlich Bedeutungsvolle der Jordanschen Schrift. Wir sahen ja bereits, dass das „reflektive“ überlegende Wesen des Introvertierten durch ein unbewusstes archaïsches Trieb- und Empfindungsleben compensiert ist. Man könnte auch sagen, dass er eben deshalb introvertiert eingestellt sei, weil er über ein archaïsch-impulsives, leidenschaftliches Wesen sich zu der sichern Höhe der Abstraktion emporheben muss, um von dort aus die unbotmässigen, wildbewegten Affekte beherrschen zu können. Dieser Gesichtspunkt passt für viele Fälle gar nicht schlecht. Umgekehrt liesse sich auch sagen, dass das weniger tiefwurzelnde Affektleben des Extravertierten sich leichter zur Differenzierung und Domestikation eignet, als das archaïsche, unbewusste Denken und Fühlen, das Phantasieren, das einen gefährlichen Einfluss auf seine Persönlichkeit haben kann. Daher er ja immer der ist, der möglichst geschäftig und massenhaft zu leben und zu erleben sucht, um ja nicht zu sich und seinen bösen Gedanken und Gefühlen kommen zu müssen. Aus diesen leicht zu machenden Beobachtungen erklärt sich eine sonst als paradox anmutende Stelle bei Jordan p. 6, wo er sagt, dass beim „less impassioned“ (extravertierten) Temperament der Intellekt vorherrsche und einen ungewöhnlich grossen Anteil an der Formung des Lebens habe, während beim reflektiven Temperament es gerade die Affekte seien, welche die grössere Bedeutung beanspruchen.

Diese Auffassung scheint auf den ersten Blick meiner Behauptung, der „less impassioned“ Typus entspreche meinem extravertierten Typus, direkt ins Gesicht zu schlagen. Dem ist aber bei näherm Zusehen keineswegs so, indem das reflektive Wesen es wohl _versucht_, den unbotmässigen Affekten beizukommen, um in Wirklichkeit aber in höherm Masse von der Leidenschaft beeinflusst zu sein, als der, der seine am Objekt orientierten Wünsche zur bewussten Richtschnur seines Lebens genommen hat. Dieser letztere, der Extravertierte nämlich, versucht damit überall durchzukommen, muss es aber erleben, dass es seine subjektiven Gedanken und Gefühle sind, die ihm überall störend in den Weg treten. Er ist in höherm Masse durch seine psychische Innenwelt beeinflusst, als er es ahnt. Er selber kann es nicht sehen, aber eine aufmerksame Umgebung sieht die persönliche _Absichtlichkeit_ seines Strebens. Daher es immer seine Grundregel sein muss, sich zu fragen: „Was will ich eigentlich? Was ist meine geheime Absicht?“ Der andere, der Introvertierte, mit seinen bewussten, ausgedachten Absichten übersieht immer das, was seine Umgebung nur allzu deutlich wahrnimmt, nämlich, dass seine Absichten eigentlich starken, aber absicht- und objektlosen Trieben dienen und in hohem Masse durch sie beeinflusst sind. Wer den Extravertierten beobachtet und beurteilt, ist geneigt, das zur Schau getragene Fühlen und Denken für einen dünnen Schleier zu halten, der die kalte und ausgeklügelte persönliche Absicht nur unvollständig verhüllt. Wer den Introvertierten zu verstehen sucht, wird leicht dem Gedanken verfallen, dass eine heftige Leidenschaft durch anscheinende Vernünftelei nur mühsam im Zaume gehalten werde.

Beide Urteile sind richtig und falsch. Das Urteil ist _falsch_, wenn der bewusste Standpunkt, das Bewusstsein überhaupt dem Unbewussten gegenüber stark und widerstandsfähig ist; richtig aber dann, wenn ein schwacher bewusster Standpunkt einem starken Unbewussten gegenüber steht und ihm gegebenenfalls weichen muss. In diesem letztern Falle bricht dann das hervor, was im Hintergrunde stand, bei dem einen die egoistische Absicht, beim andern aber die zügellose Leidenschaft, der elementare Affekt, der sich jeder Konsideration enthebt. Diese Überlegungen mögen zugleich erkennen lassen, wie Jordan beobachtet: er ist offenbar auf die Affektivität des Beobachteten eingestellt, daher seine Nomenklatur: „less emotional“ und „more impassioned“. Wenn er daher den Introvertierten von der Affektseite aus als den Leidenschaftlichen auffasst, den Extravertierten vom selben Standpunkt aus als den weniger Leidenschaftlichen, und sogar als den Intellektuellen, so beweist er damit eine eigentümliche Art der Erkenntnis, die man als _intuitiv_ bezeichnen muss. Ich habe daher oben bereits darauf hingewiesen, dass Jordan den rationalen mit dem ästhetischen Gesichtspunkt vermische. Wenn er den Introvertierten als den Leidenschaftlichen, den Extravertierten aber als den Intellektuellen charakterisiert, so sieht er die beiden Typen offenbar von der _unbewussten_ Seite her an, d. h. er _nimmt sie wahr über sein Unbewusstes_. Er beobachtet und erkennt _intuitiv_, was beim praktischen Menschenkenner mehr oder weniger immer der Fall sein dürfte. So richtig und so tief eine solche Auffassung gelegentlich sein mag, so unterliegt sie doch einer sehr wesentlichen Beschränkung: sie übersieht die tatsächliche Wirklichkeit des Beobachteten, indem sie immer nur aus seinem unbewussten Spiegelbild, anstatt aus seiner wirklichen Erscheinung urteilt. Dieser Urteilsfehler haftet der Intuition ganz allgemein an, weshalb die Vernunft seit jeher auf gespanntem Fusse mit ihr steht und ihr nur widerwillig ein Existenzrecht einräumt, obschon sie sich in gewissen Fällen von der objektiven Richtigkeit der Intuition überzeugen muss. So stimmen die Jordanschen Formulierungen im grossen und ganzen mit der Wirklichkeit, jedoch nicht mit der Wirklichkeit, als welche sie die rationalen Typen verstehen, sondern mit der ihnen unbewussten Wirklichkeit. Diese Verhältnisse sind natürlich wie nichts geeignet, die Beurteilung des Beobachteten zu verwirren und die Verständigung über das Beobachtete zu erschweren. Man streite sich daher in dieser Frage nie um die Nomenklatur, sondern halte sich ausschliesslich an die Tatsache der beobachtbaren, gegensätzlichen Verschiedenheit. Obschon ich mich, meiner Art entsprechend, gänzlich anders ausdrücke als Jordan, so stimmen wir doch in der Klassifikation des Beobachteten überein (mit gewissen Abweichungen).

Bevor ich dazu übergehe, die Jordansche Typisierung des Beobachtungsmateriales zu besprechen, möchte ich noch kurz auf den postulierten, dritten oder „intermediate“ Typus zurückkommen. Wie wir sahen, rubriziert Jordan darunter einesteils die ganz Balancierten, andernteils die Unbalancierten. Es wird nicht überflüssig sein, an dieser Stelle die Klassifikation der valentinianischen Schule nochmals in Erinnerung zu rufen: der _hylische_ Mensch, der dem psychischen und dem pneumatischen untergeordnet ist. Der hylische Mensch entspricht seiner Definition nach dem Empfindungstypus, d. h. demjenigen Menschen, dessen dominierende Bestimmungen durch und in den Sinnen, in der sinnlichen Wahrnehmung gegeben sind. Der Empfindungstypus hat weder ein differenziertes Denken, noch ein differenziertes Fühlen, aber seine Sinnlichkeit ist wohl entwickelt. Dies ist, wie bekannt auch beim Primitiven der Fall. Die triebmässige Sinnlichkeit des Primitiven hat aber ein Gegenstück, und das ist die Spontaneität des Psychischen. Das Geistige, die Gedanken erscheinen ihm sozusagen. Nicht er ist es, der sie macht oder erdenkt -- dazu fehlen ihm die Fähigkeiten -- sondern sie machen sich selbst und befallen ihn, ja erscheinen ihm sogar hallucinatorisch. Diese Mentalität ist als intuitiv zu bezeichnen, denn Intuition ist instinktmässige Wahrnehmung eines erscheinenden psychischen Inhaltes. Während in der Regel die psychologische Hauptfunktion des Primitiven die Sinnlichkeit ist, so ist die weniger hervortretende compensierende Funktion die Intuition. Auf höherer Stufe der Zivilisation, wo die einen das Denken und die andern das Fühlen mehr oder weniger differenziert haben, gibt es auch nicht wenige, welche die Intuition in höherm Masse entwickelt haben und als wesentlich bestimmende Funktion benützen. Daraus ergibt sich der intuitive Typus. Ich glaube daher, dass die Jordansche Mittelgruppe in den Empfindungs- und den Intuitionstypus aufzulösen ist.

2. Spezielle Darstellung und Kritik der Jordanschen Typen.

Was die allgemeine Erscheinung der beiden Typen betrifft, so hebt Jordan (p. 17) hervor, dass der weniger emotionale Typus viel mehr hervortretende oder markante Persönlichkeiten aufweise als der emotionale Typus. Diese Behauptung rührt davon her, dass Jordan den aktiven Typus Mensch mit dem weniger Emotionalen identifiziert, was meines Erachtens unzulässig ist. Abgesehen von diesem Irrtum ist es natürlich richtig, dass sich der weniger Emotionale oder Extravertierte, wie wir wohl sagen dürfen, durch sein Benehmen viel bemerkbarer macht als der Emotionale oder Introvertierte.

a) _Die introvertierte Frau._ (The more impassioned woman.) Jordan bespricht zunächst den Charakter der _introvertierten Frau_. Ich erwähne die Hauptpunkte seiner Beschreibung im Auszug (p. 17 ff.): „Ruhiges Benehmen, nicht leicht zu lesender Charakter, gelegentlich kritisch bis sarkastisch; wenn schon schlechte Launen bisweilen sehr merklich vorhanden sind, so ist sie doch weder launenhaft noch rastlos, noch tadelsüchtig, noch „censorious“ (das dem Sinne nach als „censorhaft“ wiedergegeben werden müsste), noch nörgelnd. Sie verbreitet Ruhe um sich, und sie ist unbewusst tröstend und heilend. Unter dieser Oberfläche schlummern aber Affekt und Leidenschaft. Ihre Gefühlsnatur gedeiht langsam zur Reife. Mit dem Alter gewinnt ihr Charakter an Reiz. Sie ist „sympathisch“, d. h. mitfühlend und miterlebend. Die schlechtesten weiblichen Charaktere finden sich in diesem Typus. Sie sind die grausamsten Stiefmütter. Sie sind zwar die liebevollsten Mütter und Gattinnen, aber ihre Leidenschaften und Affekte sind so stark, dass ihre Vernunft davon mitgerissen wird. Sie lieben zu viel, sie hassen aber auch zu viel. Die Eifersucht kann sie zum wilden Tier machen. Die Stiefkinder, wenn gehasst, können durch sie physisch zu Tode gemartert werden. Wo das Böse nicht Herr ist, da ist die Moralität selbst ein tiefes Gefühl, das seinen eigenen und unabhängigen Weg geht, der sich nicht immer konventionellen Ansichten anpasst. Dieser Weg wird nicht begangen aus Nachahmung oder Unterwerfung und keinesfalls um einer Belohnung willen, weder im Diesseits noch im Jenseits. In der intimen Beziehung allein entfaltet sie ihre Vorzüge und Nachteile; hier zeigt sie den Reichtum ihres Herzens, ihre Sorgen und Freuden, aber auch ihre Leidenschaften und Fehler, wie Unversöhnlichkeit, Eigensinn, Zorn, Eifersucht oder gar Zügellosigkeit. Sie ist dem Einfluss des Momentes unterworfen und wenig fähig an die Wohlfahrt der Abwesenden zu denken. Sie kann leicht andere vergessen und die Zeit dazu. Wenn sie affektiert ist, so beruht ihre Pose nicht auf Nachahmung, sondern sie zeigt eine Veränderung des Benehmens und der Sprache entsprechend veränderten Gedanken und Gefühlen. In gesellschaftlicher Hinsicht bleibt sie sich in den verschiedensten Umgebungen möglichst gleich. Im häuslichen wie im gesellschaftlichen Leben macht sie keine grossen Ansprüche und ist leicht zufrieden zu stellen. Sie gibt spontan ihre zustimmenden oder lobenden Urteile. Sie versteht es zu beruhigen oder aufzumuntern. Sie besitzt das Mitgefühl für alle Schwachen, seien es Zweifüssler oder Vierfüssler. „Sie erhebt sich zum Hohen und beugt sich zum Niedrigen, sie ist Schwester und Spielgefährte der ganzen Natur.“ Ihr Urteil ist milde und tolerant. Wenn sie liest, so sucht sie den innersten Gedanken und das tiefste Gefühl des Buches zu erfassen; sie misshandelt deshalb das Buch mit Bleistiftstrichen und Randbemerkungen und liest es noch einmal.“

Aus dieser Beschreibung ist unschwer der introvertierte Charakter zu erkennen. Die Beschreibung ist aber in einem gewissen Sinne einseitig, indem, sie hauptsächlich die Gefühlsseite in Betracht zieht, ohne gerade jenes Charakteristikum zu betonen, auf das ich einen besondern Wert lege, nämlich das _bewusste Innenleben_. Jordan erwähnt zwar, dass die introvertierte Frau „contemplative“ sei, ohne aber näher darauf einzugehen. Seine Beschreibung bestätigt aber, wie mir scheint, meine Ausführungen über die Art seines Beobachtens; er sieht hauptsächlich das durch Gefühle konstellierte äussere Benehmen und die Äusserungen der Leidenschaft, er geht aber nicht ein auf das Wesen des Bewusstseins dieses Typus. Er erwähnt daher nicht, dass das Innenleben eine ganz ausschlaggebende Rolle spielt für die bewusste Psychologie dieses Typus. Warum z. B. liest die introvertierte Frau aufmerksam? Weil sie vor allem das Verstehen und das Erfassen der Gedanken liebt. Warum ist sie ruhig und beruhigend? Weil sie in der Regel ihre Gefühle bei sich behält und sie in ihren Gedanken betätigt, statt sie den andern aufzuladen. Ihre unkonventionelle Moralität stützt sich auf tiefgehende Überlegung und innere überzeugende Gefühle. Der Reiz ihres ruhigen und verständigen Charakters beruht nicht bloss auf einer ruhigen Einstellung, sondern darauf, dass man vernünftig und zusammenhängend mit ihr reden kann, und dass sie im Stande ist, das Argument ihres Partners zu würdigen. Sie unterbricht ihn nicht mit impulsiven Äusserungen, sondern begleitet seine Meinungen mit ihren Gedanken und Gefühlen, die gleichwohl feststehen und nicht am gegnerischen Argument umfallen.

Dieser festen und wohl ausgebildeten Ordnung der bewussten seelischen Inhalte stemmt sich ein chaotisch-leidenschaftliches Affektleben entgegen, das der Introvertierten sehr oft, wenigstens in seinem persönlichen Aspekt bewusst ist, und das sie fürchtet, weil sie es kennt. Sie denkt über sich selber nach und ist darum nach aussen gleichmässig und kann anderes erkennen und anerkennen, ohne darüber mit Beifall oder Tadel herzufallen. Weil ihr Affektleben ihr diese guten Eigenschaften aber verdirbt, so lehnt sie ihre Triebe und Affekte möglichst ab, ohne aber ihrer Herr zu werden. So wie ihr Bewusstsein logisch und festgefügt ist, so ist ihr Affekt elementar, verworren und unbeherrschbar. Es fehlt ihm die eigentlich menschliche Note, es ist disproportioniert, irrational, es ist ein _Naturphänomen_, das menschliche Ordnung durchbricht. Es fehlt ihm jeglicher tastbare Hintergedanke, jede Absicht, darum ist es unter Umständen schlechthin destruktiv, ein Wildbach, der keine Zerstörung beabsichtigt und keine vermeidet, rücksichtslos und notwendig, nur seinem Gesetze gehorchend, ein Prozess, der sich selbst erfüllt. Ihre guten Eigenschaften rühren davon her, dass es dem Denken, einer toleranten oder wohlwollenden Auffassung, gelungen ist, einen Teil des Trieblebens zu beeinflussen und nachzuziehen, ohne aber das Ganze des Triebes ergreifen und umgestalten zu können. Die Affektivität der introvertierten Frau ist ihr weit weniger klar bewusst in seinem ganzen Umfang als ihre rationalen Gedanken und Gefühle. Sie ist unfähig, ihre ganze Affektivität zu umfassen, während sie verwendbare Auffassungen hat. Ihre Affektivität ist weit weniger beweglich als ihre geistigen Inhalte, sie ist gewissermassen zähflüssig, von bedeutender Inertie, daher schwer zu ändern, sie ist perseverierend, daher ihre unbewusste Stetigkeit und Gleichmässigkeit, daher aber auch ihr Eigensinn und ihre bisweilen unvernünftige Unbeeinflussbarkeit in Dingen, welche die Affektivität betreffen.

Diese Überlegungen können erklären, warum ein Urteil über die introvertierte Frau ausschliesslich von der Seite der Affektivität unvollständig und ungerecht ist im schlechten wie im guten Sinne. Wenn Jordan die schlechtesten weiblichen Charaktere unter den Introvertierten findet, so rührt dies meines Erachtens daher, dass er ein zu grosses Gewicht auf die Affektivität legt, wie wenn nur die Leidenschaft die Mutter des Bösen wäre. Man kann Kinder auch anders zu Tode quälen als bloss physisch. Und umgekehrt ist jener besondere Reichtum an Liebe bei introvertierten Frauen keineswegs immer ihr eigener Besitz, sondern sie sind öfters vielmehr davon besessen und können nicht wohl anders, bis einmal eine günstige Gelegenheit kommt, wo sie zum Erstaunen ihres Partners plötzlich eine unerwartete Kälte zeigen. Das Affektleben des Introvertierten überhaupt ist seine schwache Seite, es ist nicht unbedingt verlässlich. Er täuscht sich selber darüber, und andere täuschen und enttäuschen sich an ihm, wenn sie zu ausschliesslich auf seine Affektivität abstellen. Sein Geist ist verlässlicher, weil angepasster. Sein Affekt ist zu sehr ungebändigte Natur.